Sich auf, für oder zu etwas committen

Frage

Heißt es „sich auf etwas committen“ oder „sich zu etwas committen“? Ist beides möglich im Sinne von „sich auf etwas verständigen“ bzw. „sich zu etwas bekennen“?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach zum Beispiel DWDS und PONS heißt es „sich zu etwas committen“. Das stimmt mit der Präposition überein, die auch bei den deutschen Entsprechungen „sich zu etwas verpflichten“ und „sich zu etwas bekennen“ steht. Verben aus anderen Sprachen übernehmen häufig die Konstruktion eines deutschen Verbs mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Das „zu“ kann aber auch eine direkte Übersetzung des „to“ im englischen „to commit to something“ sein.

In der freien Sprachwildbahn kommen allerdings auch die Formulierungen „sich auf etwas committen“ und „sich für etwas committen“ vor, dies vielleicht unter dem Einfluss von deutschen Konstruktionen wie „sich auf etwas festlegen“ bzw. „sich (bedingungslos) für etwas einsetzen“.

Der Gebrauch von „sich committen“ hat sich offensichtlich im Deutschen noch nicht stabilisiert. Das gilt nicht nur für die Präposition, mit der das Verb verwendet wird, sondern auch für seine Bedeutung. Nicht alle verwenden „sich committen“ mit der gleichen Bedeutung. Das kann einen Einfluss auf die Wahl der Präposition haben. Wirklich falsch ist also keine der Präpositionen. Wenn ich dieses Verb überhaupt verwenden würde*, wählte ich „sich zu etwas committen“, weil für mich „sich committen“ am nächsten bei „sich verpflichten“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich dieses Verb je verwenden werde, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht – und außerdem ist das eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Nicht alle transitiven Verben sind gleich transitiv

Frage

Können gewisse Verben sowohl transitiv als auch intransitiv sein? So zum Beispiel das Verb geben in „Ich gebe ihr die Hand“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt bei sich haben. Verben die kein Akkusativobjekt bei sich haben können, sind intransitiv. So weit die einfache Darstellung. Natürlich ist die ganze Sache – wie so oft, wenn es um sprachliche Kategorien geht – etwas komplizierter. Es folgt eine einfache Darstellung der wichtigsten Fälle anhand von Beispielverben:

  • Das Verb „verteidigen“ ist ein transitives Verb mit einem obligatorischen Akkusativobjekt:

jemanden/etwas verteidigen
Sie verteidigen die Burg.
nicht: *Sie verteidigen.

  • Das Verb „lesen“ ist ein transitives Verb, das auch ohne Akkusativobjekt verwendet werden kann:

etwas lesen
Ich lese ein Buch.
auch: Ich lese.

Transitive Verben können neben dem Akkusativobjekt auch andere Objekte (obligatorisch oder fakultativ) bei sich haben. Das ist unter anderem beim Verb in Ihrer Frage der Fall:

  • Das Verb „geben“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Dativobjekt hat:

jemandem etwas geben
Ich gebe dir die Hand.

  • Das Verb „beschuldigen“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Genitivobjekt haben kann:

jemanden [einer Sache] beschuldigen
Sie beschuldigen ihn der sexuellen Belästigung.

  • Das Verb „erinnern“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Präpositionalobjekt hat:

jemanden an jemanden/etwas erinnern
Sie erinnert ihn an seine Schwester.

Bis jetzt haben wir keine Verben gesehen, die transitiv und intransitiv sind (im Satz „Ich lese“ gilt „lesen“ als intransitiv verwendetes transitives Verb). Es gibt aber einige Verben, die transitiv und intransitiv sein können. Dabei verändert sich die Bedeutung. Zum Beispiel:

  • Das Verb „rollen“ kann transitiv sein (etwas rollend fortbewegen), es kann aber auch intransitiv sein (sich rollend fortbewegen):

transitives Verb: Ich rolle den Ball.
intransitives Verb: Der Ball rollt.

  • Das Verb „kochen“ kann ein transitives Verb sein (durch Erhitzen [Speisen] zubereiten), das auch ohne Akkusativobjekt stehen kann. Es kann aber auch intransitiv sein (siedend sein):

transitives Verb: Ich koche die Kartoffeln.
intransitiv verwendetes transitives Verb: Ich koche gern.
intransitives Verb: Die Milch kocht.

Es gibt also transitive Verben, die auch intransitiv verwendet werden (z. B. „lesen“), es gibt transitive Verben, die neben dem Akkusativobjekt noch weitere Ergänzungen bei sich haben (z. B. „geben“, „beschuldigen“, „erinnern“) und es gibt transitive Verben, die eine intransitive Variante haben (z. B. „rollen“, „kochen“). Und das ist noch nicht alles, denn es gibt auch noch reflexive Verbvarianten, pseudotransitive Verben u. a. m. Diese Darstellung zeigt aber so schon, dass nicht einmal ein relativ einfaches grammatisches Konzept wie „transitiv–intransitiv“ wirklich einfach ist. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Es“ oder „so viel“: Was ist das Subjekt in „Es wurde so viel verlangt“?

Frage

Gegeben ist ein einfacher Passivsatz:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.

Die Frage ist, was das Subjekt des Hauptsatzes ist. Zunächst dachte ich, dass es das weggelassene „es“ sein muss: „Es wurde in der Firma so viel verlangt …“. Dann fiel mir ein, dass das Verb „verlangen“ ein Akkusativobjekt („viel“) hat. Dann müsste „viel“ das Subjekt im Passivsatz sein. Leider konnte ich dazu keine Erläuterung finden, mit der ich mit Sicherheit die eine oder andere Lösung als richtig oder falsch beurteilen konnte.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in Ihrem Satz ist tatsächlich die Pronomengruppe „so viel“ das Subjekt. Bei einem transitiven Verb (= einem Verb mit Akkusativobjekt) wird das Akkusativobjekt im Passiv zum Subjekt (vgl. hier):

Aktiv:
Man verlangte in der Firma so viel
(Man verlangte wen oder was?)

Passiv:
So viel wurde in der Firma verlangt …
(Wer oder was wurde verlangt?)

Dass „so viel“ das Subjekt ist, sieht man auch dann gut, wenn Sie „so viel“ durch „so viele Dinge“ ersetzen. Das Verb wird dann in den Plural gesetzt, weil es in Numerus und Person mit dem Subjekt übereinstimmen muss:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.
In der Firma wurden immer so viele Dinge verlangt, dass ich abends todmüde war.

Das Subjekt ist hier also „so viel“. Aber wenn „so viel“ das Subjekt ist, was ist dann „Es“ am Anfang der folgenden Formulierung?

Es wurde in der Firma immer so viel verlangt …

Dieses „es“ ist das sogenannte Platzhalter-es. In einem deutschen Aussagesatz muss immer ein Satzteil vor dem gebeugten Verb stehen. Das ist eine der wenigen „ehernen Gesetzte“ der deutschen Grammatik. Es ist so stark, dass man den Satz mit einem völlig bedeutungslosen „es“ beginnt, wenn sonst nichts vor der gebeugten Verbform steht. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem

Die als-Gruppen sind zu Recht einer Ihrer „Lieblingsproblemfälle“. In welchem Fall das Substantiv in einer als-Gruppe stehen sollte, ist nämlich bei Weitem nicht immer eindeutig. Entsprechend groß ist die Unsicherheit, die daraus entstehen kann – insbesondere dann, wenn man anfängt darüber nachzudenken. Wenn ich alle Aspekte dieser Frage ausführlich in Artikeln beschreiben wollte, wäre der Blog bis Ende Jahr gefüllt – und ich übertreibe nur mäßig. Weil das recht langweilig wäre, veröffentliche ich weiterhin einfach hin und wieder Einzelfragen zu diesem Thema (eine Übersicht der Regeln und Ausnahmen finden sie auf dieser Grammatikseite). Heute eine Frage von Herrn K.:

Frage

Wir sind uns intern nicht einig, welcher Fall nach „als“ gesetzt werden soll. Der Satz lautet folgendermaßen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO [ein Firmenname] als attraktiver/attraktivem Arbeitgeber.

Setzt man nach „als“ den Nominativ oder den Dativ?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die Uneinigkeit ist begreiflich, denn das Thema ist sehr komplex – und beide Formulierungen sind möglich.

Als Grundregel gilt, dass eine als-Gruppe dieser Art im gleichen Fall steht wie das Wort, auf das sie sich bezieht. In Ihrem Satz kann die als-Gruppe sich auf „TERMO“ beziehen. Der Firmenname steht im Dativ, den „von“ verlangt. Die als-Gruppe kann also im Dativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktivem Arbeitgeber.

Ebenso zum Beispiel:

Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuem Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billigen Arbeitskräften.

Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen zu dieser Grundregel. Mit einer solchen haben wir es auch hier zu tun:

Wenn eine als-Gruppe wie hier bei einem Präpositionalattribut mit „von“ steht, kann sie auch vom übergeordneten Substantiv abhängig sein. Das übergeordnete Substantiv ist hier „Konstanz“ und das dazugehörende Präpositionalattribut mit „von“ ist „von TERMO“. Wenn dies der Fall ist, kann die als-Gruppe im Nominativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktiver Arbeitgeber.
Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuer Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billige Arbeitskräfte.

In diesem Fall (die als-Gruppe enthält ein gebeugtes Adjektiv, aber keinen Artikel) ist die Konstruktion mit dem Nominativ gebräuchlicher, der Dativ gilt aber ebenfalls als richtig (vgl. hier).

Man sollte bei der Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem nicht übertreiben, aber einfach machen sie es uns wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Haben oder sind wir im Kreis getanzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Verb „tanzen“. Wird es in diesem Satz mit „haben“ oder „sein“ verwendet?

Wir haben/sind im Kreis getanzt.

Ich habe im Wörterbuch die folgende Erklӓrung gefunden: „sich tanzend oder mit hüpfenden Schritten fortbewegen (durch den Saal tanzen)“, aber ich weiß nicht, ob sich diese Regel auf meinen Satz bezieht. Oder hӓngt es vielleicht davon ab, was man damit meint (Tanzart oder eine Bewegung)?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

beide Hilfsverben können hier verwendet werden. Welches man wählt, hängt  – wie Sie richtig vermuten – davon ab, was genau gemeint ist.

Wie viele Bewegungsverben kann „tanzen“ mit „haben“ und mit „sein“ konjugiert werden. Mit „haben“ steht transitives „tanzen“ (= „tanzen“ mit einem Akkusativobjekt):

Wir haben einen Tango getanzt.
Er hat mit mir einen Wiener Walzer getanzt.
auch: Sie haben den ganzen Abend Walzer/Tango/Salsa getanzt.

Intransitives „tanzen“ wird mit „haben“ konjugiert, wenn die Handlung des Tanzens gemeint ist:

Sie haben die ganze Nacht getanzt.
Ich habe früher viel getanzt.
Sie hat nicht mit mir getanzt.

Das Hilfsverb „sein“ wird dann verwendet, wenn mit „tanzen“ gemeint ist, dass man sich tanzend fortbewegt (Ortsveränderung):

Sie sind durch den ganzen Saal getanzt.
Sie ist vor Freude über den Hof getanzt.
Die Schneeflocken sind vom Himmel getanzt.

Das bedeutet für Ihr Beispiel, dass erst der weitere Zusammenhang angeben kann, welches Hilfsverb man hier am besten wählt:

Wir sind vor Freude im Kreis getanzt (= vor Freude herumgetanzt)
Wir haben im Kreis getanzt (= einen Kreistanz/Rundtanz ausgeführt)

Im Prinzip ist also beides möglich. Außerdem ist die Trennung manchmal gar nicht so streng, weil nicht immer eindeutig ist, ob Tanzart oder die Bewegung (oder beides) gemeint ist. Das Hilfsverb bei Bewegungsverben hat übrigens schon manchen Deutschlernenden ein oder zwei Seufzer entlockt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„An“ oder „von“: Ist es ein Feuerwerk an Einfällen oder von Einfällen?

Frage

Ich lese immer wieder die Präposition „an“, wo ich eher einen Genitiv oder evtl. ein zusammengesetztes Substantiv setzen würde, zum Beispiel „ein Feuerwerk an Einfällen“, „eine Variation an Veranstaltungen“, „das Angebot an Wohnungen“. Wie ist das: Lässt sich das Wort „an“ einfach mit dem Genitiv vertauschen? […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

wie so häufig bei Sprachlichem lautet die Antwort ja und nein. Manchmal kann oder sollte eine Formulierung mit „an“ statt eines Genitivattributs oder einer Präpositionalgruppe mit „von“ stehen.

Mit „an“ wird eine unbestimmte Menge als Attribut zu bestimmten Substantiven angegeben (z. B. „ein Mangel an [innovativen] Ideen“). Dieselbe Funktion/Bedeutung kann der Genitiv resp. die Präposition „von“ haben (z. B. „eine Flut innovativer Ideen“, „eine Flut von [innovativen] Ideen“). Es hängt dabei vom Substantiv ab, ob „an“ üblich, möglich oder ungebräuchlich ist.

  • In der Regel mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

die Armut an Bodenschätzen
die Armut an hochwertigen Bodenschätzen
der Bedarf an Hilfskräften
der Gehalt an Silber
der Mangel an Ideen
der Reichtum an Bodenschätzen
ein Überfluss an Konsumgütern

  • Mit „an“ oder „von“ resp. Genitiv bei z. B. diesen Substantiven:

das Angebot an/von Wohnungen
das Angebot an/von bezahlbaren Wohnungen / das Angebot bezahlbarer Wohnungen
ein Übermaß an/von Freude
eine Vielfalt an/von Herausforderungen
der Zuwachs an/von Neukunden

  • Üblicherweise nicht mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

ein Heer von Ameisen
ein Heer von fleißigen Ameisen / eine Heer fleißige[r] Ameisen
eine Vielzahl von Vorschriften
eine Flut von Beschwerden

  • Bei Substantiven, die im übertragenen Sinne verwendet werden, kommen ebenfalls häufig verschiedene Formulierungen vor:

ein Feuerwerk an/von Einfällen
ein Feuerwerk an/von guter Laune / ein Feuerwerk guter Laune
ein ganzer Reigen an/von Sehenswürdigkeiten
ein Schatz an/von Weisheit

Es gibt also keine feste Regel, wann „an“ und „von“ resp. der Genitiv bei dieser Art von Angaben mit unbestimmten Mengen zu verwenden sind. Entscheidend ist der Gebrauch und entsprechend groß ist die Variation, der man in der Sprachrealität begegnen kann. Häufig ist beides gebräuchlich. Bei Zweifel hilft oft – aber leider nicht immer – ein Blick ins Wörterbuch. Was dort steht, gilt als akzeptiert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch ohne übergeordnetes Substantiv kann „an“ bei der Angabe unbestimmter Mengen erscheinen:

Was wurde an Beweisen gefunden
Was haben Sie an preiswerten Tablets auf Lager?

Indikativ und Konjunktiv in Konditionalgefügen: Wie wäre es, wenn wir gehen/gingen?

Frage

Ich kann den folgenden Satz nicht richtig einordnen:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen?

Mein Sprachgefühl verlangt hier das Wort „würde“, also:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen würden?

Zunächst habe ich an einen irrealen Bedingungssatz oder Ähnliches gedacht: „Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden, dann könnten wir den Film um 20 Uhr noch sehen.“ Ich glaube aber, dass ich falsch liege. Das „wie wäre es“ lässt sich doch auch ersetzen. […] Bevor ich noch länger darüber nachdenke, frage ich lieber jemanden, der sich damit auskennt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

der Satz, den Sie nicht richtig einordnen können, hat die Form eines Konditionalgefüges. In einem Konditionalgefüge beinhaltet ein Teilsatz eine Bedingung und ein Teilsatz die Folge bei Erfüllung dieser Bedingung. Im Prinzip stehen dabei beide Teilsätze im Indikativ oder beide Teilsätze im Konjunktiv II (o. würde-Form).

Im Indikativ wird das Gesagt als real angenommen:

Ich komme, wenn ich Zeit habe.
Wenn du gut für dich sorgst, wirst du bald wieder gesund sein.
Errätst du die Zahlen richtig, gewinnst du den Hauptpreis.

Im Konjunktiv II wird das Gesagte als irreal, nur gedacht angenommen:

Ich käme, wenn ich Zeit hätte.
Wenn du besser für dich sorgen würdest/sorgtest, wärst du bald wieder gesund.
Hättest du die Zahlen richtig erraten, hättest du den Hauptpreis gewonnen.

Vor allem in der gesprochenen (Umgangs)sprache kommen auch Formulierungen vor, in denen der Indikativ und der Konjunktiv gemischt werden. Das ist in Ihrem Beispiel der Fall:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen?

Das hat damit zu tun, dass der Konjunktiv II hier nicht „irreal“, sondern einfach nur höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn …? = Was hältst du davon, wenn …?

Ihre Annahme, dass kein echter irrealer Bedingungssatz vorliegt, ist also richtig. Im formaleren Sprachgebrauch sollten solche „Mischformen“ aber besser vermieden werden, also auch dann, wenn der Konjunktiv II einfach höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen würden/gingen?

Auch ein „nur“ höflich gemeintes irreales Konditionalgefüge formuliert man stilistisch besser mit doppeltem Konjunktiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sitzt man vor einem Glas kühlem Weißwein oder kühlen Weißweins?

Frage

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

es geht hier um eine Mengenangabe, in der das Gemessene im Singular steht und von einem gebeugten Adjektiv begleitet wird. Dann ist im heutigen Deutsch die Angleichung im Fall üblich, das heißt, das Gemessene (hier: „kühler Weißwein“) steht im gleichen Fall wie die Maßeinheit (hier: „Glas“).

Ein Glas kühler Weißwein stand vor ihr.
Sie trank ein Glas kühlen Weißwein.
mit einem Glas kühlem Weißwein
der Effekt eines Glases kühlen Weißweins

Sechs Flaschen stilles Wasser kosten € …
Wir haben sechs Flaschen stilles Wasser gekauft.
mit sechs Flaschen stillem Wasser
der Preis einer Flasche stillen Wassers

100 g grüner Tee
für 100 g grünen Tee
mit 100 g grünem Tee
wegen 100 g grünen Tees

Als gehoben oder veraltend gilt hier der partitive Genitiv, den echte Genitivfans aber auch benutzen können:

Ein Glas kühlen Weißweins stand vor ihr.
Wir haben sechs Flaschen stillen Wassers gekauft.
mit 100 g grünen Tees

Zurück zu Ihrem Satz. Dort steht „Glas“ im Dativ, der von „vor“ verlangt wird. Entsprechend sollte auch das Gemessene im Dativ stehen:

Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.

Ebenfalls möglich, aber veraltend oder gehoben ist diese Formulierung:

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins

Nicht richtig ist *„Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein“.

Mehr hierzu finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ob nun ein Glas kühler Weißwein vor Ihnen steht oder Sie vor einem Glas stillem Wasser sitzen, genießen Sie den Sommer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es immer das gleiche oder immer dasselbe Lied?

Frage

Heißt es a): „Jeden Tag singt sie dasselbe Lied“, oder b): „Jeden Tag singt sie das gleiche Lied“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

unter anderem im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht wird die Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das gleiche“ manchmal als eine Art eiserne Regel vorgestellt, die es so eisern gar nicht gibt. Nach dieser Regel bezeichnet „das gleiche“ Identität der Art und „dasselbe“ Identität des Einzelnen:

Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft. (Identität der Art)
Heute trägt er dasselbe T-Shirt wie gestern. (Identität des Einzelnen)

Lea und Lisa fahren das gleiche Auto (Identität der Art, also je ein eigenes Auto)
Lea uns Lisa fahren dasselbe Auto (Identität des Einzelnen, also ein gemeinsames Auto)

Diese einleuchtende Regel funktioniert bei T-Shirts und Autos problemlos. Sie ist aber häufig gar nicht notwendig, denn normalerweise ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang eindeutig, welche Art der Identität gemeint ist. Viele andere Sprachen kommen mit nur einem Wort für beides aus (z. B. „the same“, „le même“, „lo mismo“, „lo stesso“, „hetzelfde“). Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die vorgeschlagene Unterscheidung auch im Deutschen häufig nicht eingehalten wird (und meist auch gar nicht eingehalten werden muss).

Ihr Beispiel zeigt ein anderes Problem bei der Unterscheidung, um die es hier geht: Gerade bei abstrakteren Begriffen ist es oft schwierig bis unmöglich, zwischen der Identität der Art und der Identität des Einzelnen zu unterscheiden. Ist das Lied, das jeden Tag gesungen wird, am Dienstag dasselbe oder das gleiche wie am Montag? Es ist insofern nicht identisch, als es zu verschiedenen Zeitpunkten gesungen wird → das gleiche Lied. Komposition und Text hingegen sind identisch → dasselbe Lied. Eine Unterscheidung zwischen „dasselbe Lied“ und „das gleiche Lied“ ist vielleicht nicht unmöglich, die dafür notwendigen Entscheidungskriterien wären aber für den normalen Sprachgebrauch viel zu umständlich.

Kurzum, beide Formulierungen sind richtig:

Sie singt jeden Tag dasselbe Lied.
Sie singt jeden Tag das gleiche Lied.

Es gibt hier auch keinen Bedeutungsunterschied. Mehr zum gleichen oder zu demselben Thema finden Sie in diesem einige Jährchen alten Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wiederholte Verbformen lassen sich häufig, aber nicht immer einsparen

Frage

Es geht um das Weg- oder Auslassen von sich ähnlichen und sich anscheinend wiederholenden Satzteilen, meist Verben oder Hilfsverben. Man könnte meinen, es wäre so etwas wie eine Ellipse, doch im Unterschied dazu sind die potenziell auslassbaren Satzteile eben nicht gleich, sondern nur ähnlich. Hier zwei konstruierte Beispiele:

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank mit dem Fahrrad nach Bielefeld
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm nicht.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten in dieser Art und man ist oberflächlich versucht, darüber hinwegzulesen. Doch bei genauerem Hinsehen müsste es natürlich heißen: „… aber Frank fährt …“ und „… aber Wilhelm ist es nicht …“.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

identische Verbformen können weggelassen werden:

Lisa isst einen Apfel und Leo _ eine Birne. [isst]
Die Eltern sind schon hier, aber die Kinder _ noch nicht _.
[sind … hier]

Verbformen können auch dann eingespart werden, wenn sie nicht dieselben grammatischen Merkmale (Person, Numerus) haben. Dabei werden nicht alle Einsparungen von allen gleichermaßen akzeptiert. Die folgenden Arten von Einsparung sind aber möglich:

Ich esse einen Apfel und du _ eine Birne. [isst]
Du isst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Ich gehe heute nicht ins Kino, meine Schwester _ aber schon. [geht]
Du kommst um 15 Uhr an, Susanne _ eine Stunde später _. [kommt … an]
Ihr kommt um 15 Uhr an, Susanne und Max _ eine Stunde später _. [kommen … an]

Bei unterschiedlichem Numerus wird die Einsparung nicht von allen gleichermaßen akzeptiert:

Ich esse einen Apfel und ihr _ eine Birne. [esst]
Ihr esst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Was nützt uns unser Geld und was _ unsere Kenntnisse? [nützen uns]
Was nützen uns unsere Kenntnisse und was _ unser Geld? [nützt uns]
Die Lehrerin musste lachen, ihre Schülerinnen _ ebenfalls _. [mussten … lachen]
Die Schülerinnen mussten lachen, ihre Lehrerin _ ebenfalls _. [musste … lachen]

In Ihren Beispielsätzen unterscheiden sich die Verbformen im Numerus. Das Verb kann in solchen Fällen eingespart werden, auch wenn nicht alle diese Einsparung gleichermaßen akzeptabel finden.

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank _ mit dem Fahrrad nach Bielefeld. [fährt]
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm _ nicht _. [ist … im Urlaub]


Der Vollständigkeit halber muss hier noch gesagt werden, dass das Weglassen nicht immer möglich ist. Ganz allgemein, also auch bei identischen Verbformen, gibt es nämlich Einschränkungen bei der Einsparung von Verbformen:

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Satzkonstruktion haben**:

nicht: Er fürchtete die Einsamkeit und sich vor der Dunkelheit.
nicht: Ich danke für die große Überraschung und allen, die dazu beigetragen haben.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Bedeutung haben**:

nicht: Wir laden zuerst das Gepäck in den Kofferraum und ihr uns dann zum Kaffee ein.
nicht: Er bestellte ihr Grüße von ihrer Mutter und dann ein Bier.
nicht: Sie gab den Brief auf und, weil es regnete, auch den Plan, spazieren zu gehen.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn nur eines der beiden Verben ein Hilfsverb, ein Funktionsverb oder Teil einer festen Wendung ist**:

nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit abgeholt.
nicht: Er nahm einen Hammer und damit die Arbeit in Angriff.
nicht: Ich brachte sie in Verlegenheit und du sie dann nach Hause.
nicht: Dein Problem wird zurzeit behandel und du bald zufrieden sein.

Wie Sie sehen, ist bei der Einsparung von Verbformen mehr möglich, als Sie vielleicht dachten, aber bei Weitem nicht alles.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Aber bewusst zur Erzeugung eines speziellen, oft humoristischen Effektes:

Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.
Es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen.