Namenszusatz „von“: Darf man „von Bopp“ zu „v. Bopp“ verkürzen?

Frage

Keine weltbewegende Frage, für mich aber trotzdem interessant: Ist es korrekt, das „von“ von Nachnamen im Fließtext abzukürzen? Ein Beispiel: „Gerne wendet sich man bei Zweifelsfällen der deutschen Rechtschreibung an den bekannten Experten Dr. v. Bopp.“

Antwort

Guten Tag Frau S.,

es gibt keine verbindlichen Regeln dazu, welche Wörter man im Fließtext abkürzen „darf“ und welche nicht. Es ist im Allgemeinen nicht üblich, Wörter in durchgehenden Texten abzukürzen (allgemeine Abkürzungen, Maß- und Mengeneinheiten u. Ä. ausgenommen). Auch bei Eigennamen kürzt man nach meinem Empfinden besser nicht ab, sei es nur aus Gründen der Höflichkeit oder des Respekts. Verboten ist es aber nicht. Ob man abkürzt, kann auch von der Art des Textes abhängen, zum Beispiel ob es sich um eine Kurznachricht oder einen längeren Artikel handelt.

Auch praktisch bringt das Abkürzen von von nicht sehr viel: Die abgekürzte Variante ist nur zwei Zeichen kürzer und ein Punkt muss auch noch geschrieben werden. So gesehen lohnt sich das Abkürzen kaum: Otto von Bismarck ist nicht wesentlich länger als Otto v. Bismarck. Und auch bei Frau von der Leyen ist die Verkürzung zu Frau v. d. Leyen nicht wirklich eine große Einsparung, obwohl man sogar zwei Wörter abkürzen kann.

Einige Nachkommen deutscher Adelsfamilien scheinen allerdings ihren Namen mit v. zu schreiben, um ihr Adelsprädikat von Familiennamen mit „gewöhnlichem“ von zu unterscheiden. Das weiß allerdings kaum jemand und verbindlich ist es keineswegs. In Österreich sind Familiennamen mit von nicht gestattet und in der Schweiz hatten Adlige nie einen speziellen Status.

Ob Sie von zu v. verkürzen oder nicht, bleibt also Ihnen überlassen. Es verstößt gegen keine verbindliche Schreibregel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp (weder mit von noch mit v. und schon gar nicht von Adel)

Wenn man kleiner wohnen will: der Traum vom kleiner Wohnen oder vom Kleinerwohnen?

Frage

Ich habe eine Frage zur korrekten Schreibung von substantivierten Verben mit adjektivischem Begleiter. Kürzlich wurde im TV eine Reportage gesendet mit dem Titel »Der Traum vom kleiner Wohnen«. Der Ausdruck »kleiner Wohnen« kommt mir hinsichtlich der Schreibung und auch stilistisch irgendwie seltsam vor, wobei ich nicht sicher bin, ob ich hier möglicherweise ein Problem sehe, wo gar keines ist.

Da es sich um eine Substantivierung des Verbs handelt, wird »Wohnen« folgerichtig großgeschrieben, das ist klar. Wenn es nun hieße »Der Traum vom kleineren Wohnen« hätte ich auch kein Problem, aber das »kleiner« scheint mir bei der Substantivierung des Verbs enger an letzteres gebunden zu sein. Müsste es deshalb nicht vielleicht »Traum vom Kleinerwohnen« oder »Traum vom Kleiner-Wohnen« heißen? […]

Noch ein paar Beispiele, die dem »kleiner Wohnen« ähneln, bei denen ich mir ebenfalls unsicher bin:

das gesünder Essen
das nachhaltiger Einkaufen
das umweltbewusster Reisen
das schonend Kochen
das fettarm Backen
das hübsch Verzieren

Völlig unproblematisch sind diese Wendungen, wenn das Adjektiv anders dekliniert wird:

das gesündere Essen
das nachhaltigere Einkaufen
das umweltbewusstere Reisen
das schonende Kochen
das fettarme Backen
das hübsche Verzieren

Drücken diese Wendungen aber wirklich dasselbe aus wie die obenstehenden? […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Ihre Analyse ist korrekt. Hier ist die ganze Infinitivgruppe kleiner wohnen substantiviert. Dann gilt, dass aus zwei Wörtern bestehende (o. übersichtliche) Infinitivgruppen groß- und zusammengeschrieben werden:

das Kleinerwohnen
also: Der Traum vom Kleinerwohnen

das Gesünderessen
das Nachhaltigereinkaufen
das Schonenderkochen
das Umweltbewussterreisen
das Schonendkochen
das Fettarmbacken
das Hübschverzieren

Getrennt geschrieben wird, wenn das Adjektiv gebeugt ist:

das kleinere Wohnen
das gesündere Essen
das nachhaltigere Einkaufen
das schonendere Kochen
das umweltbewusstere Reisen
das schonendere Kochen
das fettarme Backen

Häufig gibt es keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungen. Dann ist stilistisch eindeutig die Variante mit einfachem Infinitiv und gebeugtem Adjektiv vorzuziehen. Substantivierte Infinitivgruppen verdienen selten den Schönheitspreis und sehen manchmal, wie die Beispiele oben von das Kleinerwohnen bis das Hübschverzieren, eher seltsam und gewöhnungsbedürftig aus.

In gewissen Fällen kann die Bedeutung unterschiedlich sein, wenn wie zum Beispiel bei das gesündere Essen der substantivierte Infinitiv eine andere Bedeutung hat oder haben kann als die reine Verbbedeutung (das Essen als Verbhandlung und das Essen als Mahlzeit oder Speise). Manchmal ist die getrennte Formulierung nicht möglich, wenn wie zum Beispiel bei hübsch verzieren das Adjektiv sich nicht auf das Verb, sondern auf ein Objekt bezieht (hübsch ist nicht das Verzieren, sondern das, was verziert wird). Und manchmal bin ich unsicher, ob eine Formulierung möglich ist: das kleinere Wohnen?? Eher nicht.

Ein ähnliches Thema behandelt dieser ältere Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mittel- und Schwarzes Meer: Wie eng lassen sich Mittelmeer und Schwarzes Meer zusammenziehen?

Frage

Unlängst bin ich im Zuge einer Diskussion um den Ergänzungsstrich auf ein Problem gestoßen, bei dem ich im „Lehrbuch” keine Lösung finde. Es geht dabei um Formulierungen wie „die Maul- und Klauenseuche“. Nun ist die Frage aufgetaucht, ob man „das Mittelmeer und das Schwarze Meer“ der Vereinfachung halber mit „das Mittel- und Schwarze Meer“ abkürzen darf. Intuitiv sträuben sich bei mir die Nackenhaare bei solchen Eigennamen. Ich würde beides ausschreiben.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

oft ist nicht genau geregelt, was man abkürzen bzw. zusammenziehen darf und was nicht. Wie in diesem Fall ist es häufig eine Frage des Geschmacks und des Stils. Ich persönlich würde hier nicht abkürzen:

das Mittelmeer und das Schwarze Meer
das Schwarze Meer und das Mittelmeer

Für akzeptabel halte ich allerdings auch diese Verkürzung:

das Mittel- und das Schwarze Meer
das Schwarze und das Mittelmeer

Nicht empfehlen würde ich eine Verkürzung, in der der zweite Artikel weggelassen wird. Der Artikel wird in einer Aufzählung in der Regel dann weggelassen, wenn die aufgezählten Begriffe zu einer Einheit zusammengefasst werden. Da die beiden Meere normalerweise als zwei selbständige Einheiten angesehen werden, ist es besser, den Artikel nicht wegzulassen:

besser nicht: das Mittelmeer und Schwarze Meer
besser nicht: das Mittel- und Schwarze Meer

Im Allgemeinen werden aufgezählte Eigennamen mit identischen Namensteilen vor allem dann verkürzt, wenn die Zusammensetzung sehr durchsichtig ist und an erster Stelle ein allgemeiner Begriff wie Nord-, Hinter-, Ober- usw. steht:

in Nord- und Westdeutschland
der Vorder- und der Hinterrhein
Ober- und Niederösterreich

Unüblich ist die Zusammenziehung dann, wenn die Einzelteile nicht oder weniger durchsichtig sind und ein allgemeiner Begriff wie -burg, -dorf, -heim usw. an zweiter Stelle steht. Zusammenziehungen wie die folgenden sind nicht üblich:

*Mann- und Weinheim
*von Straß- nach Freiburg
*zwischen Frank- und Erfurt

Das sind, wie eingangs angedeutet, keine eindeutigen und festen Regeln, die immer eingehalten werden. Die Verbindung das Mittel- und das Schwarze Meer liegt irgendwo zwischen den beiden oben genannten „Extremen“ und ist entsprechend ein stilistischer Zweifelsfall: Einige finden die Zusammenziehung problemlos, anderen gefällt sie nicht.

Weiter sei noch gesagt, dass kaum etwas wirklich ausgeschlossen ist, wie ein letzte Beispiel zeigt. Obwohl man üblicherweise von den Schweizer Kantonen Aargau und Thurgau spricht, ist die Zusammenziehung nicht völlig unmöglich:

Doch mehr als seine Reiter hilft ihm zu selber Stell
Die Kraft von Aar- und Thurgau und flinkes Volk aus Appenzell1

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Abraham Emanuel Fröhlich, Ulrich Zwingli: 21 Gesänge, 1840, 3. Gesang

Reihenfolge: „er oder sie“ oder „sie oder er“?

Frage

[…] Der folgende Satz in einem Brief an die Beschäftigten führt zur Irritation:

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.

Mein Chef möchte, dass ich „er oder sie“ in „sie oder er“ abändere. Ich finde, dass dadurch der Eindruck entstehen könnte, dass „sie“ öfter vor verschlossenen Türen stehen könnte als „er“. Gibt es eine Geschlechterregel der Reihenfolge?

Antwort

Guten Tag Frau B,

es gibt keine Regel, nach der es er oder sie oder sie oder er heißen muss. Früher was es üblicher Herr und Frau X als Frau und Herr X zu verwenden. Bei höflichen Anreden ist es umgekehrt auch heute noch üblich, meine Damen und Herren und sehr geehrte Damen und Herren zu sagen und zu schreiben. Wer eher der „alten Schule“ angehört, findet auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter galanter als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aber eine allgemeine Regel gibt es hier wie gesagt nicht.

Entsprechend gibt es keinen Bedeutungsunterschied zwischen weil er oder sie vor verschlossenen Türen steht und weil sie oder er vor verschlossenen Türen steht. Es ist nicht so, dass die mit dem ersten Pronomen gemeinten Personen häufiger vor verschlossenen Türen stehen als die mit dem zweiten Pronomen gemeinten Personen. Sie können also die Reihenfolge beibehalten, die Sie ursprünglich gewählt haben, oder sie gemäß dem (galanten?) Wunsch des Chefs anpassen. (Situationen wie diese, in denen es wenig bis nichts ausmacht, eignen sich manchmal besonders gut dafür, Vorgesetzten wieder einmal wohlwollend recht zu geben – aber das ist ein ganz anderes Thema).

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.
=
Dadurch wird niemand benachteiligt, weil sie oder er vor verschlossenen Türen stehen muss.

Es gibt also keine „Geschlechterregel“ zur Reihenfolge der Pronomen sie und er, ihm und ihr, sein und ihr usw. In längeren Texten steht manchmal abwechselnd er oder sie und sie oder er, vielleicht um dem Missverstand vorzubeugen, die Erstgenannten seien die Wichtigeren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „Es muss die Lösung gefunden werden“ irgendwie seltsam klingt

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „es“ in Passivsätzen, in denen das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat.

Mir ist klar, wie ich einen unpersönlichen Passivsatz mit dem unbestimmten Artikel bilde (a. = Aktiv, b. = Passiv mit „es“):

a. Man muss eine Lösung finden.
b. Es muss eine Lösung gefunden werden.

a. Man kann Patienten empfangen.
b. Es können Patienten empfangen werden.

Aber was passiert, wenn das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat, kann man in diesem Fall das Pronomen „es“ anwenden?

a. Man muss die Lösung finden.
b. Es muss die Lösung gefunden werden.

a. Man kann die Patienten empfangen.
b. Es können die Patienten empfangen werden

Hier klingt das Passiv mit „es“ komisch. Meine konkrete Frage lautet deshalb: Ist das Passiv mit „es“ Anfang des Satzes nur mit dem unbestimmten bzw. ohne Artikel möglich?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die Sätze, die Sie für zweifelhaft halten sind nicht falsch, aber sie sind ungewöhnlich und wirken veraltet oder dichterisch. Das liegt tatsächlich am bestimmten Artikel oder eigentlich daran, was mit dem bestimmten Artikel in der Regel ausgedrückt wird.

Es gibt in der deutschen Wortstellung eine Tendenz, dass Bekanntes, bereits Erwähntes (= Bestimmtes) im Satz weiter links steht als Neues, erstmals Erwähntes (= Unbestimmtes). Zum Beispiel:

Er gibt das Buch einem Freund.
Er gibt dem Freund ein Buch.

Sie hat gestern Patienten empfangen.
Sie hat die Patienten gestern empfangen.

Diese Tendenz scheint auch zu wirken, wenn es um das sogenannten Platzhalter-es geht (= das es, das im Satz an erster Stelle vor der konjugierten Verbform steht, wenn kein anderes Satzglied diese Stelle einnimmt; siehe hier). Wie wir gesehen haben, steht ein bestimmtes Subjekt tendenziell an erster Stelle. Das hat zur Folge, dass das Platzhalter-es  dort weniger gut zum Zuge kommen kann. Bei einem unbestimmten Subjekt hingegen, das tendenziell weiter hinten im Satz steht, kann das es viel einfacher die erste Stelle im Satz einnehmen:

Es können hier Patienten empfangen werden. (problemlos)
Es können die Patienten hier empfangen werden. (ungewöhnlich)

Es muss eine Lösung gefunden werden. (problemlos)
Es muss die Lösung gefunden werden. (ungewöhnlich)

Das gilt auch bei anderen Formulierungen mit dem Platzhalter-es:

Es steht ein Schrank im Korridor. (problemlos)
Es steht der Schrank im Korridor. (ungewöhnlich)

Es wartet eine Frau auf Sie. (problemlos)
Es wartet die Frau auf Sie. (ungewöhnlich)

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Regel, die Sie am Schluss Ihrer Frage andeuten, ist richtig, außer dass es keine Regel, sondern nur eine starke Tendenz ist: Im heutigen Deutschen wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es und einem Subjekt mit einem bestimmten Artikel meistens ungewöhnlich, das heißt veraltet, dichterisch oder sehr gehoben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz so einfach ist es natürlich auch hier nicht, denn auch diese Tendenz kennt Ausnahmen. Zum Beispiel:

Es stellt sich hier die Frage, welche und wie viele Ausnahmen es gibt.

Diese Wendung klingt nicht ungewöhnlich, obwohl das Subjekt (die Frage) den bestimmten Artikel bei sich hat.

Zahlen unter und über zwölf: zehn bis 15 Prozent?

Frage

Zahlen bis zwölf soll man ausschreiben, heißt es. Doch wie verhält man sich in folgender Situation?

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.

Schreibt man 10 aus, erhält man eine optisch unbefriedigende Lösung. Darf man hier 10 unausgeschrieben lassen oder schreibt man stattdessen „fünfzehn“? Was ist Ihre Empfehlung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

auch ich bin irgendwann einmal während meiner Schulzeit der Regel begegnet, dass man Zahlen bis zwölf ausschreiben und bei höheren Zahlen Ziffern verwenden soll. Diese „Regel“ ist nur eine Empfehlung, von der man nicht nur jederzeit abweichen darf, sondern sehr häufig auch abweichen sollte. Wichtig ist nicht so sehr die Größe der Zahl, als vielmehr die Art des Textes, in dem man sie verwendet: In technischen Texten stehen eher Ziffern, in literarischen Texten stehen auch hohe Zahlen in Worten, und in Texten dazwischen verwendet man (je nach Kontext) das, was besser passt. Das steht auch in einem nicht mehr ganz taufrischen Blogartikel (siehe hier).

Bei der Verbindung von Zahlenangaben mit bis, und, oder usw. empfiehlt es sich immer, nicht zu mischen, sondern alle Zahlen entweder mit Ziffern oder in Worten auszudrücken:

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.
Windturbinen könnten hier zehn bis fünfzehn Prozent des Strombedarfs decken.

Der Vorgang dauert zwischen 2,5 und 3 Stunden.
Der Vorgang dauert zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

Es fielen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter.
Es fielen hundert bis hundertfünfzig Liter Regen pro Quadratmeter.

auf 1000 oder 1200 Metern Höhe
auf tausend oder tausendzweihundert Metern Höhe
auf tausend oder zwölfhundert Metern Höhe

Ob Sie Ziffern oder Buchstaben wählen, hängt von der Art des Textes und/oder vom weiteren Zusammenhang ab, in dem die Zahlenangabe steht. Die Wahl bleibt aber letztlich Ihnen überlassen. Richtig ist jeweils beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Indikativ und Konjunktiv in Konditionalgefügen: Wie wäre es, wenn wir gehen/gingen?

Frage

Ich kann den folgenden Satz nicht richtig einordnen:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen?

Mein Sprachgefühl verlangt hier das Wort „würde“, also:

Wie wäre es, wenn wir jetzt nach Hause gehen würden?

Zunächst habe ich an einen irrealen Bedingungssatz oder Ähnliches gedacht: „Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden, dann könnten wir den Film um 20 Uhr noch sehen.“ Ich glaube aber, dass ich falsch liege. Das „wie wäre es“ lässt sich doch auch ersetzen. […] Bevor ich noch länger darüber nachdenke, frage ich lieber jemanden, der sich damit auskennt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

der Satz, den Sie nicht richtig einordnen können, hat die Form eines Konditionalgefüges. In einem Konditionalgefüge beinhaltet ein Teilsatz eine Bedingung und ein Teilsatz die Folge bei Erfüllung dieser Bedingung. Im Prinzip stehen dabei beide Teilsätze im Indikativ oder beide Teilsätze im Konjunktiv II (o. würde-Form).

Im Indikativ wird das Gesagt als real angenommen:

Ich komme, wenn ich Zeit habe.
Wenn du gut für dich sorgst, wirst du bald wieder gesund sein.
Errätst du die Zahlen richtig, gewinnst du den Hauptpreis.

Im Konjunktiv II wird das Gesagte als irreal, nur gedacht angenommen:

Ich käme, wenn ich Zeit hätte.
Wenn du besser für dich sorgen würdest/sorgtest, wärst du bald wieder gesund.
Hättest du die Zahlen richtig erraten, hättest du den Hauptpreis gewonnen.

Vor allem in der gesprochenen (Umgangs)sprache kommen auch Formulierungen vor, in denen der Indikativ und der Konjunktiv gemischt werden. Das ist in Ihrem Beispiel der Fall:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen?

Das hat damit zu tun, dass der Konjunktiv II hier nicht „irreal“, sondern einfach nur höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn …? = Was hältst du davon, wenn …?

Ihre Annahme, dass kein echter irrealer Bedingungssatz vorliegt, ist also richtig. Im formaleren Sprachgebrauch sollten solche „Mischformen“ aber besser vermieden werden, also auch dann, wenn der Konjunktiv II einfach höflich gemeint ist:

Wie wäre es, wenn wir jetzt gehen würden/gingen?

Auch ein „nur“ höflich gemeintes irreales Konditionalgefüge formuliert man stilistisch besser mit doppeltem Konjunktiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zum Unterschied zwischen einer Superidee und einer super Idee

Frage

Ich möchte mich mit einer Frage zur deutschen Sprache an Sie wenden. Und zwar geht es um die Verschriftlichung von Formulierungen, die man vorwiegend in der Umgangssprache antrifft. […] Kürzlich las ich folgenden Dialog, der das Problem, auf das ich hinauswill, aufzeigt:

»Ich schlafe eigentlich immer gut, ich habe nämlich ein super Bett!«
»Du Glückliche! Vielleicht schlafe ich deshalb häufig nicht gut, weil ich kein Superbett habe.«

Sie ahnen es vielleicht schon – es geht um die beiden verschiedenen Schreibweisen von „super Bett“ versus „Superbett“. Mir ist nicht klar, wieso hier überhaupt verschiedene Schreibweisen gewählt wurden – vielleicht einfach eine versehentliche Inkonsistenz? Aber wenn man sich für eine Variante entscheiden müsste, welche wäre die richtige? Ich will im Folgenden einige weitere Beispiele anführen, um die Frage noch besser zu veranschaulichen:

Ich habe eine super Idee!
Ich habe eine Superidee!
Du hast ein klasse Resultat erzielt!
Du hast ein Klasseresultat erzielt!
Das war eine mega Party.
Das war eine Megaparty.
Das ist ein riesen Problem.
Das ist ein Riesenproblem.

Welche Schreibvariante ist die korrekte? Oder hat man freie Wahl? Und falls ja: Gibt es Bedeutungsunterschiede zwischen den Schreibweisen? Und auf welche Rechtschreibregel(n) lässt sich die Entscheidung für die eine oder andere Schreibung zurückführen? […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

bei der Wiedergabe von umgangssprachlichen Äußerungen dieser Art ist vor allem die Betonung wichtig:

Das ist eine Súperidee
Das ist eine super Idéé

ein Súperbett
ein super Bétt

Das Affix „Super-“ trägt die Hauptbetonung in der Verbindung und wird mit dem Substantiv zusammengeschrieben. Wenn „super“ bei neutraler Aussprache nicht die Hauptbetonung trägt, wird es als unveränderliches Adjektiv angesehen und klein und vom Substantiv getrennt geschrieben. Vgl. Unterschied bei Betonung und Schreibung in:

ein Rósenstrauß
ein rosa Stráúß

Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen „Super-“ und „super“: Ein super Bett ist ein großartiges Bett, ein Superbett ist ein Bett das qualitativ oder in anderem Sinne weit über einem normalen Bett steht. Ein super Mann und eine super Frau sind nicht gleich Superman und Superwomen, aber es wäre schwierig oder unmöglich, immer eine genaue Bedeutungsgrenze zwischen „Super-“ und „super“ anzugeben. So gibt es zum Beispiel außer der Betonung kaum einen Unterschied zwischen einer „Superidee” und „super Idee”.

Die Unterscheidung zwischen dem dem Affix „Super-“ und dem unveränderlichen Adjektiv „super“ ist schon so weit eingebürgert, dass sie auch in der Verschriftlichung in dieser Weise üblich geworden ist. Bei anderen Affixen, die umgangssprachlich als unveränderliche Adjektive verwendet werden, ist die Getrenntschreibung gemäß den Wörterbüchern (noch) nicht überall vorgesehen. Sie sollte aber bestimmt in Erwägung gezogen werden, wenn wirkliche Umgangssprache schriftlich wiedergegeben wird.

Es gibt manchmal – also nicht immer – einen mehr oder weniger großen Bedeutungsunterschied zwischen dem betonten Affix (resp. Erstelement einer Komposition) und dem weniger betonten unveränderlichen Adjektiv. Hier einige Beispiele:

ein Klásseresultat
ein klasse Resultát

Kein Bedeutungsunterschied Klasse-/klasse [?]

eine Mégaparty (eine sehr große Party)
eine mega Párty (eine großartige Party)

Bedeutungsunterschied: Mega- = sehr groß / mega = großartig

ein Ríésenproblem
ein riesen Problém

Kein Bedeutungsunterschied Riesen-/riesen

diese Schéíßwurst
diese scheiß Wúrst

Kein Bedeutungsunterschied Scheiß-/scheiß, außer wenn mit Scheiß- nicht schlecht, miserabel, sondern Kot- gemeint ist. Was gemeint ist, ergibt sich dabei in der Regel deutlich aus dem Kontext.

mit extra Käse (mit zusätzlichem Käse)
mit Extrakäse (mit Käse der besonderen Klasse o. Ä.)

Bedeutungsunterschied: Extra- = Sonder- o. zusätzlich / extra = zusätzlich

Die getrennt geschriebenen und entsprechend betonten gesprochenen Varianten gehören der Umgangssprache an. In der Standardsprache kommen die getrennt geschriebenen Varianten also nicht vor. Auch die meisten der oben zusammengeschriebenen Varianten gehören nur der Umgangssprache an. In formellen standardsprachlichen Texten stellt sich das hier behandelte Problem somit kaum – aber man sollte ja auch Umgangssprachliches aufschreiben können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Zu dieser Frage gibt es auch einen schon ziemlich alten Blogartikel.

Wiederholte Verbformen lassen sich häufig, aber nicht immer einsparen

Frage

Es geht um das Weg- oder Auslassen von sich ähnlichen und sich anscheinend wiederholenden Satzteilen, meist Verben oder Hilfsverben. Man könnte meinen, es wäre so etwas wie eine Ellipse, doch im Unterschied dazu sind die potenziell auslassbaren Satzteile eben nicht gleich, sondern nur ähnlich. Hier zwei konstruierte Beispiele:

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank mit dem Fahrrad nach Bielefeld
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm nicht.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten in dieser Art und man ist oberflächlich versucht, darüber hinwegzulesen. Doch bei genauerem Hinsehen müsste es natürlich heißen: „… aber Frank fährt …” und „… aber Wilhelm ist es nicht …“.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

identische Verbformen können weggelassen werden:

Lisa isst einen Apfel und Leo _ eine Birne. [isst]
Die Eltern sind schon hier, aber die Kinder _ noch nicht _.
[sind … hier]

Verbformen können auch dann eingespart werden, wenn sie nicht dieselben grammatischen Merkmale (Person, Numerus) haben. Dabei werden nicht alle Einsparungen von allen gleichermaßen akzeptiert. Die folgenden Arten von Einsparung sind aber möglich:

Ich esse einen Apfel und du _ eine Birne. [isst]
Du isst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Ich gehe heute nicht ins Kino, meine Schwester _ aber schon. [geht]
Du kommst um 15 Uhr an, Susanne _ eine Stunde später _. [kommt … an]
Ihr kommt um 15 Uhr an, Susanne und Max _ eine Stunde später _. [kommen … an]

Bei unterschiedlichem Numerus wird die Einsparung nicht von allen gleichermaßen akzeptiert:

Ich esse einen Apfel und ihr _ eine Birne. [esst]
Ihr esst eine Birne und ich _ einen Apfel. [esse]
Was nützt uns unser Geld und was _ unsere Kenntnisse? [nützen uns]
Was nützen uns unsere Kenntnisse und was _ unser Geld? [nützt uns]
Die Lehrerin musste lachen, ihre Schülerinnen _ ebenfalls _. [mussten … lachen]
Die Schülerinnen mussten lachen, ihre Lehrerin _ ebenfalls _. [musste … lachen]

In Ihren Beispielsätzen unterscheiden sich die Verbformen im Numerus. Das Verb kann in solchen Fällen eingespart werden, auch wenn nicht alle diese Einsparung gleichermaßen akzeptabel finden.

Hans und Peter fahren mit dem Auto nach Berlin, aber Frank _ mit dem Fahrrad nach Bielefeld. [fährt]
Lisa, Udo und Karl sind seit zwei Wochen im Urlaub, aber Wilhelm _ nicht _. [ist … im Urlaub]


Der Vollständigkeit halber muss hier noch gesagt werden, dass das Weglassen nicht immer möglich ist. Ganz allgemein, also auch bei identischen Verbformen, gibt es nämlich Einschränkungen bei der Einsparung von Verbformen:

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Satzkonstruktion haben**:

nicht: Er fürchtete die Einsamkeit und sich vor der Dunkelheit.
nicht: Ich danke für die große Überraschung und allen, die dazu beigetragen haben.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn sie eine unterschiedliche Bedeutung haben**:

nicht: Wir laden zuerst das Gepäck in den Kofferraum und ihr uns dann zum Kaffee ein.
nicht: Er bestellte ihr Grüße von ihrer Mutter und dann ein Bier.
nicht: Sie gab den Brief auf und, weil es regnete, auch den Plan, spazieren zu gehen.

Zwei Verbformen sollten nicht zusammengezogen werden, wenn nur eines der beiden Verben ein Hilfsverb, ein Funktionsverb oder Teil einer festen Wendung ist**:

nicht: Sie hat ein Auto und uns schon oft damit abgeholt.
nicht: Er nahm einen Hammer und damit die Arbeit in Angriff.
nicht: Ich brachte sie in Verlegenheit und du sie dann nach Hause.
nicht: Dein Problem wird zurzeit behandel und du bald zufrieden sein.

Wie Sie sehen, ist bei der Einsparung von Verbformen mehr möglich, als Sie vielleicht dachten, aber bei Weitem nicht alles.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Aber bewusst zur Erzeugung eines speziellen, oft humoristischen Effektes:

Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.
Es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen.

Einer Sache abgewandt oder von einer Sache abgewandt?

Frage

Man kann zwar zum Beispiel einem Plan oder dem Alkohol zugeneigt oder abgeneigt sein, aber doch nur der Zukunft zugewandt und nicht entsprechend der Zukunft abgewandt, wie ich es in einer Zeitung las („Konservativ und der Zukunft abgewandt. Wie die Alten die Wahl entscheiden“). Müsste es nicht heißen „von der Zukunft abgewandt“, also „Konservativ und von der Zukunft abgewandt“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

standardsprachlich üblich ist gemäß den Wörterbüchern:

sich jemandem/einer Sache zuwenden
sich von jemandem/einer Sache abwenden

Entsprechend heißt es auch:

der Zukunft zugewandt sein
von der Zukunft abgewandt sein

dem Leben zugewandt
vom Leben abgewandt

die dem Wind zugewandte Seite
die vom Wind abgewandte Seite

Aber: Formulierungen ohne „von“ kommen auch bei „abgewandt“ recht häufig vor, wahrscheinlich in Analogie zur Formulierung mit „zugewandt“. Es gibt Buchtitel wie „Und der Zukunft abgewandt“ und Lexikoneinträge, in denen „Lee“ als „die dem Wind abgewandte Seite“ definiert wird.

Auch wenn ich nur „von einer Sache abgewandt“ für empfehlenswert halte, würde ich  Formulierungen ohne „von“ deshalb dennoch nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen. Man muss dann davon ausgehen, dass sich „abgewandt“ so weit verselbstständigt hat, dass es mit einer anderen Konstruktion verwendet werden kann, als das ihm zugrunde liegende Verb. Doch wie gesagt, ich halte „von der Zukunft abgewandt“ für besser – allerdings nur die Formulierung mit „von“, nicht die Geisteshaltung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp