Wenn der Vorteil eigentlich ein Nachteil ist: übervorteilen

Frage

Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage nach der Bedeutungsherkunft des Verbes „übervorteilen“. Zunächst scheint seine Bedeutung kontraintuitiv: Übervorteilen klingt danach, als bekomme man zu viel des Vorteils. Nach einer Benachteiligung klingt es gerade nicht. […] Ich hoffe, Sie können etwas Licht in mein Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

die Bedeutung „jemanden benachteiligen, betrügen“ des Verbs „übervorteilen“ ergibt sich tatsächlich nicht gleich aus seiner Form. Ich hatte mir bis vor Kurzem vorgestellt, dass „über“ in „übervorteilen“ irgendwie eine negative Bedeutung hat (wie in „überfragen“ oder „sich überessen“) oder dass die übervorteilende Partei es so einrichtet, dass sie den ganzen Vorteil übernimmt. Richtig geraten? – Nein. Auch des Sprachlers Intuition liegt bei solchen Fragen häufig daneben. Um Ihnen eine fundierte Antwort geben zu können, habe ich in die Wörterbücher geschaut. Dort habe ich eine überraschende Erklärung gefunden:

Das Verb „übervorteilen“ hat seine Bedeutung in einer Zeit erhalten, in der „Vorteil“ auch etwas Negatives sein konnte. Eine der vielen Bedeutungen, die „Vorteil“ hatte, war gemäß dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm „unredlicher Gewinn, Lug und Trug …“:

[…] im engeren sinne bezeichnet es unredlichen gewinn, lug und trug im erwerbsleben: irs geytz, wuchers und allen vorteyl und finantzerey (Luther); beschisz, vorteil, betrug (Zwingli); so von zinsen und wucher leben in allerley vorteil und buberey (Eberlin v. Günzburg) […]
(Siehe Grimm, Vorteil, Bedeutung 7)

Auch die Ableitung „vorteilisch“ war alles andere als positiv:

wer vortailisch ist, prauchet vil tüeck und hinderlist
(Wer „vorteilisch“ ist, braucht viel Tücke und Hinterlist)
Siehe Grimm, vorteilisch)

Das hatte ich nicht erwartet. Die größte Überraschung war für mich aber das Verb „bevorteilen“: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte es nämlich nicht die heutige positive Bedeutung. Nach dem Grimmschen Wörterbuch bedeutete es noch Ende des 19. Jahrhunderts „beeinträchtigen, betrügen“:

dies wort ist kein gegensatz von benachtheiligen und drückt nicht aus einen in vortheil bringen, sondern das umgedrehte.
(Siehe Grimm, bevortheilen)

Das Verb „bevorteilen“ wurde demnach nicht vom positiven „Vorteil“, sondern von „Vorteil“ mit der Bedeutung „unredlicher Gewinn, Lug und Trug“ abgeleitet. Es wurde also in gleicher o. ähnlicher Weise wie „betrügen“ und „benachteiligen“ gebildet. Später wurde „bevorteilen“ umgedeutet, sehr wahrscheinlich weil wir heute „Vorteil“ nur noch im positiven Sinne kennen. Wenn man heute bevorteilt wird, wird man begünstigt.

Und hiermit sind wir endlich wieder bei „übervorteilen“. Auch dieses Verb wurde wie „bevorteilen“ vom negativ beladenen „Vorteil“ abgeleitet. Es bedeutete ungefähr „jemanden mit Lug und Trug überwinden, überlisten“. Das Verb „über-vorteil-en“ wurde somit wie sein Bedeutungsnachbar „über-list-en“ gebildet.

Leicht dramatisierend könnte man also sagen, dass das Wort „Vorteil“ im Laufe seiner Geschichte auch eine sehr negative Bedeutung erhalten hatte, die später wieder verlorenging. Nur im Verb „übervorteilen“ hat die Bedeutung „Lug und Trug, unredlicher Gewinn“ noch ihre Spuren hinterlassen. Auch wortgeschichtlich ist ein Vorteil also manchmal ein Nachteil (gewesen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Welcher Fall steht nach „darunter“?

Frage

Verwendet man in diesem Satz nach „darunter“ den Nominativ oder den Dativ?

Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen Organisationen, darunter die/der Asian Development Bank und die/der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „darunter“ hat keinen Einfluss auf den Fall des folgenden Wortes oder der folgenden Wortgruppe. Der Fall wird also anders bestimmt. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die beide als korrekt gelten.

  1. Nominativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang eines Auslassungssatzes, das heißt, es leitet einen unvollständigen Satz ein, der so lauten könnte:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [sind] die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

  2. Dativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter der Asian Development Bank und der Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang einer Erläuterung oder Ergänzung, die die Satzkonstruktion weiterführt. Dabei wird die Präposition „an“ weggelassen:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [an] der Asian Development Bank und [an] der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Und hier zur Verdeutlichung noch drei weitere Beispiele, bei denen nach „darunter“ jeweils a) ein Auslassungssatz und b) eine Weiterführung der Satzkonstruktion folgt:

  1. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herr Mahler und sein Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter sind …)
  2. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herrn Mahler und seinen Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter … eingeladen)
  1. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehrere Fahrzeuge aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter waren auch …)
  2. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehreren Fahrzeugen aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter auch mit …)
  1. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter der öffentliche Dienst, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter ist der …)
  2. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter des öffentlichen Dienstes, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter dem Bedarf des …)

Die Wahl zwischen a) und b) liegt jeweils bei Ihnen. Was Ihnen mehr zusagt oder als Erstes aus der Tastatur fließt, ist hier richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ist „Geblinke“ ein gültiges Wort?

Frage

Ich spiele Scrabble und möchte das Wort „Geblinke“ legen. Mein Gegner meint, das sei kein gültiges Wort. Wir warten gespannt auf Ihre Antwort auf die Frage: Ist das ein Wort?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

an der Frage, ob ein Wort in Scrabble gültig ist oder nicht, möchte ich mir nicht die Finger verbrennen. Das hängt nämlich davon ab, was Sie miteinander abgesprochen haben. Ich bin der Meinung, dass man es vor allem nicht zu eng sehen sollte, denn diese Frage hat schon Freundschaften und Ehen beinahe in die Brüche gehen lassen, obwohl Scrabble nur ein Spiel ist.

Wenn Sie nur Wörter akzeptieren, die in einem (bestimmten) Wörterbuch stehen, ist „Geblinke“ ein Problemfall für Sie. Es gibt wahrscheinlich kein Wörterbuch, das dieses Wort aufführt.

Wenn Sie auch Wörter akzeptieren, die korrekt gebildet sind und vorkommen oder vorkommen können, ist „Geblinke“ ein gültiges Wort. Es ist nämlich mit einer gebräuchlichen Wortbildungsregel gebildet worden, die Substantive von Verben ableitet (siehe hier). Andere Beispiele sind:

reden → Gerede
pfeifen → Gepfeife
hasten → Gehaste
jodeln → Gejodel

Die so gebildeten Substantive drücken häufig eine dauernde und meistens als lästig oder störend empfundene Verbhandlung aus. Das ist auch beim Wort, um das es Ihnen hier geht, der Fall:

blinken → Geblinke
Das dauernde Geblinke der LED-Lichter störte sie.

Das Problem der Wörter, die es gibt und geben kann, die aber nicht im Wörterbuch stehen, stellt sich häufiger, als man vielleicht denkt. Es gibt nämlich einige Wortbildungsregeln, die so viele sofort verständliche Wörter gebildet haben, bilden und bilden werden, dass lange nicht alles, was möglich ist, auch im Wörterbuch steht. Suchen Sie einmal diese Wörter in Ihrem Wörterbuch:

analysierbar, Vorsitzendenwahl, dunkelrosa, Privattrainerin, hinunterrollen, Besprengung, unverzeihlicherweise usw. usw.

Dürfte man bei Ihnen diese Wörter in Scrabble legen oder nicht, vorausgesetzt das Spielglück ließe es zu? Bei „Vorsitzendenwahl“ und „unverzeihlicherweise“ ist die Antwort einfach (sie passen nicht auf das Spielbrett), aber wie steht es mit den anderen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Hot Pants aus Jeans in einem Wort: wie viele Bindestriche?

Frage

Aus dem Englischen stammende Substantive, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv bestehen, schreibt man ja getrennt und groß, zum Beispiel „Heavy Metal“, „Hot Pants“ oder „High Heels“.

Erweitert man diese Begriffe wird m. E. nach den deutschen Regeln durchgekoppelt. Es heißt dann „Heavy-Metal-Band“. Folglich müsste es „Hot-Pants-Trägerin“ heißen. Aber wie verhält es sich, wenn die heißen Hosen aus Jeansstoff bestehen? Heißen sie dann „Jeans-Hot-Pants“? Und trägt die Dame hohe Hacken, ist sie dann eine „High-Heels-Trägerin“?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

in einer Zusammensetzung mit einer Wortgruppe dieser Art muss immer durchgekoppelt werden, egal ob sie in der Zusammensetzung an erster oder an letzter Stelle steht (vgl. amtliche Rechtschreibregelung § 44.1).

Englische Adjektiv-Substantiv-Verbindung an erster Stelle:

Heavy-Metal-Band
Big-Band-Leiterin*
Smart-Phone-Kamera*
Public-Relations-Abteilung
High-Society-Magazin

Englische Adjektiv-Substantiv-Verbindung an letzter Stelle:

Lieblings-Big-Band*
Senioren-Smart-Phone*
Kunden-Public-Relations
Möchtegern-High-Society

Entsprechend heißt es also, wie Sie richtig annehmen:

High-Heels-Trägerin*
Jeans-Hot-Pants*

Nicht ganz recht haben Sie mit der Aussage, dass Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen aus dem Englischen getrennt geschrieben werden müssen. Dieses „müssen“ gilt nur dann, wenn die Hauptbetonung der Verbindung nicht auf dem ersten Wort liegt, also bei zum Beispiel „Heavy Metal“, „Public Relations“ und „High Society“. Wenn die Hauptbetonung auf dem Adjektiv liegt, kann auch zusammengeschrieben werden: „Big Band/Bigband“, „Long Drink/Longdrink“, „High Heels/Highheels“„Hot Pants/Hotpants“. Daraus ergeben sich für die oben mit einem Sternchen gekennzeichneten Beispiele die folgenden Schreibungen:

Big-Band-Leiterin / Bigband-Leiterin / Bigbandleiterin
Lieblings-Big-Band / Lieblings-Bigband/ Lieblingsbigband
Smart-Phone-Kamera / Smartphone-Kamera / Smartphonekamera
Senioren-Smart-Phone / Senioren-Smartphone / Seniorensmartphone
High-Heels-Trägerin / Highheels-Trägerin / Highheelsträgerin
Jeans-Hot-Pants / Jeans-Hotpants / Jeanshotpants

Es steht Ihnen frei, hier die Schreibweise zu wählen, die Ihnen am besten zusagt – eine Multiple-Choice-Liste, in der alle Antworten richtig sind! Die Getrenntschreibung ohne Bindestrich ist in diesen Zusammensetzungen übrigens nicht möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unfallhilfswagen oder Unfallhilfewagen?

Es wurde hier schon öfter erwähnt: Die Fugenelemente in Zusammensetzungen gehören zu den kniffligen Phänomenen für Deutschlernende, und auch von Geburt an Deutschsprachige können immer wieder verunsichert werden. Das liegt daran, dass es nur wenige feste Regeln und dennoch keine allzu große Freiheit gibt.

Frage

In München sind Autos der städtischen Verkehrsgesellschaft MVG mit der Aufschrift „Unfallhilfswagen“ unterwegs. Für mich klingt das, als ob der Wagen den Unfall unterstützt (wie „Hilfsorganisation“ oder „Hilfsverb“). Wäre nicht „Unfallhilfewagen“ (mit Fugen-e statt Fugen-s) besser, analog zur „Hilfeleistung“, die ja auch etwas anderes ist als eine „Hilfsleistung“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Art des Fugenelementes in einer Zusammensetzung sagt in der Regel nichts oder nur wenig über die Gesamtbedeutung der Zusammensetzung aus. So bin ich zum Beispiel nicht sicher, inwieweit „Hilfsleistung“ wirklich eine andere Bedeutung hat als „Hilfeleistung“. Ich kann Bedeutungsunterschiede konstruieren (z. B. „Hilfsleistungen“ sind finanzieller Art), ich vermute aber, dass „Hilfsleistung“ oft einfach eine weniger gebräuchliche Variante von „Hilfeleistung“ ist und ohne Bedeutungsunterschied gegen dieses ausgetauscht werden kann (siehe auch unten zum „e“ in „Hilfeleistung“).

Die meisten Zusammensetzungen mit „Hilfe“ an erster Stelle werden mit einem Fugen-s gebildet, und dies unabhängig von der Bedeutung, die „Hilfe“ in der Zusammensetzung hat (vgl. Hilfsarbeiter = ungelernter Arbeiter, Hilfsbrücke = vorübergehend angelegte Ersatzbrücke vs. Hilfsaktion = Aktion für Hilfe an Notleidende, Hilfsdienst = Organisation für Hilfe in Notfällen).

Eine Gruppe von Ausnahmen sind Zusammensetzungen mit Verbalabstrakta, bei denen der Einfluss des zugrundeliegenden Verbs noch fühlbar ist: „Hilfeleistung“, „Hilfestellung“, „Hilfeersuchen“. Auch dort, wo das Wort „Hilfe“ gemeint ist, wird nicht mit s verbunden: „Hilferuf“, „Hilfeschrei“, „Hilfefunktion“ (häufig über die Schaltfläche „Hilfe“ aufrufbar[?]).

Dies alles gilt für einfaches „Hilfe“. Es geht mir hier vor allem darum, aufzuzeigen, dass die Wahl zwischen Fugen-s und Fugen-e wenig mit der Bedeutung oder mit Bedeutungsunterschieden zu tun hat.

Bei Zusammensetzungen mit Wörtern wie „Berghilfe“, „Nothilfe“, „Opferhilfe“, „Pflegehilfe“, „Staatshilfe“, „Unfallhilfe“ usw. an erster Stelle ist die Lage noch unklarer. Hier scheinen Verbindungen mit Fugen-e üblicher zu sein: „Berghilfegelder“, „Nothilfepass“, aber auch „Opferhilfswerk“ (unter dem Einfluss von „Hilfswerk“, „Hilfswerk für Opfer“?). Die geringe Anzahl Beispiele lässt hier keinen klaren Schluss zu.

Dann gilt der Grundsatz, dass richtig ist, was üblich ist. Zum Beispiel in München und bei der Bahn ist offensichtlich „Unfallhilfswagen“ (wie „Unfallhilfsdienst“?) üblich. Das Wort hat es übrigens in dieser Form auch in Wikipedia geschafft.

Spontan hätte übrigens auch ich „Unfallhilfewagen“ gesagt, aber als falsch kann ich, wie erläutert, „Unfallhilfswagen“ nicht bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Ich denke nicht, dass“ und „Ich denke, dass nicht“

Frage

Heute geht es um eine Frage, die mir in meinem direkten Umfeld gestellt wurde: Ob es richtig sei, „Ich denke nicht, dass …“ zu sagen. Logisch gesehen sei es doch eigentlich falsch und es müsse besser „Ich denken, dass … nicht …“ heißen.

Antwort

Egal ob es vielleicht an der einen oder anderen Logikecke hapert oder nicht, im Deutschen (und in anderen Sprachen) sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich denke, dass es nicht falsch ist.
Ich denke nicht, dass es falsch ist.

Beide Sätze bedeuten ungefähr dasselbe. Sie sind beide eine Verneinung von „Ich denke, dass es falsch ist“.

Bei gewissen Verben wie denken, erwarten, finden, glauben, hoffen und möchten (eigentl. Konj. II von mögen) kann sowohl a) der einleitende übergeordnete Satz als auch b) der Nebensatz verneint werden:

a) Ich denke nicht, dass es richtig ist.
b) Ich denke, dass es nicht richtig ist.

a) Wir erwarten nicht, dass es noch regnen wird.
b) Wir erwarten, dass es nicht mehr regnen wird.

a) Ich finde nicht, dass ihr mitkommen solltet.
b) Ich finde, dass ihr nicht mitkommen solltet.

a) Sie glaubt nicht, dass du ihr helfen wirst.
b) Sie glaubt, dass du ihr nicht helfen wirst.

a) Ich hoffe nicht, dass jemand etwas merkt.
b) Ich hoffe, dass niemand etwas merkt.

a) Seine Eltern möchten nicht, dass er sitzenbleibt.
b) Seine Eltern möchten, dass er nicht sitzenbleibt.

Die Sätze haben jeweils fast die gleiche Bedeutung. Die Sätze a) sind höchstens etwas subjektiver, das heißt, der Nachdruck liegt stärker auf dem Subjekt des Hauptsatzes und dessen Auffassung, dass etwas nicht geschieht, nicht so ist, nicht gelingt usw. Die Sätze b) wirken in dieser Hinsicht neutraler.

Ich denke nicht, dass eine der beiden Formulierungen falsch ist – oder etwas „neutraler“: Ich denke, dass keine der beiden Formulierung falsch ist.

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Wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ und „schwarz-rot-golden“ substantiviert werden sollten

Frage

Wenn ein aus zwei Adjektiven zusammengesetztes Adjektiv wie „luftig-leicht“ oder „schaurig-schön“ substantiviert wird, wie ist dann die korrekte Schreibweise? Zum Beispiel: „In dieser Geschichte ist viel Schaurig-schönes/Schaurigschönes/schaurig Schönes“

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ein eindeutige Antwort muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Hier sollte man meiner Meinung nach einmal eine Regel ganz wörtlich nehmen, auch wenn das Resultat für manches Auge bestimmt sonderbar aussieht. Nach § 55.1 der amtlichen Rechtschreibregelung gilt die Großschreibung „für nichtsubstantivische Wörter, wenn sie am Anfang einer Zusammensetzung mit Bindestrich stehen, die als Ganzes die Eigenschaften eines Substantivs hat“. Wenn eine Adjektivverbindung wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ oder das berühmte Beispiel „süß-sauer“ (neben bindestrichlosem „süßsauer“) substantiviert wird, schreibt man entsprechend das Wort am Anfang der Zusammensetzung groß. Der zweite Teil der Zusammensetzung bleibt klein (weil ich keine Regel finden kann, die hier die Großschreibung verlangt):

etwas Luftig-leichtes
viel Schaurig-schönes
nichts Süß-saures
nichts Schwarz-rot-goldenes

Häufig sieht man allerdings bei dieser Art von Zusammensetzungen, dass beide Teile großgeschrieben werden, wenn substantiviert wird. Das ist nicht unverständlich (im Gegenteil!), es widerspricht aber meiner Meinung nach den Angaben der amtlichen Rechtschreibregelung, in der leider nur Fälle wie „das Entweder-oder“ und „das In-den-Tag-hinein-Leben“ ausdrücklich erwähnt werden. Ersteres legt „etwas Schaurig-schönes“ nahe, Letzteres deutet eher auf „etwas Schaurig-Schönes“ hin. Wirklich eindeutig ist die Lage hier also nicht, und entsprechend ist hier „meiner Meinung nach“ als solches zu verstehen, wenn ich schreibe, dass „etwas Schaurig-schönes“ meiner Meinung nach die richtige Wahl ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Sinn jedes oder jeden Fragens?

Über den Sinn aller Fragen möchte ich mich hier natürlich nicht äußern. Das Thema wäre mir ein paar Größen zu groß. Es geht nur um das Pronomen „jeder/jede/jedes“. Immer wieder gibt es Fragen zu diesem Wort, vor allem wenn es im Genitiv stehen soll.

Frage

Heißt es „der Sinn jedes Fragens“ oder „der Sinn jeden Fragens“ ?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihre Frage ist verständlich, denn dieses Wort hat im männlichen und sächlichen Genitiv Singular zwei Formen: „jedes“ mit der Endung –es, wie es sich für ein Pronomen gehört, und in gewissen Fällen auch „jeden“ mit der Endung –en wie ein Adjektiv.

Im Genitiv steht vor einem männlichen oder sächlichen Nomen, das die Genitivendung –s oder –es hat, häufig „jeden“ statt „jedes“. Beide Formen kommen vor und beide gelten als korrekt:

im Leben jedes Mannes / jeden Mannes
die Unterdrückung jedes Widerspruchs / jeden Widerspruchs
der Sinn jedes Fragens / jeden Fragens

Vor einem Nomen, das nicht die Genitivendung –s oder –es hat, steht immer nur „jedes“:

im Leben jedes Menschen
im Interesse jedes Einzelnen
die Unterdrückung jedes Individualismus

Vor einem Adjektiv steht in der Regel ebenfalls „jedes“:

im Leben jedes jungen Mannes
die Unterdrückung jedes noch so kleinen Widerstands
im Interesse jedes einzelnen Menschen

Umgekehrt steht in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“:

am Ende eines jeden Monats
im Interesse eines jeden Menschen

Eine allumfassende goldene Regel kann ich Ihnen hier leider nicht angeben. Zusammengefasst lässt sich nur sagen,

  • dass immer mindesten ein Element einer solchen Wortgruppe die Genitivendung –s oder –es aufweisen muss und
  • dass in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“ stehen darf.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Grammatikseite (dort sehen Sie weiter, dass für die folgenden Genitivformen Ähnliches gilt: alles/allen, irgendwelches/irgendwelchen, jedwedes/jedweden, jegliches/jeglichen, manches/manchen und welches/welchen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Sei es ein(en) oder ein(en) …?

Frage

Eine Frage zur Kongruenz: „Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur“. Oder muss es ebenfalls im Akkusativ heißen: „… sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur“?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

den Nominativ halte ich hier für die bessere Wahl:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur.

Der zweite Teilsatz kann so analysiert werden:

es = Subjekt
sei = Kopula (verbindendes Verb)
ein Architekt = Prädikativ zum Subjekt

Es [= was Sie suchen sollten] ist ein Architekt oder ein Bauingenieur.
Es sei ein Architekt oder Bauingenieur.
Sei es ein Architekt oder Bauingenieur.

Die Wortgruppe „ein Architekt oder Bauingenieur“ ist so gesehen nicht von „suchen“, sondern von „sein“ abhängig und steht deshalb im Nominativ.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation: Man kann „sei es … oder …“ auch als eine Art Konjunktion wie „entweder … oder …“ verstehen. Dann wird die Konstruktion des ersten Satzes weitergeführt, das heißt, die Wortgruppe „einen Architekten oder einen Bauingenieur“ ist immer noch von „suchen“ abhängig und steht im Akkusativ:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, entweder einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Sie können hier m. M. n. also zwei verschiedene Fälle verwenden, sei es der/den Nominativ oder der/den Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mit neunundneunzigkommaneunprozentiger Sicherheit?

Frage

Meine Frage:

… mit neunundneunzig Komma neun prozentiger Sicherheit …

Wenn man das nicht mit Zahlen, sondern mit Worten schreibt, wäre das dann richtig so? Oder muss es durchgekoppelt werden: „mit neunundneunzig-Komma-neun-prozentiger Sicherheit“? […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die Getrenntschreibung ist nicht korrekt. Wie bei zum Beispiel „vierstöckig“, „Fünfeinhalbzimmerwohnung“ und „sechszylindrig“ ist hier die Zusammenschreibung vorgesehen:

mit neunundneunzigkommaneunprozentiger Sicherheit

Ein Wort dieser Länge ist allerdings nicht sehr lesefreundlich. Sie könnten deshalb tatsächlich die Verwendung von Bindestrichen erwägen:

mit neunundneunzig-Komma-neun-prozentiger Sicherheit

Das ist schon etwas übersichtlicher. Wie oft bei komplexeren Zahlen ist hier aber doch die Schreibung mit Ziffern etwas einfacher für die Leserschaft (vgl. amtl. Regelung § 40.3 und § 41):

mit 99,9-prozentiger Sicherheit
mit 99,9%iger Sicherheit

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, Verbindungen dieser Art zu schreiben:

zweieinhalbprozentig
2,5-prozentig
2,5%ig

mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit
mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit
mit 50%iger Wahrscheinlichkeit

Wenn die Zahlen komplexer werden, empfiehlt es sich meiner Meinung nach auch in nicht technischen Texten, Ziffern statt Worte zu verwenden:

7,25-prozentig
7,25%ig

eine 0,9-prozentige Kochsalzlösung
eine 0,9%ige Kochsalzlösung

Es gibt hier also keine Schreiblösung, die immer hundert- oder 99,9-prozentig zufriedenstellend ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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