Archiv für Wortschatz

Oheim, Muhme, Vetter und Base

Letzthin bin ich wieder einmal dem alten Wort Oheim begegnet. Ich wusste, dass es ein altes Wort für Onkel ist. Ich vermutete weiter, dass es durch das aus dem Französischen übernommene Onkel verdrängt worden ist. Das stimmt zwar alles, aber es gibt noch mehr Interessantes für Wortliebhaber. Wie wurden zum Beispiel Tanten genannt, bevor sie wie die Onkel eine französische Bezeichnung erhielten?

Der Oheim war ursprünglich nicht einfach jede Art von Onkel, sondern der Mutterbruder, also der Bruder der Mutter. Die weibliche Entsprechung, die Mutterschwester, war die Muhme. Väterlicherseits wurde die Vatersschwester Base und der Vatersbruder Vetter genannt.

Oheim = Mutterbruder
Muhme = Mutterschwester
Vetter = Vatersbruder
Base = Vatersschwester

Sie wundern sich vielleicht, weil Vettern und Basen im heutige Sprachgebrauch nicht mehr Vatersbrüder und Vatersschwestern sind, sondern u. a. deren Kinder. So einfach, wie ich es hier darstelle, war die Lage sowieso nicht. Je nach Zeit und Region konnten Oheim und Vetter fast jeden männlichen Verwandten und Muhme und Base fast jede weibliche Verwandte bezeichnen.

Um 1700 kamen dann die französischen Bezeichnungen Oncle, später Onkel, und Tante auf, und zwar für Brüder und Schwestern sowohl des Vaters als auch der Mutter – ja sogar deren Gattinnen und Gatten werden nun (angeheiratete) Onkel und Tanten genannt. Die in dieser Weise „frei“ gewordenen Bezeichnungen Oheim und Muhme wurden zu veralteten, scherzhaften Bezeichnungen. Vetter und Base erhielten neu oder verstärkt eine andere Rolle: Sohn bzw. Tochter von Onkel oder Tante. Aber auch Vetter und noch stärker Base sind später fast ganz französischer Konkurrenz erlegen: Cousin und Cousine.

Während wir früher Oheime, Muhmen, Vettern und Basen hatten, die je nach Zeit und Ort auch noch ganz unterschiedlich mit uns verwandt sein konnten, hat der Wortimport aus dem Französischen mit Onkel, Tante, Cousin und Cousine klarere Verhältnisse geschaffen.

Obwohl – ganz so klar ist es nun auch wieder nicht. Wenn man es sich genau überlegt, kann Tante vier verschiedene Verwandtschaftsverhältnisse bezeichnen: Schwester der Mutter, Schwester des Vaters, Schwägerin der Mutter oder Schwägerin des Vaters. Auch bei der Cousine ist nicht klar, ob sie nun die Tochter des Vatersbruders, der Vatersschwester, des Mutterbruders oder der Mutterschwester ist. Ganz so eindeutig sind die Bezeichnungen also nicht, aber es ist wahrscheinlich gut so. Wer will sich schon bei der Angabe seiner Verwandten immer mit Bezeichnungen wie Vatersbruder, Mann der Mutterschwester, Mutterschwestertochter oder Vatersbrudersohn herumschlagen? Verwandtschaftsverhältnisse können auch ohne solche komplizierten Bezeichnungen kompliziert genug sein.

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»Scheinbar« wird anscheinend/scheinbar häufig falsch verwendet

Da vielerorts noch Sommerflaute herrscht, kommt hier eine alte Bekannte zum Zug, die immer wieder zu Fragen und Klagen Anlass gibt: die Unterscheidung zwischen den Adverbien anscheinend und scheinbar.

Frage

[…] Ich nutze häufig den Begriff „scheinbar“. Einer meine Kollegen korrigieren mich, dass „anscheinend“ richtig wäre. Ich verstehe seine Begründung dazu nicht und auch die Angaben im Wörterbuch nicht.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

in der Standardsprache sollte – zumindest gemäß den strengeren Grammatiken – ein Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend gemacht werden.

Man verwendet scheinbar, um anzugeben, dass etwas so aussieht, aber nicht wirklich ist:

Er ist scheinbar zufrieden
= Er sieht zufrieden aus, aber er ist es in Wirklichkeit nicht. Es scheint nur so.

Man verwendet anscheinend, um eine starke Vermutung auszudrücken:

Er ist anscheinend zufrieden
= Ich vermute stark, dass er zufrieden ist. So wie es aussieht, ist er zufrieden.

Ein weiteres Beispiel:

Sie sind (nur) scheinbar angekommen
= Es scheint, dass sie angekommen sind, das ist aber nicht so.

Sie sind anscheinend angekommen
= Ich vermute stark, dass sie angekommen sind. So wie es aussieht, sind sie angekommen.

Wenn man Ihnen die falsche Verwendung von scheinbar vorwirft, ist höchstwahrscheinlich gemeint, dass Sie scheinbar nicht wie anscheinend im Sinne von vermutlich/offenbar verwenden sollten.

Soweit die „offizielle“ Regel, nun zur Sprachrealität: Viele verwenden das Wort scheinbar wie Sie auch im Sinne von anscheinend. Der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wörtern wurde erst durch die Grammatiker des 18. Jahrhunderts eingeführt und hat offensichtlich im Deutschen nie so richtig Fuß fassen können. Auch ich mache diesen „Fehler“ hin und wieder. Im Schriftlichen unterläuft er mir wahrscheinlich eher selten, denn dort passe ich vor allem in formelleren Kontexten besser auf, aber im spontanen mündlichen Sprachgebrauch rutscht mir regelmäßig scheinbar heraus, wenn ich nach der „Regel“ eigentlich anscheinend sagen müsste.

Das gelegentlich angeführte Argument, dass es durch die „falsche“ Verwendung von scheinbar zu zweideutigen Formulierungen komme, finde ich nicht allzu stichhaltig. In allen Bereichen der Sprache gibt es eine große Palette von Zwei- und Mehrdeutigkeiten, ohne dass dies zu allzu großen Verständigungsproblemen führt. In den meisten Fällen geben Situation und Satzzusammenhang an, was gemeint ist. So auch im Fall von scheinbar. Wenn jemand sagt:

Er ist scheinbar zufrieden, denn er hat sich nicht beschwert.
Er ist scheinbar zufrieden, aber frag doch noch einmal nach.

ist klar, was scheinbar ausdrückt: eine starke Vermutung.

Sagt jemand:

Er ist [nur] scheinbar zufrieden. Er wagt es einfach nicht, sich zu beschweren.
Er ist scheinbar zufrieden, aber innerlich kocht er vor Wut.

ist eindeutig gemeint, dass die Zufriedenheit nicht der Wirklichkeit entspricht.

Natürlich kann man Beispiele anführen, die wirklich zweideutig sind. Im Allgemeinen gilt aber, dass erst die Einführung und strenge Handhabung der Unterscheidung zwischen anscheinend und scheinbar zu Interpretationsschwierigkeiten führt.

Aus diesen Gründen bin ich der Meinung, dass man es nicht als falsch bezeichnen sollte, wenn scheinbar gleich wie anscheinend verwendet wird. Selbst die Angabe „umgangssprachlich“, die Duden, DWDS und andere aus begreiflichen Gründen hierfür benutzen, finde ich nicht gerechtfertigt.

Diese Meinung teilen aber nicht alle. Ich würde deshalb aus pragmatischen Gründen Deutsch Unterrichtenden empfehlen, diese Unterscheidung weiterhin zu erklären, und Schülern und Schülerinnen rate ich an, in Aufsätzen und Arbeiten das Wort scheinbar nicht zu verwenden, wenn eine starke Vermutung ausgedrückt werden soll. Damit vermeiden sie Diskussionen und (ungerechtfertigte) Notenabzüge. Alle anderen können je nach Sprachempfinden entweder scheinbar und anscheinend streng auseinanderhalten oder diesem (scheinbaren) Unterschied keine große Beachtung schenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn der Vorteil ein Nachteil ist: übervorteilen

Frage

Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage nach der Bedeutungsherkunft des Verbes „übervorteilen“. Zunächst scheint seine Bedeutung kontraintuitiv: Übervorteilen klingt danach, als bekomme man zu viel des Vorteils. Nach einer Benachteiligung klingt es gerade nicht.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

die Bedeutung jemanden benachteiligen, betrügen des Verbs übervorteilen ergibt sich tatsächlich nicht spontan aus seiner Form. Es klingt, wie Sie richtig sagen, eher nach einem Übermaß an Vorteil als nach einer Benachteiligung. Das liegt daran, dass dieses Verb zu einer Zeit entstanden ist, in der Vorteil auch etwas Negatives sein konnte. Eine der vielen Bedeutungen, die Vorteil hatte, war gemäß dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:

[…] im engeren sinne bezeichnet es unredlichen gewinn, lug und trug im erwerbsleben: irs geytz, wuchers und allen vorteyl und finantzerey  (Luther); beschisz, vorteil, betrug (Zwingli); so von zinsen und wucher leben in allerley vorteil und buberey (Eberlin v. Günzburg) […]

Grimm, Vorteil, Bedeutung 7)

Auch die heute nicht mehr gebräuchliche Ableitung vorteilisch war alles andere als positiv: 

wer vortailisch ist, prauchet vil tüeck und hinderlist
(Wer „vorteilisch“ ist, braucht viel Tücke und Hinterlist)

Grimm, vorteilisch

Nun kommen wir zum Verb bevorteilen, das hier die größte Überraschung für mich war: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte es nämlich nicht die heutige positive Bedeutung. Nach dem grimmschen Wörterbuch bedeutete es noch Ende des 19. Jahrhunderts beeinträchtigen, betrügen:

dies wort ist kein gegensatz von benachtheiligen und drückt nicht aus einen in vortheil bringen, sondern das umgedrehte.

Grimm, bevortheilen

Das Verb bevorteilen wurde demnach nicht vom positiven Vorteil , sondern von Vorteil mit der Bedeutung unredlicher Gewinn, Lug und Trug  abgeleitet. Es wurde also in gleicher/ähnlicher Weise wie betrügen (von Trug) und benachteiligen (von Nachteil) gebildet. Später wurde es zu seinem Gegenteil umgedeutet, sehr wahrscheinlich weil wir heute Vorteil nur noch im positiven Sinne kennen. Wenn man heute bevorteilt wird, wird man begünstigt.

Und hiermit sind wir endlich bei übervorteilen. Auch dieses Verb wurde wahrscheinlich wie bevorteilen vom negativ beladenen Vorteil abgeleitet. Es bedeutete ungefähr jemanden mit Lug und Trug überwinden, überlisten und wurde somit wie sein Bedeutungsnachbar überlisten (von List) gebildet.

Leicht bis mittelschwer dramatisierend könnte man also sagen, dass das Wort Vorteil im Laufe seiner Geschichte auch eine negative Bedeutung erhalten hatte, die später wieder verlorenging. Nur im Verb übervorteilen hat Vorteil im Sinne von Lug und Trug, unredlicher Gewinn noch seine Spuren hinterlassen. 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp 

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Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Onkologieteam/onkologisches Team vs Italienkennerin/italienische Kennerin

Frage

Ich habe mich kürzlich mit einem Kollegen über den Begriff „onkologisches Team“ unterhalten. Er meinte, es müsse doch „Onkologieteam/Onkologie-Team“ heißen. Ich sehe das eigentlich auch so, kann es aber nicht genau erklären, ob es zulässig ist oder nicht. „Onkologische Abteilung“ beispielsweise stört mich nicht, obwohl natürlich auch hier „Onkologieabteilung“ geschrieben werden könnte (oder gar sollte?).

Antwort

Guten Tag Herr F.,

grammatisch sind onkologisches Team und Onkologieteam korrekt. Auch bei der Bedeutung gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Wichtig ist höchstens, was in einem bestimmten Kontext üblich ist. In einigen Krankenhäusern gibt es wahrscheinlich eine Onkologieabteilung, während in anderen von der Onkologischen Abteilung die Rede ist (oder der Abteilung Onkologie).

So gibt es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen grammatischen Fragen und Grammatikfragen oder einem chemischen Labor und einem Chemielabor. Richtig ist, was gebräuchlich ist – und häufig ist dies beides.

Aber bei Weitem nicht immer: Während zum Beispiel die italienische Reise, die Goethe unternahm, eine Italienreise war, sind eine Italienkennerin und eine italienische Kennerin keineswegs dasselbe: Erstere kennt Italien gut und hat irgendeine Staatszugehörigkeit. Letztere ist eine Italienerin, die irgendein Gebiet gut kennt. Es gibt zum Beispiel nur demokratische Entscheidungen, keine *Demokratieentscheidungen; neben dem Alkoholverbot gibt es kein *alkoholisches Verbot u. v. a. m.

Wieder einmal müssen wir also ohne eine allgemeine, für alle Fälle gültige Regel auskommen. Darum nochmals: Richtig ist, was gebräuchlich und verständlich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Einfrieren und ausfrieren

Es sieht logisch aus, ausfrieren als Gegenteil von einfrieren zu verwenden. Und trotzdem sagen wir nicht, dass Eingefrorenes ausgefroren wird.

Frage

Ich wurde darauf hingewiesen, dass es den Begriff ausfrieren in Zusammenhang mit eingefrorenen Lebensmitteln nicht gebe bzw. dieser nicht passend sei. Korrekt sei auftauen.

Eine Internetrecherche bestätigt dies weitgehend. Es wird aber immer wieder auch von anderen Personen nach dem Begriff ausfrieren in diesem Zusammenhang gefragt.

Aus meiner Sicht ist zunächst das Gegenteil von ein der Begriff aus. Auch wenn diese Regel mit Sicherheit nicht „betonmäßig“ für „alles“ angewandt werden darf, ist es doch nicht völlig abwegig, als Gegenteil für einfrieren den Begriff ausfrieren zu verwenden. Vor allem im privaten Umfeld kann mir das eigentlich niemand „verbieten“. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

niemand kann Ihnen natürlich verbieten, das Verb ausfrieren im Sinne von auftauen zu verwenden. Es gibt aber verschiedene Gründe, die dagegen sprechen:

1) Eine Wortbildung kann blockiert, das heißt ungebräuchlich sein, weil es schon ein Wort mit der gleichen Bedeutung gibt. Hier wird ausfrieren durch das gebräuchliche und allgemein bekannte Wort auftauen blockiert (vgl. hier).

2) Eine Wortbildung kann nicht üblich sein, weil das Wort schon eine andere Bedeutung hat. Auch das ist bei ausfrieren der Fall: Es bedeutet u. a. schon bis zum Grund frieren, durch und durch frieren oder durch Frieren trennen (siehe die Angaben im DWDS). In Verbindung mit frieren ist aus nicht das Gegenteil von ein. Es hat hier die gleiche Bedeutung wie in austrocknen resp. in aussortieren.

3) Der wichtigste Grund: Man versteht in einem großen Teil des deutschen Sprachraums nicht, was Sie mit ausfrieren meinen, weil das Wort nicht bekannt und nicht gebräuchlich ist, sei es wegen 1) und 2) oder aus einem anderen Grund.

Es bleibt aber Ihnen überlassen, ob Sie das Wort weiterhin verwenden wollen. Sie dürfen sich nur nicht wundern, wenn man sich wundert oder Sie nicht auf Anhieb versteht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Digital und mit dem Finger

Bei uns zu Hause steht noch so etwas wie eine Musikanlage. Sie ist so neu, dass man sie, ohne aufstehen zu müssen, mit Hilfe einer App auf dem schlauen Telefon bedienen kann. Sie ist aber alt genug, dass man sie auch mit Hilfe des Fingers ein- und ausschalten oder zum Beispiel die Lautstärke regeln kann, vorausgesetzt dass man sich zu ihr hinbemüht. Die erste Art der Bedienung nennen wir hier zu Hause „digital“, die zweite wegen der Druckknöpfe „mit dem Finger“. Dabei ist mir erst gestern aufgefallen, dass dieser Gegensatz etwas Absurdes hat.

Das Wort digital kommt vom englischen Adjektiv digital, das wiederum von digit (Zahl von 0 bis 9, [zum Zählen benutzter] Finger) abgeleitet ist. Dieses digital geht somit auf lateinisch digitus = Finger zurück. Daneben gibt es auch in der Medizin das Adjektiv digital, das ohne Umweg über das Englische von lateinisch digitalis resp. digitus kommt. Seine Bedeutung: mit dem Finger (digitale Palpation = mit dem Finger abtasten).

Unser häuslicher Gegensatz digital bedienen ↔ mit dem Finger bedienen zeigt, dass sich dieses Adjektiv digital über verschiedene Stufen des Bedeutungswandels sozusagen in sein Gegenteil verwandelt hat. Und trotzdem verstehen wir problemlos, was gemeint ist.

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Karneval, Fasching Fas(t)nacht usw.

Herr G. hat mich gefragt, wie die Bezeichnung der Karnevals-, Faschings- resp. Fastnachtstage etwas vereinheitlicht werden könnte. Ich habe ihm darauf nicht allzu hilfsbereit (wofür ich ihn nochmals um Verzeihung bitte) geantwortet, dass ich eine Vereinheitlichung in diesem Bereich, der geradezu mit der Umkehrung der sonst geltenden Regeln zu tun hat und sehr regional geprägt ist, nicht für nötig halte. Hier eine Übersicht der gängigeren Namen:

Bereits hinter uns haben wir den Tag mit der größten Zahl verschiedener Bezeichnungen:

Weiberfasching, Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Schwerdonnerstag, Weiberfasnet, Altweiberfasching, Altweiberfastnacht, Schmutziger Donnerstag

Heute ist:

Rußiger Freitag, Karnevalsfreitag, Faschingsfreitag, Fastnachtsfreitag

Morgen haben wir dann:

Schmalziger Samstag, Nelkensamstag, Karnevalssamstag, Faschingssamstag, Fastnachtsamstag

Danach wird Auswahl an verschiedenen Bezeichnungen immer geringer. Auf den

Tulpensonntag, Karnevalssonntag, Faschingssonntag, Fastnachtssonntag

folgen:

Rosenmontag, Karnevalsmontag, Faschingsmontag, Fastnachtsmontag

Veilchendienstag, Karnevalsdienstag, Faschingsdienstag, Fastnachtsdienstag

Aschermittwoch

Da ich aus einer Region ohne Fastnacht komme und in einer Region ohne Karneval wohne, bin ich alles andere als ein Faschingsspezialist. Ich übernehme deshalb keine Verantwortung für die Korrektheit und Vollständigkeit der oben stehenden Liste und entlasse nun alle Narren und Närrinnen ins Narrentreiben und die anderen in ein hoffentlich schönes Wochenende.

Mit dem in Ihrer Region üblichen Narrenruf und einem freundlichen Gruß

Dr. Bopp

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Die poetische Note am Verschollensein

Frage

Wir zerbrechen uns seit einigen Tagen den Kopf über das Wort „verschollen“. Von welchem Wort leitet es sich ab? Gibt es nur diese eine Zeitform bei diesem Wort? Was ist der Infinitiv dieses Wortes? Kann etwas nur verschollen sein oder auch gerade dabei sein zu verschellen/verschallen/…. ?

Antwort

Guten Tag Herr H. und Herr B.,

das Adjektiv verschollen kommt tatsächlich von einem Verb, nämlich von verschallen. Es ist eine alte Perfektform – heute heißt es ja verschallen, verschallte/verscholl, verschallt –, die sich vom Verb gelöst und im 19. Jahrhundert die Bedeutung seit längerer Zeit mit unbekanntem Aufenthaltsort abwesend, unauffindbar erhalten hat. Man geht davon aus, dass die heutige Verwendung von verschollen, das ja eigentlich verklungen, verhallt bedeutete, als euphemistischer (beschönigender, verhüllender) Ausdruck für verschwunden, für Tot gehalten entstanden ist. Der, die oder das Verschollene ist also, poetisch ausgedrückt, verhallt und verklungen.

Das mag so besehen schön und dichterisch klingen, diese poetische Note ist aber leider ohne jeden Belang, wenn jemand konkret mit einer verschollenen Person oder Sache konfrontiert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Über Uhr und Stunde

Frage

Woher kommt bitte der Ausdruck „Uhr“ als Zeitangabe (z. B. „Es ist ein Uhr“)? Handelt es sich um eine Abkürzung? Denn „Uhr“ mit Großbuchstaben ist nach wie vor Substantiv, aber als Zeitangabe im Gegensatz zum Ding „die Uhr“ ist die Zeitangabe ja unveränderlich und ohne Pluralform. Wie sind die Zusammenhänge, vielleicht von „Es ist eins an der Uhr“ […] zu „Es ist ein Uhr“?

Antwort

Guten Tag Frau T.,

Sie stellen eine berechtigte Frage: Warum verwenden wir das Wort Uhr bei der Angabe der Stunde des Tages? Wenn wir beim Ursprung (dieses Wort konnte ich mir hier einfach nicht verkneifen) von Uhr anfangen, wird die Sache nicht auf Anhieb deutlicher. Es zeigt sich dann nämlich, dass man die Frage eigentlich umgekehrt formulieren muss: Weshalb verwenden wir Uhr für ein Zeitmessgerät?

Das Wort Uhr kam vom griechischen ὥρα über das lateinischen hora zu uns und bedeutete wie dieses Stunde (vgl. eng. hour, frz. heure, ital. ora, span. u. port. hora, nld. uur). Uhr wurde für Zeitangaben verwendet und dabei häufig auch gebeugt (eine Uhr, zwei Uhren). Im Laufe der Zeit war in Zeitangaben nur noch die ungebeugte Singularform Uhr gebräuchlich (ein Uhr, zwei Uhr). Dann verschiebt sich die Bedeutung vom Gemessenen auf das Messende, das heißt, seit dem 15. Jahrhundert wird Uhr auch für Stundenmesser und Uhrwerk verwendet. Im heutigen Deutschen ist Uhr mit der ursprünglichen Bedeutung Stunde nur in Zeitangaben bewahrt geblieben.

Für den Begriff Stunde gab es nämlich auch schon ein Wort: stunta bedeutete schon im Althochdeutschen Stunde, Zeit, Zeitpunkt. Man nimmt an, dass es eine Ableitung des Stamms stand (zu stehen) ist. Ursprünglich soll es stehender Punkt, Haltepunkt im Zeitverlauf bedeutet haben, später festgesetzte Zeit, bestimmter Zeitraum. Seit etwa dem 15. Jahrhundert bezeichnet Stunde wie heute den auf der Uhr markierten Zeitabschnitt des 24-stündigen Tages.

Etwas gar grob zusammengefasst haben sich Uhr und Stunde im gleichen Bedeutungsfeld bewegt, bis ab etwa dem 15. Jahrhundert jedes Wort seine eigene Aufgabe erhielt. Bei der Zeitangabe Uhr für die Stunde des Tages kommen sie einander auch heute noch sehr nahe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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