Warum heißt die Gegenwart so?

Kinder stellen gute Fragen. Ich hatte mir die folgende Frage jedenfalls noch nie gestellt – und das als „Sprachler“!

Frage

Mein achtjähriger Sohn M[…] fragt, warum das Wort „Gegenwart“ so heißt? Woher kommt die Wortverbindung aus „gegen“ und „wart(en?)“ bzw. was hat diese mit der Wortbedeutung zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau R., lieber M.,

das Wort Gegenwart ist ein altes Wort. Es ist mit einem Adjektiv verbunden, das gegewertec oder gegenwürtec hieß und gegenwärtig, anwesend bedeutete. Die wörtliche Bedeutung war gegenüber seiend. Es bezeichnete also dasjenige, das sich einem gegenüber befindet, das anwesend ist.

Den Wortteil gegen kann man somit als gegenüber verstehen. Der zweite Teil, wart, hat nichts mit dem Wort warten zu tun. Er ist mit -wärtig verwandt, das gewendet, gerichtet bedeutete. Man findet dieses wärt(ig) heute noch in zum Beispiel auswärts (nach außen gewendet), abwärts (hinab gerichtet), südwärts (nach Süden gerichtet) usw.

Als Bezeichnung für die Zeitform des Verbs kam Gegenwart erst im 18. Jahrhundert auf.

Von der früheren wörtlichen Bedeutung gegen(über) gerichtet, gegenüber seiend bis zur heutigen Bedeutung Jetztzeit hat das Wort Gegenwart also einen recht langen Weg zurückgelegt, den man aber – wenn man es einmal weiß – recht gut nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In oder auf Highheels gehen?

Frage

Heißt es korrekt: „auf Highheels (o. Stöckelschuhen) gehen“ oder „in Highheels gehen“? Ich finde das nirgends und es sind beide Varianten zahlreich vertreten.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

beide Varianten kommen häufig vor, weil beide Varianten möglich sind:

in Highheels/Stöckelschuhen gehen
auf Highheels/Stöckelschuhen gehen.

Man geht in Stöckelschuhen, wie man auch in „normalen“ Schuhen, Wanderschuhen, Stiefeln usw. geht. Man geht auf Stöckelschuhen, wie man auch auf anderen erhöhten „Untersätzen“ geht und steht: auf Stelzen, Rollschuhen, Schlittschuhen.

Highheels vereinigen zwei Aspekte in sich, von denen der eine (Fußbekleidung) mit in und der andere (hohe Absätze) mit auf verwendet werden kann. Es gibt deshalb, wie so oft in der Sprache, mehr als eine korrekte Ausdrucksweise.

Vor einiger Zeit waren wir mit unserer Nachbarstocher und ihrem Freund im übrigens ausgezeichneten italienischen Restaurant ganz in der Nähe essen. Das junge Paar hatte sich zu diesem Anlass fein gemacht. Dazu gehörten bei ihr Highheels, die ihrem Namen alle Ehre machten: bestimmt 15 cm. Obwohl man zu Fuß gerade so schnell ist, wie man ein Auto aus- und wieder einparkt, hätte sie sich wohl doch lieber zum Restaurant chauffieren lassen. Sie bestritt es tapfer, aber es war offensichtlich, dass man weder in noch auf Highheels dieser Höhe wirklich gehen kann. Sie sind vielleicht zum Stehen, aber kaum zum Gehen geeignet. Wirklich neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht. Neu war für mich dank unserer Highheels-Debütantin das Folgende: Sitzen mit 15 Zentimeter Absatz am Fuß hat auch so seine Tücken. An manchen Restauranttischen geht das nämlich nur mit eher undamenhaft unter dem Tisch ausgesteckten Beinen oder mit sittlich seitlich geneigten Unterschenkeln. Frau kriegt sonst die Knie nicht unter den Tisch.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Grammatisch gesehen kann man also in oder auf Highheels gehen. Ob man darin oder darauf wirklich gehen kann, müssen die Trägerinnen (und vereinzelten Träger) allerdings selbst entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 Minuten Zeit, (um) 100 000 Mark zu besorgen

Frage

Auf der Rückseite der DVD „Lola rennt“ aus 1998, steht: „Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.“ Frage: Warum steht nicht in beiden Sätzen „um zu“ oder nur „um“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

ohne Ihre Frage hätte ich wohl einfach über diesen kleinen Unterschied hinweggelesen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Konstruktionen, die in diesem Fall ungefähr die gleiche Bedeutung haben.

20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Die Infinitivkonstruktion mit um zu entspricht hier einem Zwecksatz. Sie hat im Satz die Rolle einer adverbialen Bestimmung des Zwecks.

– Wofür/wozu hat Lola (nur 20 Minuten) Zeit?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Im ersten Satz gibt die Infinitivgruppe an, welchem Zweck die 20 Minuten Zeit dienen. Nun zum zweiten Satz:

20 Minuten Zeit, Mannis leben zu retten

Die Infinitivkonstruktion ohne um hat hier die Funktion eines Attributs. Sie ist im Satz Teil der Wortgruppe mit dem Kern Zeit und bestimmt diesen näher.

– Welche (nur 20 Minuten) Zeit hat Lola?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Im zweiten Satz gibt die Infinitivgruppe an, um welche Art zwanzig Minuten Zeit es sich handelt.

In diesem Fall kann also dasselbe (Zeit für etwas) mit einem finalen Adverbialsatz (d. h. die Zeit, um etwas zu tun) oder mit einem Attribut (d. h. die Zeit, etwas zu tun) ausgedrückt werden. Der Text auf der Rückseite der DVD hätte also zum Beispiel auch wie folgt formuliert werden können:

Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, um Mannis Leben zu retten.
Nur 20 Minuten Zeit, 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Es gibt hier, wenn überhaupt, kaum einen Bedeutungsunterschied zwischen dem Attribut mit zu und dem Zwecksatz mit um zu. Das ist aber meistens nicht so:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa die Fähigkeit hat, andere zu überzeugen, und dass sie diese Fähigkeit (zu einem nicht genannten Zweck) einsetzt. Die Infinitivkonstruktion bestimmt als Attribut die Fähigkeit, die benutzt wird, näher. Der Zweck wird nicht genannt.

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, um andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa ihre (nicht näher bestimmte) Fähigkeit einsetzt und dass sie dies tut, um andere zu überzeugen. Die Infinitivkonstruktion gibt als Adverbialbestimmung den Zweck an, für den die Fähigkeit eingesetzt wird. Die Art der Fähigkeit wird nicht näher bestimmt. Vgl.:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, deutlich zu formulieren, um andere zu überzeugen.
Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen, um ihre Pläne zu realisieren.

Dass die Unterscheidung wichtig sein kann, zeigt das letzte Beispiel:

Ich bin gegen ihren Plan, dir zu schaden.
Ich bin gegen ihren Plan, um dir zu schaden.

Wäre die erste Aussage an mich gerichtet, wäre ich über die freundliche Unterstützung erfreut. Bei der zweiten würde mich die feindliche Absicht betrüben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind die Groß- und Kleinschreibung problematisch?

Frage

Wir sind uns sehr uneins. Heißt es:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

oder:

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hoffenlich waren Sie nicht allzu sehr uneins, denn beides ist möglich:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe die Groß- und Kleinschreibung als eine Einheit aufgefasst. Die beiden Subjektteile sind durch den gemeinsamen Artikel die und den gemeinsamen Wortteil …schreibung eng miteinander verbunden. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl: bereitet.

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe Groß- und Kleinschreibung als zwei separate Subjektteile behandelt (Großschreibung und Kleinschreibung). Entsprechend steht das Verb in der Mehrzahl: bereiten.

Wieder einmal führen unterschiedliche Sehensweisen zu unterschiedlichen Resultaten. Die Groß- und Kleinschreibung ist als ein Rechtschreibphänomen problematisch oder die Groß- und Kleinschreibung sind als zwei verschiedene Schreibweisen problematisch. Beide Auffassungen und Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie möchten, auf dieser Seite in LEOs Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

… außer dem Holz im Kamin

Frage

„Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin.“ So beginnt der Roman „Small World“ von Martin Suter. Gerühmt wird dabei allenthalben der eben zitierte Eingangssatz. Ich bin dabei ein paar Male hängengeblieben. Ist das nun richtig mit dem Dativ? […] Gefühlsmäßig hätte ich den Genitiv angewendet. […] Hat das vielleicht damit zu tun, dass Suter Schweizer ist? Es tauchen im Buch eine Reihe von Schweizer Ausdrücken auf, wie z. B. Serviertochter für Kellnerin, Randen für rote Bete etc.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

Serviertocher und Randen sind eindeutig schweizerische Wörter, das erste eher etwas antiquiert, das zweite so lebendig wie gesund. Der Dativ nach außer hingegen ist kein Helvetismus. Den Genitiv verwendet man nach außer nämlich nur in festen Wendung:

außer Landes
außer Hauses

Sonst steht nach der Präposition außer in der Regel der Dativ:

Niemand war im Haus außer mir selbst.
Wir brauchen außer einem Liter Milch auch etwas Butter und Käse.
am Ende jedes Monats außer dem letzten

Deshalb schreibt Martin Suter ganz korrekt (also ohne den Tod des Genitivs zu fördern): außer dem Holz.

Das ist aber nicht alles: Man kann außer auch als Konjunktion verwenden. Die ihm folgende Wortgruppe steht dann im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Alles stand in Flammen, außer das Holz im Kamin.
Niemand war im Haus außer ich selbst.
Wir brauchen außer einen Liter Milch auch etwas Butter und Käse.
am Ende jedes Monats außer des letzten.

Hier steht also

– das Holz im Nominativ wie alles,
– ich selbst im Nominativ wie niemand,
– einen Liter Milch im Akkusativ wie etwas Butter und Käse,
– des letzten im Genitiv wie jedes Monats.

Vgl. die Angaben zu außer in der LEO-Grammatik.

Die mit außer eingeleitete Wortgruppe kann übrigens durch Kommas abgetrennt werden, wenn sie besonders hervorgehoben werden soll. Dies ist bei Suters einleitendem Satz der Fall. Das Komma vor außer deutet hier eine kleine Pause an, die den Überraschungseffekt schön unterstützt:

„Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin.“
[Martin Suter, Small World, Diogenes, Zürich, 1997]

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anders, keiner, niemand, nichts und umgekehrt als

Frage

Ist es richtig, zu sagen: „Bei mir ist es anders wie bei allen anderen“, oder wäre es besser, zu sagen: „Bei mir ist es anders als bei allen anderen“?

Antwort

Guten Tag S.,

bei Vergleichen mit anders verwendet man standardsprachlich das Vergleichswort als:

Bei mir ist es anders als bei allen anderen.
anders als erwartet
Ihr wart ganz anders als sonst.
Ich mache das anders als du.
Es kommt oft anders, als man denkt.

Das Vergleichswort als steht auch bei kein, niemand, nichts und umgekehrt:

Der Eingebildete sieht keinen als sich selbst.
Sie verneigt sich vor niemandem als vor Gott und dem König.
Mit dir hat man nichts als Scherereien.
Die Sache verhält sich umgekehrt, als man dir erzählt hat.

Genauso wie bei größer wie statt größer als gilt hier die Verwendung von wie statt als als umgangssprachlich. (Ein Satz wie der letzte kann mit all den als und wie eher verwirrend als erhellend wirken. Falls dem so ist, können Sie alles in der Canoonet-Grammatik nachlesen.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit Fokus auf den Akkusativ oder mit Fokus auf dem Dativ

Frage

Ich bin zwar Deutsche, verzweifle gerade aber an der Frage, ob es „englischsprachig mit Fokus auf interkulturelle Kompetenz“ oder „englischsprachig mit Fokus auf interkultureller Kompetenz“ heißt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

auch Muttersprachige können hier unsicher werden, sobald sie anfangen, darüber nachzudenken. Das liegt daran, dass Fokus in Kombination mit auf in unterschiedlicher Weise in einem Satz auftreten kann:

Der Fokus ist auf eine Sache gerichtet.
Der Fokus liegt auf einer Sache.

Je nachdem, ob der Fokus gerichtet ist oder ob er liegt, steht nach auf der „dynamische“ Akkusativ oder der „statische“ Dativ. In der Wendung mit Fokus auf kann man nicht sehen, ob es sich um einen liegenden oder einen gerichteten Fokus handelt. Der entscheidende Satzzusammenhang fehlt und es gibt eigentlich keinen merkbaren Bedeutungsunterschied. Deshalb sind beide Formulierungen möglich:

mit Fokus auf interkulturelle Kompetenz
= mit auf interkulturelle Kompetenz gerichtetem Fokus

mit Fokus auf interkultureller Kompetenz
= mit auf interkultureller Kompetenz liegendem Fokus

Der mit der üblichen Vorsicht zu genießende schnelle Google-Blick ins Internet zeigt allerdings, dass der Akkusativ hier häufiger vorzukommen scheint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Artikellos an Bord

Das Bild des vor der Insel Giglio verunglückten Kreuzfahrtschiffes ist jetzt schon ein Kandidat für das Medienbild des Jahres. Auch die Worte des Offiziers der Hafenbehörde von Livorno an den Kapitän der Costa Concordia sind inzwischen schon fast weltberühmt: „Vada a bordo!“ („Gehen Sie an Bord!“) Er ließ dieser Aufforderung noch einen Kraftausdruck folgen, den man übrigens nicht, wie ich an verschiedenen Stellen gelesen habe, ganz wörtlich mit einer vulgären Bezeichnung für den männlichen Körperteil übersetzen kann. Auf gut Deutsch bekräftige er seinen Befehl mit einem von Herzen kommenden „verdammt nochmal“.

Es geht hier nun nicht um Schuld- und Sicherheitsfragen. Sie sind gerade bei einem Ereignis, bei dem Menschen das Leben lassen mussten, etwas zu groß für einen Blogeintrag an dieser Stelle. Mir fiel bei den Worten „Vada a bordo!“ einfach auf, dass man offenbar auch in der italienischsprachigen Schifffahrt bei gewissen Ausdrücken auf den Artikel verzichtet: a bordo. Vgl.:

an Bord
von Bord gehen
über Bord gehen/werfen

Das Wort Bord erscheint sogar (fast?) nur in solchen Ausdrücken. Wüssten Sie auf Anhieb, ob es der, die oder das Bord ist? Gemäß z. B. DWDS ist dieses Nomen Bord männlich und wurde es früher auch ohne an, von oder über verwendet: der schwankende Bord.

Auch andere Substantive werden in Wendungen aus der Seefahrt ohne Artikel verwendet. Zum Beispiel:

an Deck, auf Deck, unter Deck
an Land
auf See, in See stechen
auf Grund laufen

Eine schöne Erklärung wäre, dass Ausdrücke und Befehle auf einem Schiff kurz und bündig sein mussten, damit man sie auch ganz oben in der Takelage und allgemein bei Sturmdröhnen und Wellendonnern verstehen konnte. Das mag eine Rolle gespielt haben, aber

– nicht alle Wendungen aus der Seefahrt sind nur ohne Artikel gebräuchlich:

am Bug
am Wind, im Wind segeln
über das Heck kentern
über die Toppen flaggen

– artikellose feste Wendungen dieser Art gibt es auch im Bereich der Landratten:

außer Haus
bei Tisch
gegen Abend
ohne Gewähr
zu Bett gehen

Es gibt also feste Wendungen, die ohne Artikel stehen. Es ist mir nicht gelungen, eine Erklärung oder sogar eine Regel zu finden, wann genau diese Artikellosigkeit auftritt. Ich weiß also nicht genau, warum es an Bord gehen und nicht an den Bord gehen heißt oder warum man sagt, dass der Kraftausdruck, der dem Befehl „Vada a bordo!“ folgte, artikellos von Herzen kam. Man muss diese Wendungen bewusst oder unbewusst lernen – wie a bordo zeigt, nicht nur im Deutschen.

Welche Rolle spielt der Relativsatz?

In letzter Zeit scheint die Bestimmung der Satzglieder aktuell zu sein. Es werden häufiger als sonst Fragen zu diesem Thema gestellt. Ich nehme allerdings an, dass es sich um einen Zufall handelt. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass viele für 2012 den guten Vorsatz gefasst haben, ihre Kenntnisse der deutschen Satzanalyse aufzupolieren. Ein besonderes Knacknüsschen ist offenbar der Relativsatz:

Frage

„Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.“ Stimmt es, dass der Relativsatz ein Subjektsatz ist, zu dem das Artikelwort „alle“ gehört? Oder ist der Relativsatz ein Attributsatz?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Relativsatz in Ihrem Beispiel

Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.

ist kein Subjektsatz. Ein Subjektsatz ist ein Nebensatz, der im Gesamtsatz die Funktion des Subjekts hat. Beispiele sind die folgenden Nebensätze:

Dass du gekommen bist, freut mich.
Wann wir ankommen werden, ist ungewiss.

– Wer oder was freut mich?
– Dass du gekommen bist, freut mich.

Wer oder was ist ungewiss?
Wann wir ankommen, ist ungewiss.

Mehr zum Subjektsatz finden Sie hier.

Nebensätze erfüllen in der Regel eine bestimmte Funktion im Hauptsatz. Was ist nun die Funktion des Relativsatzes die sich interessieren? Es ist kein Subjektsatz, denn der Kern der Antwort auf die Frage, wer oder was einen Museumsführer kaufen kann, ist das Pronomen* alle:

Wer oder was kann einen Museumsführer kaufen?
Alle können einen Museumsführer kaufen.

Der Relativsatz bestimmt genauer, was mit alle gemeint ist, d. h., um „welche alle“ es sich handelt: alle, die sich interessieren:

Wer oder was kann einen Museumsführer kaufen?
Alle, die sich interessieren, können einen Museumsführer kaufen.

Das Subjekt des Gesamtsatzes ist also alle, die sich interessieren. Es besteht aus dem Kern alle und einem sogenannten Attribut, das ihn genauer bestimmt:  die sich interessieren. Man nennt den Relativsatz nach dieser Funktion einen Attributsatz.

Attributsätze kommen nicht nur beim Subjekt vor:

Ich habe die Frage, die Sie gestellt haben, beantwortet.

Die Wortgruppe die Frage, die Sie gestellt haben ist das Akkusativobjekt. Dabei ist der Relativsatz die Sie gestellt haben ein Attribut zum Kern Frage.

Wen oder was habe ich beantwortet?
Die Frage, die Sie gestellt haben, habe ich beantwortet. [hoffe ich zumindest]

Ein weiteres Beispiel:

Sie wohnt in dem Haus, das abgerissen werden soll.

Hier ist der Relativsatz (das abgerissen werden soll) Attribut zu einem Nomen (Haus) in einer Adverbialbestimmung des Ortes:

– Worin/wo wohnt sie?
– Sie wohnt in dem Haus, das abgerissen werden soll.

Ich weiß nicht, welchen konkreten Nutzen dieses Wissen haben könnte, wenn man sich nicht gerade mit der Bestimmung von Satzgliedern beschäftigt. Falls Sie dies aber tun wollen oder müssen, wissen Sie nun, dass Relativsätze im Gesamtsatz in der Regel die Funktion eines Attributs haben. Es sind Attributsätze. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

alle wird hier als Pronomen, nicht als Artikelwort verwendet.

Von geschlossenen und zuen Schuhen

Wer zurzeit nicht in den Bergen im Schnee versinkt, hört in tieferen Gefilden meist sumpfig-schmatzende Geräusche unter den Sohlen, wenn er zu Fuß abseits asphaltierter oder anderweitig befestigter Straßen unterwegs ist. Bei den gegenwärtigen Schnee- und Regenmengen ist von Sandalen und anderem offenem Schuhwerk dringend abzuraten. Die zu diesem Thema passende, nicht allzu neue Frage:

Frage

Wenn man von geschlossenem Schuhwerk spricht, wie schreibt man dann „zuhe“ Schuhe?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

wenn man von geschlossenen Schuhen redet und das Wort zu verwendet, schreibt man zue Schuhe oder zune Schuhe. Diese Verwendung von zu als vorangestelltes Adjektiv ist allerdings rein umgangssprachlich. Sie gilt standardsprachlich sogar als falsch. Standardsprachlich spricht und schreibt man nur von geschlossenen Schuhen. Auch zu(n)e Türen, ein am Sonntag zu(n)es Restaurant oder eine noch zu(n)e Kaugummipackung trifft man in der Standardsprache nicht so an, sondern als geschlossene Türen, ein am Sonntag geschlossenes Restaurant oder eine noch ungeöffnete Kaugummipackung.

Dasselbe gilt übrigens auch für das Gegenteil von zu. Weder ein aufes Fenster noch aufe Schuhe sind im Standardeutschen akzeptiert. Wenn es zieht und man an die Füße friert, liegt das standardsprachlich an einem offenstehenden Fenster und offenen Schuhen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp