Dativ oder Akkusativ: zu einem Picknick in meinem/in meinen Garten einladen?

Frage

Ich hätte folgende Frage: „Ich wollte dich zu einem Picknick in meinem Garten einladen.“ Intuitiv würde ich sagen, dass hier „in“ und Dativ die beste Lösung ist. Wäre es aber auch denkbar „in“ und Akkusativ zu verwenden: „in meinen Garten“? Wenn ja, wie verschiebt sich die Bedeutung?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

beides ist möglich. Der Satzbau ist unterschiedlich, aber die Bedeutung verschiebt sich nur geringfügig.

a) Mit dem Dativ ist in meinem Garten hier ein Attribut (nähere Bestimmung) zu Picknick:

wozu einladen? – zu einem Picknick in meinem Garten
was für ein Picknick? – ein Picknick in meinem Garten

b) Mit dem Akkusativ ist in meinen Garten in diesem Satz eine Adverbialbestimmung:

wohin zu einem Picknick einladen? – in meinen Garten

Es gibt also zwei korrekte Möglichkeiten:

a) Ich wollte dich zu einem Picknick in meinem Garten einladen.
b) Ich wollte dich zu einem Picknick in meinen Garten einladen.

Die beiden Sätze haben einen unterschiedlichen Satzbau. Auf der Bedeutungsebene hingegen macht es kaum einen Unterschied, ob man a) jemanden zu einem Picknick im Garten einlädt oder b) jemanden in den Garten zu einem Picknick einlädt. In beiden Fällen wird im Garten gepicknickt. Hauptsache, es schmeckt und ist gemütlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Freiwillig Mitarbeitende oder freiwillige Mitarbeitende

Frage

In einem Protokoll lese ich häufig folgende Formulierungen:

freiwillige Mitarbeitende
ehrenamtliche Mitarbeitende

Mein Sprachgefühl sagt mir, dass es besser so heißen müsste:

freiwillig Mitarbeitende
ehrenamtlich Mitarbeitende

Hingegen scheint mir klar zu sein, dass es „freiwillige Mitarbeiter“ bzw. „ehrenamtliche Mitarbeiter“ heißen würde. Weshalb aber in meinen Ohren die „freiwilligen Mitarbeitenden“ falsch tönen, kann ich nicht wirklich begründen. Können Sie weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

beide Formulierungen sind möglich. Was ist der Unterschied?

Das Wort Mitarbeitende ist ein substantiviertes Partizip. Substantivierte Partizipien können mit den gleichen Erweiterungen stehen wie das Verb, zu dem sie gehören:

– freiwillig mitarbeiten
– freiwillig mitarbeitende Menschen
– die freiwillig Mitarbeitenden

Ebenso zum Beispiel:

ehrenamtlich mitarbeiten → die ehrenamtlich Mitarbeitenden
defensiv anlegen → die defensiv Anlegenden
geduldig warten → die geduldig Wartenden
auf den Bus warten → die auf den Bus Wartenden

Hier wird jeweils eine ganze Partizipialgruppe (Partizip zusammen mit seinen Erweiterungen) substantiviert.

Man kann aber auch nur das Partizip substantivieren und erst dann ein Adjektiv davorstellen. Das Adjektiv wird dann gebeugt:

mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die freiwilligen Mitarbeitenden
mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die ehrenamtlichen Mitarbeitenden
anlegen → die Anlegenden → die defensiven Anlegenden
warten → die Wartenden → die geduldigen Wartenden

Man geht hier gleich vor wie bei anderen von Verben abgeleiteten Substantiven:

mitarbeiten → die Mitarbeiter → die freiwilligen Mitarbeiter
mitarbeiten → die Mitarbeiterin → die freiwillige Mitarbeiterin
anlegen → die Anlegerin → die defensive Anlegerin
Bus benutzen → der Busbenutzer → der geduldige Busbenutzer

Gerade bei Mitarbeitende ist dies nicht unüblich, wahrscheinlich weil Mitarbeitende häufig statt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Mitarbeiter*innen steht. Stilistisch gefällt mir – wie offenbar Ihnen auch – die Variante mit dem ungebeugten Adjektiv häufig besser. Ich würde die freiwillig Mitarbeitenden wählen, aber die freiwilligen Mitarbeitenden ist wie die freiwilligen Mitarbeiter nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bin ich kein Lehrer oder bin ich nicht Lehrer?

Frage

Welcher Satz ist richtig?

Ich bin nicht Lehrer.
Ich bin kein Lehrer.

Antwort

Guten Tag Frau J.,

beide Sätze sind richtig. Üblicherweise verneint man ein Substantiv mit kein (nicht ein):

ein Lehrer – kein Lehrer

In Sätzen, in denen ein Substantiv ohne Artikel mit sein, werden, bleiben u. a. steht (Gleichsetzungsnominativ), ist häufig auch die Verneinung mit nicht möglich. Man verneint dann Lehrer sein:

Lehrer sein – nicht Lehrer sein

Häufig sind beide Formulierungen möglich, ohne dass sich die Bedeutung wesentlich ändert:

Ich bin ein Bäcker – Ich bin kein Bäcker
Ich bin Bäcker – Ich bin nicht Bäcker

Ich bin eine Lehrerin – Ich bin keine Lehrerin.
Ich bin Lehrerin – Ich bin nicht Lehrerin.

In vielen Fällen kann man deshalb beides sagen:

– Sind Sie Lehrerin?
– Nein, ich bin keine Lehrerin.
– Nein, ich bin nicht Lehrerin.

– Bist du Italiener?
– Nein, ich bin kein Italiener.
– Nein, ich bin nicht Italiener.

Das gilt insbesondere bei Gegenüberstellungen dieser Art:

Ich bin kein Bäcker, sondern [ein] Konditor.
Ich bin nicht Bäcker, sondern Konditor.

Wir sind keine Freunde, sondern Familie
Wir sind nicht Freunde, sondern Familie.

Ich bin keine Deutsche, ich bin [eine] Schweizerin.
Ich bin nicht Deutsche, ich bin Schweizerin.

Man hört zwar manchmal, dass hier nur kein/keine richtig sei, aber wer keine Lehrerin ist, kann auch sagen, dass sie nicht Lehrerin ist, ohne dabei einen Grammatikfehler zu begehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auflösung in Pixel oder Auflösung in Pixeln?

Frage

Seit einiger Zeit suche ich nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage, wie man Folgendes richtig schreibt:

a) Auflösung in Pixel
b) Auflösung in Pixeln

Hierzu habe ich bereits Analogien gesucht und gefunden, z. B. „Auflösung in Bildpunkten“ scheint richtig zu sein, denn „Auflösung in Bildpunkte“ sagt man nicht. Es gibt jedoch weitere unklare Fälle wie z. B. „Länge in Metern“ bzw. „Länge in Meter“. Ich hoffe, dass Sie mir bei dieser Frage helfen können.

Antwort

Guten Tag A.,

eine eindeutige Antwort gibt es hier nur insofern, als Auflösung in Pixeln besser ist als Auflösung in Pixel. Dasselbe gilt für zum Beispiel Länge in Metern, Abstand in Kilometern, Gewicht in Zentnern. Am besten also:

Auflösung in Pixeln
Länge in Metern
Abstand in Kilometern
Gewicht in Zentnern

Nach diesem in folgt nämlich der Dativ. Siehe zum Beispiel:

Auflösung in Bildpunkten
Länge in laufenden Metern
Abstand in gerundeten Kilometern
Gewicht in halben Zentnern

Die endungslosen Formen (Auflösung in Pixel, Länge in Meter, Abstand in Kilometer, Gewicht in Zentner) kommen aber auch vor. Das hat sehr wahrscheinlich damit zu tun, dass männliche Maß- und Mengenangaben auf unbetontes -er und -el im Dativ Plural gebeugt und ungebeugt verwendet werden können, wenn sie mit einer Zahlenangabe stehen:

in zehn Meter/Metern Höhe
in 20 Kilometer/Kilometern Entfernung
die Verwendung von 10 Zentner/Zentnern Kupfer
bei zwei Drittel/Dritteln der Befragten
mit einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixel/Pixeln

Beides gilt in diesen Fällen auch standardsprachlich als korrekt (siehe auch hier).

Zusammenfassend: Ohne Zahlenangabe verwenden Sie am besten Auflösung in Pixeln (das ist sicher richtig), aber Auflösung in Pixel kommt auch vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird ein halber Tag oder einen halben Tag gespielt?

Frage

Ich hätte eine Frage zu folgendem Satz: „Gespielt wird ein halber Tag“. Ich bin ein wenig unsicher, ob es nicht eher „einen halben Tag“ heißen müsste oder ist „ein halber Tag“ hier das Subjekt?

Antwort

Guten Tag Frau T.

richtig ist hier tatsächlich einen halben Tag:

Gespielt wird einen halben Tag.

Die Wortgruppe ist nicht das Subjekt eines Passivsatzes (bzw. das Akkusativobjekt des entsprechenden Aktivsatzes). Es ist eine eine Zeitbestimmung.

  • nicht:

Wer oder was wird gespielt? – ein halber Tag
(Wen oder was spielt man? – einen halben Tag)

  • sondern:

Wie lange wird gespielt? – einen halben Tag
(Wie lange spielt man? – einen halben Tag)

Deshalb steht nicht der Nominativ, sondern der Akkusativ. Es handelt sich bei einen halben Tag um einen Adverbialakkusativ oder adverbialen Akkusativ.

Der Nominativ ein halber Tag klingt vielleicht gar nicht so falsch, weil halber Tag rein formal auch das Subjekt zu gespielt werden sein könnte. Der Nominativ ist aber nicht korrekt, weil er von der Bedeutung her nicht stimmen kann. Das sieht man zum Beispiel dann, wenn man einen anderen Adverbialakkusativ einsetzt oder ein anderes Verb wählt:

Man spielt den ganzen Tag.
Gespielt wird den ganzen Tag.

Man wartet einen halben Tag.
Gewartet wird einen halben Tag.

Noch deutlicher wird es vielleicht, wenn man ein Subjekt ergänzt:

Man spielt das Spiel einen halben Tag.
Gespielt wird das Spiel einen halben Tag.

Und wenn man immer noch unsicher ist, kann man auch einfach lang ergänzen:

Gespielt wird einen halben Tag lang.

Wenn das möglich ist, ohne dass sich die Bedeutung ändert, ist der Akkusativ richtig. Ich finde die Formulierung mit lang übrigens in diesem Satz stilistisch sowieso etwas besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verständnis einer Sache, Verständnis von einer Sache, Verständnis für eine Sache

Frage

Ich stolpere ständig über Sätze, in denen der Begriff „Verständnis“ vorkommt. Klar ist mir eigentlich, dass mit „Verständnis für etwas“ eher ein Einfühlungsvermögen gemeint ist.

Nun scheint es aber gemäß meiner wiederholten Recherche keinen Unterschied zwischen „Verständnis von etwas“ und „Verständnis + Genitivattribut“ zu geben. Angeblich ist die Genitivkonstruktion üblicher und zu bevorzugen, womit ich jedoch oft ein Problem habe.

Meines Erachtens wird es schlimm, wenn sowohl eine Person als auch ein Gegenstand genannt werden, z. B. „Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur“.

Auch die folgende Formulierung klingt für mich komisch: „Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.“ […]

Antwort

Guten Trag Frau B.,

mit Verständnis für jemanden/etwas wird gesagt, dass man sich in eine Person oder eine Sache hineinversetzen kann. Mit Verständnis einer Sache wird gesagt, dass man etwas versteht, begreift.

Mit der zweiten Bedeutung von Verständnis steht das Objekt (dasjenige, was verstanden wird) im Prinzip im Genitiv:

Viele Fremdwörter erschweren das Verständnis des Textes.
Das Verständnis seiner Motive ist wichtig.

Auch das Subjekt des Verstehens (die Person, die versteht) steht im Prinzip im Genitiv:

das Verständnis des Dichters (der Dichter versteht)
das Verständnis der Schüler fördern (die Schüler verstehen)

Ob der Genitiv das Objekt oder das Subjekt bezeichnet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Regel sind bei Verständnis mit dieser Bedeutung Personen Subjekt und Nichtpersonen Objekt. Deshalb ist in Fällen wie den folgenden (mehr oder weniger) klar, was gemeint ist:

das Verständnis des Richters der Motive des Täters
das Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Ebenso zum Beispiel:

die Beurteilung des Richters der Motive des Täters
die Kenntnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Formulierungen dieser Art werden dennoch häufiger vermieden, das heißt, man weicht auf andere Formulierungen aus. Manchmal wird mit für formuliert. Das ist aber nicht zu empfehlen, da Verständnis für eine andere Bedeutung hat (siehe oben):

das Verständnis des Richters für die Motive des Täters (andere Bedeutung)
das Verständnis des Dichters für die mittelalterliche Literatur (andere Bedeutung)

Es ist ebenfalls nicht zu empfehlen auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Wenn die Wortgruppe wie hier einen Artikel enthält, gilt dies als umgangssprachlich:

das Verständnis des Richters von den Motiven des Täters (umgangssprachlich)
das Verständnis der Dichters von der mittelalterlichen Literatur (umgangssprachlich)

(Mehr dazu, wann man auch standardsprachlich von statt des Genitiv verwenden kann oder muss, siehe hier.)

Weder für noch von bieten hier also eine gute Lösung. Es ist deshalb standardsprachlich besser, a) den doppelten Genitiv stehen zu lassen oder b) ganz anders zu formulieren, wenn man ihn vermeiden will. Zum Beispiel:

  1. Das Verständnis des Richters der Motive des Täters ist wichtig.
  2. Es ist wichtig, dass der Richter die Motive des Täters versteht.
  1. Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur.
  2. Darin zeigt sich, dass der Dichter ein großes Verständnis der mittelalterlichen Literatur hat.
    Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters im Bereich der mittelalterlichen Literatur.
  1. Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.
  2. Wir sollten den Menschen die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz besser verständlich machen.

Der Genitiv ist schön, man sollte es aber innerhalb eines Satzes nicht damit übertreiben. Das Verständnis der Lesenden des Inhaltes des Textes könnte darunter leiden – wie dieser letzte Satz zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reagiert man über oder überreagiert man?

Frage

Ich schicke Ihnen eine kleinere Frage zum Verb „überreagieren“. Nach der Betonungsregel parallel zu „einen Mantel überziehen“ klar auf der ersten Silbe betont, also trennbar. Mir ist aber bei „er reagiert über“ sehr unwohl. Kann das stimmen? Und wie ist dann die Form im Perfekt? Ich finde „er hat überreagiert“ richtig.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

problemlos ist hier das Perfekt. Richtig ist:

er hat überreagiert

Anders sieht es bei gebeugten (finiten) Formen im Hauptsatz aus. Die beste Lösung ist hier wieder einmal, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Wenn es doch sein soll, dann am besten ungetrennt:

er überreagiert

Verben mit betontem über mit der Bedeutung zu sehr/stark sind im Deutschen dann problematisch, wenn sie als finite (gebeugte) Form im Hauptsatz stehen. Sind sie dann trennbar oder nicht? Sie müssten eigentlich trennbar sein, denn betonte Vorsilben werden im Hauptsatz abgetrennt:

einen Mantel überziehen – du ziehst den Mantel über
jemanden aufs Festland übersetzen – er setzt uns aufs Festland über
zu einem anderen Thema überwechseln – wir wechseln zu einem anderen Thema über

Bei den Verben dieser Gruppe (über = zu sehr/stark) ist dies aber nicht der Fall. Meist werden sie nur im Infinitiv und als Partizip gebraucht1:

Man sollte nicht überreagieren.
Sie haben überreagiert.

Seltener kommen finite Formen im Nebensatz vor:

Denkst du, dass ich überreagiere?
Ich finde, dass ihr überreagiert.

Im Hauptsatz kommen Verben dieser Art nur selten vor. Nach den Angaben in den Wörterbüchern, wenn sich überhaupt etwas dazu finden lässt, bleiben die Verbformen dann (meist) ungetrennt:

In diesem Fall überreagierst du.
Kleine Kinder überreagieren nicht, sie reagieren einfach ehrlich.

Im DWDS findet sich aber neben [er] überreagiert auch [er] reagiert über. Ich halte die getrennten Formen reagiert über für ungebräuchlich, aber es zeigt sich sowieso, dass hier eine relativ große Unsicherheit herrscht2. Am besten vermeiden Sie bei Unsicherheit solche Formen.

Dasselbe gilt auch für u.a.:

überbelasten, überbelegen, überbelichten, überbetonen, überbewerten, überbezahlen, übererfüllen, überversichern, überversorgen; überdosieren, überinterpretieren, überkompensieren, überregulieren, überstrapazieren, übertrainieren

sowie deren Gegenteil auf unter-, sofern vorhanden. Bei den meisten dieser Verben werden, wenn überhaupt, ungetrennte finite Hauptsatzformen angezeigt (du überbelastest, du überbelichtest, du überbetonst usw.).

Doch wie gesagt: Die Unsicherheit ist bei diesen Formen groß und ihre Häufigkeit (entsprechend?) gering.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Gemäß den Angaben im Online-Duden gibt es sogar gar keine finiten Verbformen von überreagieren. Nach einem kurzen Blick ins Internet und andere Wörterbücher halte ich das für nicht zutreffend.

2 Die Unsicherheit hat vielleicht damit zu tun, dass diese Verben häufig weniger direkte Ableitungen von einem Verb sind als eher Rückbildungen aus Substantiven wie Überreaktion, Überdosierung bzw. aus adjektivischen Partizipien wie überbelastet, überbelichtet usw. Zum Substantiv Überreaktion wird das Verb überreagieren gebildet, zum adjektivichen Partizip überbelichtet das Verb überbelichten usw.

Nebenordnendes „weil“ – vielleicht etwas verwirrend, weil eher selten

NB: Es geht hier nicht um das eher umgangssprachliche weil zwischen Hauptsätzen (Ich komme nicht, weil ich habe keine Zeit), sondern um standardsprachliches weil zwischen Adjektiven.

Frage

Vor kurzem habe ich Folgendes auf der Zeitung gelesen:

Sie bemühen sich weiterhin, ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket zu retten.

Was für eine Funktion erfüllt „weil“ in diesem Satz? Warum steht es zusammen mit einer Infinitivkonstruktion?

Antwort

Guten Tag N.,

in diesem Satz hat weil eine Funktion, die es eher selten hat. In der Regel leitet weil unterordnend einen Nebensatz ein.

Das Rentenpaket ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist.

Seltener kann weil nebenordnend zwischen zwei Adjektiven oder adjektivisch verwendeten Partizipien stehen. Es verbindet dann zwei Attribute (nähere Bestimmungen) miteinander, von denen das zweite das erste begründet:

ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket

In Ihrem Satz fügt weil das Attribut der Zukunft abgewandtes an, und zwar als Begründung für missratenes. Etwas ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist. Dieses weil leitet also nicht einen Begründungssatz ein, sondern es verbindet begründend zwei Adjektive miteinander.

Diese Verwendung von weil wird nicht in allen Wörterbüchern und Grammatiken angegeben und kann insbesondere bei Deutschlernenden für Verwirrung sorgen.

Weitere Beispiele:

eine schlechte, weil lückenhafte Darstellung
uninteressante, weil irrelevante Informationen
die empfehlenswerte, weil sehr abwechslungsreiche Wanderung

Auch begründendes da kann so verwendet werden:

ein missratenes, da der Zukunft abgewandtes Rentenpaket
eine schlechte, da lückenhafte Darstellung
uninteressante, da irrelevante Informationen

So viel zu diesem anfangs vielleicht etwas verwirrenden, weil eher selten vorkommenden nebenordnenden weil. (Den vorhergehenden schwer verständlichen, weil komplizierten Satz formuliert man besser anders, wenn man auf Anhieb verstanden werden möchte – und diesen auch.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Massenhaft Dokumente?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob der folgende Satz so stimmt?

Massenhaft Dokumente belegen das.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

rein umgangssprachlich ist der Satz gebräuchlich. Das Wort massenhaft hat dabei die Bedeutung sehr viel, zahlreich.

Massenhaft Dokumente belegen das.

Man kann dies mit der ebenfalls umgangssprachlichen Wendung jede Menge vergleichen:

Jede Menge Dokumente belegen das.

ABER: Standardsprachlich gilt diese Verwendung von massenhaft nicht als korrekt. Anders als viel kann massenhaft nämlich nicht ungebeugt vor einem Substantiv stehen und es näher bestimmen. Das Adjektiv muss dann gebeugt werden:

massenhafte Arbeitslosigkeit
massenhafter Ansturm auf die Geschäfte
massenhaftes Auftreten von Problemen

Die ungebeugte Form kann u. a. adverbial verwendet werden (Bedeutung: in Massen, in großen Mengen):

Die Probleme treten massenhaft auf.
Massenhaft treten Probleme auf.
Es treten massenhaft Probleme auf (massenhaft = in Massen)

Die Dokumente wurden massenhaft gefälscht.
Massenhaft wurden Dokumente gefälscht.
Es wurden massenhaft Dokumente gefälscht (massenhaft = in großen Mengen)

Aber nicht bzw. nur umgangssprachlich:

Massenhaft Probleme treten auf.
Massenhaft Dokumente wurden gefälscht.
Massenhaft Dokumente belegen das.

Standardsprachlich sagt man dann besser zum Beispiel:

Zahlreiche Probleme treten auf.
Sehr viele Dokumente wurden gefälscht.
Zahlreiche Dokumente belegen das.

Zusammenfassend: Der Satz in Ihrer Frage stimmt, aber nur umgangssprachlich. Standardsprachlich sollte anders formuliert werden. Dort kann ungebeugtes massenhaft grob gesagt nur dann vor einem Substantiv stehen, wenn es durch in Massen oder in großen Mengen ersetzt werden kann (siehe Beispiele oben).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp