Indikativ und Konjunktiv in Konditionalgefügen: Wie wäre es, wenn wir gehen/gingen?

Frage

Ich kann den folgenden Satz nicht richtig einordnen:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen?

Mein Sprachgefühl verlangt hier das Wort „würde“, also:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen würden?

Zunächst habe ich an einen irrealen Bedingungssatz oder Ähnliches gedacht: „Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden, dann könnten wir den Film um 20 Uhr noch sehen.“ Ich glaube aber, dass ich falsch liege. Das „wie wäre es“ lässt sich doch auch ersetzen. […] Bevor ich noch länger darüber nachdenke, frage ich lieber jemanden, der sich damit auskennt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

der Satz, den Sie nicht richtig einordnen können, hat die Form eines Konditionalgefüges. In einem Konditionalgefüge beinhaltet ein Teilsatz eine Bedingung und ein Teilsatz die Folge bei Erfüllung dieser Bedingung. Im Prinzip stehen dabei beide Teilsätze im Indikativ oder beide Teilsätze im Konjunktiv II (o. würde-Form).

Im Indikativ wird das Gesagt als real angenommen:

Ich komme, wenn ich Zeit habe.
Wenn du gut für dich sorgst, wirst du bald wieder gesund sein.
Errätst du die Zahlen richtig, gewinnst du den Hauptpreis.

Im Konjunktiv II wird das Gesagte als irreal, nur gedacht angenommen:

Ich käme, wenn ich Zeit hätte.
Wenn du besser für dich sorgen würdest/sorgtest, wärst du bald wieder gesund.
Hättest du die Zahlen richtig erraten, hättest du den Hauptpreis gewonnen.

Vor allem in der gesprochenen (Umgangs)sprache kommen auch Formulierungen vor, in denen der Indikativ und der Konjunktiv gemischt werden. Das ist in Ihrem Beispiel der Fall:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen?

Das hat damit zu tun, dass der Konjunktiv II hier nicht „irreal“, sondern einfach nur höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn …? = Was hältst du davon, wenn …?

Ihre Annahme, dass kein echter irrealer Bedingungssatz vorliegt, ist also richtig. Im formaleren Sprachgebrauch sollten solche „Mischformen“ aber besser vermieden werden, also auch dann, wenn der Konjunktiv II einfach höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen würden/gingen?

Auch ein „nur“ höflich gemeintes irreales Konditionalgefüge formuliert man stilistisch besser mit doppeltem Konjunktiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zum Unterschied zwischen einer Superidee und einer super Idee

Frage

Ich möchte mich mit einer Frage zur deutschen Sprache an Sie wenden. Und zwar geht es um die Verschriftlichung von Formulierungen, die man vorwiegend in der Umgangssprache antrifft. […] Kürzlich las ich folgenden Dialog, der das Problem, auf das ich hinauswill, aufzeigt:

»Ich schlafe eigentlich immer gut, ich habe nämlich ein super Bett!«
»Du Glückliche! Vielleicht schlafe ich deshalb häufig nicht gut, weil ich kein Superbett habe.«

Sie ahnen es vielleicht schon – es geht um die beiden verschiedenen Schreibweisen von „super Bett“ versus „Superbett“. Mir ist nicht klar, wieso hier überhaupt verschiedene Schreibweisen gewählt wurden – vielleicht einfach eine versehentliche Inkonsistenz? Aber wenn man sich für eine Variante entscheiden müsste, welche wäre die richtige? Ich will im Folgenden einige weitere Beispiele anführen, um die Frage noch besser zu veranschaulichen:

Ich habe eine super Idee!
Ich habe eine Superidee!
Du hast ein klasse Resultat erzielt!
Du hast ein Klasseresultat erzielt!
Das war eine mega Party.
Das war eine Megaparty.
Das ist ein riesen Problem.
Das ist ein Riesenproblem.

Welche Schreibvariante ist die korrekte? Oder hat man freie Wahl? Und falls ja: Gibt es Bedeutungsunterschiede zwischen den Schreibweisen? Und auf welche Rechtschreibregel(n) lässt sich die Entscheidung für die eine oder andere Schreibung zurückführen? […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

bei der Wiedergabe von umgangssprachlichen Äußerungen dieser Art ist vor allem die Betonung wichtig:

Das ist eine Súperidee
Das ist eine super Idéé

ein Súperbett
ein super Bétt

Das Affix „Super-“ trägt die Hauptbetonung in der Verbindung und wird mit dem Substantiv zusammengeschrieben. Wenn „super“ bei neutraler Aussprache nicht die Hauptbetonung trägt, wird es als unveränderliches Adjektiv angesehen und klein und vom Substantiv getrennt geschrieben. Vgl. Unterschied bei Betonung und Schreibung in:

ein Rósenstrauß
ein rosa Stráúß

Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen „Super-“ und „super“: Ein super Bett ist ein großartiges Bett, ein Superbett ist ein Bett das qualitativ oder in anderem Sinne weit über einem normalen Bett steht. Ein super Mann und eine super Frau sind nicht gleich Superman und Superwomen, aber es wäre schwierig oder unmöglich, immer eine genaue Bedeutungsgrenze zwischen „Super-“ und „super“ anzugeben. So gibt es zum Beispiel außer der Betonung kaum einen Unterschied zwischen einer „Superidee” und „super Idee”.

Die Unterscheidung zwischen dem dem Affix „Super-“ und dem unveränderlichen Adjektiv „super“ ist schon so weit eingebürgert, dass sie auch in der Verschriftlichung in dieser Weise üblich geworden ist. Bei anderen Affixen, die umgangssprachlich als unveränderliche Adjektive verwendet werden, ist die Getrenntschreibung gemäß den Wörterbüchern (noch) nicht überall vorgesehen. Sie sollte aber bestimmt in Erwägung gezogen werden, wenn wirkliche Umgangssprache schriftlich wiedergegeben wird.

Es gibt manchmal – also nicht immer – einen mehr oder weniger großen Bedeutungsunterschied zwischen dem betonten Affix (resp. Erstelement einer Komposition) und dem weniger betonten unveränderlichen Adjektiv. Hier einige Beispiele:

ein Klásseresultat
ein klasse Resultát

Kein Bedeutungsunterschied Klasse-/klasse [?]

eine Mégaparty (eine sehr große Party)
eine mega Párty (eine großartige Party)

Bedeutungsunterschied: Mega- = sehr groß / mega = großartig

ein Ríésenproblem
ein riesen Problém

Kein Bedeutungsunterschied Riesen-/riesen

diese Schéíßwurst
diese scheiß Wúrst

Kein Bedeutungsunterschied Scheiß-/scheiß, außer wenn mit Scheiß- nicht schlecht, miserabel, sondern Kot- gemeint ist. Was gemeint ist, ergibt sich dabei in der Regel deutlich aus dem Kontext.

mit extra Käse (mit zusätzlichem Käse)
mit Extrakäse (mit Käse der besonderen Klasse o. Ä.)

Bedeutungsunterschied: Extra- = Sonder- o. zusätzlich / extra = zusätzlich

Die getrennt geschriebenen und entsprechend betonten gesprochenen Varianten gehören der Umgangssprache an. In der Standardsprache kommen die getrennt geschriebenen Varianten also nicht vor. Auch die meisten der oben zusammengeschriebenen Varianten gehören nur der Umgangssprache an. In formellen standardsprachlichen Texten stellt sich das hier behandelte Problem somit kaum – aber man sollte ja auch Umgangssprachliches aufschreiben können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Zu dieser Frage gibt es auch einen schon ziemlich alten Blogartikel.

Wiederholte Verbformen lassen sich häufig, aber nicht immer einsparen

Frage

Es geht um das Weg- oder Auslassen von sich ähnlichen und sich anscheinend wiederholenden Satzteilen, meist Verben oder Hilfsverben. Man könnte meinen, es wäre so etwas wie eine Ellipse, doch im Unterschied dazu sind die potenziell auslassbaren Satzteile eben nicht gleich, sondern nur ähnlich. Hier zwei konstruierte Beispiele:

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank mit dem Fahrrad nach Bielefeld
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm nicht.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten in dieser Art und man ist oberflächlich versucht, darüber hinwegzulesen. Doch bei genauerem Hinsehen müsste es natürlich heißen: „… aber Frank fährt …” und „… aber Wilhelm ist es nicht …“.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

identische Verbformen können weggelassen werden:

Lisa isst einen Apfel und Leo _ eine Birne. [isst]
Die Eltern sind schon hier, aber die Kinder _ noch nicht _.
[sind … hier]

Verbformen können auch dann eingespart werden, wenn sie nicht dieselben grammatischen Merkmale (Person, Numerus) haben. Dabei werden nicht alle Einsparungen von allen gleichermaßen akzeptiert. Die folgenden Arten von Einsparung sind aber möglich:

Ich esse einen Apfel und du _ eine Birne. [isst]
Du isst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Ich gehe heute nicht ins Kino, meine Schwester _ aber schon. [geht]
Du kommst um 15 Uhr an, Susanne _ eine Stunde später _. [kommt … an]
Ihr kommt um 15 Uhr an, Susanne und Max _ eine Stunde später _. [kommen … an]

Bei unterschiedlichem Numerus wird die Einsparung nicht von allen gleichermaßen akzeptiert:

Ich esse einen Apfel und ihr _ eine Birne. [esst]
Ihr esst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Was nützt uns unser Geld und was _ unsere Kenntnisse? [nützen uns]
Was nützen uns unsere Kenntnisse und was _ unser Geld? [nützt uns]
Die Lehrerin musste lachen, ihre Schülerinnen _ ebenfalls _. [mussten … lachen]
Die Schülerinnen mussten lachen, ihre Lehrerin _ ebenfalls _. [musste … lachen]

In Ihren Beispielsätzen unterscheiden sich die Verbformen im Numerus. Das Verb kann in solchen Fällen eingespart werden, auch wenn nicht alle diese Einsparung gleichermaßen akzeptabel finden.

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank _ mit dem Fahrrad nach Bielefeld. [fährt]
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm _ nicht _. [ist … im Urlaub]


Der Vollständigkeit halber muss hier noch gesagt werden, dass das Weglassen nicht immer möglich ist. Ganz allgemein, also auch bei identischen Verbformen, gibt es nämlich Einschränkungen bei der Einsparung von Verbformen:

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Satzkonstruktion haben**:

nicht: Er fürchtete die Einsamkeit und sich vor der Dunkelheit.
nicht: Ich danke für die große Überraschung und allen, die dazu beigetragen haben.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Bedeutung haben**:

nicht: Wir laden zuerst das Gepäck in den Kofferraum und ihr uns dann zum Kaffee ein.
nicht: Er bestellte ihr Grüße von ihrer Mutter und dann ein Bier.
nicht: Sie gab den Brief auf und, weil es regnete, auch den Plan, spazieren zu gehen.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn nur eines der beiden Verben ein Hilfsverb, ein Funktionsverb oder Teil einer festen Wendung ist**:

nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit abgeholt.
nicht: Er nahm einen Hammer und damit die Arbeit in Angriff.
nicht: Ich brachte sie in Verlegenheit und du sie dann nach Hause.
nicht: Dein Problem wird zurzeit behandel und du bald zufrieden sein.

Wie Sie sehen, ist bei der Einsparung von Verbformen mehr möglich, als Sie vielleicht dachten, aber bei Weitem nicht alles.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Aber bewusst zur Erzeugung eines speziellen, oft humoristischen Effektes:

Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.
Es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen.

Einer Sache abgewandt oder von einer Sache abgewandt?

Frage

Man kann zwar zum Beispiel einem Plan oder dem Alkohol zugeneigt oder abgeneigt sein, aber doch nur der Zukunft zugewandt und nicht entsprechend der Zukunft abgewandt, wie ich es in einer Zeitung las („Konservativ und der Zukunft abgewandt. Wie die Alten die Wahl entscheiden“). Müsste es nicht heißen „von der Zukunft abgewandt“, also „Konservativ und von der Zukunft abgewandt“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

standardsprachlich üblich ist gemäß den Wörterbüchern:

sich jemandem/einer Sache zuwenden
sich von jemandem/einer Sache abwenden

Entsprechend heißt es auch:

der Zukunft zugewandt sein
von der Zukunft abgewandt sein

dem Leben zugewandt
vom Leben abgewandt

die dem Wind zugewandte Seite
die vom Wind abgewandte Seite

Aber: Formulierungen ohne „von“ kommen auch bei „abgewandt“ recht häufig vor, wahrscheinlich in Analogie zur Formulierung mit „zugewandt“. Es gibt Buchtitel wie „Und der Zukunft abgewandt“ und Lexikoneinträge, in denen „Lee“ als „die dem Wind abgewandte Seite“ definiert wird.

Auch wenn ich nur „von einer Sache abgewandt“ für empfehlenswert halte, würde ich  Formulierungen ohne „von“ deshalb dennoch nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen. Man muss dann davon ausgehen, dass sich „abgewandt“ so weit verselbstständigt hat, dass es mit einer anderen Konstruktion verwendet werden kann, als das ihm zugrunde liegende Verb. Doch wie gesagt, ich halte „von der Zukunft abgewandt“ für besser – allerdings nur die Formulierung mit „von“, nicht die Geisteshaltung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieferung von 10 Stück Rollgitter[n]?

Frage

Bei uns ist ein Streit entbrannt, den wir nicht zu lösen vermögen. Wir haben die „Lieferung von zwei Stück Rollgittern“ ausgeschrieben. Die ausschreibende Stelle behauptet aber Stein und Bein, dass hier […] „Lieferung von 2 Stück Rollgitter“ stehen müsse.

Davon abgesehen, dass „Stück“ hier unnötigerweise verwendet wird, empfinden wir die Lösung mit dem Dativ intuitiv als die korrekte. Stimmt das, und wie könnte man das begründen?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

nach der Mengeneinheit „Stück“ wird das Gezählte in der Regel als Apposition mit Kasusangleichung verwendet. Das heißt im Klartext, dass das Gezählte im gleichen Fall steht wie „Stück“. In Ihrem Beispiel ist dies der Dativ, den „von“ fordert:

Lieferung von zwei Stück Rollgittern
Lieferung von zwei Stück verzinkten Rollgittern

ABER: Die Formulierung ohne Kasusangleichung kommt hier auch recht häufig vor. Das Gezählte steht dann im Nominativ:

Lieferung von zwei Stück Rollgitter
Lieferung von zwei Stück verzinkte Rollgitter

Ich halte den Dativ hier für besser, aber der Nominativ kann nicht als falsch bezeichnet werden. So gesehen haben bei Ihnen also alle recht.

Noch besser ist es aber tatsächlich, hier „Stück“ gar nicht zu verwenden:

Lieferung von zwei Rollgittern
Lieferung von zwei verzinkten Rollgittern

Als Mengeneinheit ist „Stück“ vor allem in direkter Verbindung mit Nichtzählbarem (Stoffbezeichnungen) sinnvoll:

zwei Stück Seife
ein Stück Zucker
drei Stück Kuchen

Bei Zählbarem (Einzelstücken) ist „Stück“ überflüssig, außer wenn man in Tabellen auf Biegen und Brechen eine Maßeinheit angeben muss.

Rollgitter: 2 Stück
Elektrofahrzeuge: 10 Stück
Schutzmasken: 50 Stück

Die Kombination von „Stück“ mit zählbaren Einheiten findet sich vor allem dort häufig, wo mit Bestell- und Lieferlisten gearbeitet wird. Aber auch dort geht es meist eleganter und ebenso deutlich ohne die Angabe „Stück“:

2 Stück Rollgitter = 2 Rollgitter
10 Stück Elektrofahrzeuge = 10 Elektrofahrzeuge
50 Stück Schutzmasken = 50 Schutzmasken

Den Unterschied zwischen Nichtzählbarem und Zählbarem sieht man übrigens bei zum Beispiel „zwei Stück Kuchen“ gut: Gemeint sind nicht zwei ganze Kuchen (Einzelstücke), sondern zwei Stücke der Gebäckart Kuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragen aller Art[en]?

Frage

So einfach wie die Frage daherkommt, so wenig weiß ich die Antwort: Wir sagen im Deutschen „Er nutzt Medien aller Art“, „Er liest Geschichten aller Art“, aber nie bzw. sehr selten „Medien aller Arten“, „Geschichten aller Arten“. Können Sie den Unterschied erklären?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Antwort ist nicht so einfach, weil sich hier keine eindeutige Regel zitieren lässt. Richtig ist hier vor allem, was gebräuchlich ist.

Im Allgemeinen gilt:

  • Wenn „all…“ jedes Individuum oder jedes Element einer bestimmten Gruppe/Anzahl/usw. bezeichnet, steht der Plural:

alle Passagiere
alle Buntstifte
alle Erwartungen
alle Arten von Geschichten

  • Wenn „all…“ etwas in seiner Gesamtheit bezeichnet, steht der Singular:

alles Geld
alles Gute
mit aller Kraft
alles Reden hilft nichts

Das würde dafür sprechen, dass es „Medien aller Arten“ oder „Geschichten aller Arten“ heißen müsste. Es geht ja nicht um eine Art in ihrer Gesamtheit, sondern um jede mögliche Art. Dennoch ist hier der Singular üblich. Warum?

Es gibt Ausnahmen zur genannten Unterscheidung zwischen

  • jedes Element → „all“ mit Plural
  • Gesamtheit → „all“ mit Singular

Dabei handelt es sich um feste Wendungen, die zum Teil auf einen älteren Sprachgebrauch zurückgehen. Dann wird „aller/alle/alles“ wie „jeder/jede/jedes“ im Singular verwendet:

Geschichten aller Art
auf alle Weise
Aller Anfang ist schwer

Theoretisch kann auch auf die sonst übliche Weise formuliert werden:

Geschichten aller Arten
auf alle Weisen
Alle Anfänge sind schwer

Das ist aber nicht gebräuchlich, weil man hier die bekannten festen Wendungen vorzieht. Ich versuche alle Arten von Sprachfragen zu beantworten – oder mit der festen Wendung ausgedrückt: Sprachfragen aller Art.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die möglichst geringsten Nebenwirkungen?

Frage

Jemand hat folgende Frage gestellt: „Mit welchem Impfstoff kann ich mich impfen lassen, um die möglichst geringsten Nebenwirkungen zu bekommen?“

Diese Frage hat mir sehr zu schaffen gemacht, aber nicht etwa, weil Impfstoffe gerade jetzt ein heikles Thema darstellen, sondern weil sich die Formulierung „möglichst geringst“ verdächtig so anhört, als wäre es ein doppelter Superlativ. Stimmt das? Wie hätte der Fragesteller die Frage besser — oder wenigstens anders — ausdrücken können?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Formulierung „die möglichst geringsten“ ist tatsächlich ein doppelter Superlativ, der vermieden werden sollte (vgl. hier). Besser sind Formulierungen wie diese mit nur einer Form im Superlativ:

um möglichst geringe Nebenwirkungen zu riskieren
um die geringstmöglichen Nebenwirkungen zu riskieren

Ich bin übrigens heute Morgen zum zweiten Mal geimpft worden. Die Nebenwirkungen beschränken sich bei mir zurzeit auf einen leicht schmerzhaften Punkt an der Impfstelle am Oberarm – vor allem wenn ich darauf drücke. So wie es aussieht, muss ich nur die geringstmöglichen Nebenwirkungen „ertragen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Test, Testen, Testung

Frage

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist häufig und zunehmend(?) von „Testungen“ die Rede. Besteht ein Bedeutungs-/Verwendungsunterschied zwischen „Test“ und „Testung“? Welche Form empfehlen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

ich gehe davon aus, dass „Testung“ ursprünglich ein fachsprachliches Wort ist und dort eventuell eine besondere Bedeutung hat. Ob das so ist und aus welcher „Fachecke“ es genau stammt, weiß ich leider nicht. In der Allgemeinsprache bedeutet es „das Testen“ oder „das Getestetwerden“. Wer das Wort mag, kann es verwenden, denn es ist ein regelmäßig vom Verb „testen“ abgeleitetes Substantiv. Ich persönlich halte es aber in Texten, die an die Allgemeinheit gerichtet sind, für eher unschön und zu gewichtig und würde „der Test“, „die Tests“ oder „das Testen“ statt „die Testung“ verwenden:

Die Testung darf nicht mehr als 72 Stunden zurückliegen.
Der Test darf nicht mehr als 72 Stunden zurückliegen.

der Raum, in dem die Testung durchgeführt wird
der Raum, in dem die Tests durchgeführt werden

Am Montag wird mit der Testung der Schüler begonnen
Am Montag wird mit dem Testen der Schüler begonnen

Vielleicht dient die Verwendung von „Testung“ manchmal auch dazu, etwas lexikalische Abwechslung in die zurzeit leider viel zu zahlreichen Berichte über Corona-Tests zu bringen. Nach siebenmal „Test“ kann „Testung“ tatsächlich etwas Abwechslung bringen. Sonst würde ich aber „Test“ und „Testen“ dem schwerfälligen „Testung“ vorziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genug lang und lang genug

Frage

Es heißt: „die Schnur ist lang genug“. Kann man auch sagen: „die Schnur ist genug lang“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

ein sonst sehr geschätzter ehemaliger Kollege beantwortete Fragen dieser Art häufig mit der Bemerkung: „Sagen kann man es, aber ob es richtig ist?“ Man kann tatsächlich „genug lang“, „genug groß“ oder „nicht genug heiß“ sagen und es wird umgangssprachlich auch mehr oder weniger häufig gesagt (vor allem in der Schweiz). Als ich die Frage las, kam mir „genug lang“ zwar seltsam vor, aber auch wieder nicht hundertprozentig falsch. Wie kann man Ihre Frage also beantworten?

Üblicherweise steht „genug“ nicht vor, sondern hinter dem Adjektiv oder Adverb, auf das es sich bezieht. Es heißt also:

Die Schnur ist lang genug.
Du bist jetzt groß genug, um es besser zu wissen.
Das Wasser ist noch nicht heiß genug.
Wir haben lange genug gewartet.
Man kann es nicht oft genug sagen.

Formulierungen wie „genug lang“ oder „nicht genug heiß“ kommen, wie gesagt, auch vor, sie gelten aber als umgangs- oder regionalsprachlich und können besser vermieden werden. Das gilt auch für Formulierungen wie diese, in denen das Adjektiv vor dem Substantiv steht:

besser nicht: eine genug lange Schnur
besser nicht: eine genug große Auswahl

Wenn besser nicht so, wie dann sonst? Die Lösung ist nicht, „genug“ nachzustellen:

nicht: eine lang genuge Schnur
nicht: eine groß genuge Auswahl

Hier bleibt nur, auf ein anderes Wort auszuweichen:

eine genügend lange Schnur
eine ausreichen große Auswahl o. eine ausreichende Auswahl

Interessanterweise zeigt kein anderes graduierendes Wort dasselbe Verhalten wie „genug“:

Die Schnur ist zu lang / eine zu lange Schnur
Die Schnur ist sehr lang / eine sehr lange Schnur
Die Schnur ist ziemlich lang / eine ziemlich lange Schnur
aber:
Die Schnur ist lang genug / eine genügend lange Schnur

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass „genug“ manchmal nach vorn rutscht. Am besten lässt man es aber dem Adjektiv oder Adverb folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bindestrich nach Fugen-s:
Ausführungsbestimmungs-konform oder ausführungsbestimmungskonform?

Frage

Wegen des Fugen-s besteht Unsicherheit, welche Möglichkeiten man hat, folgende Wortzusammensetzung zu schreiben.

1) Ausführungsbestimmungs-konform
2) ausführungsbestimmungskonform

Falls beide Möglichkeiten gehen, was ist die Empfehlung?

Antwort

Guten Tag A.,

die Rechtschreibregelung „verbietet“ es nicht, einen Bindestrich auf ein Fugenelement folgen zu lassen. Stilistisch ist es meist nicht sehr überzeugend, direkt nach einem Fugenelement einen Bindestrich zu schreiben. Schließlich gibt ja das Fugenelement schon an, wo die Trennstelle zwischen den beiden Wortteilen liegt. Bei unübersichtlichen und sehr (oder viel zu) langen Zusamensetzungen ist dennoch die Bindestrichschreibung anzuraten:

Hochgeschwindigkeits-Internetzugang
(oder: Hochgeschwindigkeitsinternetzugang)

Manchmal ist der Bindestrich auch obligatorisch, zum Beispiel in Zusammensetzungen mit Abkürzungen:

Installations-ID
Fugen-s

Für das Wort in Ihrer Frage sind somit beide Schreibungen möglich. Ich neige allgemein dazu, die Schreibungen mit „verdeutlichendem“ Bindestrich für gar nicht so verdeutlichend zu halten und die Zusammenschreibung zu wählen:

ausführungsbestimmungskonform
die ausführungsbestimmungskonforme Verarbeitung personengebundener Daten

Hier kommt hinzu, dass der Bindestrich bei Substantiv-Adjektiv-Zusammensetzungen bewirkt, dass das Gesamtwort einen großen Anfangsbuchstaben erhält, obwohl es ein Adjektiv ist. Das macht nach meinem Empfinden die durch den Bindestrich gewonnene Verdeutlichung wieder zunichte:

Ausführungsbestimmungs-konform
die Ausführungsbestimmungs-konforme Verarbeitung personengebundener Daten

In diesem Fall würde ich – wenn irgendwie möglich – sowieso eine weniger „bürokratische“, lesefreundlichere Variante wählen wie zum Beispiel:

den Ausführungsbestimmungen konform
mit den Ausführungsbestimmungen konform

eine [mit] den Ausführungsbestimmungen konforme Verarbeitung personengebundener Daten
personengebundene Daten in Übereinstimmung mit den Ausführungsbestimmungen [zu] verarbeiten

Formulierungen dieser Art sind zwar länger, aber für das nicht an Behördendeutsch gewöhnte Auge wahrscheinlich schneller und einfacher zu verstehen. Meine Empfehlung, allzu lange Wörter zu vermeiden, ist letztlich aber Ansichts- oder Geschmackssache. Streng nach Regeln sind, wie gesagt, sowohl „ausführungsbestimmungskonform“ als auch „Ausführungsbestimmungs‑konform“ mögliche Schreibungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp