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Das Komma in „die Verpflichtung[,] zu helfen und zu heilen“

Frage

Ich habe folgende Frage:

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung zu helfen.

Das ist klar: kein Komma, weil kein erweiterter Infinitiv mit „zu“.

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung, schnell zu helfen.

Das ist mir auch klar: ein Komma, weil erweiterter Infinitiv mit „zu“.

Jetzt die Frage:

Wir haben als Ärzte die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.

Steht hier nach „Verpflichtung“ ein Komma, wie ich es in der Zeitung gelesen habe?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Ihre Erklärung zu den ersten beiden Sätzen ist nicht ganz zutreffend. Nach der geltenden Rechtschreibregelungen kann eine Infinitivgruppe mit „zu“ immer durch Kommas abgetrennt werden, auch wenn sie nur aus „zu“ und einem reinen Infinitiv besteht. Es ist also immer richtig, Kommas zu setzen. Die Frage ist vielmehr, wo man das Komma weglassen darf.

In diesem Fall ist die Infinitivgruppe von „Verpflichtung“ abhängig. Wenn eine Infinitivgruppe von einem Substantiv abhängig ist, gilt nach § 75.2 der amtlichen Rechtschreibregelung, dass Kommas gesetzt werden:

der Plan, abzureisen
der Plan, heimlich abzureisen

Wir haben die Verpflichtung, zu helfen.
Wir haben die Verpflichtung, schnell zu helfen.
Wir haben die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.

Nach § 75 E1 können die Kommas hier weggelassen werden, wenn ein bloßer Infinitiv vorliegt und keine Missverständnisse entstehen können. Also auch:

der Plan abzureisen
Wir haben die Verpflichtung zu helfen.

Nun zum Fall, um den es Ihnen eigentlich geht: Man könnte sagen, dass zweimal ein bloßer Infinitiv vorliegt und dass deshalb das Komma auch entfallen kann. Ich interpretiere die Regel aber anders. Wir haben es nicht mit einem bloßen Infinitiv zu tun, sondern mit zwei bloßen Infinitiven und der Konjunktion „und“. Deshalb würde ich das Komma nicht weglassen. Also nur mit Komma:

Wir haben die Verpflichtung, zu helfen und zu heilen.
Sie hat die Fähigkeit, zuzuhören und zu schweigen.
Viele spüren heute die Sehnsucht, zu berühren und zu umarmen.

Und selbst wenn man diese Interpretation nicht teilt, ist gemäß den Rechtschreibregeln das Komma hier jedenfalls nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„X ist das neue Y“ und die Großschreibung

„X ist das neue Y“ – Es geht hier nicht um die Frage der Originalität solcher Formulierungen, sondern nur um die Groß- oder Kleinschreibung.

Frage

„Regional ist das neue international“ im Sinne von „Rot ist das neue Grün“ oder so ähnlich. Schreibt man „international“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

der Artikel „das“ und das gebeugte Adjektiv zeigen an, dass es sich hier um eine Substantivierung handelt. Richtig ist deshalb die Großschreibung. Das gilt nicht nur für Serientitel wie„Orange ist das neue Schwarz“ oder das zurzeit häufig strapazierte „das neue Normal“, sondern auch für:

Regional ist das neue International

Und weil es so schön unkompliziert ist, hier noch ein paar Beispiele:

Analog ist das neue Digital
Doof ist das neue Schlau
Freaky ist das neue Cool
Getrennt ist das neue Zusammen
Langsam ist das bessere Schnell

Wie man sieht, muss es nicht immer kompliziert sein. Mit einem „neuen Einfach“ kann ich aber leider nicht aufwarten, dafür gibt zu viele alte und neue Tücken der Rechtschreibung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nein, dies ist keine doppelte Verneinung

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema „doppelte Verneinung“. In einer bayrischen Online-Zeitung stand vor kurzem folgende Überschrift:

#Faktenfuchs: Nein, beim Impfen werden keine Mikrochips eingesetzt

Ich habe daraufhin geschrieben: „… es werde also doch Chips eingesetzt.“ Die Antwort der Zeitung war: „Bei dieser Überschrift handelt es sich nicht um eine doppelte Verneinung. Das Satzzeichen trennt die beiden Sätze voneinander.“

Da laust mich doch der A….. – Hat sich unsere Sprache schon so verselbständigt, dass nun jeder schreibt, wie er will? Wann endlich wird es für solche Fälle Klarheit geben? Es kann doch nicht so schwer sein. Andere Sprachen können das doch auch!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Zeitung hat recht. Es handelt sich hier nicht um eine doppelte Verneinung, auch wenn zwei verneinende Elemente vorkommen. Es handelt sich um eine negative Antwort oder Entgegnung, die aus zwei separat zu betrachtenden Teilen besteht. Die Überschrift, die Sie zitieren, ist als Antwort auf eine Frage oder als Entgegnung auf eine Aussage zu verstehen:

– Werden bei der Impfung Mikrochips eingesetzt?
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

– Bei der Impfung werden Mikrochips eingesetzt.
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

Die Antwort oder Entgegnung besteht aus zwei Teilen: aus der Antwortpartikel „nein“ und einem verneinten Satz. Hier werden zwei einfache Verneinungen nebeneinandergestellt. Dass sie separat zu betrachten sind, zeigt in der Schrift das Komma und in der gesprochenen Sprache eine kurze Pause an. Vielleicht illustrieren ein paar einfache Beispiele etwas besser, dass wir häufig so formulieren:

– Geht es dir gut?
Nein, mir geht es nicht gut.

– Hast du jemanden gesehen?
Nein, ich habe niemanden gesehen.

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Es kommen jeweils zwei verneinende Wörter vor, aber es handelt sich bei diesen Äußerungen nicht um doppelte Verneinungen. Die verneinende Wirkung von „nein“ erstreckt sich nämlich nicht auf den ihm folgenden Satz. Es ist eine selbstständige Einheit, die sozusagen als eigenständiger Satz betrachtet werden kann. Das ist ohne Zweifel klar und gilt allgemein für das Deutsche. Niemand würde wie folgt verneinend formulieren:

– Ich habe recht.
– Nein, du hast recht.

Diese Entgegnung ist nicht möglich, weil die verneinende Wirkung von „nein“ beim Komma stoppt, so dass das Nachfolgende eine eigene Verneinung benötigt, wenn es verneint zu verstehen ist:

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Das gilt nicht nur für das Deutsche, sondern auch für andere Sprachen. So enthalten die folgenden Übersetzungen von „Nein, du hast nicht recht“ auch jeweils zwei verneinende Elemente: „No, you are not right“; „Nee, je hebt niet gelijk“, „No, non hai ragione“, „Non, tu n’as pas raison“, „Ne, nemáš pravdu“.

Im Gegensatz dazu haben wir es bei den folgenden Beispielen mit einer doppelten Verneinung zu tun, die zu zumindest standardsprachlich zu einer Bejahung wird:

Bei der Impfung werden nicht keine Mikrochips eingesetzt.
(= Es werden Mikrochips eingesetzt)
Du hast nie nicht recht.
(= Du hast immer recht)
Mir geht es nicht nicht gut.
(= Mir geht es gut)
Niemand hat mich nicht gesehen.
(= Alle haben mich gesehen)

Hier stehen die beiden Verneinungen nicht separat nebeneinander. Sie haben beide denselben Wirkungsbereich und heben sich dadurch gegenseitig auf.

Die Tatsache, dass in einer Äußerung zwei Verneinungen vorkommen, bedeutet nicht immer, dass es sich um eine doppelte Verneinung mit bejahender Bedeutung handelt. Wenn die verneinten Elemente selbstständig nebeneinanderstehen, wie dies bei „nein“ und einem verneinten Satz der Fall ist, heben sie sich nicht gegenseitig auf. Sie sind als Wiederholung zu verstehen und bleiben verneint.

Die Überschrift, die Sie bemängeln, bedeutet somit eindeutig, klar und in Übereinstimmung mit der deutschen Grammatik, dass bei der Impfung keine Mikrochips eingesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fremdwörter verkleinern: Kakäuchen, Pülchen, Platöchen

Frage

Wenn man so viel Zeit mit seiner Familie verbringt, stößt man zwangsläufig auf Wörter, die man sonst nicht hört. Manchmal fragt man sich dann auch, wie man die schreibt. Konkret geht es mir um den Diminutiv von „Kakao“, den wir alle „Kakäuchen“ aussprechen, aber unterschiedlich schreiben würden. Im Prinzip betrifft diese Problematik eine ganze Reihe von Fremdwörtern mit Umlaut im Diminutiv, z. B. auch „Pool“ und „Plateau“. […] Gibt es eine Regel oder Empfehlung für die korrekte Schreibung solcher Ableitungen?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Verkleinerungsformen, um die es Ihnen hier geht, sind in der Standardsprache nicht gebräuchlich, erst recht nicht in der geschriebenen Standardsprache. Da die Formen kein Standarddeutsch sind, gibt es auch keine Standardschreibung für die Diminutivbildung bei Substantiven mit fremdsprachlichen Buchstabenkombinationen.

Einfach ist es, wenn der Diminutiv ohne Umlaut gebildet wird, weil man dann in der Regel einfach ein -chen anhängen kann:

Computer – Computerchen
Smartphone – Smartphonchen
Bungalow – Bungalowchen
Kakao – Kakaochen
Pool – Poolchen
Plateau – Plateauchen

Auch wenn man den Diminutiv mit Umlaut bildet, was eigentlich viel üblicher ist, geht das bei Fremdwörtern häufig problemlos:

Computer – Compüterchen
Smartphone – Smartphönchen
Blog – Blögchen
Automat – Automätchen
Katastrophe – Kataströphchen
Virus – Virüschen

Schwieriger wird es dann, wenn der Vokal, der umgelautet wird, anders als im Deutschen üblich geschrieben wird. Dann ist es am besten, die Schreibung einzudeutschen, um das Ganze noch einigermaßen lesbar zu halten:

Kakao – Kakäuchen
Pool – Pülchen
Plateau – Platöchen
Bungalow – Bungalö[w]chen
Depot – Depöchen
Couch – Käutschchen
Bon – Böngchen

Und manchmal bleibt den Schreibenden einfach nur die Improvisation:

Orange – Orängchen, Orängschchen, Orängelchen
Superman – Supermännchen

Wenn man ungebräuchliche Diminutivformen von Fremdwörtern verwenden und sie auch noch aufschreiben will, sollte man versuchen, eine möglichst einfach lesbare Form zu finden. Oft ist das eine mehr oder weniger eingedeutschte Schreibung. Die einzig richtige Schreibweise gibt es in Fällen wie diesen häufig nicht, weil es keine festen Regeln gibt und diese Formen nicht gebräuchlich und eingebürgert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Braucht „einander“ immer einen Plural?

Frage

Immer wieder begegnen mir Formulierungen wie „alles hängt miteinander zusammen“, „die Welt ist miteinander verwoben“ oder auch „die Klasse tauschte untereinander SMS aus“. […] Mein Sprachgefühl sagt mir, dass „einander“ mindestens zwei Subjekte braucht. „Das Große und das Kleine hängen miteinander zusammen“ ergibt für mich Sinn. Aber „alles“, „nichts“, „die Welt“, „die Klasse“ sind grammatisch ja Singular, auch wenn sie semantisch mehreres bezeichnen. Nun sehe ich solche Formulierungen aber ab und zu auch in „hochsprachlichen“ Medien wie Tagesschau, Spiegel, FAZ. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Wechselseitigkeit ausdrückende „einander“ verlangt tatsächlich ein pluralisches Bezugswort. Wechselseitigkeit oder Gegenseitigekeit kann ja nicht bei einem einzelnen Element bestehen. Häufig geht es dabei um eine Pluralform oder mit „und“ verbundene Singularformen:

Wir gaben einander die Hand.
Die Leute müssten mehr miteinander reden.
Blanche und Robert verachteten einander zutiefst.
Der Sänger und die Gitarristin sind gut aufeinander eingespielt.

Das ist aber nicht immer so. Eine häufiger vorkommende Ausnahme sind Formulierungen mit dem unpersönlichen „man“:

Man gibt einander die Hand.
Man sollte aufeinander zugehen.

Mit „man“ ist hier nicht eine einzelne unbestimmte Person gemeint, sondern eine gewisse Gruppe von Menschen oder allgemein „die Leute“.

Bei Wörtern, die auch im Singular eine Mehrzahl bezeichnen (z. B. „Gruppe“, „Familie“, „Klasse“, „alles“, „vieles“), wird manchmal auch „einander“ verwendet. Man formuliert dann nicht nach der Form, sondern nach dem Sinn, das heißt, „einander“ bezieht sich nicht formal auf die gesamte Mehrzahl, sondern sinngemäß auf deren einzelne Elemente:

Die Klasse tauscht untereinander SMS aus.
Die Familie steht füreinander ein.
Das junge Paar saß nebeneinander auf einer Parkbank.
Alles ist miteinander verbunden.
Vieles ist aufeinander abgestimmt.

Formulierungen dieser Art kommen nicht häufig vor (oft „Schüler“ statt „Klasse“, „Familienmitglieder“ statt „Familie“ usw.). Wie weit man hier gehen kann oder will, ist auch eine stilistische Frage. Ich halte Formulierungen wie die folgenden für zumindest zweifelhaft und würde anders formulieren, weil es sich nicht um Begriffe handelt, die eine Mehrzahl bezeichnen:

Die Welt ist miteinander verwoben. [??]
Nichts hat miteinander zu tun. [??]

Es ist aber kaum möglich, eine genaue Grenze zu ziehen. Bei Zweifel oder wenn man gegen jegliche Kritik gefeit sein möchte, formuliert man deshalb am besten um:

Alles in der Welt ist miteinander verwoben.
Alle Dinge in der Welt sind miteinander verwoben.
Nichts hat mit etwas anderem zu tun.

Formulierungen, in denen sich „einander“ (resp. „aufeinander“, „aneinander“, „miteinander“ usw.) auf einen Singular bezieht, kommen nicht häufig vor, sie sind aber nicht in allen Fällen ausgeschlossen. Man sollte einander also auch hier keine allzu strengen Regeln vorschreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sowohl der Plural als auch der Singular sind/ist hier richtig

Frage

Verwendet man nach „sowohl – als auch“ die Singular- oder die Pluralform? Beispiel: „Sowohl er als auch sein Chef vertreten/vertritt die gleiche Meinung.“

Antwort

Guten Tag J.,

wenn zwei Subjektteile im Singular durch „sowohl – als auch“ verbunden sind, steht das Verb häufig im Plural, es kann aber auch im Singular stehen. Beides gilt als richtig:

Sowohl er als auch sein Chef vertreten die gleiche Meinung.
Sowohl er als auch sein Chef vertritt die gleiche Meinung.

Sowohl der Plural als auch der Singular gelten hier als richtig.
Sowohl der Plural als auch der Singular gilt hier als richtig.

Sowohl Glück als auch Gesundheit sollen dich im neuen Jahr begleiten!
Sowohl Glück als auch Gesundheit soll dich im neuen Jahr begleiten!

Wenn einer der beiden Subjektteile im Plural steht, ist nur der Plural für das Verb üblich, insbesondere dann, wenn der Subjektteil im Plural näher beim Verb steht:

Sowohl der Chef als auch seine Mitarbeiter vertreten die gleiche Meinung.

Etwas komplizierter wird es im nicht sehr häufig vorkommenden Fall, dass „sowohl – als auch“ Subjektteile verbindet, die nicht in der gleichen Person stehen. Dann gelten im Prinzip diese Regeln:

Wenn eine 1. Person mit einer 2. oder 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 1. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „wir“ zusammenfassen:

Sowohl du als auch ich [= wir] fahren heute nach Hamburg.
Sowohl ich als auch ihr haben den Film bereits gesehen.
Sowohl wir als auch ihr sollten stolz auf unsere Herkunft sein.

Sowohl meine Schwester als auch ich [= wir] wissen es noch gut.
Sowohl ich als auch meine Mitarbeiter haben uns die größte Mühe gegeben.
Sowohl die Nachbarn als auch ich waren mit der Mietpreiserhöhung einverstanden.

Wenn eine 2. Person mit einer 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 2. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „ihr“ zusammenfassen:

Sowohl er als auch du [= ihr] seid heute aus Hamburg angekommen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürft euch über diesen Erfolg freuen.
Sowohl ihr als auch euer Vater habt sie schlecht behandelt.

Die Regeln sind einfach, aber wenn man hier doch einmal unsicher wird oder wenn eine Formulierung irgendwie sonderbar anmutet**, kann man zur Sicherheit das Pronomen „wir“ oder „ihr“ einfügen:

Sowohl meine Schwester als auch ich, wir wissen es noch gut.
Sowohl er als auch du, ihr seid heute aus Hamburg angekommen.

Sowohl die Kongruenz im Numerus als auch die Kongruenz in der Person können/kann zu Unsicherheiten führen. Zum Glück geht es aber meistens gut – wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Es gibt eine Tendenz, das Verb mit der Person des ihm am nächsten stehenden Subjektteils übereinstimmen zu lassen:

Sowohl ich als auch ihr habt den Film bereits gesehen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürfen sich über diesen Erfolg freuen.

Diese Formulierungen gelten aber nicht allgemein als korrekt.

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„Ein Becher edler Weisheit“ – Die Bedeutung des Genitivs

Frage

Meine Frage bezieht sich auf den Genitivus Qualitatis, der, so der Duden, eine Eigenschaft oder Beschaffenheit des im Bezugswort Genannten bezeichnet. Auf das Problem gestoßen bin ich bei der Übersetzung des Satzteils „A cup of noble wisdom“ mit „ein Becher edler Weisheit“. Diese Übersetzung lehnt sich an bekannte Beispiele dieses Genitivus an, z. B. „ein Glas köstlichen Weins“ usw.

Das Problem ist nun folgendes: Im Fall von Behältnissen wie „Glas“, „Becher“, „Tasse“ o. ä. muss ja der Unterschied kenntlich gemacht werden zwischen dem Inhalt und der Eigenschaft bzw. Beschaffenheit des Gefäßes. Ein Becher reinen Goldes bezeichnet laut obiger Dudendefinition eben nicht einen Becher angefüllt mit reinem Gold, sondern einen Becher aus reinem Gold.

Auf obige Übersetzung bezogen eröffnet sich nun die Bredouille: Ist schon der englische Satz falsch (oder zumindest zweideutig) oder nur die deutsche Übersetzung, und falls Letzteres der Fall ist, wären dann auch gängige Sätze wie „ein Glas köstlichen Weins“ oder „eine Flasche reinsten Wassers“ falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

alle Formulierungen, um die es in Ihrer Frage geht, sind korrekt. Das liegt daran, dass der Genitiv mehr als eine Funktion haben kann.

Mit Genitivattributen können sehr verschiedene Verhältnisse ausgedrückt werden. Es ist deshalb nicht immer eindeutig, welche Art des Verhältnisses gemeint ist. In der Regel ergibt sich aus der Wortbedeutung und dem weiteren Kontext, was genau gesagt wird. Hier ein paar Beispiele, in denen ohne Kontext nicht klar ist, was genau ausgedrückt werden soll:

die Beschreibung des Angeklagten
= die Beschreibung durch den Angeklagten (Genitivus subiectivus)
= der Angeklagte wird beschrieben (Genitivus obiectivus)

das Foto meiner Schwester
= meine Schwester hat das Foto gemacht (Genitivus Auctoris)
= das Foto gehört meiner Schwester (Genitivus possessivus)
= meine Schwester ist auf dem Foto abgebildet

eine Kiste edlen Holzes*
= eine Kiste gefüllt mit edlem Holz (Genitivus partitivus)
= eine Kiste aus edlem Holz (Genitivus Qualitatis)

Bei Ihrem Beispiel „ein Becher reinen Goldes“ ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um einen Becher aus reinem Gold handelt und nicht um einen Becher voll (flüssigen?) reinen Goldes:

ein Becher reinen Goldes* (= Genitivus Qualitatis)
= ein Becher aus reinem Gold

Bei „ein Glas köstlichen Weines“ hingegen ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter, dass es sich nicht um ein Glas aus köstlichem Wein, sondern um ein Glas voll köstlichen Weines handeln muss:

ein Glas köstlichen Weins* (= Genitivus partitivus)
= ein Glass gefüllt mit köstlichem Weins; ein Glas köstlicher Wein

Bei Gefäßen kann ein Genitivattribut also (unter anderem) die Beschaffenheit, aber auch den Inhalt angeben. In der Regel ergibt sich wie bei zum Beispiel „Becher–Gold“ und „Glas–Wein“ aus der Wortbedeutung, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist und auch der weitere Kontext keine Klarheit schafft, sollte umformuliert werden: „eine Kiste gefüllt mit edlem Holz“ bzw. „eine Kiste aus edlem Holz“.

Bei „a cup of noble wisdom“ und „ein Becher edler Weisheit“ ist es wegen der übertragenen Bedeutung weniger sicher, dass es sich um einen Becher voll edler Weisheit (Genitivus partitivus) handelt. Es könnte sich auch um einen Becher aus edler Weisheit (Genitivus Qualitatis) handeln. Aber selbst oder gerade wenn sich aus dem weiteren Kontext nicht erschließt, was genau gemeint ist, können Sie Ihre Übersetzung so stehen lassen – die gleiche Unsicherheit besteht ja auch bei „a cup of noble wisdom“.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Heute wird hier außer in poetischer oder gehobener Sprache anders formuliert:

eine Kiste edles Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Glas köstlicher Wein (statt: ein Glas köstlichen Weins)
eine Kiste aus edlem Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Becher aus reinem Gold (statt: ein Becher reinen Goldes)

———–

Möge auf das Jahr der Pandemie ein Jahr der Wiederaufnahme des „normalen“ Lebens folgen! Ich wünsche ein gutes, glückliches und gesundes neues Jahr!

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Lotos, Lotus und die Fachsprache

Nicht ganz passend zur Adventszeit eine „blumige“ Frage zu Lotus, Lotos und Hornklee:

Frage

Heißt die Seerosenart „Lotus“ oder „Lotos“ oder ist beides richtig? Der Duden deklariert „Lotus“ unter anderem als „so viel wie Lotos“, aber auf der Seite […].de steht, nur „Lotos“ sei richtig und „Lotus“ sei der botanische Name für „Hornklee“. Ist „Lotus“ für die Seerose kein korrektes Deutsch oder ein Anglizismus?

Nelumbo nucifera
Indische Lotosblume o. Lotusblume
Bild von Shin-改
Lotus corniculatus
Gewöhnlicher Hornklee
Bild von Hans Braxmeier

Antwort

Guten Tag Frau W.,

es geht hier nicht darum, ob die Wortwahl richtig oder falsch ist. Es geht darum, welche Sprachart oder welches Sprachregister man benutzt. In diesem Fall kann man zwischen der Allgemeinsprache und der botanischen Fachsprache unterscheiden.

In der Allgemeinsprache gibt es:

a) Hornklee
b) Lotos(blume) oder Lotus(blume)

In der botanischen Fachsprache unterscheidet man:

a) Lotus (o. Hornklee)
b) Nelumbo (o. Lotos)

Es ist also nicht grundsätzlich falsch, die Lotosblume auch Lotusblume zu nennen, denn das ist außerhalb der Fachsprache, das heißt in der Allgemeinsprache, so üblich.**

Ähnliche Fälle sind:

Allgemeinsprachlich:
a) Geranien
b) Storchschnäbel
Fachsprachlich:
a) Pelargonien
b) Geranien

Allgemeinsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Gemüse
Fachsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Früchte

Meiner Meinung nach behaupten vor allem „Besserwissende“, es sei falsch, Tomaten, Zucchini und Auberginen als Gemüse zu bezeichnen, weil sie botanisch gesehen Früchte sind. Ähnliches gilt für die Behauptungen, dass der traditionelle Balkonflor nicht aus Geranien, sondern Pelargonien bestehe und dass man die Lotosblume nur so und nicht auch Lotusblume nennen dürfe. Die Allgemeinsprache muss sich nicht an die Regeln der Fachsprachen halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Auch schon im 19. Jahrhundert benutzt man die Wörter „Lotosblume“ und „Lotusblume“ nebeneinander (vgl. hier). Ein Einfluss der Sportwagenmarke Lotus ist in der damaligen Zeit auszuschließen. Das britische Unternehmen wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet. Und selbst wenn „Lotus“ für „Lotos“ im 19. Jahrhundert ein Anglizismus gewesen sein sollte, dürfte er bis heute als eingebürgert bezeichnet werden.

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Am nächsten Tag und in der nächsten Woche

Frage

Wir sagen „am nächsten Tag“, aber „in der nächsten Woche“. Weshalb?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

Sie haben recht. Es heißt:

in der kommenden Woche
in der letzten Stunde
in der nächsten Minute
in der folgenden Nacht

Und mit „an“ stehen diese Formulierungen:

am nächsten Tag
am kommenden Morgen
am nächsten Vormittag/Mittag/Nachmittag
am folgenden Abend
am letzten Dienstag

Man könnte nun „auf die Schnelle“ schließen, dass bei Zeitangaben mit männlichen Substantiven „an“ steht und bei weiblichen Substantiven „in“. Es stimmt zwar, dass „an“ nicht bei Zeitangaben mit weiblichen Substantiven steht, aber sonst scheitert diese „Regel“ bereits an der folgenden Formulierung:

im nächsten Monat
im kommenden Dezember

Und diese sächlichen Zeitangaben stehen ebenfalls mit „in“:

im letzten Jahr
im vergangenen Jahrzehnt
im nächsten Jahrhundert

Ich kenne keinen „logischen“ Grund, warum das so ist. Die für Regelfans wenig befriedigende Antwort lautet: Es ist im Deutschen einfach so üblich. Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es automatisch richtig. Wer Deutsch lernt, muss auch das lernen (wie so vieles andere!).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen – Was ist dann mit den 14-Jährigen?

Um allzu großer Enttäuschung vorzubeugen, sei gleich gesagt: Eine eindeutige Antwort kann der folgende Artikel nicht geben.

Frage

Wenn es heißt „Kinder bis 6 Jahre“ oder jetzt bei den Coronamaßnahmen „Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt“, wie alt exakt darf die Person dann sein? Meiner Meinung nach 6 bzw. 14 Jahre und 364 Tage. Liege ich da richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei Angaben der Art „bis x Jahre“ ist häufig gemeint: „bis einschließlich x Jahre“. Mit „Kinder bis 6 Jahre“ sind somit Kinder bis zum letzten Tag vor ihrem 7. Geburtstag, also auch alle Sechsjährigen gemeint. Ebenso schließt „Kinder bis 14 Jahre“ häufig auch die 14-Jährigen mit ein.

ABER: Es ist zwar häufig so gemeint, aber nicht alle sind damit einverstanden. Neben den Leuten, die „bis x Jahre“ so verstehen, gibt es andere, die sagen, „bis x Jahre“ bedeute „bis zum x-ten Geburtstag“. Kinder bis 14 Jahre sind also alle Kinder bis zu ihrem 14. Geburtstag. Die 14-Jährigen gehören bei dieser Interpretation nicht mehr dazu, denn sie sind ja erst von ihrem 14. Geburtstag an 14-jährig.

Wer hier recht hat, darüber könnte man endlos diskutieren. Eine offizielle, allgemein anerkannte Interpretation gibt es nicht. Bei zum Beispiel der Deutschen Bahn kann man Fahrkarten für Kinder von 6 bis 14 Jahren kaufen, und damit sind Kinder von 6 bis einschließlich 14 Jahren gemeint (also auch die 14-Jährigen), wie man auf derselben Webseite lesen kann.

Ein weniger „eindeutiges“ Beispiel sind die Coronaregeln, die am vergangenen 13. Dezember beschlossen worden sind. Im Beschluss der Bundeskanzlerin und der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder steht im Zusammenhang mit der Gruppengröße bei privaten Zusammenkünften:

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen.

Sind die 14-Jährigen nach dieser Formulierung ausgenommen oder müssen sie mitgezählt werden? Wie unterschiedlich man das sehen kann, zeigt ein (kurzer und nicht sehr systematischer) Blick auf die Webseiten der verschiedenen Bundesländer. Man könnte annehmen, dass alle Bundesländer diese Altersgrenze gleich interpretieren, dem ist aber nicht so:

In Bayern und Niedersachsen sind „Kinder unter 14 Jahren“ ausgenommen, das heißt, die 14-Jährigen sind nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt.

In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und Thüringen sind „Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres“ ausgenommen, das heißt, auch hier sind die 14-Jährigen nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt. (Das 14. Lebensjahr wird mit dem 14. Geburtstag vollendet, so wie das 1. Lebensjahr mit dem 1. Geburtstag vollendet wird, das 2. Lebensjahr mit dem 2. Geburtstag usw.)

Anders sieht es in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen aus. Dort sind „Kinder bis einschließlich 14 Jahre“ ausgenommen, das heißt, auch die 14-Jährigen sind hier ausgenommen und werden nicht mitgezählt.

Meiner Meinung nach unklar, ob die 14-Jährigen ausgenommen sind oder nicht, ist es in Bremen („ausgenommen sind Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren“), Mecklenburg-Vorpommern („Kinder, die das Alter von 14 Jahren noch nicht überschritten haben“), Sachsen-Anhalt („bis 14-jährige Kinder“) sowie im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein („Kinder bis 14 Jahre“).

Ziel dieser kleinen und wahrscheinlich stellenweise ungenauen Übersicht ist es nicht, den Behörden irgendwelche Unzulänglichkeiten nachzuweisen. Ob die 14-Jährigen bei der Größe von Privatgruppen mitzählen oder nicht, ist eines der kleineren Probleme, die wir zur Zeit haben (außer vielleicht in Familien mit 14-jährigen Zwillingen und Drillingen). Ich möchte hier nur aufzeigen, dass keine Einigkeit darüber herrscht, wie Angaben der Art „Kinder bis x Jahre“ genau zu verstehen ist. Nicht alle verstehen darunter dasselbe und eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Es ist deshalb besser, anders zu formulieren, wenn die Altersgrenze wichtig ist und Konflikte vermieden werden sollen. Wenn die 14-Jährigen mitgemeint sind, sagt man statt „Kinder bis 14 Jahre“ (oder „Kinder bis 15 Jahre“) besser zum Beispiel:

Kinder bis einschließlich 14 Jahre
Kinder unter 15 Jahren
Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr

Wie immer es formuliert ist und gemeint sein möge, ich wünsche allen, auch den 14-Jährigen, ganz gleich ob sie für die Gruppengröße mitgezählt werden müssen oder nicht, eine gute und gesunde Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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