„Statt dass“ und „ohne dass“ bei gleichem Subjekt

Frage

Es geht um „statt dass“. Angeblich sei das nur bei zwei verschiedenen Subjekten möglich. Aber das scheint mir seltsam.

Hier zwei Beispiel (stilistisch sicher nicht sehr schön…).

1. Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, müssen wir das System jetzt manuell neu starten.
2. Ich schreibe Herrn Dr. Bopp, statt dass ich die Antwort selbst suche.

Im zweiten Satz ist doch das Subjekt „ich“, also identisch. […]

Antwort

Guten Tag Frau I.,

ob man im zweiten Beispielsatz statt dass oder statt zu wählt, ist vor allem eine Frage des Stils. Möglich ist beides. Bei gleichem Subjekt in Haupt- und Nebensatz ist es stilistisch oft (ein bisschen) besser, nach [an]statt eine Infinitivkonstruktion anstelle eines dass-Satzes zu verwenden:

Ich schreibe Dr. Bopp, statt die Antwort selbst zu suchen.

Der dass-Satz ist hier aber auch möglich.

Ich schreibe Dr. Bopp, statt dass ich die Antwort selbst suche.

Die folgenden Formulierungen sind demnach alle möglich:

Er spielt mit seinen Freunden, statt seiner Schwester zu helfen.
Er spielt mit seinen Freunden, statt dass er seiner Schwester hilft.

Statt seiner Schwester zu helfen, spielt Bruno mit seinen Freunden.
Statt dass Bruno seiner Schwester hilft, spielt er mit seinen Freunden.
Statt dass er seiner Schwester hilft, spielt Bruno mit seinen Freunden.

Statt den Fehler zu beheben, verlangt die IT-Abteilung, dass wir das System jetzt manuell starten.
Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, verlangt sie, dass wir das System jetzt manuell starten.
Statt dass sie den Fehler behebt, verlangt die IT-Abteilung, dass wir das System jetzt manuell starten.

Umgekehrt gilt aber, dass eine Infinitivkonstruktion nur dann möglich ist, wenn das Subjekt identisch ist. Deshalb kommt im folgenden Satz nur statt dass in Frage:

Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, müssen wir das System jetzt manuell neu starten.

Hier wurde vielleicht eine Regel vereinfacht, die man so nicht vereinfachen kann. Als Regel gilt nämlich:

Die Infinitivkonstruktion ist mit [an]statt nur bei gleichem Subjekt möglich.

Das bedeutet aber nicht, dass bei gleichem Subjekt eine Infinitivkonstruktion stehen muss.

Dasselbe gilt übrigens auch für ohne dass und ohne zu:

Sie hat sich langsam vergiftet, ohne dass sie es bemerkt hat. [Beispielsatz aus GRAMMIS]
Sie hat sich langsam vergiftet, ohne es zu bemerken.

Sie können mir also schreiben, ohne immer alle Antworten selbst zu suchen oder ohne dass Sie immer alle Antworten selbst suchen. Beides ist grammatisch (und auch sonst) richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird sich orientiert – Passiv mit „sich“?

Frage

Vor kurzem bin ich auf folgende Sätze mit reflexiven Verben im Passiv gestoßen:

Es wird sich an den Diagrammen orientiert.
Es wird sich um ihn gekümmert.
Es wurde sich auf diese Resultate konzentriert.

Ehrlich gesagt war ich ein bisschen verdattert, als ich diese Sätze gelesen habe. Sind sie grammatisch korrekt? Kann man so Passivsätze bilden? Meine Verwunderung ist umso größer, als ich diese Sätze in wissenschaftlichen Arbeiten deutscher Studenten gefunden habe. […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Sätze sind grammatisch korrekt, aber keine stilistischen Meisterwerke. Es handelt sich um das subjektlose werden-Passiv. Dieses Passiv ist erstaunlicherweise auch mit einem Reflexivpronomen möglich (vgl. hier). Das Pronomen bezieht sich dabei auf das nicht genannte Agens (Träger der Verbhandlung). Hinzu kommt, dass an erster Stelle im Satz ein Platzhalter-es steht, wenn kein anderes Satzglied diese Position einnimmt. Sätze wie diese kommen vor:

Es wird sich Mühe gegeben.
Es wurde sich bis ins kleinste Details um alles gekümmert.
Es wurde sich darauf geeinigt, dass …
Es wird sich Zeit genommen.

Das subjektlose werden-Passiv klingt mit einem Reflexivpronomen aber oft holprig oder gekünstelt. Das gilt auch bei diesen Beispielen:

Man orientiert sich an den Tabellen.
Es wird sich an den Tabellen orientiert.

Man konzentrierte sich auf diese Abschnitte.
Es wurde sich auf diese Abschnitte konzentriert.

Das subjektlose Passiv kommt manchmal in Arbeiten vor, in denen (zum Beispiel aus Höflichkeit oder Bescheidenheit) das Subjekt nicht genannt werden soll, wenn es eine erste Person ist. Vermieden werden sollte bei Ihren Beispielen vielleicht:

Ich orientiere mich an den Diagrammen.
Wir konzentrierten uns auf diese Resultate.

Es ist aber zu empfehlen, hier statt des werden-Passivs mit sich eine andere, etwas weniger holprige Formulierung zu wählen oder ganz einfach die erste Person zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es „etwas, wofür“ oder „etwas, für das“?

Frage

Ein Kollege meint, in dem Satz „Kann man etwas, für das es gute Gründe gibt, trotzdem ablehnen?“ müsse „wofür“ statt „für das“ stehen. Ich finde das nicht, kann es aber nicht begründen. Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

ob man hier wofür oder für das verwendet, ist vor allem eine Frage des Stils oder der Sprachebene. In der (geschriebenen) Standardsprache, ist wofür üblich, wenn es sich um einen Relativanschluss mit Bezug auf ein unpersönliches Pronomen handelt.

alles/vieles/manches/etwas/nichts, wofür

Als (eher) umgangssprachlich gilt hier die Verwendung von für was oder für das.

alles/vieles/manches/etwas/nichts, für was/das

Duden [Grammatik, 10. Auflage, S. 805) sagt hierzu:

Bei einem Indefinitpronomen als Bezugsausdruck (alles, manches, etwas, nichts …) ist dagegen das Präpositionaladverb gebräuchlicher:
(56) Es gibt so manches, wovor sie Angst hat. Alles, worüber zu sprechen ist, soll in die Tagesordnung. Das ist etwas / nichts, worauf ich warte.

In der LEO-Grammatik steht:

Pronominaladverbien stehen für unpersönliche Pronomen, substantivierte Adjektive im Neutrum, für Sachverhalte und Sätze.
Das ist alles, worum ich Sie bitte.
Etwas / Nichts, worüber wir redeten, war wichtig.
[…]
Umgangssprachlich wird seltener auch die Fügung „Präposition + das/dem“ oder „Präposition + was“ verwendet:
Das ist alles, um das / um was ich Sie bitte.
Nichts, über das / über was wir redeten, war wichtig.
[…]

Das besagt mit so vielen Worten, dass in Ihrem Beispiel standardsprachlich besser wofür steht:

Kann man etwas, wofür es gute Gründe gibt, trotzdem ablehnen?

Nach meinem subjektiven Empfinden kommen hier die Formen ‚Präposition+das/was‘ heute allerdings immer häufiger vor. Ob das auch wirklich so ist, weiß ich so schnell leider nicht. Es könnte aber erklären, warum Sie hier etwas, für das auch für akzeptabel halten. Im Übrigen steht in Duden „gebräuchlicher“, nicht „obligatorisch“. In formelleren (schriftlichen) Kontexten würde ich wofür empfehlen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag:

Manchmal kann wofür (bzw. womit worüber usw.) allerdings unklar sein:

Ich bin mit allem einverstanden, wofür es gute Gründe gibt.

Was ist hiermit gemeint?

a) Ich bin mit allem, wofür es gute Gründe gibt, einverstanden.
b) Ich bin mit allem einverstanden und dafür gibt es gute Gründe.

Wenn a) gemeint ist und der Kontext auch keinen Aufschluss bietet, ist für das eine gute Ausweichmöglichkeit:

Ich bin allem einverstanden, für das es gute Gründe gibt.

Ähnlich zweideutig ist zum Beispiel:

Er sagt nichts, womit ich nicht einverstanden bin.

Bin ich a) nicht damit einverstanden, dass er nichts sagt, oder bin ich b) mit allem einverstanden, was er sagt?

Stilistisch weniger gelungen, aber dafür etwas deutlicher:

a) Er sagt nichts und damit bin ich nicht einverstanden.

beziehungsweise:

b) Er sagt nichts, mit dem ich nicht einverstanden bin.

Allzu streng sollte man hier aber nicht urteilen. Eine Formulierung steht selten allein und dann ergibt sich oft aus dem Zusammenhang, was genau gemeint ist.

 

Wird man aus jemandem oder von jemandem geboren?

Frage

Erlauben Sie bitte die folgenden Fragen:

Satz 1: Ich wurde von ihr geboren.
Satz 2: Ich wurde aus ihr geboren.

Ist Satz 2 nicht wirklich seltsam? Besteht Ihrer Meinung nach zwischen Satz 1 und Satz 2 ein semantischer Unterschied?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Wendung aus ihr geboren kommt (neben von ihr geboren) vor allem in religiösen Kontexten vor:

Jesus, geboren aus Maria
aus einer Jungfrau geboren

Mit aus wird vor allem dann formuliert, wenn geboren im übertragenen Sinne verwendet wird:

aus Liebe geboren
aus Not geboren
aus dem Willen geboren, …

Im wörtlichen Sinne steht sonst meist von:

das von ihr geborene Kind

Eher selten:

Ich wurde von ihr geboren.
Wir sind alle von einer Frau geboren worden.

Theoretisch sind also beide Formulierungen möglich. Es gibt auch keinen Bedeutungsunterschied. Allerdings ist wurde aus ihr geboren außer in religiösen Kontexten kaum gebräuchlich und kommt auch wurde von ihr geboren nur selten vor. Üblicher sind andere Wendungen wie wurde von ihr zur Welt gebracht oder Umschreibungen wie meine Mutter war o. Ä.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

LEOs Sprachblog zeigt es:
Vorangestellte Firmen- und Markennamen im Genitiv

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob es korrekt ist, Firmennamen als vorangestellte Genitivattribute zu verwenden und z.B. zu sagen: Googles KI-Suchmaschine (statt die KI-Suchmaschine von Google)? Mir widerstrebt das irgendwie …

Antwort

Guten Tag Frau F.,

manche Marketingbüros und Werbeabteilungen sind vielleicht nicht damit einverstanden, aber man kann Firmen-, Marken- und Produktnamen problemlos mit einer Genitivendung verwenden. Das ist korrekt und kommt auch recht häufig vor. Zum Beispiel:

Audis neustes Modell
BMWs Aufsichtsrat
Lidl ist Aldis größter Konkurrent
Coca-Colas Werbebudget
Apples Jahresgewinn
Googles KI-Suchmaschine

Siehe auch diesen schon etwas älteren Blogartikel. Er zeigt, dass diese Frage immer wieder auftaucht.

Wenn Ihnen der Genitiv dennoch nicht so richtig gefallen will, können Sie auch auf andere Formulierungen ausweichen. Zum Beispiel:

der Jahresgewinn von Apple / des Apple-Konzerns
das neueste Audi-Modell
das Werbebudget der Coca-Cola Company
die KI-Suchmaschine von Google

Bei Formulierungen mit von rümpfen echte Genitivfans vielleicht die Nase, aber sie sind gerade bei Namen auch standardsprachlich nicht unüblich.

Nicht in Frage kommt hier übrigens der Apostroph:

nicht: Audi’s neuestes Modell
nicht: BMW’s Aufsichtsrat
nicht: Google’s KI-Suchmaschine
nicht: LEO’s Sprachblog

Die Verwendung des Apostrophs ist in diesen Fällen nach der Rechtschreibregelung nicht richtig und führt auch bei Dr. Bopp von LEOs Fragendienst zu Nasenrümpfen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal „werden“ geht, aber es muss nicht sein

Frage

Ich wende mich mit einer Frage an Sie, die eher stilistischer als rein grammatikalischer Natur ist. Ich wäre Ihnen dennoch dankbar für eine kurze Einschätzung.

Es geht um den letzten Satz. Meine Kollegin ist der Ansicht, dass dort ein zweites „werden“ ergänzt werden sollte, also:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Ich empfinde diesen Zusatz als unnötig schwerfällig und stilistisch wenig elegant. Aus meiner Sicht wird der Zukunftsbezug bereits durch „in einem nächsten Schritt“ ausreichend klar gemacht. […]

Antwort

Guten Tag A.,

es gibt hier kein „eindeutig besser“. In diesem Satz kann zweimal werden stehen:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Das ist aber nicht notwendig. Es geht auch ohne das werden des Futurs:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt.

Im Deutschen haben die Namen der Verbzeiten häufig wenig mit der Bedeutung zu tun. So wird etwas Zukünftiges sehr häufig nicht mit dem Futur, sondern mit dem Präsens ausgedrückt. Wichtig ist nur, dass aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass es sich um etwas Zukünftiges handelt:

Morgen fahren wir nach Pisa.
Es geht bald los.
Ich gehe im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage ein.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank!

All diese Sätze können ohne Bedeutungsunterschied auch im Futur ausgedrückt werden:

Morgen werden wir nach Pisa fahren.
Es wird bald losgehen.
Ich werde im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage eingehen.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank werden!

In Sätzen, die bereits werden enthalten (als Vollverb oder als Hilfsverb des Passivs), ist das Futur mit werden korrekt, aber es wird oft das Präsens verwendet. Zweimal werden wird häufig als schwerfälliger empfunden.**

In Ihrem Satz gibt der Zusammenhang bereits die „Zukünftigkeit“ an und steht bereits das Hilfsverb werden des Passivs. Es ist deshalb nicht notwendig, das werden des Futurs zu verwenden. Üblicher ist meiner Ansicht nach das Präsens, aber das Futur ist auch korrekt. Einen Bedeutungsunterschied gibt es, wie gesagt, nicht. Die Wahl liegt bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Das gilt insbesondere dann, wenn zwei werden hintereinanderstehen:

X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden werden.
besser: X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.

Freiwillig Mitarbeitende oder freiwillige Mitarbeitende

Frage

In einem Protokoll lese ich häufig folgende Formulierungen:

freiwillige Mitarbeitende
ehrenamtliche Mitarbeitende

Mein Sprachgefühl sagt mir, dass es besser so heißen müsste:

freiwillig Mitarbeitende
ehrenamtlich Mitarbeitende

Hingegen scheint mir klar zu sein, dass es „freiwillige Mitarbeiter“ bzw. „ehrenamtliche Mitarbeiter“ heißen würde. Weshalb aber in meinen Ohren die „freiwilligen Mitarbeitenden“ falsch tönen, kann ich nicht wirklich begründen. Können Sie weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

beide Formulierungen sind möglich. Was ist der Unterschied?

Das Wort Mitarbeitende ist ein substantiviertes Partizip. Substantivierte Partizipien können mit den gleichen Erweiterungen stehen wie das Verb, zu dem sie gehören:

– freiwillig mitarbeiten
– freiwillig mitarbeitende Menschen
– die freiwillig Mitarbeitenden

Ebenso zum Beispiel:

ehrenamtlich mitarbeiten → die ehrenamtlich Mitarbeitenden
defensiv anlegen → die defensiv Anlegenden
geduldig warten → die geduldig Wartenden
auf den Bus warten → die auf den Bus Wartenden

Hier wird jeweils eine ganze Partizipialgruppe (Partizip zusammen mit seinen Erweiterungen) substantiviert.

Man kann aber auch nur das Partizip substantivieren und erst dann ein Adjektiv davorstellen. Das Adjektiv wird dann gebeugt:

mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die freiwilligen Mitarbeitenden
mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die ehrenamtlichen Mitarbeitenden
anlegen → die Anlegenden → die defensiven Anlegenden
warten → die Wartenden → die geduldigen Wartenden

Man geht hier gleich vor wie bei anderen von Verben abgeleiteten Substantiven:

mitarbeiten → die Mitarbeiter → die freiwilligen Mitarbeiter
mitarbeiten → die Mitarbeiterin → die freiwillige Mitarbeiterin
anlegen → die Anlegerin → die defensive Anlegerin
Bus benutzen → der Busbenutzer → der geduldige Busbenutzer

Gerade bei Mitarbeitende ist dies nicht unüblich, wahrscheinlich weil Mitarbeitende häufig statt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Mitarbeiter*innen steht. Stilistisch gefällt mir – wie offenbar Ihnen auch – die Variante mit dem ungebeugten Adjektiv häufig besser. Ich würde die freiwillig Mitarbeitenden wählen, aber die freiwilligen Mitarbeitenden ist wie die freiwilligen Mitarbeiter nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer war zuerst, die Azubine oder die Azubiene?

Frage

Laut Duden kommen „Azubine“ und „Azubiene“ von „Biene“ (das ist für beide Schreibweisen angegeben, was freilich einer Unachtsamkeit geschuldet sein kann), laut dem Neologismenwörterbuch (OWID) ist „Azubine“ in der Variante „Azubiene“ hingegen umgedeutet.

Tatsächlich kommt „Azubine“ (mit „-ine“ wie in „Blondine“) ja häufiger vor, andererseits habe ich mit Google Books die älteste Belegstelle für „Azubiene“ gefunden (1978): „Wer will, mag daraus ja auch ,die Azubiene’ machen. Sie merken, an solchen Stellen wird der Wert von Abkürzungen wieder fraglich.“

Was meinen Sie dazu? […]

Antwort

Guten Tag Herr P.,

das eine schließt das andere nicht aus. Bei der Bildung von Azubi(e)ne können sowohl die Zusammenziehung von Azubi und Biene als auch die Ableitung mit -ine eine Rolle gespielt haben. Azubi(e)ne klingt wie Biene, gleichzeitig aber auch wie eine weibliche Ableitung mit -ine (Karoline, Pauline, Blondine, Cousine usw.). Diese beiden Interpretationen können einander verstärken, ganz gleich welche Ableitungsart als erste erfolgt. Dass beide Schreibweisen vorkommen, zeigt, dass beides eine Rolle spielt.

Es ist kaum möglich, festzustellen, welche Ableitungsart diesem umgangssprachlichen Wort zugrunde liegt oder ob beide gleichzeitig wirkten. Ich finde, dass die Angabe in Duden viel zu wenig berücksichtigt, dass auch das Suffix -ine eine wichtige Rolle spielt.

Es ist gar nicht notwendig, eine weibliche Form zur Abkürzung Azubi zu bilden, weil Azubi ja wie der/die Auszubildende sowohl männlich als auch weiblich sein kann: der Azubi, die Azubi. Wenn man dennoch eine weibliche Form bilden will, liegt vor allem die Ableitung mit -in nahe: die Azubin/die Azubinnen. Diese Formen kommen auch vor, haben sich aber kaum durchgesetzt. Scherzhaft kann man auch in Anlehnung an Fremdwörter zum Beispiel Azubesse, Azubette, Azubeuse und eben Azubine bilden. Dass von diesen (möglichen) scherzhaften Bildungen Azubine „gewonnen“ hat, liegt vielleicht am i, das erhalten bleibt, und an der klanglichen Übereinstimmung mit einer Kontraktion mit Biene.

Wie dem auch sei, wer Azubi(e)ne überhaupt verwenden will, sollte sicher sein, dass es scherzhaft gemeint ist und vor allem auch so verstanden wird. Es entsteht sonst schnell der Eindruck, dass man weibliche Auszubildende weniger ernst nimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verständnis einer Sache, Verständnis von einer Sache, Verständnis für eine Sache

Frage

Ich stolpere ständig über Sätze, in denen der Begriff „Verständnis“ vorkommt. Klar ist mir eigentlich, dass mit „Verständnis für etwas“ eher ein Einfühlungsvermögen gemeint ist.

Nun scheint es aber gemäß meiner wiederholten Recherche keinen Unterschied zwischen „Verständnis von etwas“ und „Verständnis + Genitivattribut“ zu geben. Angeblich ist die Genitivkonstruktion üblicher und zu bevorzugen, womit ich jedoch oft ein Problem habe.

Meines Erachtens wird es schlimm, wenn sowohl eine Person als auch ein Gegenstand genannt werden, z. B. „Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur“.

Auch die folgende Formulierung klingt für mich komisch: „Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.“ […]

Antwort

Guten Trag Frau B.,

mit Verständnis für jemanden/etwas wird gesagt, dass man sich in eine Person oder eine Sache hineinversetzen kann. Mit Verständnis einer Sache wird gesagt, dass man etwas versteht, begreift.

Mit der zweiten Bedeutung von Verständnis steht das Objekt (dasjenige, was verstanden wird) im Prinzip im Genitiv:

Viele Fremdwörter erschweren das Verständnis des Textes.
Das Verständnis seiner Motive ist wichtig.

Auch das Subjekt des Verstehens (die Person, die versteht) steht im Prinzip im Genitiv:

das Verständnis des Dichters (der Dichter versteht)
das Verständnis der Schüler fördern (die Schüler verstehen)

Ob der Genitiv das Objekt oder das Subjekt bezeichnet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Regel sind bei Verständnis mit dieser Bedeutung Personen Subjekt und Nichtpersonen Objekt. Deshalb ist in Fällen wie den folgenden (mehr oder weniger) klar, was gemeint ist:

das Verständnis des Richters der Motive des Täters
das Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Ebenso zum Beispiel:

die Beurteilung des Richters der Motive des Täters
die Kenntnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Formulierungen dieser Art werden dennoch häufiger vermieden, das heißt, man weicht auf andere Formulierungen aus. Manchmal wird mit für formuliert. Das ist aber nicht zu empfehlen, da Verständnis für eine andere Bedeutung hat (siehe oben):

das Verständnis des Richters für die Motive des Täters (andere Bedeutung)
das Verständnis des Dichters für die mittelalterliche Literatur (andere Bedeutung)

Es ist ebenfalls nicht zu empfehlen auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Wenn die Wortgruppe wie hier einen Artikel enthält, gilt dies als umgangssprachlich:

das Verständnis des Richters von den Motiven des Täters (umgangssprachlich)
das Verständnis der Dichters von der mittelalterlichen Literatur (umgangssprachlich)

(Mehr dazu, wann man auch standardsprachlich von statt des Genitiv verwenden kann oder muss, siehe hier.)

Weder für noch von bieten hier also eine gute Lösung. Es ist deshalb standardsprachlich besser, a) den doppelten Genitiv stehen zu lassen oder b) ganz anders zu formulieren, wenn man ihn vermeiden will. Zum Beispiel:

  1. Das Verständnis des Richters der Motive des Täters ist wichtig.
  2. Es ist wichtig, dass der Richter die Motive des Täters versteht.
  1. Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur.
  2. Darin zeigt sich, dass der Dichter ein großes Verständnis der mittelalterlichen Literatur hat.
    Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters im Bereich der mittelalterlichen Literatur.
  1. Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.
  2. Wir sollten den Menschen die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz besser verständlich machen.

Der Genitiv ist schön, man sollte es aber innerhalb eines Satzes nicht damit übertreiben. Das Verständnis der Lesenden des Inhaltes des Textes könnte darunter leiden – wie dieser letzte Satz zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Massenhaft Dokumente?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob der folgende Satz so stimmt?

Massenhaft Dokumente belegen das.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

rein umgangssprachlich ist der Satz gebräuchlich. Das Wort massenhaft hat dabei die Bedeutung sehr viel, zahlreich.

Massenhaft Dokumente belegen das.

Man kann dies mit der ebenfalls umgangssprachlichen Wendung jede Menge vergleichen:

Jede Menge Dokumente belegen das.

ABER: Standardsprachlich gilt diese Verwendung von massenhaft nicht als korrekt. Anders als viel kann massenhaft nämlich nicht ungebeugt vor einem Substantiv stehen und es näher bestimmen. Das Adjektiv muss dann gebeugt werden:

massenhafte Arbeitslosigkeit
massenhafter Ansturm auf die Geschäfte
massenhaftes Auftreten von Problemen

Die ungebeugte Form kann u. a. adverbial verwendet werden (Bedeutung: in Massen, in großen Mengen):

Die Probleme treten massenhaft auf.
Massenhaft treten Probleme auf.
Es treten massenhaft Probleme auf (massenhaft = in Massen)

Die Dokumente wurden massenhaft gefälscht.
Massenhaft wurden Dokumente gefälscht.
Es wurden massenhaft Dokumente gefälscht (massenhaft = in großen Mengen)

Aber nicht bzw. nur umgangssprachlich:

Massenhaft Probleme treten auf.
Massenhaft Dokumente wurden gefälscht.
Massenhaft Dokumente belegen das.

Standardsprachlich sagt man dann besser zum Beispiel:

Zahlreiche Probleme treten auf.
Sehr viele Dokumente wurden gefälscht.
Zahlreiche Dokumente belegen das.

Zusammenfassend: Der Satz in Ihrer Frage stimmt, aber nur umgangssprachlich. Standardsprachlich sollte anders formuliert werden. Dort kann ungebeugtes massenhaft grob gesagt nur dann vor einem Substantiv stehen, wenn es durch in Massen oder in großen Mengen ersetzt werden kann (siehe Beispiele oben).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp