Im Urlaub in Urlaub fahren

Frage

Immer wieder sehe ich die beiden Varianten „Wohin fährst Du in den Urlaub?“ und „Wohin fährst Du im Urlaub?“. Die Antwort ist klar mit Akkusativ: „ans Meer“, „in die Berge“ usw. Könnten Sie mit den Unterschied erklären oder ist eine Version falsch?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

auch wenn einige meinen, „im Urlaub“ sei hier falsch, sind beide Versionen als richtig anzusehen. Es gibt aber einen leichten Bedeutungsunterschied:

Die Formulierungen „in (den) Urlaub fahren“ ist eine feste Wendung. Sie drückt aus, dass jemand sich für den Urlaub irgendwohin begibt:

Wohin fährst du in den Urlaub? (= Was ist dein Urlaubsziel?)
Ich fahre in die Eifel in den Urlaub.
irgendwohin in (den) Urlaub fahren

Die Formulierung „im Urlaub“ ist eine Zeitangabe (wann?). Man gibt an, dass etwas während des Urlaubs geschieht.

Wohin fährst du im Urlaub? (= Wohin fährst du während des Urlaubs?)
Ich fahre im Urlaub in die Eifel.
im Urlaub irgendwohin fahren

Vgl.

Was machst du im Urlaub?
Ich bleibe im Urlaub zu Hause.

Bei der Angabe des Urlaubsziels ist „irgendwohin in (den) Urlaub fahren/gehen/reisen“ üblich. Wenn man angibt, was man während seines Urlaubs (unter anderem) tut, ist aber auch „im Urlaub irgendwohin fahren“ möglich. Dasselbe gilt für „irgendwohin in die Ferien fahren“ und „in den Ferien irgendwohin fahren“, wenn Sie aus einer  Sprachregion kommen, in denen man in solchen Fällen eher „Ferien“ als „Urlaub“ sagt.

Mögen wir bald wieder im Urlaub überallhin in Urlaub fahren können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welche Formen hat das Verb „leiben“?

Frage

Das Verb „leiben“ ist ein altes Verb. Laut Duden und Wiktionary solle die Konjugation mit dem Hilfsverb „haben“ erfolgen. Welches ist dann die Partizip-Perfekt-Form? Welche Konjugationsformen gibt es noch bzw. nicht mehr?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Verb „leiben“ wird regelmäßig (schwach) gebeugt:

leiben, leibte, hat geleibt

Nach den Angaben der Wörterbücher kommt „leiben“ heute nur in der festen Wendung „wie jemand/etwas leibt und lebt“ vor (Bedeutung: „lebensecht; wie jemand/etwas typischerweise auftritt“). Bei dieser Formulierung gibt es keine Einschränkung bezüglich Modus, Tempus und Person, in der sie stehen kann. Zumindest theoretisch sind also außer dem Imperativ (ein Nebensatz kann nicht im Imperativ stehen) alle Formen möglich. Zum Beispiel:

wie ihr leibt und lebt
wie du leibtest und lebtest
wie sie leibe und lebe
wie sie geleibt und gelebt haben
wie wir leiben und leben werden

Manche dieser Formen kommen wahrscheinlich nur selten oder gar nicht vor, möglich sind sie aber alle.

Hier zeigt sich wieder einmal eine Schwierigkeit, die entsteht, wenn für selten vorkommende Wörter angegeben werden soll, welche Formen „es gibt“. Gehören Formen dazu, die es theoretisch geben kann, deren Vorkommen aber kaum oder nicht nachzuweisen ist? Meine Meinung ist, dass man hier großzügig sein sollte. Von „kommt nicht vor“ oder „gibt es nicht“ zu „ist falsch“ ist es nämlich nur ein kleiner Schritt, den manche für meinen Geschmack viel zu schnell machen.

Kurzum: Beim Verb „leiben“ sind heute außer dem Imperativ alle Flexionsformen möglich, gebräuchlich sind aber vor allem die Formen der dritten Person.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich denke, dass der Konjunktiv hier falsch sei

Frage

Wir sind uns bei der Verwendung des Konjunktivs I nicht ganz einig. Könnten Sie bitte helfen? Es geht um die Verben des Meinens, Glaubens, Denkens in der ersten Person Präsens mit einem Objektsatz. Kann man hier den Konjunktiv I verwenden, um seine subjektive Sicht auszudrücken und zuzugestehen, dass man vielleicht falsch liegt? Beispiele:

Ich denke, Tanzen sei spannend.
Ich finde, dass das Kleid schön sei.
Ich nehme an, er sei krank.
Ich vermute, dass sie jetzt in der Schule sei.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund sei.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei Verben des Sagens, Denkens, Glaubens, Meinens usw. wird mit dem Konjunktiv angegeben, dass das Gesagte als indirekte Wiedergabe der Äußerung einer Drittperson verstanden werden soll. Man gibt an, dass man nicht die eigenen Worte/Gedanken äußert, sondern die Worte/Gedanken anderer wiedergibt.

Wenn das Subjekt des einleitenden Verbs eine erste Person ist, drückt der Sprecher bzw. die Sprecherin direkt die eigene Meinung, die eigenen Gedanken usw. aus. Der Konjunktiv, der Indirektheit anzeigt, ist deshalb nicht üblich. Möglich ist nur der Indikativ:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.1
Ich finde, dass das Kleid schön ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.1
Ich vermutet, dass sie jetzt in der Schule ist.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund ist.

Dann zum Aspekt der Subjektivität oder der Einschränkung des Gültigkeitsanspruchs, den der Konjunktiv auch ausdrücken kann: Dass es sich um eine subjektive Meinung handelt, mit der man falschliegen könnte, wird durch das einleitende Verb ausgedrückt. Dieser Aspekt ist bereits in der Bedeutung von „denken“, „finden“, „annehmen”, „vermuten“ usw. enthalten. Wenn man sicher ist, verwendet man nicht diese Verben, sondern zum Beispiel „ich weiß, dass“ oder man macht die Aussage ohne einleitendes Verb:

Tanzen ist spannend.
Er ist krank.
Ich weiß / bin sicher, dass er krank ist.

Bei Sätzen dieser Art (indirekte Rede) ist also der Konjunktiv nicht üblich, wenn das einleitende Verb in der ersten Person steht. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Alle Beispiele oben stehen nämlich im Präsens. In der Vergangenheit sieht es anders aus: In der Vergangenheit ist der Konjunktiv auch bei der ersten Person möglich. Durch den zeitlichen Abstand ist sozusagen Indirektheit entstanden:

Ich dachte, Tanzen sei spannend.
Ich fand, dass das Kleid schön sei.
Ich habe angenommen, er sei krank.
Ich vermutete, dass sie in der Schule sei.
Ich war der Meinung, Alkohol sei ungesund.

Hier kann der Konjunktiv zusätzlich den Aspekt ausdrücken, dass man sich damals getäuscht hat. Das muss aber nicht so sein. Die Verwendung des Konjunktivs ist im Deutschen nicht sehr streng geregelt. Was genau gemeint ist, ergibt sich häufig erst aus dem weiteren Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


1 In der (geschriebenen) Standardsprache ist es besser, einen dass-Satz im Indikativ anstelle eines uneingeleiteten Nebensatzes im Indikativ zu verwenden:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.

Besser nicht:

Ich denke, Tanzen ist spannend.
Ich nehme an, er ist krank.

Diese Sätze sind nicht falsch, sie gehören aber eher der gesprochenen Sprache an.

Ist „bräuchte“ immer noch tabu?

Frage

Heißt es „brauchte“ oder „bräuchte“? Ich verwende im Konjunktiv II gerne die Form „brauchte“, aber irgendwie mit schlechtem Gewissen! Zu Recht? Welche Form bevorzugen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

Sie brauchen wegen „brauchte“ kein schlechtes Gewissen zu haben. Es ist die korrekte Form des Konjunktivs II. Das Verb „brauchen“ wird schwach (regelmäßig) konjugiert und bei schwach konjugierten Verben wird der Stamm nicht umgelautet. Trotzdem kommt die umgelautete Form „bräuchte“ heute sehr häufig vor. Sie ist in Analogie zu Formen wie „dürfte“, „könnte“ und „müsste“ entstanden und hat den Vorteil, dass sie sich anders als die regelmäßige Form „brauchte“ vom Indikativ Präteritum unterscheidet.

brauchte = Indikativ Präteritum:
Ich brauchte einen Schraubenzieher, den ich einer Schublade gefunden hatte.

brauchte = Konjunktiv II:
Ich brauchte einen Schraubenzieher, wenn ich einen finden könnte.

Beim zweiten Satz wird der Deutlichkeit halber häufig auf die würde-Form oder eben die umgelautete Form ausgewichen:

Ich würde einen Schraubenzieher brauchen, wenn ich einen finden könnte.

Ich bräuchte einen Schraubenzieher, wenn ich einen finden könnte.

In der gesprochenen Sprache wird dieses „bräuchte“ regelmäßig verwendet. Auch in standardsprachlichen Texten kommen die umgelauteten Formen „bräuchte“, „bräuchtest“, „bräuchten“ und „bräuchtet“ vor, sie werden aber noch nicht von allen als korrekt akzeptiert. Wenn Sie „bräuchte“ verwenden, riskieren Sie also, von Mitmenschen mit traditionellem Grammatikverständnis nachdrücklich („falsch!“) oder eher mild („umgangssprachlich“) getadelt zu werden. Ich verwende deshalb in Texten meist „brauchte“ oder „brauchen würde“.

Sie würden es mir sagen, wenn Sie noch etwas brauchten?

Ich frage mich, wie viel Zeit wir dafür brauchen würden.

Ich würde aber beim Anblick der Form „bräuchte“ nicht den Rotstift zücken. Gemäß Duden* ist die umgelautete Form sogar schon standardsprachlich korrekt. Im Gegensatz dazu, was früher häufig gelehrt wurde, ist „bräuchte“ heute nicht mehr (ganz) tabu.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Duden, Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 8. Auflage, 2016, Stichwort „brauchen“.

Sind oder ist Nudeln mit Pilzsauce mein Lieblingsgericht?

Frage

Ich habe eine kurze Frage. Was ist richtig: „Mein Lieblingsgericht ist/sind Spaghetti“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

nach den Regeln der Grammatik muss es im Prinzip heißen:

Mein Lieblingsgericht sind Spaghetti.
Mein Lieblingsessen sind Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht waren grüne Bohnen mit Speck.

Die entsprechende Regel lautet: Wenn zwei Nominative mit „sein“ miteinander verbunden sind und nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb in der Regel im Plural (siehe hier). Hier ein paar Beispiele:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Diese Sachen sind alles, was ich noch habe.
Eine große Gefahr bleiben unbewachte Bahnübergänge.
Das beste Gericht sind die Nudeln mit Pilzsauce.

Soweit die Regel. Weshalb klingt dann „Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti“ gar nicht so falsch, insbesondere dann nicht, wenn noch angegeben wird, was für Spaghetti gemeint sind:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti mit Tomatensauce.

Das liegt daran, dass Namen von Gerichten als eine Einheit wahrgenommen werden (ähnlich wie ein Titel) und dann wie ein Singular behandelt werden können:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti bolognese
Mein Lieblingsessen ist Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht war grüne Bohnen mit Speck.

Das funktioniert übrigens nur ohne Artikel. Wenn ein Artikelwort hinzutritt, kann nur der Plural verwendet werden:

Mein Lieblingsgericht sind die Spaghetti bolognese.
Mein Lieblingsessen sind deine Nudeln mit Pilzsauce.

Wenn Sie mit Leuten zu tun haben, die es grammatisch sehr genau nehmen und Sie (unnötige) Diskussionen vermeiden möchten, wählen Sie auch ohne Artikel besser den Plural. Ansonsten schmeckt’s ohnehin, ganz gleich ob Spaghetti bolognese Ihr Lieblingsgericht sind oder ist. (Eines meiner Lieblingsgerichte sind oder ist übrigens Nudeln mit Pilzrahmsauce.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mir als Deutscher, als Deutschem, als Deutsche?

Frage

Es geht um den Satz „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“. Dem Kunden gefällt das „GrüneR nicht“. Ist es zwingend oder dürfte hier auf den Nominativ ausgewichen werden?

Sicherlich haben Sie gemerkt, dass im Beispielsatz eine Frau spricht. In der jetzigen Fassung steht das Wort im Dativ, wie es m. E. sicher auch korrekt ist. Die Frage ist nur, ob solche Nomen […] auch im Nominativ stehen können. Mein Kollege brachte noch dieses Beispiel: „Ihm als Deutscher ist das bekannt.“ Irgendwie klingt es nicht falsch, aber ich glaube dennoch, dass es „Deutschem“ heißen sollte.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der Grundregel stimmt eine solche als-Gruppe im Kasus mit dem Wort überein, auf das sie sich bezieht. Zu dieser Grundregel gibt es viele Ausnahmen, Ihre Beispiele gehören aber nicht dazu (siehe hier). Standardsprachlich sollte auch bei substantivierten Adjektiven die Kasusangleichung befolgt werden:

Singular weiblich:
ich/du/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mich/dich/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mir/dir/ihr als als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politikerin

Singular männlich:
ich/du/er als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politiker
mich/dich/ihn als Grünen – als Deutschen – als deutschen Politiker
mir/dir/ihm als Grünem – als Deutschem – als deutschem Politiker

Plural:
wir/ihr/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/ihnen als Grünen – als Deutschen – als deutschen Abgeordneten

Für Ihre Beispiele heißt das:

Mir als Grüner sind die Hände gebunden (weiblich)
Mir als Grünem sind die Hände gebunden (männlich)
Ihm als Deutschem ist bekannt …
Ihr als Deutscher ist bekannt …

Es ist aber nicht erstaunlich, dass Sie zweifeln. Häufig wird hier nämlich statt der Kasusangleichung der „neutrale“ Nominativ gewählt (zum Beispiel: „ihm als Deutscher“, „ihm als deutscher Politiker“; „ihr als Deutsche“, „ihr als deutsche Politikerin“). Das ist verständlich, denn es kann in den meisten Fällen auch ohne Kasusangleichung zu keinen Verständnisschwierigkeiten führen. In der Formulierung „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“ kann „Grüner“ sowohl ein weiblicher Dativ als auch ein männlicher Nominativ sein. In der Regel ist aber klar, ob eine männliche oder eine weibliche Person am Wort ist, so dass es zu keinen Verwechslungen kommt.

Wenn Sie aber erbetener und ungefragter Kritik oder gar dem korrigierenden Rotstift vorbeugen möchten, wählen Sie hier die Übereinstimmung im Kasus. Sie gilt in diesem Fall standardsprachlich als die richtige Lösung. Ich hoffe, dass ich Ihnen als Zweifelndem hiermit ein bisschen weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bin oder habe ich den Weg entlanggegangen? – Das Hilfsverb „sein“ bei transitiven Verben

Frage

Was ist die Regel zu:

Ich habe das Auto gefahren
Ich bin das Auto gefahren

Es steht die Behauptung im Raum, dass man mit „haben“ konjugiert, wenn ein Akkusativobjekt da ist. Somit müsste es heissen:

Ich habe den Weg entlanggegangen

Dem kann ich nicht zustimmen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im Prinzip bilden transitive Verben, das heißt Verben mit einem Akkusativobjekt, das Perfekt mit „haben“. Deshalb steht auch zum Beispiel „fahren“ mit „haben“, wenn es transitiv verwendet wird:

intransitiv: Ich bin mit dem Auto gefahren.
transitiv: Ich habe das Auto in die Garage gefahren.

Zu der Regel, dass transitive Verben mit „haben“ konjugiert werden, gibt es natürlich auch ein paar Ausnahmen: Einige wenige transitive Verben, die von einem mit „sein“ konjugierten Verb abgeleitet sind, bilden die Vergangenheit mit „sein“. Beispiele sind:

etwas eingehen: Er ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.
jemanden/etwas loswerden: Ich bin die Sachen nicht losgeworden.
etwas durchgehen: Sie ist die Arbeit mit den Schülern durchgegangen.

Siehe auch hier.

Zu diesen Verben gehören auf den ersten Blick auch „entlanggehen“, “entlanglaufen”, „entlangfahren“ usw.:

Ich bin den Weg entlanggegangen.
Sie ist mit dem Finger die Linie entlanggefahren.

Auf den zweiten Blick muss man allerdings sagen, dass es sich bei diesen Verben, wenn überhaupt, um ein ungewöhnliches Akkusativobjekt handelt. Es ist nämlich eher ein Akkusativ, der von „entlang“ abhängig ist, als ein Objekt. Wenn „entlang“ nachgestellt ist, verlangt es üblicherweise den Akkusativ (siehe hier):

den Weg entlang hinaufsteigen
die Straße entlang weiterfahren

Bei einfachen Verben wird dieses „entlang“ mit dem Verb zusammengeschrieben. Der von „entlang“ abhängige Akkusativ sieht dann aus wie ein Akkusativobjekt:

den Weg entlanggehen
die Straße entlangfahren

Das ist eine weitere Erklärung dafür, warum Verben wie „entlanglaufen“, „entlanggehen“ und „entlangfahren“ mit „sein“ konjugiert werden, obwohl sie ein Akkusativobjekt bei sich zu haben scheinen. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man darauf achten sollte, Regeln nicht allzu strikt anzuwenden. Es gibt immer Ausnahmen und Sonderfälle. Sie hatten also recht: Das Perfekt von „entlanggehen“ wird mit dem Hilfsverb „sein“ gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Beide oder beides? – Plural oder Singular?

Frage

[…] Sie haben am Ende einer Erklärung mit zwei Beispielen das Folgende geschrieben: „Beides ist hier möglich“:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Wäre nicht logischer und damit (stilistisch) besser „Beide sind hier möglich“?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „beide“ kommt tatsächlich sehr häufig im Plural vor. Das ist dann der Fall, wenn es sich auf zwei Personen oder auf zwei gleichartige Dinge bezieht:

Meine Mutter und mein Vater, beide kommen aus dem Schwarzwald.
Zwei Stühle zu verkaufen, beide in gutem Zustand
Ich kenne die erste und die zweite Strophe. Ich finde beide schön.
Du hattest zwei Versuche. Beide sind missglückt.

Nur allein stehend kommen die Singularformen „beides“ (Nominativ und Akkusativ) und „beidem“ (Dativ) vor. Sie beziehen sich auf zwei verschiedenartige Dinge, Eigenschaften oder Vorgänge:

Kuckucksuhr und Kirschtorte, beides gehört zu den Schwarzwälder Klischees.
Tisch und vier Stühle zu verkaufen, beides in gutem Zustand
Rot oder Grün? – Mir gefällt beides.
Hierbleiben oder mitkommen, ich bin mit beidem einverstanden.

In der zitierten Antwort halte ich nur den Singular für richtig:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Erst wenn man „sein würde“ und „werden würde“ durch das Hinzufügen von z. B. „Form“ zu gleichartigen Elementen macht, ist auch der Plural möglich:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beide sind hier möglich.
(beide Formen)

Der Singular ist dann aber nicht ausgeschlossen:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.
(Zustand angeben mit „sein würde“ + Vorgang angeben mit „werden würde“)

Dieses Beispiel zeigt, dass die Grenzen manchmal fließend sind. Das liegt daran, dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen gleichartigen und verschiedenartigen Dingen nicht immer möglich ist.

Ich habe einen Tisch und einen Stuhl neu gestrichen, beides hellblau.
(Tisch und Stuhl = zwei verschiedene Dinge)
Ich habe einen Tisch und einen Stuhl gekauft, beide in der Höhe verstellbar.
(Tisch und Stuhl = zwei Möbelstücke)

Kurz zusammengefasst: Bei Personen und gleichartigen Dingen heißt es „beide“, bei verschiedenartigen Dingen heißt es „beides“ – und manchmal ist beides möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig, ein bisschen und der Genitiv

Frage

Ich habe eine Frage zu „ein wenig“ und „ein bisschen“ in Bezug auf den Genitiv. Sind folgende Formulierungen korrekt?

wegen ein wenig Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch

Ist auch der Genitiv möglich?

wegen ein wenig Weins/Milchs
wegen ein bisschen Weins/Milchs

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn auf „ein wenig“ und „ein bisschen“ ein allein stehendes Substantiv folgt, kann es nicht im Genitiv stehen. Im Singular ist dann die ungebeugte Form (Nominativ) üblich, wie Sie dies in Ihren ersten Beispielen getan haben:

wegen ein wenig Wein
wegen ein bisschen Milch

So weit, so einfach. Die Beugung bei „ein wenig“ und insbesondere bei „ein bisschen“ hat aber noch ein paar Finessen bereit:

Wenn das Substantiv mit einem gebeugten Adjektiv o. Ä. steht, kommt doch der Genitiv zum Zug:

wegen ein wenig roten Weins
wegen ein bisschen frischer Milch

Bei „ein bisschen“ bleibt „bisschen“ immer ungebeugt, aber der unbestimmte Artikel kann gebeugt werden. Wenn man sich für die Beugung des Artikels entscheidet, steht auch das Substantiv im Genitiv (auch wenn mir das irgendwie nicht „logisch“ vorkommt):

wegen eines bisschen Weins
wegen eines bisschen Stoffs

Mit einem gebeugten Adjektiv:

wegen eines bisschen roten Weins
wegen eines bisschen frischer Milch

Und wenn wir schon dabei sind: Wie sieht es diesbezüglich im Dativ aus? – Ganz ähnlich, das heißt, „ein wenig“ bleibt ungebeugt und bei „ein bisschen“ kann der unbestimmte Artikel gebeugt werden:

mit ein wenig [rotem] Wein
mit ein/einem bisschen [frischer] Milch

Und nun „zusammenfassend“ für die Liebhaber und Liebhaberinnen von Tabellen und Ähnlichem

ein wenig Wein/Milch
für ein wenig Wein/Milch
mit ein wenig Wein/Milch
wegen ein wenig Wein/Milch

ein wenig roter Wein/frische Milch
für ein wenig roten Wein/frische Milch
mit ein wenig rotem Wein/frischer Milch
wegen ein wenig roten Weins/frischer Milch

ein bisschen Wein/Milch
für ein bisschen Wein/Milch
mit ein/einem bisschen Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch
wegen eines bisschen Weins/Milch

ein bisschen roter Wein/frische Milch
für ein bisschen roten Wein/frische Milch
mit ein/einem bisschen rotem Wein/frischer Milch
wegen ein/eines bisschen roten Weins/frischer Milch

Mit der Bitte um ein wenig Nachsicht, weil es ein bisschen viel Information geworden ist, und mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

———

Nachtrag für „unverbesserliche“ Genitivfans:

Nach „ein wenig“ und „ein bisschen“ ist der partitive Genitiv nicht gebräuchlich. Es heißt also nicht:

Ein wenig/Ein bisschen frischer Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Weins
mit ein wenig/ein[em] bisschen guten Willens

sondern wie nach zum Beispiel “viel” oder “wenig”:

Ein wenig/Ein bisschen frische Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Wein
mit ein wenig/ein[em] bisschen gutem Willen

Sowohl der Plural als auch der Singular sind/ist hier richtig

Frage

Verwendet man nach „sowohl – als auch“ die Singular- oder die Pluralform? Beispiel: „Sowohl er als auch sein Chef vertreten/vertritt die gleiche Meinung.“

Antwort

Guten Tag J.,

wenn zwei Subjektteile im Singular durch „sowohl – als auch“ verbunden sind, steht das Verb häufig im Plural, es kann aber auch im Singular stehen. Beides gilt als richtig:

Sowohl er als auch sein Chef vertreten die gleiche Meinung.
Sowohl er als auch sein Chef vertritt die gleiche Meinung.

Sowohl der Plural als auch der Singular gelten hier als richtig.
Sowohl der Plural als auch der Singular gilt hier als richtig.

Sowohl Glück als auch Gesundheit sollen dich im neuen Jahr begleiten!
Sowohl Glück als auch Gesundheit soll dich im neuen Jahr begleiten!

Wenn einer der beiden Subjektteile im Plural steht, ist nur der Plural für das Verb üblich, insbesondere dann, wenn der Subjektteil im Plural näher beim Verb steht:

Sowohl der Chef als auch seine Mitarbeiter vertreten die gleiche Meinung.

Etwas komplizierter wird es im nicht sehr häufig vorkommenden Fall, dass „sowohl – als auch“ Subjektteile verbindet, die nicht in der gleichen Person stehen. Dann gelten im Prinzip diese Regeln:

Wenn eine 1. Person mit einer 2. oder 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 1. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „wir“ zusammenfassen:

Sowohl du als auch ich [= wir] fahren heute nach Hamburg.
Sowohl ich als auch ihr haben den Film bereits gesehen.
Sowohl wir als auch ihr sollten stolz auf unsere Herkunft sein.

Sowohl meine Schwester als auch ich [= wir] wissen es noch gut.
Sowohl ich als auch meine Mitarbeiter haben uns die größte Mühe gegeben.
Sowohl die Nachbarn als auch ich waren mit der Mietpreiserhöhung einverstanden.

Wenn eine 2. Person mit einer 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 2. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „ihr“ zusammenfassen:

Sowohl er als auch du [= ihr] seid heute aus Hamburg angekommen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürft euch über diesen Erfolg freuen.
Sowohl ihr als auch euer Vater habt sie schlecht behandelt.

Die Regeln sind einfach, aber wenn man hier doch einmal unsicher wird oder wenn eine Formulierung irgendwie sonderbar anmutet**, kann man zur Sicherheit das Pronomen „wir“ oder „ihr“ einfügen:

Sowohl meine Schwester als auch ich, wir wissen es noch gut.
Sowohl er als auch du, ihr seid heute aus Hamburg angekommen.

Sowohl die Kongruenz im Numerus als auch die Kongruenz in der Person können/kann zu Unsicherheiten führen. Zum Glück geht es aber meistens gut – wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Es gibt eine Tendenz, das Verb mit der Person des ihm am nächsten stehenden Subjektteils übereinstimmen zu lassen:

Sowohl ich als auch ihr habt den Film bereits gesehen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürfen sich über diesen Erfolg freuen.

Diese Formulierungen gelten aber nicht allgemein als korrekt.