Vieles Erfreuliche(s): Wie man ein (substantiviertes) Adjektiv nach viel… beugt

Frage

Im Duden Online-Wörterbuch las ich unter dem Artikel „viel“ einen Beispielsatz, der für mich grammatikalisch etwas verwirrend ist: „vieles Erfreuliche stand in dem Brief“.

Warum ist es nicht „vieles Erfreuliches“? Ein Adjektiv wird doch nach dem Wort „viel…“ in der Regel so dekliniert wie nach dem Nullartikel (z. B.: „Das hat er in vieler mühsamer Kleinarbeit gebastelt“).

Antwort

Guten Tag Frau H.,

ganz so einfach ist es leider nicht. Nach gebeugtem viel schwankt die Deklination des folgenden Adjektivs. Im Allgemeinen wird das Adjektiv gleich gebeugt wie viel:

viele schöne Kleider
die vielen schönen Kleider
viele Studierende
mit Hilfe vieler Freiwilliger
in vieler mühsamer Kleinarbeit

Ganz ohne Ausnahmen geht es „natürlich“ nicht. Nach den starken Formen vieles und vielem wird nämlich meistens schwach gebeugt:

vieles alte Wissen (selten: vieles altes Wissen)
mit vielem guten Willen (selten: mit vielem gutem Willen)
mit vielem Neuen (selten: mit vielem Neuem)
vieles Erfreuliche (selten: vieles Erfreuliches)

Sie können also vieles Erfreuliches verwenden, vieles Erfreuliche scheint aber üblicher zu sein.

Dass man hier ins Zweifeln geraten kann, hat vielleicht damit zu tun, dass bei einem Substantiv in der Einzahl häufiger das endungslose viel als gebeugtes viel- steht. Nach einfachem viel wird ein Adjektiv immer stark gebeugt:

in viel mühsamer Kleinarbeit
viel altes Wissen
mit viel gutem Willen
mit viel Neuem
viel Erfreuliches

Außer – schon wieder ist es doch nicht ganz so einfach – wenn vor viel ein Artikelwort steht. Dann wird immer alles schwach gebeugt:

die viele mühsame Kleinarbeit
dieses viele alte Wissen
trotz des vielen guten Willens
mit dem vielen Neuen
das viele Erfreuliche

Wenn man alles wie hier nacheinander auflistet, sieht es ziemlich kompliziert aus. In der Regel kommt es aber vor allem in zwei Fällen zu Zweifeln: bei Adjektiven nach den Formen vieles und vielem, weil dort häufig anders als sonst nach viel- nicht parallel gebeugt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe hierzu z. B. Duden, Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 9. Auflage, 2021, Stichwort viel, oder die Angaben in der LEO-Grammatik.

Christian VII. von Dänemark, sein Leibarzt und der Genitiv

Frage

Ich würde mich gerne erkundigen, ob und (wenn ja) wie Titel nachgestellt werden können, wenn der Name, auf den sie sich beziehen, nachgestellt ist und im Genitiv steht […].

Verwenden wir Beispielsweise „Christian VII. (der Siebte), König von Dänemark“. Wäre es korrekt zu schreiben: „Der Leibarzt Christians, des Siebten, König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.“, oder müsste man die Titel in seinem Namen anders deklinieren?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

wenn ein Herrschertitel oder eine andere nähere Bezeichnung nachgestellt wird, handelt es sich um eine nachgestellte lockere Apposition. Die Apposition steht im Prinzip im gleichen Fall wie der Name, den sie näher bestimmt:

Herr Müller, der Direktor der Fabrik, sprach ein paar Worte.
Ich stelle dir Markus, meinen Physiotherapeuten, vor.
Wir reden mit Andrea Schmidt, der Leiterin des Instituts.
Die Worte Herrn Müllers, des Direktors der Fabrik, waren eindrücklich.

Das gilt aber nur, wenn die Apposition einen Artikel bzw. ein Artikelwort bei sich hat. Wenn sie kein Artikel(wort) bei sich hat, steht sie im Nominativ:

Herr Müller, Direktor der Fabrik, sprach ein paar Worte.
Ich stelle dir Markus, Physiotherapeut, vor.
Wir reden mit Andrea Schmidt, Leiterin des Instituts.
Die Worte Herrn Müllers, Direktor der Fabrik, waren eindrücklich.

Das gilt auch für nachgestellte Herrscherbezeichnungen mit Artikel:

Christian der Siebte, der König von Dänemark
für Christian den Siebten, den König von Dänemark
mit Christian dem Siebten, dem König von Dänemark
die Herrschaft Christians des Siebten, des Königs von Dänemark

Christian VII., der König von Dänemark
für Christian VII., den König von Dänemark
mit Christian VII., dem König von Dänemark
die Herrschaft Christians VII., des Königs von Dänemark

und ohne Artikel:

Christian der Siebte, König von Dänemark
für Christian den Siebten, König von Dänemark
mit Christian dem Siebten, König von Dänemark
die Herrschaft Christians des Siebten, König von Dänemark

Christian VII., König von Dänemark
für Christian VII., König von Dänemark
mit Christian VII., König von Dänemark
die Herrschaft Christians VII., König von Dänemark

Endlich sind wir bei Ihrer Frage. Für Ihren Satz bedeutet dies, dass tatsächlich so gebeugt werden sollte:

Der Leibarzt Christians des Siebten, König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Der Leibarzt Christians VII., König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Ich würde hier die Formulierung mit Artikel wählen (ich halte sie für etwas deutlicher), das ist aber keineswegs zwingend:

Der Leibarzt Christians des Siebten, des Königs von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Der Leibarzt Christians VII., des Königs von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Die Beugung von Herrschernamen mit Titeln u. Ä. ist im Deutschen alles andere als einfach. Siehe hierzu auch diese schon (viel) älteren Blogeinträge:
Wie man Herrscher beugt: Kaiser Karl im Genitiv
Zur Beugung heiliggesprochener Päpste
Wie Charles III. dekliniert wird

Zweimal „werden“ geht, aber es muss nicht sein

Frage

Ich wende mich mit einer Frage an Sie, die eher stilistischer als rein grammatikalischer Natur ist. Ich wäre Ihnen dennoch dankbar für eine kurze Einschätzung.

Es geht um den letzten Satz. Meine Kollegin ist der Ansicht, dass dort ein zweites „werden“ ergänzt werden sollte, also:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Ich empfinde diesen Zusatz als unnötig schwerfällig und stilistisch wenig elegant. Aus meiner Sicht wird der Zukunftsbezug bereits durch „in einem nächsten Schritt“ ausreichend klar gemacht. […]

Antwort

Guten Tag A.,

es gibt hier kein „eindeutig besser“. In diesem Satz kann zweimal werden stehen:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Das ist aber nicht notwendig. Es geht auch ohne das werden des Futurs:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt.

Im Deutschen haben die Namen der Verbzeiten häufig wenig mit der Bedeutung zu tun. So wird etwas Zukünftiges sehr häufig nicht mit dem Futur, sondern mit dem Präsens ausgedrückt. Wichtig ist nur, dass aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass es sich um etwas Zukünftiges handelt:

Morgen fahren wir nach Pisa.
Es geht bald los.
Ich gehe im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage ein.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank!

All diese Sätze können ohne Bedeutungsunterschied auch im Futur ausgedrückt werden:

Morgen werden wir nach Pisa fahren.
Es wird bald losgehen.
Ich werde im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage eingehen.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank werden!

In Sätzen, die bereits werden enthalten (als Vollverb oder als Hilfsverb des Passivs), ist das Futur mit werden korrekt, aber es wird oft das Präsens verwendet. Zweimal werden wird häufig als schwerfälliger empfunden.**

In Ihrem Satz gibt der Zusammenhang bereits die „Zukünftigkeit“ an und steht bereits das Hilfsverb werden des Passivs. Es ist deshalb nicht notwendig, das werden des Futurs zu verwenden. Üblicher ist meiner Ansicht nach das Präsens, aber das Futur ist auch korrekt. Einen Bedeutungsunterschied gibt es, wie gesagt, nicht. Die Wahl liegt bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Das gilt insbesondere dann, wenn zwei werden hintereinanderstehen:

X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden werden.
besser: X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.

Auflösung in Pixel oder Auflösung in Pixeln?

Frage

Seit einiger Zeit suche ich nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage, wie man Folgendes richtig schreibt:

a) Auflösung in Pixel
b) Auflösung in Pixeln

Hierzu habe ich bereits Analogien gesucht und gefunden, z. B. „Auflösung in Bildpunkten“ scheint richtig zu sein, denn „Auflösung in Bildpunkte“ sagt man nicht. Es gibt jedoch weitere unklare Fälle wie z. B. „Länge in Metern“ bzw. „Länge in Meter“. Ich hoffe, dass Sie mir bei dieser Frage helfen können.

Antwort

Guten Tag A.,

eine eindeutige Antwort gibt es hier nur insofern, als Auflösung in Pixeln besser ist als Auflösung in Pixel. Dasselbe gilt für zum Beispiel Länge in Metern, Abstand in Kilometern, Gewicht in Zentnern. Am besten also:

Auflösung in Pixeln
Länge in Metern
Abstand in Kilometern
Gewicht in Zentnern

Nach diesem in folgt nämlich der Dativ. Siehe zum Beispiel:

Auflösung in Bildpunkten
Länge in laufenden Metern
Abstand in gerundeten Kilometern
Gewicht in halben Zentnern

Die endungslosen Formen (Auflösung in Pixel, Länge in Meter, Abstand in Kilometer, Gewicht in Zentner) kommen aber auch vor. Das hat sehr wahrscheinlich damit zu tun, dass männliche Maß- und Mengenangaben auf unbetontes -er und -el im Dativ Plural gebeugt und ungebeugt verwendet werden können, wenn sie mit einer Zahlenangabe stehen:

in zehn Meter/Metern Höhe
in 20 Kilometer/Kilometern Entfernung
die Verwendung von 10 Zentner/Zentnern Kupfer
bei zwei Drittel/Dritteln der Befragten
mit einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixel/Pixeln

Beides gilt in diesen Fällen auch standardsprachlich als korrekt (siehe auch hier).

Zusammenfassend: Ohne Zahlenangabe verwenden Sie am besten Auflösung in Pixeln (das ist sicher richtig), aber Auflösung in Pixel kommt auch vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reagiert man über oder überreagiert man?

Frage

Ich schicke Ihnen eine kleinere Frage zum Verb „überreagieren“. Nach der Betonungsregel parallel zu „einen Mantel überziehen“ klar auf der ersten Silbe betont, also trennbar. Mir ist aber bei „er reagiert über“ sehr unwohl. Kann das stimmen? Und wie ist dann die Form im Perfekt? Ich finde „er hat überreagiert“ richtig.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

problemlos ist hier das Perfekt. Richtig ist:

er hat überreagiert

Anders sieht es bei gebeugten (finiten) Formen im Hauptsatz aus. Die beste Lösung ist hier wieder einmal, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Wenn es doch sein soll, dann am besten ungetrennt:

er überreagiert

Verben mit betontem über mit der Bedeutung zu sehr/stark sind im Deutschen dann problematisch, wenn sie als finite (gebeugte) Form im Hauptsatz stehen. Sind sie dann trennbar oder nicht? Sie müssten eigentlich trennbar sein, denn betonte Vorsilben werden im Hauptsatz abgetrennt:

einen Mantel überziehen – du ziehst den Mantel über
jemanden aufs Festland übersetzen – er setzt uns aufs Festland über
zu einem anderen Thema überwechseln – wir wechseln zu einem anderen Thema über

Bei den Verben dieser Gruppe (über = zu sehr/stark) ist dies aber nicht der Fall. Meist werden sie nur im Infinitiv und als Partizip gebraucht1:

Man sollte nicht überreagieren.
Sie haben überreagiert.

Seltener kommen finite Formen im Nebensatz vor:

Denkst du, dass ich überreagiere?
Ich finde, dass ihr überreagiert.

Im Hauptsatz kommen Verben dieser Art nur selten vor. Nach den Angaben in den Wörterbüchern, wenn sich überhaupt etwas dazu finden lässt, bleiben die Verbformen dann (meist) ungetrennt:

In diesem Fall überreagierst du.
Kleine Kinder überreagieren nicht, sie reagieren einfach ehrlich.

Im DWDS findet sich aber neben [er] überreagiert auch [er] reagiert über. Ich halte die getrennten Formen reagiert über für ungebräuchlich, aber es zeigt sich sowieso, dass hier eine relativ große Unsicherheit herrscht2. Am besten vermeiden Sie bei Unsicherheit solche Formen.

Dasselbe gilt auch für u.a.:

überbelasten, überbelegen, überbelichten, überbetonen, überbewerten, überbezahlen, übererfüllen, überversichern, überversorgen; überdosieren, überinterpretieren, überkompensieren, überregulieren, überstrapazieren, übertrainieren

sowie deren Gegenteil auf unter-, sofern vorhanden. Bei den meisten dieser Verben werden, wenn überhaupt, ungetrennte finite Hauptsatzformen angezeigt (du überbelastest, du überbelichtest, du überbetonst usw.).

Doch wie gesagt: Die Unsicherheit ist bei diesen Formen groß und ihre Häufigkeit (entsprechend?) gering.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Gemäß den Angaben im Online-Duden gibt es sogar gar keine finiten Verbformen von überreagieren. Nach einem kurzen Blick ins Internet und andere Wörterbücher halte ich das für nicht zutreffend.

2 Die Unsicherheit hat vielleicht damit zu tun, dass diese Verben häufig weniger direkte Ableitungen von einem Verb sind als eher Rückbildungen aus Substantiven wie Überreaktion, Überdosierung bzw. aus adjektivischen Partizipien wie überbelastet, überbelichtet usw. Zum Substantiv Überreaktion wird das Verb überreagieren gebildet, zum adjektivichen Partizip überbelichtet das Verb überbelichten usw.

Ist es zu Sarahs Linker oder zu Sarahs Linken?

Frage

Ich bin über die Frage eines Kollegen gestolpert, bei deren Antwort ich mir recht unsicher bin. Es geht um Folgendes:

Der Korridor führte auf die Terrasse. Zu Sarahs Linker ging es durch eine weitere Tür in den Essbereich.

Müsste es nicht heißen: „Zu Sarahs Linken ging es …“? Ich denke mir das so: „zur Linken von Sarah“, „zu Sarahs Linken“. Es heißt ja auch: „zu ihrer Linken“. Oder denke ich da völlig falsch? Ist vielleicht sogar beides richtig?

Antwort

Guten Tag R.,

das Wort Linke ist eine Substantivierung des Adjektivs linke. Es wird im Prinzip gleich gebeugt, wie wenn es als Adjektiv vor einem Substantiv steht:

zu ihrer linken Seite → zu ihrer Linken
zur linken Seite der Gastgeberin → zur Linken der Gastgeberin

Aber stark gebeugt, wenn ohne Artikel nach einem Genitiv:

zu Sarahs linker Seite → zu Sarahs Linker

Warum steht hier die Endung er? – Ohne Artikelwort wird ein Adjektiv, also auch linke, stark gebeugt:

zu Sarahs großer Freude
mit Sarahs kleiner Schwester
mit Frau Müllers ältester Tochter → mit Frau Müllers Ältester
zu Svens rechter Seite → zu Svens Rechter

Man hört und liest gelegentlich auch Formulierungen wie zu Sarahs Linken und zu Svens Rechten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Wendung nur selten mit einem vorangestellten Genitiv erscheint und sonst meist mit der Endung en steht. Grammatisch korrekt ist hier aber die starke Endung er, also zu Sarahs Linker und zu Svens Rechter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn „Bibliotheken als Dritter Ort“ im Genitiv (oder Dativ) steht

Frage

Gerne würde ich Sie zur korrekten Beugung von „dritter“ bei diesen zwei stichwortartigen Einträgen befragen:

Bibliothek als „Dritten Ort“ entwickeln (Akkusativ)
Entwicklung von Bibliotheken als „Dritten Ort“ (auch Akkusativ?)

Vielen Dank für Ihre Hilfe.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

wenn eine als-Gruppe sich auf ein Genitivattribut oder ein von-Attribut bezieht kann sie a) eng mit dem Attribut verbunden sein (→ gleicher Kasus). Sie kann sich aber auch b) auf das übergeordnete Substantiv beziehen (→ Nominativ):

a) die Entwicklung der Bibliotheken als „Dritten Ortes“
b) die Entwicklung der Bibliotheken als „Dritter Ort“

a) die Entwicklung von Bibliotheken als „Drittem Ort“
b) die Entwicklung von Bibliotheken als „Dritter Ort“

Mit einem Artikelwort funktioniert das ebenso, gemäß Duden ist die Übereinstimmung im Fall dann aber etwas üblicher als der Nominativ:

a) die Entwicklung der Bibliotheken als eines „Dritten Ortes“
b) die Entwicklung der Bibliotheken als ein „Dritter Ort“

a) die Entwicklung von Bibliotheken als einem „Dritten Ort“
b) die Entwicklung von Bibliotheken als ein „Dritter Ort“

Es kann jeweils einen leichten Bedeutungsunterschied geben, der aber in den meisten Kontexten unwichtig ist. Mir gefällt hier der Nominativ besser, die Fallangleichung (Genitiv bzw. Dativ) ist aber auch möglich und korrekt.

Dann noch eine allgemeine Bemerkung. Der Fall in als-Gruppen führt oft zu Zweifeln. Man begegnet deshalb häufiger auch anderen „Lösungen“, die aber standardsprachlich nicht als korrekt gelten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Delachaux(s) trinken gerne Bordeaux – mit oder ohne Pluralendung s?

Frage

Könnten Sie mir bitte verraten, wie die korrekte Pluralform für auf -x endende französische Namen wie Delachaux heißt: „die Delachaux“ oder „die Delachauxs“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

die kurze Antwort lautet:

die Delachaux

Und hier ein etwas längere Erklärung: Eine Regel, die genau diesen Fall beschreibt, kenne ich nicht. Ich würde analog zu anderen Eigennamen vorgehen.

Im Genitiv Singular gilt Folgendes:

Strauß’ Walzer
Schulz’ letzter Roman
Clairvaux’ Leben
Delachaux’ Tochter

Die Regel lautet: Bei auf s, ss, ß, x, z und ce endenden Namen setzt man im Genitiv Singular ein Apostroph statt der Endung s, und zwar auch dann, wenn im Genitiv ein s gesprochen wird. Das Beispiel auch der Rechtschreibregelung § 80(1) ist Clairvaux’ Leben und Wirken.

Im Nominativ Plural geht man so vor:

die Strauß sind / die Straußens sind
die Schulz haben / die Schulzens haben
die Clairvaux haben
die Delachaux sind

Hier gibt es keine explizite Regel. Deutsche Familiennamen mit s, ss, ß, x oder z am Schluss können endungslos sein oder die Endung –ens annehmen. Weiter gilt analog zur Genitivform für fremdsprachige Namen auf s, ss, x, z oder ce, dass keine Endung geschrieben wird, auch wenn die Endung s gesprochen wird (die Endung -ens kommt hier nicht in Frage).

Diese Sichtweise wird auch von geschriebenen Pluralformen wie diesen unterstützt:

die Bordeaux (mit oder ohne Endung s gesprochen)
die Grands Prix (meist ohne Endung s gesprochen)
die Cachenez (mit oder ohne Endung s gesprochen)
die Pincenez (mit Endung s gesprochen)

Die beiden alten Delachaux konnten die Etiketten der Bordeaux nur mit Hilfe ihrer Pincenez lesen – und dies ganz ohne geschriebene Endungen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp

Der Brief von Russlands Präsident/Präsidenten Putin – mit oder ohne Endung?

Frage

Ich mir unsicher bei folgender Aussage: „der Brief von Russlands Präsident/en Wladimir Putin.“

Meinem Gefühl nach würde ich zu „Präsident“ tendieren, auf der andern Seite erfragt man: „Der Brief von wem?“, was eigentlich einen Dativ zur Folge haben müsste. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.

hier ist sowohl die ungebeugte Form Präsident als auch die gebeugte Form Präsidenten möglich. Bei der Erklärung, warum das so ist, muss ich etwas weiter ausholen:

Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. können in Verbindung mit einem Namen unveränderlich sein oder gebeugt werden. Mit welcher Konstruktion man es zu tun hat, sieht man in der Regel daran, ob ein Artikelwort verwendet wird oder nicht:

Ungebeugt ohne Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit Fürst Metternich
ein Treffen mit US-Präsident Trump
Krimiautor Mario Puzzos berühmter Roman
Onkel Alberts Fiat und Tante Lisas BMW
Königin Margrethes Abdikation

Gebeugt mit Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit dem Fürsten Metternich
ein Treffen mit dem US-Präsidenten Trump
der berühmter Roman des Krimiautors Mario Puzzo
der Fiat meines Onkels Anton und der BMW deiner Tante Lisa
die Abdikation der Königin Margrethe

Auch das Wort Präsident kann also ohne Artikel vor dem Namen stehen. Es bleibt dann ungebeugt (gebeugt wird ggf. der Name):

ein Treffen mit Präsident Putin
der Brief von Präsident Wladimir Putin
Präsident Wladimir Putins Brief

Präsident kann auch Kern der Wortgruppe sein und den Namen als nähere Bestimmung (Apposition) bei sich haben. Dann hat es ein Artikelwort vor sich und wird gebeugt (der Name bleibt ungebeugt):

ein Treffen mit dem Präsidenten Putin
(der Brief vom Präsidenten Wladimir Putin [nur umgangssprachlich])
der Brief des Präsidenten Wladimir Putin

Und nun kommen wir endlich zu Ihrem Beispiel. In Russlands Präsident Wladimir Putin hat Präsident ein vorangestelltes Genitivattribut. Ein solches Attribut ersetzt ggf. den Artikel:

das Auto von Frau Müller = Frau Müllers Auto
die Wälder Russlands = Russlands Wälder

Ebenso:

der Brief des Präsidenten von Russland Wladimir Putin
= der Brief von Russlands Präsidenten Wladimir Putin

Man kann aber auch ohne Artikel formulieren:

der Brief von Präsident Wladimir Putin von Russland
= der Brief von Russlands Präsident Wladimir Putin

Was Sie wählen, hängt also davon ab, ob es sich um einen Brief des Präsidenten von Russland Putin (→ von Russlands Präsidenten Putin) oder um einen Brief von Präsident Putin von Russland (→ von Russlands Präsident Putin) handelt. Da es hier m.M.n. keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied gibt, passt, wie am Anfang gesagt, beides. Wirklich wichtig wäre ohnehin, dass in einem solchen Brief etwas gemeint Friedliches stünde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenreiche Formulierung:
Soll er sich haben ansprechen lassen, ansprechen haben lassen oder ansprechen lassen haben?

Frage

Wie sollte man Ihrer Meinung nach in diesem Satz die Verben anordnen? „Er soll sich mit ,Boss‘ ansprechen haben lassen“ („haben ansprechen lassen“, „ansprechen lassen haben“?). Ich finde im Duden leider nichts dazu und auch nicht in Ihrem Blog-Archiv unter dem Stichwort „Infinitiv(e)“.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

hier haben wir es wieder einmal mit einer Anhäufung von Verbformen zu tun, die nicht allzu oft vorkommt und bei der man leicht ins Stolpern geraten kann – vor allem wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier:

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Die allgemeine Regel lautet so:

Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv von heißen, lassen, helfen, sehen, fühlen, hören enthält und dieser Ersatzinfinitiv vom Hilfsverb haben abhängig ist, wird das finite Hilfsverb im Nebensatz in der Regel vor die Verbgruppe gestellt. Zumindest bei lassen, sehen, fühlen, hören gilt aber die Endstellung des finiten Hilfsverbs auch als korrekt.

dass er sich mit Boss hat ansprechen lassen
dass er sich mit Boss ansprechen lassen hat

ob jemand die Verdächtigen habe weggehen sehen
ob jemand die Verdächtigen weggehen sehen habe

obwohl er das Kind hatte weinen hören
obwohl er das Kind weinen hören hatte

Die Regel gilt auch im folgenden Fall, in dem noch eine Verbform hinzukommt:

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst im Infinitiv steht.

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Jemand musste die Verdächtigen haben weggehen sehen.
Jemand musste die Verdächtigen weggehen sehen haben.

Er will das Kind haben weinen hören.
Er will das Kind weinen hören haben.

Siehe hierzu auch die LEO-Grammatik; Duden, Grammatik, 9. Auflage, 2016, Randnummer 684; Duden, Grammatik, 10. Auflage, 2022, Randnummer 658 ff.

Wie die Beispiele zeigen, sind Formulierungen dieser Art schwierig zu verwenden, ebenso schwierig zu erklären und manchmal auch gar nicht so einfach zu verstehen. Wenn sie nicht spontan der Tastatur entspringen oder wenn man zweifelt, ist es oft besser, etwas weniger verbformenreich zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp