Archiv für Grammatik

Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

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Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Unterschied zwischen Staub saugen und Staub wischen – grammatisch gesehen

Frage

Es geht um den Begriff „staubsaugen“ bzw. „Staub saugen“. Wenn es um die Entfernung von Staub durch Muskelkraft und Putztuch geht, ist, wenn ich nicht irre, nur die getrennt geschriebene Variante zulässig: „Staub wischen“. Gibt es für diesen Unterschied eine Erklärung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es gibt tatsächlich einen orthografischen Unterschied zwischen „Staub saugen/staubsaugen“ und „Staub wischen“. Dem orthografischen Unterschied liegt allerdings auch ein grammatischer zu Grunde.

Bei den folgenden Beispielen schreibt man beide Wendungen gleich, das heißt getrennt:

Ich muss noch Staub saugen / Staub wischen
Ich habe im ganzen Haus Staub gesaugt / Staub gewischt
Vergiss nicht, in deinem Zimmer Staub zu saugen / Staub zu wischen

Man kann hier (fast) noch von einer transitiven Verwendung der Verben „saugen“ und „wischen“ sprechen, wobei „Staub“ jeweils das vom Verb abhängige Akkusativobjekt ist. Ich schreibe „(fast) noch“, weil „Staub“ hier noch als selbstständiges Substantiv erfahren wird, aber schon einen Teil seiner Selbstständigkeit eingebüßt hat. So klingt hier die bei Akkusativobjekten übliche Frage „wen oder was?“ recht sonderbar:

Wen oder was wischst du – Staub (?)
Wen oder was saugst du – Staub (?)

Wie bei zum Beispiel „Auto fahren“, „Angst machen“ oder „Karten spielen“ kann man diese Verbindungen besser nicht als Verbindungen von Verb und Akkusativobjekt interpretieren, sondern eher als komplexe Prädikate. Verb und Substantiv bilden zusammen das Prädikat des Satzes. Die Frage ist dann weniger „Wen oder was saugst/wischst du?“ als „Was tust du?“ (eine weitergehende grammatische Analyse dieser Spezialfälle muss ich an dieser Stelle schuldig bleiben).

Hiermit ist nur erläutert, dass „Staub wischen“ und „Staub saugen“ mit „Auto fahren“ und „Karten spielen“ vergleichbar sind. Bei „Staub saugen“ gibt es aber noch mehr zu sagen. Diese Wendung kann nämlich als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen. Dann wird die ganze Wendung zu einer untrennbaren Verbverbindung, die zusammengeschrieben wird:

die Teppiche staubsaugen
Ich habe das ganze Haus gestaubsaugt
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen.

Die zusammengeschriebene Form kann auch verwendet werden, wenn das Akkusativobjekt nicht genannt wird (man achte auf die Form des Partizips resp. des Infinitivs mit „zu“):

Ich muss noch staubsaugen / Staub saugen
Ich habe im ganzen Haus gestaubsaugt / Staub gesaugt
Vergiss nicht zu staubsaugen / Staub zu saugen

Im Gegensatz dazu kann „Staub wischen“ nicht als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen (nicht: „*das ganze Haus staubwischen“). Deshalb ist die Zusammenschreibung nicht vorgesehen.

Der Unterschied zwischen den beiden Verbausdrücken liegt also nicht darin, dass die eine Tätigkeit mit einem elektrischen Haushaltsgerät und die andere mit Muskelkraft und Putztuch ausgeführt wird. Der Unterschied ist grammatischer Natur und liegt in den verschiedenen Möglichkeiten, sie im Satz mit anderen Satzgliedern (einem Akkusativobjekt) zu verbinden. Doch ganz gleich, ob gestaubsaugt, Staub gesaugt oder Staub gewischt werden muss, zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört keine dieser Tätigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Trotz [dem/des] Hinzufügen[s] der Fahrzeit?

Frage

Ich stehe leider schon wieder vor einem Problem. Meist ist es ja so, dass man sich bei zwei Schreibweisen unsicher ist, doch bei mir sind es ausnahmsweise mal vier Stück.

Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz dem Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz des Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden

Es geht mir um die richtige Formulierung nach „trotz“. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, dass es hier mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das hat einerseits mit dem Fall zu tun, den trotz verlangt, andererseits mit der Verwendung bzw. dem Weglassen des Artikels.

Nach trotz steht heute häufig der Genitiv. Seltener und vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird auch der Dativ verwendet, der ursprünglich auf trotz folgte (vgl. trotzdem; jemandem/einem Umstand zum Trotz), der aber im Laufe der Zeit immer mehr durch den Genitiv verdrängt worden ist. Möglich sind also mit Artikel diese beiden Formulierungen:

trotz des Hinzufügens der Fahrzeit …
trotz dem Hinzufügen der Fahrzeit …

Wenn man eher stichwortartig formuliert, kann der Artikel auch weggelassen werden:

trotz Hinzufügen der Fahrzeit …

Dies ist die übliche Formulierung. Die Frage, ob Hinzufügen hier ein Dativ, ein Nominativ oder eine endungslose Form ist, überlasse ich den Theorieinteressierten.

Wenn ein Substantiv allein steht, ist die Form mit Genitiv-s nicht üblich, aber nicht grundsätzlich falsch. (Verwendet wird sie vor allem von großen Genitiv-Fans und von Verunsicherten, die vermeiden möchten, sich Genitivfehler vorwerfen lassen zu müssen.)

trotz Hinzufügens der Fahrzeit …

Mehr zum Fall nach „trotz“ finden Sie hier.

Die vier Varianten, die Sie vorschlagen, sind also alle möglich – dabei kann man trotz guter Kenntnisse oder trotz guten Kenntnissen schon einmal ein bisschen ins Zweifeln geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verben substantivieren und die Substantivierung von Verben

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz:

„Beds Are Burning“ ist ein politisches Lied. Es handelt von der Rückgabe von Land an die Pintupi, einen australischen Aborigines-Stamm. (Wikipedia)

Es geht vor allem um „an die Pintupi“ (an + Akkusativ). Kann ich hier fragen: „An wen wird das Land zurückgeben?“ Hat das Verb „zurückgeben“ eine feste Präposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

das an, um das es hier geht, ist nicht von zurückgeben, sondern von Rückgabe abhängig. Das Verb zurückgeben steht üblicherweise mit einem Dativ- und einem Akkusativobjekt:

jemandem etwas zurückgeben
wem was zurückgeben?
den Pintupi [das] Land zurückgeben

Wenn das Verb substantiviert wird, ändert sich die Konstruktion: Das Akkusativobjekt wird zum Genitiv oder einer von-Gruppe und das Dativobjekt zu an mit Akkusativ:

die Rückgabe einer Sache/von etwas an jemanden
die Rückgabe des Landes an die Pintupi
die Rückgabe von Land an die Pintupi

Wenn ein Verb (hier: zurückgeben) substantiviert wird (hier: Rückgabe), ändern sich also die Rollen der Objekte, die zum Verb gehören. Dabei gibt es gewisse Regelmäßigkeiten:

  • Das Akkusativobjekt wird zum Genitivattribut (oder einer von-Gruppe, vgl. hier):

junge Menschen beschäftigen – die Beschäftigung junger Menschen
die Kathedrale bauen – der Bau der Kathedrale
das Virus bekämpfen – die Bekämpfung des Virus
meinen Sohn betreuen – die Betreuung meines Sohnes
das Land zurückgeben – die Rückgabe des Landes

Menschen beschäftigen – die Beschäftigung von Menschen
Briefe schreiben – das Schreiben von Briefen
Land zurückgeben – die Rückgabe von Land

  • Ohne Ausnahmen geht es natürlich nicht: Bei einigen Verben wird das Akkusativobjekt bei der Substantivierung nicht zu einem Genitivattribut, sondern zu einer Präpositionalgruppe. Welche Präposition gewählt wird, lässt sich nicht durch eine Regel vorhersagen. Zum Beispiel:

jemanden/etwas fürchten – die Furcht vor jemandem/etwas
jemanden/etwas hassen – der Hass auf jemanden/etwas
jemanden/etwas lieben – die Liebe für jemanden/etwas oder zu jemandem/etwas
jemanden/etwas suchen – die Suche nach jemandem/etwas

  • Noch weniger einheitlich ist, was das Dativobjekt bei der Substantivierung „seines“ Verbs wird. Es wird zwar in der Regel zu einer Präpositionalgruppe, aber welche Präposition gewählt wird (häufig an oder für), ist nicht vorhersagbar und manchmal auch ein bisschen unsicher:

jemandem absagen – die Absage an jemanden
jemandem helfen – die Hilfe für/an jemanden
jemandem gratulieren – die Gratulation für jemanden
jemandem begegnen – die Begegnung mit jemandem
jemandem drohen – die Drohung gegen jemanden
jemandem gehorsamen – der Gehorsam gegenüber jemandem
einer Sache beitreten – der Beitritt zu einer Sache

Das ist nicht alles, was sich über die Substantivierung von Verbkonstruktionen sagen ließe. Ich wollte vor allem zeigen, nach welchen „Regeln“ man aus jemandem etwas zurückgeben bei der Substantivierung die Rückgabe einer Sache an jemanden macht – und Verben substantivieren zu die Substantivierung von Verbgruppen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Geld überwiesen haben wollen

Die Formulierung im Titel ist zweideutig. Behauptet hier jemand, das Geld überwiesen zu haben, oder will jemand, dass das Geld überwiesen wird? Nur der Kontext kann klären, was gemeint ist.

Frage

In meinem Deutschkurs hat sich mal wieder eine Frage im Zusammenhang mit Modalverben ergeben […] In einem Text stand folgender Satz:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt haben.

Um was für eine Verwendungsform handelt es sich hier? Ein subjektiver
Gebrauch von Modalverben ist es ja nicht. Woher kommt das Partizip II?
Ist es vielleicht gar kein Infinitiv Vergangenheit, sondern ein
Adjektiv? Und man könnte es eigentlich ersetzen, zum Beispiel:

Man möchte, dass die Bonuspunkte ausgezahlt werden.

Aber warum würde dann aus einer Passivform eine Aktivform? Können Sie
mir hier weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

diese eher umgangssprachliche Formulierung habe ich noch nie genauer „analysiert“. Ohne weiter in die Tiefe zu gehen, würde ich sie als eine Passivform bezeichnen, die mit dem sogenannten bekommen-Passiv verwandt ist:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt bekommen/erhalten/kriegen.

Im Gegensatz zum bekommen-Passiv, drückt die Konstruktion mit haben mehr einen Zustand oder ein Resultat als einen Vorgang aus:

Ich will das Geld überwiesen haben.
Der Beamte möchte den Vorfall ganz genau erklärt haben.
Die Patientin trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Das ist nicht der einzige Unterschied. Das Passiv mit haben ist stärker als das bekommen-Passiv vom Satzzusammenhang abhängig. Es fällt nämlich formal mit dem „normalen“ Perfekt Aktiv zusammen:

Ich möchte das Geld überwiesen bekommen.
Ich möchte das Geld überwiesen haben.

Während die Formulierung mit bekommen eindeutig ist, könnte die Formulierung mit haben ohne weiteren Zusammenhang auch aktivisch verstanden werden, nämlich dass ich möchte, dass ich das Geld überwiesen habe.

Ohne Modalverb ist der Satz mit haben nur noch aktivisch zu verstehen:

Ich bekomme das Geld überwiesen.
*Ich habe das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Perfekt Aktiv von überweisen).

Ich bekam das Geld überwiesen.
*Ich hatte das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Plusquamperfekt Aktiv von überweisen).

Nur in wenigen Kontexten kommt das haben-Passiv auch ohne Modalverb aus:

Das Pferd lahmt und hat deshalb die Fesseln eingebunden.
Der Patient trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Ich hoffe, dass Sie diese standardsprachlich etwas zweifelhafte Form nicht genauer erklärt haben möchten, denn viel mehr kann ich an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unter der und unter die Brücke fließen: Wechselpräpositionen und Bewegung

Frage

Es geht um die lokale Präposition „unter“ und deren Rektion (statisch oder mit Bewegung). Welcher Satz ist richtig?:

a) Das Wasser fließt unter der Brücke.
b) Das Wasser fließt unter die Brücke.

Intuitiv würde ich Option a) sagen, aber laut Grammatikregeln („fließen“ beinhaltet eine Bewegung…) wäre Option b) richtig.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die sogenannten Wechselpräpositionen sorgen im Unterricht (für Fremdsprachige) manchmal für Verwirrung. Während die meisten Präpositionen mit einem festen Fall verbunden sind (was schon einen beachtlichen Lernaufwand erfordert), können an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor und zwischen sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Akkusativ stehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man den Fall nicht beliebig wählen kann.

Ein häufiger vorkommendes Missverständnis ist, dass der Akkusativ bei diesen sogenannten Wechselpräpositionen mit Bewegung verbunden ist, während der Dativ für eine statische Ortsangabe dient. Zum Beispiel:

Ich lege es auf den Tisch. (Bewegung: legen)
Es liegt auf dem Tisch. (statisch: liegen)

Das ist nicht ganz richtig. Mit dem Akkusativ wird nicht angegeben, dass es sich um Bewegung handelt. Im Akkusativ steht genau genommen das, worauf eine Bewegung oder Handlung zielt (wohin?). Mit dem Dativ wird angegeben, wo etwas ist, aber auch wo etwas geschieht (wo?).

Bewegung hat insofern etwas hiermit zu tun, als die Angabe eines Ziels eine Bewegung auf dieses Ziel hin voraussetzt. Der Akkusativ ist also immer mit einer Bewegung verbunden und steht in Verbindung mit einem Verb, das Bewegung ausdrückt. Man kann aber auch angeben, an welchem Ort eine Bewegung oder Handlung stattfindet. Dann steht auch bei Bewegungsverben nach einer Wechselpräposition der Dativ. Der Akkusativ ist bei Wechselpräpositionen immer mit einer Bewegung verbunden, aber das Umgekehrte gilt nicht: Eine Bewegung ist nicht immer mit einem Akkusativ verbunden. Ein Beispiel:

1) Wir fahren auf die Autobahn
= Wir nehmen die Autobahneinfahrt, um auf die Autobahn zu gelangen
2) Wir fahren auf der Autobahn
= Der Ort, an dem wir fahren, ist die Autobahn

In beiden Fällen geht es um eine Bewegung, denn „fahren“ ist ein Bewegungsverb. Bei 1) wird das Ziel der Bewegung angegeben (Akkusativ – wohin fahren?), bei 2) wird der Ort angegeben, an dem die Bewegung stattfindet (Dativ – wo fahren?).

In ähnlicher Weise kann man auch den Satz in Ihrer Frage interpretieren:

3) Das Wasser fließt unter die Brücke
= Der Ort, an den das Wasser fließt, ist die Brücke (wohin fließen?)
4) Das Wasser fließt unter der Brücke
= Der Ort, unter dem das Wasser (hindurch)fließt, ist die Brücke (wo fließen?)

Die Formulierung 3) ist nicht ausgeschlossen*, aber weniger wahrscheinlich. Gemeint ist meistens 4), denn die Brücke ist ja nicht das Ziel der Bewegung des Wassers, sondern der Ort, an dem das Wasser fließt.

Mit „Ziel“ impliziert man zwar Bewegung, aber mit „Bewegung“ schließt man den Dativ bei den Wechselpräpositionen nicht aus. Man spricht deshalb bei den Wechselpräpositionen im Unterricht besser nicht von „Bewegung“ oder „dynamisch“ und „statisch“, sondern einfach von „Ziel/wohin?“ und „Ort/wo?“. Es ist für Lernende auch dann noch kompliziert und verwirrend genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Zum Beispiel: Das Wasser fließt unter die Brücke und von dort wieder weiter. Gerade durch die Möglichkeit solcher Formulierungen kann die Verwendung der Wechselpräpositionen für Deutschlernende zumindest am Anfang sehr schwierig sein.

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Was ist das „schön“ in „sich schön machen“?

Trotz des heutigen Rosenmontags hier kein buntes Karnevalstreiben, kein ausgelassener Faschingstrubel und keine fröhliche Fasnachtsfeier, sondern trockene Syntax.

Frage

Ich habe einen Zweifel im Zusammenhang mit folgendem Satz:

Ich mache mich schön für das Fest.

Welche syntaktische Funktion hat das Wort „schön“ in diesem Satz, Attribut oder Adverb?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wie das „schön“ in „Ich mache mich schön“ genau genannt werden soll, darüber sind sich die verschiedenen Grammatiken nicht einig. Zuerst aber dazu, was es nicht ist:

Es ist keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf das Verb, sondern auf das Objekt des Satzes. In

Ich schminke mich schnell

ist „schnell“ eine Adverbialbestimmung (der Art und Weise). Es gibt an, wie das Schminken geschieht. In

Ich mache mich schön

ist „schön“ keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf die Verbhandlung, sondern auf das Akkusativobjekt „mich“.

In Ihrem Satz ist „schön“ auch kein Attribut, denn ein Attribut gehört, sehr grob gesagt, zu einem Nomen, Adjektiv oder Adverb und kann nur zusammen mit diesem verschoben werden. Hier bestimmt „schön“ zwar „mich“ näher, aber die beiden Elemente bilden zusammen kein Satzglied.

In „Ich mache mich schön“ ist „schön“ ein Prädikativ im weiteren Sinne, das heißt ein Prädikativ, das nicht bei einem Kopulaverb (sein, werden, bleiben; finden, halten für u. a. m.), sondern bei einem Vollverb steht. Ein Prädikativ bildet zusammen mit dem Verb das Prädikat des Satzes, das heißt die zentrale Einheit des Satzes, von der andere Satzzeile wie Subjekt, Objekte und Adverbialbestimmungen abhängig sind.

Je nach Grammatik wird ein Prädikativ wie dieses „schön“ Resultatsprädikativ, Objektsprädikativ bei kausativen Verben, freies Prädikativ, Resultativprädikativ, resultatives Objektsprädikativ oder sogar Prädikativkomplement in der Transitivierungskonstruktion genannt. Was damit gemeint ist, sieht man am besten anhand einiger Beispiele:

Du hast das Spielzeug kaputt gemacht.
Trinkt eure Gläser leer!
Das Eiweiß steif schlagen
Der Hund beißt das Kaninchen tot.
Der Prinz küsst Dornröschen wach.
Wir liefen uns die Füße wund.

Die Verbhandlung bewirkt ein Resultat, und zwar beim Akkusativobjekt. Das Spielzeug ist danach kaputt, die Gläser sind leer, die Sahne steif usw. Die zentrale Einheit des Satzes ist kaputt machen, leer trinken, steif schlagen, tot beißen, wach küssen bzw. wund laufen. Dass das Prädikativ und das Verb  eng zusammengehören sieht man indirekt auch daran, dass solche „resultative Verbverbindungen“ auch zusammengeschrieben werden können: kaputtmachen, leertrinken, steifschlagen, totbeißen, wachküssen bzw. wundlaufen.

Eine eindeutige Antwort, wie das „schön“ in Ihrem Beispiel genannt wird, kann ich Ihnen hier also nicht geben. Es sollte aber hoffentlich ein bisschen klarer sein, welche Funktion es im Satz hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Bezugsfragen: Pronomen in der wörtlichen und in der indirekten Rede

Wenn Sie nicht alle Beispiele genau nachvollziehen möchten, ist das kein Problem. So kompliziert, wie es aussieht, machen wir es uns nämlich nicht.

Frage

Ich bin hinsichtlich der indirekten Rede gerade auf einen Fall gestoßen, den ich nicht recht einordnen kann.

a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
b) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“

Ich gehe davon aus, dass es bei der Umwandlung in die indirekte Rede in beiden Fällen heißen muss:

c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Falls das zutrifft, kann der Leser aber letztlich nicht mehr erkennen, ob Sachverhalt (a) oder (b) zugrunde lag. Es würde mich sehr interessieren, wie Sie dieses Problem sehen.

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es kommt häufig vor, dass in der indirekten Rede (und anderswo) nicht eindeutig ist, welchen Bezug Pronomen haben. Hier zwei andere Beispiele, bei denen verschiedene direkte Formulierungen zu derselben indirekten Rede umgeformt werden:

Direkte Rede
(1a) Er fragte mich: „Darf ich auch mitkommen?“
(1b) Er fragte mich: „Darf er auch mitkommen?“
Indirekte Rede
(1c) Er fragte mich, ob er auch mitkommen dürfe.

Direkte Rede:
(2a) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Ich bin neugierig.“
(2b) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Du bist neugierig.“
(2c) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Sie ist neugierig.“
Indirekte Rede:
(2d) Sie sagte zu ihrer Schwester, sie sei neugierig.

Die Sätze (1c) und (2d) sind vor allem deshalb nicht eindeutig, weil sie hier ohne Kontext stehen. In Fällen wie diesen ergibt sich in der Regel nämlich aus dem weiteren Zusammenhang, wie die indirekte Rede genau zu verstehen ist. Nur wenn das nicht der Fall ist, sollte man umformulieren.

Nun zu den Sätzen in Ihrer Frage: Bei Ihren Beispielen ergibt sich interessanterweise ein weiterer unklarer Bezug (inklusives und exklusives Wir): Der Satz (3a) kann in der direkten Rede auf zwei Arten verstanden werden, je nachdem, ob die angesprochene und zitierende Person im „wir“ eingeschlossen ist (3b) oder ob die angesprochene und zitierende Person nicht im „wir“ eingeschlossen ist (3c):

Direkte Rede
(3a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
(3b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
(3c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Auch beim Satz (4a) gibt es zwei mögliche Interpretationen, je nachdem ob sich das „ihr“ nur an dritte Personen richtet (4b) oder auch an die zitierende Person (4c):

Direkte Rede
4a) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
4b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
4c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Das ist noch nicht alles: Die Sätze 3b) und 4b) könnten auch der direkten Rede (5a) entsprechen:

Direkte Rede
5a) Er sagte: „Sie werden sich schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
5b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.

Keiner dieser Sätze ist also eindeutig, weder in der wörtlichen noch in der indirekten Rede:

3a) Schließt wir die angesprochene/zitierende Person ein?
4a) Schließt ihr die zitierende Person ein?
3b)/4b)/5b) Steht sie für wir, für ihr oder für sie in der direkten Rede?
3c)/4c) Steht wir für wir oder für ihr in der direkten Rede?

Wie das Jonglieren mit Beispielsätzen und Nummerierungen zeigt, ist die ganze Sache hier furchtbar komplex. Wie ist es nur möglich, dass wir trotzdem noch etwas verstehen, ohne jedes Mal große Aufstellungen dieser Art machen zu müssen?

Das liegt daran, dass uns im normalen Sprachleben viel mehr Informationen zur Verfügung stehen als in diesen isolierten Sätzen. Der weitere Satzzusammenhang ist wichtig, denn er gibt in der Regel Aufschluss darüber, worauf oder auf wen sich die Pronomen in der indirekten Rede beziehen. Es ist dennoch erstaunlich, mit wie viel Uneindeutigkeit wir umzugehen wissen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kongruenzfrage: Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter

Frage

Ich habe den Grammatikduden konsultiert und finde keine Lösung für dieses doch eigentlich häufig auftretende Kongruenzproblem. Muss das Prädikat im Satz „Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter“ im Singular oder im Plural stehen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

man kann bei diesem Satz tatsächlich ins Zweifeln kommen. Der Singular „was“ legt die Einzahl „ist“ nahe, das mehrteilige „ein Ball und ein Schiedsrichter“ deutet auf den Plural „sind“ hin. Welche dieser beiden Sichtweisen gewinnt hier?

Wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (prädikativer Nominativ; siehe Beispiele) in einem Satz nicht den gleichen Numerus haben, steht das finite Verb in der Regel im Plural:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Die Beduinen sind ein Nomadenvolk.
Die Guerillagruppen bleiben eine Gefahr für die Stabilität.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Eltern.

In Ihrem Satz haben wir es mit einer ähnlichen Konstruktion zu tun: Der Nebensatz „Was noch fehlt“ ist das Subjekt des Gesamtsatzes, die Wortgruppe „ein Ball und ein Schiedsrichter“ ist der Gleichsetzungsnominativ. Letzterer besteht aus zwei mit „und“ verbundenen Teilen und ist deshalb als pluralisch anzusehen (vgl. „Benötigt werden ein Ball und ein Schiedsrichter“). Hier werden also in einem Gleichsetzungssatz ein singularischer Nebensatz und eine pluralische Wortgruppe verbunden. Das Verb sollte deshalb, wie oben gesagt, im Plural stehen:

Was fehlt, sind Bälle.
Was fehlt, sind ein Ball und ein Schiedsrichter.

Die folgenden Beispiele sind ähnliche Gleichsetzungssätze, für die bei der Wahl der Verbform dasselbe gilt:

Was noch fehlt, sind ein Logo und ein griffiger Slogan.
Was mich interessiert, sind ein langes Leben und Weisheit.
Das Geburtsdatum und der Geburtsort sind, was noch benötigt wird.
Alles, was zählt, sind eine tolle Zeit, gute Gesellschaft und jede Menge Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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