Ich denke, dass der Konjunktiv hier falsch sei

Frage

Wir sind uns bei der Verwendung des Konjunktivs I nicht ganz einig. Könnten Sie bitte helfen? Es geht um die Verben des Meinens, Glaubens, Denkens in der ersten Person Präsens mit einem Objektsatz. Kann man hier den Konjunktiv I verwenden, um seine subjektive Sicht auszudrücken und zuzugestehen, dass man vielleicht falsch liegt? Beispiele:

Ich denke, Tanzen sei spannend.
Ich finde, dass das Kleid schön sei.
Ich nehme an, er sei krank.
Ich vermute, dass sie jetzt in der Schule sei.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund sei.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei Verben des Sagens, Denkens, Glaubens, Meinens usw. wird mit dem Konjunktiv angegeben, dass das Gesagte als indirekte Wiedergabe der Äußerung einer Drittperson verstanden werden soll. Man gibt an, dass man nicht die eigenen Worte/Gedanken äußert, sondern die Worte/Gedanken anderer wiedergibt.

Wenn das Subjekt des einleitenden Verbs eine erste Person ist, drückt der Sprecher bzw. die Sprecherin direkt die eigene Meinung, die eigenen Gedanken usw. aus. Der Konjunktiv, der Indirektheit anzeigt, ist deshalb nicht üblich. Möglich ist nur der Indikativ:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.1
Ich finde, dass das Kleid schön ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.1
Ich vermutet, dass sie jetzt in der Schule ist.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund ist.

Dann zum Aspekt der Subjektivität oder der Einschränkung des Gültigkeitsanspruchs, den der Konjunktiv auch ausdrücken kann: Dass es sich um eine subjektive Meinung handelt, mit der man falschliegen könnte, wird durch das einleitende Verb ausgedrückt. Dieser Aspekt ist bereits in der Bedeutung von „denken“, „finden“, „annehmen“, „vermuten“ usw. enthalten. Wenn man sicher ist, verwendet man nicht diese Verben, sondern zum Beispiel „ich weiß, dass“ oder man macht die Aussage ohne einleitendes Verb:

Tanzen ist spannend.
Er ist krank.
Ich weiß / bin sicher, dass er krank ist.

Bei Sätzen dieser Art (indirekte Rede) ist also der Konjunktiv nicht üblich, wenn das einleitende Verb in der ersten Person steht. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Alle Beispiele oben stehen nämlich im Präsens. In der Vergangenheit sieht es anders aus: In der Vergangenheit ist der Konjunktiv auch bei der ersten Person möglich. Durch den zeitlichen Abstand ist sozusagen Indirektheit entstanden:

Ich dachte, Tanzen sei spannend.
Ich fand, dass das Kleid schön sei.
Ich habe angenommen, er sei krank.
Ich vermutete, dass sie in der Schule sei.
Ich war der Meinung, Alkohol sei ungesund.

Hier kann der Konjunktiv zusätzlich den Aspekt ausdrücken, dass man sich damals getäuscht hat. Das muss aber nicht so sein. Die Verwendung des Konjunktivs ist im Deutschen nicht sehr streng geregelt. Was genau gemeint ist, ergibt sich häufig erst aus dem weiteren Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


1 In der (geschriebenen) Standardsprache ist es besser, einen dass-Satz im Indikativ anstelle eines uneingeleiteten Nebensatzes im Indikativ zu verwenden:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.

Besser nicht:

Ich denke, Tanzen ist spannend.
Ich nehme an, er ist krank.

Diese Sätze sind nicht falsch, sie gehören aber eher der gesprochenen Sprache an.

Die Wortart von „teil“

Frage

Zu welcher Wortart gehört „teil“ in diesem Satz: „Er nahm an der Veranstaltung teil“?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Wort „teil“ in Ihrem Beispielsatz ist der abtrennbare Teil des trennbaren Verbs „teilhaben“. Es gehört zum Verb und wird trennbares Präfix, Verbzusatz, Verbpartikel oder Präverb genannt (im Weiteren verwende ich „Verbpartikel“). Ursprünglich war es ein Substantiv, doch in der Verbindung „teilhaben“ hat es keine substantivischen Merkmale mehr. Das ist der Grund dafür, dass es vor dem Verb stehend mit diesem zusammengeschrieben  und bei getrennter Stellung kleingeschrieben wird („teilnehmen“ – „ich nehme teil“).

Die Verbpartikeln entsprechen häufig Wörtern aus anderen Wortarten:

  • Präpositionen: an, ab, auf, aus, mit, nach, unter, über, zu
  • Adverbien: fort, her, hin, herunter, hinauf, weg, zusammen
  • Adjektive: fest, frei, hoch, schwarz
  • Substantive: heim, leid, stand, teil

Ob man diese Elemente bei der Bestimmung der Wortarten Verbpartikeln nennt oder ob man die Bezeichnung der „ursprünglichen“ Wortart verwendet, ist vor allem einen Definitionsfrage. In allen Fällen zufriedenstellend ist keine der beiden Lösungen. Wenn man „zusammen“ in „Sie stellt das Menü zusammen“ als Adverb bezeichnet, was ist es dann in „dass sie das Menü zusammenstellt“? Umgekehrt ist es nicht unproblematisch, „blau“ in „Sie färbt den Stuhl blau“ als Verbpartikel zu bezeichnen, nur schon weil man ja nicht nur „blaufärben“, sondern auch „blau färben“ schreiben kann.

Die Schwierigkeit liegt hier darin, dass die Verbpartikeln einen unterschiedlichen Grad an Selbstständigkeit bewahrt haben. Während „blau“ in „Sie färbt den Stuhl blau“ noch einen stark adjektivischen Charakter hat, kann „an“ in „Sie streicht den Stuhl an“ kaum mehr als Präposition oder Adverb bezeichnet werden. Eine rein praktische Lösung nennt alles „Verbpartikel“, was im Infinitiv mit dem Verb zusammengeschrieben wird.

Auch „teil“ sollte nicht Substantiv, sondern Teil des Verbs (Verbpartikel o. trennbares Verbpräfix, Verbzusatz, Präverb) genannt werden. Mit anderen Worten: In „er nimmt teil“ wird „teil“ vom Substantiv zum Verbanhängsel degradiert.

Wortstellung, wenn „entweder – oder“ Hauptsätze verbindet

Frage

Es geht um die Wortstellung bei der Doppelkonjunktion „entweder … oder …“. Manchmal steht das Verb nach „entweder“ und manchmal steht dort ein Substantiv oder ein Personalpronomen. Zum Beispiel:

Entweder gehe ich nach England arbeiten oder ich studiere in Deutschland.
Entweder ich gehe auf Weltreise oder ich mache eine Rundreise.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

mit „entweder – oder“ werden Wörter, Satzteile und Sätze miteinander verbunden. Der Teil „entweder“ verhält sich aber nicht immer wie eine Konjunktion. Wenn „entweder – oder“ zwei Hauptsätze miteinander verbindet, kann „entweder“ wie eine Konjunktion oder wie ein Adverb verwendet werden.

Als Konjunktion ist „entweder“ kein Teil des ersten Hauptsatzes. Es steht vor dem Hauptsatz, der mit unveränderter Wortstellung folgt:

Entweder ich gehe nach England arbeiten oder ich studiere in Deutschland.
Entweder deine Schwester begleitet dich zur Bank oder sie gibt dir eine Vollmacht.

Als Adverb ist „entweder“ ein Teil des Hauptsatzes und kann an erster Stelle stehen. An zweiter Stelle folgt das gebeugte Verb:

Entweder gehe ich nach England arbeiten oder ich studiere in Deutschland.
Entweder begleitet dich deine Schwester zur Bank oder sie gibt dir eine Vollmacht.

Als Adverb kann „entweder“ auch im Satzinneren stehen:

Ich gehe entweder nach England arbeiten oder ich studiere in Deutschland.
Deine Schwester begleitet dich entweder zu Bank oder sie gibt dir eine Vollmacht.

Mit dieser Wortstellungsvielfalt steht „entweder – oder“ nicht alleine da. Auch zu „nicht nur – sondern auch“, „sowohl – als/wie auch“ und „weder – noch“ gibt es Ähnliches zu sagen, wenn sie Hauptsätze miteinander verbinden. Mehr dazu hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nebensätze sind nicht immer weglassbar

Immer wieder werden Fragen gestellt, die von der Annahme ausgehen, dass nur in Kommas gesetzt werden muss, kann oder darf, was weggelassen werden kann. Das ist nicht so, auch nicht bei Nebensätzen. Nebensätze können nämlich ganz verschiedene Funktionen haben und bei Weitem nicht immer weggelassen werden.

Frage

Welche Sätze in Kommas kann man weglassen? Wenn man sie weglässt, muss sich doch wohl ein sinnvoller Satz ergeben. Beispiel:

Es konnte ein Zusammenhang zwischen Eltern, die sich in der Pandemie allein mit ihren Kindern befanden, und dem wahrgenommenen Stress aufgezeigt werden.
Es konnte ein Zusammenhang zwischen Eltern und dem wahrgenommenen Stress aufgezeigt werden.

Hier geht es nicht. Aber gibt es Situationen, wo es geht?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn man einen Nebensatz weglässt, muss nicht unbedingt ein vollständiger oder sinnvoller Satz übrig bleiben. Ein Nebensatz kann nämlich im übergeordneten Satz verschiedene Funktionen haben, die zum Teil obligatorisch sind. Hier ein paar Beispiele, in denen ohne Nebensatz weder grammatisch noch inhaltlich ein vollständiger Satz vorhanden ist:

– Nebensatz = Subjekt

Dass du mir zustimmst, erstaunt mich.
Erstaunt mich = kein vollständiger Satz

– Nebensatz = Objekt

Er sagt, dass du recht hast.
Er sagt = kein vollständiger Satz

– Nebensatz = obligatorische Adverbialbestimmung

Wir wohnen jetzt, wo wir schon immer wohnen wollten.
Wir wohnen jetzt = kein vollständiger Satz

– Nebensatz = Prädikativ

Werde nicht, wie dein Vater war!
Werde nicht = keine vollständiger Satz

Es gibt auch Nebensätze, die im Prinzip weggelassen werden können: Attributsätze und die Adverbialsätze. Attributsätze sind Relativsätze, die ein Wort im übergeordneten Satz näher bestimmen:

Kennst du die Frau, die dort drüben steht?
Kennst du die Frau?

Ich finde den Witz, über den ihr lacht, gar nicht lustig.
Ich finde den Witz gar nicht lustig.

Rein formal ist das Weglassen von Attributsätzen immer möglich. Bei der Bedeutung sieht es allerdings anders aus: Je nachdem wie wichtig die nähere Bestimmung für das Verständnis des Ganzsatzes ist, kann ein Relativsatz mehr oder weniger gut weggelassen werden. Wenn ein Relativsatz wichtige Informationen für das Verständnis des Ganzsatzes enthält, ist er nur schlecht weglassbar, weil dann kein allzu sinnvoller Satz mehr übrig bleibt. Das gilt auch für Ihren Beispielsatz:

Es konnte ein Zusammenhang zwischen Eltern, die sich in der Pandemie allein mit ihren Kindern befanden, und dem wahrgenommenen Stress aufgezeigt werden.

Rein formal ist der Satz auch ohne den Relativsatz „die sich in der Pandemie allein mit ihren Kindern befanden“ korrekt formuliert. Ohne den Relativsatz wird aber nur gesagt, dass ein Zusammenhang zwischen Eltern und Stress festgestellt wurde. Die meisten Mütter und Väter werden bestätigen, dass das Elterndasein mit Stress verbunden sein kann, aber die Aussage ist so zu allgemein und entspricht nicht mehr dem, was eigentlich ausgesagt werden soll.

Ähnliches gilt für die Adverbialsätze (Temporalsätze, Lokalsätze, Modalsätze, Begründungssätze usw.). Auch hier gilt: Je nachdem wie wichtig die Adverbialbestimmung für das Verständnis des Ganzsatzes ist, kann ein Adverbialsatz mehr oder weniger gut weggelassen werden.

Das bedeutet auch, dass die Weglassprobe bei der Kommasetzung nicht funktioniert. Auch wenn ein Nebensatz nicht weggelassen werden kann, muss er durch Kommas abgetrennt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind oder ist Nudeln mit Pilzsauce mein Lieblingsgericht?

Frage

Ich habe eine kurze Frage. Was ist richtig: „Mein Lieblingsgericht ist/sind Spaghetti“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

nach den Regeln der Grammatik muss es im Prinzip heißen:

Mein Lieblingsgericht sind Spaghetti.
Mein Lieblingsessen sind Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht waren grüne Bohnen mit Speck.

Die entsprechende Regel lautet: Wenn zwei Nominative mit „sein“ miteinander verbunden sind und nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb in der Regel im Plural (siehe hier). Hier ein paar Beispiele:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Diese Sachen sind alles, was ich noch habe.
Eine große Gefahr bleiben unbewachte Bahnübergänge.
Das beste Gericht sind die Nudeln mit Pilzsauce.

Soweit die Regel. Weshalb klingt dann „Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti“ gar nicht so falsch, insbesondere dann nicht, wenn noch angegeben wird, was für Spaghetti gemeint sind:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti mit Tomatensauce.

Das liegt daran, dass Namen von Gerichten als eine Einheit wahrgenommen werden (ähnlich wie ein Titel) und dann wie ein Singular behandelt werden können:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti bolognese
Mein Lieblingsessen ist Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht war grüne Bohnen mit Speck.

Das funktioniert übrigens nur ohne Artikel. Wenn ein Artikelwort hinzutritt, kann nur der Plural verwendet werden:

Mein Lieblingsgericht sind die Spaghetti bolognese.
Mein Lieblingsessen sind deine Nudeln mit Pilzsauce.

Wenn Sie mit Leuten zu tun haben, die es grammatisch sehr genau nehmen und Sie (unnötige) Diskussionen vermeiden möchten, wählen Sie auch ohne Artikel besser den Plural. Ansonsten schmeckt’s ohnehin, ganz gleich ob Spaghetti bolognese Ihr Lieblingsgericht sind oder ist. (Eines meiner Lieblingsgerichte sind oder ist übrigens Nudeln mit Pilzrahmsauce.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mir als Deutscher, als Deutschem, als Deutsche?

Frage

Es geht um den Satz „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“. Dem Kunden gefällt das „GrüneR nicht“. Ist es zwingend oder dürfte hier auf den Nominativ ausgewichen werden?

Sicherlich haben Sie gemerkt, dass im Beispielsatz eine Frau spricht. In der jetzigen Fassung steht das Wort im Dativ, wie es m. E. sicher auch korrekt ist. Die Frage ist nur, ob solche Nomen […] auch im Nominativ stehen können. Mein Kollege brachte noch dieses Beispiel: „Ihm als Deutscher ist das bekannt.“ Irgendwie klingt es nicht falsch, aber ich glaube dennoch, dass es „Deutschem“ heißen sollte.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der Grundregel stimmt eine solche als-Gruppe im Kasus mit dem Wort überein, auf das sie sich bezieht. Zu dieser Grundregel gibt es viele Ausnahmen, Ihre Beispiele gehören aber nicht dazu (siehe hier). Standardsprachlich sollte auch bei substantivierten Adjektiven die Kasusangleichung befolgt werden:

Singular weiblich:
ich/du/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mich/dich/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mir/dir/ihr als als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politikerin

Singular männlich:
ich/du/er als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politiker
mich/dich/ihn als Grünen – als Deutschen – als deutschen Politiker
mir/dir/ihm als Grünem – als Deutschem – als deutschem Politiker

Plural:
wir/ihr/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/ihnen als Grünen – als Deutschen – als deutschen Abgeordneten

Für Ihre Beispiele heißt das:

Mir als Grüner sind die Hände gebunden (weiblich)
Mir als Grünem sind die Hände gebunden (männlich)
Ihm als Deutschem ist bekannt …
Ihr als Deutscher ist bekannt …

Es ist aber nicht erstaunlich, dass Sie zweifeln. Häufig wird hier nämlich statt der Kasusangleichung der „neutrale“ Nominativ gewählt (zum Beispiel: „ihm als Deutscher“, „ihm als deutscher Politiker“; „ihr als Deutsche“, „ihr als deutsche Politikerin“). Das ist verständlich, denn es kann in den meisten Fällen auch ohne Kasusangleichung zu keinen Verständnisschwierigkeiten führen. In der Formulierung „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“ kann „Grüner“ sowohl ein weiblicher Dativ als auch ein männlicher Nominativ sein. In der Regel ist aber klar, ob eine männliche oder eine weibliche Person am Wort ist, so dass es zu keinen Verwechslungen kommt.

Wenn Sie aber erbetener und ungefragter Kritik oder gar dem korrigierenden Rotstift vorbeugen möchten, wählen Sie hier die Übereinstimmung im Kasus. Sie gilt in diesem Fall standardsprachlich als die richtige Lösung. Ich hoffe, dass ich Ihnen als Zweifelndem hiermit ein bisschen weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genug lang und lang genug

Frage

Es heißt: „die Schnur ist lang genug“. Kann man auch sagen: „die Schnur ist genug lang“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

ein sonst sehr geschätzter ehemaliger Kollege beantwortete Fragen dieser Art häufig mit der Bemerkung: „Sagen kann man es, aber ob es richtig ist?“ Man kann tatsächlich „genug lang“, „genug groß“ oder „nicht genug heiß“ sagen und es wird umgangssprachlich auch mehr oder weniger häufig gesagt (vor allem in der Schweiz). Als ich die Frage las, kam mir „genug lang“ zwar seltsam vor, aber auch wieder nicht hundertprozentig falsch. Wie kann man Ihre Frage also beantworten?

Üblicherweise steht „genug“ nicht vor, sondern hinter dem Adjektiv oder Adverb, auf das es sich bezieht. Es heißt also:

Die Schnur ist lang genug.
Du bist jetzt groß genug, um es besser zu wissen.
Das Wasser ist noch nicht heiß genug.
Wir haben lange genug gewartet.
Man kann es nicht oft genug sagen.

Formulierungen wie „genug lang“ oder „nicht genug heiß“ kommen, wie gesagt, auch vor, sie gelten aber als umgangs- oder regionalsprachlich und können besser vermieden werden. Das gilt auch für Formulierungen wie diese, in denen das Adjektiv vor dem Substantiv steht:

besser nicht: eine genug lange Schnur
besser nicht: eine genug große Auswahl

Wenn besser nicht so, wie dann sonst? Die Lösung ist nicht, „genug“ nachzustellen:

nicht: eine lang genuge Schnur
nicht: eine groß genuge Auswahl

Hier bleibt nur, auf ein anderes Wort auszuweichen:

eine genügend lange Schnur
eine ausreichen große Auswahl o. eine ausreichende Auswahl

Interessanterweise zeigt kein anderes graduierendes Wort dasselbe Verhalten wie „genug“:

Die Schnur ist zu lang / eine zu lange Schnur
Die Schnur ist sehr lang / eine sehr lange Schnur
Die Schnur ist ziemlich lang / eine ziemlich lange Schnur
aber:
Die Schnur ist lang genug / eine genügend lange Schnur

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass „genug“ manchmal nach vorn rutscht. Am besten lässt man es aber dem Adjektiv oder Adverb folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bin oder habe ich den Weg entlanggegangen? – Das Hilfsverb „sein“ bei transitiven Verben

Frage

Was ist die Regel zu:

Ich habe das Auto gefahren
Ich bin das Auto gefahren

Es steht die Behauptung im Raum, dass man mit „haben“ konjugiert, wenn ein Akkusativobjekt da ist. Somit müsste es heissen:

Ich habe den Weg entlanggegangen

Dem kann ich nicht zustimmen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im Prinzip bilden transitive Verben, das heißt Verben mit einem Akkusativobjekt, das Perfekt mit „haben“. Deshalb steht auch zum Beispiel „fahren“ mit „haben“, wenn es transitiv verwendet wird:

intransitiv: Ich bin mit dem Auto gefahren.
transitiv: Ich habe das Auto in die Garage gefahren.

Zu der Regel, dass transitive Verben mit „haben“ konjugiert werden, gibt es natürlich auch ein paar Ausnahmen: Einige wenige transitive Verben, die von einem mit „sein“ konjugierten Verb abgeleitet sind, bilden die Vergangenheit mit „sein“. Beispiele sind:

etwas eingehen: Er ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.
jemanden/etwas loswerden: Ich bin die Sachen nicht losgeworden.
etwas durchgehen: Sie ist die Arbeit mit den Schülern durchgegangen.

Siehe auch hier.

Zu diesen Verben gehören auf den ersten Blick auch „entlanggehen“, „entlanglaufen“, „entlangfahren“ usw.:

Ich bin den Weg entlanggegangen.
Sie ist mit dem Finger die Linie entlanggefahren.

Auf den zweiten Blick muss man allerdings sagen, dass es sich bei diesen Verben, wenn überhaupt, um ein ungewöhnliches Akkusativobjekt handelt. Es ist nämlich eher ein Akkusativ, der von „entlang“ abhängig ist, als ein Objekt. Wenn „entlang“ nachgestellt ist, verlangt es üblicherweise den Akkusativ (siehe hier):

den Weg entlang hinaufsteigen
die Straße entlang weiterfahren

Bei einfachen Verben wird dieses „entlang“ mit dem Verb zusammengeschrieben. Der von „entlang“ abhängige Akkusativ sieht dann aus wie ein Akkusativobjekt:

den Weg entlanggehen
die Straße entlangfahren

Das ist eine weitere Erklärung dafür, warum Verben wie „entlanglaufen“, „entlanggehen“ und „entlangfahren“ mit „sein“ konjugiert werden, obwohl sie ein Akkusativobjekt bei sich zu haben scheinen. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man darauf achten sollte, Regeln nicht allzu strikt anzuwenden. Es gibt immer Ausnahmen und Sonderfälle. Sie hatten also recht: Das Perfekt von „entlanggehen“ wird mit dem Hilfsverb „sein“ gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf jeden Fall – Mit welchem Fall steht „auf“?

Herrn M.s kurze Frage zeigt wieder einmal, mit welchen Schwierigkeiten sich Deutsch Lernende und diejenigen, die ihnen dabei helfen wollen, herumschlagen müssen. Welchen Fall verlangt die Präposition „auf“?

Frage

[…] Nach der Präposition „auf“ in „auf jeden Fall“ folgt der Akkusativ „jeden Fall“. Weshalb kein Dativ?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die einfache und wenig befriedigende Antwort lautet: weil es so ist. Muttersprachler und Muttersprachlerinnen haben Glück, denn sie machen es automatisch richtig. Deutsch Lernende dagegen haben Pech, denn sie müssen es lernen. Damit es nicht ganz so unbefriedigend bleibt, folgt der Versuch, doch noch ein bisschen Struktur in die Fallfrage bei „auf“ zu bringen.

Die Präposition „auf“ gehört zu den sogenannten Wechselpräpositionen, die den Dativ verlangen, wenn etwas Statisches (Ort; wo?) ausgedrückt wird, und den Akkusativ, wenn etwas Dynamisches (Richtung; wohin?) ausgedrückt wird (vgl. hier).

Diese vielen bekannte „Regel“ ist hilfreich, wenn wir im Bereich der konkreten Orts- und Richtungsangaben bleiben:

Statisch mit Dativ (wo?)
Wir lagen in der Sonne.
Die Kinder spielen hinter dem Haus.

Dynamisch mit Akkusativ (wohin?)
Wir legten uns in die Sonne.
Die Kinder rennen hinter das Haus.

Schon etwas schwieriger, aber immer noch erklärbar ist es, wenn die Orts- bzw. Richtungsangabe in übertragenem Sinne zu verstehen ist. Man muss sich dann das Bild vor Augen rufen, das gemeint ist:

„Statisch“ mit Dativ
etwas auf sich [Dativ] sitzen lassen
etwas auf dem Gewissen haben
etwas liegt auf der Hand
auf eigenen Füßen stehen
auf den Beinen sein
auf einer Sache beruhen
auf einer Sache herumreiten
auf der Palme sein

„Dynamisch“ mit Akkusativ
etwas auf sich [Akk] nehmen
nicht auf den Mund gefallen sein
auf den Putz hauen
jemandem auf den Leim gehen
jemanden auf den Schild heben
jemandem auf den Wecker gehen
Wert auf etwas legen
jemanden auf die Palme bringen

Wenn „auf“ auch in übertragenem oder figürlichem Sinn keine räumliche Bedeutung hat, steht es in der Regel mit dem Akkusativ:

auf jeden Fall
auf keinen Fall
das Recht auf einen Anwalt
auf einen Monat verreisen
sieben auf einen Streich
auf allgemeinen Wunsch
auf deinen Rat
auf jemanden/etwas eifersüchtig/stolz/aufmerksam sein
auf jemanden/etwas warten
auf jemanden/etwas achten
auf besseres Wetter hoffen
Ausnahme z. B. : auf einer Sache beharren

Eine hundertprozentig sichere „Regel“ ist dies nicht, aber mit ihrer Hilfe lässt sich auf jeden Fall vorhersagen, dass es „auf jeden Fall“ und nicht „auf jedem Fall“ heißt.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Bopp

Beide oder beides? – Plural oder Singular?

Frage

[…] Sie haben am Ende einer Erklärung mit zwei Beispielen das Folgende geschrieben: „Beides ist hier möglich“:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Wäre nicht logischer und damit (stilistisch) besser „Beide sind hier möglich“?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „beide“ kommt tatsächlich sehr häufig im Plural vor. Das ist dann der Fall, wenn es sich auf zwei Personen oder auf zwei gleichartige Dinge bezieht:

Meine Mutter und mein Vater, beide kommen aus dem Schwarzwald.
Zwei Stühle zu verkaufen, beide in gutem Zustand
Ich kenne die erste und die zweite Strophe. Ich finde beide schön.
Du hattest zwei Versuche. Beide sind missglückt.

Nur allein stehend kommen die Singularformen „beides“ (Nominativ und Akkusativ) und „beidem“ (Dativ) vor. Sie beziehen sich auf zwei verschiedenartige Dinge, Eigenschaften oder Vorgänge:

Kuckucksuhr und Kirschtorte, beides gehört zu den Schwarzwälder Klischees.
Tisch und vier Stühle zu verkaufen, beides in gutem Zustand
Rot oder Grün? – Mir gefällt beides.
Hierbleiben oder mitkommen, ich bin mit beidem einverstanden.

In der zitierten Antwort halte ich nur den Singular für richtig:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Erst wenn man „sein würde“ und „werden würde“ durch das Hinzufügen von z. B. „Form“ zu gleichartigen Elementen macht, ist auch der Plural möglich:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beide sind hier möglich.
(beide Formen)

Der Singular ist dann aber nicht ausgeschlossen:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.
(Zustand angeben mit „sein würde“ + Vorgang angeben mit „werden würde“)

Dieses Beispiel zeigt, dass die Grenzen manchmal fließend sind. Das liegt daran, dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen gleichartigen und verschiedenartigen Dingen nicht immer möglich ist.

Ich habe einen Tisch und einen Stuhl neu gestrichen, beides hellblau.
(Tisch und Stuhl = zwei verschiedene Dinge)
Ich habe einen Tisch und einen Stuhl gekauft, beide in der Höhe verstellbar.
(Tisch und Stuhl = zwei Möbelstücke)

Kurz zusammengefasst: Bei Personen und gleichartigen Dingen heißt es „beide“, bei verschiedenartigen Dingen heißt es „beides“ – und manchmal ist beides möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp