Massenhaft Dokumente?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob der folgende Satz so stimmt?

Massenhaft Dokumente belegen das.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

rein umgangssprachlich ist der Satz gebräuchlich. Das Wort massenhaft hat dabei die Bedeutung sehr viel, zahlreich.

Massenhaft Dokumente belegen das.

Man kann dies mit der ebenfalls umgangssprachlichen Wendung jede Menge vergleichen:

Jede Menge Dokumente belegen das.

ABER: Standardsprachlich gilt diese Verwendung von massenhaft nicht als korrekt. Anders als viel kann massenhaft nämlich nicht ungebeugt vor einem Substantiv stehen und es näher bestimmen. Das Adjektiv muss dann gebeugt werden:

massenhafte Arbeitslosigkeit
massenhafter Ansturm auf die Geschäfte
massenhaftes Auftreten von Problemen

Die ungebeugte Form kann u. a. adverbial verwendet werden (Bedeutung: in Massen, in großen Mengen):

Die Probleme treten massenhaft auf.
Massenhaft treten Probleme auf.
Es treten massenhaft Probleme auf (massenhaft = in Massen)

Die Dokumente wurden massenhaft gefälscht.
Massenhaft wurden Dokumente gefälscht.
Es wurden massenhaft Dokumente gefälscht (massenhaft = in großen Mengen)

Aber nicht bzw. nur umgangssprachlich:

Massenhaft Probleme treten auf.
Massenhaft Dokumente wurden gefälscht.
Massenhaft Dokumente belegen das.

Standardsprachlich sagt man dann besser zum Beispiel:

Zahlreiche Probleme treten auf.
Sehr viele Dokumente wurden gefälscht.
Zahlreiche Dokumente belegen das.

Zusammenfassend: Der Satz in Ihrer Frage stimmt, aber nur umgangssprachlich. Standardsprachlich sollte anders formuliert werden. Dort kann ungebeugtes massenhaft grob gesagt nur dann vor einem Substantiv stehen, wenn es durch in Massen oder in großen Mengen ersetzt werden kann (siehe Beispiele oben).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „der Grund, warum“ oder „der Grund, aus dem“?

Frage

Kann man sagen: „Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin“, oder geht nur: „Das ist der Grund, warum ich gekommen bin“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

rein grammatisch gesehen geht beides. Man kann nach Grund einen indirekten Fragesatz anschließen. Dann steht warum. Man kann aber auch einen Relativsatz verwenden. Dann steht aus dem.

Was ist besser? – Üblich ist vor allem der Grund, warum. Die Formulierung der Grund, aus dem kommt seltener vor, sie ist aber nicht falsch. Am besten wählen Sie also:

Das ist der Grund, warum ich gekommen bin.

Weniger üblich, aber nicht falsch:

Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin.

Beim Plural Gründe kommt der Relativsatz übrigens häufiger vor als im Singular. Dann sind beide Formulierungen üblich:

Das sind die Gründe, warum ich gekommen bin.
Das sind die Gründe, aus denen ich gekommen bin.

Dann sei hier noch eine weitere Formulierung erwähnt:

Das ist der Grund dafür, dass ich gekommen bin.
Das sind die Gründe dafür, dass ich gekommen bin.

So gibt es auch hier mehr als eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es zu Sarahs Linker oder zu Sarahs Linken?

Frage

Ich bin über die Frage eines Kollegen gestolpert, bei deren Antwort ich mir recht unsicher bin. Es geht um Folgendes:

Der Korridor führte auf die Terrasse. Zu Sarahs Linker ging es durch eine weitere Tür in den Essbereich.

Müsste es nicht heißen: „Zu Sarahs Linken ging es …“? Ich denke mir das so: „zur Linken von Sarah“, „zu Sarahs Linken“. Es heißt ja auch: „zu ihrer Linken“. Oder denke ich da völlig falsch? Ist vielleicht sogar beides richtig?

Antwort

Guten Tag R.,

das Wort Linke ist eine Substantivierung des Adjektivs linke. Es wird im Prinzip gleich gebeugt, wie wenn es als Adjektiv vor einem Substantiv steht:

zu ihrer linken Seite → zu ihrer Linken
zur linken Seite der Gastgeberin → zur Linken der Gastgeberin

Aber stark gebeugt, wenn ohne Artikel nach einem Genitiv:

zu Sarahs linker Seite → zu Sarahs Linker

Warum steht hier die Endung er? – Ohne Artikelwort wird ein Adjektiv, also auch linke, stark gebeugt:

zu Sarahs großer Freude
mit Sarahs kleiner Schwester
mit Frau Müllers ältester Tochter → mit Frau Müllers Ältester
zu Svens rechter Seite → zu Svens Rechter

Man hört und liest gelegentlich auch Formulierungen wie zu Sarahs Linken und zu Svens Rechten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Wendung nur selten mit einem vorangestellten Genitiv erscheint und sonst meist mit der Endung en steht. Grammatisch korrekt ist hier aber die starke Endung er, also zu Sarahs Linker und zu Svens Rechter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugtes „wert“: ein 20 000 Euro wertes Gebäude?

Frage

Kann man das Adjektiv „wert“ attributiv gebrauchen und zum Beispiel von einem „20 000 Euro werten Grundstück“ sprechen? Belege finde ich.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

in der Standardsprache kommt wert mit der Bedeutung einen bestimmten Wert haben nur in der Wendung etwas wert sein vor:

Das Grundstück ist 20 000 Euro wert.
Dein Urteil ist mir viel wert.

Dieses wert kann standardsprachlich nicht attributiv verwendet werden, das heißt, es kann nicht gebeugt vor einem Substantiv stehen:

nicht: ein 20 000 Euro wertes Grundstück
nicht: dein mir viel wertes Urteil

Formulierungen dieser Art kommen vor, sie gelten aber als umgangssprachlich oder, wenn man ganz streng ist, als falsch. Man sollte zum Beispiel so formulieren:

ein Grundstück mit einem Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück im Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück, das 20 000 Euro wert ist

Siehe auch zum Beispiel die Angaben im DWDS.

Gebeugtes wert gibt (oder gab) es allerdings auch, und zwar mit der Bedeutung hochgeschätzt, verehrt. Zum Beispiel:

Sie begrüßten die werten Gäste.
Sie erkundigte sich höflich nach seinem werten Befinden.
Werte Frau Konsulin (Anrede)

Heutzutage ist diese Verwendung von wert aber eher veraltet.

Es gilt also, werter Herr T., dass es standardsprachlich keine etwas werten Dinge gibt, sondern nur Dinge, die etwas wert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Wird oder werden in Kanada Französisch und Englisch gesprochen?

Frage

In einem Textbuch ist der Satz „In Kanada wird Englisch und Französisch gesprochen“ als richtige Lösung angegeben für „In Kanada ___ Englisch und Französisch gesprochen“. Warum nicht „werden gesprochen“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

hier ist der Singular üblich, weil in Französisch sprechen und Englisch sprechen das Substantiv eng mit dem Verb verbunden ist:

In Kanada wird Französisch und Englisch gesprochen.
In der Schweiz wird Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen.

Ebenso zum Beispiel:

Am 5. November wird im Foyer Klavier und Geige gespielt.
ein Ort, an dem Fußball und Volleyball gespielt wird
Im Winter wird dort Ski und Schlittschuh gelaufen.
Bei einem besseren ÖVPN-Angebot wird weniger Auto und Fahrrad gefahren.

Es ist unüblich, hier das Verb im Plural zu verwenden.

Das Verb steht aber in Formulierungen wie den folgenden im Plural:

In Kanada werden zwei Sprachen gesprochen, Französisch und Englisch.
In Kanada werden die Sprachen Französisch und Englisch gesprochen.
In Kanada werden die französische Sprache und die englische Sprache gesprochen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Geflüchtete“ falsch?

Ein Wort, das immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. Hier geht es nur um die Grammatik.

Frage

Mir erscheint der Ausdruck „Geflüchtete“ grammatisch falsch. Vielleicht weil man „geflüchtet“ nicht im Passiv verwenden kann.

Antwort

Guten Tag Frau V.,

das Substantiv Geflüchtete ist nicht falsch. Das ist schon deshalb der Fall, weil das Wort allgemein üblich ist, auch standardsprachlich verwendet wird und in den Wörterbüchern zu finden ist. Was üblich und gebräuchlich ist, ist richtig.

Aber auch „streng“ grammatisch gibt es nichts einzuwenden. Es geht hier um ein Partizip Perfekt (Partizip II), das wie ein Adjektiv verwendet und dann substantiviert wird. Dabei gilt als allgemeine Regel unter anderem Folgendes:

a) Die Perfektpartizipien transitiver Verben (Verben, die im Passiv stehen können) können auch als Adjektive verwendet werden.

der geschlagene Hund
das gesprochene Wort
die angestellte Frau

Dabei hat das Partizip die Bedeutung des Passivs:

Man hat den Hund geschlagen → der geschlagene Hund
Man hat das Wort gesprochen → das gesprochene Wort
Man hat die Frau angestellt → die angestellte Frau

b) Die Perfektpartizipien intransitiver Verben, die mit sein konjugiert werden, können auch als Adjektive verwendet werden, wenn sie eine abgeschlossene Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen (perfektive intransitive Verben):

die verblühte Blume
der angekommene Zug
das gesunkene Schiff

Hier hat das Partizip die Bedeutung des Aktivs:

Die Blume ist verblüht → die verblühte Blume
Der Zug ist angekommen → der angekommene Zug
Das Schiff ist gesunken → das gesunkene Schiff

Das Verb flüchten gehört zur zweiten Gruppe, wenn die Flucht abgeschlossen ist:

die Menschen sind geflüchtet → die geflüchteten Menschen

Adjektive und adjektivisch verwendetet Partizipien können im Prinzip immer auch als Substantiv verwendet werden. So auch:

das Gesprochene
die Angestellte
der Angekommene
die Geflüchteten

c) Andere intransitive Verben werden in der Regel nicht als Adjektive verwendet:

Der Chor hat gesungen
nicht: *der gesungene Chor / *der Gesungene
Der Regen hat aufgehört
nicht: *der aufgehörte Regen / *der Aufgehörte
Die Kinder sind herumgeirrt
nicht: *die herumgeirrten Kinder / *die Herumgeirrten
Die Frau ist zu Fuß gegangen
nicht: *die zu Fuß gegangene Frau / *die zu Fuß Gegangene

Wenn aber durch eine Richtungs- oder Zielangabe eine abgeschlossene Handlung entsteht:

Die Gäste sind nach Hause gegangen
→ die nach Hause gegangenen Gäste / die nach Hause Gegangenen

Ganz so kompliziert, wie es den Anschein hat, ist es nicht. Außerdem macht man es meist ganz spontan richtig, ohne dass man diese Regeln bewusst kennen und anwenden muss. Der Zweifel entsteht oft erst dann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Brief von Russlands Präsident/Präsidenten Putin – mit oder ohne Endung?

Frage

Ich mir unsicher bei folgender Aussage: „der Brief von Russlands Präsident/en Wladimir Putin.“

Meinem Gefühl nach würde ich zu „Präsident“ tendieren, auf der andern Seite erfragt man: „Der Brief von wem?“, was eigentlich einen Dativ zur Folge haben müsste. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.

hier ist sowohl die ungebeugte Form Präsident als auch die gebeugte Form Präsidenten möglich. Bei der Erklärung, warum das so ist, muss ich etwas weiter ausholen:

Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. können in Verbindung mit einem Namen unveränderlich sein oder gebeugt werden. Mit welcher Konstruktion man es zu tun hat, sieht man in der Regel daran, ob ein Artikelwort verwendet wird oder nicht:

Ungebeugt ohne Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit Fürst Metternich
ein Treffen mit US-Präsident Trump
Krimiautor Mario Puzzos berühmter Roman
Onkel Alberts Fiat und Tante Lisas BMW
Königin Margrethes Abdikation

Gebeugt mit Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit dem Fürsten Metternich
ein Treffen mit dem US-Präsidenten Trump
der berühmter Roman des Krimiautors Mario Puzzo
der Fiat meines Onkels Anton und der BMW deiner Tante Lisa
die Abdikation der Königin Margrethe

Auch das Wort Präsident kann also ohne Artikel vor dem Namen stehen. Es bleibt dann ungebeugt (gebeugt wird ggf. der Name):

ein Treffen mit Präsident Putin
der Brief von Präsident Wladimir Putin
Präsident Wladimir Putins Brief

Präsident kann auch Kern der Wortgruppe sein und den Namen als nähere Bestimmung (Apposition) bei sich haben. Dann hat es ein Artikelwort vor sich und wird gebeugt (der Name bleibt ungebeugt):

ein Treffen mit dem Präsidenten Putin
(der Brief vom Präsidenten Wladimir Putin [nur umgangssprachlich])
der Brief des Präsidenten Wladimir Putin

Und nun kommen wir endlich zu Ihrem Beispiel. In Russlands Präsident Wladimir Putin hat Präsident ein vorangestelltes Genitivattribut. Ein solches Attribut ersetzt ggf. den Artikel:

das Auto von Frau Müller = Frau Müllers Auto
die Wälder Russlands = Russlands Wälder

Ebenso:

der Brief des Präsidenten von Russland Wladimir Putin
= der Brief von Russlands Präsidenten Wladimir Putin

Man kann aber auch ohne Artikel formulieren:

der Brief von Präsident Wladimir Putin von Russland
= der Brief von Russlands Präsident Wladimir Putin

Was Sie wählen, hängt also davon ab, ob es sich um einen Brief des Präsidenten von Russland Putin (→ von Russlands Präsidenten Putin) oder um einen Brief von Präsident Putin von Russland (→ von Russlands Präsident Putin) handelt. Da es hier m.M.n. keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied gibt, passt, wie am Anfang gesagt, beides. Wirklich wichtig wäre ohnehin, dass in einem solchen Brief etwas gemeint Friedliches stünde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hätte ich es begreifen können oder begriffen haben können?

Frage

In der Netflix-Serie „Sandman“ gibt es dieses Zitat:

Weißt du, zuerst mal war es falsch, einen Plan für den Tag zu machen, damit meine Erwartungen erfüllt werden. Das hat es mir vollkommen unmöglich gemacht, zu genießen, was der Tag an neuen Erfahrungen bereithielt. Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

Ich kann die Verbform des letzten Satzes nicht richtig einordnen. […] Wie unterscheiden sich „hätte begreifen können“ und „hätte begriffen haben können“? Ich dachte, es gäbe nur einen Konjunktiv 2 der Vergangenheit.

Auf Englisch lautet dieser Satz übrigens: „You’d think I would have learned that by now.“

Antwort

Guten Tag N.,

die Modalverben (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen) können mit dem Infinitiv Präsens und mit dem Infinitiv Perfekt stehen.

  • Gleichzeitigkeit: Partizip Präsens

Du musst es [jetzt] tun.
Du müsstest es [jetzt] tun.
Du hättest es [damals] tun müssen.

  • Vorzeitigkeit: Partizip Perfekt

Du musst es [vorher/bereits] getan haben.
Du müsstest es [vorher/bereits] getan haben.
Du hättest es [vorher/bereits] getan haben müssen.

Ebenso:

Ich kann es [jetzt] begreifen
Ich könnte es [jetzt] begreifen.
Ich hätte es [damals] begreifen können.

Ich kann es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich könnte es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich hätte es [vorher/bereits] begriffen haben können.

In Ihrem Zitat kann man hätte können auch mit zum Beispiel müsste ausdrücken:

Ich hätte es doch inzwischen begreifen können.
Ich müsste es doch inzwischen begreifen.

Ich hätte es doch inzwischen begriffen haben können.
Ich müsste es doch inzwischen begriffen haben.

Ob es darum geht, inzwischen zu begreifen oder inzwischen begriffen zu haben, ist nicht dasselbe, aber es gibt in diesem Kontext dennoch keinen großen Unterschied. Wenn man es nicht begriffen hat, begreift man es nicht. Deshalb geht hier m.M.n. beides:

Das hätte ich inzwischen doch begreifen können, oder?
Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

In beiden Sätzen steht das Modalverb im Konjunktiv II der Vergangenheit (hätte können); im ersten Satz mit dem Infinitiv Präsens (begreifen) im zweiten Satz mit dem Infinitiv Perfekt (begriffen haben). Eine andere Übersetzung des Zitats zeigt, wie groß oder eben klein der Unterschied zwischen den beiden Formulierungen ist:

Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begreife.
Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begriffen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp