Reihenfolge der Adjektive: der rote, kleine Wagen oder der kleine, rote Wagen?

Frage

Eine Frage zu den Adjektiven als Attribut: Gibt es eine Reihenfolge, die man beachten muss, wenn man mehrere Adjektive als Attribut vor einem Nomen hat?

Antwort

Guten Tag Frau J.,

wenn mehrere Adjektive vor einem Nomen stehen und die Adjektive das Nomen in gleicher Weise bestimmen, ist die Reihenfolge im Prinzip egal. Es gibt zwar typischere und weniger typische Reihenfolgen (so stehen zum Beispiel Farbadjektive, Materialangaben, Herkunftsangaben u. Ä. meist näher beim Nomen als andere Adjektive), aber es gibt im Deutschen keine feste Reihenfolge der Adjektive vor einem Nomen, die man streng befolgen muss.

In diesem Sinne ist die Reihenfolge bei gleichrangigen Adjektiven (Nebenordnung) im Prinzip frei:

langes, lockiges Haar
lockiges, langes Haar

ein großer, verwilderter Garten
ein verwilderter, großer Garten

ein gut erhaltenes, altes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das gut erhalten und alt ist)
ein altes, gut erhaltenes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das alt und gut erhalten ist)

der kleine, rote Wagen
(= der Wagen ist klein und rot)
der rote, kleine Wagen
(= der Wagen ist rot und klein)

Wenn die Adjektive nicht gleichrangig sind (Unterordnung), bestimmt das näher stehende Adjektiv das Nomen näher. Das weiter weg stehende Adjektiv bestimmt die nach ihm stehende Adjektiv-Nomen-Gruppe näher. Je näher das Adjektiv beim Nomen steht, desto enger ist es mit ihm verbunden:

ein gut erhaltenes altes Fahrrad
(= ein altes Fahrrad, das gut erhalten ist)
ein altes gut erhaltenes Fahrrad
(= ein gut erhaltenes Fahrrad, das nicht neu, sondern alt ist)

ein kleiner roter Wagen
(= ein roter Wagen, der klein ist)
ein roter kleiner Wagen
(= ein kleiner Wagen, der rot und nicht z. B. blau ist)

Die Reihenfolge von Adjektiven vor einem Nomen ist also nicht immer ganz unwichtig und bedeutungslos, aber verbindliche Regeln gibt es nicht. Auch bei der Nebenordnung und Unterordnung von Adjektiven gibt es übrigens mehr Freiheit, als oft beschrieben wird (siehe hier).

Ich hoffe, dass Sie nicht enttäuscht sind, dass ich keine einfachen, verbindlichen Regeln oder verbindlichen, einfachen Regel angeben kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird, werdet oder werden euresgleichen dies nie verstehen?

Frage

Welcher der folgenden Sätze ist korrekt? Verwendet man hier „wird“, „werdet“ oder „werden“?

Euresgleichen wird dies nie verstehen.
Euresgleichen werdet dies nie verstehen.
Euresgleichen werden dies nie verstehen.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

mit dem Wort euresgleichen richtet man sich zwar an eine zweite Person Mehrzahl, aber das Verb steht trotzdem in der dritten Person Einzahl. Die Pronomen meinesgleichen, deinesgleichen, seinesgleichen usw. bedeuten nämlich jemand wie …, und wie jemand werden sie als dritte Person Einzahl behandelt, wenn sie allein stehend Subjekt sind:

Meinesgleichen hat das nicht nötig.
Deinesgleichen sollte nicht so reden.
Ist unseresgleichen dort noch sicher?
Ihresgleichen wird immer etwas zu klagen haben.

Richtig ist also:

Euresgleichen wird dies nie verstehen.

Anders sieht es aus, wenn man meinesgleichen usw. mit einem anderen Wort zu einem mehrteiligen Subjekt erweitert. Dann geht man gleich vor, wie wenn mit einer anderen dritten Person Einzahl kombiniert wird (vgl. hier):

Ich und meinesgleichen haben das nicht nötig.
Du und deinesgleichen solltet nicht so reden.
Sind wir und unseresgleichen dort noch sicher?
Hans und seinesgleichen werden immer etwas zu klagen haben.

Ihr und euresgleichen werdet dies nie verstehen.

Zu guter Letzt noch eine zwar gut gemeinte, aber forcierte und stilistisch wenig gelungene abschließende Formulierung: Meinesgleichen wünscht, dass Ihresgleichen ein gutes Wochenende haben möge. Besser und meiner Meinung nach auch freundlicher:

Schönes Wochenende!

Dr. Bopp

Wonach richtet sich das Verb bei Subjekten mit „nicht (nur) … sondern (auch) …“?

Frage

Mal wieder ein Kongruenzproblem, für das ich in den einschlägigen Nachschlagewerken keine befriedigende Lösung finde. Es geht um diesen Satz: „Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern ihre Kinder.“ In der Leo-Grammatik steht zwar, dass sich die Personalform des Verbs nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt richtet, aber das kann hier ja nicht gelten. Wie würde hier die Regel lauten? Ist der Satz so korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

nach der „Regel“, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, richtet sich das Verb bei einem mehrteiligen Subjekt mit nicht (nur)  – sondern (auch) tatsächlich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts, der am nächsten beim Verb steht:

Nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren.
Nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank erhebt zusätzliche Gebühren.

Nicht die Mutter, sondern ihre Kinder werden die Blicke auf sich ziehen.
Nicht die Kinder, sondern ihre Mutter wird die Blicke auf sich ziehen.

So weit ist die Lage übersichtlich. Ihr Beispielsatz ist deshalb komplizierter, weil er zwei verschiedene Phänomene in sich birgt:

1) Das mehrteilige Subjekt steht in einem Nebensatz:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank zusätzliche Gebühren erhebt?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter, sondern ihre Kinder die Blicke auf sich ziehen werden.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder, sondern ihre Mutter die Blicke auf sich ziehen wird.

Auch hier gilt, dass das Verb sich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts richtet, der ihm am nächsten steht.

2) Die sondern-Gruppe wird vom anderen Subjektteil getrennt an des Schluss des Satzes ins Nachfeld verschoben. In einem Hauptsatz ist das immer noch relativ problemlos:

Nicht nur die Bank erhebt zusätzliche Gebühren, sondern auch die Lieferbetriebe.
Nicht nur die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren, sondern auch die Bank.

Nicht die Mutter wird die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Kinder.
Nicht die Kinder werden die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Mutter.

1) + 2) Problematischer wird es erst, wenn die sondern-Gruppe wie in Ihrem Beispiel in einem Nebensatz steht und von der nicht-Gruppe getrennt ins Nachfeld ausgelagert wird. Dann steht die sondern-Gruppe direkt nach dem abschließenden Verb des Nebensatzes. Gemessen am reinen Wortabstand steht sie nun zwar näher beim Verb, sie ist aber trotzdem „weiter weg“, weil sie sozusagen aus dem Satz ausgelagert worden ist. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjektteil, der vor ihm im Mittelfeld steht:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank zusätzliche Gebühren erhebt, sondern auch die Lieferbetriebe?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben, sondern auch die Bank?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern die Kinder.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder die Blicke auf sich ziehen werden, sondern ihre Mutter.

Die Angabe, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, müsste eigentlich für Fälle wie diesen präzisieren, dass mit „näher“ nicht immer der reine Wortabstand gemeint ist. Wie die Antwort auf Ihre Frage vielleicht zeigt, kann es aber manchmal eher verwirrend als hilfreich sein, wenn man ganz präzise sein will. Deshalb für den Allgemeingebrauch einfacher: In den meisten Fällen richtes sich das Verb bei mehrteiligen Subjekten mit nicht (nur) – sondern (auch) nach dem Teil des Subjekts, das ihm am nächsten steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes“

Frage

In diesem Gedicht von Morgenstern ist mir nicht ganz klar, worauf „des“ sich bezieht. Könnten Sie mir dabei helfen?

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möchte ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur
Wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

Christian Morgenstern

Ist das vielleicht ein Genitiv oder ein „dies“?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Form des ist hier eine alte Variante von dessen. Man findet sie vor allem noch in Zusammensetzungen und Wendungen wie deswegen, deshalb und des ungeachtet. Es ist der Genitiv des Pronomens der oder das:

Möchte ich immer mehr des inne werden, wieviel Schönheit …
= Möchte ich immer mehr dessen innewerden, wie viel Schönheit …
= Möchte ich mir immer mehr dessen bewusst werden, wie viel Schönheit …

Auch in älteren Redewendungen und Sprichwörtern kann man der Form des noch begegnen:

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Hier kommt auch gleich das nahe verwandte Wort wessen mit seiner alten Varianten wes vor. Es ist das wes, das auch in zum Beispiel weshalb und weswegen oder in Wesfall, der deutschen Bezeichnung für Genitiv, zu finden ist.

In modernerem Deutsch werden diese Sprichwörter mit wovon und davon bzw. wessen und dessen formuliert:

Wovon das Herz voll ist, (davon) strömt der Mund über.
Wessen Brot ich esse, dessen Lied singe ich.

„Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes. Weniger positiv zu verstehen ist in der heutigen Zeit das zweite Sprichwort, das eine ziemlich opportunistische Lebenshaltung oder Berufseinstellung beschreibt: „Wer mich bezahlt, dessen Interessen vertrete ich auch.“

Und seien Sie sich des oder – im heutigen Deutschen – dessen bewusst, dass es genügt, wenn Sie die Formen des und wes erkennen können. Verwendet werden sie nicht oder kaum mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nebensätze und was ohne sie übrig bleibt

Frage

Ich habe drei Fragen zum folgenden Satz:

Dass wir klein sind(,) bedeutet(,) dass wir schnell und flexibel reagieren können.

  1. Müssen die Kommas gesetzt werden?
  2. Was ist „bedeutet“ für eine Satzart? Es steht ja allein.
  3. Was für eine Art Sätze sind die anderen Teilsätze?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

Nebensätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt auch für die beiden dass-Sätze in diesem Satz:

Dass wir klein sind, bedeutet, dass wir schnell und flexibel reagieren können.

Zwischen den Kommas steht dann tatsächlich ganz einsam und allein die Verbform „bedeutet“. Was bedeutet dies für die Satzanalyse?

Nebensätze haben im Gesamtsatz meistens die Funktion eines Satzteils. Sie können die Rolle des Subjekts, eines Objekts, einer Adverbialbestimmung usw. haben. In Ihrem Satz ist der erste dass-Satz das Subjekt des Gesamtsatzes (ein Subjektsatz). Der zweite dass-Satz ist das Akkusativobjekt des Gesamtsatzes (ein Objektsatz). Der Gesamtsatz ist ein Aussagesatz mit den folgenden Satzteilen:

Subjekt: Dass Gott heilig ist
Prädikat: bedeutet
Objekt: dass er von jeder Sünde und Unvollkommenheit getrennt ist

Da Nebensätze im Gesamtsatz die Rolle eines Satzteils haben (können) und Satzteile häufig obligatorisch sind, steht vor, nach oder zwischen den Kommas lange nicht immer ein vollständiger Satz. Manchmal besteht das, was nach dem Weglassen von Nebensätzen übrig bleibt, aus nur einer einzigen Verbform.

Dass man dich lobt, heißt, dass du es gut gemacht hast.
Was du gibst, ist, was du kriegst.
Was du gesagt hast, bleibt, was du gesagt hast.
Weil es ein Nebensatz ist, gilt, dass ein Komma stehen muss.

Wie einige der Beispiele zeigen, sind solche Formulierungen stilistisch nicht immer die allerschönste Lösung. Dennoch: Dass der Feiertag morgen schön und sonnig sein möge, ist, was ich Ihnen wünsche.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Wortfolge im desto-Satz

Frage

Ich versuche eine Regel für folgendes Phänomen zu finden. Hier sind zwei Varianten möglich:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr brauchen wir Mitarbeiter.
Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr Mitarbeiter brauchen wir.

Bei den folgenden Sätzen geht das nicht:

Je netter die Chefs sind, desto lieber gehen die Mitarbeiter zur Arbeit.
Falsch: Je netter die Chefs sind, desto lieber die Mitarbeiter gehen zur Arbeit.

Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener bekomme ich Kopfschmerzen.
Falsch: Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener Kopfschmerzen bekomme ich.

Warum ist das so? Welche Regel lässt sich benennen, um zu klären, wann ein Nomen direkt hinter dem Komparativ stehen kann und wann das nicht möglich ist?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es geht hier um zwei verschiedene Phänomene: einerseits um die unveränderliche Form mehr (die Sie vielleicht auf eine falsche Spur gebracht hat) und andererseits um die Wortstellung in Satzverbindungen mit je – desto.

Die unveränderliche Form mehr kann attributiv vor einem Nomen stehen:

Wir brauchen viele Mitarbeiter / mehr Mitarbeiter
Wir brauchen viel Geld / mehr Geld

Sie kann aber auch adverbial verwendet werden und hat dann die Bedeutung in größerem Maße, stärker:

Wir sind sehr / mehr auf Mitarbeiter angewiesen.
Wir achten stark / mehr darauf, Geld zu verdienen.

In Ihrem ersten Beispielsatz wird mehr adverbial verwendet, im zweiten Beispielsatz als attributives Adjektiv:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr brauchen wir Mitarbeiter (= desto stärker/dringender brauchen wir Mitarbeiter)

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr Mitarbeiter brauchen wir (= eine desto größerer Anzahl Mitarbeiter brauchen wir)

Dann zur Wortfolge in Satzverbindungen mit je – desto: Unmittelbar nach je und nach desto (oder umso) folgt ein Komparativ. Der mit je eingeleitete Teilsatz ist ein Nebensatz, das heißt, die gebeugte Verbform steht am Schluss des Satzes. Der Teilsatz mit desto ist ein Hauptsatz, das heißt, die gebeugte Verbform steht an zweiter Stelle.

Für den desto-Satz, der Sie hier interessiert, bedeutet dies, dass immer der Satzteil mit der Komparativform an erster Stelle steht. Danach folgt die gebeugte Verbform und dann kommen alle anderen Satzteile. Am Anfang eines desto-Satzes kann ein Nomen also nur dann direkt hinter dem Komparativ stehen, wenn es zusammen mit diesem einen Satzteil bildet:

Wen oder was brauchen wir? – mehr Mitarbeiter (Akkusativobjekt)
… desto mehr Mitarbeiter brauchen wir

In welchem Maße brauchen wir Mitarbeiter? – mehr (Adverbialbestimmung)
… desto mehr brauchen wir Mitarbeiter

Die Tatsache, dass im desto-Hauptsatz nur ein Satzteil an der ersten Stelle vor dem Verb stehen kann, erklärt auch, warum die anderen Sätze in Ihrer Frage nicht möglich sind. Im folgenden Satz ist lieber eine Adverbialbestimmung und die Mitarbeiter Subjekt. Deshalb können die beiden nicht gemeinsam vor gehen stehen:

Je netter die Chefs sind, desto lieber gehen die Mitarbeiter zur Arbeit.
nicht: Je netter die Chefs sind, *desto lieber die Mitarbeiter gehen zur Arbeit.

Im folgenden Satz haben wir es mit einer Adverbialbestimmung (wie oft? – seltener) und einem Akkusativobjekt (wen oder was? – Kopfschmerzen) zu tun, die nicht gemeinsam vor dem Verb stehen können:

Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener bekomme ich Kopfschmerzen.
nicht: Je ruhiger meine Wohnung liegt, *desto seltener Kopfschmerzen bekomme ich.

Nur wenn das Adjektiv und das Nomen zusammen zum Beispiel Subjekt oder Akkusativobjekt sind, können sie gemeinsam vor dem gebeugten Verb stehen:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto größere Einnahmen haben wir.
Je lauter es wird, desto heftigere Kopfschmerzen quälen mich.
Je netter die Chefs sind, desto arbeitsfreudigere Mitarbeiter kann man erwarten.

Die abschließende Antwort auf Ihre Frage könnte also wie folgt lauten: Ein Komparativ kann am Anfang eines desto-Satzes nur dann direkt vor einem Nomen stehen, wenn der Komparativ als vorangestelltes Adjektiv das Nomen näher bestimmt, also zusammen mit ihm einen Satzteil bildet. Ist der Komparativ eine Adverbialbestimmung, ein Prädikativ oder ein Adverb, gehört das Nomen nicht zu ihm und kann es nicht direkt folgen.

Je genauer man es erklären will, desto komplizierter [Prädikativ] können die Erklärungsversuche werden.

Je genauer man es erklären will, desto kompliziertere Erklärungsversuche [Akkusativobjekt] kann man erwarten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genitiv oder „von“: „der Vorteil des“ oder „der Vorteil von“?

Frage

Heißt es „Vorteil/Nachteil vom Konsum“ oder „Vorteil/Nachteil des Konsums“?

Antwort

Guten Tag Frau L.,

„Genitiv oder von?“, eine Frage, die häufiger gestellt wird. Manchmal ist sie sogar Anlass zu gemütlichen bis erbitterten Diskussionen. Was man wählt, ist auch eine Frage des Stils, aber in diesem Fall ist es in der Standardsprache relativ einfach zu bestimmen, was die bessere Lösung ist.

Standardsprachlich richtig ist in Ihrem Beispiel wahrscheinlich der Genitiv (ohne Kontext ist schwierig zu sagen, was genau gemeint ist):

Vorteil/Nachteil des Konsums

Wenn eine Nomengruppe mit einem Artikel oder Artikelwort steht, sollte sie als Attribut (= nähere Bestimmung eines anderen Wortes) im Genitiv stehen. Die Verwendung von „von“ gilt hier als umgangssprachlich.

Mit Artikel → nur Genitiv:

die Filterung des Trinkwassers (nicht: vom Trinkwasser)
der Kauf eines elektrischen Fahrrades
die Wohnung meiner Freunde
der Vorteil des Konsums

Diese „Grundregel“ führt manchmal zur Behauptung, dass hier immer der Genitiv stehen müsse und die Verwendung von von grundsätzlich zu vermeiden sei. Das stimmt so nicht. Wenn ein Substantiv kein gebeugtes Artikelwort und kein gebeugtes Adjektiv bei sich hat, wird es auch standardsprachlich mit von angefügt.

Ohne Artikel und ohne Adjektiv → nur von:

die Filterung von Trinkwasser (nicht: Trinkwassers)
der Kauf von Fahrrädern
die Wohnung von Freunden
der Vorteil von Konsum und Luxus

Eine Ausnahme sind hier artikellose Eigennamen. Sie stehen häufiger im Genitiv:

Schillers Dramen / die Dramen Schillers / die Dramen von Schiller
Europas Wälder / die Wälder Europas / die Wälder von Europa

Dazwischen stehen artikellose Substantive, die von einem gebeugten Adjektiv begleitet werden. Sie können im Genitiv oder mit von stehen. Beides gilt als korrekt, auch wenn strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier den Genitiv vorziehen.

Ohne Artikel, mit Adjektiv → Genitiv oder von:

die Filterung reinen Trinkwassers / von reinem Trinkwasser
der Kauf elektrischer Fahrräder / von elektrischen Fahrrädern
die Wohnung guter Freunde / die Wohnung von guten Freunden
der Vorteil mäßigen Konsums / von mäßigem Konsum

Ob Konsum als Attribut im Genitiv steht oder mit von angefügt wird, hängt also von seinen Begleitern ab:

der Vorteil des Konsums
der Vorteil von Konsum
der Vorteil mäßigen Konsums / von mäßigem Konsum

Wirklich einfach ist es nicht, aber verglichen mit anderen Genitivfragen im Deutschen ist es relativ übersichtlich. Die entsprechenden Angaben finden Sie auch auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommt der Einbau von Smart Metern oder von Smart Meters voran?

Frage

Neulich kam mir ein Satz unter, bei dem ich nicht wusste, wie ich den Dativ Plural bilden soll. Es geht um das Wort „Smart Meter“, so eine Art digitalen Stromzähler. Wie würden Sie das Wort „Meter“ im Dativ Plural schreiben: „Meters“ oder „Metern“? Ich würde spontan „Der Einbau von Smart Metern kommt voran“ schreiben, aber eigentlich müsste ich ja ein s als Pluralmarkierung nehmen, da das Wort „Meter“ hier kein Längenmaß ist, sondern das englische Wort für „Messgerät“. Aber das hört sich ja ganz scheußlich an: „Der Einbau von Smart Meters kommt voran.“ Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Pluralbildung von Fremdwörtern kann eine Rolle spielen, wie stark sie bereits ins Deutsche integriert sind.

Wenn Sie Meter in Smart Meter englisch aussprechen (ähnlich wie Mieter), dann passt der s-Plural besser:

die Smart Meters
der Einbau von Smart Meters

Wenn Sie dieses Meter deutsch aussprechen (wie das Längenmaß), passt der endungslose Plural. Zum endungslosen Nominativ Plural gehört der Dativ Plural mit -n wie zum Beispiel bei den Computern, den Bestsellern oder den Bikern:

die Smart Meter
der Einbau von Smart Metern

Auch korrekt ist hier übrigens die Zusammenschreibung, die allerdings verhältnismäßig selten vorkommt:

die Smartmeter
der Einbau von Smartmetern

Die deutsche Pluralbildung die Smart Meter / den Smart Metern ist hier deutlich üblicher als der englische s-Plural. Sie ist übrigens nicht zwangsläufig mit dem Längenmaß Meter zu assoziieren. Es gibt ja auch andere Messgeräte wie zum Beispiel Thermometer, Barometer oder Tachometer. Ähnlich wie bei diesen herrscht auch bei Smart Meter ein gewisser Zweifel, ob das Wort sächlich oder männlich ist. Häufig ist es nämlich der Smart Meter wie der intelligente Stromzähler, aber viele sagen auch das Smart Meter, wie dies für das Thermometer und das Barometer üblich ist (wenn auch nicht überall in gleichem Maße: Im südlichen deutschen Sprachraum kommt daneben auch der Thermometer vor).

Für den Plural hat sich die eingedeutschte Pluralbildung die Smart Meter durchgesetzt. Bei der Formulierung in Ihrer Frage würde ich deshalb nur diese Pluralvariante empfehlen, die auch Ihnen spontan besser erschien:

Der Einbau von Smart Metern kommt voran.

Bei der Frage zum Genus, der oder das Smart Meter, wage ich mich an keine Empfehlung. Die Frage, ob das Wort männlich ist wie der Messer, der Zähler oder ob es sächlich ist wie das Thermometer u. a., ist (noch) nicht eindeutig entschieden. Wer mit „so viel Ungewissheit“ nicht leben kann, weicht einfach auf Begriffe wie der intelligente Stromzähler oder das intelligente Messsystem aus. (Bei intelligent fällt mir allerdings noch mehr als bei smart auf, dass das Adjektiv in diesem Zusammenhang etwas hoch gegriffen ist – aber das ist eine ganz andere Frage.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deretwegen, derentwegen oder wegen der?

Immer dieses „wegen“ und der Genitiv! Auch heute geht es wieder einmal um diesen Stolperstein:

Frage

Ich war mir heute bei einem Satz bei einem Wort unsicher und stelle mir die Frage, welche der drei Varianten nun die richtige ist:

1) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet.
2) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.
3) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.

Mein erster Gedanke war „deretwegen“, obwohl ich das Wort, wie ich meine, noch nie verwendet habe. Als ich dann ein bisschen recherchiert habe, bin ich noch auf „derentwegen“ gestoßen, aber im Duden steht als Bedeutung „wegen deren“, was in meinem Satz ja nicht passen würde. Woanders habe ich noch gelesen, dass „deretwegen“ und „derentwegen“ dasselbe bedeuten. Bedeutet das dann, dass beide Varianten in meinem Fall falsch sind?

Antwort

Guten Tag L.,

alle drei Varianten sind möglich, sie werden allerdings nicht gleich bewertet. Die älteste Form ist deretwegen. Heute wird vor allem das gleichbedeutende derentwegen verwendet:

eine Kleinigkeit, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
eine Kleinigkeit, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/veraltend]

Ebenfalls möglich ist hier wegen der. Es wird aber meistens als umgangssprachlich bezeichnet. Das der ist nämlich ein Dativ (Dativ Singular weiblich des Relativpronomens die), und der Dativ nach wegen ist vielen ein Gräuel:

eine Kleinigkeit, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]

Die Umschreibung im Duden ist schon richtig. Mit derentwegen ist wegen deren/derer gemeint. Als Einleitung eines Relativsatzes wird aber derentwegen vorgezogen:

eine Kleinigkeit, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Das Gesagte gilt auch für den Plural, bei dem hier im Genitiv die gleichen Formen verwendet werden wie für weibliche Bezugswörter:

Kleinigkeiten, derentwegen/(deretwegen) ihr euch keine Sorgen machen solltet
Kleinigkeiten, wegen denen ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
Kleinigkeiten, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Im Plural kommt manchmal auch wegen der vor (Kleinigkeiten, wegen der …). Diese Form sollte vermieden werden (auch wenn sie vielleicht gar nicht so falsch klingt). Es gibt für den Plural des Relativpronomens weder im Genitiv noch im Dativ eine Form der, sondern nur deren und derer bzw. denen.

Der Vollständigkeit halber folgen hier noch die Formen für männliche und sächliche Bezugswörter:

ein Problem, dessentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
ein Problem, wegen dem ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
ein Problem, wegen dessen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Eine Frage, derentwegen man manchmal ins Zweifeln geraten kann. Im Zweifelsfall nehmen Sie am besten derentwegen oder dessentwegen. Das klingt manchen ziemlich gehoben in den Ohren, aber wegen der und wegen dem beschränken Sie besser auf eher alltags- und umgangssprachliche Äußerungen. Und wenn keines von beiden gefällt, gibt es immer noch die Umformulierung. In diesem Fall wäre die einfachste Lösung eine Formulierung mit worüber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als ersten/erster Schritt wollte sie eine Kampagne unterstützen – Akkusativ oder Nominativ?

Frage

Ich war heute in eine Diskussion zu dieser Konstruktion verwickelt:

Als ersten/erster Schritt wolle sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Muss hier der Akkusativ oder der Nominativ stehen?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

weil auch für mich spontan beides nicht wirklich falsch klingt, wurde ich zuerst einmal unsicher. Nach einiger Überlegung komme ich aber zum Schluss, dass der Akkusativ hier am besten passt.

Eine als-Gruppe steht im gleichen Fall wie das, worauf sie sich bezieht (es gibt viele Ausnahmen, aber dieser Fall gehört nicht dazu). Worauf bezieht sich die als-Gruppe hier?

Was (Akk.) wollte sie als ersten Schritt?
Als ersten Schritt wollte sie X

Die als-Gruppe bezieht sich auf die von wollen abhängige Wortgruppe, also einen Akkusativ (wen oder was wollte sie?). Hier ist dies die von wollen abhängige Infinitivgruppe, der man den Akkusativ natürlich nicht ansieht:

Als ersten Schritt wollte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Der Nominativ würde in einer Konstruktion wie zum Beispiel dieser passen:

Als erster Schritt war geplant, mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen..
(Wer oder was war als erster Schritt geplant?)

Falls Sie wieder einmal zweifeln, hilft Ihnen dieser „Fragetest“ vielleicht weiter. Wenn der Test Sie nicht weiterbringt, könnten Sie die Frage auch einfach umgehen, indem Sie zum Beispiel in einem ersten Schritt statt als ersten/erster Schritt wählen. Das ist für mich dann der Fall, wenn der Satz ohne wollen formuliert wird:

Als ersten/erster Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche. [?]

Es ist mir nicht klar, worauf die als-Gruppe sich hier eigentlich bezieht. Auf das, was sie tat? In Ermangelung eines direkten Bezugs, würde ich eher den „neutralen“ Nominativ erwägen. Noch besser finde ich es allerdings, bei nicht vorhandenem oder undeutlichem Bezug die als-Gruppe fallen zu lassen:

In einem ersten Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche.

Mit als wird ein Bezug zu einem anderen Satzteil hergestellt. Wenn ein solcher Bezug nicht vorhanden oder unklar ist, nimmt man besser etwas anderes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp