Wer könnte es getan haben oder wer hätte es tun können?

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Ich habe mich dann gefragt, ob er auch wie folgt umformuliert werden könnte:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Gibt es einen Bedeutungsunterschied?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

beide Formulierungen sind möglich, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Welche Faktoren könnten das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben?
… welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Wenn Sie so formulieren, hat das Blühphänomen stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es möglicherweise ausgelöst haben.

Welche Kulturfaktoren hätten das dargestellte Blühphänomen auslösen können?
… welche Kulturfaktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Bei dieser Formulierung hat das Blühphänomen nicht stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es hätten auslösen können.

Der Unterschied lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hier noch ein Beispiel:

Wer könnte es getan haben?

Es wurde getan. Wer hatte (vermutlich) die Möglichkeit, es zu tun?

Wer hätte es tun können?

Es wurde nicht getan. Wer hätte die Möglichkeit gehabt, es zu tun?

Es ist übrigens fraglich, ob der Unterschied wirklich immer so eingehalten wird. Die Verbgruppen sind komplex und einander ähnlich.

Im ersten Fall wird der Konjunktiv II Gegenwart von können (könnte) mit dem Infinitiv Perfekt von tun (getan haben) kombiniert: könnte getan haben. Es wird eine Vermutung über etwas Vergangenes geäußert. 

Im zweiten Fall wird der Konjunktiv II Vergangenheit von können (hätte können) mit dem Infinitiv Präsens von tun (tun) kombiniert: hätte tun können. Es wird etwas Irreales in der Vergangenheit ausgedrückt.

Wenn Sie all dem nicht mehr folgen können oder wollen oder es Ihnen allzu spitzfindig vorkommt, keine Sorge: Die Bedeutungsunterscheidung wird, wie schon oben gesagt, nicht immer so eingehalten. In der Regel ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, was genau gemeint ist. Ohne jeglichen Kontext ist es sowieso oft schwierig, solche Äußerungen zu interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was ist/sind der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Wer auf eine Frage zum Prozentrechnen hofft, wird enttäuscht sein. Es geht um Grammatik:

Frage

Wie heißt es richtig:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.

oder:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die kurze Antwort lautet: Beide Formulierungen sind vertretbar. Die grammatische Begründung (oder der Versuch dazu) fällt etwas länger aus:

Man kann den Satz als einen Gleichsetzungssatz interpretieren, in dem das Fragepronomen was über das Verb sein mit einem weiteren Satzteil im Nominativ verbunden ist. Wenn dieser zweite Nominativ im Plural steht, steht das Verb auch im Plural:

Was sind Gleichsetzungssätze?
Was sind deine Pläne?

Das gilt im Prinzip auch bei einer mehrteiligen Wortgruppe, deren Teile durch und  verbunden sind, denn sie ist ja auch pluralisch:

Was sind der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was sind hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Soweit eine grammatisch gut vertretbare Erklärung.

Es gibt aber ein kleines Problem: In der Sprachrealität kommen hier bei mehrteiligen Wortgruppen sehr häufig Formulierungen vor, bei denen das Verb im Singular steht:

Was ist der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Obwohl diese Formulierungen nach der oben stehenden Erklärung nicht richtig sind, klingen sie auch in meinen Ohren gar nicht so falsch. Das liegt daran, dass man diese Konstruktion auch anders interpretieren kann: nicht als einen einzigen Satz mit einer mehrteiligen Nominativgruppe, sondern als mehrere zusammengezogene Teilsätze mit jeweils einem Nominativ im Singular. Bei dieser Interpretation steht das Verb einmal im Singular und wird in den anderen Teilsätzen „einfach“ weggelassen:

Was ist der Vorteil und [was ist] der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, [was ist hier] der Prozentwert und [was ist hier] die Prozentzahl?

Beide Formulierungen sind also vertretbar, weil man von

  1. einem einzigen Satz
  2. mehreren zusammengezogenen Teilsätzen

sprechen kann.

In Ihrem Satz kommt „komplizierend“ hinzu, dass es sich um einen einzelnen Nebensatz bzw. um drei zusammengezogene Nebensätze handelt. Das wirkt sich u. a. auf die Stellung des Verbs aus:

  1. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.
  2. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.
    (vgl.: Gib an, was hier der Grundwert [ist], [was hier] der Prozentwert [ist] und [was hier] die Prozentzahl ist.)

Es gäbe noch zwei, drei weitere Aspekte zu erwähnen, aber im Allgemeinen scheint der Singular für das Verb bei Formulierungen dieser Art häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Und wieder einmal zweimal em:
»aus gehobenem bürgerlichem/bürgerlichen Elternaus«

Eine immer wiederkehrende Frage in praktisch allen deutschen Grammatikrubriken ist die Frage nach dem doppelten em bei aufeinanderfolgenden Adjektiven. Es ist also gut möglich, dass Sie das Thema bereits kennen. Auch in diesem Blog waren die Parallel- und die Wechselflexion schon 2014 (zweimal -em) und 2010 (dreimal em) ein Thema. Deshalb folgt auf die Antwort an Frau E. eine etwas ausführlichere Erklärung.

Frage

Immer wieder begegnet mir der Fall, dass zwei Adjektive vor einem Substantiv im Dativ unterschiedliche Endungen haben, zum Beispiel:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Nach meinem Empfinden müsste es heißen:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.

Liege ich da richtig?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

hier gelten beide Formulierungen als korrekt. Nach einem Adjektiv mit der starken Dativendung em kann ein folgendes Adjektiv a) ebenfalls stark mit em gebeugt werden oder b) die schwache Dativendung en haben:

a) Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.
b) Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Erläuterung

Zwei (oder mehr) aufeinanderfolgende Adjektive werden grundsätzlich gleich gebeugt:

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot

bei gleicher durchschnittlicher Arbeitszeit
bei der gleichen durchschnittlichen Arbeitszeit

grüne, schleimige Frösche
die grünen, schleimigen Frösche

ein neues, originelles und alle überzeugendes Konzept
das neue, originelle und alle überzeugende Konzept

Das gilt auch für die starke Endung em:

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
nach langem, peinlichem Schweigen
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der Endung em kommt es aber auch häufig vor, dass das zweite Adjektiv die schwache Endung en erhält:

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Früher war das sogar „zwingend“ so: In älteren Grammatiken (zum Beispiel in der Duden-Grammatik von 1935, S. 205-206) stand eine Regel, nach der das zweite Adjektiv schwach gebeugt wird, wenn es mit dem Substantiv eine begriffliche Einheit bildet, die durch das erste Adjektiv näher bestimmt wird. Nach dieser Regel wird das zweite Adjektiv stark gebeugt, wenn die beiden Adjektive das Substantiv in gleicher Weise bestimmen. Letzteres erkennt man daran, dass ein Komma oder ein und zwischen den beiden Adjektiven stehen kann.

Heute sieht es anders aus: Schon 1984 schrieb die Dudengrammatik (S. 284) zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

In heutigen Texten kommen sowohl die parallele Beugung (em + em) als auch die Wechselflexion (em + en) häufig vor, ohne dass sich dabei ein einheitlicher Bedeutungsunterschied feststellen ließe. Nur wenn zwischen den Adjektiven ein Komma oder und steht, kommt die parallele Flexion deutlich häufiger vor.

Schlussfolgerung

Zwei oder mehr aufeinanderfolgende Adjektive können immer gleich gebeugt werden.

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der männlichen und sächlichen Dativendung em kann ein zweites (und weiteres) Adjektiv auch die schwache Endung en annehmen.

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Steht zwischen den Adjektiven ein Komma oder und, ist die parallele Beugung viel üblicher.

bei schönem und warmem Wetter
aus reichem, bürgerlichem Elternhaus

Kurzum, zweimal em ist immer gut, aber einmal em und einmal en geht meistens auch.

So viel für heute zu diesem Thema. Wer weiß, ob es nicht in ein paar Jährchen wieder einmal aufgenommen werden wird …

Haben oder sind wir im Kreis getanzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Verb „tanzen“. Wird es in diesem Satz mit „haben“ oder „sein“ verwendet?

Wir haben/sind im Kreis getanzt.

Ich habe im Wörterbuch die folgende Erklӓrung gefunden: „sich tanzend oder mit hüpfenden Schritten fortbewegen (durch den Saal tanzen)“, aber ich weiß nicht, ob sich diese Regel auf meinen Satz bezieht. Oder hӓngt es vielleicht davon ab, was man damit meint (Tanzart oder eine Bewegung)?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

beide Hilfsverben können hier verwendet werden. Welches man wählt, hängt  – wie Sie richtig vermuten – davon ab, was genau gemeint ist.

Wie viele Bewegungsverben kann „tanzen“ mit „haben“ und mit „sein“ konjugiert werden. Mit „haben“ steht transitives „tanzen“ (= „tanzen“ mit einem Akkusativobjekt):

Wir haben einen Tango getanzt.
Er hat mit mir einen Wiener Walzer getanzt.
auch: Sie haben den ganzen Abend Walzer/Tango/Salsa getanzt.

Intransitives „tanzen“ wird mit „haben“ konjugiert, wenn die Handlung des Tanzens gemeint ist:

Sie haben die ganze Nacht getanzt.
Ich habe früher viel getanzt.
Sie hat nicht mit mir getanzt.

Das Hilfsverb „sein“ wird dann verwendet, wenn mit „tanzen“ gemeint ist, dass man sich tanzend fortbewegt (Ortsveränderung):

Sie sind durch den ganzen Saal getanzt.
Sie ist vor Freude über den Hof getanzt.
Die Schneeflocken sind vom Himmel getanzt.

Das bedeutet für Ihr Beispiel, dass erst der weitere Zusammenhang angeben kann, welches Hilfsverb man hier am besten wählt:

Wir sind vor Freude im Kreis getanzt (= vor Freude herumgetanzt)
Wir haben im Kreis getanzt (= einen Kreistanz/Rundtanz ausgeführt)

Im Prinzip ist also beides möglich. Außerdem ist die Trennung manchmal gar nicht so streng, weil nicht immer eindeutig ist, ob Tanzart oder die Bewegung (oder beides) gemeint ist. Das Hilfsverb bei Bewegungsverben hat übrigens schon manchen Deutschlernenden ein oder zwei Seufzer entlockt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Indikativ und Konjunktiv in Konditionalgefügen: Wie wäre es, wenn wir gehen/gingen?

Frage

Ich kann den folgenden Satz nicht richtig einordnen:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen?

Mein Sprachgefühl verlangt hier das Wort „würde“, also:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen würden?

Zunächst habe ich an einen irrealen Bedingungssatz oder Ähnliches gedacht: „Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden, dann könnten wir den Film um 20 Uhr noch sehen.“ Ich glaube aber, dass ich falsch liege. Das „wie wäre es“ lässt sich doch auch ersetzen. […] Bevor ich noch länger darüber nachdenke, frage ich lieber jemanden, der sich damit auskennt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

der Satz, den Sie nicht richtig einordnen können, hat die Form eines Konditionalgefüges. In einem Konditionalgefüge beinhaltet ein Teilsatz eine Bedingung und ein Teilsatz die Folge bei Erfüllung dieser Bedingung. Im Prinzip stehen dabei beide Teilsätze im Indikativ oder beide Teilsätze im Konjunktiv II (o. würde-Form).

Im Indikativ wird das Gesagt als real angenommen:

Ich komme, wenn ich Zeit habe.
Wenn du gut für dich sorgst, wirst du bald wieder gesund sein.
Errätst du die Zahlen richtig, gewinnst du den Hauptpreis.

Im Konjunktiv II wird das Gesagte als irreal, nur gedacht angenommen:

Ich käme, wenn ich Zeit hätte.
Wenn du besser für dich sorgen würdest/sorgtest, wärst du bald wieder gesund.
Hättest du die Zahlen richtig erraten, hättest du den Hauptpreis gewonnen.

Vor allem in der gesprochenen (Umgangs)sprache kommen auch Formulierungen vor, in denen der Indikativ und der Konjunktiv gemischt werden. Das ist in Ihrem Beispiel der Fall:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen?

Das hat damit zu tun, dass der Konjunktiv II hier nicht „irreal“, sondern einfach nur höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn …? = Was hältst du davon, wenn …?

Ihre Annahme, dass kein echter irrealer Bedingungssatz vorliegt, ist also richtig. Im formaleren Sprachgebrauch sollten solche „Mischformen“ aber besser vermieden werden, also auch dann, wenn der Konjunktiv II einfach höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen würden/gingen?

Auch ein „nur“ höflich gemeintes irreales Konditionalgefüge formuliert man stilistisch besser mit doppeltem Konjunktiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sitzt man vor einem Glas kühlem Weißwein oder kühlen Weißweins?

Frage

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

es geht hier um eine Mengenangabe, in der das Gemessene im Singular steht und von einem gebeugten Adjektiv begleitet wird. Dann ist im heutigen Deutsch die Angleichung im Fall üblich, das heißt, das Gemessene (hier: „kühler Weißwein“) steht im gleichen Fall wie die Maßeinheit (hier: „Glas“).

Ein Glas kühler Weißwein stand vor ihr.
Sie trank ein Glas kühlen Weißwein.
mit einem Glas kühlem Weißwein
der Effekt eines Glases kühlen Weißweins

Sechs Flaschen stilles Wasser kosten € …
Wir haben sechs Flaschen stilles Wasser gekauft.
mit sechs Flaschen stillem Wasser
der Preis einer Flasche stillen Wassers

100 g grüner Tee
für 100 g grünen Tee
mit 100 g grünem Tee
wegen 100 g grünen Tees

Als gehoben oder veraltend gilt hier der partitive Genitiv, den echte Genitivfans aber auch benutzen können:

Ein Glas kühlen Weißweins stand vor ihr.
Wir haben sechs Flaschen stillen Wassers gekauft.
mit 100 g grünen Tees

Zurück zu Ihrem Satz. Dort steht „Glas“ im Dativ, der von „vor“ verlangt wird. Entsprechend sollte auch das Gemessene im Dativ stehen:

Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.

Ebenfalls möglich, aber veraltend oder gehoben ist diese Formulierung:

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins

Nicht richtig ist *„Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein“.

Mehr hierzu finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ob nun ein Glas kühler Weißwein vor Ihnen steht oder Sie vor einem Glas stillem Wasser sitzen, genießen Sie den Sommer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was für ein Akkusativ steht in „einen Meter fünfzig groß“?

Frage

Nicht umsonst heißt es: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. […] Ich bin durch Zufall auf Ihre Seite aufmerksam geworden und hoffe, dass Sie Licht ins Dunkel bringen können. Es geht um folgenden Satz:

Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß.

Ist dieses „einen Meter fünfzig groß“ ein Akkusativobjekt, ein Akkusativadverb oder beides?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

in „Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß“ ist die Angabe „einen Meter fünfzig“ eine Adverbialbestimmung im Akkusativ, auch Adverbialakkusativ oder adverbialer Akkusativ genannt. Es ist kein Akkusativobjekt. Das kann man zum Beispiel dann sehen, wenn man den Satz in seine Satzteile zerlegt:

Mein Bruder = Subjekt
ist = Kopulaverb
einen Meter fünfzig groß = Prädikativ

Das Prädikativ ist hier eine Adjektivgruppe. Sie besteht aus dem Kern „groß“ und dem Attribut „einen Meter fünfzig“. Das Attribut, das „groß“ näher bestimmt („wie groß?“), ist ein Adverbialakkusativ.

Diese Art von Adjektivgruppen kommt bei Maßangaben u. Ä. vor:

einen Kilometer lang
einen Zentner schwer
einen Monat alt

Siehe auch hier und hier.

In der Beschreibung des einen Meter fünfzig großen Bruders steht also ein adverbialer Akkusativ. Das gilt auch für die Angaben „11 Jahre alt“ oder „42 Kilo schwer“. Nur sieht man ihnen wie den meisten Maßangaben dieser Art den Akkusativ gar nicht an, weil er sich nicht vom Nominativ unterscheidet. Vielleicht sind die Adverbialakkusative deshalb nicht so bekannt, obwohl sie relativ häufig vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieferung von 10 Stück Rollgitter[n]?

Frage

Bei uns ist ein Streit entbrannt, den wir nicht zu lösen vermögen. Wir haben die „Lieferung von zwei Stück Rollgittern“ ausgeschrieben. Die ausschreibende Stelle behauptet aber Stein und Bein, dass hier […] „Lieferung von 2 Stück Rollgitter“ stehen müsse.

Davon abgesehen, dass „Stück“ hier unnötigerweise verwendet wird, empfinden wir die Lösung mit dem Dativ intuitiv als die korrekte. Stimmt das, und wie könnte man das begründen?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

nach der Mengeneinheit „Stück“ wird das Gezählte in der Regel als Apposition mit Kasusangleichung verwendet. Das heißt im Klartext, dass das Gezählte im gleichen Fall steht wie „Stück“. In Ihrem Beispiel ist dies der Dativ, den „von“ fordert:

Lieferung von zwei Stück Rollgittern
Lieferung von zwei Stück verzinkten Rollgittern

ABER: Die Formulierung ohne Kasusangleichung kommt hier auch recht häufig vor. Das Gezählte steht dann im Nominativ:

Lieferung von zwei Stück Rollgitter
Lieferung von zwei Stück verzinkte Rollgitter

Ich halte den Dativ hier für besser, aber der Nominativ kann nicht als falsch bezeichnet werden. So gesehen haben bei Ihnen also alle recht.

Noch besser ist es aber tatsächlich, hier „Stück“ gar nicht zu verwenden:

Lieferung von zwei Rollgittern
Lieferung von zwei verzinkten Rollgittern

Als Mengeneinheit ist „Stück“ vor allem in direkter Verbindung mit Nichtzählbarem (Stoffbezeichnungen) sinnvoll:

zwei Stück Seife
ein Stück Zucker
drei Stück Kuchen

Bei Zählbarem (Einzelstücken) ist „Stück“ überflüssig, außer wenn man in Tabellen auf Biegen und Brechen eine Maßeinheit angeben muss.

Rollgitter: 2 Stück
Elektrofahrzeuge: 10 Stück
Schutzmasken: 50 Stück

Die Kombination von „Stück“ mit zählbaren Einheiten findet sich vor allem dort häufig, wo mit Bestell- und Lieferlisten gearbeitet wird. Aber auch dort geht es meist eleganter und ebenso deutlich ohne die Angabe „Stück“:

2 Stück Rollgitter = 2 Rollgitter
10 Stück Elektrofahrzeuge = 10 Elektrofahrzeuge
50 Stück Schutzmasken = 50 Schutzmasken

Den Unterschied zwischen Nichtzählbarem und Zählbarem sieht man übrigens bei zum Beispiel „zwei Stück Kuchen“ gut: Gemeint sind nicht zwei ganze Kuchen (Einzelstücke), sondern zwei Stücke der Gebäckart Kuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragen aller Art[en]?

Frage

So einfach wie die Frage daherkommt, so wenig weiß ich die Antwort: Wir sagen im Deutschen „Er nutzt Medien aller Art“, „Er liest Geschichten aller Art“, aber nie bzw. sehr selten „Medien aller Arten“, „Geschichten aller Arten“. Können Sie den Unterschied erklären?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Antwort ist nicht so einfach, weil sich hier keine eindeutige Regel zitieren lässt. Richtig ist hier vor allem, was gebräuchlich ist.

Im Allgemeinen gilt:

  • Wenn „all…“ jedes Individuum oder jedes Element einer bestimmten Gruppe/Anzahl/usw. bezeichnet, steht der Plural:

alle Passagiere
alle Buntstifte
alle Erwartungen
alle Arten von Geschichten

  • Wenn „all…“ etwas in seiner Gesamtheit bezeichnet, steht der Singular:

alles Geld
alles Gute
mit aller Kraft
alles Reden hilft nichts

Das würde dafür sprechen, dass es „Medien aller Arten“ oder „Geschichten aller Arten“ heißen müsste. Es geht ja nicht um eine Art in ihrer Gesamtheit, sondern um jede mögliche Art. Dennoch ist hier der Singular üblich. Warum?

Es gibt Ausnahmen zur genannten Unterscheidung zwischen

  • jedes Element → „all“ mit Plural
  • Gesamtheit → „all“ mit Singular

Dabei handelt es sich um feste Wendungen, die zum Teil auf einen älteren Sprachgebrauch zurückgehen. Dann wird „aller/alle/alles“ wie „jeder/jede/jedes“ im Singular verwendet:

Geschichten aller Art
auf alle Weise
Aller Anfang ist schwer

Theoretisch kann auch auf die sonst übliche Weise formuliert werden:

Geschichten aller Arten
auf alle Weisen
Alle Anfänge sind schwer

Das ist aber nicht gebräuchlich, weil man hier die bekannten festen Wendungen vorzieht. Ich versuche alle Arten von Sprachfragen zu beantworten – oder mit der festen Wendung ausgedrückt: Sprachfragen aller Art.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist Ivanisavic Djokovics Trainer oder Djokovic’ Trainer?

Je nachdem wie man die Namen transkribiert, kann im Titel u. a. auch stehen:

Ist Ivanišavić Đokovićs Trainer oder Đoković’ Trainer

Die Angaben im Artikel gelten für beide Schreibweisen.

Frage

Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im Duden zum Thema Genitiv und Apostroph „neu“ das Beispiel „Andric’ Romane“ stehe. Ich habe bisher bei gesprochenem „itsch“ immer ein -s angehängt, also „Andrics Romane“ usw., und sehe das auch so bei Zeitungen wie der NZZ oder der Zeit. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

auch ich schreibe „Djokovics Trainer” und „Andrics Romane“ mit einem Genitiv-s, auch wenn im Duden etwas anderes steht.

Wenn -ic am Ende „-its“ gesprochen wird, ist der Apostroph richtig. Das „-ic“ resp. „-ić“ in vom Balkan stammenden Namen wird aber wie „-itsch“ ausgesprochen. Das ist meiner Meinung nach mittlerweile allgemein bekannt. Es gibt dann keinen Grund, das Genitiv-s durch einen Apostroph zu ersetzen. Also:

Djokovics Trainer
Miloševićs Regime
Andrićs Roman „Das Fräulein“

In Duden, „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“, 2016, Stichwort „Apostroph“ 4.1, steht:

Der Apostroph steht heute im Allgemeinen auch zur Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die zwar anders geschrieben werden, aber ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden:

Andrić’ Romane, Cyrankiewicz’ Staatsbesuch usw.

Hier stehen zwei fragwürdige Dinge:

1) „im Allgemeinen“

Bei einer schnellen Suche in Google und in Korpora (z.B. beim DWDS) ist festzustellen, dass der Genitiv solcher Namen viel häufiger mit -s als mit Apostroph geschrieben wird.

2) „Namen, die […] ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden“

Die Regel, dass im Genitiv ein Apostroph geschrieben wird, gilt nach § 96(1) der amtl. Rechtschreibregelung für Namen, die auf ein gesprochenes s enden. Die Beispiele sind:

Aristoteles’ Schriften, Carlos’ Schwester, Ines’ gute Ideen, Felix’ Vorschlag, Heinz’ Geburtstag, Alice’ neue Wohnung

Das ist bei Namen auf „-ic“ nicht der Fall, weil sie in der Regel nicht auf einen s-Laut, sondern auf einen sch-Laut [ʃ] enden. Bei solchen Namen wird im Genitiv ggf. ein s gesprochen und geschrieben. Zum Beispiel:

Frischs Romane,  Milowitschs Theaterkarriere, Timothy Peachs Filmrollen

Die Apostrophregel gilt nach § 96(E2) weiter auch für Namen, deren geschriebene Form auf ein stummes -s, -z oder -x enden:

Cannes’ Filmfestspiele, Boulez’ bedeutender Beitrag, Giraudoux’ Werke.

Das ist hier aus zwei Gründen nicht der Fall: Namen auf „-ic“ enden nicht auf -s, -z oder -x und das -c am Schluss ist nicht stumm, sondern es wird wie „tsch“ ausgesprochen.

Die Schreibung „Andric’ Romane“ lässt sich also weder durch die Rechtschreibregelung noch durch die Aussprache und auch nicht durch den allgemeinen Schreibgebrauch begründen. Ich halte deshalb die Angaben in Duden in diesem Fall für nicht zutreffend, und ich schreibe und empfehle:

Andrics Romane / Andrićs Romane
Djokovics Trainer/ Đokovićs Trainer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp