Eine bessere Version unser/unserer selbst – unser oder unserer?

Frage

Einerseits heißt es „eine bessere Version von uns selbst werden“. Wenn man andererseits den von-Dativ nicht verwenden möchte, heißt es dann im Genitiv richtig „eine bessere Version unser selbst werden“ oder „eine bessere Version unserer selbst werden“? […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Genitiv des Personalpronomens wir ist unser. Der Genitiv von wir selbst lautet enstprechend unser selbst:

eine bessere Version unser selbst werden

Auch die Genitivform euer des Personalpronomens der zweiten Person Mehrzahl führt häufiger zu Zweifeln:

eine bessere Version euer selbst werden

Andere Formulierungen mit den Genitivformen unser bzw. euer:

Wir müssen uns stärker unser selbst bewusst werden.
ein Medium, durch das wir unser selbst gewahr werden können
Werdet ihr euer selbst nicht überdrüssig?

Neben unser und euer kommen auch die Formen unserer/unsrer und euerer/eurer vor:

eine bessere Version uns[e]rer selbst werden
eine bessere Version eu[e]rer selbst werden
Wir müssen uns stärker uns[e]rer selbst bewusst werden.
Werdet ihr eu[e]rer selbst nicht überdrüssig?

Auch ohne selbst:

Erbarmt euch unser/uns[e]rer!
Sie werden sich euer/eu[e]rer annehmen.

Siehe auch die Angaben zur Flexion der Personalpronomen in der LEO-Grammatik.

Die Formen uns[e]rer und eu[e]rer sind eigentlich Genitivformen der Possessive unser und euer; vgl.:

das Haus uns[e]rer Freunde
das Alter eu[e]rer Kinder

Obwohl uns[e]rer und eu[e]rer auch in standardsprachlichen Texten als Personalpronomen vorkommen, werden sie nicht von allen als korrekt akzeptiert. Sie haben sich wahrscheinlich deshalb (beinahe) etablieren können, weil die gebeugten Formen unser und euer des Personalpronomens irgendwie endungslos wirken. Sie sind ja mit den ungebeugten Formen unser und euer des Possesivs identisch; vgl.:

unser Freund
euer Kind

Der vermeintlichen Endungslosigkeit wird dann abgeholfen, indem man wie beim Possessiv eine Genitivendung -er anfügt, obwohl das Personalpronomen bereits eine Genitivendung -er hat:

eine bessere Version uns[e]rer selbst
eine bessere Version eu[e]rer selbst

Die Gentivformen der Personalpronomen wir und ihr kommen selten vor, weil viele zweifeln – oder viele zweifeln, weil die Formen selten vorkommen. Sie klingen auch recht gehoben. Wie dem auch sei, häufig werden Formulierungen dieser Art vermieden. Auch ich verwende die Genitivformen unser und euer nie. Und damit sind wir wieder ganz am Anfang Ihrer Frage:

eine bessere Version von uns selbst werden
Habt Erbarmen mit uns!
Sie werden sich um euch kümmern.

Wahre Anhänger und Anhängerinnen des Genitivs werden hier aber trotz Seltenheit, eventueller Zweifel und formaler Gehobenheit Formulierungen mit unser und euer verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus aktuellem Anlass: Wie Charles III. dekliniert wird

„Die Königin ist tot, lang lebe der König!“ Dieser Satz, der die unmittelbare Thronübernahme im Vereinigten Königreich symbolisiert, soll mir hier als Entschuldigung dafür dienen, dass der heutige Blogartikel – für britische Begriffe wahrscheinlich ziemlich respektlos – nicht das Staatsbegräbnis Elisabeths II. behandelt, sondern den Namen ihres Nachfolgers. Wie wird Charles III. dekliniert?

Im Prinzip ist es gar nicht so kompliziert, aber um es genauer zu erklären braucht man mehr Worte, als ich anfangs gedacht hatte. Das liegt unter anderem daran, dass der Name Charles auf ein s endet. Das wirft im Genitiv die Frage auf, ob ein Apostroph stehen muss oder nicht. Bei Zweifel ist es am einfachsten, im Genitiv für Charles die deutsche Entsprechung Karl einzusetzten (so wie das bei Herrschernamen allgemein üblich war): Wenn Karl ein s erhält, schreibt man Charles mit einem Apostroph.

Fangen wir mit dem Namen an, wenn er ohne Title verwendet wird (die mit III. geschriebene Variante wird jeweils gleich ausgesprochen):

Charles der Dritte / Charles III.
für Charles den Dritten / für Charles III.
mit Charles dem Dritten / mit Charles III.
die Mutter Charles’ des Dritten / die Mutter Charles’ III.
Charles’ des Dritten Mutter / Charles’ III. Mutter

vgl.
die Mutter Karls des Dritten / die Mutter Karls III.
Karls des Dritten Mutter / Karls III. Mutter

Kommt der Titel König hinzu, bleibt der Titel ungebeugt und wird der Rest des Namens gleich gebeugt wie ohne Titel:

König Charles der Dritte / König Charles III.
für König Charles den Dritten / für König Charles III.
mit König Charles dem Dritten / mit König Charles III.
die Mutter König Charles’ des Dritten / die Mutter König Charles’ III.
König Charles’ des Dritten Mutter / König Charles’ III. Mutter

vgl.
die Mutter König Karls des Dritten / die Mutter König Karls III.
König Karls des Dritten Mutter / König Karls III. Mutter

Das ist noch nicht ganz alles, denn man kann den Titel auch mit Artikel verwenden. Dann wechseln Titel und Name bei der Beugung die Plätze: Der Titel wird gebeugt und der Name bleibt unverändert:

der König Charles der Dritte / der König Charles III.
für den König Charles den Dritten / für den König Charles III.
mit dem König Charles dem Dritten / mit dem König Charles III.
die Mutter des Königs Charles des Dritten / die Mutter des Königs Charles III.

vgl.
die Mutter des Königs Karl des Dritten / die Mutter des Königs Karl III.

Der Vollständigkeit halber habe ich oben alle Fälle aufgeführt. Zu Unsicherheiten führt aber vor allem der Genitiv. Wenn man einmal weiß, wo Karl ein s erhält, weiß man auch, wann man Charles mit einem Apostroph schreibt:

die Mutter Karls/Charles’ des Dritten
Karls/Charles’ des Dritten Mutter
die Mutter König Karls/Charles’ des Dritten
König Karls/Charles’ des Dritten Mutter
die Mutter des Königs Karl/Charles des Dritten

Die Namen weiblicher Monarchen werden im Prinzip gleich gebeugt. Genaueres behandle ich besser ein anderes Mal. Der Artikel ist so schon viel zu umfangreich. Nur kurz das Wichtigste zum Genitiv:

der Sohn Elisabeths der Zweiten
Elisabeths der Zweiten Sohn
der Sohn Königin Elisabeths der Zweiten
Königin Elisabeths der Zweiten Sohn
der Sohn der Königin Elisabeth der Zweiten

Mehr zu diesem Thema finden Sie hier unter „Enge Apposition“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Konjunktiv II: Bräuchte es auch „wöllte“ und „söllte“?

Frage

Ich höre immer mehr die Verbform „wöllte“ statt „wollte“ (als Konjunktiv). Dies scheint mir eine Analogie-Bildung zu „könnte“ zu sein, ist aber wohl (noch?) nicht korrekt. Wann kommt dann „söllte“? Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es ist tatsächlich anzunehmen, dass die Form wöllte eine Analogiebildung zu könnte, dürfte, müsste und wüsste ist. Durch den Umlaut unterscheiden sich diese Konjunktivformen deutlich vom Indikativ konnte, durfte, musste und wusste. Bei wollen und sollen hingegen wird nicht umgelautet (die Antwort auf die Frage nach dem Warum muss ich Ihnen an dieser Stelle schuldig bleiben). Dadurch gibt es bei wollen und sollen wie bei den regelmäßig konjugierten Verben keinen Unterschied zwischen dem Indikativ Präteritum und dem Konjunktiv II (Konjunktiv Präteritum): Die Form lautet in beiden Fällen wollte bzw. sollte.

Indikativ Präteritum Konjunktiv II (Präteritum)
durfte dürfte
konnte könnte
musste müsste
wusste wüsste
sollte sollte
wollte wollte

Es ist deshalb gar nicht so erstaunlich, dass die Formen wöllte und seltener auch söllte gebildet werden. Sie sind nicht nur in Übereinstimmung mit den entsprechenden Formen der anderen Modalverben (sowie von wissen), sondern auch ganz praktisch, weil sie den Konjunktiv so schön deutlich angeben.

Üblich und akzeptiert sind wöllte und söllte aber dennoch nicht. Ob oder wann es ihnen einmal gelingen wird, in die Standardsprache einzudringen, ist schwierig zu sagen. Vorläufig kommen sie dafür noch nicht häufig genug vor.

Eine andere Form, die mit den Modalverben verwandt ist, hat dies schon geschaft: bräuchte. In vielen Wörterbüchern und Grammatiken gilt bräuchte neben der regelmäßigen Form brauchte als standardsprachlich akzeptierte Konjunktivform.

Indikativ Präteritum Konjunktiv II (Präteritum)
brauchte brauchte/bräuchte

Während also die Verwendung von bräuchte mittlerweile mehr oder weniger problemlos ist (es gibt immer noch strengere Sprachhüter und -hüterinnen, denen diese Form gar nicht zusagt), sollte man die Formen wöllte und söllte (noch?) vermeiden, so praktisch sie auch sein mögen.

Diese Formen zeigen sehr schön, dass vieles, was in der Sprache als richtig gilt, weniger mit Logik und Effizienz als vielmehr mit allgemeinem Gebrauch und Konsens zu tun hat: Wenn es konnte/könnte, durfte/dürfte und musste/müsste heißt (Indikativ/Konjunktiv), müsste es logischerweise und praktischerweise auch wollte/wöllte und sollte/söllte sein. Gebräuchlich und akzeptiert sind aber nur wollte/wollte und sollte/sollte. Bei brauchte/brauchte bzw. brauchte/bräuchte ist heute sogar beides (mehr oder weniger) akzeptiert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplizierte Verbformen: „bis es eingeführt sein werden wird“?

Frage

Gestern Abend habe ich im Fernsehen [eine Politikerin] gesehen. Sie sagte:

… bis dies eingeführt sein werden wird

Äh, was?? Gehe ich recht in der Annahme, dass wir es hier mit einer Passiv-Konstruktion 3. Person Singular im Futur 2 Indikativ im Nebensatz zu tun haben? Wäre es nicht besser so: „… bis dies eingeführt sein wird“ oder „… bis dies eingeführt worden ist“? Haben Sie noch eine andere Idee?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die Form, die Sie gehört haben, gibt es nicht. Es ist aber nicht erstaunlich, dass der Politikerin die Verbformen durcheinandergeraten sind. Gerade in der gesprochenen Sprache sind solche Anhäufungen von Verbformen oft schwierig zu meistern, auch für Menschen, die das Deutsche im Allgemeinen gut beherrschen.

Gemeint war wahrscheinlich Folgendes:

 … bis dies eingeführt worden sein wird

Das ist tatsächlich die 3. Person Singular Futur II Indikativ Passiv des Verbs einführen. Solche Formen kommen relativ selten vor, nicht zuletzt, weil sie so komplex sind. Oft ist es einfacher und nicht weniger präzise, das Futur durch das Präsens zu ersetzen (das ist im Deutschen fast immer möglich) oder das Aktiv anstelle des Passivs zu verwenden:

… bis dies eingeführt worden ist
… bis dies eingeführt ist

… bis man dies eingeführt haben wird / eingeführt hat
… bis wir dies eingeführt haben werden / eingeführt haben

Es gibt also verschiedene einfachere Formulierungen. Doch beim freien Sprechen kommt man nicht immer sofort auf die ideale Formulierung, vor allem wenn der Inhalt des Gesagten auch noch stimmen sollte.  Wir sollten deshalb der Politikerin diesen Verbformen-Ausrutscher nicht übel deuten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wonach richtet sich das Verb bei Subjekten mit „nicht (nur) … sondern (auch) …“?

Frage

Mal wieder ein Kongruenzproblem, für das ich in den einschlägigen Nachschlagewerken keine befriedigende Lösung finde. Es geht um diesen Satz: „Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern ihre Kinder.“ In der Leo-Grammatik steht zwar, dass sich die Personalform des Verbs nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt richtet, aber das kann hier ja nicht gelten. Wie würde hier die Regel lauten? Ist der Satz so korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

nach der „Regel“, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, richtet sich das Verb bei einem mehrteiligen Subjekt mit nicht (nur)  – sondern (auch) tatsächlich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts, der am nächsten beim Verb steht:

Nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren.
Nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank erhebt zusätzliche Gebühren.

Nicht die Mutter, sondern ihre Kinder werden die Blicke auf sich ziehen.
Nicht die Kinder, sondern ihre Mutter wird die Blicke auf sich ziehen.

So weit ist die Lage übersichtlich. Ihr Beispielsatz ist deshalb komplizierter, weil er zwei verschiedene Phänomene in sich birgt:

1) Das mehrteilige Subjekt steht in einem Nebensatz:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank zusätzliche Gebühren erhebt?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter, sondern ihre Kinder die Blicke auf sich ziehen werden.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder, sondern ihre Mutter die Blicke auf sich ziehen wird.

Auch hier gilt, dass das Verb sich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts richtet, der ihm am nächsten steht.

2) Die sondern-Gruppe wird vom anderen Subjektteil getrennt an des Schluss des Satzes ins Nachfeld verschoben. In einem Hauptsatz ist das immer noch relativ problemlos:

Nicht nur die Bank erhebt zusätzliche Gebühren, sondern auch die Lieferbetriebe.
Nicht nur die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren, sondern auch die Bank.

Nicht die Mutter wird die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Kinder.
Nicht die Kinder werden die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Mutter.

1) + 2) Problematischer wird es erst, wenn die sondern-Gruppe wie in Ihrem Beispiel in einem Nebensatz steht und von der nicht-Gruppe getrennt ins Nachfeld ausgelagert wird. Dann steht die sondern-Gruppe direkt nach dem abschließenden Verb des Nebensatzes. Gemessen am reinen Wortabstand steht sie nun zwar näher beim Verb, sie ist aber trotzdem „weiter weg“, weil sie sozusagen aus dem Satz ausgelagert worden ist. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjektteil, der vor ihm im Mittelfeld steht:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank zusätzliche Gebühren erhebt, sondern auch die Lieferbetriebe?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben, sondern auch die Bank?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern die Kinder.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder die Blicke auf sich ziehen werden, sondern ihre Mutter.

Die Angabe, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, müsste eigentlich für Fälle wie diesen präzisieren, dass mit „näher“ nicht immer der reine Wortabstand gemeint ist. Wie die Antwort auf Ihre Frage vielleicht zeigt, kann es aber manchmal eher verwirrend als hilfreich sein, wenn man ganz präzise sein will. Deshalb für den Allgemeingebrauch einfacher: In den meisten Fällen richtes sich das Verb bei mehrteiligen Subjekten mit nicht (nur) – sondern (auch) nach dem Teil des Subjekts, das ihm am nächsten steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes“

Frage

In diesem Gedicht von Morgenstern ist mir nicht ganz klar, worauf „des“ sich bezieht. Könnten Sie mir dabei helfen?

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möchte ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur
Wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

Christian Morgenstern

Ist das vielleicht ein Genitiv oder ein „dies“?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Form des ist hier eine alte Variante von dessen. Man findet sie vor allem noch in Zusammensetzungen und Wendungen wie deswegen, deshalb und des ungeachtet. Es ist der Genitiv des Pronomens der oder das:

Möchte ich immer mehr des inne werden, wieviel Schönheit …
= Möchte ich immer mehr dessen innewerden, wie viel Schönheit …
= Möchte ich mir immer mehr dessen bewusst werden, wie viel Schönheit …

Auch in älteren Redewendungen und Sprichwörtern kann man der Form des noch begegnen:

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Hier kommt auch gleich das nahe verwandte Wort wessen mit seiner alten Varianten wes vor. Es ist das wes, das auch in zum Beispiel weshalb und weswegen oder in Wesfall, der deutschen Bezeichnung für Genitiv, zu finden ist.

In modernerem Deutsch werden diese Sprichwörter mit wovon und davon bzw. wessen und dessen formuliert:

Wovon das Herz voll ist, (davon) strömt der Mund über.
Wessen Brot ich esse, dessen Lied singe ich.

„Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes. Weniger positiv zu verstehen ist in der heutigen Zeit das zweite Sprichwort, das eine ziemlich opportunistische Lebenshaltung oder Berufseinstellung beschreibt: „Wer mich bezahlt, dessen Interessen vertrete ich auch.“

Und seien Sie sich des oder – im heutigen Deutschen – dessen bewusst, dass es genügt, wenn Sie die Formen des und wes erkennen können. Verwendet werden sie nicht oder kaum mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Meine Damen und Herren Geschworene(n)?

Frage

Die neueste Frage ist, ob es heißt

Meine Damen und Herren Geschworene

oder

Meine Damen und Herren Geschworenen

oder ist sogar beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

in Prinzip werden adjektivisch gebeugte Wörter nach Anreden gleich gebeugt, wie wenn die Anrede nicht steht. Hier ein paar Beispiele:

der Herr Geschworene (der Geschworene)
ein Herr Geschworener (ein Geschworener)
des Herrn Abgeordneten (des Abgeordneten)
mit dem Herrn Geschworenen (mit dem Geschworenen)
die Herren Abgeordneten (die Abgeordneten)
sehr geehrte Herren Geschworene (sehr geehrte Geschworene)
meine Herren Geschworenen (meine Geschworenen)

die Frau Geschworene (die Geschworene)
eine Frau Geschworene (eine Geschworene)
dir Rede der Frau Abgeordneten (der Abgeordneten)
mit der Frau Abgeordneten (mit der Abgeordneten)
die Damen Abgeordneten (die Abgeordneten)
sehr geehrte Damen Geschworene (sehr geehrte Geschworene)
meine Damen Geschworenen (meine Geschworenen)

Nach diesem Prinzip heißt es auch:

sehr geehrte Damen und Herren Geschworene
die Damen und Herren Geschworenen
meine Damen und Herren Geschworenen

Natürlich geht es auch hier nicht ohne ein Aber. Im männlichen Dativ Singular wird entgegen diesem Prinzip nach artikellosem Herrn nur schwach gebeugt:

mit Herrn Geschworenen B. (aber: mit Geschworenem B.)

Bei Frauen wiederum gilt diese Ausnahme kaum:

mit Frau Abgeordneter B. (wie: mit Abgeordneter B.)
selten: mit Frau Abgeordneten B.

Im Nominativ Plural ist die Verteilung der starken Endung e und der schwachen Endung en auch nicht so fest. Und damit wären wir beim Zweifel, der in Ihrer Frage zum Ausdruck kommt. Häufig wird nämlich im Nominativ Plural (meiner Meinung nach nicht korrekt) auch wie folgt formuliert:

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordneten
(statt besser: Abgeordnete)
Meine Damen und Herren Geschworene
(statt besser: Geschworenen)

Wie man sieht, ist die adjektivische Beugung im Deutschen so komplex, dass wir uns nicht immer an dasselbe Prinzip halten. Ich hoffe dass Sie, meine Damen und Herren an Sprachfragen Interessierten, trotzdem nicht ganz den Überblick verlieren. Wenn man es einmal gar nicht mehr weiß, kann man immer auf eine Formulierung ohne Damen und Herren ausweichen:

Sehr geehrte Geschworene
Meine sehr geehrten / geschätzten Geschworenen

Das ist, liebe an Sprachfragen Interessierte, nicht nur weniger sperrig, sondern auch noch inklusiver.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommt der Einbau von Smart Metern oder von Smart Meters voran?

Frage

Neulich kam mir ein Satz unter, bei dem ich nicht wusste, wie ich den Dativ Plural bilden soll. Es geht um das Wort „Smart Meter“, so eine Art digitalen Stromzähler. Wie würden Sie das Wort „Meter“ im Dativ Plural schreiben: „Meters“ oder „Metern“? Ich würde spontan „Der Einbau von Smart Metern kommt voran“ schreiben, aber eigentlich müsste ich ja ein s als Pluralmarkierung nehmen, da das Wort „Meter“ hier kein Längenmaß ist, sondern das englische Wort für „Messgerät“. Aber das hört sich ja ganz scheußlich an: „Der Einbau von Smart Meters kommt voran.“ Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Pluralbildung von Fremdwörtern kann eine Rolle spielen, wie stark sie bereits ins Deutsche integriert sind.

Wenn Sie Meter in Smart Meter englisch aussprechen (ähnlich wie Mieter), dann passt der s-Plural besser:

die Smart Meters
der Einbau von Smart Meters

Wenn Sie dieses Meter deutsch aussprechen (wie das Längenmaß), passt der endungslose Plural. Zum endungslosen Nominativ Plural gehört der Dativ Plural mit -n wie zum Beispiel bei den Computern, den Bestsellern oder den Bikern:

die Smart Meter
der Einbau von Smart Metern

Auch korrekt ist hier übrigens die Zusammenschreibung, die allerdings verhältnismäßig selten vorkommt:

die Smartmeter
der Einbau von Smartmetern

Die deutsche Pluralbildung die Smart Meter / den Smart Metern ist hier deutlich üblicher als der englische s-Plural. Sie ist übrigens nicht zwangsläufig mit dem Längenmaß Meter zu assoziieren. Es gibt ja auch andere Messgeräte wie zum Beispiel Thermometer, Barometer oder Tachometer. Ähnlich wie bei diesen herrscht auch bei Smart Meter ein gewisser Zweifel, ob das Wort sächlich oder männlich ist. Häufig ist es nämlich der Smart Meter wie der intelligente Stromzähler, aber viele sagen auch das Smart Meter, wie dies für das Thermometer und das Barometer üblich ist (wenn auch nicht überall in gleichem Maße: Im südlichen deutschen Sprachraum kommt daneben auch der Thermometer vor).

Für den Plural hat sich die eingedeutschte Pluralbildung die Smart Meter durchgesetzt. Bei der Formulierung in Ihrer Frage würde ich deshalb nur diese Pluralvariante empfehlen, die auch Ihnen spontan besser erschien:

Der Einbau von Smart Metern kommt voran.

Bei der Frage zum Genus, der oder das Smart Meter, wage ich mich an keine Empfehlung. Die Frage, ob das Wort männlich ist wie der Messer, der Zähler oder ob es sächlich ist wie das Thermometer u. a., ist (noch) nicht eindeutig entschieden. Wer mit „so viel Ungewissheit“ nicht leben kann, weicht einfach auf Begriffe wie der intelligente Stromzähler oder das intelligente Messsystem aus. (Bei intelligent fällt mir allerdings noch mehr als bei smart auf, dass das Adjektiv in diesem Zusammenhang etwas hoch gegriffen ist – aber das ist eine ganz andere Frage.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deretwegen, derentwegen oder wegen der?

Immer dieses „wegen“ und der Genitiv! Auch heute geht es wieder einmal um diesen Stolperstein:

Frage

Ich war mir heute bei einem Satz bei einem Wort unsicher und stelle mir die Frage, welche der drei Varianten nun die richtige ist:

1) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet.
2) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.
3) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.

Mein erster Gedanke war „deretwegen“, obwohl ich das Wort, wie ich meine, noch nie verwendet habe. Als ich dann ein bisschen recherchiert habe, bin ich noch auf „derentwegen“ gestoßen, aber im Duden steht als Bedeutung „wegen deren“, was in meinem Satz ja nicht passen würde. Woanders habe ich noch gelesen, dass „deretwegen“ und „derentwegen“ dasselbe bedeuten. Bedeutet das dann, dass beide Varianten in meinem Fall falsch sind?

Antwort

Guten Tag L.,

alle drei Varianten sind möglich, sie werden allerdings nicht gleich bewertet. Die älteste Form ist deretwegen. Heute wird vor allem das gleichbedeutende derentwegen verwendet:

eine Kleinigkeit, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
eine Kleinigkeit, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/veraltend]

Ebenfalls möglich ist hier wegen der. Es wird aber meistens als umgangssprachlich bezeichnet. Das der ist nämlich ein Dativ (Dativ Singular weiblich des Relativpronomens die), und der Dativ nach wegen ist vielen ein Gräuel:

eine Kleinigkeit, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]

Die Umschreibung im Duden ist schon richtig. Mit derentwegen ist wegen deren/derer gemeint. Als Einleitung eines Relativsatzes wird aber derentwegen vorgezogen:

eine Kleinigkeit, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Das Gesagte gilt auch für den Plural, bei dem hier im Genitiv die gleichen Formen verwendet werden wie für weibliche Bezugswörter:

Kleinigkeiten, derentwegen/(deretwegen) ihr euch keine Sorgen machen solltet
Kleinigkeiten, wegen denen ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
Kleinigkeiten, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Im Plural kommt manchmal auch wegen der vor (Kleinigkeiten, wegen der …). Diese Form sollte vermieden werden (auch wenn sie vielleicht gar nicht so falsch klingt). Es gibt für den Plural des Relativpronomens weder im Genitiv noch im Dativ eine Form der, sondern nur deren und derer bzw. denen.

Der Vollständigkeit halber folgen hier noch die Formen für männliche und sächliche Bezugswörter:

ein Problem, dessentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
ein Problem, wegen dem ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
ein Problem, wegen dessen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Eine Frage, derentwegen man manchmal ins Zweifeln geraten kann. Im Zweifelsfall nehmen Sie am besten derentwegen oder dessentwegen. Das klingt manchen ziemlich gehoben in den Ohren, aber wegen der und wegen dem beschränken Sie besser auf eher alltags- und umgangssprachliche Äußerungen. Und wenn keines von beiden gefällt, gibt es immer noch die Umformulierung. In diesem Fall wäre die einfachste Lösung eine Formulierung mit worüber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Für Mensch und Tier“ – Wo sind Artikel und Endung geblieben?

Frage

Ich habe eine Frage zur Wendung „Mensch und …“. Mir sind die folgenden Sätze begegnet:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Ich frage mich, ob die Wendung erstens richtig und zweitens umgangssprachlich ist. Kann ich dies auch in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen oder muss ich dann auf den (richtigen) Akkusativ „den/die Menschen“ ausweichen?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die beiden Formulierungen sind korrekt und auch standardsprachlich akzeptiert:

für Mensch und Natur
für Mensch und Tier

Sie können sie also in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen. Ihr Zweifel ist aber nicht unbegründet, denn wo sind Artikel und Endung geblieben?

Hier kommen zwei Phänomene zusammen:

1) Wenn zwei (oder mehr) Substantive mit und verbunden werden, können die Artikel weggelassen werden (siehe hier):

mit Nadel und Faden
für Land und Leute
Anfahrt mit Auto und Bahn
Das ist schädlich für Landwirtschaft, Fischfang, Handel und Tourismus.

2) Schwach gebeugte Substantive (en/en-Klasse) stehen im Singular sehr häufig ohne die Endung en, wenn sie ohne Artikelwort oder gebeugtes Adjektiv verwendet werden. Dies geschieht, weil sich der Singular sonst nicht vom Plural unterscheidet:

das Gespräch zwischen Arzt und Patient
David, seine Herde gegen Bär und Löwe verteidigend
von Mensch zu Mensch
Das Orchester spielt ohne Dirigent

Ein schwach gebeugtes Substantiv wie Mensch kann in solchen Aufzählungen also sowohl den Artikel als auch die Endung „verlieren“:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Sobald allerdings ein Artikelwort oder ein gebeugtes Adjektiv hinzutritt, kann die Endung nicht weggelassen werden:

für den Menschen und die Natur
für jeden Menschen und jedes Tier

Mehr zur Endungslosigkeit schwach gebeugter Substantive finden Sie in diesem schon etwas älteren Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp