Wenn Zwerge hinter Ohren hüpfen, was ist dann deren Fall?

Frage

Ich bin über einen Satz gestolpert: „Der Zwerg hüpft hinter Franz‘ rechtes Ohr.“ Stimmt „rechtes Ohr“? Muss es nicht „rechtem Ohr“ heißen? Je mehr ich darüber nachdenke, umso unsicherer werde ich …

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn es um die Fälle geht, verwirrt langes Nachdenken öfter, als es hilft. Wenn es um hüpfende Zwerge und Ohren geht, ist dies wahrscheinlich noch schlimmer also sonst.

Der Zwerg in Ihrem Satz kann sowohl hinter Franz‘ rechtem Ohr als auch hinter Franz‘ rechtes Ohr hüpfen. Er tut dann aber nicht ganz dasselbe. Die Präposition hinter gehört zu den sogenannten Wechselpräpositionen, die sowohl mit dem Akkusativ als auch mit dem Dativ stehen können. Den Akkusativ verwendet man bei einer Richtungsangabe (wohin?), den Dativ bei einer Ortsangabe (wo?):

Ich stelle den Wagen hinter das Haus.
Der Wagen steht hinter dem Haus.

Hinzu kommt die Bedeutung des Verbs hüpfen: Man kann von einer Stelle an eine andere hüpfen (wohin hüpfen?). Man kann aber auch an einer bestimmten Stelle auf und ab hüpfen (wo hüpfen?).

Wenn der Zwerg von einer anderen Stelle hinter das rechte Ohr von Franz hüpft, steht der Akkusativ (Wohin hüpft er? – Hinter Franz’ rechtes Ohr). Wenn der Zwerg sich hinter Franz‘ Ohr befindet und dort herumhüpft, dann hüpft er hinter dem rechten Ohr von Franz (Wo hüpft er? – Hinter Franz’ rechtem Ohr).

Wenn Zwerge hinter Ohren hüpfen, hängt der Fall der Ohren also davon ab, wie die Zwerge hüpfen. Mehr zu den Wechselpräpositionen wie hinter finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gäbe wie wäre und hätte

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist die Unterscheidung zwischen gebe und gäbe. Da die gleiche Frage bei sei und wäre oder habe und hätte bei weitem nicht so oft gestellt wird, können diese Formen herangezogen werden, wenn dringlich Soforthilfe benötigt wird.

Frage

Gelegentlich werde ich beruflich dazu angehalten, über Sitzungen Protokoll zu führen. Ich verfasse diese im Konjunktiv („XY bestätigt, dass dies richtig sei.“). Nun begegne ich aber immer wieder dem Problem, wann es denn nun richtig ist, „gebe“ oder „gäbe“ zu verwenden. Beispiele:

XY erklärt, es gebe/gäbe Überlegungen…
Bezüglich xy gebe/gäbe es einige Änderungen.
XY berichtet, dass es keine eindeutige Richtlinie gebe/gäbe.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

theoretisch ist es ganz einfach: Die Form gebe steht im Konjunktiv I, die Form gäbe im Konjunktiv II. Doch wer weiß schon immer genau, wann man welchen Konjunktiv verwenden kann, muss oder darf? Deshalb werde ich hier ausnahmsweise auf grammatikalische Betrachtungen verzichten und Ihnen einfach eine Eselsbrücke angeben, die für die meisten** ganz gut funktioniert:

gebe wie sei und habe
gäbe wie wäre und hätte

Man schreibt gebe, wenn man an gleicher Stelle für das Verb sein die Form sei oder für haben die Form habe verwenden würde. Man schreibt gäbe, wenn man für sein oder haben auch die Form mit ä nehmen würde (wäre, hätte).

Für Ihre Beispiele gilt also:

XY erklärt, es gebe Überlegungen
vgl. es sei überlegenswert

Bezüglich xy gebe es einige Änderungen
vgl. bezüglich XY sei einiges geändert worden

XY berichtet, dass es keine eindeutigen Richtlinien gebe
vgl. dass man keine eindeutigen Richtlinien habe

Der Vollständigkeit halber noch zwei Beispiele für gäbe:

XY sagt, dass es eine bessere Lösung gäbe, wenn man mehr Zeit hätte.
vgl. dass eine bessere Lösungen möglich wäre, wenn man …

Wenn er nur endlich Ruhe gäbe!
vgl. Wenn er nur endlich ruhig wäre!

Ganz ohne Grammatikalisches will ich hier doch nicht enden: In der indirekten Rede verwendet man im Prinzip (aber nicht immer …) den Konjunktiv I. Wenn also jemand gibt gesagt oder geschrieben hat, erscheint das in der indirekten Rede als gebe. Falls Sie doch noch mehr zur Verwendung des Konjunktivs wissen möchten, finden Sie auf dieser Grammatikseite allgemeine Angaben und weiterführende Links.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Diese Eselsbrücke funktioniert auch für diejenigen (hauptsächlich Norddeutsche), die es hier besonders schwer haben, weil sie ein langes ä wie ein langes e aussprechen. Wenn man Säle gleich wie Seele und wäre gleich wie Wehre ausspricht, klingt gäbe auch genau gleich wie gebe.

Aus Freude oder vor Freude? – Wenn die Freude einen hüpfen lässt

Frage

Welcher Unterschied besteht zwischen den kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“? Wann sage ich : „aus Freude“ oder „vor lauter Angst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Wörterbücher helfen einem bei dieser Frage leider nicht viel weiter. Sie vermelden bei beiden Präpositionen, dass sie bei dieser Verwendung einen Grund, einen Beweggrund oder eine Ursache angeben. Außerdem steht im Duden, dass vor nur in festen Wendungen vorkomme. Ich denke, dass die Wahl zwischen aus und vor tatsächlich oft etwas mit festen Wendungen und Ausdrücken zu tun hat. Ich glaube aber doch, einen gewissen Unterschied erkennen zu können:

  • Mit aus wird der Grund angeben, der zu einer kontrollierten, willkürlichen (vom eigenen Willen gesteuerten) Handlung führt:

aus Freude hüpfen
aus Leidenschaft morden
aus Zorn etwas demolieren
aus Angst nicht zum Zahnarzt gehen
aus Überzeugung handeln

  • Mit vor wird die Ursache eines unkontrollierten, unwillkürlichen (nicht vom eigenen Willen gesteuerten) Geschehens angegeben:

vor Freude zittern
vor Leidenschaft vergehen
vor Zorn erröten
vor Angst nicht klar denken können
vor Anstrengung schwitzen

Dabei können eigentlich willkürliche Handlungen im übertragenen Sinne unwillkürlich werden: So kann man zum Beispiel sagen, dass man vor Freude hüpft, obwohl das Hüpfen in der Regel eine durch den eigenen Willen gesteuerte Handlung ist. Man ruft dann das Bild auf, dass die Freude einen hüpfen lässt, ob man nun hüpfen will oder nicht. Wenn man aus Freude hüpft, hüpft man sozusagen auf eigene Veranlassung, weil man sich freut. Das Ergebnis ist dasselbe: Jemand hüpft erfreut herum. Bei vor lauter Angst wegrennen und aus lauter Angst wegrennen besteht der gleiche Unterschied zwischen bildlichem und wörtlichem „Träger“ der Handlung.

In Fällen wie diesen sind sowohl aus als auch vor möglich. Ich würde den genannten Unterschied bei der Verwendung von aus und vor deshalb nicht eine strenge Regel, sondern eine mehr oder weniger starke Tendenz nennen, die nicht in allen Fällen und nicht von allen in gleicher Weise befolgt wird.

Ich finde, dass diese Erklärung recht einleuchtend klingt. (Das ist nicht erstaunlich, denn ich habe sie ja soeben selbst verfasst.) Sie ist aber mit einiger Vorsicht zu genießen. Um wirklich fundierte Aussagen machen zu können, müsste man genauere Untersuchungen anhand einer großen Anzahl von Textbeispielen anstellen. Bis es vielleicht einmal so weit ist – und eigentlich auch danach –, folgen Sie am besten Ihrem Sprachgefühl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn nach „für“ der Dativ steht

Dass Anderssprachige es mit der deutschen Sprache und ihren Fällen nicht immer einfach haben, wusste ich schon. Aber manchmal wundere ich mich immer noch, mit welchen Tücken sich Deutschlernende herumschlagen müssen. Man lernt die einfache Regel, dass nach für immer der Akkusativ steht (für wen oder was?), freut sich über seine Grammatikkenntnisse und dann begegnen einem plötzlich Sätze, in denen nach für ein Nominativ oder ein Dativ steht! In den letzten Tagen erreichten mich gleich zwei Fragen zu diesem Thema.

Fragen

  • „Was für ein fauler Tag!“ Warum steht hier nach „für“ ein Nominativ und nicht ein Akkusativ?
  • Wie kann man erklären, dass nach „für“ in dem Ausdruck „was für“ kein Akkusativ steht? Wieso heißt es: „Was für ein schöner Tag!“, und nicht: „Was für einen schönen Tag!“?

Antwort

Die Präposition für verlangt tatsächlich den Akkusativ: für wen oder was? Hier geht es aber nicht um die allein stehende Präposition für, sondern um die Wendung was für (ein). Sie leitet eine Frage oder einen Ausruf ein und kann mit allen vier Fällen stehen:

Was für ein schöner Tag!
Was für einen Eindruck macht er?
In was für einem Land leben wir eigentlich?
Anhand was für eines Beispiels lässt sich das Problem am besten beschreiben?

Das ist noch nicht alles, was man zu was für ein lernen muss: Mit was für ein fragt man nach einer Beschaffenheit, einer Eigenschaft, einem Merkmal usw.:

Mit was für einem Wagen fährt sie weg? – Mit einem Sportwagen.
Was für einen Pullover trug er? – Einen roten.

Dadurch unterscheidet sich was für ein von welcher, das eine „auswählende“ Bedeutung hat. Mit welcher fragt man nach einem einzelnen Wesen, einem einzelnen Ding aus einer Gruppe, einer Klasse, einer Gattung usw

Mit welchem Wagen fährt sie weg? – Mit dem Sportwagen.
Welchen Pullover trug er? – Den  roten.

Die Beispielsätze in den Fragen zeigen weiter, dass was für ein auch einen Ausruf einleiten kann:

Was für ein schöner Tag!
Was für ein Dummkopf!

Und wenn Sie nun denken, das sei schon alles, lesen Sie auf dieser Seite, dass man das ein in gewissen Fällen weglässt:

Was für Papier brauchst du?
Mit was für Leuten verkehrt er?

und dass man besser nicht sagt:

Was für welches Papier brauchst du?
Mit was für welchen Leuten verkehrt er?

An dieser Stelle möchte ich nämlich nichts mehr dazu schreiben, damit nicht auch noch die wenigen geduldigen Leser und Leserinnen, die bis hierher durchgedrungen sind, folgenden Stoßseufzer von sich geben:

Was für ein langweiliger Blogeintrag!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebietsweise Schnee und stellenweise Glätte

Ich greife auf  eine in der letzten Woche gestellte Frage zurück, weil mir heute eine ähnlich zweifelhafte Formulierung mit stellenweise und Glätte aufgefallen ist wie der Fragestellerin. Bei so viel Schnee und Glätte, wie wir sie hier zurzeit erleben dürfen, ist es wohl nicht verwunderlich, dass es hin und wieder auch zu sprachlichen Ausrutschern kommt.

Frage

Da meine Kinder in letzter Zeit ständig darüber informiert sein wollen, ob vielleicht die Schule ausfällt, informiere ich mich laufend auf der Website des NDR. Dort las ich Folgendes: „Heute wolkig mit einigen Auflockerungen und gebietsweise Schneeschauer mit STELLENWEISER Glätte.“ Darf man das so formulieren, oder müßte es nicht korrekt heißen: „mit stellenweise auftretender Glätte“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie haben recht: Die Formulierung Schneeschauer mit stellenweiser Glätte ist standardsprachlich nicht richtig. Man kann zum Beispiel sagen:

Schneeschauer mit stellenweise auftretender Glätte
Schneeschauer, stellenweise mit Glätte

Das liegt daran, dass stellenweise und auch gebietsweise keine Adjektive, sondern wie zum Beispiel überall oder nirgends Adverbien sind. Man fragt mit wo? nach ihnen. Sie können in der Regel nicht direkt ein Substantiv bestimmen. Man sagt deshalb NICHT:

*Es ist mit gebietsweisem Schnee zu rechnen.
*die stellenweise Glätte
*bei der Einführung gebietsweiser gebührenpflichtiger Kurzparkzonen

sondern:

Es ist gebietsweise mit Schnee zu rechnen.
die stellenweise auftretende Glätte

Und jetzt kommt natürlich unvermeidlich die Ausnahme, ohne die es nie geht: Gewisse Adverbien, zu denen auch gebietsweise und stellenweise gehören, können trotz des bisher Gesagten wie Adjektive ein Substantiv bestimmen. Es muss sich dabei aber um den Infinitiv oder um eine Ableitung des Verbs handeln, auf das sich das Adverb bezieht:

bei der gebietsweisen Einführung gebührenpflichtiger Kurzparkzonen

etwas gebietsweise einführen
Kurzparkzonen werden gebietsweise eingeführt
beim gebietsweisen Einführen von Kurzparkzonen
bei der gebietsweisen Einführung von Kurzparkzonen

Ganz gleich ob Sie nun gebietsweise und stellenweise standardsprachlich immer richtig oder auch einmal an der falschen Stelle als Adjektive verwenden: Genießen Sie den Schnee und seien Sie bei Glätte besonders vorsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind Sie sich dessen bewusst oder ist Ihnen bewusst, dass nur noch wenig Zeit bleibt?

Frage

Unlängst hatte ich eine kleine Meinungsverschiedenheit mit einem Kumpel. Es ging um die korrekte Verwendung von Pronomen beim Wörtchen bewusst. Ich bin mir dessen bewusst, so meine Meinung, ist einzig und allein richtig, denn bewusst regiert in dem Fall ganz klar den Genitiv. Er hielt dagegen, er könne schreiben und sagen: Nadja ist dies durchaus bewusst. Und nun bin ich ganz unsicher. Kann er das tatsächlich grammatikalisch richtig sagen und schreiben?

Antwort

Guten Tag M.,

Sie haben recht, Ihr Kumpel aber auch: bewusst steht zwar mit dem Genitiv, aber nur in der Wendung sich einer Sache bewusst sein:

Nadja war sich dessen durchaus bewusst.
Sie war sich dessen durchaus bewusst.

Im Satz Nadja ist dies durchaus bewusst steht eine andere Wendung. Wenn man sich einer Sache bewusst ist, ist diese Sache einem bewusst:

Dies war Nadja durchaus bewusst.
Dies war ihr durchaus bewusst.

Bei sich einer Sache bewusst sein ist das Subjekt des Satzes die Person, die weiß. Bei jemandem bewusst sein ist das Subjekt des Satzes dasjenige, was gewusst wird.

Er war sich der Folgen seiner Tat nicht bewusst.
Ihm war nicht bewusst, welche Folgen seine Tat hatte.

Das Wörtchen bewusst kann in mehr als nur einer Satzkonstruktion verwendet werden: einmal stilvoll mit sich und dem Genitiv und einmal ganz „banal“ mit dem Dativ. Beide Wendungen sind den strengen Genitivverfechtern zum Trotz korrektes Deutsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

An alle Blogbesucher und -besucherinnen:

Wenn Sie jetzt noch Zeit haben, dies hier zu lesen, haben Sie Ihre Weihnachtseinkäufe und sonstigen Feiertagsvorbereitungen bestimmt schon bis ins vorletzte Detail geregelt. Wenn dem nicht so sein sollte, sputen Sie sich! Es bleibt Ihnen nur noch wenig Zeit.

Frohe Weihnachten!

Männlicher oder sächliches Filter

Frage

Heißt es „der Filter“ oder „das Filter“? Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass es „der Filter“ heißt, aber mein Prof. redet immer von „das Filter“. Ich bin deshalb inzwischen ein bisschen verunsichert und wollte mal kurz Klarheit geschaffen haben. Er schreibt zum Beispiel: „Ein analoges Filter hat die Übertragungsfunktion …“

Antwort

Guten Tag S.,

bis jetzt hatte ich beim Wortgeschlecht von Filter die gleiche Überzeugung wie Sie: Man sagt „natürlich“ der Filter. Ein kurzer Blick in die Wörterbücher zeigt aber, dass wir uns – wie es einem bei solchen Überzeugungen im Sprachbereich so oft ergeht – beide getäuscht haben. Das Wort Filter kann sowohl männlich als auch sächlich sein. Sehen Sie zum Beispiele hier.

Es scheint allerdings so zu sein, dass die sächliche Variante das Filter hauptsächlich in technischen Fachsprachen verwendet wird. Das könnte stimmen, denn das Filter, von dem Ihr Professor spricht, klingt ziemlich technisch. Im Gegensatz dazu sind zum Beispiel der trotz des Aufkommens von Espressomaschinen und Kaffeevollautomaten immer noch recht alltägliche Kaffeefilter sowie der seit einigen Jahren in meinem Alltag nicht mehr vertraute, aber deswegen noch lange nicht fachsprachliche Zigarettenfilter eigentlich immer nur männlich: der Kaffeefilter, der Zigarettenfilter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dattelpalmen, Kamele, Dünen und Wadis

In den nächsten zweieinhalb Wochen werde ich Sie schmählich im Stich lassen. Statt mit Wortbeugung, Verbergänzungen, Kommasetzung und Etymologie werde ich mich mit Dattelpalmen, Kamelen, Dünen und Wadis beschäftigen. Da die Sprache meines Urlaubsziels, das Arabische, für mich ein Buch mit sieben Siegeln ist, werde ich meiner Berufsdeformation auch nicht über die Sprachgrenzen hinweg frönen können. Kurzum: Ferien! Und um wirklich nicht in Versuchung zu kommen, lasse ich den Laptop einfach zu Hause.

Damit auch Sie etwas von meinem Urlaub haben, hier noch eine Frage, die ich mir selbst gestellt habe: Fahre ich nach Oman oder in den Oman?

Offiziell fahre ich in das Sultanat Oman. Das ist in diesem Zusammenhang natürlich nur ein problemvermeidendes Ausweichmanöver. Nach dem Länderverzeichnis des Auswärtigen Amtes für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland, Duden und Canoonet heißt es Oman. Der Name des Landes steht in der Regel ohne Artikel:

Ich fliege nach Oman.
Die Hauptstadt Omans ist Maskat.

Trotzdem hört und liest man häufiger der Oman und die Hauptstadt des Omans. Das ist nach den oben genannten Angaben standardsprachlich nicht korrekt. Bevor man aber alle, die Oman mit dem männlichen Artikel verwenden, eines groben Fehlers bezichtigt, sollte man wissen, dass die Liste der Staatenbezeichnungen des Eidgenössisches Departementes für auswärtige Angelegenheiten EDA angibt, dass in der Schweiz amtlich der Oman verwendet wird. Es gibt also auch hier wieder einmal mehr als nur eine einzige „Wörterbuchwahrheit“.

Ab dem 11. November bin ich wieder für Sie und Ihre Sprachfragen da. Dann werde ich, inschallah, wieder aus Oman zurückgekehrt sein. In der Zwischenzeit wird der Laden natürlich nicht zugesperrt: Unser Team sorgt dafür, dass die unter www.canoonet.eu angebotenen Sprachdienste wie immer vierundzwanzig Stunden am Tag online zur Verfügung stehen!

Zu Großmutters Zeiten

Frage

Meine Frage lautet: In „nach Omas Rezept“ wird „Oma“ wie ein Personenname gebeugt, also nicht „nach dem Rezept der Oma“, sondern „nach Omas Rezept“. Genau so wie hier: „zu Großmutters Zeiten“ anstatt „zu den Zeiten der Großmutter“. Sind solche Formulierungen standardsprachlich korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

Verwandtschaftsbezeichnungen wie Großmutter, Mutter, Vater u. a. m. werden im familiären Bereich oft wie Eigennamen verwendet:

Weißt du schon, was du Mutter zum Geburtstag schenkst?
Frage einmal Vater, ob er eine gute Idee hat!
Großmutter, warum hast du so große Augen?

Als Eigennamen verwendetet Verwandtschaftsbezeichnungen werden auch wie Eigennamen gebeugt. Das sieht man dann am besten, wenn weibliche Bezeichnungen im Genitiv stehen:

Vergiss nicht Mutters Geburtstag!
Erinnerst du dich an Omas Hündchen?
Großmutters neues Auto gefällt mir gut.

Diese Formen sind korrekt. Sie werden auch standardsprachlich verwendet, allerdings nur innerhalb der Familie. Solche Formulierungen treffen Sie deshalb kaum je in formelleren Kontexten an.

Wendungen wie zu Großmutters Zeiten und nach Großmutters Rezept werden häufig auch allgemeiner verwendet; dann nämlich, wenn eine nostalgisch-familiäre Atmosphäre hervorgerufen werden soll. Schließlich – so die darin verpackte Botschaft – schmeckten Großmutters selbstgebackener Kuchen und Omas selbstgemachter Kartoffelsalat viel besser als die heutigen Industrieerzeugnisse. Ich frage mich dann aber immer, ob das wirklich für die Back- und Kochkünste aller Großmütter galt und gilt. Auch zu Großmutters Zeiten interessierten sich ja viele Frauen und Mütter für anderes als nur das perfekte Kuchenrezept.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mitteleuropa einschließlich Österreich[s]

Frage

Wenn ich folgenden Satz habe: „Die Awaren wanderten bis weit nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein“, beziehe ich dann „Österreich“ auf „einschließlich“ und sollte somit der Genitiv verwendet werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in Ihrem Satz ist Österreich von einschließlich abhängig. Nach einschließlich steht im Prinzip der Genitiv:

der Preis einschließlich aller Getränke
der ganze Verein einschließlich des Vorsitzenden
die maximale Höhe einschließlich eines allfälligen Antennenmastes

Dies gilt aber nur bedingt für allein stehende Nomen im Singular. Sie bleiben nach einschließlich nämlich meistens ungebeugt:

einschließlich Porto
Der Artikel hat einschließlich Inhaltsverzeichnis 32 Seiten.
die maximale Höhe einschließlich Antennenmast

Bei ohne Artikel stehenden geographischen Namen, die ja auch zu dieser Ausnahmegruppe gehören, sind sowohl gebeugte als auch ungebeugte Formen üblich:

Bremen einschließlich Bremerhaven oder
Bremen einschließlich Bremerhavens

zehn Länder einschließlich Großbritannien oder
zehn Länder einschließlich Großbritanniens

Die Wahl liegt also bei Ihnen. Beide der folgenden Formulierungen sind korrekt:

wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein
wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreichs ein

Sehen Sie auch die Angaben zu einschließlich in Canoonet.

Dies gilt übrigens auch für die Präpositionen ausschließlich, inklusive und exklusive. Wieder einmal zeigt sich also, dass man nie einfach so behaupten sollte, eine Präposition stehe immer mit dem Genitiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp