Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen – Was ist dann mit den 14-Jährigen?

Um allzu großer Enttäuschung vorzubeugen, sei gleich gesagt: Eine eindeutige Antwort kann der folgende Artikel nicht geben.

Frage

Wenn es heißt „Kinder bis 6 Jahre“ oder jetzt bei den Coronamaßnahmen „Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt“, wie alt exakt darf die Person dann sein? Meiner Meinung nach 6 bzw. 14 Jahre und 364 Tage. Liege ich da richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei Angaben der Art „bis x Jahre“ ist häufig gemeint: „bis einschließlich x Jahre“. Mit „Kinder bis 6 Jahre“ sind somit Kinder bis zum letzten Tag vor ihrem 7. Geburtstag, also auch alle Sechsjährigen gemeint. Ebenso schließt „Kinder bis 14 Jahre“ häufig auch die 14-Jährigen mit ein.

ABER: Es ist zwar häufig so gemeint, aber nicht alle sind damit einverstanden. Neben den Leuten, die „bis x Jahre“ so verstehen, gibt es andere, die sagen, „bis x Jahre“ bedeute „bis zum x-ten Geburtstag“. Kinder bis 14 Jahre sind also alle Kinder bis zu ihrem 14. Geburtstag. Die 14-Jährigen gehören bei dieser Interpretation nicht mehr dazu, denn sie sind ja erst von ihrem 14. Geburtstag an 14-jährig.

Wer hier recht hat, darüber könnte man endlos diskutieren. Eine offizielle, allgemein anerkannte Interpretation gibt es nicht. Bei zum Beispiel der Deutschen Bahn kann man Fahrkarten für Kinder von 6 bis 14 Jahren kaufen, und damit sind Kinder von 6 bis einschließlich 14 Jahren gemeint (also auch die 14-Jährigen), wie man auf derselben Webseite lesen kann.

Ein weniger „eindeutiges“ Beispiel sind die Coronaregeln, die am vergangenen 13. Dezember beschlossen worden sind. Im Beschluss der Bundeskanzlerin und der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder steht im Zusammenhang mit der Gruppengröße bei privaten Zusammenkünften:

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen.

Sind die 14-Jährigen nach dieser Formulierung ausgenommen oder müssen sie mitgezählt werden? Wie unterschiedlich man das sehen kann, zeigt ein (kurzer und nicht sehr systematischer) Blick auf die Webseiten der verschiedenen Bundesländer. Man könnte annehmen, dass alle Bundesländer diese Altersgrenze gleich interpretieren, dem ist aber nicht so:

In Bayern und Niedersachsen sind „Kinder unter 14 Jahren“ ausgenommen, das heißt, die 14-Jährigen sind nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt.

In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und Thüringen sind „Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres“ ausgenommen, das heißt, auch hier sind die 14-Jährigen nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt. (Das 14. Lebensjahr wird mit dem 14. Geburtstag vollendet, so wie das 1. Lebensjahr mit dem 1. Geburtstag vollendet wird, das 2. Lebensjahr mit dem 2. Geburtstag usw.)

Anders sieht es in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen aus. Dort sind „Kinder bis einschließlich 14 Jahre“ ausgenommen, das heißt, auch die 14-Jährigen sind hier ausgenommen und werden nicht mitgezählt.

Meiner Meinung nach unklar, ob die 14-Jährigen ausgenommen sind oder nicht, ist es in Bremen („ausgenommen sind Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren“), Mecklenburg-Vorpommern („Kinder, die das Alter von 14 Jahren noch nicht überschritten haben“), Sachsen-Anhalt („bis 14-jährige Kinder“) sowie im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein („Kinder bis 14 Jahre“).

Ziel dieser kleinen und wahrscheinlich stellenweise ungenauen Übersicht ist es nicht, den Behörden irgendwelche Unzulänglichkeiten nachzuweisen. Ob die 14-Jährigen bei der Größe von Privatgruppen mitzählen oder nicht, ist eines der kleineren Probleme, die wir zur Zeit haben (außer vielleicht in Familien mit 14-jährigen Zwillingen und Drillingen). Ich möchte hier nur aufzeigen, dass keine Einigkeit darüber herrscht, wie Angaben der Art „Kinder bis x Jahre“ genau zu verstehen ist. Nicht alle verstehen darunter dasselbe und eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Es ist deshalb besser, anders zu formulieren, wenn die Altersgrenze wichtig ist und Konflikte vermieden werden sollen. Wenn die 14-Jährigen mitgemeint sind, sagt man statt „Kinder bis 14 Jahre“ (oder „Kinder bis 15 Jahre“) besser zum Beispiel:

Kinder bis einschließlich 14 Jahre
Kinder unter 15 Jahren
Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr

Wie immer es formuliert ist und gemeint sein möge, ich wünsche allen, auch den 14-Jährigen, ganz gleich ob sie für die Gruppengröße mitgezählt werden müssen oder nicht, eine gute und gesunde Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wieder einmal „einschließlich“ und der Genitiv

Heute wieder einmal „einschließlich“, weil’s so schön komplex ist:

Frage

Ich habe gerade folgenden Satz übersetzt: 

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichem Notdienst.

Normalerweise muss bei „einschließlich“ ja der Genitiv stehen und der Dativ lediglich in gewissen Fällen im Plural. Dennoch scheint mir der Dativ in diesem Fall vom Gefühl her richtig zu sein. Was ist richtig, Dativ oder Genitiv?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

man hört und liest zwar häufig andere Formulierungen, aber standardsprachlich gilt in Ihrem Satz nur der Genitiv als richtig:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichen Notdienstes.

Das macht irgendwie einen sehr gehobenen oder gezierten Eindruck. Die Formulierung klingt vielleicht etwas natürlicher, wenn Sie den Artikel einfügen:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. des ärztlichen Notdienstes.

Warum wird häufig anders formuliert und warum sind wir häufig unsicher? Es könnte damit zu tun haben, dass standardsprachliches „einschließlich“ im Prinzip zwar den Genitiv verlangt:

die Versandkosten einschließlich des Portos
Catering einschließlich aller Getränke
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich [des] ärztlichen Notdienstes

… dass dem aber auch standardsprachlich nicht immer so ist. Die wichtigsten Ausnahmen sind:

Ein allein stehendes Substantiv (ohne vorhergehendes gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv) im Singular wird in der Regel nicht gebeugt:

die Versandkosten einschließlich Porto
die Seitenzahl einschließlich Inhaltsverzeichnis
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich Notdienst

Ein Substantiv im Plural, das nicht von „der“ und oder einem anderen Wort mit der Genitivendung -er begleitet wird, steht im Dativ:

Catering einschließlich Getränken
zehn Personen einschließlich Familienmitgliedern und Freunden
LED-Lichtpaket einschließlich vier Rückfahrscheinwerfern

Und damit es so richtig schön kompliziert wird, sei noch erwähnt, dass die Eigennamen sich sich zum Teil anders verhalten:

viele Länder einschließlich Italien/Italiens
alle Gemeinden einschließlich Wien/Wiens
fünf Personen einschließlich Peter
die Vorstandsmitglieder einschließlich Sandra Meier

Ist es verwunderlich, dass uns bei so vielen Sonderregeln nach „einschließlich“ (und übrigens auch „ausschließlich“, „inklusive“ und „exklusive“) hin und wieder die Fälle durcheinandergeraten?! Eine kurze Zusammenfassung für „Notfälle“ finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Sehen Sie“ statt „Siehe“ für höfliche Menschen?

Frage

Im Zusammenhang mit Abkürzungen ist mir aufgefallen, dass es Abkürzungen nicht nur für Substantive, Adjektive, Adverbien und Partikeln gibt, sondern auch „s.“ für „siehe“ und „vgl.“ für „vergleiche“, das heißt für flektierte Verbformen (beides Imperativ der 2. Person Singular). Wenn ich diese Abkürzungen verwende, duze ich dann den Leser? Gibt es noch andere Abkürzungen für flektierte Verben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn man davon ausgeht, dass „siehe“ und „vergleiche“ hier einfach Imperativformen sind, sieht es tatsächlich so aus, als würde man die Leserschaft duzen. Wären dann für höfliche Menschen nicht eher Formulierungen wie „sehen Sie“ und „vergleichen Sie“ angebracht? – Nein, das muss nicht sein.

Die Form „siehe“ ist eine spezielle Imperativform, die fast nur in gewissen Ausrufen und eben bei Verweisen vorkommt:

Siehe da!
Siehe unten/Seite 22/nächstes Kapitel/…

Der „normale“ Imperativ Singular von „sehen“ kommt in der Regel ohne die Endung e aus:

Ändere die Einstellungen und sieh was passiert!
Sieh ihn als das, was er ist!

Bei „vergleiche“ könnte man mit ganz viel gutem Willen auch sagen, dass es eine Verkürzung von „man vergleiche“ ist, also ein Konjunktiv der dritten Person Singular (vgl. „man bemerke“).

Es ist aber gar nicht so wichtig, ob „siehe“ eine spezielle Form ist und „vergleiche“ als Konjunktiv angesehen werden kann. In Texten sind „s.“ und „siehe“ bzw. „vgl.“ und „vergleiche“ feststehende Ausdrucksformen, die nicht als Duzformen empfunden werden, ganz gleich wie man sie formal interpretiert. Sie können also auch als höflicher Mensch diese Art zu verweisen in Ihren Texten verwenden, ohne dass Sie damit riskieren, jemandem zu nahe zu treten.

Konjugierte Verbformen sind bei den gebräuchlichen Abkürzungen tatsächlich vergleichsweise selten. Hier noch ein paar Beispiele:

erg. = ergänze
d. h. = das heißt
d. i. = das ist
u. A. w. g. = um Antwort wird gebeten

Etwas häufiger sind Abkürzungen für infinite Verbformen (Partizip, Infinitiv), zum Beispiel:

anschl. = anschließend
beil. = beiliegend
erw. = erwähnt; erweitert
hrsg. = herausgegeben
übers. = übersetzt
zgst. = zusammengestellt
abk. = abkürzen
b. w. = bitte wenden

So viel zu bei V. übl. Abk. Wie man sieht, ist abgekürzt zwar kurz und bündig, aber nicht immer allzu lesefreundlich (und höflich?).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie lange oder für wie lange?

Frage

Wie kann man am besten den Unterschied zwischen „wie lange“ und „für wie lange“ erklären und was genau ist der Unterschied? […] In den folgenden Sätzen ist mir der Bedeutungsunterschied nicht ganz klar:

Für wie lange / Wie lange gehst du nach Amerika?
Ich gehe für 3 Monate / 3 Monate nach Amerika.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Ich bleibe nur für drei Tage / drei Tage in Kiel.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

es ist schwierig, einen Unterschied zwischen Angaben der Art „wie lange“ und „für wie lange“ anzugeben. Einen eindeutigen Bedeutungsunterschied gibt es nicht und häufig ist – wie in Ihren Beispielen – beides möglich. Einen tendenziellen Unterschied sehe ich hierin:

Bei den Angaben mit „für“ geht es in der Regel um eine Zeitdauer, die so vorgesehen ist oder so vorgesehen war. Am Anfang der Zeitdauer ist oder war klar, wie lange es (ungefähr) dauert.

Ich hatte für sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Die Zeitdauer von sechs Wochen lag schon am Anfang der Anstellung mehr oder weniger fest.

Bei Angaben ohne „für“ ist/war die Zeitdauer nicht bestimmt, sie kann es aber sein/gewesen sein.

Ich hatte sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Hier ist ohne Kontext nicht klar, ob die Zeitdauer von sechs Wochen am Anfang der Anstellung festlag oder nicht. Es kann ein von Anfang an auf sechs Wochen befristetes Arbeitsverhältnis gewesen sein (wie oben mit „für“). Es ist aber auch möglich, dass die Stelle nach sechs Wochen unerwartet gekündigt wurde. Nur der weitere Zusammenhang kann hier mehr Klarheit schaffen.

Man formuliert also eher ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang nicht festliegt:

Ich musste zwei Stunden warten.
Das Küken hat nur zwei Tage gelebt.
Wie lange kannst du unter Wasser bleiben?
Ich hatte erst sechs Wochen in dem Hotel gearbeitet, als mir plötzlich gekündigt wurde.

Mit oder ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang schon festliegt:

Man hat die Sängerin [für] zwei Monate engagiert.
Ich werde euch [für] zehn Minuten allein lassen.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Bis zum Semesterbeginn arbeite ich [für] sechs Wochen in dem Hotel.

Diese Unterscheidung ist nicht absolut, das heißt, es wird auch davon abgewichen. Außerdem steht ausgerechnet „dauern“, das „zeiträumliche“ Verb schlechthin, immer ohne „für“, auch wenn von Anfang an klar ist, wie lange etwas dauern wird:

Es wird genau zwei Stunden dauern.

Eine eindeutige, immer von allen befolgte Regel gibt es also nicht. Als grobe Richtschnur kann aber dienen: Zeitangaben mit „für“ geben einen Zeitraum an, der von Anfang an festliegt. Angaben dieser Art ohne „für“ werden ebenfalls so verwendet, aber auch dann, wenn die Zeitdauer nicht festliegt. Häufig kann deshalb beides stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Viele oder viel Möglichkeiten: Wann bleiben „viel“ und „wenig“ ungebeugt?

Frage

Ich möchte Sie fragen, ob das Adjektiv „viel“ im folgenden Satz dekliniert wird. Es handelt sich um eine Grammatikübung, wo jeweils das Adjektiv zu deklinieren ist.

Natürlich gibt es dort manchmal auch –viel– Regen.

[…] Die gleiche Frage habe ich auch, wenn statt „viel“ das Wort „wenig“ stehen würde?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

üblich ist hier die ungebeugte Form „viel“ resp. „wenig“:

Natürlich gibt es manchmal auch viel Regen.
Natürlich gibt es manchmal nur wenig Regen.

Im Singular bleiben „viel“ und „wenig“ vor einem Substantiv meistens ungebeugt, wenn sie ohne Artikel stehen.

Viel Arbeit wurde verrichtet.
Da hilft auch viel Zureden nichts.
Sie haben nur wenig Geld dafür ausgegeben.
Man findet hier wenig Nützliches.

Im Dativ und im Genitiv kommen seltener auch die gebeugten Formen vor:

Sie reisten mit viel Gepäck – selten: mit vielem Gepäck
Es ist mit wenig Aufwand verbunden – selten: mit wenigem Aufwand
Es bedurfte viel Zuredens – auch: vielen Zuredens

Das ist aber noch nicht alles, was sich zur Beugung oder Nichtbeugung von „viel“ und „wenig“ sagen lässt.

Im Plural werden „viel“ und „wenig“ häufig gebeugt, im Genitiv sogar immer:

Auf dem Regal standen nur wenige Bücher – selten: wenig Bücher
Sie haben sich viele Gedanken gemacht – selten: viel Gedanken
Die Preise sind dort mit wenigen Ausnahmen höher – selten: mit wenig Ausnahmen
Nach Ansicht vieler Leute ist dies falsch.

Wenn ein Artikelwort vorausgeht, werden „viel“ und „wenig“ immer gebeugt:

Die viele Arbeit hat sich gelohnt.
Sie haben dieses viele Geld dafür ausgegeben.
Wohin mit ihrem vielen Gepäck?
Sie wollten trotz der vielen Kritik nicht zurücktreten.

Auf dem Regal standen die wenigen Bücher, die sie noch besaß.
Du solltest deine vielen Gedanken aufschreiben.
Anhand dieser wenigen Daten lässt sich keine fundierte Aussage machen.

Bei so vielen/viel Möglichkeiten kann man schon einmal ins Zweifeln geraten, insbesondere bei isolierten Sätze in Grammatikübungen u. Ä. Allzu viele/viel Sorgen sollte man sich deswegen aber nicht machen, denn es geht auch ohne viel Nachdenken meistens gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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(K)ein schließendes Komma am Ende eines Zitats?

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung, zu der ich auch im »Interpunktionsduden« keine Antwort finde. Vielleicht wissen Sie ja Rat. Es geht um Sätze, in denen entweder ein Zitat oder ein Werktitel enthalten ist, der mit einem Nebensatz endet. Also zum Beispiel:

Der Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ spielt unter anderem in Aserbaidschan.

Oder der Satz:

Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit“ das Feindbild aus.

Würden Sie jeweils ein Komma hinter das Zitat bzw. den Romantitel setzen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

in Fällen wie diesen würde ich wie Sie das abschließende Komma nicht setzen:

Der Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ spielt unter anderem in Aserbeidschan.
Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit“ das Feindbild aus.

In einem Titel wird das abschließende Komma eines Nebensatzes oder Nachtrags sowieso nicht gesetzt:

Der Spion, der mich liebte
Nachts, wenn der Teufel kam
Sara, die kleine Prinzessin
Der Russe ist einer, der Birken liebt

Man würde also ein Komma setzen, das es im zitierten Titel gar nicht gibt. Außerdem gilt auch das Folgende:

Bei einem Nebensatz oder einem Nachtrag steht das abschließende Komma nur dann, wenn der Satz weitergeführt wird. Ist dies nicht der Fall, übernimmt der Schlusspunkt die Funktion des schließenden Kommas:

Carmen war die Rolle, die sie am meisten liebte.
Mich interessiert hier nur eine Person, nämlich der Barmann.
Das Feindbild ist für sie das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit.

In Ihrem Beispiel steht der Einschub/Nachtrag am Ende des Zitats. Dann übernimmt das abschließende Anführungszeichen die Funktion des schließenden Kommas:

Nach der Biografie sei Carmen „die Rolle, die sie am meisten liebte gewesen.
Er kokettierte damit, dass ihn „nur eine Person, nämlich der Barmann interessiert habe.
Für sie mache eher „das Gefühl der Überlegenheit, insbesondere gepaart mit Dummheit das Feindbild aus.

Es ist also in Ihren Sätzen nicht notwendig, ein Komma zu setzen, das den Nebensatz oder Nachtrag am Ende des Zitats abschließt – wodurch sich angenehmerweise auch die Frage erübrigt, ob dieses Komma vor oder nach dem abschließenden Anführungszeichen stehen müsste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht?

Frage

Warum sagt man „zu etwas aufbrechen“ („ich breche zu einer Expedition auf’“)?

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage gehört zu den Fragen, bei denen ich mich frage, warum ich sie mir nie selbst gestellt habe. Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht? Was wird hier gebrochen oder aufgebrochen?

Die Antwort findet sich in einer Formulierung, die man heute nicht mehr verwendet. Früher konnte man das Lager oder die Zelte aufbrechen, wenn man sein Lager abbrach, um weg- oder weiterzuziehen. Im heutigen Sprachgebrauch werden Lager und Zelte nur noch abgebrochen, nicht mehr aufgebrochen (wenn sie aufgebrochen werden hat das nichts mehr mit Weggehen, sondern mit Einbruch zu tun – erstaunlich vielfältig, das Verb „brechen“!). Heute verwendet man dieses „aufbrechen“ noch in übertragenem Sinne für „fortgehen“, „sich auf den Weg machen“. Man kann also zu einer Expedition, in den Urlaub, nach Stuttgart oder zum Besuch bei den Großeltern aufbrechen, ohne dass dabei ein Lager oder auch nur ein Zelt abgebrochen werden muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sich wenigem/wenig/??? bewusst sein

Frage

In einem Text steht der Satz: „So wenigem ist man sich bewusst.“ Ich weiß, dass „sich bewusst sein“ den Genitiv erfordert, aber das klingt dann irgendwie schräg. Lasse ich „wenig“ unflektiert?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Wendung „sich einer Sache bewusst sein“ verlangt tatsächlich ein Genitivobjekt:

eine Frau, die sich ihres Erfolgs bewusst war
Ich bin mir dessen bewusst.

Die Dativform „wenigem“ gilt deshalb als nicht korrekt.

nicht: *So wenigem ist man sich bewusst.

Das Problem ist hier wieder einmal die sogenannte Genitivregel:

Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn diese zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Wortgruppe enthält mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv.
2) Die Wortgruppe enthält mindestens ein Wort mit Endung -es/-s oder -er.

Zum ersten Teil der Regel gibt es ein paar wenige Ausnahmen** (wie könnte es auch anders sein!). Der zweite Teil der Regel muss fast immer erfüllt sein (Ausnahme: „dessen/derer/deren“). Die allein stehenden Genitivform „wenigen“ erfüllt keine der beiden Bedingungen. Das ist der Grund, weshalb der Satz mit „wenigen“ schräg oder falsch klingt.

nicht: *So wenigen ist man sich bewusst.

Auch der ungebeugten Form „wenig“ fehlt eine entsprechende Genitivendung:

nicht: *So wenig ist man sich bewusst.

Damit kann nur gemeint sein: „In so geringem Maße (= so wenig) ist man sich bewusst“. Außerdem fehlt das Genitivobjekt, das heißt die Sache, derer man sich wenig bewusst ist.

Was ist also die Lösung, wenn der Genitiv verlangt wird, dieser aber nicht passt und man auch nicht auf den Dativ ausweichen darf? – Man muss anders formulieren. Man kann die Wortgruppe so anpassen, dass sie die Bedingungen der Genitivregel erfüllt:

So weniger Dinge ist man sich bewusst.

Es ist aber auch möglich, die Formulierung so zu ändern, dass kein Genitivobjekt mehr Schwierigkeiten macht:

So wenig ist einem bewusst.
So wenige Dinge sind uns bewusst.

Die oben genannte Genitivregel ist übrigens außerhalb der Grammatikwelt nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Fälle wie diesen meistens mehr oder weniger bewusst vermeidet und „automatisch“ anders formuliert. Ihre Frage zeigt aber, dass bewusste Sprachbenutzerinnen und -benutzer doch hin und wieder auf diese Grammatikhürde stoßen und es dann hilfreich sein kann, einmal etwas von der Genitivregeln gehört zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In gewissen Fällen kann auch ein allein stehendes Substantiv im Genitiv stehen. Zum Beispiel:

Sandros Ferienpläne
das Wahrzeichen Wiens (auch: das Wahrzeichen von Wien)
wegen Umbaus geschlossen (meist: wegen Umbau geschlossen)

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Das Pronomen „solches“ wird als solches immer kleingeschrieben

Heute geht es ausnahmsweise einmal um eine Frage, auf die eine kurze, eindeutige Antwort ohne Ausnahmen möglich ist. So etwas gibt es zum Glück ja auch.

Frage

Gibt es Fälle bei denen man „solchen“, „solches“ großschreibt? Ein Beispiel:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen/Solchen stammen.

Wird „solchen“ groß- oder kleingeschrieben?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

das Pronomen „solcher/solche/solches“ wird immer kleingeschrieben:

solch eine Frechheit
Wer solches behauptet, …
Es gibt immer solche und solche.
Einen solchen will ich nicht.
der Bürger als solcher / die Bürgerin als solche
das Dasein als solches
die Bedeutung des Staates als eines solchen

Auch in Ihrem Satz ist also die Kleinschreibung richtig:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen stammen.

So einfach kann es manchmal sein! Leider ist nicht alles, was mit „solch“ verbunden ist, ganz so unproblematisch; siehe zum Beispiel hier und hier (falls Lesezeit und -lust vorhanden).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dursten und dürsten

Frage

Was ist der Unterschied zwischen den Verben „dursten“ und „dürsten“? Kann man statt „Dürstende“ auch „Durstende“ sagen, z. B. in der Wendung „Hungernde und Durstende“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

im wörtlichen Sinne ist insbesondere in Verbindung mit „hungern“ die Variante „dursten“ üblich:

die Hungernden und die Durstenden
Sie mussten lange hungern und dursten**

Sonst ist auch „dürsten“ möglich – vor allem bei der gehobenen unpersönlichen Wendung:

Es durstet/dürstet mich
Das Vieh musste dursten/(dürsten)

Im übertragenen Sinne ist es ohne Bedeutungsunterschied „dürsten“ oder „dursten“:

nach Informationen dürsten/(dursten)
nach Anerkennung dürsten/(dursten)

Im heutige Sprachgebrauch ist hier allerdings vor allem „dürsten“ gebräuchlich.

Eine exakte Grenze gibt es also nicht, aber für die nach „Eindeutigkeit“ Dürstenden sei zusammenfassend gesagt: Im wörtlichen Sinne „Durst haben“ ist „dursten“ üblicher. Im übertragenen Sinne „ersehnen; heftiges Verlangen haben“ ist vor allem „dürsten“ gebräuchlich. Wenn Sie „dursten“ und „dürsten“ so verwenden, werden Sie niemanden irritieren. Umgekehrt sollten Sie sich aber auch nicht irritieren lassen, wenn jemand diese Unterscheidung nicht einhält.

Und wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zu „durstig“: Wer Durst hat, ist im heutigen Sprachgebrauch nur noch umlautlos „durstig“. Auch im übertragenen Sinne heißt es zum Beispiel „durstig auf Abenteuer“, „durstig nach Wissen“ und „abenteuerdurstig“, „freiheitsdurstig“, „rachedurstig“, „tatendurstig“ oder „wissensdurstig“. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahme: Bei „blutdürstig“ verwenden wir doch noch die umgelautete Form.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Aber im übertragenen Sinne:

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden
(Matthäus, 5.6)

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