Archiv für Wortschatz

Bahnbrechende Ideen und sich Bahn brechende Ideen

Frage

Ich kenne das Adjektiv „bahnbrechend“. In meiner Zeitung steht: „Er habe Verständnis, dass sich diese Emotionen haben bahnbrechen müssen, sagte der Vereinsvorsitzende.“ Das Verb „bahnbrechen“ habe ich jedoch in keinem Nachschlagewerk gefunden. Gibt es das überhaupt oder müsste es „Bahn brechen“ heißen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Wendung (die ich ehrlich gesagt in meinem ganzen Leben noch nie gebraucht und deshalb zur Sicherheit nachgeschlagen habe) lautet:

sich Bahn brechen
= sich durchsetzen
Neue Ideen brechen sich Bahn.
= Neue Ideen setzen sich durch.

Wenn man so formuliert, dass die Wendung als Partizipgruppe vor einem Substantiv steht, wird wie folgt geschrieben:

eine sich Bahn brechende Idee
= eine Idee, die sich durchsetzt

Das Adjektiv „bahnbrechend“, das Sie in Ihrer Frage anführen, hat eine eigene Bedeutung erhalten, nämlich „umwälzend“, „eine ganz neue Entwicklung einleitend“:

eine bahnbrechende Idee
= eine umwälzende Idee; eine Idee, die eine ganz neue Entwicklung einleitet

Bei bahnbrechenden Ideen ist nicht immer gesagt, dass sie sich Bahn brechen. Nicht jede umwälzende Idee setzt sich auch durch.

Zurück zu Ihrer Frage: Der im Artikel zitierte Vereinsvorsitzende meinte wahrscheinlich, dass die Emotionen sich haben durchsetzen müssen. Richtig ist dann die Getrenntschreibung:

Die Emotionen brechen sich Bahn.
= Die Emotionen setzen sich durch.
Die Emotionen haben sich Bahn brechen müssen.
Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich Bahn haben brechen müssen.
auch: Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich haben Bahn brechen müssen.

Sie haben also recht, dass im Artikel nicht „bahnbrechen“, sondern besser „Bahn brechen“ stehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn Viren mutieren: Mutationen und Mutanten

Ich darf zwar ein „Dr.“ vor meinem Namen führen, aber außer wie man mit Kamillentee, Paracetamol, Jod oder Alkohol und Pflastern umgeht, sind Krankheiten eindeutig nicht mein Fachgebiet. Ein solcher Doktor bin ich nicht. Mein Beitrag zum Thema Virus ist deshalb rein sprachlicher Natur, wie es sich für einen „Sprachdoktor“ gehört:

Frage

Vermehrt hört man jetzt nicht nur von Mutationen (des Virus) sondern auch von Mutanten. Letzteres hört sich in diesem Kontext falsch an. Was sagen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das zum Themenkreis „Pandemie“, „Lockdown“, „Schutzmaske“ und „Impfstoff“ gehörende Wort „Mutation“ bedeutet wörtlich „Veränderung“ und kommt in diesem Zusammenhang aus der Fachsprache der Biologie. Dort hat es eine viel engere Bedeutung: „Veränderung in den Erbanlagen eines Organismus“. Mit den englischen, brasilianischen oder südafrikanischen Mutationen sind genau genommen Mutationen oder eben Veränderungen am Erbgut des Covid-19-Virus gemeint, die in England, Brasilien bzw. Südafrika zum ersten Mal festgestellt wurden.

In den Medien, in Diskussionsprogrammen und an anderer Stelle sind manchmal nicht die Veränderungen an den Erbanlagen, sondern die veränderten Viren oder Virenstämme gemeint, wenn von zum Beispiel „den englischen Mutationen“ die Rede ist. Das ist – zumindest fachsprachlich – nicht ganz zutreffend, denn die mutierten, das heißt veränderten Organismen werden nicht „Mutationen“, sondern „Mutanten“ genannt. Bei der Einzahl hat man die Wahl zwischen „der Mutant“ (Genitiv: „des Mutanten“) oder „die Mutante“.

Kurz zusammengefasst: Mutanten sind durch Mutation entstanden. Es ist also auch in diesem Kontext korrekt, von Mutanten zu sprechen – vorausgesetzt, man meint damit nicht die Veränderungen, sondern die veränderten Viren. Und wenn es nicht vorrangig um die Veränderungen an den Erbanlagen des Coronavirus geht, kann man auch einfach von den verschiedenen Varianten des Virus sprechen.

Ganz gleich ob Mutation, Mutant(e), Variation oder „Original“, passen Sie gut auf, dass das Virus Sie möglichst nicht erwischt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lotos, Lotus und die Fachsprache

Nicht ganz passend zur Adventszeit eine „blumige“ Frage zu Lotus, Lotos und Hornklee:

Frage

Heißt die Seerosenart „Lotus“ oder „Lotos“ oder ist beides richtig? Der Duden deklariert „Lotus“ unter anderem als „so viel wie Lotos“, aber auf der Seite […].de steht, nur „Lotos“ sei richtig und „Lotus“ sei der botanische Name für „Hornklee“. Ist „Lotus“ für die Seerose kein korrektes Deutsch oder ein Anglizismus?

Nelumbo nucifera
Indische Lotosblume o. Lotusblume
Bild von Shin-改
Lotus corniculatus
Gewöhnlicher Hornklee
Bild von Hans Braxmeier

Antwort

Guten Tag Frau W.,

es geht hier nicht darum, ob die Wortwahl richtig oder falsch ist. Es geht darum, welche Sprachart oder welches Sprachregister man benutzt. In diesem Fall kann man zwischen der Allgemeinsprache und der botanischen Fachsprache unterscheiden.

In der Allgemeinsprache gibt es:

a) Hornklee
b) Lotos(blume) oder Lotus(blume)

In der botanischen Fachsprache unterscheidet man:

a) Lotus (o. Hornklee)
b) Nelumbo (o. Lotos)

Es ist also nicht grundsätzlich falsch, die Lotosblume auch Lotusblume zu nennen, denn das ist außerhalb der Fachsprache, das heißt in der Allgemeinsprache, so üblich.**

Ähnliche Fälle sind:

Allgemeinsprachlich:
a) Geranien
b) Storchschnäbel
Fachsprachlich:
a) Pelargonien
b) Geranien

Allgemeinsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Gemüse
Fachsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Früchte

Meiner Meinung nach behaupten vor allem „Besserwissende“, es sei falsch, Tomaten, Zucchini und Auberginen als Gemüse zu bezeichnen, weil sie botanisch gesehen Früchte sind. Ähnliches gilt für die Behauptungen, dass der traditionelle Balkonflor nicht aus Geranien, sondern Pelargonien bestehe und dass man die Lotosblume nur so und nicht auch Lotusblume nennen dürfe. Die Allgemeinsprache muss sich nicht an die Regeln der Fachsprachen halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Auch schon im 19. Jahrhundert benutzt man die Wörter „Lotosblume“ und „Lotusblume“ nebeneinander (vgl. hier). Ein Einfluss der Sportwagenmarke Lotus ist in der damaligen Zeit auszuschließen. Das britische Unternehmen wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet. Und selbst wenn „Lotus“ für „Lotos“ im 19. Jahrhundert ein Anglizismus gewesen sein sollte, dürfte er bis heute als eingebürgert bezeichnet werden.

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Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht?

Frage

Warum sagt man „zu etwas aufbrechen“ („ich breche zu einer Expedition auf’“)?

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage gehört zu den Fragen, bei denen ich mich frage, warum ich sie mir nie selbst gestellt habe. Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht? Was wird hier gebrochen oder aufgebrochen?

Die Antwort findet sich in einer Formulierung, die man heute nicht mehr verwendet. Früher konnte man das Lager oder die Zelte aufbrechen, wenn man sein Lager abbrach, um weg- oder weiterzuziehen. Im heutigen Sprachgebrauch werden Lager und Zelte nur noch abgebrochen, nicht mehr aufgebrochen (wenn sie aufgebrochen werden hat das nichts mehr mit Weggehen, sondern mit Einbruch zu tun – erstaunlich vielfältig, das Verb „brechen“!). Heute verwendet man dieses „aufbrechen“ noch in übertragenem Sinne für „fortgehen“, „sich auf den Weg machen“. Man kann also zu einer Expedition, in den Urlaub, nach Stuttgart oder zum Besuch bei den Großeltern aufbrechen, ohne dass dabei ein Lager oder auch nur ein Zelt abgebrochen werden muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dursten und dürsten

Frage

Was ist der Unterschied zwischen den Verben „dursten“ und „dürsten“? Kann man statt „Dürstende“ auch „Durstende“ sagen, z. B. in der Wendung „Hungernde und Durstende“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

im wörtlichen Sinne ist insbesondere in Verbindung mit „hungern“ die Variante „dursten“ üblich:

die Hungernden und die Durstenden
Sie mussten lange hungern und dursten**

Sonst ist auch „dürsten“ möglich – vor allem bei der gehobenen unpersönlichen Wendung:

Es durstet/dürstet mich
Das Vieh musste dursten/(dürsten)

Im übertragenen Sinne ist es ohne Bedeutungsunterschied „dürsten“ oder „dursten“:

nach Informationen dürsten/(dursten)
nach Anerkennung dürsten/(dursten)

Im heutige Sprachgebrauch ist hier allerdings vor allem „dürsten“ gebräuchlich.

Eine exakte Grenze gibt es also nicht, aber für die nach „Eindeutigkeit“ Dürstenden sei zusammenfassend gesagt: Im wörtlichen Sinne „Durst haben“ ist „dursten“ üblicher. Im übertragenen Sinne „ersehnen; heftiges Verlangen haben“ ist vor allem „dürsten“ gebräuchlich. Wenn Sie „dursten“ und „dürsten“ so verwenden, werden Sie niemanden irritieren. Umgekehrt sollten Sie sich aber auch nicht irritieren lassen, wenn jemand diese Unterscheidung nicht einhält.

Und wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zu „durstig“: Wer Durst hat, ist im heutigen Sprachgebrauch nur noch umlautlos „durstig“. Auch im übertragenen Sinne heißt es zum Beispiel „durstig auf Abenteuer“, „durstig nach Wissen“ und „abenteuerdurstig“, „freiheitsdurstig“, „rachedurstig“, „tatendurstig“ oder „wissensdurstig“. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahme: Bei „blutdürstig“ verwenden wir doch noch die umgelautete Form.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Aber im übertragenen Sinne:

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden
(Matthäus, 5.6)

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Kann man Gebäude und Personen evakuieren?

Frage

Im Katastrophenfall werden häufig Gebäude evakuiert. Hin und wieder hört man aber auch davon, dass Personen evakuiert wurden, was hinsichtlich der Letalität des Vorgangs selten wirklich hilfreich sein dürfte. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

Wörter haben häufig mehr als eine Bedeutung. Das gilt auch für „evakuieren“, das u. a. diese Bedeutungen hat:

  1. einen Ort evakuieren: alle Bewohner des genannten Ortes an einen sicheren Ort bringen
    ein Gebäude evakuieren; ein Gebiet evakuieren
  2. jemanden evakuieren: jemanden wegen einer drohenden Gefahr an einen sicheren Ort bringen
    die Bewohner evakuieren; die Zivilbevölkerung evakuieren

Ihr Einwand gegen die Verwendung von „evakuieren“ mit der Bedeutung b) gilt nur dann, wenn man die wörtliche Bedeutung des lateinischen Stammwortes „evacuare = leer machen“ hinzuzieht. Dieses Verb hatte aber schon im Lateinischen und später im Französischen, über das es zu uns gekommen ist, weitere Verwendungen. Das Verb hat im Laufe der Zeit eine Entwicklung durchgemacht, die im Deutschen und anderen Sprachen u. a. zur allgemein üblichen und akzeptierten Bedeutung b) geführt hat. Menschen, die evakuiert werden, werden also nicht leer gemacht, sondern an einen sicheren Ort gebracht. Solche Bedeutungsverschiebungen und -erweiterungen kommen sehr häufig vor.

Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht seltsam, dass dasselbe Verb sowohl den Ort, aus dem jemand weggebracht wird, als auch die Personen, die von diesem Ort weggebracht werden, als Objekt haben kann:

das Gebäude evakuieren
die Bewohner evakuieren

Führt das nicht zu Missverständnissen? – Nein. Wenn das Akkusativobjekt bei „evakuieren“ ein Ort ist, hat es die Bedeutung a). Wenn das Akkusativobjekt ein lebendes Wesen ist, muss es sich um die Bedeutung b) handeln. Hier zeigt sich, dass Wörter ihre genaue Bedeutung häufig erst im Satzzusammenhang erhalten. Der unmittelbare Zusammenhang gibt schnell und eindeutig an, welche Bedeutung von „evakuieren“ gemeint ist.

Das ist übrigens gar nichts Außergewöhnliches. Nehmen wir das deutsche Wort „ausleeren“ (aus-leeren – e[x]-vacuare): Man kann sowohl den Eimer ausleeren als auch das Wasser ausleeren. Das sind zwei unterschiedliche Bedeutungen, die den unterschiedlichen Bedeutungen von „evakuieren“ sehr ähnlich sind.

Dank der Flexibilität der Sprache kann man also nicht nur Gebäude und Gebiete evakuieren, sondern auch Personen, ohne dass dies allzu schädlich für deren Gesundheit ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sind der Kanon und die Kanone miteinander verwandt?

Manchmal überfällt mich mehr oder weniger aus dem Nichts der Wunsch, zu wissen, woher ein bestimmtes Wort kommt. Letzthin war es das Wort „Kanon“, das eine ganz besondere Art mehrstimmigen Gesang bezeichnet (z. B. „Bruder Jakob“ bzw. „Frère Jacques“). Es gleicht seltsamerweise stark dem Wort „Kanone“, mit dem es von der Bedeutung gar nichts zu tun hat. Ich habe also zu den einschlägigen Wörterbüchern gegriffen und herausgefunden, dass „Kanon“ tatsächlich mit „Kanone“ verwandt ist – allerdings um mehrere Ecken.

Das Wort „Kanon“ stammt vom griechischen „kanṓn“ (κανών = gerade Stange, Lineal), das eine Ableitung von „kánna“ (κάννα = Rohr) ist. Schon im Griechischen wurde „kanṓn“ im übertragenen Sinne für u. a. Regel, Vorschrift verwendet. Später gelangte es in die lateinische Kirchensprache. Dort erhielt es neben verschiedene Bedeutungen, die hier nicht so interessant sind, die Bedeutung Lied oder Musikstück, bei dem die Stimmen nach strenger Regel nacheinander einsetzen. Der Weg von Rohr über Lineal und Regel bis hin zu mehrstimmiges Lied war also ziemlich weit und mit einigen Bedeutungsverschiebungen verbunden.

Der Weg, den „Kanone“ zurückgelegt hat, ist ein bisschen kürzer: Er fängt auch beim griechischen „kánna“ (κάννα = Rohr) an. Weiter geht es über lateinisches und italienisches „canna“ (Schilfrohr, Röhre) und die Ableitung „cannone“ (großes Rohr). Dieses Wort wird im 16. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Die Bedeutung änderte von großes Rohr zu schweres Geschütz, die Form wurde eingedeutscht und das Geschlecht wurde der als weiblich empfundenen Form angepasst. So wurde „canna“ über „il cannone“ zu „die Kanone“.

„Kanon“ und „Kanone“ gehen also beide auf dasselbe Wort zurück, das Rohr bedeutete. Beim Geschütz kann man sich mit etwas Mühe noch recht gut vorstellen, wie aus dem (großen) Rohr eine Kanone wurde. Beim Gesang hingegen ist der Zusammenhang mit der Grundbedeutung wegen der vielen Bedeutungsänderungen nicht mehr ersichtlich. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie flexibel Verwendung und Bedeutung eines Wortes sich im Laufe der Wortgeschichte verändern können, so dass, etwas vereinfacht ausgedrückt, aus einem Rohr sowohl ein schweres Geschütz als auch ein mehrstimmiges Musikstück werden kann – und übrigens auch ein künstlicher Wasserlauf: „Kanal“.

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Ist dreimonatlich dreimal monatlich?

Es ist keine Frage der höheren Mathematik, aber ein bisschen aufpassen muss man bei der Formulierung schon.

Frage

Ist der Satz „Die Radiosendung wird dreimonatlich ausgestrahlt“ synonym mit „Die Radiosendung wird dreimal monatlich ausgestrahlt“?

Antwort

Guten Tag Frau Z.,

die Antwort lautet nein: „dreimonatlich“ und „dreimal monatlich“ haben nicht die gleiche Bedeutung:

Die Radiosendung wird dreimonatlich ausgestrahlt
dreimonatlich = alle drei Monate, einmal in drei Monaten

Die Radiosendung dreimal monatlich ausgestrahlt
dreimal monatlich = jeden Monat dreimal, dreimal pro Monat

Eine Radiosendung, die dreimal monatlich ausgestrahlt wird, ist also neunmal häufiger zu hören, als eine Radiosendung, die dreimonatlich ausgestrahlt wird.

Auch bei anderen Zahlenangaben gibt es diese Unterscheidung:

zweimonatlich = alle zwei Monate, einmal in zwei Monaten
zweimal monatlich = jeden Monat zweimal, zweimal pro Monat

fünfmonatlich = alle fünf Monate, einmal in fünf Monaten
fünfmal monatlich = jeden Monat fünfmal, fünfmal pro Monat

Etwas, das zweimal monatlich geschieht, kommt viermal häufiger vor als etwas, das zweimonatlich geschieht. Fünfmal monatlich ist schon fünfundzwanzigmal häufiger also fünfmonatlich!

Nur bei „(ein)monatlich“ und „einmal monatlich“ muss man nicht aufpassen, denn einmal in einem Monat und jeden Monat einmal läuft aus das Gleiche hinaus.

Und wer nun ein bisschen verwirrt ist, weicht einfach auf vielleicht nicht ganz ohne Grund häufiger vorkommenden Wendungen wie „alle drei Monate“ („dreimonatlich“) und „dreimal pro Monat“ („dreimal monatlich“) aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn der Vorteil eigentlich ein Nachteil ist: übervorteilen

Frage

Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage nach der Bedeutungsherkunft des Verbes „übervorteilen“. Zunächst scheint seine Bedeutung kontraintuitiv: Übervorteilen klingt danach, als bekomme man zu viel des Vorteils. Nach einer Benachteiligung klingt es gerade nicht. […] Ich hoffe, Sie können etwas Licht in mein Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

die Bedeutung „jemanden benachteiligen, betrügen“ des Verbs „übervorteilen“ ergibt sich tatsächlich nicht gleich aus seiner Form. Ich hatte mir bis vor Kurzem vorgestellt, dass „über“ in „übervorteilen“ irgendwie eine negative Bedeutung hat (wie in „überfragen“ oder „sich überessen“) oder dass die übervorteilende Partei es so einrichtet, dass sie den ganzen Vorteil übernimmt. Richtig geraten? – Nein. Auch des Sprachlers Intuition liegt bei solchen Fragen häufig daneben. Um Ihnen eine fundierte Antwort geben zu können, habe ich in die Wörterbücher geschaut. Dort habe ich eine überraschende Erklärung gefunden:

Das Verb „übervorteilen“ hat seine Bedeutung in einer Zeit erhalten, in der „Vorteil“ auch etwas Negatives sein konnte. Eine der vielen Bedeutungen, die „Vorteil“ hatte, war gemäß dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm „unredlicher Gewinn, Lug und Trug …“:

[…] im engeren sinne bezeichnet es unredlichen gewinn, lug und trug im erwerbsleben: irs geytz, wuchers und allen vorteyl und finantzerey (Luther); beschisz, vorteil, betrug (Zwingli); so von zinsen und wucher leben in allerley vorteil und buberey (Eberlin v. Günzburg) […]
(Siehe Grimm, Vorteil, Bedeutung 7)

Auch die Ableitung „vorteilisch“ war alles andere als positiv:

wer vortailisch ist, prauchet vil tüeck und hinderlist
(Wer „vorteilisch“ ist, braucht viel Tücke und Hinterlist)
Siehe Grimm, vorteilisch)

Das hatte ich nicht erwartet. Die größte Überraschung war für mich aber das Verb „bevorteilen“: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte es nämlich nicht die heutige positive Bedeutung. Nach dem Grimmschen Wörterbuch bedeutete es noch Ende des 19. Jahrhunderts „beeinträchtigen, betrügen“:

dies wort ist kein gegensatz von benachtheiligen und drückt nicht aus einen in vortheil bringen, sondern das umgedrehte.
(Siehe Grimm, bevortheilen)

Das Verb „bevorteilen“ wurde demnach nicht vom positiven „Vorteil“, sondern von „Vorteil“ mit der Bedeutung „unredlicher Gewinn, Lug und Trug“ abgeleitet. Es wurde also in gleicher o. ähnlicher Weise wie „betrügen“ und „benachteiligen“ gebildet. Später wurde „bevorteilen“ umgedeutet, sehr wahrscheinlich weil wir heute „Vorteil“ nur noch im positiven Sinne kennen. Wenn man heute bevorteilt wird, wird man begünstigt.

Und hiermit sind wir endlich wieder bei „übervorteilen“. Auch dieses Verb wurde wie „bevorteilen“ vom negativ beladenen „Vorteil“ abgeleitet. Es bedeutete ungefähr „jemanden mit Lug und Trug überwinden, überlisten“. Das Verb „über-vorteil-en“ wurde somit wie sein Bedeutungsnachbar „über-list-en“ gebildet.

Leicht dramatisierend könnte man also sagen, dass das Wort „Vorteil“ im Laufe seiner Geschichte auch eine sehr negative Bedeutung erhalten hatte, die später wieder verlorenging. Nur im Verb „übervorteilen“ hat die Bedeutung „Lug und Trug, unredlicher Gewinn“ noch ihre Spuren hinterlassen. Auch wortgeschichtlich ist ein Vorteil also manchmal ein Nachteil (gewesen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist „Geblinke“ ein gültiges Wort?

Frage

Ich spiele Scrabble und möchte das Wort „Geblinke“ legen. Mein Gegner meint, das sei kein gültiges Wort. Wir warten gespannt auf Ihre Antwort auf die Frage: Ist das ein Wort?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

an der Frage, ob ein Wort in Scrabble gültig ist oder nicht, möchte ich mir nicht die Finger verbrennen. Das hängt nämlich davon ab, was Sie miteinander abgesprochen haben. Ich bin der Meinung, dass man es vor allem nicht zu eng sehen sollte, denn diese Frage hat schon Freundschaften und Ehen beinahe in die Brüche gehen lassen, obwohl Scrabble nur ein Spiel ist.

Wenn Sie nur Wörter akzeptieren, die in einem (bestimmten) Wörterbuch stehen, ist „Geblinke“ ein Problemfall für Sie. Es gibt wahrscheinlich kein Wörterbuch, das dieses Wort aufführt.

Wenn Sie auch Wörter akzeptieren, die korrekt gebildet sind und vorkommen oder vorkommen können, ist „Geblinke“ ein gültiges Wort. Es ist nämlich mit einer gebräuchlichen Wortbildungsregel gebildet worden, die Substantive von Verben ableitet (siehe hier). Andere Beispiele sind:

reden → Gerede
pfeifen → Gepfeife
hasten → Gehaste
jodeln → Gejodel

Die so gebildeten Substantive drücken häufig eine dauernde und meistens als lästig oder störend empfundene Verbhandlung aus. Das ist auch beim Wort, um das es Ihnen hier geht, der Fall:

blinken → Geblinke
Das dauernde Geblinke der LED-Lichter störte sie.

Das Problem der Wörter, die es gibt und geben kann, die aber nicht im Wörterbuch stehen, stellt sich häufiger, als man vielleicht denkt. Es gibt nämlich einige Wortbildungsregeln, die so viele sofort verständliche Wörter gebildet haben, bilden und bilden werden, dass lange nicht alles, was möglich ist, auch im Wörterbuch steht. Suchen Sie einmal diese Wörter in Ihrem Wörterbuch:

analysierbar, Vorsitzendenwahl, dunkelrosa, Privattrainerin, hinunterrollen, Besprengung, unverzeihlicherweise usw. usw.

Dürfte man bei Ihnen diese Wörter in Scrabble legen oder nicht, vorausgesetzt das Spielglück ließe es zu? Bei „Vorsitzendenwahl“ und „unverzeihlicherweise“ ist die Antwort einfach (sie passen nicht auf das Spielbrett), aber wie steht es mit den anderen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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