5:1 für Bayern – Wer hat denn jetzt gewonnen?

Frage

Neulich auf unserer Terrasse, wir hatten die Nachbarn zu Besuch, fragte ich nach dem Spielstand der Bayern. Als Antwort bekam ich: „Eins zu fünf für Bayern.“ Ich freute mich schon, sagte aber, dass ich traurig sei, dass Bayern verloren hätte. „Nein, nein“, war die Antwort, Bayern hätte auswärts gespielt und gewonnen. Darauf ich: „Wenn ich ohne Zusatzkenntnisse (Auswärtsspiel) das Resultat 1:5 für Bayern höre, dann hat Bayern für mich verloren.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

wenn der Spielstand mit x:y für Bayern angegeben wird, hat Bayern gewonnen, ganz gleich, ob die Bayern nun auswärts oder zu Hause gespielt haben. Die Angabe für ist nämlich für Fußballunkundige wie mich gedacht, die nicht wissen, wer wann wo spielt und in welcher Reihenfolge die Spielstände üblicherweise angegeben werden. 5:1 für Bayern oder 1:5 für Bayern, in beiden Fällen haben die Bayern gewonnen. Das für bedeutet so viel wie zugunsten von und bezieht sich auf den ganzen Spielstand (1:5).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachschrift

Das war vorgestern. Ich war mir auch ganz sicher. Da ich aber wirklich ein Fußballbanause der ersten Güteklasse bin, frage ich mich jetzt, ob ich nicht vielleicht etwas übersehen habe, was für Kenner und Eingeweihte selbstverständlich ist. Lassen Sie es Herrn D. und mich bitte wissen, wenn dem so sein sollte.

Eine Ost-West-Frage: Europa und der Atlantik

Frage

Auszug aus dem Geographieunterricht der Klasse 5 (Lückentext): „Europa und _____ grenzen im Osten an den _____ Ozean.“ Die Antwort des Lehrers lautet: „Europa und Afrika grenzen im Osten an den Atlantischen Ozean.“ Ist das richtig? Bezieht sich der Osten nun auf die genannten Erdteile oder den Ozean? Meiner Meinung nach grenzen Europa und Afrika im Westen an den Atlantischen Ozean.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn Eltern nicht mit den Lehrern und Lehrerinnen ihrer Kinder einverstanden sind, haben nach meiner Erfahrung oft die Lehrer(innen) recht. Nicht so in diesem Fall: Europa und Afrika grenzen im Westen an den Atlantischen Ozean. Man sagt auch nicht, dass Deutschland im Norden an die Schweiz und Österreich grenzt. Im Norden grenzt Deutschland an Dänemark, die Nord- und die Ostsee.

Die Sache mit den Himmelsrichtungen ist eben nicht ganz so einfach. Es kommt immer darauf an, worauf die Angabe sich im Satz genau bezieht. Achten Sie unter anderem auf die Stellung der Angabe der Himmelsrichtung in Bezug auf an:

Europa grenzt im Westen [d. h. in seinem Westen] an den Atlantischen Ozean.
Deutschland grenzt im Süden [d. h. in seinem Süden] an Österreich und die Schweiz.

Aber:

Europa grenzt an den Osten des Atlantischen Ozeans.
Deutschland grenzt an den Norden Österreichs und der Schweiz.

Der Lehrer (oder der Verfasser des Lückentextes) hat sich hier bei der Formulierung der Frage sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt. Das kommt immer wieder einmal vor, denn Angaben von Himmelsrichtungen sind in gewissem Sinne relativ: Der Osten eines Gebietes grenzt an den Westen des Nachbargebietes. Der Süden einer Region liegt nördlich des Nordens der südlich angrenzenden Region. Da können einem die Himmelsrichtungen schon einmal durcheinanderkommen, wenn man sich nicht konzentriert.

Hinzu kommt, dass das Versehen auf den ersten Blick gar nicht so auffällt, weil Europa nur an einen einzigen Ozean grenzt. Die Antwort, die einem deshalb automatisch in den Sinn kommt, ist der Atlantische Ozean. Dabei achtet man gar nicht so sehr darauf, ob in der Frage Osten oder Westen steht, denn diese Angabe ist eigentlich überflüssig. Weiter liegt auf der gleichen Seite dieses Ozeans nur Afrika. Informationen, die man für das Verständnis nicht wirklich benötigt, lässt man oft außer Acht. Ich hätte den Lückentext spontan so ausgefüllt, wie der Lehrer es wollte. Erst durch Ihre Frage bin ich auf den Irrtum aufmerksam geworden. Gehen Sie also nicht allzu hart mit dem Lehrer ins Gericht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Autos als Lebensinhalt und Deutschland als Weltmeisterin

Es geht hier nicht um die Frage, ob die Deutschen ihr Auto mehr lieben als der Rest der Welt.

Frage

Wie erklärt der Sprachwissenschafler das Besondere folgender Opel-Werbung: „Wir leben Autos“ (FAS 13.9.09)? Wodurch entsteht grammatikalisch die Wirkung? Und wie ist es bei der folgenden Mercedes-Werbung: „Deutschland ist Weltmeisterin“ (FAZ 12.9.09)?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

beide Werbesprüche haben das wichtigste Ziel erreicht: Sie fallen auf. Das beweisen nur schon Ihre Frage und meine Antwort. Doch wie fallen Sie auf? Am besten fällt man auf, indem man abweicht. In beiden Werbeslogans steht eine Formulierung, die vom normalen Sprachgebrauch abweicht.

Wir leben Autos

In der Opelwerbung fällt die Verwendung des Wortes Autos als Akkusativobjekt bei leben auf. Normalerweise sagt man einfach leben, gut leben, an einem Ort leben, für etwas leben, von etwas leben, mit etwas leben usw. usw. Man sagt praktisch nie etwas leben. Dies ist nur üblich, wenn es um Begriffe geht, die man durchleben, vorleben oder im Leben praktizieren kann. Zum Beispiel: ein einfaches Leben leben, Demokratie leben, seinen Glauben leben, seine eigene Geschichte leben u. Ä. Es geht also um abstrakte Begriffe. Autos hingegen sind konkrete Dinge, die man im Prinzip nicht leben kann. Durch den Werbeslogan wird etwas Konkretes wie Autos zu etwas Abstraktem, zu so etwas wie einer Weltanschauung, einem Lebensinhalt. Das fällt auf.

Deutschland ist Weltmeisterin

Der Mercedes-Slogan knüpft an den Weltmeistertitel der deutschen Fußballfrauen an. Mercedes-Benz war ja der Generalsponsor der deutschen Frauen-Fußballnationalelf. Hier fällt auf, dass die weibliche Form Weltmeisterin sich auf Deutschland bezieht. Man kann sich zwar mit weiblichen Personenbezeichnungen auf eine Sache, Institution usw. beziehen, aber das ist nur dann möglich, wenn es sich um ein weibliches Wort handelt:

Antragstellerin ist die Universität
Die Firma AX ist Lieferantin des Produktes.

Bei männlichen und sächlichen Wörtern ist dies im Prinzip nicht möglich. Trotzdem bezieht sich im Mercedes-Slogan die weibliche Personenbezeichnung Weltmeisterin auf das sächliche Wort Deutschland. Obwohl es Frauen waren, die den Weltmeister(innen)titel errungen haben, ist das grammatisch gesehen eigentlich falsch und fällt deshalb entsprechend auf.

Sehen Sie hierzu auch diesen und diesen älteren Blogeintrag.

Werbesprüche können also mit Hilfe „grammatischer Vergehen“ auffallen und dadurch wirkungsvoll sein. Bei Opel und Mercedes hat das jedenfalls insofern gut funktioniert, dass die Markennamen einige Male in diesem Blog genannt werden …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wo bist Du? – Ich bin einkaufen

Dank einer Frage von Frau D. habe ich eine neue Verbalkonstruktion entdeckt! Damit meine ich nicht, dass ich deren Entdecker bin. Diese Ehre kommt wahrscheinlich dem Linguisten Casper de Groot zu (s. u.). Neu ist die Konstruktion nur insofern, als sie erst vor Kurzem beschrieben wurde und ich noch nie etwas über sie gelesen hatte. Es geht also nicht, wie Sie vielleicht vermuten könnten, um das Doppelperfekt (ich habe gesagt gehabt) oder das Doppelplusquamperfekt (ich hatte gesagt gehabt). Diese Formen sind ja fast so bekannt wie sie bei vielen verpönt sind. Nein, es geht um etwas anderes:

Frage

Schon seit vielen Jahren unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und heute hat mir eine Teilnehmerin eine Frage gestellt, auf die mir auch nach längerem Grübeln keine richtige Antwort einfiel. Was hat es mit der Form ich bin laufen gewesen auf sich? Wäre es ein Perfekt, müsste doch das Präsens logischerweise ich bin laufen heißen? Ist es vielleicht tatsächlich nur Umgangssprache und entbehrt einer grammatischen Grundlage? Mache ich einen Denkfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

der Satz Ich bin laufen gewesen steht im Perfekt. Im Präsens müsste die Form also tatsächlich heißen: Ich bin laufen. Im Präsens klingt der Satz aber recht ungewohnt. Weshalb? – Weil er in der ersten Person steht. Eine etwas ausführlichere Erklärung ist hier sicher angebracht:

Es handelt sich hier um eine Konstruktion, die aus dem Verb sein und einem Infinitiv besteht. Beispiele:

Präs: Wo ist er? – Er ist einkaufen.
Perf: Wo ist sie gewesen? – Sie ist schwimmen gewesen.
Prät: Wo waren sie? – Sie waren Fußball spielen.

Diese Konstruktion kann, vereinfacht gesagt, bei den gleichen Verben verwendet werden, bei denen auch die Konstruktion gehen+Infinitiv verwendet wird:

Er geht einkaufen – Er ist einkaufen.
Sie ist schwimmen gegangen – Sie ist schwimmen gewesen.
Sie gingen Fußball spielen – Sie waren Fußball spielen.

Die Konstruktion sein+Infinitiv wird Absentiv genannt (absent = abwesend). Das Subjekt der Verbhandlung ist nämlich abwesend (und man erwartet, dass die abwesende Person wieder zurückkehrt). Im Perfekt ist das auch in der ersten Person kein Problem:

Ich bin einkaufen gewesen.

Ich bin also abwesend gewesen, bevor ich diese sage. Im Präsens klingt die gleiche Wendung dann aber etwas ungewohnt.

Ich bin einkaufen.

Ich muss also abwesend sein, während ich dies sage. Der Satz klingt deshalb ohne jeden Kontext etwas sonderbar. Aus diesem Grund konnten Sie ich bin laufen auch nicht einordnen. In der heutigen Zeit ist aber dank moderner Kommunikationsmittel vieles möglich, auch ein Absentiv in der ersten Person im Präsens. Der Satz Ich bin einkaufen klingt als Antwort auf die Frage „Wo bist du?“ übers Handy ganz passabel. Während ich dies sage, bin ich im Normalfall für die Person am anderen Ende der Telefonverbindung abwesend. Hier sieht man, das technischer Fortschritt auch neue grammatische Möglichkeiten mit sich bringen kann.

Stilistisch ist diese Konstruktion eher der gesprochenen Umgangssprache zuzuordnen. Wie Sie sehen, entbehrt sie aber keineswegs einer grammatischen Grundlage. Sie hat sogar einen eigenen, richtig eindrücklich grammatisch klingenden Namen: Absentiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

de Groot, Casper. 2000. The absentive. In: Dahl, Östen (ed.) Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin: Mouton de Gruyter. 641-667.

Warum Rotkäppchen zu seiner Großmutter ging

Wie wir wahrscheinlich alle wissen, ging Rotkäppchen zur Großmutter, um ihr ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein zu bringen. Mit der Frage im Titel ist dann auch nicht gemeint, aus welchem Grund die junge Dame den gefährlichen Fußmarsch durch den Wald unternahm, sondern warum Rotkäppchen zu seiner und nicht zu ihrer Großmutter ging.

Frage

Warum heißt es zum Beispiel: „Rotkäppchen ging nach Hause, und niemand tat ihm etwas zuleid“? Verlangt Rotkäppchen nicht eigentlich die Form: „… und niemand tat ihr etwas zuleid“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Rotkäppchen ist grammatisch gesehen ein sächliches Nomen (das Rotkäppchen), auch wenn das natürliche Geschlecht weiblich ist. Bei der grammatischen Übereinstimmung richtet man sich im Deutschen in der Regel nach dem grammatischen und nicht nach dem natürlichen Geschlecht. Deshalb geht Rotkäppchen zu seiner Großmutter, nicht zu ihrer Großmutter. Dieser Besuch wird ihm beinahe fatal, weil es den Wolf für seine Großmutter hält, aber glücklicherweise rettet der wackere Jäger das Mädchen, das sonst sein Leben als Wolfsmahl hätte lassen müssen.

Wie man sieht, gilt diese Regel der grammatischen Übereinstimmung auch für  Mädchen. Ein weiteres Beispiel:

Das Mädchen, das seinen Namen verloren hatte.

Bei diesem Wort wird allerdings immer häufiger auch die weibliche Form verwendet. Dies geschieht insbesondere dann, wenn der Abstand zwischen Mädchen und dem Pronomen größer ist:

Aber Tom konnte das Mädchen nicht vergessen. Er durfte nicht mehr durch die verborgene Tür gehen, aber er musste doch versuchen, hinter ihren Namen zu kommen.

Die Formulierung „hinter seinen Namen zu kommen“ ist hier aber mindestens ebenso korrekt. Wörter wie Rotkäppchen, Mädchen und Kind bleiben eben in der Regel grammatisch sächlich, auch wenn sie weibliche Personen bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich von jemandem scheiden – lassen

Frage

Man hört immer häufiger: „Ich scheide mich von dir!“ Ist dies einfach nur bedauerlich oder auch grammatikalisch falsch? Kann man sich also aktiv von jemandem scheiden oder muss man sich scheiden lassen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn es um eine Ehescheidung geht, ist die scheidende Instanz (= das Subjekt der Verbhandlung) eine Richterin, ein Richter, das Gericht o. Ä. Man kann deshalb in der deutschen Sprache nicht sagen: „Ich scheide mich von dir!“ Das würde bedeuten, dass man die Scheidung selbst aussprechen kann. Man kann es natürlich versuchen, aber eine solche Scheidung ist noch nicht einmal dann rechtsgültig, wenn ein Richter seine eigene Ehe in dieser Weise beenden will.

Wenn man seinem Gatten oder seiner Gattin eine Ehescheidung ankündigt, stehen einem eine Reihe anderer, korrekter Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Zum Beispiel:

Ich lasse mich von dir scheiden.
Ich will von dir geschieden werden.
Ich reiche die Scheidung ein.
Du hörst noch von meinen Anwalt.

Man kann im Deutschen auch sagen: „Ich scheide von dir.“ Das bedeutet aber nicht, dass eine Ehescheidung ansteht, sondern nur, dass man jemanden verlässt, bei jemandem weggeht. Außerdem klingt diese Formulierung recht veraltet oder sehr gehoben. Auch sich scheiden gibt es, aber dann geht es zum Beispiel um Wege, die sich scheiden, oder um einen Meeresstrom, der sich in mehrere Arme teilt.

Die richtige Formulierung lautet also: „Ich lasse mich von dir scheiden!“ Auch eine grammatisch korrekte Ausdrucksweise macht aber leider eine Scheidung kein bisschen einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sie ist jemand, die – oder der?

Frage

Ich frage mich, ob auf jemand ein weibliches Relativpronomen folgen kann oder ob jemand stets als männliches Wort behandelt wird. Wie ist es zum Beispiel bei „Ich kenne jemanden, die ein gelbes Auto hat“? Ist diese Formulierung nur ungewohnt oder grammatisch falsch? Falls letzteres, wie kann ich der Tatsache Ausdruck verleihen, dass es eine Frau ist, die das gelbe Auto hat? Kann jemand dies je ausdrücken?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

das Wort jemand ist eigentlich weder männlich noch weiblich, sondern unbestimmt. In der Regel nimmt man aber mit einem männlichen Pronomen Bezug auf jemand, sogar wenn die mit jemand bezeichnete Person eine Frau ist:

Ich kenne jemanden, der ein gelbes Auto hat: Hannelore.
Sie ist jemand, der sich gut zu helfen weiß.

Die männliche Form ist hier die „neutrale“ Form, die bei unbestimmten Ausdrücken verwendet wird. Im Prinzip steht jemand ja für eine unbestimmte Person. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für man und niemand:

Man weiß gar nicht, was man mit seiner Zeit anfangen soll.
Ich kenne niemanden, der

Gelegentlich wird aber bei jemand anstelle der „neutralen“, männlichen Form die dem natürlichen Geschlecht entsprechende weibliche Form verwendet:

Ich kenne jemanden, die ein gelbes Auto hat.
Sie ist jemand, die sich gut zu helfen weiß.

Die weiblichen Formen sind hier nicht falsch, aber eher unüblich. Andere mögliche Formulierungen, wenn man sich nicht mit männlichen Pronomen auf weibliche Personen beziehen will, sind zum Beispiel:

Ich kenne eine Frau, die ein gelbes Auto hat.
Sie ist eine Person, die sich gut zu helfen weiß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alle(r) zwei Jahre

Frage

Wir benötigen dringend Ihre Hilfe, um einen uralten Ost-West-Konflikt beizulegen. Es geht um die aus westdeutscher Sicht falsche Verwendung des Wortes alle. Der Ostdeutsche beharrt darauf, folgende beispielhafte Formulierung als korrekt zu betrachten, zahlreiche Treffer bei einer großen Suchmaschine bestätigen ihn in dieser Annahme: „Die Technik wird ALLER zwei Jahre erneuert.“ „Ha! Das heißt aber doch ALLE zwei Jahre“, quiekt der Wessi – und schon gehts wieder von vorn los. Wie verhält es sich denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

ob ich hier dazu beitragen kann, den Konflikt beizulegen, weiß ich nicht. Das hängt davon ab, wie kompromissbereit die Streitparteien sind. Bei der Verwendung des Genitivs aller zwei Jahre scheint es sich vor allem um eine sächsische, also nicht unbedingt eine „gesamtostdeutsche“ Eigenart zu handeln. Es geht hier nicht etwa um „modernen Sprachverfall“, denn schon bei Gotthold Ephraim Lessing (einem Sachsen) findet man Textstellen wie „Wenn alle Diebe gehangen würden, die Galgen müssten dichter stehn. Man sieht ja kaum aller zwei Meilen einen“ (Die Juden, 1. Auftritt).

Im heutigen Standarddeutschen gilt nur noch der Akkusativ alle zwei Jahre als korrekt. Ich würde deshalb empfehlen, in einem „offiziellen“ Text alle zwei Jahre zu verwenden. Im ungezwungenen Gespräch sei es aber den Ostdeutschen zugestanden, aller zwei Jahre zu sagen, ohne dass gleich gequiekt wird. In der ostdeutschen Umgangssprache ist das offenbar eine übliche und richtige Formulierung. Die „Wessis“ verwenden beim Reden und Schreiben ja auch des Öfteren Wendungen, die nicht unbedingt reinstes Standarddeutsch sind, ohne dass die „Ossis“ – und übrigens auch nicht die „Südis“ wie Schwaben, Bayern, Österreicher und Deutschschweizer – gleich zu quieken anfangen. Etwas Toleranz (zu der übrigens Lessing mit dem zitierten Stück „Die Juden“ in einem anderen, wichtigeren Zusammenhang aufruft) schadet auch im Bereich der regionalen Sprachvarianten nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

sich einander gegenseitig

Frage

Umgangssprachlich ist klar: Wir verwenden die Formen:

Wir treffen uns in der Bar.
Wir schauten uns an.
Sie sahen sich an.

Wie ist es mit der Schriftsprache? Verwendet man grundsätzlich sich anstatt einander? Heißt es beispielsweise:

Sie blickten sich an oder Sie blickten einander an.
Sie klopften sich auf die Schulter oder Sie klopften einander auf die Schulter

Viele Fragezeichen! Ich bin schon ganz verwirrt und bitte um Aufklärung.

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

es ist auch im Standarddeutschen üblich, bei einem wechselseitigen (reziproken) Verhältnis die Reflexivpronomen des Plurals uns, euch, sich zu verwenden.

Wie treffen uns in der Bar.
Wir sahen uns an.
Sie klopften sich auch die Schultern.

Wenn man befürchtet, dass es zu Missverständnissen kommen könnte, oder wenn man es einfach möchte, kann man das wechselseitige Verhältnis mit einander oder dem weniger gehoben klingenden sich gegenseitig ausdrücken:

Wir treffen einander in der Bar.
Wir sahen uns gegenseitig an.
Sie klopften sich gegenseitig auf die Schulter.

Die Kombinationen einander gegenseitig und sich einander sind standardsprachlich übrigens nicht akzeptiert. Das sieht wohl zu sehr nach „doppelt gemoppelt“ aus. (Die im Titel stehende Dreierkombination sich einander gegenseitig sollte man demnach höchstens bewusst scherzhaft verwenden.)

Wenn man umgekehrt unbedingt ausdrücken möchte, dass es sich um ein rückbezügliches (reflexives) Verhältnis handelt, wird es schwieriger. Dann hilft meist nur noch umformulieren:

Jeder sah sich selbst an.
Jede klopfte sich auf ihre eigene Schulter.

Das ist aber glücklicherweise nur selten der Fall, da in der Regel der engere oder weitere Satzzusammenhang klärt, ob ein rückbezügliches oder ein wechselseitiges Verhältnis gemeint ist.

Natürlich geht es wieder einmal nicht ganz ohne Ausnahmen. Wenn sich mit einer Präposition verwendet wird, hat es meist nur eine rückbezügliche Bedeutung. Für eine wechselseitiges Verhältnis wird dann -einander verwendet:

Sie sind mit sich zufrieden = rückbezüglich (jeder mit sich selbst und mit der Gruppe)
Sie sind miteinander zufrieden = wechselseitig (jeder mit dem anderen)

Ihr denkt nur an euch= rückbezüglich (Richtet sich an Egoisten).
Ihr denkt nur aneinander = wechselseitig (Richtet sich an sehr Verliebte …).

Sehen Sie hierzu auch diese Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dialekt und Grammatik

Frage

Wir haben derzeit angeregte Diskussionen zum Thema deutsche Grammatik und Dialekte – daher die folgenden Fragen:

Gelten Grammatikfehler im Hochdeutschen, z.B. wegen+Dativ statt wegen+Genitiv, auch als Grammatikfehler im Dialekt, z.B. im Schwäbischen? Oder gelten Dialekte sozusagen als „eigene“ Sprachen und sind dort solche Dinge dann möglicherweise richtig?

Wie steht es also mit dem schwäbischen Konstrukt die, wo oder kleiner wie? Ist und bleibt es falsch oder ist es im Dialekt richtig?

Und eine letzte Frage: unterscheiden sich die einzelnen deutschen Dialekte eigentlich bezüglich der Menge oder des Ausmaßes der Abweichungen zur deutschen Grammatik (z.B. Schwäbisch verglichen mit Sächsisch)?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

da ich kein Dialektologe bin und der Platz hier beschränkt ist, kann ich leider nur ein paar allgemeine Angaben machen:

Was in der Standardsprache als Fehler gilt, kann im Dialekt richtig sein. Vieles, was im Standarddeutschen als Grammatikfehler angemerkt wird, findet seinen Ursprung in den Dialekten. Ein Dialekt ist aber keine mehr oder weniger unorganisierte, mit „amüsanten“ Ausdrücken garnierte Ansammlung von Grammatik- und Aussprachefehlern, sondern ein eigenes Sprachsystem mit eigenen Regeln.

Jeder Dialekt hat seine eigene Grammatik. So ist es zum Beispiel in den schwäbischen Dialekten eigentlich falsch, wegen des schönen Wetters zu sagen. Im Schwäbischen (und vielen anderen südlichen Dialekten) steht wegen mit dem Dativ. Ein anderes Beispiel: In den Deutschschweizer Dialekten ist es nicht nur falsch, sondern unmöglich das Haus meines Onkels zu sagen. Dort ist nur (in Übersetzung) das Haus von meinem Onkel oder meinem Onkel sein Haus richtig. Auch in anderen Dialekten ist ein solcher Genitiv im Prinzip falsch und führt in einem Gespräch zwischen Dialektsprechenden zu gehobenen Augenbrauen und unterdrücktem „Wie redet den der/die?“

Ob die Formulierungen die, wo im Schwäbischen korrekt ist, weiß ich leider nicht. Es könnte aber gut sein, dass die Grammatik der schwäbischen Dialekte eine solche Formulierung zulässt oder sogar verlangt.

Was in der deutschen Standardsprache als richtig und falsch gilt, entscheidet nicht eine einzelne Instanz, auch nicht der Duden. Entscheidend sind der allgemeine Gebrauch, eine Übereinstimmung der Sprachbenutzer und die als Standardwerke akzeptierten Beschreibungen verschiedener Spezialisten. Diese Regeln sind aber nicht immer unumstritten! Dass die, wo im Standarddeutschen als falsch gilt, liegt daran, dass Grammatiken, Schulbücher, „gelehrte Häupter“ und tonangebende Schriftsteller sich an diese Regel halten und dass die meisten Leute diese Formulierung aus diesem Grund nicht verwenden, wenn sie Hochdeutsch sprechen und schreiben.

Man sollte also eigentlich nicht von richtig und falsch, sondern von üblich und unüblich oder gebräuchlich und nicht gebräuchlich sprechen. Und somit sind wir wieder zurück bei den Dialekten: Jeder Dialekt hat, wie bereits gesagt, seine eigenen Grammatik. Diese Grammatik muss nicht durch einen Duden und Schulbücher festgelegt sein. Ob etwas „richtig“ oder „falsch“ ist, sieht man daran, ob es in einem Dialekt üblich oder unüblich ist, ob die Dialektsprechenden es als Dialekt erfahren oder nicht.

Der Unterschied zwischen Standardsprache und Dialekt ist nicht bei allen Dialekten gleich groß. Die wenigsten Abweichungen vom Standarddeutschen sollen in den Thüringisch-Obersächsischen Dialekten, der Anhaltischen Mundart und den Ostfränkischen Dialekten zu finden sein. Dagegen unterscheiden sich zum Beispiel die alemannischen und bayrischen Dialekte stärker vom Standarddeutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr Informationen zu den deutschen Dialekten und weiterführende Links finden Sie hier.