Was „ein Buch geschenkt bekommen“ mit „eine geklebt kriegen“ zu tun hat

Gestern fiel mir in einem älteren Film eine Drohung auf, die ich schon länger nicht mehr gehört hatte: „Gleich kriegst du eine geklebt!“ Sie hat mich an eine Frage erinnert, die M. schon vor einiger Zeit gestellt hatte:

Frage

Ich lese soeben von dem sogenannten Dativpassiv: etwas geschenkt bekommen oder geholfen bekommen. Letzteres klingt total falsch. Ersteres ist meinen Ohren gar nicht mal so suspekt […] Ist Ihnen das Dativpassiv ein Begriff?

Antwort

Guten Tag M.,

den Begriff Dativpassiv kenne ich eher als bekommen-Passiv. Ich habe mich aber nie eingehend damit beschäftig. Ich kenne das bekommen-Passiv im Zusammenhang mit Alternativen zum „normalen“ Passiv. Es kann mit bekommen, erhalten und kriegen gebildet werden.

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen.
Sie erhalten das Formular per Post zugeschickt.
Du kriegst gleich eine geklebt!

Normalerweise muss das Hauptverb mit einem Dativ und einem Akkusativ verbunden sein, wobei der Dativ eine Person und der Akkusativ eine Sache bezeichnet. Dies ist bei Ich bekomme ein Buch geschenkt der Fall: jemandem (Dativ) etwas (Akkusativ) schenken. Die Formulierung kommt Ihnen deshalb auch vertraut vor. Die gleiche Verteilung von Dativ und Akkusativ findet sich auch bei jemandem etwas zuschicken und jemandem eine kleben.

Anders sieht es bei geholfen bekommen aus. Das Verb helfen hat zwar einen Dativ der Person, aber der Akkusativ fehlt (jemandem helfen). Die Formulierung Ich bekomme geholfen klingt deshalb auch in meinen Ohren falsch. Hier kann man nur das werden-Passiv verwenden: Mir wird geholfen.

Das bekommen-Passiv gilt bis auf wenige Ausnahmen wie etwas geschenkt bekommen und ein Schreiben zugeschickt erhalten als umgangs- oder regionalsprachlich. So sind zum Beispiel Er hat sein Auto repariert bekommen und Du kriegst gleich eine geklebt nur umgangssprachlich akzeptabel.

Sehen Sie hierzu auch diese Angaben in der CanooNet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vergangenes Präsens: Als er zurückkommt …

Frage

Ich habe eine Frage zur Konjunktion als. Die Grammatikregel zu als sagt, dass man es benutzt, wenn es sich um eine einmalige Handlung in der Vergangenheit handelt. Nun bin ich aber auf diesen Satz gestoßen:

Als er zurückkommt, kann er die Tür nicht öffnen, weil der Schlüssel nicht passt.

Der Satz steht im Präsens. Es ist eine Handlungsbeschreibung in der Gegenwart. Das widerspricht der als-Regel. Gibt es dafür eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es ist richtig, dass als dann als zeitliche Konjunktion benutzt wird, wenn es sich um eine einmalige Handlung in der Vergangenheit handelt:

Als er zurückkam, konnte er die Tür nicht öffnen, weil der Schlüssel nicht passte.

In der Gegenwart (oder der Zukunft) steht dafür wenn:

Wenn er zurückkommt, kann er die Tür nicht öffnen, weil er den Schlüssel vergessen hat.

Ihr Beispielsatz kann aber trotzdem richtig sein. In einer Erzählung kann sich das Präsens als sogenanntes historisches Präsens auch auf  Vergangenes beziehen. Man kann dann auch als verwenden, weil die Handlung in der Vergangenheit stattfindet, auch wenn die Verbform im Präsens steht.

Er trieb sich in der Stadt herum, weil er es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. [Szenen- und Tempuswechsel; wir bleiben aber in der Vergangenheit:] Als er zurückkommt, kann der die Tür nicht öffnen. Der Schlüssel passt nicht mehr.

Erstaunlicherweise kann das Präsens also Vergangenes ausdrücken. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Wir nennen die Zeitformen des Verbs zwar Gegenwart (Präsens), Zukunft (Futur) und Vergangenheit (Präteritum), aber wir halten uns nicht daran. Diese Bezeichnungen stimmen oft nicht mit der eigentlichen Zeit der Handlung, die beschrieben wird, überein:

[Präsens der Vergangenheit]
Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, sind sie in Portugal.
Als Karl der Große stirbt, erstreckt sich sein Reich von den Pyrenäen bis zur Elbe.

[Perfekt der Zukunft]
Wir haben die Arbeit spätestens morgen vollendet.

[Futur der Vermutung in der Gegenwart]
Er wird wieder in der Kneipe sitzen.

[Präsens der Zukunft]
In hundert Jahren spielt das keine Rolle mehr.

Der Name, den wir einer Verbform geben, ist also oft nicht mehr als ein Etikett, das nicht viel mit dem Inhalt zu tun hat. In der CanooNet-Grammatik finden Sie weitere Informationen zum historischen Präsens, zum Verhältnis Tempus – objektive Zeit und zu den Tempusfunktionen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vergleiche mit „als wie wenn“

Frage

Ist es grammatikalisch richtig einen Satz mit als wie wenn zu bilden? Zum Beispiel: „Du schaust, als wie wenn du gerade ein Gespenst gesehen hättest.“

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

so „gut geschmiert“ die Formulierung auch klingen mag, es ist standardsprachlich nicht richtig, einen Satz mit als wie wenn einzuleiten. Ihren Beispielsatz kann man in verschiedener Weise formulieren:

Du schaust, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen.
Du schaust, als ob du gerade ein Gespenst gesehen hättest.
Du schaust, wie wenn du gerade ein Gespenst gesehen hättest.
Du schaust, als wenn du gerade ein Gespenst gesehen hättest.

Wie Sie sehen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie man einen solchen irrealen Vergleichssatz einleiten kann. Die Kombination als wie wenn gehört aber nicht dazu. Das wäre wohl etwas gar viel des Guten.

Ein irrealer Vergleichssatz heiß so, weil mit ihm ein Vergleich ausgedrückt wird, der nicht wirklich ist. Man nimmt ja zum Beispiel hier nicht an, dass die angesprochene Person wirklich ein Gespenst gesehen haben könnte, so blass und verstört sie auch aussehen mag. Daneben gibt es auch „gewöhnliche“ Vergleichssätze, in denen als und wie auf wenn treffen. Zum Beispiel:

Im Standbybetrieb verbraucht das Gerät gleich viel Strom, wie wenn es eingeschaltet ist.
Im Standbybetrieb verbraucht das Gerät weniger Strom, als wenn es eingeschaltet ist.

Wenn man nicht mehr genau weiß, ob man bei einem Vergleich wie oder als verwenden sollte, wäre als wie wenn eigentlich ganz praktisch. Es enthält alles, was man so brauchen könnte. Die Standardsprache lässt diese Formulierung aber nicht zu. Man muss sich also bei einem solchen Vergleich entscheiden, ob man wie wenn (Gleichheit) oder als wenn (Ungleichheit) meint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In beide(n) Richtungen gesperrt

Frage

Regelmäßig stolpere ich über die folgende Formulierung, die täglich in Radio und Fernsehen zu hören ist: „Die Straße ist in beiden Richtungen gesperrt.“ […] Wenn ich mich frage, welcher Fall hier stehen muss, dann scheint es mir, es müsste doch eigentlich der Akkusativ sein und nicht der Dativ. Richtungsangaben erfordern doch – wenn ich mich richtig erinnere – den Akkusativ.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es ist richtig, dass nach in der Akkusativ steht, wenn es um eine Bewegung geht, und der Dativ, wenn es um einen Zustand geht (Grammatik):

Wir gehen ins Haus.
Ich lege mich in die Sonne.
Bewegung, dynamisch => Akkusativ

Wir sind im Haus.
Ich liege in der Sonne.

Zustand, statisch => Dativ

Das Wort Richtung wird sowohl mit dem Akkusativ als auch mit dem Dativ verwendet. Das hat damit zu tun, dass das Wort sowohl eine statische (Dativ) als auch eine dynamische (Akkusativ) Komponente hat. Die Richtung an und für sich ist nämlich nicht dynamisch. Sie ist wie ein Wegweiser mit einem Pfeil, der irgendwohin weist, der aber selbst statisch ist. Etwas, das sich in diese/dieser Richtung bewegt, ist dynamisch, bezüglich der Richtung ist es aber gewissermaßen statisch, denn die Richtung bleibt ja gleich.

Das Wort Richtung kann also sowohl dynamisch als auch statisch interpretiert werden. Mit Bewegungsverben, die ebenfalls dynamisch sind, wird häufiger der Akkusativ verwendet:

in die gleiche Richtung gehen
seltener: in der gleichen Richtung gehen

Bei statischen Ausdrücken wie gesperrt sein hingegen wird eher der Dativ verwendet:

in beiden Richtungen gesperrt sein
selten: in beide Richtungen gesperrt sein

Wie Sie sehen, können in der Sprache sogar so eindeutig unterscheidbare Begriffe wie statisch und dynamisch, Zustand und Bewegung, in gewissen Fällen Anlass zu Zweifeln geben und zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Männliche Autos und weibliche Motorräder

Frage

Mich irritiert eine Sache ganz gewaltig: Wenn ich ein Auto z. B. der Marke BMW besitze, sage ich: „Ich fahre einen BMW.“ Habe ich aber ein BMW-Motorrad, sage ich: „Ich fahre eine BMW.“ Da sowohl das Motorrad als auch das Auto sächlich sind, muss der Ursprung für diese Ausdrucksweise ja zum Beispiel von Synonymen (welchen?) oder aber von importierten Möglichkeiten anderer Sprachen entstanden sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bis auf wenige Ausnahmen sind Autos männlich und Motorräder weiblich. Zum Beispiel:

Autos:
der Alfa Romeo
der Audi
der Citroën
der Honda

Motorräder:
die Ducati
die Honda
die Harley
die Kawasaki

Den genauen Grund für die Wahl des männlichen und weiblichen Artikels kann ich nicht mir Sicherheit angeben. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass bei den Autos das männliche Wort der Wagen und bei den Motorrädern das weibliche Wort die Maschine eine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber warum nicht einfach das? Hier muss ich raten: Wagen klingt eben vornehmer und teurer als Auto und Maschine macht einen schnelleren und sportlicheren Eindruck als Motorrad. Motorfahrzeuge haben ja für viele von uns nicht nur die Funktion, einen von A nach B zu bringen.

Den Einfluss anderer Sprachen kann man eigentlich ausschließen. Die heute einflussreichste Fremdsprache, das Englische, kennt ja außer bei Personen kein Wortgeschlecht. Ihre Vorgänger in Sachen Einfluss, das Französische und zum Teil auch das Italienische, können auch nicht „schuld“ sein. Aus Frankreich und Italien kommen zwar viele Autos, aber dort sind sie weiblich: la Renault, une Peugeot; la Fiat, una Ferrari. Grammatische Einflüsse dieser Art aus dem Japanischen und Koreanischen, also aus Sprachen weiterer Autoländer, kommen wohl ebenfalls nicht in Frage. Diese Sprachen sind dafür nicht nur geographisch etwas zu weit entfernt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5:1 für Bayern – Wer hat denn jetzt gewonnen?

Frage

Neulich auf unserer Terrasse, wir hatten die Nachbarn zu Besuch, fragte ich nach dem Spielstand der Bayern. Als Antwort bekam ich: „Eins zu fünf für Bayern.“ Ich freute mich schon, sagte aber, dass ich traurig sei, dass Bayern verloren hätte. „Nein, nein“, war die Antwort, Bayern hätte auswärts gespielt und gewonnen. Darauf ich: „Wenn ich ohne Zusatzkenntnisse (Auswärtsspiel) das Resultat 1:5 für Bayern höre, dann hat Bayern für mich verloren.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

wenn der Spielstand mit x:y für Bayern angegeben wird, hat Bayern gewonnen, ganz gleich, ob die Bayern nun auswärts oder zu Hause gespielt haben. Die Angabe für ist nämlich für Fußballunkundige wie mich gedacht, die nicht wissen, wer wann wo spielt und in welcher Reihenfolge die Spielstände üblicherweise angegeben werden. 5:1 für Bayern oder 1:5 für Bayern, in beiden Fällen haben die Bayern gewonnen. Das für bedeutet so viel wie zugunsten von und bezieht sich auf den ganzen Spielstand (1:5).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachschrift

Das war vorgestern. Ich war mir auch ganz sicher. Da ich aber wirklich ein Fußballbanause der ersten Güteklasse bin, frage ich mich jetzt, ob ich nicht vielleicht etwas übersehen habe, was für Kenner und Eingeweihte selbstverständlich ist. Lassen Sie es Herrn D. und mich bitte wissen, wenn dem so sein sollte.

Eine Ost-West-Frage: Europa und der Atlantik

Frage

Auszug aus dem Geographieunterricht der Klasse 5 (Lückentext): „Europa und _____ grenzen im Osten an den _____ Ozean.“ Die Antwort des Lehrers lautet: „Europa und Afrika grenzen im Osten an den Atlantischen Ozean.“ Ist das richtig? Bezieht sich der Osten nun auf die genannten Erdteile oder den Ozean? Meiner Meinung nach grenzen Europa und Afrika im Westen an den Atlantischen Ozean.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn Eltern nicht mit den Lehrern und Lehrerinnen ihrer Kinder einverstanden sind, haben nach meiner Erfahrung oft die Lehrer(innen) recht. Nicht so in diesem Fall: Europa und Afrika grenzen im Westen an den Atlantischen Ozean. Man sagt auch nicht, dass Deutschland im Norden an die Schweiz und Österreich grenzt. Im Norden grenzt Deutschland an Dänemark, die Nord- und die Ostsee.

Die Sache mit den Himmelsrichtungen ist eben nicht ganz so einfach. Es kommt immer darauf an, worauf die Angabe sich im Satz genau bezieht. Achten Sie unter anderem auf die Stellung der Angabe der Himmelsrichtung in Bezug auf an:

Europa grenzt im Westen [d. h. in seinem Westen] an den Atlantischen Ozean.
Deutschland grenzt im Süden [d. h. in seinem Süden] an Österreich und die Schweiz.

Aber:

Europa grenzt an den Osten des Atlantischen Ozeans.
Deutschland grenzt an den Norden Österreichs und der Schweiz.

Der Lehrer (oder der Verfasser des Lückentextes) hat sich hier bei der Formulierung der Frage sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt. Das kommt immer wieder einmal vor, denn Angaben von Himmelsrichtungen sind in gewissem Sinne relativ: Der Osten eines Gebietes grenzt an den Westen des Nachbargebietes. Der Süden einer Region liegt nördlich des Nordens der südlich angrenzenden Region. Da können einem die Himmelsrichtungen schon einmal durcheinanderkommen, wenn man sich nicht konzentriert.

Hinzu kommt, dass das Versehen auf den ersten Blick gar nicht so auffällt, weil Europa nur an einen einzigen Ozean grenzt. Die Antwort, die einem deshalb automatisch in den Sinn kommt, ist der Atlantische Ozean. Dabei achtet man gar nicht so sehr darauf, ob in der Frage Osten oder Westen steht, denn diese Angabe ist eigentlich überflüssig. Weiter liegt auf der gleichen Seite dieses Ozeans nur Afrika. Informationen, die man für das Verständnis nicht wirklich benötigt, lässt man oft außer Acht. Ich hätte den Lückentext spontan so ausgefüllt, wie der Lehrer es wollte. Erst durch Ihre Frage bin ich auf den Irrtum aufmerksam geworden. Gehen Sie also nicht allzu hart mit dem Lehrer ins Gericht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Autos als Lebensinhalt und Deutschland als Weltmeisterin

Es geht hier nicht um die Frage, ob die Deutschen ihr Auto mehr lieben als der Rest der Welt.

Frage

Wie erklärt der Sprachwissenschafler das Besondere folgender Opel-Werbung: „Wir leben Autos“ (FAS 13.9.09)? Wodurch entsteht grammatikalisch die Wirkung? Und wie ist es bei der folgenden Mercedes-Werbung: „Deutschland ist Weltmeisterin“ (FAZ 12.9.09)?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

beide Werbesprüche haben das wichtigste Ziel erreicht: Sie fallen auf. Das beweisen nur schon Ihre Frage und meine Antwort. Doch wie fallen Sie auf? Am besten fällt man auf, indem man abweicht. In beiden Werbeslogans steht eine Formulierung, die vom normalen Sprachgebrauch abweicht.

Wir leben Autos

In der Opelwerbung fällt die Verwendung des Wortes Autos als Akkusativobjekt bei leben auf. Normalerweise sagt man einfach leben, gut leben, an einem Ort leben, für etwas leben, von etwas leben, mit etwas leben usw. usw. Man sagt praktisch nie etwas leben. Dies ist nur üblich, wenn es um Begriffe geht, die man durchleben, vorleben oder im Leben praktizieren kann. Zum Beispiel: ein einfaches Leben leben, Demokratie leben, seinen Glauben leben, seine eigene Geschichte leben u. Ä. Es geht also um abstrakte Begriffe. Autos hingegen sind konkrete Dinge, die man im Prinzip nicht leben kann. Durch den Werbeslogan wird etwas Konkretes wie Autos zu etwas Abstraktem, zu so etwas wie einer Weltanschauung, einem Lebensinhalt. Das fällt auf.

Deutschland ist Weltmeisterin

Der Mercedes-Slogan knüpft an den Weltmeistertitel der deutschen Fußballfrauen an. Mercedes-Benz war ja der Generalsponsor der deutschen Frauen-Fußballnationalelf. Hier fällt auf, dass die weibliche Form Weltmeisterin sich auf Deutschland bezieht. Man kann sich zwar mit weiblichen Personenbezeichnungen auf eine Sache, Institution usw. beziehen, aber das ist nur dann möglich, wenn es sich um ein weibliches Wort handelt:

Antragstellerin ist die Universität
Die Firma AX ist Lieferantin des Produktes.

Bei männlichen und sächlichen Wörtern ist dies im Prinzip nicht möglich. Trotzdem bezieht sich im Mercedes-Slogan die weibliche Personenbezeichnung Weltmeisterin auf das sächliche Wort Deutschland. Obwohl es Frauen waren, die den Weltmeister(innen)titel errungen haben, ist das grammatisch gesehen eigentlich falsch und fällt deshalb entsprechend auf.

Sehen Sie hierzu auch diesen und diesen älteren Blogeintrag.

Werbesprüche können also mit Hilfe „grammatischer Vergehen“ auffallen und dadurch wirkungsvoll sein. Bei Opel und Mercedes hat das jedenfalls insofern gut funktioniert, dass die Markennamen einige Male in diesem Blog genannt werden …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wo bist Du? – Ich bin einkaufen

Dank einer Frage von Frau D. habe ich eine neue Verbalkonstruktion entdeckt! Damit meine ich nicht, dass ich deren Entdecker bin. Diese Ehre kommt wahrscheinlich dem Linguisten Casper de Groot zu (s. u.). Neu ist die Konstruktion nur insofern, als sie erst vor Kurzem beschrieben wurde und ich noch nie etwas über sie gelesen hatte. Es geht also nicht, wie Sie vielleicht vermuten könnten, um das Doppelperfekt (ich habe gesagt gehabt) oder das Doppelplusquamperfekt (ich hatte gesagt gehabt). Diese Formen sind ja fast so bekannt wie sie bei vielen verpönt sind. Nein, es geht um etwas anderes:

Frage

Schon seit vielen Jahren unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und heute hat mir eine Teilnehmerin eine Frage gestellt, auf die mir auch nach längerem Grübeln keine richtige Antwort einfiel. Was hat es mit der Form ich bin laufen gewesen auf sich? Wäre es ein Perfekt, müsste doch das Präsens logischerweise ich bin laufen heißen? Ist es vielleicht tatsächlich nur Umgangssprache und entbehrt einer grammatischen Grundlage? Mache ich einen Denkfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

der Satz Ich bin laufen gewesen steht im Perfekt. Im Präsens müsste die Form also tatsächlich heißen: Ich bin laufen. Im Präsens klingt der Satz aber recht ungewohnt. Weshalb? – Weil er in der ersten Person steht. Eine etwas ausführlichere Erklärung ist hier sicher angebracht:

Es handelt sich hier um eine Konstruktion, die aus dem Verb sein und einem Infinitiv besteht. Beispiele:

Präs: Wo ist er? – Er ist einkaufen.
Perf: Wo ist sie gewesen? – Sie ist schwimmen gewesen.
Prät: Wo waren sie? – Sie waren Fußball spielen.

Diese Konstruktion kann, vereinfacht gesagt, bei den gleichen Verben verwendet werden, bei denen auch die Konstruktion gehen+Infinitiv verwendet wird:

Er geht einkaufen – Er ist einkaufen.
Sie ist schwimmen gegangen – Sie ist schwimmen gewesen.
Sie gingen Fußball spielen – Sie waren Fußball spielen.

Die Konstruktion sein+Infinitiv wird Absentiv genannt (absent = abwesend). Das Subjekt der Verbhandlung ist nämlich abwesend (und man erwartet, dass die abwesende Person wieder zurückkehrt). Im Perfekt ist das auch in der ersten Person kein Problem:

Ich bin einkaufen gewesen.

Ich bin also abwesend gewesen, bevor ich diese sage. Im Präsens klingt die gleiche Wendung dann aber etwas ungewohnt.

Ich bin einkaufen.

Ich muss also abwesend sein, während ich dies sage. Der Satz klingt deshalb ohne jeden Kontext etwas sonderbar. Aus diesem Grund konnten Sie ich bin laufen auch nicht einordnen. In der heutigen Zeit ist aber dank moderner Kommunikationsmittel vieles möglich, auch ein Absentiv in der ersten Person im Präsens. Der Satz Ich bin einkaufen klingt als Antwort auf die Frage „Wo bist du?“ übers Handy ganz passabel. Während ich dies sage, bin ich im Normalfall für die Person am anderen Ende der Telefonverbindung abwesend. Hier sieht man, das technischer Fortschritt auch neue grammatische Möglichkeiten mit sich bringen kann.

Stilistisch ist diese Konstruktion eher der gesprochenen Umgangssprache zuzuordnen. Wie Sie sehen, entbehrt sie aber keineswegs einer grammatischen Grundlage. Sie hat sogar einen eigenen, richtig eindrücklich grammatisch klingenden Namen: Absentiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

de Groot, Casper. 2000. The absentive. In: Dahl, Östen (ed.) Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin: Mouton de Gruyter. 641-667.

Warum Rotkäppchen zu seiner Großmutter ging

Wie wir wahrscheinlich alle wissen, ging Rotkäppchen zur Großmutter, um ihr ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein zu bringen. Mit der Frage im Titel ist dann auch nicht gemeint, aus welchem Grund die junge Dame den gefährlichen Fußmarsch durch den Wald unternahm, sondern warum Rotkäppchen zu seiner und nicht zu ihrer Großmutter ging.

Frage

Warum heißt es zum Beispiel: „Rotkäppchen ging nach Hause, und niemand tat ihm etwas zuleid“? Verlangt Rotkäppchen nicht eigentlich die Form: „… und niemand tat ihr etwas zuleid“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Rotkäppchen ist grammatisch gesehen ein sächliches Nomen (das Rotkäppchen), auch wenn das natürliche Geschlecht weiblich ist. Bei der grammatischen Übereinstimmung richtet man sich im Deutschen in der Regel nach dem grammatischen und nicht nach dem natürlichen Geschlecht. Deshalb geht Rotkäppchen zu seiner Großmutter, nicht zu ihrer Großmutter. Dieser Besuch wird ihm beinahe fatal, weil es den Wolf für seine Großmutter hält, aber glücklicherweise rettet der wackere Jäger das Mädchen, das sonst sein Leben als Wolfsmahl hätte lassen müssen.

Wie man sieht, gilt diese Regel der grammatischen Übereinstimmung auch für  Mädchen. Ein weiteres Beispiel:

Das Mädchen, das seinen Namen verloren hatte.

Bei diesem Wort wird allerdings immer häufiger auch die weibliche Form verwendet. Dies geschieht insbesondere dann, wenn der Abstand zwischen Mädchen und dem Pronomen größer ist:

Aber Tom konnte das Mädchen nicht vergessen. Er durfte nicht mehr durch die verborgene Tür gehen, aber er musste doch versuchen, hinter ihren Namen zu kommen.

Die Formulierung „hinter seinen Namen zu kommen“ ist hier aber mindestens ebenso korrekt. Wörter wie Rotkäppchen, Mädchen und Kind bleiben eben in der Regel grammatisch sächlich, auch wenn sie weibliche Personen bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp