Die Frage mit dem Ausrufezeichen

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzzeichen. Gesetzt den Fall, es findet eine Unterhaltung statt, in der einer der Partizipierenden sehr aufgebracht ist, wie kann ich das korrekt zum Ausdruck bringen? Zum Beispiel: „Sie wagen es, mich anzugreifen?!?“

Gibt es die Möglichkeit, Ausrufezeichen mit Fragezeichen zu kombinieren? Wenn ich lediglich ein Ausrufezeichen setze, ist zwar zum Ausdruck gebracht, dass hier eine stärkere Emotion vorherrscht, jedoch wird die Bedeutung dadurch verschoben. Was für „korrekte“ Möglichkeiten gibt es?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn eine Frage gleichzeitig auch ein Ausruf ist, kann man nach dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen setzen:

Sie wagen es, mich anzugreifen?!
Wer soll das noch verstehen?!

Im Prinzip reicht es, ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen zu setzen. Mehrfache Frage- und Ausrufezeichen wirken eher comicartig (was sich allerdings manchmal gut als Stilmittel einsetzen lässt).

Wie man sieht, kann eine Äußerung gleichzeitig Frage und Ausruf sein. Die Grenzen zwischen Frage, Ausruf, Aufforderung und Aussage sind nicht ganz so deutlich, wie man dies auf Anhieb meinen würde.

Eine Frage ist einfach zu erkennen. Sie fängt entweder mit der konjugierten Verbform oder mit einem Fragewort an und man schließt sie mit einem Fragezeichen ab:

Hast du Zeit?
Wann hast du Zeit?

Es gibt aber auch Aussagesätze, die als Frage gemeint sind:

Du bist schon 16 Jahre alt?
Ich kann Deutsch mit Ihnen reden?

Es handelt sich meist um Vergewisserungsfragen, das heißt Fragen, deren Antwort man zu kennen glaubt und die man nur zur Vergewisserung stellt.

Es gibt auch Fragesätze, die gar nicht als Fragen gemeint sind. Dazu gehören rhetorische Fragen:

Wer hört schon auch mich? (= Es hört ohnehin nie jemand auf mich.)
Habe es dir nicht gesagt? (= Ich habe es dir doch gesagt.)

Auch höfliche Aufforderungen kleiden wir oft in die Form einer Frage:

Kannst du bitte herkommen?

Wenn die Aufforderung etwas eindringlicher gemeint ist, kann man auch mit einem Ausrufezeichen abschließen:

Kommst du bitte sofort hierher!

Nicht alle Fragen sind also als Fragesatz formuliert und nicht alles, was  wir als Fragesatz formulieren, ist auch als Frage gemeint.

Noch viel inkonsequenter sind wir, wenn es um Aufforderungen geht. Das Deutsche stellt uns dafür eigentlich den Imperativ, die Befehlform, zur Verfügung:

Geh schlafen!
Löschen Sie bitte das Licht!

Damit geben wir uns aber nicht zufrieden. Wie bereits oben gesagt, gießen wir eine höfliche Aufforderung häufig in die Form einer Frage:

Gehst du bitte schlafen?
Könnten Sie bitte das Licht löschen?

Damit ist unser Repertoire an Aufforderungsarten noch lange nicht ausgeschöpft. Bei Hinweistafeln, Zetteln, Anleitungen, Geboten und Verboten, die sich nicht an eine bestimmte Person richten, steht oft ein Infintiv:

Bitte beim Verlassen des Raumes Licht löschen.

Auch die Modalverben müssen und sollen können verwendet werden, um eine Aufforderung zu formulieren:

Du musst herkommen!
Sie sollten das Licht löschen!

Wenn man ihn entsprechend betont, kann auch ein Aussagesatz im Präsens oder Futur als dringliche Aufforderung dienen:

Du gehst jetzt schlafen!
Sie werden sofort das Licht löschen!

Erstaunlicherweise kann man sogar ein Passiv mit unpersönlichem es oder ganz ohne Subjekt als nachdrückliche Aufforderung verstehen:

Es wird jetzt geschlafen!
Nun wird sofort das Licht gelöscht!

Eine Frage ist nicht immer eine Frage, ein Aussagesatz kann auch Frage oder Aufforderung sein und alle möglichen Formulierungen können als Aufforderung gemeint sein. Wer soll das noch verstehen?!

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Wir verstehen all diese Formulierungen meist problemlos. Zum Problem werden sie erst dann, wenn man die Bezeichnungen Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz allzu eng nimmt und den Sätzen ausschließlich die Funktion zugesteht, nach der sie benannt sind.

Ich warte schon darauf/auf ihn

Frage

Für mich war es eigentlich immer klar:

  • Lebewesen: Präposition + Pronomen (mein Vater – ich denke an ihn)
  • Dinge: Pronominaladverb (der Unfall – ich muss oft daran denken).

Mein Problem sind nur Formulierungen wie die folgenden:

Angst – Wie gehe ich mit ihr um?
Schüchternheit – Manche schämen sich für sie, andere ärgern sich über sie und wieder andere fürchten sie.

Natürlich steht im letzten Satz „Schüchternheit = sie“, aber schämt man sich nicht dafür und ärgert sich darüber? Oft klingt die Formulierung Präposition+ Pronomen ganz normal, manchmal bekomme ich aber Bauchschmerzen. Damit kann ich nicht arbeiten! Ich könnte abschließend sagen: „Der nächste Wutanfall beim Korrigieren kommt bestimmt. Ich warte schon darauf / auf ihn“. Ja, was denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es steht zu befürchten, dass ich Ihre eventuellen Wutanfälle nicht durch die Angabe einer eindeutigen Regel verhindern kann. Ich würde Ihnen aber dringend empfehlen, sich in diesem Bereich vor allem auf Ihr Sprachgefühl zu verlassen und die Regeln nicht allzu streng anzuwenden. Das erspart einem Bauchschmerzen und Wutanfälle und ist somit gesund und bekömmlich für Leib und Seele.

Es gilt allgemein standardsprachlich als besser, in Ihren Beispielsätzen Pronominaladverbien zu verwendet:

Angst – Wie gehe ich damit um?
Schüchternheit – Manche schämen sich dafür, andere ärgern sich darüber und wieder andere fürchten sie.

Die Verwendung und Nichtverwendung der Pronominaladverbien wie daran, darauf, damit, darüber usw. ist allerdings ein komplexer, nicht vollständig geklärter Bereich. Man kann deshalb oft keine festen Regeln, sondern nur Tendenzen angeben.

Bei Personen verwendet man (fast) nie Pronominaladverbien:

Die neue Mitarbeiterin – Wir sind sehr zufrieden mit ihr (NICHT damit).
Mein Vater – Ich denke oft an ihn (NICHT daran).

Bei Sachverhalten, Nebensätzen, Infinitiven u. Ä. muss man sie verwenden:

Er ging weg und lachte dabei (NICHT bei ihm).
Rauchen, du solltest damit aufhören (NICHT mit ihm).

Dazwischen, das heißt bei Dingen und Abstrakta, ist die Lage etwas komplizierter. Es ist oft besser, dafür statt für ihn oder für sie zu sagen (vgl. Ihre Beispielsätze oben). Es ist aber nicht immer die einzig richtige Möglichkeit. Die Verbindung Präposition + Pronomen wird nämlich manchmal verwendet, um etwas hervorzuheben oder zu verdeutlichen:

Hervorhebung:
Ich finde diesen Satz den wichtigsten von allen, weil gerade in ihm zum Ausdruck kommt, was …

Verdeutlichung:
Ich habe diese Zeichnung selbst gemacht und möchte wissen was du von ihr hältst.
(d.h. von der Zeichnung, nicht von der Tatsache, dass ich sie selbst gemacht habe)

Sie können entsprechend beides sagen:

Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon darauf.
Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon auf ihn.

Im zweiten Satz verdeutlichen Sie, dass Sie auf den Wutanfall warten und nicht auf das Kommen des Wutanfalls. Das klingt im Zusammenhang mit Wutanfällen allerdings etwas ungewöhnlich. Besser sieht man das bei Bussen:

Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier darauf.
(auf den Bus, auf das Kommen des Busses)
Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier auf ihn.
(auf den Bus)

Es gibt also eine Grundregel, von der man in gewissen Fällen abweichen kann. Wann man abweicht, hängt von Situation, Kontext und Bedeutung/Absicht der Aussage ab. Wahrlich kein einfaches Feld für einfache Regeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine zusammenfassende Darstellung der Verwendung der Pronominaladverbien finden Sie hier.

Es hat

Und hier ist sie dann, die schon lange erwartete, berühmte, unvermeidliche Frage nach es hat:

Frage

Wir diskutieren gerade, ob „es noch Joghurt im Kühlschrank hat“ oder ob „noch Joghurt im Kühlschrank ist“. Genauso: „Es hat hier viele gute Restaurants“ oder „Es gibt hier viele gute Restaurants“. Was ist richtig?

Antwort

Guten Tag H.,

grundsätzlich falsch ist keine der beiden Formulierungen.

a) Es gibt hier viele gute Restaurants.
b) Es hat hier viele gute Restaurants.

a) Im Kühlschrank ist noch Joghurt.
b) Im Kühlschrank hat es noch Joghurt

Welche Formulierung man verwendet, hängt von der Region ab. Nach den mir vorliegenden Informationen verwendet man b) es hat im Südwesten Deutschlands, im Westen Österreichs (Vorarlberg) und in der Schweiz. Es ist also nicht, wie manchmal gesagt wird, ein rein schweizerisches Phänomen. In Deutschland gilt es als regionale, landschaftliche Variante der Standardformulierung a) mit es gibt oder sein. In der Schweiz ist es hat die allgemein übliche und akzeptierte Variante.

Wenn Sie also sagen: „Es hat hier viele gute Restaurants“, verwenden Sie eine regionalsprachliche Variante, mit der Sie, ob Sie es nun wollen oder nicht, augenblicklich Ihre Herkunft aus der südwestlichen Ecke des deutschen Sprachraums zu erkennen geben. In der Schweiz gehört diese Formulierung zum Standard.

Wenn Sie sagen: „Es gibt hier viele Restaurants“, verwenden Sie in Deutschland und Österreich die allgemein akzeptierte, standardsprachliche Variante. In der Schweiz hingegen fällt man damit ein wenig auf. Wenn Sie dann auch noch erklären, dass im Kühlschrank noch Joghurt ist, dann outen Sie sich unweigerlich als „Import aus dem großen Nordkanton*“ (oder als „Groschli*“).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Übersetzungshilfe für diejenigen, die die Schweiz (noch) nicht so gut kennen: Der große Nordkanton liegt nördlich der Schweiz und ist im Vergleich zu ihr sehr, sehr groß. Ein(e) Groschli kommt von dort, wo es vor den Eurocents Groschen hatte.

Er fürchtet nichts so sehr, als mit sich allein zu sein

Frage

Vor ein paar Tagen zitierte ein Radiosender den von mir für seine Aphorismen mittlerweile sehr geschätzten Wissenschaftler Blaise Pascal wie folgt:

Der Mensch, welcher nur sich selbst liebt, fürchtet nichts so sehr, als mit sich allein zu sein.

Ich würde ja anstelle des „als“ ein „wie“ verwenden, da es sich meiner Meinung nach um einen Gleichheit ausdrückenden Komparativsatz handelt. Bei einem Freund bin ich damit auf Unverständnis gestoßen und er unterstellte mir, dass ich „als“ und „wie“ verwechsle, was ich allerdings tunlichst zu vermeiden versuche. Handelt es sich vielleicht sogar um einen Übersetzungsfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Sie haben recht. Auch ich würde hier wie satt als verwenden. Die Übersetzung des Zitats ist aber nicht unbedingt falsch, sondern vermutlich älteren Datums. Da ich nicht weiß, von wem die Übersetzung stammt, kann ich diese Vermutung leider nicht beweisen. Ich vermute es aufgrund einer veralteten Verwendung von als statt wie und einer eher altmodischen Verwendung von welcher statt der.

Pascal schreibt im französischen Original (heutige Orthographie):

L’homme qui n’aime que soi ne hait rien tant que d’être seul avec soi.
[Pensées – XXVI. Misère de l’homme]

Ich würde dies wörtlich wie folgt übersetzen:

Der Mensch, der nur sich selbst liebt, hasst nichts so sehr, wie mit sich allein zu sein.

Im heutigen Standarddeutsch steht nach Vergleichen mit [nicht] so sehr, [nicht] so groß, [nicht] so viel usw. das Vergleichswort wie. Zum Beispiel:

Er ist nicht so groß wie du.
Rede bitte nicht so viel wie das letzte Mal.
Ich mag nichts so sehr wie deine Kochkunst.
Ich mag nichts so sehr, wie wenn du für mich kochst.
Er fürchtet nichts so sehr, wie mit sich allein zu sein.

Die Verwendung von als gilt hier als veraltet, regional- oder umgangssprachlich. Deutschlehrer und -lehrerinnen müssten also im eingangs zitierten Satz einen Fehler anstreichen, wenn ein heutiger Blasius ihn in einem Aufsatz so formulieren würde.

Das Vergleichswort als wird heutzutage in einem Satz wie diesem verwendet:

Der Mensch, der nur sich selbst liebt, hasst nichts mehr, als mit sich allein zu sein.

Das Pascal-Zitat (oder vielmehr seine Übersetzung) zeigt, dass auch eine „eindeutige“ Regel wie die Unterscheidung zwischen als und wie in Vergleichen nicht immer so felsenfest verankert war, wie wir dies oft annehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ab morgen alle auf korrekte Adressangaben achten

Frau G. hat für ihre Frage das Kontaktformular verwendet. Dabei hat sie sich bei der Angabe ihrer E-Mail-Adresse wohl vertippt. Ich habe nämlich die Antwort postwendend zurückerhalten: user unknown, d.h. Empfänger(in) unbekannt.

Ich möchte alle Fragesteller und Kommentatorinnen wieder einmal bitten, auf die Angabe einer korrekten Antwortadresse zu achten, wenn sie das Kontaktformular verwenden. Wenn alle dies ab morgen tun, schicke ich nie mehr vergeblich Antworten ins Netz. Noch besser wäre natürlich ab heute.

Und hier dann die Antwort auf Frau G.s Frage:

Frage

Was bedeutet : „ab morgen“? Ist damit der morgige Tag gemeint oder erst der darauf folgende, also übermorgen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ab morgen bedeutet von morgen an. Ein paar (hoffentlich) erläuternde Beispiele:

Wenn am 12. September gesagt wird, dass ein Pass ab morgen gültig ist, können Sie den Pass vom 13. September an benutzen. Der Pass ist am 13. bereits gültig.

Wenn der Zutritt ab nächstem Mittwoch nicht mehr möglich ist, bleiben die Türen bereits vom nächsten Mittwochmorgen an und nicht erst am nächsten Donnerstag verschlossen.

Wenn die Preise ab nächstem Monat erhöht werden, kann man nur noch bis zum Letzten des laufenden Monats günstiger „zuschlagen“. Am Ersten des folgenden Monats (und danach) ist es dann teurer.

Wenn ein Film für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben ist, dürfen Sechzehnjährige sich den Film anschauen, ohne sich älter machen zu müssen, als sie sind.

Etwas gar theoretisch ausgedrückt: Bei Zeitangaben mit ab ist die nach ab genannte Zeiteinheit inbegriffen. Bei ab morgen wird der morgige Tag also mitgezählt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bei Zeitangaben ohne Artikelwort kann nach ab der Dativ oder der Akkusativ stehen (vgl. hier):

ab nächstem Mittwoch oder ab nächsten Mittwoch
ab nächstem Monat oder ab nächsten Monat
Jugendliche ab 16 Jahren oder Jugendliche ab 16 Jahre

PS: Eine ähnliche Frage wird hier behandelt: Bis oder bis einschließlich.

Wegen etwas anderen? – Manchmal passt der Genitiv einfach nicht

Frage

Ich bin gerade sehr verwirrt. Schreibe ich „wegen etwas anderem“ oder „wegen etwas anderen“?

Antwort

 

Guten Tag M.,

am besten schreiben Sie wegen einer anderen Sache oder aus einem anderen Grund.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

– nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
– nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Zurück zu Ihrer Frage: Wenn nach wegen nur der Genitiv verwendet werden darf, muss es heißen: wegen etwas anderen. Diese Formulierung erfüllt aber die genannten Bedingungen nicht: etwas ist unveränderlich und die Genitivendung von ander- ist hier weder es noch er, sondern en. Deshalb hat diese Wendung Sie in Verwirrung gebracht und deshalb ist sie auch im Standarddeutschen unüblich. Man weicht hier oft auf den Dativ aus: wegen etwas anderem. Weil viele den Dativ nach wegen leider grundsätzlich für falsch halten, empfehle ich Ihnen, in der schriftlichen Standardsprache vorsichtshalber auf eine Formulierung wie wegen einer anderen Sache auszuweichen. Das Gleiche gilt für zum Beispiel *wegen nichts anderen, für das man üblicherweise wegen nichts anderem oder (vor allem wenn der Dativ nach wegen einem grundsätzlich ein Gräuel ist) aus keinem anderen Grund verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kein und nicht bei dummen Fragen

Frage

„Dumme Fragen gibt es nicht!“ Warum steht hier „nicht“ statt „kein“? Ist „kein“ nicht die Verneinung bei Substantiven ohne Artikel (hier Plural)? „Keine dumme Fragen gibt es“ klingt schon ein bisschen komisch, aber bei anderer Wortstellung ist es doch richtig: „Es gibt keine dumme Fragen“?

Antwort

Guten Tag B.,

man sagt tatsächlich:

Es gibt keine dummen Fragen.

Nur in gewissen Fällen kann man auch sagen:

Es gibt nicht dumme Fragen …

Was aber, wenn ich den Satzteil (keine) dumme Fragen im Satz an die erste Stelle setzen möchte? Ohne Verneinung ist das ganz einfach:

Es gibt dumme Fragen.
Dumme Fragen gibt es.

Mit Verneinung ist die Umstellung ein bisschen komplexer:

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Man sagt seltener auch

Dumme Fragen gibt es keine.

aber nie

*Keine dummen Fragen gibt es.

Die Verneinung ist im Deutschen ziemlich komplex. Es gibt häufig verschiedene, einander widersprechende Tendenzen und deshalb kaum „Regeln“, die in allen Fällen gelten. Das ist auch hier der Fall. Wenn im Prinzip kein stehen könnte oder müsste, aber die Verneinung durch eine Umstellung (Hervorhebung) im Satz nicht direkt vor dem Substantiv steht, verneint man den Satz oft mit nicht statt kein:

Wir verkaufen keine Einzelstücke.
Einzelstücke verkaufen wir nicht.

Sie sprechen dort keine Fremdsprachen.
Fremdsprachen sprechen sie dort nicht.

Es gibt keine dummen Fragen.
Dumme Fragen gibt es nicht.

Es gibt also auch im Bereich der Verneinung keine ausnahmslos in allen Fällen geltendend Regeln, oder: Ausnahmslos in allen Fällen geltende Regeln gibt es auch im Bereich der Verneinung nicht. Keine Regel ohne Ausnahme!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als oder zum Dank

Frage

Wie lautet der Satz richtig:

– Als Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.
– Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr … geehrt.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

beides ist üblich und richtig:

Als Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.
Zum Dank für seine Firmentreue wird Herr M. geehrt.

Die erste und wichtigste Begründung lautet, dass im Deutschen beide Formulierungen verwendet, verstanden und akzeptiert werden. Bei fest(er)en Wendungen ist oft keine bessere Erklärung als diese möglich. Manchmal hilft selbst ein Abstecher in die Sprachgeschichte nicht oder nur bedingt weiter (vgl. diesen älteren Beitrag).

In diesem Fall sind allerdings beide Formulierungen auch grammatisch erklärbar: Die Formulierung mit als drückt aus, dass Herrn M.s Ehrung der Dank für seine Firmentreue ist. Die Ehrung dient als Dank. Mit zum wird gesagt, dass der Dank für die Firmentreue der Anlass, der Grund für Herrn M.s Ehrung ist. Gemeint ist in beiden Fällen, dass man Herrn M. für seine Firmentreue dankbar ist und ihn deshalb ehrt.

Ich nehme an, dass die Ehrung aus hoffentlich wohlgemeinten positiven Worten besteht. Ich hoffe weiter, dass Herr M. als oder zum Dank dafür, dass er so lange bei der Firma war, neben dem unvermeidlichen Blumenstrauß auch einen seinem Einsatz entsprechenden Bonus erhält, auch wenn er nicht zum vielleicht schon bonusgewöhnten obersten Management gehört. Doch hier beginne ich mich in Personalangelegenheiten einzumischen, die mich als „Sprachdoktor“ gar nichts angehen. Nichts für ungut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich Blasen laufen

Noch ein Nachtrag zum Urlaub: Stefan schreibt das Folgende in einem Kommentar zur Ankündigung „Dr. Bopp geht wandern“:

Frage

Lieber Dr. Bopp, haben sie sich “eine Blase gelaufen?? Dazu gleich meine Frage: Wieso “läuft? man sich eine Blase? Eigentlich “bekommt? man doch eine, oder “zieht sie sich zu?… Ich hoffe sie hatten einen schönen Urlaub!

Antwort

Guten Tag Stefan,

Der Urlaub war schön. Siehe hier.

Wieso läuft man sich Blasen? Man kann die Wendung sich … laufen verwenden, wenn man sich laufend etwas zuzieht oder sich oder etwas anderes laufend in einen bestimmten Zustand bringt. Zum Beispiel:

sich müde laufen
sich hungrig laufen
sich außer Atem laufen
sich die Füße wund laufen
sich Löcher in die Schuhe laufen

Und ebenso:

sich Blasen laufen
sich ein große Blase laufen

Reflexive Wendungen dieser Art sind nicht nur mit dem Verb laufen möglich:

sich einen Bruch heben
sich heiser singen/reden/brüllen/schreien
sich die Augen rot weinen
u. a. m.

Ich habe mich übrigens einige Male ziemlich müde gewandert, aber mir zum Glück dank gutem Schuhwerk keine Blasen gelaufen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Menge schwarzer Schafe / schwarze Schafe / von schwarzen Schafen

Heute geht es um etwas, was mich sehr erstaunt hat, als ich zum ersten Mal in einem Grammatikbuch darauf stieß: wie ungenau die deutsche Sprache ausgerechnet bei Mengenangaben ist!

Frage

Gerade hörte ich im Radio, dass sich im Bildungssektor eine ganze Menge schwarze Schafe tummle. Muss es nicht heißen eine ganze Menge schwarzer Schafe?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

bei Mengenangaben zeigt die deutsche Grammatik erstaunlicherweise nicht die Präzision, die man gerade dort erwarten würde. Beide Formulierungen sind nämlich möglich:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine ganze Menge schwarze Schafe

Bei ungenauen Mengenangaben wie Menge, Reihe, Anzahl, Strauß usw. und etwas Gemessenem im Plural kommt der (partitive) Genitiv am häufigsten vor:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine Gruppe französischer Bergsteiger
ein Strauß roter Rosen

Es ist jedoch ebenfalls möglich, das Gemessene als Apposition (Beisatz) zur Mengenangabe zu verwenden:

eine ganze Menge schwarze Schafe
eine Gruppe französische Bergsteiger
ein Strauß rote Rosen

Dabei übernimmt die Apposition den Fall der Mengenangabe. Im Dativ kann das Gemessene auch unverändert im Nominativ stehen:

mit Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarzen Schafen
mit einer Gruppe französischen Bergsteigern
mit einem Strauß roten Rosen

ohne Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarze Schafe
mit einer Gruppe französische Bergsteiger
mit einem Strauß rote Rosen

Das wären dann also schon drei verschiedene mehr oder weniger akzeptierte Möglichkeiten, wie man Mengengaben dieser Art formulieren kann. Das ist aber noch nicht alles! Nach Sammelbegriffen ist auch noch die Formulierung mit von möglich:

eine ganzen Menge von schwarzen Schafen
eine Gruppe von französischen Bergsteigern
eine Strauß von roten Rosen

Das führt dazu, dass bei einer Mengenangabe im Dativ und etwas Gemessenem im Plural vier Formulierungen möglich sind:

mit einem Strauß roter Rosen (partitiver Genitiv)
mit einem Strauß rote Rosen (Apposition ohne Kasusangleichung)
mit einem Strauß roten Rosen (Apposition mit Kasusangleichung)
mit einem Strauß von roten Rosen (Präpositionalgruppe mit „von“)

Diese Vielzahl verschiedener/verschiedene/von verschiedenen Möglichkeiten führt oft dazu, dass man ins Zweifeln gerät, sobald man anfängt, über die korrekte Formulierung nachzudenken. Am besten tun Sie dies deshalb nicht und formulieren Sie einfach so, wie Ihr Sprach- und Stilgefühl es Ihnen eingibt. Bei so viel Formulierungsspielraum kann ja kaum etwas schiefgehen! Falls Sie einmal wirklich nicht mehr weiterwissen: Der Genitiv ist in den hier beschriebenen Fällen immer richtig und wird auch von niemandem angezweifelt.

Die entsprechende Grammatikseite finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp