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Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

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Verbinden und trennen zugleich: wenn der Bindestrich auch Trennstrich ist

Selbst in der Rechtschreibwelt ist es keine weltbewegende Frage, weil man es erstaunlicherweise meist kaum oder gar nicht bemerkt. Frau A. hat sich die Frage dennoch gestellt:

Frage

Ich habe Frage zur Trennung einer Zusammensetzung mit Bindestrich, in der der zweite Teil kleingeschrieben wird wie zum Beispiel in „deutsch-polnische Grenze“. Wenn „deutsch“ am Zeilenende steht und als letztes Zeichen in der Zeile der Bindestrich erscheint, riskiert man dann nicht, dass er wie ein Trennstrich betrachtet wird und das Ganze als „deutschpolnische“ ohne Bindestrich verstanden werden kann?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

das Risiko besteht tatsächlich, aber das ist nicht weiter schlimm. Wenn ein Wort wie „deutsch-polnische“ am Zeilenende getrennt wird, gibt es keine Möglichkeit, anzugeben, dass es nicht als „deutschpolnische“ gelesen werden sollte. Man trennt

süßsauer
mathematisch-technisch

am Zeilenende in gleicher Weise, nämlich:

… gebackenes Scheinefleisch mit einer süß-
sauren Sauce …
… Schüler und Schülerinnen des mathematisch-
technischen Gymnasiums …

Bei „süßsauer“ wird ein Trennstrich eingefügt, bei „mathematisch-technisch“ erfüllt der Bindestrich am Zeilenende auch die Funktion des Trennstriches. Dieser Unterschied ist den Strichen nicht anzusehen.

In der Regel führt dies nicht zu Unklarheiten. In Ihrem Beispiel gibt es keine Möglichkeit „deutschpolnische“ zu schreiben, so dass „deutsch-polnische“ gemeint sein muss. Auch in einem Fall wie „deutsch-schweizerisch“ („zwischen Deutschland und der Schweiz“; z. B. „die deutsch-schweizerische Grenze“) und „deutschschweizerisch“ („die deutschsprachige Schweiz betreffend“; z. B. „die deutschschweizerischen Schulen“) verdeutlicht normalerweise der Kontext, was genau gemeint ist.

So gegensätzlich „(ver)binden“ und „trennen“ auch sind, am Zeilenende wird der Bindestrich zugleich ein Trennstrich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Unterschied zwischen Staub saugen und Staub wischen – grammatisch gesehen

Frage

Es geht um den Begriff „staubsaugen“ bzw. „Staub saugen“. Wenn es um die Entfernung von Staub durch Muskelkraft und Putztuch geht, ist, wenn ich nicht irre, nur die getrennt geschriebene Variante zulässig: „Staub wischen“. Gibt es für diesen Unterschied eine Erklärung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es gibt tatsächlich einen orthografischen Unterschied zwischen „Staub saugen/staubsaugen“ und „Staub wischen“. Dem orthografischen Unterschied liegt allerdings auch ein grammatischer zu Grunde.

Bei den folgenden Beispielen schreibt man beide Wendungen gleich, das heißt getrennt:

Ich muss noch Staub saugen / Staub wischen
Ich habe im ganzen Haus Staub gesaugt / Staub gewischt
Vergiss nicht, in deinem Zimmer Staub zu saugen / Staub zu wischen

Man kann hier (fast) noch von einer transitiven Verwendung der Verben „saugen“ und „wischen“ sprechen, wobei „Staub“ jeweils das vom Verb abhängige Akkusativobjekt ist. Ich schreibe „(fast) noch“, weil „Staub“ hier noch als selbstständiges Substantiv erfahren wird, aber schon einen Teil seiner Selbstständigkeit eingebüßt hat. So klingt hier die bei Akkusativobjekten übliche Frage „wen oder was?“ recht sonderbar:

Wen oder was wischst du – Staub (?)
Wen oder was saugst du – Staub (?)

Wie bei zum Beispiel „Auto fahren“, „Angst machen“ oder „Karten spielen“ kann man diese Verbindungen besser nicht als Verbindungen von Verb und Akkusativobjekt interpretieren, sondern eher als komplexe Prädikate. Verb und Substantiv bilden zusammen das Prädikat des Satzes. Die Frage ist dann weniger „Wen oder was saugst/wischst du?“ als „Was tust du?“ (eine weitergehende grammatische Analyse dieser Spezialfälle muss ich an dieser Stelle schuldig bleiben).

Hiermit ist nur erläutert, dass „Staub wischen“ und „Staub saugen“ mit „Auto fahren“ und „Karten spielen“ vergleichbar sind. Bei „Staub saugen“ gibt es aber noch mehr zu sagen. Diese Wendung kann nämlich als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen. Dann wird die ganze Wendung zu einer untrennbaren Verbverbindung, die zusammengeschrieben wird:

die Teppiche staubsaugen
Ich habe das ganze Haus gestaubsaugt
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen.

Die zusammengeschriebene Form kann auch verwendet werden, wenn das Akkusativobjekt nicht genannt wird (man achte auf die Form des Partizips resp. des Infinitivs mit „zu“):

Ich muss noch staubsaugen / Staub saugen
Ich habe im ganzen Haus gestaubsaugt / Staub gesaugt
Vergiss nicht zu staubsaugen / Staub zu saugen

Im Gegensatz dazu kann „Staub wischen“ nicht als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen (nicht: „*das ganze Haus staubwischen“). Deshalb ist die Zusammenschreibung nicht vorgesehen.

Der Unterschied zwischen den beiden Verbausdrücken liegt also nicht darin, dass die eine Tätigkeit mit einem elektrischen Haushaltsgerät und die andere mit Muskelkraft und Putztuch ausgeführt wird. Der Unterschied ist grammatischer Natur und liegt in den verschiedenen Möglichkeiten, sie im Satz mit anderen Satzgliedern (einem Akkusativobjekt) zu verbinden. Doch ganz gleich, ob gestaubsaugt, Staub gesaugt oder Staub gewischt werden muss, zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört keine dieser Tätigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist alles total Banane oder total banane?

Frage

Kürzlich hat mich jemand darauf hingewiesen, dass […] „total Banane sein“ falsch geschrieben sei: „Banane“ werde  hier adjektivisch genutzt und sei daher kleinzuschreiben. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er begründete dies mit „wurst / wurscht sein“, was ebenfalls kleinzuschreiben wäre. Auf duden.de sehe ich das bestätigt. Die adjektivisch genutzte „Banane“ fehlt hier allerdings.
[…]
Lange Einleitung, kurze Frage: Schreibt man „Banane/banane sein“ und „Wurst/wurst sein“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

das Wort „Wurst“ wird im Sinne von „egal“ kleingeschrieben. Die Kleinschreibung „wurst/wurscht sein“ ergibt sich aus der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste. Dort steht:

wurst, wurscht [sein § 56(1)]

Obwohl hier einige Nachschlagwerke auch heute noch die Schreibung mit großen W angeben, wird also nach der amtlichen Wörterliste kleingeschrieben:

Es war ihm wurst, was wir davon hielten.
Das war und ist mir wurscht!

Nun zu „Banane/banane sein“ („dumm, verrückt, unsinnig, schlecht sein“ vgl. hier). In diesem Fall kann man darüber diskutieren, ob „Banane“ in der besagte Redewendung bereits „keine substantivischen Merkmale“ mehr aufweist, das heißt, ob „Banane“ in § 56.1 mitgemeint ist oder nicht. Ich würde die Kleinschreibung empfehlen, auch wenn sie sehr gewöhungsbedürftig aussieht:

total banane sein
Das ist total banane.
Das sieht banane aus.

Das gilt auch für zum Beispiel „klasse“, „scheiße“, „spitze“ und eben „wurst/wurscht“.

Ich würde die Großschreibung bei „Banane sein“ aber nicht rot anstreichen, weil das Wort mit dieser Verwendung noch nicht so bekannt und gebräuchlich ist wie zum Beispiel „klasse“, „spitze“ oder „wurst“ (keine substantivischen Merkmale mehr?). In der Praxis wird auch meistens großgeschrieben: „total Banane sein“. Außerdem ist es eine sehr umgangssprachliche Wendung, dann sind solche Rechtschreibfinessen ohnehin ziemlich nebensächlich. In zum Beispiel einem Schüleraufsatzes wäre aber der ganze Ausdruck anzustreichen, da er – wie gesagt – sehr umgangssprachlich ist. Dort sieht er eher banane aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Rindfleisch, die Rindsleber und das Fugen-s

Frage

Meine Frau und ich würden gerne wissen: Warum „Rindfleisch“ ohne Fugen-s, aber „Rindsleber“ mit? Vielen Dank!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

bei den Fugenelementen gibt es einige wenige feste Regeln (zum Beispiel: immer „s“ nach u. a. „-heit“, „-keit“, „-ung“, „-tion“ und substantivieren Infinitiven; vgl. hier und hier). Neben den allgemeinen Regeln und Tendenzen gilt, grob gesagt, dass richtig ist, was üblich ist. Das klingt und ist nicht sehr klar.

Damit man bei Unsicherheit nicht ganz verloren ist, gibt es diese Faustregel: Beim Fugenelement in einer neuen oder unbekannten Zusammensetzung geht man gleich vor wie bei bekannten Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle:

Blumengruß (nicht *Blumegruß, *Blumgruß)
wie Blumenladen, Blumenstängel, Blumenwiese usw.

Gartenpflege (nicht *Gartenspflege)
wie Gartenanlage, Gartenbau, Gartencenter usw.

Baumzählung (nicht *Baumeszählung, *Bäumezählung)
wie Baumkrone, Baumstamm, Baumstruktur

Es handelt sich hier aber nur um eine Faustregel, die oft, aber bei weitem nicht immer ein zuverlässiges Resultat ergibt. Das zeigt auch Ihre Frage nach „Rindfleisch“ und „Rindsleber“ sehr gut. Hier kommen „erschwerend“ sogar noch regionale Unterschiede hinzu:

In Verbindung mit „Fleisch“ heißt es:

Rindfleisch, Kalbfleisch, Lammfleisch
aber: Schweinefleisch, Hühnerfleisch

Wenn die verschiedenen Fleischstücke benannt werden, verwendet man im Allgemeinen bei all diesen Fleischsorten ein Fugenelement, allerdings nicht überall das gleiche:

Rindsleber, Schweinsbraten (eher im Süden)
Rinderleber, Schweinebraten (eher im Norden)
Kalbssteak, Lammskeule (überall)

Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, muss ich Ihnen schuldig bleiben. Viel weiter als das bereits erwähnte „Richtig ist, was üblich ist“ komme ich leider auch nicht. Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie damit meistens keine Probleme, denn Sie wissen, was üblich ist, ohne darüber nachdenken zu müssen. Für Deutschlernende hingegen sind die Fugenelemente neben den Fällen, den trennbaren Verben und der Wortstellung in Haupt- und Nebensatz eine weitere schier unerschöpfliche Quelle von Zweifel und Frustration. Das ist etwas dramatisiert, aber einfach ist es wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Dreiviertelkilogramm vs. eindreiviertel Kilogramm

Die Schreibung von Bruchzahlen hat ihre Tücken, jedenfalls wenn sie in Worten geschrieben werden sollen. Dass man Bruchzahlen nur selten in Worten schreibt, hilft nicht dabei, sich die Regeln wirklich eigen zu machen. Auch ich muss mich konzentrieren und sollte manchmal einfach ins Wörterbuch schauen, denn auch ich bin hier nicht ganz sattelfest (was Frau M. leider bestätigen kann).

Frage

Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn es um Maßangaben geht.

1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.
1/4 kg ist ein viertel Kilogramm.

aber

3/4 kg ist ein dreiviertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei viertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei Viertel Kilogramm.

Wie es richtig?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

Ihre Verwirrung ist verständlich, denn die Schreibung von Bruchzahlen ist nicht ganz einfach. Die Schreibweise „dreiviertel Kilogramm“ ist nach der geltenden Rechtschreibregelung nicht korrekt. Das zusammengeschriebene „dreiviertel“ gibt es seit der Rechtschreibreform nämlich nicht mehr. Richtig sind diese Schreibungen (vgl. hier und hier):

1 kg ist ein Kilogramm.
1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.

Komplizierter wird es, wenn man mit Vierteln rechnet:

1/4 kg ist ein viertel Kilogramm
3/4 kg sind drei viertel Kilogramm.

Wenn die Hauptbetonung auf „viertel“ liegt, haben wir es mit Viertelkilogrammen zu tun:

1/4 kg ist ein Viertelkilogramm
3/4 kg sind drei Viertelkilogramm.

Man kann sich sogar in Dreiviertelkilogrammen rechnen:

3/4 kg ist ein Dreiviertelkilogramm

In den Wörterbüchern finden Sie meistens diese Beispiele:

in drei viertel Stunden
in drei Viertelstunden
in einer Dreiviertelstunde

Und wenn es um 1,75 Kilogramm geht, schreibt man:

1,75 kg sind eindreiviertel Kilogramm
(vgl. 1,5 Stunden sind eineinhalb/anderthalb Stunden)

Schreibungen wie „eindreiviertel Kilogramm“ sind unter anderem wegen der großen Verwechslungsgefahr mit „ein Dreiviertelkilogramm“ nicht zu empfehlen:

Wir brauchen ein Dreiviertelkilogramm Mehl (= 0,75 kg)
Wir brauchen eindreiviertel Kilogramm Mehl (= 1,75 kg)

Da der Unterschied ein ganzes Kilo beträgt, ist es meist besser, echte oder Dezimalbrüche zu schreiben oder auf eine andere Formulierung auszuweichen:

3/4 Kilogramm – 0,75 Kilogramm – 750 Gramm – eineinhalb Pfund
1 3/4 Kilogramm – 1,75 Kilogramm – 1 750 Gramm – dreieinhalb Pfund

Und nun weiß ich vor lauter „ein viertel“, „ein Viertel“, „drei viertel“, „drei Viertel“, „Dreiviertel-“ und „eindreiviertel“ bald wieder nicht mehr, was richtig ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Trotz [dem/des] Hinzufügen[s] der Fahrzeit?

Frage

Ich stehe leider schon wieder vor einem Problem. Meist ist es ja so, dass man sich bei zwei Schreibweisen unsicher ist, doch bei mir sind es ausnahmsweise mal vier Stück.

Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz dem Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz des Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden

Es geht mir um die richtige Formulierung nach „trotz“. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, dass es hier mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das hat einerseits mit dem Fall zu tun, den trotz verlangt, andererseits mit der Verwendung bzw. dem Weglassen des Artikels.

Nach trotz steht heute häufig der Genitiv. Seltener und vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird auch der Dativ verwendet, der ursprünglich auf trotz folgte (vgl. trotzdem; jemandem/einem Umstand zum Trotz), der aber im Laufe der Zeit immer mehr durch den Genitiv verdrängt worden ist. Möglich sind also mit Artikel diese beiden Formulierungen:

trotz des Hinzufügens der Fahrzeit …
trotz dem Hinzufügen der Fahrzeit …

Wenn man eher stichwortartig formuliert, kann der Artikel auch weggelassen werden:

trotz Hinzufügen der Fahrzeit …

Dies ist die übliche Formulierung. Die Frage, ob Hinzufügen hier ein Dativ, ein Nominativ oder eine endungslose Form ist, überlasse ich den Theorieinteressierten.

Wenn ein Substantiv allein steht, ist die Form mit Genitiv-s nicht üblich, aber nicht grundsätzlich falsch. (Verwendet wird sie vor allem von großen Genitiv-Fans und von Verunsicherten, die vermeiden möchten, sich Genitivfehler vorwerfen lassen zu müssen.)

trotz Hinzufügens der Fahrzeit …

Mehr zum Fall nach „trotz“ finden Sie hier.

Die vier Varianten, die Sie vorschlagen, sind also alle möglich – dabei kann man trotz guter Kenntnisse oder trotz guten Kenntnissen schon einmal ein bisschen ins Zweifeln geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was für eine Form ist „Stillgestanden!“?

Frage

Es gibt ja – vor allem beim Militär – einen Imperativ in anderer Form als der in der Schule gelernten. „Still gestanden!“ wäre ein Beispiel. Wie heißt dieses Konstrukt? Ich tue mich außerdem schwer damit, es in Verbindung mit „sein“ zu bilden. Heißt es tatsächlich: „Ruhig gewesen!“? Das klingt fremdartig. Wie wird also der „militärische Imperativ“ von „ruhig sein“ gebildet?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

den Befehl „Stillgestanden!“ kann man zu „Jetzt wird stillgestanden!“ erweitern. Ein anderes häufiger vorkommendes Beispiel ist „Hiergeblieben!“ („Es wird hiergeblieben!“). Es handelt sich dabei um eine unpersönliche Passivkonstruktion, die die Funktion hat, einen Befehl auszudrücken. Das ist nur bei einigen Verben üblich. Weitere Beispiele:

Nun wird geschlafen!
Jetzt wird weitergearbeitet!
Das Zimmer wird sofort aufgeräumt!
Ab sofort wird geschwiegen!

Sieh auch hier.

Diese Konstruktion kommt sehr häufig in Verbindung mit jetzt, nun, sofort, augenblicklich u. Ä. vor und ist nicht mit allen Verben (gleich) üblich. Mit dem Verb sein kommt sie gar nicht vor. Die Formulierung, nach der Sie fragen, müsste „Jetzt wird ruhig gewesen!“ oder verkürzt „Ruhig gewesen!“ lauten, aber sie ist nicht üblich.

Die Antwort auf die Frage, mit welchen Verben oder mit Verben welcher Art das Passiv als Befehl üblich ist, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Sie könnten jetzt fordern: „Das wird sofort ausfindig gemacht!“, doch das ist mir in diesem Rahmen leider nicht möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Straßennamen, wenn die amtliche Schreibung nicht mit der amtlichen Schreibung übereinstimmt

Eine Frage, die nicht sehr häufig, aber immer wieder auftaucht, betrifft Straßennamen, deren behördlich festgelegte Schreibung nicht den Regeln der amtlichen Rechtschreibregelung entspricht. Die amtliche Schreibung stimmt sozusagen nicht mit der amtlichen Schreibung überein.

Frage

Ich bin als Stammdatenpflegerin tätig und täglich verunsichert durch die offiziellen Schreibweisen der Straßen […], wie Städte und Gemeinden offiziell ihre Straßen im Internet schreiben, ohne Rücksicht auf die geltende Rechtschreibung […]:

  • Le Pavillon-Straße in Berlin
  • La Famille-Straße in Berlin
  • Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße in Schliengen
  • immer noch Schloßstraße anstatt offiziell Schlossstraße

Auch sehe ich „Zum kleinen Feld“, obwohl im Duden steht, dass die Adjektive groß geschrieben werden? Welche Schreibweisen empfehlen Sie mir?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

nach der Rechtschreibregelung schreibt man tatsächlich :

Le-Pavillon-Straße
La-Famille-Straße
Dr.-Elisabeth-Vomstein-Straße
Schlossstraße
Zum Kleinen Feld

Man setzt einen Bindestrich zwischen allen Bestandteilen mehrteiliger Zusammensetzungen, deren erste Bestandteile aus Eigennamen bestehen (§ 50). Nach kurzem Vokal schreibt man immer ss und nicht mehr ß (§ 2). In mehrteiligen Namen schreibt man man das erste Wort und alle weiteren Wörter außer Artikeln, Präpositionen und Konjunktionen groß (§ 60).

So viel sei zur Schreibung nach den Rechtschreibregeln gesagt. Wie Sie richtig feststellen, weichen Ortschaften und Städte im konkreten Fall nämlich häufiger von diesen Regeln ab:

Le Pavillon-Straße
La Famille-Straße
Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße
Schloßstraße
Zum kleinen Feld

Wer hat dann „recht“? – Wenn behördlich festgelegte Schreibungen nicht mit Schreibungen übereinstimmen, die von der Rechtschreibregelung vorgesehen sind, dann gehen die behördlichen Schreibungen vor. Ich empfehle Ihnen deshalb, die von den lokalen Behörden verwendeten Schreibungen zu übernehmen, auch wenn sie nicht den amtlichen Rechtschreibregeln entsprechen. So schreibt man zum Beispiel auch:

Baslerstrasse – in Bern und Zürich
Basler Straße – in Freiburg i. Br. und München
Baseler Straße – in Frankfurt und Berlin

Man könnte hier über so viel Uneinheitlichkeit klagen, ich ziehe es aber vor, mich an der lokalen Vielfalt zu erfreuen – so weit man sich an der Schreibung von Straßennamen erfreuen kann. (Siehe auch hier zur Schreibung von Ortsnamen.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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