Verkaufspreis [Komma?] netto

Frage

Ein Kunde hat mich letzte Woche gefragt, ob er vor „brutto“ und „netto“ jeweils ein Komma setzen solle oder nicht:

Verkaufspreis brutto
Verkaufspreis netto

Geläufig ist es wohl ohne, was meine Recherchen gezeigt haben, aber streng genommen müsste es ja, da nachgestellt, eigentlich mit Komma abgetrennt werden. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

wieder einmal ist es schwierig bis unmöglich, eine eindeutige Antwort zu geben. In Listen u. Ä. kann „Verkaufspreis netto/brutto“ ohne Komma stehen. Das kommt in Listen, Tabellen, Katalogen usw. häufig vor, auch dann, wenn streng genommen ein Komma stehen müsste:

Jeansjacke blau
Herrenhemd schmale Passform
Schrauben verzinkt 4,8×35 mm
Verkaufspreis netto

Ich halte die kommalose Schreibung in solchen Kontexten für vertretbar. Die Schreibweise mit Komma nach dem Substantiv ist hier natürlich auch möglich (und zu empfehlen), denn sie entspricht den Regeln der Rechtschreibregelung (§ 77.7):

Jeansjacke, blau
Herrenhemd, schmale Passform
Schrauben, verzinkt, 4,8×35 mm
Verkaufspreis, netto

Anders sieht es für solche Verbindungen im durchlaufenden Text aus, wo die Regeln der Zeichensetzung im Allgemeinen etwas weniger flexibel interpretierbar sind. Die Wörter „brutto“ und „netto“ sind Adverbien und sollten im Text auch so verwendet werden:

Der Nettoverkaufspreis beträgt € 78,90 (o. evtl. Netto-Verkaufspreis)
Der Verkaufspreis beträgt netto € 78,90
Der Verkaufspreis (netto) beträgt € 78,90
Der Verkaufspreis, netto, beträgt € 78,90

Den letzten Satz halte ich für weniger gelungen, außer wenn man „netto“ als Verkürzung von zum Beispiel „netto gerechnet“ ansieht.

Man könnte sogar argumentieren, dass „Verkaufspreis netto“ und „Verkaufspreis brutto“ zumindest fachsprachlich feste Verbindungen geworden sind, die ähnlich wie „Forelle blau“ und „Whisky pur“ ohne Komma geschrieben werden (vgl. amtl. Regelung § 77 E3). Selbst für ein so kleines und übersichtliches Phänomen gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Abkürzungen als Namen – und dann im Genitiv: ABCs, ABC’s oder ABC’ Produkte?

Frage

Ich habe hier den Firmennamen ABC, der also auf C endet. Gilt das C als Zischlaut und heißt es dann im Genitiv „von ABC‘ Produkten“ (also von den Produkten der Firma ABC) oder „von ABCs Produkten“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

richtig ist hier die Schreibung mit einem Genitiv-s:

von ABCs Produkten

Entscheidend ist hier die Aussprache. Der Name ABC wird als „abeezee“ gesprochen, der Genitiv als „abezes“. Entsprechend erhält der Genitiv auch in der geschriebenen Form ein -s. Das gilt auch für Abkürzungsnamen mit einem Z [zet] am Schluss:

ein Pass von FCZs Mittelstürmer Alhassane Keita

Bei anderen Buchstaben gibt es kaum Probleme:

BASFs neuer Betriebsstandort
BMWs teuerstes Modell
IBMs Geschäftsleitung
RWEs Kraftwerke
H&Ms Bademode

Nur wenn Namen Abkürzungen sind, die mit einem als Buchstaben gesprochenen S [es] oder X [iks] enden, verzichtet man am besten auf eine Formulierung, die ein Genitiv-s oder einen Apostroph verlangt:

die Versanddienste von GLS (statt GLS’ Versanddienste)
der Geschäftserfolg von THX (statt THX’ Geschäftserfolg)

Bei Namen dieser Art, die mit Artikel verwendet werden, stellt sich wie bei Abkürzungen, die keine Namen sind, die Frage nach dem Apostroph nicht. Sie stehen je nach Aussprache mit einem Genitiv-s oder ohne Endung:

die Programme des ZDFs o. des ZDF
das Erlernen des Abcs o. des Abc
der Mittelstürmer des FCZs o. des FCZ
die Vorteile des ABS

Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Kombination von Apostroph und s nicht vorkommt. Man schreibt tatsächlich nicht ABC’s, BMW’s, RWE’s oder GLS’s – jedenfalls nicht, wenn man sich an die Rechtschreibregelung halten möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der düpierte Wiedehopf: was „düpieren“ alles bedeuten kann

Heute fiel mein Auge auf die Überschrift „Lakers düpieren die Warriors“. Das Verb „düpieren“ ließ mich stutzen, denn das für mich eher etwas antiquierte Wort war mir in diesem Zusammenhang nicht geläufig. Mit „in diesem Zusammenhang“ ist gemeint, dass es sich um einen Artikel über ein Basketballspiel handelt, das die Los Angeles Lakers offensichtlich in überzeugender Weise von den Golden State Warriors gewonnen haben. Das erklärt eigentlich schon, warum mir das Wort so nicht bekannt war: Mein Interesse für Sport ist, gelinde gesagt, sehr unterentwickelt, so dass ich Sportbeilagen, Sportseiten und Sportgramme so schnell überblättere, wegklicke oder wegzappe, dass mir typische Begriffe der Sportsprache gar nicht geläufig sein können.

Was ließ mich genau stutzen? Für mich hatte „düpieren“ nur die Bedeutung „täuschen, hereinlegen, überlisten“, die auch zum Beispiel in Duden und DWDS zu finden ist.

Cyberkriminelle düpieren ihre Opfer mit Tierbabys.

Eine weitere Bedeutung von „düpieren“, die in einige Wörterbücher Eingang gefunden hat, ist „vor den Kopf stoßen, brüskieren“.

Der Präsident hat die Frau seines Amtskollegen mit sexistischen Bemerkungen düpiert.

Manchmal ist dabei gar nicht mehr deutlich, welche der beiden Bedeutungen gemeint ist:

Handel düpiert die Milchbauern

Hier ist ohne weitere Informationen nicht zu entscheiden, ob der Handel die Milchbauern übers Ohr haut oder vor den Kopf stößt (oder beides).

Bei der Verwendung von „düpieren“ im Sport muss ich raten, was genau gemeint ist. In vielen Fällen gewinnt anscheinend ein Team oder eine Person überzeugend und/oder unerwartet gegen andere, so dass die Verlierer eher schlecht aussehen.

Würzburger Kickers düpieren Hamburger SV

Ich vermute allerdings, dass „düpieren“ in Sportberichten manchmal auch einfach als Alternative zu „schlagen“ oder „besiegen“ verwendet wird, um ein bisschen Abwechslung in den Text zu bringen. Da ich aber, wie gesagt, ein Sportberichte meidender Sportmuffel bin, ist dies nicht mehr als eine unfundierte Annahme.

Das Wort „düpieren“ kommt übrigens vom französischen Verb „duper“ („betrügen, überlisten“), das von „dup(p)e“ abgeleitet ist, einem Wort aus der französischen Gauner- und Bettlersprache (Bedeutung: „wer [im Spiel] getäuscht oder betrogen wird, Narr“). Dieses „duppe“ geht über ein, zwei Ecken auf das lateinische Wort „upupa“ für Wiedehopf zurück – angeblich weil dieser Vogel so dumm aussieht.

Das Verb „düpieren“ wird heute also mit drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Gemeinsam ist diesen Bedeutung vielleicht, dass Düpierte dumm aussehen, ob sie nun betrogen, brüskiert oder besiegt worden sind.

Mir als Deutscher, als Deutschem, als Deutsche?

Frage

Es geht um den Satz „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“. Dem Kunden gefällt das „GrüneR nicht“. Ist es zwingend oder dürfte hier auf den Nominativ ausgewichen werden?

Sicherlich haben Sie gemerkt, dass im Beispielsatz eine Frau spricht. In der jetzigen Fassung steht das Wort im Dativ, wie es m. E. sicher auch korrekt ist. Die Frage ist nur, ob solche Nomen […] auch im Nominativ stehen können. Mein Kollege brachte noch dieses Beispiel: „Ihm als Deutscher ist das bekannt.“ Irgendwie klingt es nicht falsch, aber ich glaube dennoch, dass es „Deutschem“ heißen sollte.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der Grundregel stimmt eine solche als-Gruppe im Kasus mit dem Wort überein, auf das sie sich bezieht. Zu dieser Grundregel gibt es viele Ausnahmen, Ihre Beispiele gehören aber nicht dazu (siehe hier). Standardsprachlich sollte auch bei substantivierten Adjektiven die Kasusangleichung befolgt werden:

Singular weiblich:
ich/du/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mich/dich/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mir/dir/ihr als als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politikerin

Singular männlich:
ich/du/er als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politiker
mich/dich/ihn als Grünen – als Deutschen – als deutschen Politiker
mir/dir/ihm als Grünem – als Deutschem – als deutschem Politiker

Plural:
wir/ihr/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/ihnen als Grünen – als Deutschen – als deutschen Abgeordneten

Für Ihre Beispiele heißt das:

Mir als Grüner sind die Hände gebunden (weiblich)
Mir als Grünem sind die Hände gebunden (männlich)
Ihm als Deutschem ist bekannt …
Ihr als Deutscher ist bekannt …

Es ist aber nicht erstaunlich, dass Sie zweifeln. Häufig wird hier nämlich statt der Kasusangleichung der „neutrale“ Nominativ gewählt (zum Beispiel: „ihm als Deutscher“, „ihm als deutscher Politiker“; „ihr als Deutsche“, „ihr als deutsche Politikerin“). Das ist verständlich, denn es kann in den meisten Fällen auch ohne Kasusangleichung zu keinen Verständnisschwierigkeiten führen. In der Formulierung „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“ kann „Grüner“ sowohl ein weiblicher Dativ als auch ein männlicher Nominativ sein. In der Regel ist aber klar, ob eine männliche oder eine weibliche Person am Wort ist, so dass es zu keinen Verwechslungen kommt.

Wenn Sie aber erbetener und ungefragter Kritik oder gar dem korrigierenden Rotstift vorbeugen möchten, wählen Sie hier die Übereinstimmung im Kasus. Sie gilt in diesem Fall standardsprachlich als die richtige Lösung. Ich hoffe, dass ich Ihnen als Zweifelndem hiermit ein bisschen weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das „emotional safety model“ und die „clean water projects“ auf Deutsch

Frage

Ich übersetze gerade ein Buch, in dem der Autor ein „emotional safety model“ (seine Bezeichnung) vorstellt. Ein „emotionales Sicherheitsmodell“ […] ist m. E. ein Sicherheitsmodell, dessen Eigenschaft es ist, emotional zu sein […] Geht dann „Emotionale-Sicherheit-Modell“? Da befürchte ich dann aber, dass Leser versucht sein wird, das fehlende -s als Fehler meinerseits anzusehen. „Modell für emotionale Sicherheit“? – Auch nicht schön, aber mir gehen da die Optionen aus, denn der deutsche Begriff sollte auch nicht zu lang oder umständlich sein.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

unter „emotionales Sicherheitsmodell“ verstehe auch ich ein emotionales Modell der Sicherheit und nicht ein Modell der emotionalen Sicherheit. Es ist also keine gelungene Übersetzung für „emotional safety model“. Zusammensetzungen wie „das Emotionale-Sicherheit[s]-Modell“ sind im Deutschen nicht oder kaum üblich. Ausnahmen sind zum Beispiel „Armesünderglocke“, „Armeleuteessen“, „Rote-Armee-Fraktion“, „Erste-Hilfe-Kurs“.

Meiner Meinung nach wählen Sie deshalb besser „Modell der emotionalen Sicherheit“ oder „Modell für emotionale Sicherheit“. Das ist nicht ganz so griffig kurz wie das englische Original, es entspricht aber einer gebräuchlichen Struktur. Vgl. zum Beispiel:

Taktik der verbrannten Erde – scorched earth policy
Theorie der großen Abweichungen – large deviations theory
Projekte für sauberes Trinkwasser – clean water projects

Zusammensetzungen dieser Art ([Adjektiv+Substantiv]+Substantiv) sind im Englischen einfach zu bilden, im Deutschen kommen sie nur mit Zahlwörtern und einigen Adjektiven ohne Endung regelmäßig vor:

Vierzimmerwohnung, Fünfprozentklausel
Vielvölkerstaat, Allradantrieb
Gelbrandkäfer, Rotschwanzbussard

In vielen anderen Fällen müssen wir auf umständlichere Formulierungen wie „Modell der emotionalen Sicherheit“ für „emotional security model“ ausweichen oder andere Konstruktionen wählen wie „Bürgerrechtsgesetz“ für „Civil Rights Act“ oder „lizenzfreie Bilder“ für „public domain pictures“. Auch meine Rolle als „linguistic problem solver“ ist auf gut Deutsch nicht „sprachlicher Problemlöser“ oder „Sprachliche-Probleme-Löser“, sondern „Löser sprachlicher Probleme“, „Sprachproblemlöser“ oder besser einfach „Sprachberater“. Auch auf dieser Ebene funktioniert die Methode der Eins-zu-eins-Übersetzung also sehr häufig nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steht das Komma vor „nur wenn“ oder zwischen „nur“ und „wenn“?

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung. Ich habe diesen Satz (etwas gekürzt):

Wählen Sie diese Option nur, wenn die Lampe grün blinkt.

Hier ist das Komma meiner Meinung nach an der richtigen Stelle. Was ist aber mit diesem Satz:

Wählen Sie diese Option, immer wenn die Lampe grün blinkt.

Muss das Komma vor oder nach dem „immer“ stehen? Mich irritiert, dass das Komma einmal direkt vor „wenn“ steht und einmal vor „immer“.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

im ersten Satz kann das Komma nur nach „nur“ stehen, weil dieses „nur“ zum übergeordneten Satz gehören muss:

Wählen Sie diese Option nur, wenn die Lampe grün blinkt.
nicht: *Wählen Sie diese Option, nur wenn die Lampe grün blinkt.

Vergleichen Sie die beiden Sätze mit einer geänderten Wortstellung:

Sie können diese Option nur wählen, wenn die Lampe grün blinkt.
nicht: *Sie können diese Option wählen, nur wenn die Lampe grün blinkt.

Hier zeigt ist, dass „nur“ zum übergeordneten Satz gehören muss und nicht zum Nebensatz gehören kann.

Im zweiten Satz sind beide Kommasetzungen möglich, weil „immer“ sowohl zum übergeordneten Satz als auch zum Nebensatz gehören kann:

Wählen Sie diese Option immer, wenn die Lampe grün blinkt.
Wählen Sie diese Option, immer wenn die Lampe grün blinkt.
Vgl.
Sie können diese Option immer wählen, wenn die Lampe grün blinkt.
Sie können diese Option wählen, immer wenn die Lampe grün blinkt.

Andere Beispiele:

Wählen Sie diese Option nie, wenn die Lampe rot blinkt.
nicht: *Wählen Sie diese Option, nie wenn die Lampe rot blinkt.
Vgl.
Sie dürfen diese Option nie wählen, wenn die Lampe rot blinkt.
nicht: *Sie dürfen diese Option wählen, nie wenn die Lampe rot blinkt.

Wählen Sie diese Option jedes Mal, wenn die Lampe grün blinkt.
Wählen Sie diese Option, jedes Mal wenn die Lampe grün blinkt.
Vgl.
Sie sollten diese Option jedes Mal wählen, wenn die Lampe grün blinkt.
Sie sollten diese Option wählen, jedes Mal wenn die Lampe grün blinkt.

Wo das Komma gesetzt wird, wenn in einem Satzgefüge ein Adverb o. Ä. und eine Konjunktion nebeneinanderstehen, hängt davon ab, zu welchem Teilsatz das Adverb gehört. Wenn es zum Nebensatz gehört, steht das Komma vor ihm, sonst hinter ihm. Bei Zweifel kann eine Umstellung des Satzes oder das Einfügen eines Modal- oder Hilfsverbs häufig helfen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genug lang und lang genug

Frage

Es heißt: „die Schnur ist lang genug“. Kann man auch sagen: „die Schnur ist genug lang“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

ein sonst sehr geschätzter ehemaliger Kollege beantwortete Fragen dieser Art häufig mit der Bemerkung: „Sagen kann man es, aber ob es richtig ist?“ Man kann tatsächlich „genug lang“, „genug groß“ oder „nicht genug heiß“ sagen und es wird umgangssprachlich auch mehr oder weniger häufig gesagt (vor allem in der Schweiz). Als ich die Frage las, kam mir „genug lang“ zwar seltsam vor, aber auch wieder nicht hundertprozentig falsch. Wie kann man Ihre Frage also beantworten?

Üblicherweise steht „genug“ nicht vor, sondern hinter dem Adjektiv oder Adverb, auf das es sich bezieht. Es heißt also:

Die Schnur ist lang genug.
Du bist jetzt groß genug, um es besser zu wissen.
Das Wasser ist noch nicht heiß genug.
Wir haben lange genug gewartet.
Man kann es nicht oft genug sagen.

Formulierungen wie „genug lang“ oder „nicht genug heiß“ kommen, wie gesagt, auch vor, sie gelten aber als umgangs- oder regionalsprachlich und können besser vermieden werden. Das gilt auch für Formulierungen wie diese, in denen das Adjektiv vor dem Substantiv steht:

besser nicht: eine genug lange Schnur
besser nicht: eine genug große Auswahl

Wenn besser nicht so, wie dann sonst? Die Lösung ist nicht, „genug“ nachzustellen:

nicht: eine lang genuge Schnur
nicht: eine groß genuge Auswahl

Hier bleibt nur, auf ein anderes Wort auszuweichen:

eine genügend lange Schnur
eine ausreichen große Auswahl o. eine ausreichende Auswahl

Interessanterweise zeigt kein anderes graduierendes Wort dasselbe Verhalten wie „genug“:

Die Schnur ist zu lang / eine zu lange Schnur
Die Schnur ist sehr lang / eine sehr lange Schnur
Die Schnur ist ziemlich lang / eine ziemlich lange Schnur
aber:
Die Schnur ist lang genug / eine genügend lange Schnur

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass „genug“ manchmal nach vorn rutscht. Am besten lässt man es aber dem Adjektiv oder Adverb folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wieder einmal das Fugenelement: Zedernüsse oder Zedernnüsse?

Frage

Mir ist gerade das Wort „Zedernüsse“ über den Weg gelaufen. Ich würde „Zedernnüsse“ bevorzugen (analog zu beispielsweise „Zedernholz“ oder „Fichtennadeln“ ). Zahlreiche Produktverpackungen tragen allerdings den Namen mit einfachem n. Was ist korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

allgemein gültige Regeln dafür, ob bei der Substantivzusammensetzung ein Fugenelement wie n oder s verwendet wird, gibt es nur wenige. Eine allgemeine Faustregel sagt, dass (mehr oder weniger) neue Zusammensetzungen gleich gebildet werden wie andere Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle. Wörter wie „Fichtennadeln“ und „Tannenzapfen“ helfen hier also nicht weiter, denn sie haben ja ein anderes Wort an erster Stelle. Aussagekräftiger sind Bildungen wie „Zedernholz“ und „Zedernwald“. Demnach ist es auch „Zedernnuss“, so wie Sie es bevorzugen.

Eine andere „Regel“ in diesem Bereich lautet: Richtig ist, was üblich ist. Ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass „Zedernuss“ und „Zedernüsse“ häufiger vorkommt als „Zedernnuss“ und „Zedernnüsse“. So findet sich zum Beispiel auch in Wikipedia ein Eintrag mit dem Titel „Zedernussöl“. Das Fehlen eines Fugenelementes ist hier erklärbar: Vor dem n von „-nüsse“ ist bei normaler Aussprache nicht zu hören, ob das Wort ein Fugen-n hat oder nicht.

Was ist also richtig? Ich würde „Zedernnüsse“ wählen und empfehlen. Ich halte aber „Zedernüsse“ nicht für grundsätzlich falsch, weil es häufig vorkommt und nur gegen eine Faustregel, nicht gegen eine allgemein gültige Regel verstößt. Ob mit oder ohne Fugen-n, wichtig ist vor allem, dass das Zeder[n]nussöl schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bin oder habe ich den Weg entlanggegangen? – Das Hilfsverb „sein“ bei transitiven Verben

Frage

Was ist die Regel zu:

Ich habe das Auto gefahren
Ich bin das Auto gefahren

Es steht die Behauptung im Raum, dass man mit „haben“ konjugiert, wenn ein Akkusativobjekt da ist. Somit müsste es heissen:

Ich habe den Weg entlanggegangen

Dem kann ich nicht zustimmen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im Prinzip bilden transitive Verben, das heißt Verben mit einem Akkusativobjekt, das Perfekt mit „haben“. Deshalb steht auch zum Beispiel „fahren“ mit „haben“, wenn es transitiv verwendet wird:

intransitiv: Ich bin mit dem Auto gefahren.
transitiv: Ich habe das Auto in die Garage gefahren.

Zu der Regel, dass transitive Verben mit „haben“ konjugiert werden, gibt es natürlich auch ein paar Ausnahmen: Einige wenige transitive Verben, die von einem mit „sein“ konjugierten Verb abgeleitet sind, bilden die Vergangenheit mit „sein“. Beispiele sind:

etwas eingehen: Er ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.
jemanden/etwas loswerden: Ich bin die Sachen nicht losgeworden.
etwas durchgehen: Sie ist die Arbeit mit den Schülern durchgegangen.

Siehe auch hier.

Zu diesen Verben gehören auf den ersten Blick auch „entlanggehen“, „entlanglaufen“, „entlangfahren“ usw.:

Ich bin den Weg entlanggegangen.
Sie ist mit dem Finger die Linie entlanggefahren.

Auf den zweiten Blick muss man allerdings sagen, dass es sich bei diesen Verben, wenn überhaupt, um ein ungewöhnliches Akkusativobjekt handelt. Es ist nämlich eher ein Akkusativ, der von „entlang“ abhängig ist, als ein Objekt. Wenn „entlang“ nachgestellt ist, verlangt es üblicherweise den Akkusativ (siehe hier):

den Weg entlang hinaufsteigen
die Straße entlang weiterfahren

Bei einfachen Verben wird dieses „entlang“ mit dem Verb zusammengeschrieben. Der von „entlang“ abhängige Akkusativ sieht dann aus wie ein Akkusativobjekt:

den Weg entlanggehen
die Straße entlangfahren

Das ist eine weitere Erklärung dafür, warum Verben wie „entlanglaufen“, „entlanggehen“ und „entlangfahren“ mit „sein“ konjugiert werden, obwohl sie ein Akkusativobjekt bei sich zu haben scheinen. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man darauf achten sollte, Regeln nicht allzu strikt anzuwenden. Es gibt immer Ausnahmen und Sonderfälle. Sie hatten also recht: Das Perfekt von „entlanggehen“ wird mit dem Hilfsverb „sein“ gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf jeden Fall – Mit welchem Fall steht „auf“?

Herrn M.s kurze Frage zeigt wieder einmal, mit welchen Schwierigkeiten sich Deutsch Lernende und diejenigen, die ihnen dabei helfen wollen, herumschlagen müssen. Welchen Fall verlangt die Präposition „auf“?

Frage

[…] Nach der Präposition „auf“ in „auf jeden Fall“ folgt der Akkusativ „jeden Fall“. Weshalb kein Dativ?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die einfache und wenig befriedigende Antwort lautet: weil es so ist. Muttersprachler und Muttersprachlerinnen haben Glück, denn sie machen es automatisch richtig. Deutsch Lernende dagegen haben Pech, denn sie müssen es lernen. Damit es nicht ganz so unbefriedigend bleibt, folgt der Versuch, doch noch ein bisschen Struktur in die Fallfrage bei „auf“ zu bringen.

Die Präposition „auf“ gehört zu den sogenannten Wechselpräpositionen, die den Dativ verlangen, wenn etwas Statisches (Ort; wo?) ausgedrückt wird, und den Akkusativ, wenn etwas Dynamisches (Richtung; wohin?) ausgedrückt wird (vgl. hier).

Diese vielen bekannte „Regel“ ist hilfreich, wenn wir im Bereich der konkreten Orts- und Richtungsangaben bleiben:

Statisch mit Dativ (wo?)
Wir lagen in der Sonne.
Die Kinder spielen hinter dem Haus.

Dynamisch mit Akkusativ (wohin?)
Wir legten uns in die Sonne.
Die Kinder rennen hinter das Haus.

Schon etwas schwieriger, aber immer noch erklärbar ist es, wenn die Orts- bzw. Richtungsangabe in übertragenem Sinne zu verstehen ist. Man muss sich dann das Bild vor Augen rufen, das gemeint ist:

„Statisch“ mit Dativ
etwas auf sich [Dativ] sitzen lassen
etwas auf dem Gewissen haben
etwas liegt auf der Hand
auf eigenen Füßen stehen
auf den Beinen sein
auf einer Sache beruhen
auf einer Sache herumreiten
auf der Palme sein

„Dynamisch“ mit Akkusativ
etwas auf sich [Akk] nehmen
nicht auf den Mund gefallen sein
auf den Putz hauen
jemandem auf den Leim gehen
jemanden auf den Schild heben
jemandem auf den Wecker gehen
Wert auf etwas legen
jemanden auf die Palme bringen

Wenn „auf“ auch in übertragenem oder figürlichem Sinn keine räumliche Bedeutung hat, steht es in der Regel mit dem Akkusativ:

auf jeden Fall
auf keinen Fall
das Recht auf einen Anwalt
auf einen Monat verreisen
sieben auf einen Streich
auf allgemeinen Wunsch
auf deinen Rat
auf jemanden/etwas eifersüchtig/stolz/aufmerksam sein
auf jemanden/etwas warten
auf jemanden/etwas achten
auf besseres Wetter hoffen
Ausnahme z. B. : auf einer Sache beharren

Eine hundertprozentig sichere „Regel“ ist dies nicht, aber mit ihrer Hilfe lässt sich auf jeden Fall vorhersagen, dass es „auf jeden Fall“ und nicht „auf jedem Fall“ heißt.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Bopp