Ein wenig der Milch

Eine Frage, die schon vor einiger Zeit gestellt worden ist:

Frage

Ich denke über „mit ein wenig Milch“ nach. Warum wird „ein wenig“ nicht dekliniert? Und warum wird „Milch“ unverbunden angeschlossen und kein Genitiv- oder präpositionales Attribut (mit von) verwendet? Den gleichen Befund zeigen Wörter wie „viel“ oder „genug“.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

es würde der Struktur des Deutschen nicht grundsätzlich widersprechen, wenn man statt ein wenig Milch auch ein wenig der Milch oder ein wenig von Milch sagen würde, doch man tut dies nicht. Warum genau sich eine Sprache für eine von mehreren Möglichkeiten entscheidet, ist oft schwierig oder unmöglich zu ergründen. Hier folgen zumindest ein paar Angaben dazu, wie man die im Deutschen übliche Ausdrucksweise analysieren kann:

  • Das unbestimmte Pronomen und Artikelwort ein wenig ist immer unveränderlich (siehe hier).
  • Die unbestimmten Zahlwörter viel und wenig bleiben im Singular vor einem Nomen meist ungebeugt (siehe hier).
  • Das Wort genug wird meist bei den Adverbien eingeteilt. In zum Beispiel genug Milch hat es aber wie viel und wenig die Funktion eines unbestimmten Zahlwortes. Auch als unbestimmtes Zahlwort ist es unveränderlich.

Es handelt sich hier also um unbestimmte Artikelwörter oder Zahlwörter, die vor dem Nomen stehen und in der Regel unveränderlich sind.

(Es ist übrigens nicht immer unmöglich, ein wenig der Milch zu sagen. Man hat dann schon von einer bestimmten Art oder Menge von Milch gesprochen und fährt dann zum Beispiel wie folgt weiter: „Gießen Sie ein wenig der Milch in eine Tasse und …“)

Nach dem Grund, warum viel und wenig im Singular meist ungebeugt bleiben, müsste ich raten. Die Wendung ein wenig hat im Laufe ihrer Entwicklung den substantivischen Charakter verloren und ist zum unveränderlichen Artikelwort resp. Pronomen „degradiert“ worden. Das spiegelt sich auch in der Rechtschreibung wieder: ein wenig wird kleingeschrieben. Eine ähnliche Entwicklung haben auch ein bisschen und ein paar durchlaufen.

Wie Sie sehen, ist es gut möglich, eine Entwicklung oder ein Phänomen zu beschreiben. Die Frage danach, warum eine Entwicklung so und nicht anders verlaufen ist und warum man etwas so und nicht anders sagt, kann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Das ist ein bisschen frustierend, wenn man wie ich lieber schöne Erklärungen anbieten möchte, aber es muss auch einmal gesagt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

Wegen Rechte/Rechten/Rechter Dritter

Wieder einmal eines meiner „Lieblingsthemen“: wegen. Auf dem korrekten Umgang mit diesem Wort ist von gewissen Sprachpflegern so sehr herumgeritten worden, dass ein Teil der Deutschschreibenden akut verkrampft, wenn der geforderte Genitiv einmal nicht passen will.

Frage

Im Vertragsrecht geht es oft um die Rechte Dritter. Wie würde man eine Kausalität mit „wegen“ formulieren?

wegen Rechte Dritter …(6450)
wegen Rechten Dritter …(428)
wegen Rechter Dritter …(198)

Die Zahlen entsprechen der Trefferzahl bei Google.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist:

wegen Rechten Dritter

Das Wörtchen wegen hat es in sich ­– vor allem dann, wenn man den strengen Grammatikern folgt. Im Prinzip steht standardsprachlich nach wegen der Genitiv. Der Dativ gilt bei vielen als falsch. ABER: Wenn im Plural der Genitiv nicht ersichtlich ist, verwendet man auch standardsprachlich den Dativ. Der Genitiv ist im Plural dann nicht ersichtlich, wenn das Wort oder die Wortgruppe im Genitiv gleich aussieht wie im Nominativ. Ein Beispiel:

wegen der Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = die Probleme)
wegen gewisser Probleme mit der Steuerung (vgl. Nominativ = gewisse Probleme)

aber nicht: wegen Probleme mit der Steuerung; (vgl. Nominativ = Probleme)
sondern: wegen Problemen mit der Steuerung

Das ist auch hier der Fall:

Nominativ: (die) Rechte Dritter
Genitiv: (der) Rechte Dritter
Dativ: (den) Rechten Dritter

Ohne Artikel sieht der Genitiv wie der Nominativ aus. Man muss hier also auf den Dativ ausweichen. Standardsprachlich korrekt heißt es somit:

wegen Rechten Dritter

Dass viele wegen Rechte Dritter schreiben (und einige sogar wegen Rechter Dritter!), liegt vielleicht daran, dass uns zum Teil sehr nachdrücklich gelehrt wird, dass nach wegen der Genitiv und nicht der Dativ zu stehen hat. Das ist aber, wie wir gesehen haben, auch standardsprachlich nicht ganz immer der Fall (vgl. hier).

Ich würde übrigens auch in Vertragstexten wo möglich eine etwas natürlicher klingende Formulierung wie die folgende empfehlen:

wegen der Rechte Dritter

Sie hat sogar den schönen Nebeneffekt, dass sie den Genitiv nach wegen „rettet“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der oder das Kindle

Frage

Mich würde mal interessieren, ob der E-Book-Reader „Kindle“ den Artikel „der“ oder „das“ hat – oder besser gesagt in Zukunft bekommen wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Verwendet werden zurzeit sowohl der Kindle als auch das Kindle. Die männliche Form orientiert sich wohl an der E-Book-Reader, die sächliche Form wahrscheinlich an das Lesegerät. Die männliche Form scheint häufiger vorzukommen, doch genaue und zuverlässige Zahlen stehen mir leider nicht zu Verfügung.

Welche Form in Zukunft einmal „gewinnt“, ist nicht vorherzusagen. Der allgemeine Sprachgebrauch wird dies bestimmen. Nach den Regeln des Deutschen sind nämlich beide Formen gut vertretbar. Es ist deshalb alles andere als unwahrscheinlich, dass der Kindle und das Kindle nebeneinander bestehen bleiben werden.

Solche Schwankungen beim Wortgeschlecht kommen ja auch in anderen Fällen vor. Beispiele sind der Blog und das Blog, der Place de la Concorde und die Place de la Concorde sowie – der bekannte Streitfall an deutschen Frühstückstischen – die Nutella oder das Nutella. Für moderne Kaffeetrinker und -trinkerinnen schon ein ziemlich alter Hut, aber dennoch eher neueren Datums ist der schwankende Genusgebrauch im folgenden Fall: der Latte macchiato und die Latte macchiato (männlich wie das italienische il latte; weiblich wie die deutsche Übersetzung die Milch).

Zur Frage, wer in solchen Fällen recht hat, sind schon viele Tasten abgewetzt worden. Das ist meiner Meinung nach wenig sinnvoll, denn meist gibt es für beide Varianten eine grammatisch vertretbare, plausible Erklärung. Des etwas lang geratenen Textes kurzer Sinn: Sowohl der Kindle als auch das Kindle ist richtig. Sie können also

die Latte macchiato neben den Kindle
die Latte macchiato neben das Kindle
den Latte macchiato neben den Kindle
den Latte macchiato neben das Kindle

stellen, ohne einen Fehler zu machen. Ein wirklicher Fehler wäre es nur, das Latte-macchiato-Glas dann umzustoßen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einschließlich seiner selbst, aber dann einfacher

Manchmal entwickeln Sie, liebe Fragestellerinnen und Fragesteller, vorübergehend eine Vorliebe für gewisse Themen oder Wörter. In letzter Zeit ist es das etwas papieren wirkende Wort einschließlich, das Sie interessiert. Warum gerade jetzt und warum gerade dieses Wort? Es wird wohl Zufall sein.

Frage

Darf man in der folgenden Formulierung nach der Präposition „einschließlich“ statt des Genitivs („seiner selbst“) den Akkusativ verwenden?

Er hasst alles und jeden, einschließlich sich selbst.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Sie wären nicht die Einzige, die hier einschließlich sich selbst schreiben würde. Wenn ich ganz ehrlich bin, klingt es in meinen Ohren gar nicht so furchtbar falsch. Das Wort einschließlich wird häufiger a) mit dem Dativ verwendet oder b) wie in ihrem Beispiel als Konjunktion, wobei der Fall nicht durch einschließlich, sondern durch das Verb bestimmt wird:

a) Sie kennt hier alle, einschließlich dem Türsteher.
b) Sie kennt hier alle, einschließlich den Türsteher.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier allerdings nur c) der Genitiv*:

c) Sie kennt hier alle, einschließlich des Türstehers.

Für Ihr Beispiel bedeutet dies, dass standardsprachlich nur der Genitiv seiner als richtig gilt:

Er hasst alles und jeden, einschließlich seiner selbst.

Ich verstehe gut, dass Sie diese Formulierung gerne vermeiden würden. Die Präposition einschließlich in Kombination mit seiner ist schon etwas viel des Guten, wenn man seinen Text lieber etwas leichter und luftiger halten möchte. Wenn Sie eine standardsprachlich als korrekt geltende Alternative verwenden wollen, können Sie aber nicht auf einschließlich sich selbst ausweichen. Gibt es keine andere Möglichkeit?

Wie so oft, wenn man einmal nicht mehr weiterweiß, empfiehlt es sich, eine andere Formulierung zu verwenden. Am besten lassen Sie dabei das Wort einschließlich fallen. Es klingt ohnehin fast so steif und trocken wie inklusive und ist stilistisch gesehen kein allzu großer Verlust. Ersatzkandidaten sind zum Beispiel einbegriffen oder – mein persönlicher Favorit an diese Stelle –  das schlichte Wörtchen auch:

Er hasst alles und jeden, sich selbst einbegriffen.
Er hasst alles und jeden, auch sich selbst.

Auch sich selbst anstelle von einschließlich seiner selbst: so schön kann Schlichtheit sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ganz so einfach ist es natürlich nicht. In gewissen Fällen ist nach einschließlich nicht der Genitiv, sondern die endungslose Form (einschließlich Porto) oder der Dativ Plural (einschließlich Getränken) richtig. Mehr dazu hier.

Sieben Tassen und Untertassen

Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen, dass ich gerne darauf hinweise, wie wenig Sprache und mathematische Logik manchmal miteinander zu tun haben. Dass es aber so „schlimm“ sein kann, hätte ich vor der Beantwortung dieser Frage auch nicht gedacht:

Frage

Sieben Tassen und Untertassen, wie viele Geschirrteile sind das?
Sieben Psychologinnen und Psychologen, wie viele Personen sind das?
Drei Männer und Frauen, da ist doch einmal der Plural falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

bei der Deutung sprachlicher Aussagen kann man oft besser nicht mit rein mathematischer Logik vorgehen. Wir nehmen es nämlich beim Formulieren mit Zahlen oft nicht allzu genau. Das ist aber häufig nur bei isoliert zitierten Sätzen wie den Ihren problematisch. In der Regel gibt nämlich der weitere Satzzusammenhang an, was gemeint ist.

Ohne solche begleitende Angaben sind mit

sieben Tassen und Untertassen

wahrscheinlich vierzehn Einzelteile gemeint. Eine Tasse und eine Untertasse werden meist als eine zusammengehörende Einheit gesehen. Man zählt deshalb sieben aus einer Tasse und einer Untertasse bestehende Einheiten, also 14 Geschirrteile. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass in einem anderen Zusammenhang nur sieben Geschirrteile gemeint sein könnten. (Zum Beispiel: Das Geschirr fiel zu Boden. Nur sieben Tassen und Untertassen blieben ganz.)

Auch die folgenden Fälle werden die meisten spontan in dieser Weise verstehen:

zehn Handys und Ladegeräte verschiedener Hersteller (= zwanzig Einzelteile)
zwölf Reiter und Pferde (= vierundzwanzig Lebewesen)

Anders sieht es bei Ihrem zweiten Beispiel aus. Mit

sieben Psychologinnen und Psychologen

sind wahrscheinlich sieben Personen gemeint. Psychologinnen und Psychologen haben nicht die Eigenschaft, meistens paarweise aufzutreten. Wären vierzehn Personen gemeint, würde man sieben wiederholen (sieben Psychologinnen und sieben Psychologen) oder vierzehn verwenden (vierzehn Psychologinnen und Psychologen). Ebenso:

zehn Sofas und Fauteuils (= zehn Möbelstücke)
zwölf Männer und Frauen (= zwölf Personen)

Die Formulierung drei Männer und Frauen ist deshalb tatsächlich etwas ungewöhnlich und verwirrend. In der Regel wird hier anders formuliert:

zwei Männer und eine Frau
zwei Frauen und ein Mann

oder, wenn es sich um sechs Personen handelt:

drei Männer und drei Frauen

Eine für alle Fälle geltende, eindeutige Regel, wie man zusammengezogene Wortgruppen mit einer Zahlenangaben interpretieren muss, gibt es nicht. Wenn die genannten Personen, Tiere oder Dinge fast „zwangsläufig“ als eine zusammengehörende Einheiten auftreten, zählt man diese Einheiten (sieben Tassen und Untertassen = sieben aus einer Tasse und einer Untertasse bestehende Einheiten = 14 Einzelstücke). Ist dies nicht der Fall, zählt man die Anzahl der einzelnen Einheiten (sieben Männer und Frauen = sieben Personen).

Das ist aber nicht als eherne Regel aufzufassen, denn erstens kann Zusammengehörendes je nach Kontext auch einmal getrennt auftreten und zweitens gibt es keine klare Trennlinie zwischen Zusammengehörendem und nicht Zusammengehörendem. Ich wollte hier nur aufzeigen, dass wir Zahlen aus mathematischer Sicht oft erstaunlich ungenau verwenden. Wenn etwas wirklich wichtig ist und zum Beispiel rechtlich abgesichert sein soll, nennt man deshalb am besten die genaue Anzahl vor jedem Teil der Wortgruppe (sieben Tassen und sieben Untertassen; drei Männer und vier Frauen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal bis einschließlich

Frage

Heute bin ich beim Verfassen einer Nachricht über folgenden Satz gestolpert: „Ich bin bis einschließlich nächste(r) Woche im Urlaub.“ Wie heißt es richtig? Den Genitiv findet man häufig, der Akkusativ scheint mir jedoch logischer – es heißt ja auch „bis einschließlich nächsten Freitag/fünfzehnten Oktober“.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es heißt üblicherweise tatsächlich:

bis einschließlich nächsten Freitag
bis einschließlich fünfzehnten Oktober

In der Verbindung bis einschließlich wird einschließlich nicht als Präposition, sondern als Adverb verwendet. Als solches hat es keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Substantivs. Den Fall bestimmt hier also bis, das den Akkusativ verlangt. Wenn dies bei nächsten Freitag und fünfzehnten Oktober der Fall ist, wählt man auch bei einer weiblichen Zeitangabe besser den Akkusativ:

Ich bin bis einschließlich nächste Woche im Urlaub.

Etwas ganz anderes ist, dass die Wendung bis einschließlich zumindest in meinen Ohren recht unschön klingt (Papierdeutsch). Besser wäre zum Beispiel:

bis nächsten Freitag
bis zum 15. Oktober

Sehr oft ist nämlich die Bedeutung bis einschließlich in einem einfachen bis enthalten. Wenn ich für einen Artikel bis nächsten Freitag Zeit habe, kann ich ihn nach dem allgemeinen Verständnis auch noch am Freitag abgeben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch bei Angaben, bei denen bis weniger deutlich ist, kann man mit etwas schöneren Formulierungen als mit bis einschließlich Klarheit schaffen:

Ich bin bis Ende nächster Woche im Urlaub.

Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch bis einschließlich verwenden. Falsch ist es nicht. Und für den Fall, dass es sich nicht nur um einen Beispielsatz handelt, wünsche ich Ihnen, dass Sie bis Ende nächster Woche eine schöne Urlaubszeit verbringen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch „Tut mir leid wegen letzten Samstag“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines „unveränderlichen Akkusativs“ nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entgegen der Regel nicht wiederholen

Frage

Wie verhält es sich mit Sätzen wie:

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und jetzt im Paradies.

Muss „bin“ wiederholt werden, weil es bei der ersten Aussage als Hilfsverb fungiert (von „gefahren“ bzw. „gestorben“), aber bei der zweiten als Kopulaverb resp. als Vollverb?

Ich bin nachhause gefahren und bin jetzt sehr müde.
Ich bin (metaphorisch) gestorben und bin jetzt im Paradies.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

in den meisten Grammatiken steht – wenn überhaupt etwas zu diesem Thema –, dass man wiederholte gebeugte Verbformen nicht weglassen kann, wenn sie unterschiedliche Funktionen haben (Vollverb, Hilfsverb, Kopulaverb, Modalverb, Teil einer festen Wendung; für Genaueres siehe hier). Zum Beispiel:

Nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit nach Hause gebracht.
Nicht: Die Stimmung drohte umzuschlagen und die Präsidentin mit dem Rücktritt.
Nicht: Er nahm auf niemanden Rücksicht und den ganzen Kuchen für sich allein.
Nicht: Er lebt in München und auf großem Fuß.

Man muss hier die kursiv geschriebene Verbform wiederholen oder den Satz umformulieren.

Dies ist eine Regel, die es sich zu merken lohnt, vor allem wenn man gerne (zu) kurz und bündig formuliert.

So weit, so gut. Nun kommen wir zu Ihren Beispielen. Nach der genannten Regel sind auch Ihre Sätze nicht korrekt, denn bin hat tatsächlich jeweils eine andere Funktion (Hilfsverb/Kopulaverb resp. Hilfsverb/Vollverb):

Ich bin nachhause gefahren und jetzt sehr müde.
Ich bin gestorben und jetzt im Paradies.

Die Beispiele zeigen aber, dass die Regel in dieser Form keine eiserne Regel ist. Ihre Sätze kommen mir nämlich (wie Ihnen?) recht akzeptabel vor. Je nachdem, wie groß der Unterschied zwischen Funktion oder Bedeutung ist, scheint ein Verstoß gegen die Grundregel zumindest bei haben und sein mehr oder weniger „schlimm“ zu sein:

sicher nicht: Ich habe einen Hund und ihn sehr gern.
nicht?: Ich habe gegessen und jetzt keinen Hunger mehr.

sicher nicht: Ich bin aus Hamburg angereist und ein Staubsaugervertreter.
nicht?: Ich bin aus Hamburg angereist und jetzt sehr müde.

Die mit nicht? markierten Sätze halte ich spontan für richtig. Wenn ich sie als falsch bezeichnen würde, dann vor allem, weil mir die oben genannte Grundregel bekannt ist, und nicht etwa, weil mir mein Sprachgefühl dies eingeben würde.

Es scheint also in diesem Bereich zumindest für haben und sein keine haarscharfe Grenze zwischen korrekten und falschen Formulierungen zu geben. Liebhabern und Liebhaberinnen strenger Regeln kann ich an dieser Stelle leider nicht weiterhelfen: Ich kenne keine genaueren Untersuchungen in diesem Bereich – und mir fehlt leider die Zeit dazu.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stilistisches zur Freien und Hansestadt

Frage

Hamburg, seit ein paar Jahren meine Wahlheimatstadt, bezeichnet sich immer gerne als „Freie und Hansestadt Hamburg“. Jedes Mal, wenn ich dies lese, frage ich mich, ob man wirklich ein Adjektiv und ein Substantiv auf diese Weise verbinden kann. Müsste es nicht heißen „Freie Hansestadt Hamburg“ oder höchstens „Freie hanseatische Stadt Hamburg“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es zeigt sich hier wieder einmal, dass man Regeln nicht überstrapazieren sollte. Im Prinzip haben Sie recht. Zusammenziehungen wie die folgenden sind grammatisch möglich, gelten aber stilistisch als unschön:

Fliegen- und andere Pilze
öffentliche und Privatmittel
das freiwillige und Ehrenamt

Man formuliert hier besser zum Beispiel:

Fliegenpilze und andere Pilze
öffentliche und private Mittel
das freiwillige Ehrenamt

Vgl. auch diese Grammatikseite (insbesondere unter „Einschränkungen“).

Freie und Hansestadt Hamburg ist ebenfalls eine solche Formulierung. Die Adjektiv-Substantiv-Gruppe freie Stadt wird mit der Zusammensetzung Hansestadt zusammengezogen. Es handelt sich also um eine Art Zusammenziehung, die eigentlich vermieden werden sollte. Dieser Name ist aber so sehr eingebürgert (und, soweit ich weiß, sogar eine offizielle Bezeichnung), dass man nicht mehr von einem stilistischen Fehler sprechen kann. Man sagt und schreibt deshalb problemlos:

Freie und Hansestadt Hamburg

Anders sieht es in Bremen aus. Dort heißt es normalerweise:

Freie Hansestadt Bremen

Ob man daraus schließen kann, dass die Bremer die deutsche Sprache stilsicherer verwend(et)en als die Hamburger, wage ich nicht zu beurteilen. In diese interhanseatischen Nesseln will ich mit nicht setzen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp