Komplizierte Verbformen: „bis es eingeführt sein werden wird“?

Frage

Gestern Abend habe ich im Fernsehen [eine Politikerin] gesehen. Sie sagte:

… bis dies eingeführt sein werden wird

Äh, was?? Gehe ich recht in der Annahme, dass wir es hier mit einer Passiv-Konstruktion 3. Person Singular im Futur 2 Indikativ im Nebensatz zu tun haben? Wäre es nicht besser so: „… bis dies eingeführt sein wird“ oder „… bis dies eingeführt worden ist“? Haben Sie noch eine andere Idee?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die Form, die Sie gehört haben, gibt es nicht. Es ist aber nicht erstaunlich, dass der Politikerin die Verbformen durcheinandergeraten sind. Gerade in der gesprochenen Sprache sind solche Anhäufungen von Verbformen oft schwierig zu meistern, auch für Menschen, die das Deutsche im Allgemeinen gut beherrschen.

Gemeint war wahrscheinlich Folgendes:

 … bis dies eingeführt worden sein wird

Das ist tatsächlich die 3. Person Singular Futur II Indikativ Passiv des Verbs einführen. Solche Formen kommen relativ selten vor, nicht zuletzt, weil sie so komplex sind. Oft ist es einfacher und nicht weniger präzise, das Futur durch das Präsens zu ersetzen (das ist im Deutschen fast immer möglich) oder das Aktiv anstelle des Passivs zu verwenden:

… bis dies eingeführt worden ist
… bis dies eingeführt ist

… bis man dies eingeführt haben wird / eingeführt hat
… bis wir dies eingeführt haben werden / eingeführt haben

Es gibt also verschiedene einfachere Formulierungen. Doch beim freien Sprechen kommt man nicht immer sofort auf die ideale Formulierung, vor allem wenn der Inhalt des Gesagten auch noch stimmen sollte.  Wir sollten deshalb der Politikerin diesen Verbformen-Ausrutscher nicht übel deuten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eindeutigkeit in Lückentexten: „Ich will mit meiner … im Reinen sein“

Frage

In einem Lehrbuch für Deutschlernende mit anderer Herkunftssprache wird ein Satz vorgegeben, der mit dem richtigen Wort aus vier Optionen zu ergänzen ist.

Der Satz lautet: „Ich will eine Familie gründen und unabhängig leben. Ich will kein Heiliger werden, aber mit meiner … im Reinen sein.“

Die zur Wahl stehenden Ergänzungswörter lauten: 1. Gegenwart, 2. Vergangenheit, 3. Zeit, 4. Zukunft

Meines Erachtens erzwingt der vorgegebene Text nicht eine bestimmte Auswahl aus den vier Wahlmöglichkeiten. Jede von ihnen wäre denkbar, ergäbe einen Sinn. […] Aber vermutlich irre ich.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

Übungen in Lehrbüchern, insbesondere Lückentexte und Multiple-Choice-Aufgaben, sind nicht immer einwandfrei. Sie enthalten manchmal Übungssätze, die nicht so eindeutig sind, wie die Aufgabenstellung suggeriert. Der Übungssatz, den Sie hier anführen, ist ein solcher Fall, wahrscheinlich sogar ein krasser. Auch ich bin nämlich der Meinung, dass mit allen angegebenen Lösungswörtern ein sinnvoller und korrekter Satz entsteht. Es ist zwar so, dass man häufig mit sich selbst und/oder seiner Vergangenheit ins Reine kommt, es ist aber selbst mit einer schwierigen Vergangenheit nicht ausgeschlossen, auch mit seiner Gegenwart, Zukunft oder Zeit im Reinen sein zu wollen.

Gute Übungssätze zu finden ist schwierig, weil Äußerungen sehr oft nicht eindeutig sind, insbesondere wenn kein oder nur ein beschränkter Satzzusammenhang vorhanden ist. Wörter haben verschiedene Bedeutungen, die gleiche Bedeutung kann unterschiedlich ausgedrückt werden, aus fünf Wörtern lässt sich häufig, aber nicht immer erschließen, was das sechste Wort sein soll, usw. Dieser Problematik sind sich die meisten Verfasser und Verfasserinnen von Übungstexten bewusst, aber auch die erfahrensten von ihnen tappen hin und wieder in die Uneindeutigkeitsfalle.

Das hier Gesagte sollten Lernende übrigens nicht als Einladung verstehen, sich beim Ausfüllen solcher Übungen keine Mühe mehr zu geben. Auch wenn es manchmal zweifelhafte Übungssätze gibt, sind die meisten doch lösbar und hoffentlich auch hilfreich.

Zurück zu Ihrem Beispiel: Wenn es nicht möglich ist, in der Übung mehr als eine Lösung anzugeben, wenn es nicht einen weiteren, klärenden Kontext gibt und wenn der Satz nicht als eine Art Fallstrick gemeint ist, sollte er nicht in einer Übung stehen. Kurzum: Sie irren nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das knifflige Komma bei Infinitivgruppen: „das Maximum, das ich bereit war,[?] monatlich zu zahlen“

Frage

Ist das Komma nach „bereit war“ korrekt bzw. erlaubt?

Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war, monatlich für die Miete zu zahlen.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Infinitivgruppe sollte hier nicht durch ein Komma abgetrennt werden, weil sie den übergeordneten Satz umschließt. Das „das“ gehört nämlich auch zur Infinitivgruppe:

Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war monatlich für die Miete zu zahlen.

Infinitivgruppen können (resp. müssen, siehe hier) durch Kommas abgetrennt werden, wenn sie nach oder vor dem übergeordneten Satz stehen:

Ich war bereit(,) 500 Euro monatlich für die Miete zu zahlen.
500 Euro monatlich für die Miete zu Zahlen(,) war ich bereit.

Die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz sind aber nicht immer so schön „sauber“ voneinander getrennt. Dann steht in der Regel kein Komma. In Fällen wie den folgenden ist das Komma ausgeschlossen:

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe durch die Satzklammer des übergeordneten Satzes umschlossen wird. Das ist vor allem bei kürzeren Infinitivgruppen üblich, aber auch bei längeren möglich:

Ich habe versucht(,) dich zu verstehen.
Ich habe dich zu verstehen versucht.

Der Gemeinderat hat beschlossen(‚) die Brückensanierung durchzuführen.
Der Gemeinderat hat die Brückensanierung durchzuführen beschlossen.

Ich war bereit(,) 500 Euro Miete monatlich für die Miete zu zahlen.
Ich war 500 Euro Miete monatlich für die Miete zu zahlen bereit.

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz ineinander verschlungen sind. Formulierungen dieser Art sind nicht immer auf Anhieb leicht zu verstehen:

Dich und deine Ideen zu verstehen(,) will ich versuchen.
Dich und deine Ideen will ich zu verstehen versuchen.

Die Brückensanierung durchzuführen(,) hat der Gemeinderat beschlossen.
Die Brückensanierung hat der Gemeinderat durchzuführen beschlossen.

500 Euro monatlich für die Miete zu bezahlen(,) war ich bereit.
500 Euro monatlich war ich für die Miete zu bezahlen bereit.

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz umschließt. Diese Art der Formulierung dient dazu, den erstgenannten Satzteil besonders hervorzuheben. Im Allgemeinen sollte sie der Verständlichkeit zuliebe nur zurückhaltend verwendet werden.

Dich und deine Ideen will ich versuchen zu verstehen.
Die Brückensanierung hat der Gemeinderat beschlossen durchzuführen.
500 Euro monatlich war ich bereit für die Miete zu bezahlen.

Auch in Ihrem Beispiel umschließt die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz. Hier geht es aber nicht um Hervorhebung, sondern darum, dass das Relativpronomen, das zur Infinitivgruppe gehört, im Relativsatz an erster Stelle steht.

Das sind deine Ideen, die ich versuche zu verstehen.
Es geht um die Brückensanierung, die der Gemeinderat beschlossen hat unverzüglich durchzuführen.
Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war monatlich für die Miete zu zahlen.

Nicht weniger kompliziert und auch möglich:

Das sind deine Ideen, die ich zu verstehen versuche.
Es geht um die Brückensanierung, die der Gemeinderat unverzüglich durchzuführen beschlossen hat.
Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich monatlich für die Miete zu zahlen bereit war.

Zusammenfassend kann man faustregelartig sagen: Vor- und nachgestellte Infinitivgruppen können oder müssen mit Kommas abgetrennt werden. Infinitivgruppen, die in den übergeordneten Satz integriert, mit im verschlungen oder um ihn herum drapiert sind, stehen ohne Komma.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wozu die als-Gruppe gehört, bestimmt, ob ein Komma vor ihr steht

Frage

In einer John-Lennon-Biografie lese ich folgenden Satz:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau umzugehen als mit seiner zweiten.

Frage: Muss vor „als“ noch ein schließendes Komma gesetzt werden, weil die Infinitivgruppe mit „umzugehen“ endet, oder gehört das „als mit seiner zweiten“ noch zur Infinitivgruppe?

Genauso frage ich mich das bei diesem Satz:

Er wollte lieber eine Frau haben, die für sich einstehen konnte, als eine Frau, die Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte.

Antwort

Guten Tag Herr S.,

in beiden Sätzen sind die Kommas richtig gesetzt. Es geht um das vergleichende als und die Frage, wohin die als-Gruppe gehört.

Im ersten Satz gehört der Vergleich mit als zur Infinitivgruppe. Er steht zwar hinter dem abschließenden umzugehen, aber vergleichende als-Gruppen stehen häufig ganz am Schluss (im Nachfeld). So sieht der Satz aus, wenn man die als-Gruppe im Satzinneren belässt:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau als mit seiner zweiten umzugehen.

Auch wenn man sie an den Schluss verlagert, wird sie nicht durch ein Komma abgetrennt:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau umzugehen als mit seiner zweiten.

Ebenso ohne Komma vor als in Fällen wie diesen, auch wenn die als-Gruppe nachgestellt ist:

Es ist besser, ein gutes Buch zu lesen als ein schlechtes.
Es stimmt, dass wir weniger Geld eingesammelt haben als nötig.
Du siehst in einem T-Shirt eleganter aus als er in Anzug und Krawatte.

Ein anderer Fall ist Ihr zweiter Satz. Dort muss ein Komma stehen, weil die als-Gruppe nicht zum Nebensatz gehört, der vor ihr abgeschlossen wird:

Er wollte lieber eine Frau haben, die für sich einstehen konnte, als eine Frau, die Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte.

Ebenso mit einem abschließenden Komma vor als:

Es ist besser, ein gutes Buch zu lesen, das man schon kennt, als eines, das zwar neu, aber schlecht ist.
Es stimmt, dass wir weniger Geld eingesammelt haben, jedenfalls bis jetzt, als nötig.
Du siehst in einem T-Shirt eleganter aus, finde ich, als er in Anzug und Krawatte.

Bei vergleichendem als sollte man also zuerst schauen, ob es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (→ Komma vor als) oder ob dies, wie in Ihren Beispielen, nicht der Fall ist (→ kein Komma vor als). Und wie auch bei und und oder kann im zweiten Fall doch ein Komma nötig sein, wenn vor als ein Nebensatz oder Einschub abgeschlossen wird, zu dem die als-Gruppe nicht gehört.

Diese abschließende Zusammenfassung ist komplizierter, als ich es gehofft hatte / komplizierter als erhofft / komplizierter, muss ich zugeben, als erhofft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ostern

Wie fast jedes Jahr kam mir in den Sinn, dass ich zu Ostern etwas über das Wort Ostern schreiben könnte. Wie jedes Mal musste ich feststellen, dass die Herkunftsgeschichte nicht viel hergibt. Sie ist nämlich ungewiss.

Neben dem deutschen Ostern gibt es nur im Englischen eine verwandte Bezeichnung: Easter. Laut einigen etymologischen Wörterbüchern gehen die beiden Wörter auf Ostara, den Namen einer germanischen Frühlingsgöttin, zurück.

Vermutete Frühlingsgöttin Ostara

Eine germanische Frühlingsgöttin, deren Namen zur Bezeichnung für das Osterfest wurde, das klingt sehr poetisch und sogar ein bisschen mystisch. Andere meinen aber, dass es für diese Erklärung keine Belege und nicht genug andere Beweise gebe. Für einen schönen Osterblog reicht das also kaum.

Eine andere Herleitung erwähnt den Begriff Albae paschales – das waren offenbar gewisse weiße Kirchengewänder – und bringt ihn umständlich in Verbindung mit dem Wort Osten. Wirklich überzeugend finde ich das Ganze nicht, soweit ich es überhaupt verstanden habe. Auch das ergibt also kein schönes Thema für einen Blogartikel zu Ostern (für mehr zur Wortherkunft siehe hier).

Es bleibt mir somit nur Folgendes: Ihnen allen wünsche ich schöne Ostertage, und mir wünsche ich, dass ich von nun an nicht mehr jedes Jahr kurz vor den Osterferien über dasselbe Thema stolpern werde. Wenn Sie längere Zeit nicht von mir hören, liegt das daran, dass ich eine Osterpause einlege.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

„Anders, als wir glaubten“ oder „Anders als wir glaubten“?

Frage

Wir schlagen uns gerade mit einem Satz herum. Es geht um die Kommasetzung:

A) Teurer sind sie nicht, aber, anders, als wir glaubten, auch nicht besser.
B) Teurer sind sie nicht, aber anders, als wir glaubten, auch nicht besser.

Ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

für mich gibt es noch eine andere, vielleicht etwas „gewagte“ Variante:

C) Teurer sind sie nicht, aber anders als wir glaubten, auch nicht besser.

Ich halte hier anders als für eine erweiterte Nebensatzeinleitung, die als Gegensatz zu so wie oder genauso wie gelesen werden kann.

Teurer sind sie nicht, so wie wir glaubten, aber auch nicht besser.
Teurer sind sie nicht, anders als wir glaubten, aber auch nicht besser.

So wie ich gedacht hatte, ging alles sehr schnell.
Anders als ich gedacht hatte, ging alles sehr schnell.

Es ging alles gut, genauso wie ich es erwartet hatte.
Es ging alles gut, anders als ich es erwartet hatte.

Wenn man diese Interpretation akzeptiert, muss zwischen anders und als kein Komma stehen. Akzeptiert man sie nicht, muss ein Komma gesetzt werden:

Teurer sind sie nicht, aber anders, als wir glaubten, auch nicht billiger.

Ich  halte beides für vertretbar.

Dann noch zum Komma nach aber: Nach einer Konjunktion steht in der Regel kein Komma, und zwar auch dann nicht, wenn das Angefügte mit einem Nebensatz o. Ä. beginnt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Sie waren gegen mein Vornehmen, aber als ich es ihnen erklärte, stimmten sie zu.
Teurer sind sie nicht, aber anders(,) als wir glaubten, [sind sie] auch nicht billiger.

Ich halte deshalb das Komma vor anders für unnötig, auch wenn die mit anders beginnende Wortgruppe als Einschub gekennzeichnet sein soll. Sie können dann besser Gedankenstriche oder Klammern verwenden**:

Teurer sind sie nicht, aber – anders(,) als wir glaubten – auch nicht billiger.

Es gibt also m. M. n. für Ihren Satz diese Schreibweisen:

Teurer sind sie nicht, aber anders als wir glaubten, auch nicht billiger.
Teurer sind sie nicht, aber anders, als wir glaubten, auch nicht billiger.

Dies alles gilt natürlich nicht, wenn anders zum übergeordneten Satz gehört. Dann muss ein Komma stehen:

Es kam alles anders, als ich erwartet hatte.
Sie sind anders, als wir glaubten, und auch nicht billiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Wenn man es ganz genau nimmt, kann man auch für ein Komma nach aber argumentieren, denn Einschübe, die mit Gedankenstrichen abgetrennt werden, können im Prinzip auch durch Klammern oder Kommas abgetrennt werden:

Teurer sind sie nicht, aber, anders(,) als wir glaubten, auch nicht billiger.

Es gilt aber immer noch, dass man der Lesbarkeit zuliebe besser Gedankenstriche oder Klammern verwendet.

Der Ursprung des Wortes »Krieg«

Im etymologischen Wörterbuch von W. Pfeifer1 steht:

Krieg m. ‘bewaffnete Auseinandersetzung’, ahd. krieg ‘Beharrlichkeit, Hartnäckigkeit, Rechthaberei’ (10. Jh.), mhd. kriec, krieg ‘Anstrengung, Bemühen, Streben nach oder gegen etw., Widerstreben, Widerstand, Zwietracht’, auch ‘Streit mit Waffen, Kampf, bewaffnete Auseinandersetzung’ […]

Das Wort Krieg gab schon im Althochdeutschen. Es bedeutete Beharrlichkeit, Hartnäckigkeit, Rechthaberei. Seine Bedeutung hat sich zu dem verändert und verengt, was wir heute unter dem Wort verstehen. Woher es ursprünglich stammt, ist ungeklärt. Zu welchem Elend das, was es bedeutet, unweigerlich führt, ist bekannt.

Ob es überhaupt einen „gerechtfertigten“ Krieg geben kann, weiß ich nicht. Der nun in Europa angestiftete Krieg ist es bestimmt nicht. Rechtfertigungen werden mit Wörtern ausgedrückt; Lügen auch.

1„Krieg“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Krieg>, abgerufen am 1. März 2022

Lifttestturm

Wie der Titel zeigt, gibt es Wörter, die man auf Anhieb kaum lesen kann. Einem solchen Wort bin ich auf der Autobahn zwischen Singen und Stuttgart begegnet. Zuerst bin ich eigentlich dem Ding begegnet, das mit dem Wort bezeichnet wird: Von der Autobahn aus sieht man ein Bauwerk, das groß aussieht, sehr groß sogar, so groß, dass ich zuerst an eine optische Täuschung dachte. Beim zweiten und dritten Hinsehen blieb der Turm aber so riesig, wie er auf den ersten Blick schon ausgesehen hatte. Ein Blick ins „allwissende“ Internet zeigte bald, dass es sich um einen 246 Meter hohen Turm handelt, einen Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge (Tipp für Fans von Weit- und Hinuntergucken: Der TK-Elevator-Testturm in Rottweil hat offenbar die höchste Besucherplattform Deutschlands).

Da ich aus einer deutschsprachigen Ecke komme, in der man eher den Lift als den Aufzug oder den Fahrstuhl nimmt, notierte ich mir diese Entdeckung als Lifttestturm. Schon beim Aufschreiben stolpert man irgendwie über die Buchstaben, und als ich die Notiz gestern wieder las, gelang es mir nicht, das Wort sofort zu erkennen. Wäre es nicht ein typischer Fall für einen Bindestrich? Lift-Testturm liest sich schon ein bisschen besser, aber auch beim Lesen von Testturm kommt das Auge gewissermaßen kurz ins Holpern. Da ich einem Zuviel an „verdeutlichenden“ Bindestrichen kritisch gegenüberstehe, kommt für mich Lift-Test-Turm nicht in Frage.

Ich will die Sache nun nicht komplizierter darstellen, als sie ist. Wenn man einmal weiß, dass der Turm dem Testen von Aufzügen dient, meistert man auch Lift-Testturm und Lifttestturm ohne größere Schwierigkeiten. Es geht mir hier auch nicht um ein besonderes orthografisches Problem oder einen wichtigen Rechtschreibhinweis. Mir hat einfach gefallen, dass es Wörter gibt, die beim Lesen ähnliche Schwierigkeiten bereiten wie Zungenbrecher beim Sprechen. Bekanntere Beispiele sind Baumentaster, Fahrspurende, Quietscheente, Rohrohrzucker, Urenkelchen. Dieser Reihe füge ich hiermit Lifttestturm hinzu.

Vom Hufeisen bis zum Kaminfeger: Wenn Begriffe etwas anderes bedeuten

Was haben das Hufeisen, der Fliegenpilz, das vierblättrige Kleeblatt, der Marienkäfer, das Schwein und der Schornsteinfeger gemein? Weshalb wundert sich wohl kaum jemand, dass ich hier etwas Unbelebtes, einen Pilz, eine besondere Erscheinungsform eines Schmetterlingsblütlers, ein Insekt, ein Haustier und eine Berufsbezeichnung zu einer Gruppe zusammenfasse? Es sind alles konkrete Begriffe, viel mehr Gemeinsames haben sie nicht, wenn man ihre wörtliche Bedeutung betrachtet.

Diese konkreten Begriffe verbindet, dass sie alle dieselbe übertragene Bedeutung haben: Sie stehen symbolisch für den abstrakten Begriff „Glück“. Es sind Glückssymbole, die vor allem zum Jahreswechsel immer wieder auftauchen. Sie sind meist schon alt, aber immer noch lebendig und einige haben es sogar schon zum Emoji geschafft.

Das Hufeisen, der Fliegenpilz, das vierblättrige Kleeblatt, der Marienkäfer, das Schwein und der Schornsteinfeger sind schöne Beispiele dafür, dass viele Wörter und Begriffe nicht einfach nur eine einzige Bedeutung haben und wie weit die neue Bedeutung von der ursprünglichen entfernt sein kann. Genau wie die ursprüngliche Bedeutung muss man auch die übertragene Verwendung lernen, denn sonst bleiben die Abbildungen eines Hufeisens, eines Schweinchens oder eines Kleeblattes auf einer Neujahrskarte unverständlich. So habe ich erst vor gar nicht so langer Zeit erfahren, was die Bedeutung der japanischen und chinesischen winkenden Katzen ist, die man auch bei uns immer häufiger sieht: Sie sollen Glück bringen (wenn sie mit der rechten Voderpfote winken). Davor waren diese winkenden Katzen für mich nur ein dekoratives Element, dem ich – aus Unkenntnis zu Unrecht – keine weitere Bedeutung zumaß.

Ob nun der Marienkäfer, das Schwein oder die winkende Katze das Glückssymbol Ihrer Wahl ist, aber auch wenn Sie Glückssymbolen gar nichts abgewinnen können: Ich wünsche allen alles Gute und viel Glück im neuen Jahr!

Hier sollten, glaube ich, Kommas stehen

Frage

Ich bin bei der Kommasetzung unsicher. Diese Unsicherheit würde ich gerne beseitigen. Es geht um den folgenden Satz:

Darauf wird denke ich unser Hauptaugenmerk gerichtet sein müssen.

Antwort

Guten Tag L.,

in diesem Satz ist „denke ich“ ein Einschub, der durch Kommas abgetrennt werden sollte. Es geht nicht um einen formelhaft verkürzten Nebensatz wie zum Beispiel bei „wenn möglich“ oder „wie bereits gesagt“, sondern um einen eingeschobenen Hauptsatz. Eingeschobene Hauptsätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt im Prinzp auch für kurze eingeschobene Sätze wie diese:

Darauf wird, denke ich, unser Hauptaugenmerk gerichtet sein müssen.
Du hast, glaube ich, alles richtig verstanden.
Man soll, heißt es, den Tag nicht vor dem Abend loben.
Wer, glaubst du, hat es getan?

Das macht, finde ich, das Lesen einfacher, wie ich kürzlich schon einmal bei einer ähnlichen Frage geschrieben habe.

Das Gesagte gilt, wie das meiste in diesem Blog, für mehr oder weniger standardsprachliche Texte. In der Umgangssprache, insbesondere in den sozialen Medien, werden Wendungen wie „glaub(e) ich“ und „denk(e) ich“ sehr häufig ohne Kommas verwendet:

Du hast glaub ich recht.
Wir haben denke ich einen guten Job gemacht.

Das ist nicht unbedingt falsch. Auch in der gesprochenen Umgangssprache werden diese Wendungen häufig nicht wie Einschübe, sondern wie feste adverbiale Wendungen behandelt, das heißt, sie werden ganz ohne Pausen in den Satz eingefügt. Wenn also umgangssprachlich geschrieben wird oder Umgangssprachliches wiedergegeben werden soll, ist es vertrebar, die Kommas wegzulassen. Aber sonst, meine ich, sollten sie gesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp