Mit jemandem kontaktieren?

Frage

Würden Sie „kontaktieren mit“ akzeptieren oder nur, wie gewohnt, mit Akkusativ, das heißt „Kontakt aufnehmen mit“? Der Duden scheint die Form mit „mit“ zu akzeptieren, was mich wundert.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

auch mich wundert es, dass im Online-Duden und im Deutschen Universalwörterbuch desselben Verlages beim Eintrag kontaktieren u. a. die Angabe „(auch:) mit jemandem kontaktieren“ zu finden ist. Ich kenne nur das transitive jemanden kontaktieren und halte mit jemandem kontaktieren für zumindest unüblich. Hier ein paar Beispiele:

Kontaktieren Sie uns bitte, wenn Sie Fragen haben.
Er kontaktierte die Redaktionen der Lokalblätter.
Wer hat dich in dieser Sache kontaktiert?
Die Behörden seien bereits kontaktiert worden.

Mir gefällt das Verb kontaktieren nicht sehr gut und ich verwende deshalb lieber zum Beispiel mit jemandem Kontakt aufnehmen:

Nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf, wenn Sie Fragen haben.
Er nahm Kontakt mit den Redaktionen der Lokalblätter auf.
Wer hat in dieser Sache Kontakt mit dir aufgenommen?
Es sei bereits Kontakt mit den Behörden aufgenommen worden.

Ich vermute, dass unter dem Einfluss von Wendungen wie mit jemandem Kontakt aufnehmen, mit jemandem in Kontakt stehen, mit jemandem Kontakt haben auch mit jemandem kontaktieren gesagt wird.

Auch in anderen Wörterbüchern steht nur jemanden kontaktieren (zum Beispiel hier). Aber wie Dr. Bopp zu sagen pflegt: Dass ein Wort nicht im Wörterbuch steht, bedeutet nicht unbedingt, dass es das Wort nicht gibt. Aus diesem Grund habe ich in verschiedenen Textkorpora gesucht und unter hunderten von Sätzen mit kontaktieren nur eine Handvoll Beispiele für mit jemandem kontaktieren gefunden (eines sogar reflexiv: „Außerdem will die […] Stiftung sich mit Veteranenverbänden in den USA, Großbritannien und Frankreich kontaktieren“).

Ich komme deshalb zum Schluss, dass mit jemandem kontaktieren statt jemanden kontaktieren nur selten vorkommt und  dann wahrscheinlich unter dem Einfluss von mit jemandem Kontakt aufnehmen verwendet wird. Es sollte im Prinzip vermieden werden. Da es aber – warum auch immer – in Duden angegeben wird, kann man es streng genommen in z. B. Schulaufsätzen nicht rot anstreichen, sondern „nur“ als unüblich markieren. Wer Genaueres zum Wörterbucheintrag kontaktieren in Duden wissen möchte, sollte die Duden-Redaktion kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das „es“ als Lückenbüßer in unvollständigen Vergleichssätzen

Frage

Meine Frage bezieht sich auf die Verwendung von „es“ in Vergleichssätzen mit „als“ oder „wie“. Ich finde Beispiele sowohl mit „es“ als auch ohne „es“. Beispiele:

Der Film ist besser, als ich erwartet habe.
Der Film ist besser, als ich es erwartet habe.

Der Film ist genauso gut, wie ich vermutet habe.
Der Film ist genauso gut, wie ich es vermutet habe.

Die Verben „erwarten“ und „vermuten“ sind hier nur als Beispiele zu verstehen, dasselbe gilt für „denken“, „annehmen“ usw. Ich verstehe das ehrlich gesagt überhaupt nicht. Welche Regel steckt hier dahinter?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

hier bin ich eigentlich ein bisschen überfragt. Was folgt, ist deshalb als vorsichtiger Versuch einer Erklärung zu verstehen.

Viele Vergleichssätzen mit als oder wie können tatsächlich ein es enthalten, das allerdings häufig nicht steht:

Der Film ist besser, als ich [es] erwartet habe.
Der Film ist genauso gut, wie ich [es]vermutet habe.
Die Sache ist komplizierter, als du [es] denkst.
Es hat sich genau so zugetragen, wie ich [es] vermutet habe.

Die Aufgabe ist schwieriger, als [es] ihm lieb ist.
Es sich anders zugetragen, als [es] (von ihr) behauptet/gesagt/geschrieben/geschildert/… wird.

Dieses es hat die Funktion eines formalen Akkusativobjekts oder Subjekts:

Wen oder was habe ich erwartet? – es
Wer oder was ist ihm lieb? – es

Ohne dieses es fehlt dem Vergleichssatz also eigentlich ein Akkusativobjekt oder ein Subjekt:

Der Film war besser, als ich erwartet hatte.
Die Aufgabe ist schwieriger, als ihm lieb ist.

Das Verb erwarten verlangt nämlich obligatorisch ein Akkusativobjekt und die Wendung jemandem lieb sein hat normalerweise ein Subjekt. Die beiden Vergleichssätze oben sind also unvollständig. Sie haben kein Akkusativobjekt bzw. kein Subjekt.

Die „Regel“, die Sie suchen, scheint zu lauten: In Vergleichssätzen, in denen das Akkusativobjekt oder das Subjekt nicht genannt wird, kann fakultativ ein formales es eingefügt werden, das diese Rolle übernimmt.

Der Film war besser, als ich es erwartet hatte.
Die Aufgabe ist schwieriger, als es ihm lieb ist.

Ein ähnlicher Fall wird hier beschrieben.

Zusammenfassend: Vergleichssätze sind insofern unvollständig, als ihnen der Satzteil fehlt, um den es beim Vergleich geht. Wenn der fehlende Satzteil das Akkusativobjekt oder das Subjekt ist, übernimmt (mehr oder weniger selten) ein formales es diese Rolle.

Es handelt sich dabei übrigens oft um Fälle, bei denen auch eine Konstruktion mit dem Perfektpartizip möglich ist:

Der Film ist besser als erwartet.
Der Film ist genauso gut wie angenommen.
Die Sache ist komplizierter als gedacht.
Es hat sich genau so zugetragen wie vermutet.
Es hat sich anders zugetragen als (von ihr) behauptet/gesagt/geschrieben/geschildert.

Alles in allem ist es komplizierter geworden, als ich (es) gehofft hatte, oder einfach komplizierter als gehofft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem?

Frage

Ich bin unsicher, welcher  Kasus in diesem Satz bei „etwas Ähnliches“ verwendet wird:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Spontan würde ich hier den Dativ „etwas Ähnlichem“ für richtig halten. Müsste aber nicht der Genitiv stehen, weil Grippe ja auch Genitiv ist?

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder etwas Ähnlichen unwohl.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

der zweite Satz ist nicht möglich. Wir stoßen hier wieder einmal an die Grenzen dessen, was im Deutschen mit dem Genitiv möglich ist. Im Genitiv kann nämlich nicht etwas Ähnlichen stehen. Als Begründung kann hier diese „Genitivregel“ genannt werden:

Eine Nominalgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn sie von einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv begleitet wird und mindestens ein Wort mit der Genitivendung er oder (e)s enthält (Ausnahmen: u. A. Eigennamen).

Die Wortgruppe etwas Ähnlichen enthält kein Wort mit einer Genitivendung er oder (e)s. Die Formulierung aufgrund etwas Ähnlichen ist deshalb nicht möglich.

Der erste Satz ist – zumindest standardsprachlich – auch nicht zu empfehlen, weil aufgrund den Genitiv oder eine von-Gruppe verlangt. Die von-Gruppe steht dann, wenn der Genitiv nicht möglich bzw. nicht ersichtlich ist.

mit Genitiv: aufgrund einer Krankheit
mit von-Gruppe: aufgrund von etwas Ähnlichem

Für Ihren Beispielsatz müssen Sie also auf eine andere Formulierung ausweichen. Am einfachsten ist es, einfach von zu ergänzen:

Das Kind fühlt sich sich aufgrund einer Erkältung oder von etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von einer Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.
Das Kind fühlt sich sich aufgrund von Erkältung oder etwas Ähnlichem unwohl.

Da dies nicht immer zu stilistischen Meisterwerken führt, kann es oft auch helfen, ganz anders zu formulieren:

Das Kind fühlt sich unwohl, weil es eine Erkältung oder etwas Ähnliches hat.

Noch ein Beispiel, wie man besser nicht formuliert:

nicht: die Verlosung eines Geschenks oder etwas Ähnlichem

Sondern:

die Verlosung eines Geschenks oder von etwas Ähnlichem
die Verlosung von einem Geschenk oder etwas Ähnlichem
verlosen wir ein Geschenk oder etwas Ähnliches
wird ein Geschenk oder etwas Ähnliches verlost

Natürlich ist oder etwas Ähnlichem nicht immer falsch. Es kann oder muss stehen, wenn die Konstruktion den Dativ verlangt:

an einer Erkältung oder etwas Ähnlichem leiden
den Nagel mit einem Hammer oder etwas Ähnlichem einschlagen
Sie standen vor einem Eisentor oder etwas Ähnlichem.

Mit freundlichen Grüßen (oder etwas Ähnlichem)

Dr. Bopp

„Ungeheuer“ in „Das steht dir Ungeheuer gut“

Frage

Das Problem:

Diese Farbe steht dir ungeheuer gut.
Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut.

Eine Gegenüberstellung dieser Art wird gerne verwendet, um die Relevanz der Großschreibung zu veranschaulichen.

Frage: Was ist „dir Ungeheuer“ grammatisch gesehen? Es ist wohl eine Pronominalphrase. Aber was ist darin „Ungeheuer“? Ist das eine Apposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

richtig ist hier üblicherweise die Kleinschreibung, weil mit ungeheuer nicht  Monstrum, sondern außerordentlich gemeint ist.

Die Farbe steht dir ungeheuer (= außerordentlich) gut.
Die Farbe steht dir Ungeheuer (= Monstrum) gut.

Das ist aber nicht Ihre Frage. Sie möchten wissen, was Ungeheuer grammatisch gesehen ist, wenn scherzhaft oder ausnahmsweise doch das Substantiv gemeint ist.

Im Satz Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut ist dir Ungeheuer das Dativobjekt. Es ist eine Pronomengruppe (Pronominalphrase), die aus dem Kern dir und der Apposition (näheren Bestimmung) Ungeheuer besteht. Es handelt sich dabei um eine enge Apposition, die ohne Pausen gesprochen und ohne Kommas geschrieben wird:

Diese Farbe steht dir Ungeheuer gut.

Vgl.

Damit hast du Schurke nichts zu tun.
Ich muss ein ernstes Wörtchen mit euch frechen Schlingeln reden.
Sie haben ein offenes Ohr für uns Bewohner.
Habt Erbarmen mit mir armem Sünder!
Was ist mit euch Deutschen los?

Im Satz, um den es geht, könnte man Ungeheuer auch als direkte Anrede verwenden. Das Dativobjekt ist dann nur dir. Die Anrede gehört nicht zur eigentlichen Satzstruktur. Sie steht im Nominativ, wird mit Pausen gesprochen und mit Kommas geschrieben:

Diese Farbe steht dir, Ungeheuer, gut.

Vgl.

Diese Farbe steht dir, du Ungeheuer, gut.
Damit hast du, [du] Schurke, nichts zu tun.
Ich muss ein ernstes Wörtchen mit euch, [ihr] freche Schlingel, reden.
Was ist mit euch, Deutsche, los?

Es handelt sich also beim großgeschriebenen Ungeheuer in Ihrer Frage um eine Apposition (nähere Bestimmung) zum Pronomen dir. Die beiden Wörter bilden zusammen eine Pronomengruppe (Pronominalphrase), die im Satz das Dativobjekt ist. Trotz der vielen Fachbegriffe ist es hoffentlich nicht ungeheuer kompliziert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Speakerinnen und Speaker oder Sprecherinnen und Sprecher

Frage

Mich würde Ihre Ansicht zur Verwendung von „Speakerinnen und Speaker“ im PR-Bereich etc. im Sinne von „Sprecherinnen und Sprecher“ sehr interessieren. Zumindest laut Duden eigentlich nur Verwendung von „Speaker“ im politischen Sinn. Ist die Verwendung des englischen Begriffes deshalb im PR-Bereich etc. bislang noch abzulehnen?

Antwort

Guten Tag Frau L.,

in Duden und in anderen Wörterbüchern erscheint Speaker als Personenbezeichnung meist nur für die entsprechenden Amtsbezeichnungen in Großbritannien und in den USA. Die Bedeutung Sprecher/Sprecherin oder Redner/Rednerin findet man dort nicht. Wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern steht, heißt das nicht zwangsläufig, dass man es nicht verwenden darf oder nicht verwenden sollte. Es heißt häufig einfach, dass ein Wort es noch nicht ins Wörterbuch geschafft hat.

Duden nennt weiter auch Speaker als Fachwort für Lautsprecher. Als solches ist es ein Fremdwort für einen Begriff, für den es auch ein deutsches Wort mit der gleichen Bedeutung gibt. Inwieweit das Lehnwort dann „sinnvoll“ ist, sei hier dahingestellt. Tatsache ist, dass Speaker häufig für Lautsprecher verwendet wird und so Eingang in den deutschen Wortschatz gefunden hat.

Wenn im Marketing, im PR-Bereich usw. Speaker/Speakerin für Sprecher/Sprecherin geläufig ist, kann man diese Verwendung für unnötig oder unschön halten, falsch ist sie aber nicht. Die Wörter werden sogar der deutschen Grammatik angepasst, wie unter anderem die folgenden Wortformen zeigen: des Speakers, die Speaker; Speakerin, Speakerinnen.

Es gibt keine Instanz, die die Verwendung von Fremdwörtern in Fachsprachen und in der Allgemeinsprache verbindlich verurteilen kann. Ich persönlich würde Speaker/Speakerin nicht verwenden, weil der englische Begriff im Vergleich zu den deutschen Entsprechungen Sprecher/Sprecherin oder Redner/Rednerin keine wesentlich andere Bedeutung oder Bedeutungskomponente hat. Gerade im PR-Bereich u. Ä. soll aber Englisch einen moderneren, internationaleren oder professionelleren Eindruck machen. Dies ist wahrscheinlich häufig der Grund für die Wahl des englischen Begriffs. Vielleicht findet man auch einfach, dass Speaker besser zu zum Beispiel Keynote passt als Sprecher, Redner oder gar Referent.

Ob man den Begriff Speaker/Speakerin ablehnt oder nicht, ist keine „offizielle Entscheidung“, sondern eine Frage des (persönlichen) Stils. Meine Empfehlung: Innerhalb der entsprechenden Fachsprachen ist der Begriff bereits gebräuchlich (aber man muss ihn natürlich nicht verwenden). In der Allgemeinsprache vermeidet man ihn besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ihrer Meinung nach sei oder ist …?

Frage

Ich würde gerne wissen, ob es bei den folgenden Sätzen einen Unterschied in der Verwendung des Konjunktivs I gibt:

Ihrer Meinung nach bestehe kein Zweifel, dass er die Tat begangen habe.

So hätte ich den Satz gesagt, doch auf einer Internetseite über Grammatik stand, dass nach „seiner Meinung nach“ der Indikativ stehe. Ich habe gelesen, dass nach bestimmten Wörtern der Indikativ statt des Konjunktivs I verwendet werden soll. […] Ist das auch der Fall bei „der Meinung sein“?

Der Arzt ist der Meinung, dass der Patient operiert werden soll/solle“

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es gibt bei der Verwendung des Konjunktivs im Bereich der indirekten Rede fast keine festen Regeln. Vieles ist möglich und vieles kommt auch standardsprachlich vor. Im Folgenden beschreibe ich „nur“, was üblich ist und was oft in Grammatiken o. Ä. zu lesen ist. Das heißt, dass man auch von diesen Angaben abweichen kann, ohne dass man immer gleich einen Riesenfehler macht.

Es ist üblich, bei Einleitungen mit laut, gemäß, zufolge, nach und so den Indikativ zu verwenden:

Laut/gemäß/nach Berichten in der Presse besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.
Berichten in der Presse zufolge besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.
Es besteht kein Zweifel, so Berichte in der Presse, dass er die Tat begangen hat.

Ebenso:

Die Journalistin meint: „Es besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.“
Ihrer Meinung nach besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.

Anders sieht es allerdings aus, wenn Meinung nach nicht wie oben eine Einleitung, sondern wie unten Teil der Rede ist:

Die Journalistin schrieb: „Meiner Meinung nach besteht kein Zweifel, dass er die Tat begangen hat.“
Die Journalistin schrieb, ihrer Meinung nach bestehe kein Zweifel, dass er die Tat begangen habe.

Bei der Meinung sein ist der Indikativ oder der Konjunktiv möglich (der Indikativ kommt häufiger vor), wenn ein dass-Satz folgt:

Der Arzt ist der Meinung, dass der Patient operiert werden muss/müsse.

Wählt man den Konjunktiv müsse, ist es wahrscheinlich, dass der Arzt seine Meinung (ungefähr) so ausgedrückt hat: „Der Patient muss operiert werden.“ Aber auch wenn er es genau so gesagt hat, kann man den Indikativ muss verwenden, wenn man die Meinung des Arztes wiedergibt.

Wie laut, gemäß, nach, zufolge, so oder auch der Meinung sein zeigen, ist es nicht so, dass immer der Konjunktiv stehen muss, wenn wir die Meinung oder Aussage einer anderen Person indirekt wiedergeben. Oft sollte oder kann auch der Indikativ stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Feuer am Brennen halten

Frage

Kann man das Feuer auch standardsprachlich „am Brennen halten“ oder ist das Umgangssprache? […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Formulierungen wie am Brennen halten gelten (noch?) als umgangssprachlich. In einem formaleren standardsprachlichen Kontext würde ich deshalb eher Formulierungen wie diese empfehlen:

das Feuer in Gang halten
das Feuer (die ganze Nacht) brennen lassen
das Feuer (mit dürrem Holz) unterhalten

Wie häufig bei stilistischen Fragen sollte man sich allerdings überlegen, ob man wirklich gleich den Rotstift zücken oder den ermahnenden Zeigefinger heben will, wenn einmal jemand etwas am Brennen halten will.

Ich halte in diesen dunklen Tagen die Weihnachtsbeleuchtung noch bis zum Dreikönigstag am Brennen 😉

Ein gutes neues Jahr!

Dr. Bopp

»Damals wie heute« und die Zeitform des Verbs

Frage

Geschwätz gab es damals wie heute.

ist der Satz, bei dem ich ein Problem habe. Nämlich, heute „gab“ es ja kein Geschwätz, es „gibt“ Geschwätz. Oder ist „damals wie heute“ eine stehende Wendung?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

es handelt sich hier um einen Vergleich, den man – wie meistens bei Vergleichen – auch als eine Zusammenziehung betrachten kann. Dabei fällt in in einem der beiden zusammengezogenen Teilsätze einiges aus:

Geschwätz gab es damals wie heute.
Geschwätz gab es damals[,] wie [es] heute [Geschwätz gibt].

Geschwätz gibt es heute wie damals.
Geschwätz gibt es heute[,] wie [es] damals [Geschwätz gab].

In Vergleichen wie diesen ist das Weglassen von einer der beiden Verbformen auch dann möglich, wenn die Verbformen sich im Tempus voneinander unterscheiden (gab und gibt).

Ebenso oder ähnlich auch zum Beispiel:

Das gilt heute ebenso wie vor hundert Jahren.
Das galt vor hundert Jahren ebenso wie heute.

Gas kostet aktuell weniger als zu Kriegsbeginn.
Gas kostete zu Kriegsbeginn mehr als jetzt.

Der persönliche Kontakt war damals noch wichtiger als heute.
Der persönliche Kontakt ist heute weniger wichtig als damals.

Ehrenamtliche Arbeit sei heutzutage noch wichtiger als in der Vergangenheit.

Es ist also möglich, Gegenwärtiges und Vergangenes zu vergleichen, ohne ggf. die Verbformen wiederholen zu müssen.

Ich wünsche auch dieses Jahr wie in vergangenen Jahren allen schöne Weihnachtstage!

Dr. Bopp

Der Infinitivsatz steht ohne aufforderndes „sollen“

Frage

Warum fällt im folgenden Satz das Modalverb weg, wenn man aus ihnen einen Infinitivsatz mit “zu” macht:

Das Kind bittet sein Eltern, sie sollen ihm eine neues Fahrrad kaufen.

Das wird als Infinitivsatz mit “zu”:

Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Das Modalverb “sollen” fällt im Infinitivsatz mit “zu” weg.

Im zweiten Satz fällt das Modalverb nicht weg:

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Wie heißt die Grammatikregel, dass das Modalverb im Infinitivsatz wegfällt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

eine Regel, die diesen Fall beschreibt, gibt es nicht. Ich kann aber trotzdem versuchen, aufzuzeigen, worum es hier geht.

Das Modalverb sollen hat in Ihrem Beispielsatz eine spezielle Funktion. Der Satz enthält einen uneingeleiteten Nebensatz mit einer indirekten Aufforderung. In dieser indirekten Aufforderung hat sollen die Aufgabe, den Aspekt der Aufforderung auszudrücken (mehr dazu hier).

Vergleichen Sie die folgenden Sätze mit jeweils einer direkten und einer indirekten Aufforderung oder Bitte. Das Modalverb sollen steht nur in der indirekten Aufforderung/Bitte:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, sie sollen ihm ein neues Fahrrad kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, sie sollen hinter der Absperrung bleiben..

Wenn die (indirekte) Aufforderung in einem Infinitivsatz ausgedrückt wird, geschieht dies wie in der direkten Aufforderung ohne das Modalverb sollen:

Das Kind bittet seine Eltern: „Kauft mir ein neues Fahrrad!“
Das Kind bittet seine Eltern, ihm ein neues Fahrrad zu kaufen.

Die Polizei fordert die Leute auf: „Bleiben Sie hinter der Absperrung!“
Die Polizei fordert die Leute auf, hinter der Absperrung zu bleiben.

Modalverben haben sonst nicht diese Funktion. Dann stehen sie auch in Infinitivsätzen (soweit es möglich ist, einen Infinitivsatz zu bilden):

Das Mädchen wünscht sich, dass es am Samstag auf die Party gehen darf.
Das Mädchen wünscht sich, am Samstag auf die Party gehen zu dürfen.

Sie befürchtet, sie müsse zu Hause bleiben.
Sie befürchtet, zu Hause bleiben zu müssen.

Die Eltern meinen, dass sie es ihr nicht erlauben können.
Die Eltern meinen, es ihr nicht erlauben zu können.

Sie behauptet, sie dürfe nie irgendwohin.
Sie behauptet, nie irgendwohin zu dürfen.

Es nützt ihr aber nichts, dass sie es so sehr will.
Es nützt ihr aber nichts, es so sehr zu wollen.

Modalverben werden im Allgemeinen also auch in Infinitivsätzen verwendet. Für das Beispiel in Ihrer Frage gilt dann: Anstatt zu sagen, dass sollen im Infinitivsatz wegfällt, kann man besser sagen, dass bei indirekten Aufforderungen sollen in den Nebensatz eingefügt wird, um dort den Aspekt der Aufforderung auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „eines deren Produkte“ falsch klingt

Frage

Es geht um diesen Satz:

Ich wollte eine Nachricht an die Hersteller schreiben mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte.

Das „bezüglich eines deren Produkte“ klingt für mich irgendwie falsch, aber ich weiß auch nicht, wie es anders heißen könnte. Es geht mir speziell um das „deren“. […]

Antwort

Guten Tag Herr V.,

die Formulierung bezüglich eines deren Produkte ist tatsächlich problematisch. Die „Schuldige“ ist die Genitivregel. Das ist keine Grammatikregel, die uns von Grammatikbüchern vorgeschrieben und an Schulen beigebracht wird, sondern eine Erklärung dafür, warum gewisse Formulierungen nicht möglich oder nicht üblich sind.

Diese Genitivregel sagt unter anderem, dass eine Wortgruppe nur dann im Genitiv stehen kann, wenn sie mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Das ist bei der Wortgruppe deren Produkte nicht der Fall.

Wie steht es dann mit eines und seiner Genitivendung es? – Das Pronomen eines gehört nicht direkt zur Wortgruppe deren Produkte. Es ist hier nämlich kein Artikelwort, sondern ein Pronomen, das durch ein Attribut näher bestimmt wird. Dieses Attribut kann nicht „deren Produkte“ sein, weil es eine Genitivattribut sein müsste, also eine Wortgruppe im Genitiv. Das ist aber wegen der oben genannten Genitivregel nicht möglich.

Dies ist eine recht komplizierte (aber noch nicht wirklich vollständige) Darstellung, die zeigt, weshalb die Formulierung bezüglich eines deren Produkte Ihnen zu Recht falsch vorkommt. Wortgruppen mit vorangestelltem deren und dessen, die kein anderes Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthalten, können/sollten nicht im Genitiv stehen:

nicht: nach dem Tod deren Nachfolgerin
nicht: mit Hilfe dessen Brüder

Nicht möglich/üblich ist entsprechend:

nicht: mit einem Hinweis bezüglich eines deren Produkte
nicht: mit einem Hinweis zu einem deren Produkte

Möglich wird die Formulierung zum Beispiel dann, wenn man deren durch ein Possessiv mit der Genitivendung er ersetzt:

mit einem Hinweis bezüglich eines ihrer Produkte
mit einem Hinweis zu einem ihrer Produkte

Oder man weicht auf eine Formulierung mit „von“ aus:

mit einem Hinweis bezüglich eines von deren Produkten
mit einem Hinweis zu einem von deren Produkten

Ich hoffe dass der Fragesteller findet, dass eine seiner Fragen oder eine von seinen Fragen (aber nicht *eine dessen Fragen) so zufriedenstellend beantwortet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp