Nicht immer ist „(sich) erhellen“ sehr erhellend

Frage

Ich verwende in einer Publikation die beiden Sätze:

Dieser Zusammenhang erhellt [sich] auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt [sich] bereits daraus, dass …

Ich hatte hier ursprünglich die reflexive Form verwendet, die Herausgeber haben nun allerdings vorgeschlagen, das „sich“ jeweils wegzulassen.

Eine Internet-Recherche führt zu keinem völlig eindeutigen Befund. Allgemein scheint eher das Weglassen als korrekt erachtet zu werden. […] Ist nur eine Variante richtig oder ggf. beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

das „Problem“ mit erhellen ist, dass das Verb zwei verschiedene Verwendungsarten mit zwei verschiedenen Konstruktionen hat:

a) deutlich, verständlich werden; sich [als Folgerung] ergeben (intransitiv)
b) deutlich machen, erklären (transitiv)

Es sieht so aus, als ob Sie in den beiden Sätzen das Verb erhellen mit der ersten Bedeutung verwenden. Mit dieser Bedeutung steht erhellen ohne sich:

Dieser Zusammenhang erhellt auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt bereits daraus, dass …

Diese Verwendung von erhellen ist eher gehoben und formal.

Man kann aber auch sagen, dass Sie erhellen mit der zweiten Bedeutung, deutlich machen, erklären, verwenden. Dann muss es in den beiden Sätzen reflexiv sein (sich erhellen = sich erklären, sich verdeutlichen):

Dieser Zusammenhang erhellt sich auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt sich bereits daraus, dass …

Es gibt also zwei Verbvarianten. Welche der beiden Sie verwenden (sollten), ist unklar. In einem gehobeneren oder formaleren Kontext würde man intransitives erhellen (deutlich werden; sich ergeben) ohne sich erwarten, insbesondere in Verbindung mit (dar)aus. Man kann aber auch das andere erhellen (deutlich machen; erklären) mit sich verwenden. Beides ist vertretbar.

Um der möglichen Verwirrung vorzubeugen, würde ich entweder – entgegen Ihrer Sprachintuition –  erhellen ohne sich verwenden oder auf eine andere Konstruktion ausweichen. Zum Beispiel:

Dieser Zusammenhang ergibt sich auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, verdeutlicht/erklärt sich bereits daraus, dass …

Aus dem hier Gesagten erhellt, dass dass Verb erhellen mit seinen Varianten nicht immer so deutlich erhellend ist. Und es erhellt, warum das so ist. Wer das noch versteht, muss sprachlich hell sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann steht was: für etwas schwärmen und von etwas schwärmen?

Frage

Können Sie mir mir erklären, was der Unterschied zwischen „schwärmen für“ und „schwärmen von“ ist? In einem Übungsbuch steht, dass im Satz „Viele junge Mädchen schwärmen für Pferde und Reiten“ nur die Präposition „für“ korrekt ist und nicht „von“. Warum ist das so?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

es gibt einen Unterschied zwischen für jemanden/etwas schwärmen  und von jemandem/etwas schwärmen:

Wenn man für jemanden/etwas schwärmt, mag man jemanden/etwas sehr gern; man verehrt jemanden/etwas schwärmerisch:

für Taylor Swift schwärmen = großer Fan der Sängerin sein

für Pferde und Reiten schwärmen = Pferde und Reiten sehr mögen

Wenn man von jemandem/etwas schwärmt, äußert man sich in schwärmerischen Worten über diese Person/darüber:

von Taylor Swift schwärmen =  sich schwärmerisch über die Sängerin äußern, sehr positiv über sie reden

von Pferden und Reiten schwärmen = sich schwärmerisch über Pferde und Reiten äußern, sehr positiv darüber reden

Die Unterscheidung ist aber nicht immer so streng. Mit für jemanden/etwas schwärmen kann manchmal auch gemeint sein, dass man schwärmerisch über jemanden/etwas redet.

Dann noch zum Satz im Übungsbuch: Ohne weiteren Zusammenhang ist es wahrscheinlicher, dass gemeint ist, dass viele junge Mädchen für Pferde und Reiten schwärmen, also Pferde und Reiten sehr mögen. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass auch gemeint sein könnte, dass sie von Pferden und Reiten schwärmen, also sehr positiv über Pferde und Reiten reden. In dem Lückentext passt aber rein grammatisch nur für Pferde, nicht von Pferde, weil es ja von Pferden heißen müsste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Vorteil, seinem Herzen zu folgen?

Frage

Ist die Kommasetzung bei diesem Infinitivsatz korrekt: „Ein großer Vorteil, seinem Herzen zu folgen, ist die Leidenschaft im Beruf.“ Müssen die Beistriche hier so gesetzt werden?

Antwort

Wenn man den Satz so formuliert, müssen die Kommas vor und nach der Infinitivgruppe gesetzt werden. Es handelt sich um einen Infinitivsatz, der vor einem Substantiv abhängig ist und der als solcher durch Kommas abgetrennt werden muss:

Ein großer Vorteil, seinem Herzen zu folgen, ist ein erfüllteres Leben.

Ich finde allerdings, dass der Satz so „klemmt“. Woran liegt das? – Wenn ein Infinitivsatz (oder dass-Satz) von Vorteil oder Nachteil abhängig ist, drückt er aus, was der Vorteil bzw. Nachteil ist:

Die Firma hat damit den Vorteil, sich ein gutes Bild von zukünftigen Auszubildenden machen zu können.
Die Apple-Geräte haben den Vorteil, dass sie miteinander kommunizieren.

In Ihrem Satz ist aber seinem Herzen zu folgen nicht der Vorteil selbst, sondern das, was einen Vorteil hat. Der eigentliche Vorteil ist ein erfüllteres Leben. Man kann deshalb besser anders formulieren:

Ein großer Vorteil dessen/davon, seinem Herzen zu folgen, ist ein erfüllteres Leben.
Ein großer Vorteil dessen/davon, dass man seinem Herzen folgt, ist ein erfüllteres Leben.
Ein großer Vorteil, wenn man seinem Herzen folgt, ist ein erfüllteres Leben.
Seinem Herzen zu folgen bringt den Vorteil, ein erfüllteres Leben zu haben.

Nochmals: Der Vorteil ist nicht, dass man seinem Herzen folgt, sondern ein erfüllteres Leben. Vielleicht ist das ein bisschen spitzfindig, aber wenn Sie mit mir einig sind, dass der Satz „klemmt“, wissen Sie nun warum.

Ein Nachteil, so zu formulieren, ist ein seltsamer Satz.
Ein Vorteil, wenn man so formuliert, ist ein besser formulierter Satz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Braucht man diese Form: Konjunktiv II Futur II Zustandspassiv („würde geöffnet gewesen sein“)?

Falls Sie komplizierte Verbformen mögen, hier noch einmal das Passiv im Futur, aber diesmal das Zustandspassiv im Konjunktiv II.

Frage

Ist es richtig, dass Konjunktiv II-Formen im Futur beim Zustandspassiv aus semantischer Sicht nicht unbedingt Sinn machen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

wenn ich Sie richtig verstehe geht es um die die Formen des Konjunktivs II Futur I und Futur II im Zustandspassiv. Für die Beispielverben öffnen und erledigen sehen diese Formen so aus:

Futur I Konjunktiv II Zustandspassiv:

würde geöffnet sein
würde erledigt sein

Futur II Konjunktiv II Zustandspassiv:

würde geöffnet gewesen sein
würde erledigt gewesen sein

Die Frage ist nun nicht so sehr, ob die diese Konjunktivs-II-Formen Sinn machen oder nicht. Der Konjunktiv II hat in der Regel keine ganz bestimmte Bedeutung. Er ist vielmehr an bestimmte Satzarten gebunden (siehe hier). So hat der Konjunktiv II Futur meist nichts mit Zukunft zu tun. Die Frage lautet deshalb meiner Meinung nach eher, ob solche Formen verwendet werden.

In vielen Fällen sind die Formen, um die es hier geht, stilistisch zweifelhaft. Man verwendet in der Regel nicht die würde-Formen, sondern die einfachen Konjunktiv-II-Formen.

Also besser nicht:

Wenn die Tür geöffnet sein würde, …
…, wenn die Aufgabe erledigt sein würde

Wenn die Tür geöffnet gewesen sein würde, …
…, wenn die Aufgabe erledigt gewesen sein würde

Ach, wenn die Tür nur geöffnet sein würde!

Würde die Aufgabe nur schon erledigt gewesen sein!

sondern:

Wenn die Tür geöffnet wäre, …
…, wenn die Aufgabe erledigt wäre

Wenn die Tür geöffnet gewesen wäre, …
…, wenn die Aufgabe erledigt gewesen wäre

Ach, wenn die Tür nur geöffnet wäre!

Wäre die Aufabe nur schon erledigt gewesen!

Ausgeschlossen sind die Formen aber nicht, zum Beispiel als Zukunft in der Vergangenheit:

Noch war die Tür geschlossen, aber bald würde sie geöffnet sein.
Ich glaubte damals nicht, dass die Aufgabe bald erledigt sein würde.

Noch war der Eingang offen, aber bald würde die Tür [nicht mehr geöffnet sein, sondern] geöffnet gewesen sein.
Wir hatten erwartet, dass die Aufgabe bei der nachträglichen Kontrolle bereits erledigt gewesen sein würde.

Inwieweit vor allem die letzten Formen (Konjunktiv II Futur II) in der Sprachrealität wirklich häufig vorkommen, sei hier dahingestellt. Nicht alles was möglich ist, kommt auch regelmäßig vor. Das Risiko, dass man bei solchen komplexen Formen den Faden verliert, ist sehr groß. Außerden ergibt sich die konkrete Bedeutung im Deutschen oft stärker aus dem Kontext als aus den verwendeten Verbformen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Feste Zeiten, an/in/während/zu denen …“ – manchmal ist vieles möglich

Frage

Eine Frage zu einer Präposition: „Ich möchte feste Zeiten einführen, in denen ich online bin.“ Die Präposition „in“ scheint mir fragwürdig. Wäre „zu“ nicht besser?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

Die Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich unbefriedigend für diejenigen, die eindeutige und klare Verhältnisse mögen. Für alle anderen mag es schön sein, zu sehen, wie viel Freiheit uns die Sprache lässt. Für diese Formulierungen kommen nämlich (mindestens) vier Formulierungen in Frage:

feste Zeiten, in denen ich online bin
feste Zeiten, zu denen ich online bin
feste Zeiten, an denen ich online bin

Bei der vierten Variante sollte man allerdings standarsprachlich nicht (wie es oben im Titel der Einfachheit halber geschehen ist) den Dativ denen, sondern den Genitiv derer wählen:

feste Zeiten, während derer ich online bin

Gibt es dabei Unterschiede? Eigentlich nur Folgendes: Wenn es um einen Zeitpunkt oder verschieden Zeitpunkte geht, drängt sich eher an oder zu auf als in:

feste Zeiten, an denen sie aufstehen
feste Zeiten, zu denen sie aufstehen
(feste Zeiten, in denen sie aufstehen)

Wirklich ausgeschlossen ist in aber nicht. Die Präposition während hingegen ist nur bei Angaben einer Zeitdauer möglich. Sie klingt (wegen des Genitivs?) auch ein bisschen gehobener also an, in und zu.

Im Übrigen werden diese Präpositionen bei Angaben dieser Art bunt gemischt, ohne dass dabei wesentliche Anwendungs- oder Bedeutungsunterschiede zu erkennen sind. Dazu, ob es eventuell regionale Unterschiede gibt, konnte ich so schnell nichts finden. Im persönlichen Sprachgebrauch gibt es aber bestimmt Vorlieben und Abneigungen, wie Ihre Frage zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Futur I Passiv: Die Frage, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden (werden?)

Frage

Wie ist das Futur I Passiv Plural im Nebensatz richtig?

Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden werden.
Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden.

Soll man das zweite „werden“ wegfallen lassen? Ich konnte die Antwort nirgendwo finden. Alle Beispiele mit Passiv im Nebensatz waren im Singular.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

man muss hier zwischen Futur und Zukünftigem unterscheiden. Zuerst zum Futur:

Das Futur I Passiv sieht wie folgt aus:

Die Wand wird nächste Woche gestrichen werden.
Die Wände werden nächste Woche gestrichen werden.

Er fragt, ob die Wand nächste Woche gestrichen werden wird.
Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden werden.

Und nun zum Zukünftigen: Im Deutschen wird etwas Zukünftiges häufig mit dem Präsens ausgedrückt. Wichtig ist dabei nur, dass durch eine Zeitangabe oder durch den Satzzusammenhang ersichtlich ist, dass es sich um etwas Zukünftiges handelt:

Sie fahren erst morgen in den Urlaub.
Ich habe jetzt keine Zeit. Wir reden später darüber.

Siehe hier unter „Präsens des Zukünftigen“.

Das gilt auch für das Passiv. Auch dann kann für etwas Zukünftiges das Futur I oder das Präsens verwendet werden:

Die Wand wird nächste Woche gestrichen [werden].
Die Wände werden nächste Woche gestrichen [werden].
Er fragt, ob die Wand nächste Woche gestrichen [werden] wird.

Wenn in einem Nebensatz der Infinitiv werden direkt neben der 3. Person Plural werden stehen würde, ist sogar nur das Präsens üblich. Das ist keine grammatische, sondern eine stilistische Wahl:

Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden.

Die Form gestrichen werden werden wäre hier nicht falsch, nur unüblich und stilistisch unschön. Aber ganz gleich mit wieviel werden, wichtig ist vor allem, ob gestrichen [werden] wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden

Frage

Meine Frage betrifft das Verb „sich entschließen“, das grundsätzlich mit der Präposition „zu“ benutzt wird. Wäre aber auch der folgende Gebrauch korrekt: „sich entschließen für“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

allgemein üblich ist:

sich zu etwas entschließen
Er kann sich nicht dazu entschließen, Paris zu verlassen.
Sie entschlossen sich zur Flucht.

Seltener kommt auch vor:

sich für etwas entschließen

Das ist meist dann der Fall, wenn sich für etwas entscheiden gemeint ist. Auch wenn sich entschließen und sich entscheiden eigentlich nicht die gleiche Bedeutung haben, ist es nicht immer einfach, sie eindeutig voneinander zu unterscheiden. Dennoch ist es standardsprachlich im Allgemeinen besser sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit Abgeordnetem Thaler und Bürgerbeauftragter Berger – adjektivische Beugung ohne Artikel

Frage

Allmonatlich stelle ich eine Übersicht der Termine meiner Chefin zusammen. Das Ganze geht dann als stichwortartige Liste, quasi im Schlagzeilenformat, an unsere Abteilungsleitungen. Und immer wieder stolpere ich über dasselbe Problem. Heißt es:

Treffen mit Abgeordneten Peter Thaler oder Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler
Gespräch mit Bürgerbeauftragten Claudia Berger oder Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

Die zuerst genannten Varianten würden sich durch schlichtes Weglassen des Artikels ergeben. Sie klingen für mich falsch – was aber leider auch für die jeweils zweite Variante gilt, wenn ich sie lange genug anstarre. Ich finde einfach keine Begründung, warum die eine oder andere Möglichkeit richtig sein sollte. […]

Antwort

Guten Tag Frau U.,

langes Anstarren hilft bei sprachlichen Zweifeln nie. Je länger man hinschaut, desto größer wird in der Regel die Unsicherheit. Das gilt insbesondere für so verzwickte Phänomene wie die deutsche Adjektivbeugung.

Die Wörter der/die Abgeordnete und der/die (Bürger–)Beauftragte sind substantivierte Adjektive. Als solche werden sie in der Standardsprache normalerweise gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Adjektive.

Wenn man (substantivierte) Adjektive mit dem bestimmten Artikel verwendet, werden sie schwach gebeugt:

Treffen mit dem Abgeordneten
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Peter Thaler

Gespräch mit der Bürgerbeauftragten
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Claudia Berger

vgl.

mit dem großen Erfolg
mit der zunehmenden Aufmerksamkeit

Wenn man (substantivierte) Adjektive ohne Artikel verwendet, werden sie stark gebeugt:

Treffen mit Abgeordnetem
Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

vgl.

mit großem Erfolg
mit zunehmender Aufmerksamkeit

Siehe auch hier.

Man kann also bei adjektivisch gebeugten Substantiven nicht immer einfach den Artikel weglassen. Das hat oft Auswirkungen auf die Endung:

Informationsabend für die Studierenden
Informationsabend für Studierende

Die Verwandten von Frau Schmidt wurden benachrichtigt.
Frau Schmidts Verwandte wurden benachrichtigt.

Wer isst das viele Eingemachte?
Wer isst so viel Eingemachtes?

Es spricht der Abgeordnete Thaler.
Es spricht Abgeordneter Thaler.

Ganz ungefragt noch ein Vorschlag: Wenn Sie bei den artikellosen Varianten wieder einmal unsicher sind, könnten Sie auch einfach mit Artikel formulieren. Sehr viel länger wird die Übersicht dadurch nicht:

Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger

Ich hoffe, dass Abgeordnete und Bürgerbeauftragte bzw. die Abgeordneten und die Bürgerbeauftragten von nun an weniger Zweifel aufkommen lassen – wenigstens was ihre Beugung betrifft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schließt die Hexe Rapunzel im Turm oder in den Turm ein?

Frage

Schreibt man: „Der Turm , in dem die Hexe Rapunzel einsperrt, liegt im Wald“, oder: „Der Turm, in den die Hexe Rapunzel einsperrt, liegt im Wald“? Ist die Standortangabe statisch oder dynamisch zu betrachten – oder ist vielleicht beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

bei einsperren kann nach in sowohl der Dativ als auch der Akkusativ stehen.

im Turm einsperren
in den Turm einsperren

Im Prinzip verbindet man die sogenannten Wechselpräpositionen mit dem Dativ, wenn etwas Statisches gemeint ist, und mit dem Akkusativ, wenn etwas Dynamisches gemeint ist:

Ich liege in der Sonne.
Ich lege mich in die Sonne.

Ganz so einfach, wie diese Grundregel es beschreibt, ist es allerdings nicht immer. Bei vielen Verben ist nämlich sowohl eine „statische“ als auch eine „dynamische“ Sichtweise üblich. Zu diesen Verben gehört das Verb einsperren. Man kann angeben, wo das Einsperren stattfindet, und den Dativ nehmen. Man kann auch angeben, wohin der, die oder das Einzusperrende gebracht wird, und den Akkusativ wählen. Beide Sichtweisen sind hier üblich:

Die Hexe sperrt Rapunzel in einem Turm ein.
Die Hexe sperrt Rapunzel in einen Turm ein.

der Turm, in dem die Hexe Rapunzel einsperrt
der Turm, in den die Hexe Rapunzel einsperrt

Hier noch ein paar Verben, bei denen beide Sichtweisen gebräuchlich sind:

Schließen Sie Ihre Wertsachen im Safe ein!
Schließen Sie Ihre Wertsachen in den Safe ein!

alle Namen in der Liste eintragen
alle Namen in die Liste eintragen

den Fernseher an der Wand montieren
den Fernseher an die Wand montieren

Ziemlich abstrakt gesagt geht es hier um Verben, bei denen der Ort, an dem die Handlung stattfindet, und der Ort, der das Ziel der Handlung ist, derselbe Ort ist.

Wo ist Rapunzel, wenn sie eingesperrt wird? – Im Turm.
Wohin wird Rapunzel gebracht, um sie einzusperren? – In den Turm.

Es gibt (leider?) keine feste Regel, bei welchen Verben beide Sichtweisen üblich sind, das heißt, bei welchen Verben der Anschluss mit sowohl dem Dativ als auch dem Akkusativ möglich ist.

Mehr zu diesem Thema und weitere Beispiele finden Sie in einem anderen, schon ziemlich in die Jahre gekommenen → Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

… als ob sie krank wäre, sei oder ist: Konjunktiv II, Konjunktiv I oder Indikativ?

Frage

Nach „als wenn“, „als ob“ und „als“ kommt der Konjunktiv II. Im Lehrbuch wird der Konjunktiv II als Grammatikpunkt behandelt, aber im Textteil steht auch den Konjunktiv I. Wie erkläre ich den Sprachschülern die beiden Sätze:

Sie verhält sich so, als ob sie krank wäre (Konjunktiv II)
Sie verhält sich so, als ob sie krank sei (Konjunktiv I)

Wann verwenden wir den Konjunktiv I und wann den Konjunktiv II mit „als ob“, „wie wenn“ bzw. „als“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in irrealen Vergleichssätzen – um solche handelt es sich hier – mit als ob, als wenn, wie wenn oder als steht das Verb üblicherweise im Konjunktiv II (oder die würde-Form):

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld wäre.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich schiene.
(Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich scheinen würde.)
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte.
Sie stürzen sich aufs Büfett, als gäbe es nie wieder etwas zu essen.
(Sie stürzen sich aufs Büfett, als würde es nie wieder etwas zu essen geben.)

Sie verhält sich so, als ob sie krank wäre.

Wie so oft bei der Verwendung des Konjunktivs im Deutschen, ist diese „Regel“ nicht in Stein gemeißelt. Seltener steht hier nämlich auch der Konjunktiv I, und dies ohne Bedeutungsunterschied. Die Sätze haben jeweils die gleiche Bedeutung und sie sind als standardsprachlich korrekt anzusehen:

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld sei.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich scheine.
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen habe.
Sie stürzen sich aufs Büfett, als gebe es nie wieder etwas zu essen.

Sie verhält sich so, als ob sie krank sei.

Üblicher ist hier aber, wie gesagt, der Konjunktiv II. Vielleicht ist es für Ihre Sprachschüler am besten, wenn sie hier aktiv den Konjunktiv II lernen, aber daneben passiv auch den Konjunktiv I als gleichbedeutend erkennen.

Um es noch komplizierter zu machen: In der gesprochenen Sprache kommt hier auch der Indikativ vor (allerdings nicht bei irrealen Vergleichssätzen, die mit einfachem als eingeleitet sind). Ich halte den Indikativ hier für standardsprachlich nicht zu empfehlen:

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld ist.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich schien.
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hat.

Sie verhält ich so, als ob sie krank ist.

Sie können alles auch in der Leo-Grammatik nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp