Wenn Temperaturen und Schneefallgrenzen fallen

Eine nicht allzu wichtige Frage, die aber gut zum Winteranfang passt. Es geht um sinkenden Temperaturen und Schneefallgrenzen:

Frage

Meteorologen stellen mir manchmal Fragen, die anderen Menschen selten in den Sinn kommen. Da ich mich überfragt fühle, leite ich die folgende Fragen weiter:

Angabe schwankender Werten (auch im mündlichen Vortrag -> Wetterbericht): Gibt es überhaupt eine Vorgabe für die Reihenfolge? Von klein nach groß und bei fallenden Werten nach Logik von groß nach klein?

Die Schneefallgrenze steigt / fällt auf 800 bis 1000 Meter / 1000 bis 800 Meter.
Die Temperaturen fallen auf drei bis acht Grad / acht bis drei Grad

Und wie sieht das Ganze bei Minuswerten aus – anders als bei Pluswerten? Orientiert man sich an der Null als Ausgangspunkt? Oder am absoluten Nullpunkt? Oder kann das jeder machen, wie er will?

Die Temperaturen fallen auf minus drei bis minus acht Grad / minus acht bis minus drei Grad.
Die Temperatur steigt auf minus fünf bis minus zwei Grad.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

unverrückbar festliegende Regeln gibt es wie so oft auch hier nicht. Es gibt aber mehr oder weniger Übliches:

Bei steigen wird immer die niedrigere Zahl zuerst genannt, wenn ein Bereich angegeben wird:

Die Schneefallgrenze steigt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Temperatur steigt auf 10 bis 15 Grad.
Die Temperatur steigt auf minus 5 bis minus 3 Grad.

Bei fallen oder sinken kommen beide Reihenfolgen vor:

Die Schneefallgrenze sinkt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Schneefallgrenze sinkt auf 1000 bis 800 Meter.

Die Temperatur sinkt auf 5 bis 1 Grad.
Die Temperatur sinkt auf 1 bis 5 Grad. (seltener)

Bei Minuswerten:

Die Temperatur sinkt auf minus 3 bis minus 5 Grad.
Die Temperatur sinkt auf minus 5 bis minus 3 Grad. (seltener)

Eine feste Reihenfolge gibt es also nur bei steigen. Bei sinken sind beide Reihenfolgen möglich. Dabei wird mit der Reihenfolge niedrig–hoch die allgemein übliche Art der Angabe eines Bereiches übernommen. Bei der Reihenfolge hoch–niedrig wird die Richtung des Sinkens in die Angabe des Bereiches einbezogen. Beides ist grammatikalisch, logisch und auch sonst gut vertretbar. Möge die Schneefallgrenze für begeisterte Skifahrer möglichst bald tief genug sinken und für wenig abenteuerlustig eingestellte Autofahrer wie mich möglichst lange hoch genug bleiben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

An und zu Weihnachten

Mit „an und zu Weihnachten“ ist nicht der adlige Nachname des Weihnachtsmannes gemeint, sondern eine immer wieder auftauchende Frage, die zu Beginn der Adventszeit auch mich erreicht hat:

Frage

Anlässlich der meisten Festtage rege ich mich über die Formulierung der Radiomoderatoren (u. Ä.) auf, wenn sie zeitnah zum jeweiligen Fest von „an Ostern“, „an Weihnachten“ usw. sprechen. Für mich ist das „an“ eine Ortsbestimmung (an die Wand gestellt und zu Weihnachten wieder in die Stube). Was gibt es von Ihrer Seite dazu für eine Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

wenn an immer eine Ortsbestimmung anführte, würde auch mit den folgenden Aussagen etwas nicht stimmen:

am Mittwoch
an einem schönen Sommerabend
an diesem 4. Dezember

Das kann also nicht der Grund sein. Bei an und zu spielt in diesem Fall etwas anderes eine Rolle: Die Zeitangaben an Weihnachten und zu Weihnachten (ebenso Ostern, Pfingsten) sind regional bestimmt. Im Norden und Osten Deutschlands sowie in Österreich ist zu Weihnachten verbreitet. Im Westen und Süden Deutschlands und in der Schweiz heißt es in der Regel an Weihnachten. Daneben gibt es auch noch Menschen, die keine Präposition verwenden. Es gibt im Deutschen mehr als eine Formulierung, von denen auch standardsprachlich keine die „Alleinherrschaft“ beanspruchen kann:

Was machst du zu Weihnachten?
Was machst du an Weihnachten?
Was machst du Weihnachten?

Die genauere geografische Verteilung der Varianten finden Sie im Atlas der deutschen Alltagssprache der Uni Augsburg.

Sie ärgern sich also zu Unrecht über eine falsche Formulierung. Die Radiomoderatoren (u. Ä.), die Sie meinen, kommen einfach aus der „an-Region“, während Sie offensichtlich aus der „zu-Region“ stammen.

Bei Geschenken anlässlich des Weihnachtsfestes verwenden übrigens auch die „an-Sager“ und „an-Sagerinnen“ meistens zu:

jemandem etwas zu Weihnachten schenken

Hier ist nicht der Zeitpunkt gemeint, sondern zu welchem Zweck, zu welchem Anlass das Geschenk gegeben wird.

Wenn Sie also in den nächsten Tagen jemand fragt, was Sie zu oder an Weihnachten tun werden, finden Sie in der Frage einen kleinen Anhaltspunkt, woher der Fragesteller oder die Fragestellerin kommen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles daransetzen, (um) … zu

Frage

Ich heiße E[…] und ich studiere Deutsch. Ich habe eine Frage an Sie zum Thema „Infinitivsätze“. Ich habe gemerkt, dass man bei Infinitivsätzen mit „um…zu“ manchmal das „um“ weglässt. Zum Beispiel:

Ich habe alles daran gesetzt, das Problem zu lösen.
Ich habe alles daran gesetzt, um das Problem zu lösen.

Welcher Satz ist korrekt? Ich würde das „um“ nie weglassen, trotzdem habe ich schon mehrmals gesehen, in mehreren Beispielen, dass es gemacht wird. Ist das korrekt? Ist es Hochdeutsch oder eher Umgangssprache? Ist es immer möglich?

Antwort

Guten Tag E.,

ob man einen uneingeleiteten Infinitivsatz verwenden kann, hängt vom Prädikat (dem „Hauptverb“) des Satzes ab. Siehe hier. Beim Prädikat dransetzen (= aufbieten, einsetzen) kann eine solche uneingeleitete Infinitivkonstruktion stehen:

Sie haben alles darangesetzt, ihn zu finden.
Er hat all seine Kräfte darangesetzt, sein Ziel zu erreichen.
Ich habe alles darangesetzt, das Problem zu lösen.

Hier ist aber auch ein Zwecksatz mit um … zu möglich:

Sie haben alles darangesetzt, um ihn wiederzufinden.
Er hat all seine Kräfte darangesetzt, um sein Ziel zu erreichen.
Ich habe alles darangesetzt, um das Problem zu lösen.

Man kann also sagen, dass es bei den letzten drei Sätzen möglich ist, das um wegzulassen. Das geht auch bei anderen Prädikaten, die mit einer Infinitivkonstruktion stehen können, wenn ein Zweck angegeben wird:

Sie haben ihr Möglichstes getan, um ihn zu finden.
Sie haben ihr Möglichstes getan, ihn zu finden.

Ich habe alles versucht, um sie zum Lernen zu bewegen.
Ich habe alles versucht, sie zum Lernen zu bewegen.

Dies ist aber nur dann möglich, wenn

a) die Verbkonstruktion mit einem uneingeleiteten Infinitivsatz stehen kann;
b) der Infinitivsatz den Zweck der Handlung im Hauptsatz angibt.

Verstoß gegen a)

nicht: *Ich tue dies, dir zu helfen.
sondern nur: Ich tue dies, um dir zu helfen.

Bei etwas tun kann keine uneingeleitete Infinitivkonstruktion stehen.

Verstoß gegen b)

nicht: *Es nützt nichts, um dich zu verstecken. Sie finden dich überall.
sondern nur: Es nützt nichts, dich zu verstecken. Sie finden dich überall.

Der Infinitivsatz drückt nicht den Zweck des im Hauptsatz Gesagten aus.

Bevor Sie sich nun daranmachen, eine neue Regel zu lernen, sei Folgendes nocht gesagt: Es handelt sich hier nicht um eine spezielle, genau abzugrenzende Regel. Es geht hier um Satzkonstruktionen, in denen zwei unterschiedliche Ergänzungen stehen können, (uneingeleiteter Infinitivsatz und mit um … zu eingeleiteter Zwecksatz), die mehr oder weniger „zufällig“ dasselbe ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Was sorgt Sie?“ ist zu kurz, wenn etwas Sorgen macht

Frage

Erst kürzlich stand ich vor einem kleinen Problem, das ich auch mit Kollegen nicht eindeutig klären konnte. Die Frage lautete: „Was sorgt Sie, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?“ Hierin liegt schon das Problem: Kann mich eine Sache sorgen? [… Ich bin] als Einziger in der Runde immer noch der Meinung – auch bei vielen anderslautenden Einträgen im Internet  –, dass eine Sache nicht sorgen kann, maximal Sorgen bereiten.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie haben recht. In der deutschen Standardsprache kann das Verb sorgen nicht in dieser Weise verwendet werden:

nicht: *etwas sorgt jemanden
nicht: *Was sorgt Sie, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
nicht: *Die hohe Jugendarbeitslosigkeit sorgt mich.

Wenn die Person, die Sorgen hat, Objekt des Satzes und das, was Sorgen bereitet, Subjekt des Satzes sein soll, muss eine etwas wortreichere Formulierung gewählt werden:

etwas bereitet/macht jemandem Sorgen
Was bereitet/macht Ihnen Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit bereitet/macht mir Sorgen.

Im Zusammenhang mit Sorgen haben/bereiten kann das Verb sorgen nur reflexiv verwendet werden:

sich um etwas sorgen
Worum sorgen Sie sich, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Ich sorge mich um die arbeitslosen Jugendlichen.

Andere Formulierungsmöglichkeiten sind z. B.:

Worum machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Weshalb machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Ich finde die hohe Jugendarbeitslosigkeit besorgniserregend.

Alle diese Formulierungen sind vergleichsweise lang und komplex. Dennoch ist das so schön kurz und bündig abgefasste „Was sorgt Sie?“ standardsprachlich nicht üblich. Es könnte an dieser praktischen Kürze liegen, dass Formulierungen wie „Das sorgt mich (nicht)“ hin und wieder auftauchen. Andere Erklärungen könnten sein, dass regionalsprachlich eine ältere Nebenform „überlebt“ hat (vgl. Grimm, Ziffer 1-b-λ) oder dass hier die englische Konstruktion to worry someone = jemandem Sorgen bereiten einen Einfluss hat. Genaue Informationen dazu, woher diese „Kurzversion“ von Sorgen bereiten kommt, habe ich leider nicht.

Es heißt also nicht: „Was sorgt Sie?“, sondern zum Beispiel: „Was bereitet Ihnen Sorgen?“ Eine ganz andere Frage ist die folgende: Nachdem oben so viele Beispielsätze die Zukunft der Tante erwähnt haben, bin ich ganz neugierig geworden, welche besorgniserregenden Umstände der armen Tante denn bevorstehen könnten. Doch das ist keine Frage der Grammatik und bleibt deshalb an dieser Stelle ungeklärt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig der Milch

Eine Frage, die schon vor einiger Zeit gestellt worden ist:

Frage

Ich denke über „mit ein wenig Milch“ nach. Warum wird „ein wenig“ nicht dekliniert? Und warum wird „Milch“ unverbunden angeschlossen und kein Genitiv- oder präpositionales Attribut (mit von) verwendet? Den gleichen Befund zeigen Wörter wie „viel“ oder „genug“.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

es würde der Struktur des Deutschen nicht grundsätzlich widersprechen, wenn man statt ein wenig Milch auch ein wenig der Milch oder ein wenig von Milch sagen würde, doch man tut dies nicht. Warum genau sich eine Sprache für eine von mehreren Möglichkeiten entscheidet, ist oft schwierig oder unmöglich zu ergründen. Hier folgen zumindest ein paar Angaben dazu, wie man die im Deutschen übliche Ausdrucksweise analysieren kann:

  • Das unbestimmte Pronomen und Artikelwort ein wenig ist immer unveränderlich (siehe hier).
  • Die unbestimmten Zahlwörter viel und wenig bleiben im Singular vor einem Nomen meist ungebeugt (siehe hier).
  • Das Wort genug wird meist bei den Adverbien eingeteilt. In zum Beispiel genug Milch hat es aber wie viel und wenig die Funktion eines unbestimmten Zahlwortes. Auch als unbestimmtes Zahlwort ist es unveränderlich.

Es handelt sich hier also um unbestimmte Artikelwörter oder Zahlwörter, die vor dem Nomen stehen und in der Regel unveränderlich sind.

(Es ist übrigens nicht immer unmöglich, ein wenig der Milch zu sagen. Man hat dann schon von einer bestimmten Art oder Menge von Milch gesprochen und fährt dann zum Beispiel wie folgt weiter: „Gießen Sie ein wenig der Milch in eine Tasse und …“)

Nach dem Grund, warum viel und wenig im Singular meist ungebeugt bleiben, müsste ich raten. Die Wendung ein wenig hat im Laufe ihrer Entwicklung den substantivischen Charakter verloren und ist zum unveränderlichen Artikelwort resp. Pronomen „degradiert“ worden. Das spiegelt sich auch in der Rechtschreibung wieder: ein wenig wird kleingeschrieben. Eine ähnliche Entwicklung haben auch ein bisschen und ein paar durchlaufen.

Wie Sie sehen, ist es gut möglich, eine Entwicklung oder ein Phänomen zu beschreiben. Die Frage danach, warum eine Entwicklung so und nicht anders verlaufen ist und warum man etwas so und nicht anders sagt, kann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Das ist ein bisschen frustierend, wenn man wie ich lieber schöne Erklärungen anbieten möchte, aber es muss auch einmal gesagt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

Wegen Rechte/Rechten/Rechter Dritter

Wieder einmal eines meiner „Lieblingsthemen“: wegen. Auf dem korrekten Umgang mit diesem Wort ist von gewissen Sprachpflegern so sehr herumgeritten worden, dass ein Teil der Deutschschreibenden akut verkrampft, wenn der geforderte Genitiv einmal nicht passen will.

Frage

Im Vertragsrecht geht es oft um die Rechte Dritter. Wie würde man eine Kausalität mit „wegen“ formulieren?

wegen Rechte Dritter …(6450)
wegen Rechten Dritter …(428)
wegen Rechter Dritter …(198)

Die Zahlen entsprechen der Trefferzahl bei Google.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist:

wegen Rechten Dritter

Das Wörtchen wegen hat es in sich ­– vor allem dann, wenn man den strengen Grammatikern folgt. Im Prinzip steht standardsprachlich nach wegen der Genitiv. Der Dativ gilt bei vielen als falsch. ABER: Wenn im Plural der Genitiv nicht ersichtlich ist, verwendet man auch standardsprachlich den Dativ. Der Genitiv ist im Plural dann nicht ersichtlich, wenn das Wort oder die Wortgruppe im Genitiv gleich aussieht wie im Nominativ. Ein Beispiel:

wegen der Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = die Probleme)
wegen gewisser Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = gewisse Probleme)

aber nicht: wegen Probleme mit der Steuerung; (vgl. Nominativ = Probleme)
sondern: wegen Problemen mit der Steuerung

Das ist auch hier der Fall:

Nominativ: (die) Rechte Dritter
Genitiv: (der) Rechte Dritter
Dativ: (den) Rechten Dritter

Ohne Artikel sieht der Genitiv wie der Nominativ aus. Man muss hier also auf den Dativ ausweichen. Standardsprachlich korrekt heißt es somit:

wegen Rechten Dritter

Dass viele wegen Rechte Dritter schreiben (und einige sogar wegen Rechter Dritter!), liegt vielleicht daran, dass uns zum Teil sehr nachdrücklich gelehrt wird, dass nach wegen der Genitiv und nicht der Dativ zu stehen hat. Das ist aber, wie wir gesehen haben, auch standardsprachlich nicht ganz immer der Fall (vgl. hier).

Ich würde übrigens auch in Vertragstexten wo möglich eine etwas natürlicher klingende Formulierung wie die folgende empfehlen:

wegen der Rechte Dritter

Sie hat sogar den schönen Nebeneffekt, dass sie den Genitiv nach wegen „rettet“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der oder das Kindle

Frage

Mich würde mal interessieren, ob der E-Book-Reader „Kindle“ den Artikel „der“ oder „das“ hat – oder besser gesagt in Zukunft bekommen wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Verwendet werden zurzeit sowohl der Kindle als auch das Kindle. Die männliche Form orientiert sich wohl an der E-Book-Reader, die sächliche Form wahrscheinlich an das Lesegerät. Die männliche Form scheint häufiger vorzukommen, doch genaue und zuverlässige Zahlen stehen mir leider nicht zu Verfügung.

Welche Form in Zukunft einmal „gewinnt“, ist nicht vorherzusagen. Der allgemeine Sprachgebrauch wird dies bestimmen. Nach den Regeln des Deutschen sind nämlich beide Formen gut vertretbar. Es ist deshalb alles andere als unwahrscheinlich, dass der Kindle und das Kindle nebeneinander bestehen bleiben werden.

Solche Schwankungen beim Wortgeschlecht kommen ja auch in anderen Fällen vor. Beispiele sind der Blog und das Blog, der Place de la Concorde und die Place de la Concorde sowie – der bekannte Streitfall an deutschen Frühstückstischen – die Nutella oder das Nutella. Für moderne Kaffeetrinker und -trinkerinnen schon ein ziemlich alter Hut, aber dennoch eher neueren Datums ist der schwankende Genusgebrauch im folgenden Fall: der Latte macchiato und die Latte macchiato (männlich wie das italienische il latte; weiblich wie die deutsche Übersetzung die Milch).

Zur Frage, wer in solchen Fällen recht hat, sind schon viele Tasten abgewetzt worden. Das ist meiner Meinung nach wenig sinnvoll, denn meist gibt es für beide Varianten eine grammatisch vertretbare, plausible Erklärung. Des etwas lang geratenen Textes kurzer Sinn: Sowohl der Kindle als auch das Kindle ist richtig. Sie können also

die Latte macchiato neben den Kindle
die Latte macchiato neben das Kindle
den Latte macchiato neben den Kindle
den Latte macchiato neben das Kindle

stellen, ohne einen Fehler zu machen. Ein wirklicher Fehler wäre es nur, das Latte-macchiato-Glas dann umzustoßen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einschließlich seiner selbst, aber dann einfacher

Manchmal entwickeln Sie, liebe Fragestellerinnen und Fragesteller, vorübergehend eine Vorliebe für gewisse Themen oder Wörter. In letzter Zeit ist es das etwas papieren wirkende Wort einschließlich, das Sie interessiert. Warum gerade jetzt und warum gerade dieses Wort? Es wird wohl Zufall sein.

Frage

Darf man in der folgenden Formulierung nach der Präposition „einschließlich“ statt des Genitivs („seiner selbst“) den Akkusativ verwenden?

Er hasst alles und jeden, einschließlich sich selbst.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Sie wären nicht die Einzige, die hier einschließlich sich selbst schreiben würde. Wenn ich ganz ehrlich bin, klingt es in meinen Ohren gar nicht so furchtbar falsch. Das Wort einschließlich wird häufiger a) mit dem Dativ verwendet oder b) wie in ihrem Beispiel als Konjunktion, wobei der Fall nicht durch einschließlich, sondern durch das Verb bestimmt wird:

a) Sie kennt hier alle, einschließlich dem Türsteher.
b) Sie kennt hier alle, einschließlich den Türsteher.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier allerdings nur c) der Genitiv*:

c) Sie kennt hier alle, einschließlich des Türstehers.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, dass standardsprachlich nur der Genitiv seiner als richtig gilt:

Er hasst alles und jeden, einschließlich seiner selbst.

Ich verstehe gut, dass Sie diese Formulierung gerne vermeiden würden. Die Präposition einschließlich in Kombination mit seiner ist schon etwas viel des Guten, wenn man seinen Text lieber etwas leichter und luftiger halten möchte. Wenn Sie eine standardsprachlich als korrekt geltende Alternative verwenden wollen, können Sie aber nicht auf einschließlich sich selbst ausweichen. Gibt es keine andere Möglichkeit?

Wie so oft, wenn man einmal nicht mehr weiterweiß, empfiehlt es sich, eine andere Formulierung zu verwenden. Am besten lassen Sie dabei das Wort einschließlich fallen. Es klingt ohnehin fast so steif und trocken wie inklusive und ist stilistisch gesehen kein allzu großer Verlust. Ersatzkandidaten sind zum Beispiel einbegriffen oder – mein persönlicher Favorit an diese Stelle –  das schlichte Wörtchen auch:

Er hasst alles und jeden, sich selbst einbegriffen.
Er hasst alles und jeden, auch sich selbst.

Auch sich selbst anstelle von einschließlich seiner selbst: so schön kann Schlichtheit sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ganz so einfach ist es natürlich nicht. In gewissen Fällen ist nach einschließlich nicht der Genitiv, sondern die endungslose Form (einschließlich Porto) oder der Dativ Plural (einschließlich Getränken) richtig. Mehr dazu hier.

Sieben Tassen und Untertassen

Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen, dass ich gerne darauf hinweise, wie wenig Sprache und mathematische Logik manchmal miteinander zu tun haben. Dass es aber so „schlimm“ sein kann, hätte ich vor der Beantwortung dieser Frage auch nicht gedacht:

Frage

Sieben Tassen und Untertassen, wie viele Geschirrteile sind das?
Sieben Psychologinnen und Psychologen, wie viele Personen sind das?
Drei Männer und Frauen, da ist doch einmal der Plural falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

bei der Deutung sprachlicher Aussagen kann man oft besser nicht mit rein mathematischer Logik vorgehen. Wir nehmen es nämlich beim Formulieren mit Zahlen oft nicht allzu genau. Das ist aber häufig nur bei isoliert zitierten Sätzen wie den Ihren problematisch. In der Regel gibt nämlich der weitere Satzzusammenhang an, was gemeint ist.

Ohne solche begleitende Angaben sind mit

sieben Tassen und Untertassen

wahrscheinlich vierzehn Einzelteile gemeint. Eine Tasse und eine Untertasse werden meist als eine zusammengehörende Einheit gesehen. Man zählt deshalb sieben aus einer Tasse und einer Untertasse bestehende Einheiten, also 14 Geschirrteile. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass in einem anderen Zusammenhang nur sieben Geschirrteile gemeint sein könnten. (Zum Beispiel: Das Geschirr fiel zu Boden. Nur sieben Tassen und Untertassen blieben ganz.)

Auch die folgenden Fälle werden die meisten spontan in dieser Weise verstehen:

zehn Handys und Ladegeräte verschiedener Hersteller (= zwanzig Einzelteile)
zwölf Reiter und Pferde (= vierundzwanzig Lebewesen)

Anders sieht es bei Ihrem zweiten Beispiel aus. Mit

sieben Psychologinnen und Psychologen

sind wahrscheinlich sieben Personen gemeint. Psychologinnen und Psychologen haben nicht die Eigenschaft, meistens paarweise aufzutreten. Wären vierzehn Personen gemeint, würde man sieben wiederholen (sieben Psychologinnen und sieben Psychologen) oder vierzehn verwenden (vierzehn Psychologinnen und Psychologen). Ebenso:

zehn Sofas und Fauteuils (= zehn Möbelstücke)
zwölf Männer und Frauen (= zwölf Personen)

Die Formulierung drei Männer und Frauen ist deshalb tatsächlich etwas ungewöhnlich und verwirrend. In der Regel wird hier anders formuliert:

zwei Männer und eine Frau
zwei Frauen und ein Mann

oder, wenn es sich um sechs Personen handelt:

drei Männer und drei Frauen

Eine für alle Fälle geltende, eindeutige Regel, wie man zusammengezogene Wortgruppen mit einer Zahlenangaben interpretieren muss, gibt es nicht. Wenn die genannten Personen, Tiere oder Dinge fast „zwangsläufig“ als eine zusammengehörende Einheiten auftreten, zählt man diese Einheiten (sieben Tassen und Untertassen = sieben aus einer Tasse und einer Untertasse bestehende Einheiten = 14 Einzelstücke). Ist dies nicht der Fall, zählt man die Anzahl der einzelnen Einheiten (sieben Männer und Frauen = sieben Personen).

Das ist aber nicht als eherne Regel aufzufassen, denn erstens kann Zusammengehörendes je nach Kontext auch einmal getrennt auftreten und zweitens gibt es keine klare Trennlinie zwischen Zusammengehörendem und nicht Zusammengehörendem. Ich wollte hier nur aufzeigen, dass wir Zahlen aus mathematischer Sicht oft erstaunlich ungenau verwenden. Wenn etwas wirklich wichtig ist und zum Beispiel rechtlich abgesichert sein soll, nennt man deshalb am besten die genaue Anzahl vor jedem Teil der Wortgruppe (sieben Tassen und sieben Untertassen; drei Männer und vier Frauen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp