Formenvielfalt: der Fleck, der Flecken, die Flecke, die Flecken

Frage

Warum steht im Satz „Auf dem Tisch sieht man viele rote Flecken“ die Mehrzahl „Flecken“ und nicht „Flecke“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

für Deutschlernende kann dieses Wort eine der vielen kleinen Hürden sein, die es zu nehmen gilt. In diesem Fall kann man es aber genau genommen kaum falsch machen.

Man könnte sagen, dass es hier zwei Wörter mit der gleichen Bedeutung gibt, die zum Teil auch die gleichen Wortformen haben: der Fleck und der Flecken:

der Fleck, des Fleck(e)s; die Flecke o. die Flecken
der Flecken, des Fleckens; die Flecken

Nach den Angaben der Variantengrammatik wird im Singular meisten Fleck und im Plural meistens Flecken verwendet. Das gilt für den gesamten deutschen Sprachraum, wenn auch in unterschiedlich starkem Maße. Hier ein paar Beispiele:

Auf dem Tisch sieht man einen roten Fleck / selten: Flecken.
Auf dem Tisch sieht man viele rote Flecken / selten: Flecke.

Sie hatte einen Weinfleck / selten: Weinflecken auf der Bluse.
Sie hatte ein paar Weinflecken /selten: Weinflecke auf der Bluse.

Der riesige Sonnenfleck / selten: Sonnenflecken ist viermal so groß wie die Erde.
Manchmal sind mehrere Sonnenflecken / selten: Sonnenflecke mit bloßem Auge sichtbar.

Falls Sie unsicher sind, lernen Sie am besten der Fleck / die Flecken, dann machen Sie es so, wie die meisten Deutschsprachigen es tun. Und wenn Sie dann noch wissen, dass manchmal auch der Flecken und die Flecke vorkommt, sollte alles gutgehen.

Dies alles gilt übrigens, wie man bei den Beispielen oben sieht, auch für Fettflecken, Grasflecken, Kaffeeflecken, Weinflecken usw. Doch weit interessanter als die richtige Beugung ist bei vielen Fleckenarten diese Frage: Wie kriegt man sie wieder raus?!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bösling

Frage

[…] [Meine ursprünglich russischsprachige Freundin] nennt mich immer noch mal „Liebling“. Als sie anfangs mal Ärger mit mir hatte, weil ich was „verbockt“ hatte, nannte sie mich (halb liebevoll) „Bösling“, und war bass erstaunt, als ich ihr erklären musste, dass es dieses Wort im Deutschen nicht gibt. Ich würde es sehr gerne „einführen“. Wo kann ich das bei Experten via Internet „einleiten“.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Wort Bösling kommt mir gar nicht so unbekannt vor, und dies nicht nur als Familienname. Tatsächlich taucht es hin und wieder im Internet und in großen Textsammlungen auf. Meist hat es dann die Bedeutung Bösewicht oder Fiesling. (Das sind sozusagen seine „offiziellen“ Konkurrenten.) Man kann also nicht sagen, dass es das Wort Bösling im Deutschen „gar nicht gibt“. Es kommt nur nicht so oft vor, dass es den Eingang in die Wörterbücher geschafft hätte.

Wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern steht, bedeutet dies nicht, dass es dieses Wort grundsätzlich nicht gibt oder dass man es nicht verwenden dürfte. Es bedeutet häufig nur, dass es (noch?) nicht in die Wortsammlungen aufgenommen worden ist. Die meisten Wörterbücher arbeiten mit großen, möglichst aktuellen Textsammlungen unterschiedlichster Art. Wenn ein Wort darin über längere Zeit relativ häufig vorkommt, wird es zum Aufnahmekandidaten und, nach Prüfung durch die Redaktion, vielleicht zum Wörterbucheintrag. Bei Duden werden daneben offenbar auch Anfragen zu „fehlenden“ Wörtern berücksichtigt.

Ihre Freundin kann Sie also problemlos „Bösling“ nennen (ob Sie es verdient haben, sei dahingestellt). Sie macht dabei keinen Fehler und sie verwendet auch kein unmögliches Wort. Die meisten Deutschsprachigen werden auch auf Anhieb verstehen, was mit dieser (scherzhaften) Bezeichnung gemeint ist.

Wenn Sie das Wort beim Einzug ins Wörterbuch unterstützen möchten, müssen Sie es möglichst oft benutzen und andere dazu bewegen, dies auch zu tun. Eine offizielle Instanz, bei der man neue Wörter beantragen könnte, gibt es nicht. Dieser Blogartikel hilft vielleicht auch ein kleines Bisschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ohne gegessen zu haben: auf leeren Magen oder auf leerem Magen?

Frage

Ich habe eine kurze Frage zum richtigen Kasus nach der Präposition „auf“. In einer Hörprüfung steht folgender Satz: „Am Schönsten ist Wandern auf leerem Magen.“ Ich hätte eher „auf leeren Magen“ gesagt, kann es mir aber nicht erklären. […] Oder liege ich gar falsch, und es müsste wirklich „auf leerem Magen“ heißen?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die bei den Wechselpräpositionen gebräuchliche Unterscheidung zwischen statisch (wo? → mit Dativ) und dynamisch (wohin? → mit Akkusativ) hilft in diesem Fall nicht viel weiter. Beide Sehensweisen sind  hier in mehr oder weniger übertragenem Sinne möglich. Dann gilt, dass richtig ist, was üblich ist. Was ist hier also die übliche Formulierung?

Nach Ihrem und auch nach meinem Empfinden müsste es auf leeren Magen heißen. Auch die Wörterbücher geben dies so an. Zum Beispiel:

auf leeren Magen etwas trinken
(Duden)

auf nüchternen Magen soll man nicht rauchen
und das auf nüchternen Magen!
(DWDS)

auf leeren Magen
(LEO)

Aber: Im Internet und in großen Textsammlungen kommt auch auf leerem Magen  vor – zwar weniger häufig, aber doch so häufig, dass man es als gebräuchliche Variante akzeptieren sollte. Dies gilt meiner Meinung dann, wenn (eigentlich) mit leerem Magen gemeint ist:

Wandern auf leeren/(leerem) Magen
= Wandern mit leerem Magen

In anderen Fällen würde ich den Wörterbüchern und unserem Empfinden folgen und nur den Akkusativ empfehlen:

etwas auf leeren Magen trinken, einnehmen usw.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

… als ob sie krank wäre, sei oder ist: Konjunktiv II, Konjunktiv I oder Indikativ?

Frage

Nach „als wenn“, „als ob“ und „als“ kommt der Konjunktiv II. Im Lehrbuch wird der Konjunktiv II als Grammatikpunkt behandelt, aber im Textteil steht auch den Konjunktiv I. Wie erkläre ich den Sprachschülern die beiden Sätze:

Sie verhält sich so, als ob sie krank wäre (Konjunktiv II)
Sie verhält sich so, als ob sie krank sei (Konjunktiv I)

Wann verwenden wir den Konjunktiv I und wann den Konjunktiv II mit „als ob“, „wie wenn“ bzw. „als“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in irrealen Vergleichssätzen – um solche handelt es sich hier – mit als ob, als wenn, wie wenn oder als steht das Verb üblicherweise im Konjunktiv II (oder die würde-Form):

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld wäre.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich schiene.
(Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich scheinen würde.)
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hätte.
Sie stürzen sich aufs Büfett, als gäbe es nie wieder etwas zu essen.
(Sie stürzen sich aufs Büfett, als würde es nie wieder etwas zu essen geben.)

Sie verhält sich so, als ob sie krank wäre.

Wie so oft bei der Verwendung des Konjunktivs im Deutschen, ist diese „Regel“ nicht in Stein gemeißelt. Seltener steht hier nämlich auch der Konjunktiv I, und dies ohne Bedeutungsunterschied. Die Sätze haben jeweils die gleiche Bedeutung und sie sind als standardsprachlich korrekt anzusehen:

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld sei.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich scheine.
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen habe.
Sie stürzen sich aufs Büfett, als gebe es nie wieder etwas zu essen.

Sie verhält sich so, als ob sie krank sei.

Üblicher ist hier aber, wie gesagt, der Konjunktiv II. Vielleicht ist es für Ihre Sprachschüler am besten, wenn sie hier aktiv den Konjunktiv II lernen, aber daneben passiv auch den Konjunktiv I als gleichbedeutend erkennen.

Um es noch komplizierter zu machen: In der gesprochenen Sprache kommt hier auch der Indikativ vor (allerdings nicht bei irrealen Vergleichssätzen, die mit einfachem als eingeleitet sind). Ich halte den Indikativ hier für standardsprachlich nicht zu empfehlen:

Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld ist.
Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich schien.
Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hat.

Sie verhält ich so, als ob sie krank ist.

Sie können alles auch in der Leo-Grammatik nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit und ohne Artikel: (eine) Pizza essen

Frage

Ich hätte eine Frage zu den Wortgruppen. Ich habe vor kurzem erfahren, dass „Pizza essen“ eigentlich eine Wortgruppe ist, bzw. dass „essen“ zusammen mit „Pizza“ eine Einheit bildet. […] Wie ist es zum Beispiel mit „Salat mitbringen“, ist das auch eine Wortgruppe? Und kann man zum Beispiel sagen: „Kauf Pizza!“, oder „Ich bringe Salat mit“, also ohne Artikel?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

dass Pizza in Pizza essen ohne Artikel verwendet wird, hat nicht so viel damit zu tun, dass man es als eine Wortgruppe bezeichnen kann (auch eine Pizza essen ist eine Wortgruppe). Das Substantiv Pizza wird hier als Stoffbezeichnung verwendet. Stoffbezeichnungen stehen ohne Artikel, wenn eine unbestimmte Menge eines Stoffes gemeint ist (vgl. hier)

Hier ein paar Beispiele aus dem gleichen Bereich:

Brot backen
Salat mitbringen
Käse und Wurst kaufen
Wein trinken
Glas ist zerbrechlich
Pizza essen

Ähnlich wie diese Wörter kann Pizza als Stoffbezeichnung (ohne Artikel) oder als Gattungsbezeichnung verwendet werden. Als Gattungsbezeichnung ist dann ein Stück, ein Exemplar, eine Sorte oder eben einer dieser würzig belegten Fladenbrote nach ursprünglich italienischem Rezept gemeint. Dann kann man sie mit Artikel und/oder im Plural verwenden:

ein Brot backen / Brote backen
einen Salat mitbringen / Salate mitbringen
einen Käse und eine Wurst kaufen / Käse und Würste kaufen
einen Wein trinken / verschiedene Weine trinken
ein Glas zerbrechen / ein paar Gläser zerbrechen
eine Pizza essen / zwei Pizzas essen

Das gilt für viele Stoffbezeichnungen. Es gibt keine Liste aller Wörter, die in dieser Weise verwendet werden können. Stoffbezeichnungen sind, wie das Beispiel Pizza zeigt, nicht nur die üblichen „Verdächtigen“ wie Milch, Bier, Fleisch, Brot, Leder, Wolle, Eisen und Regen.

Wenn Sie eine unbestimmte Menge oder Anzahl Pizzas meinen, können Sie also sagen:

Weißt du, wo es hier Pizza gibt?
Man kann dort auch Pizza kaufen.
Sie kann gut Pizza backen.
Kauf Pizza!

Die Pizza möge schmecken!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die das/dass-Frage: Rechtschreibung oder Grammatik?

Frage

Heute gab es bei uns lange und heftige Diskussionen in der Fachschaft Deutsch: Ist die Verschreibung „das/dass“ ein Rechtschreib- oder ein Grammatikfehler?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die vielleicht etwas unbefriedigende Antwort lautet: Es ist beides.

Der Unterschied zwischen dem, was man das schreibt, und dem, was man dass schreibt, ist grammatisch. Das erste Wort ist ein Artikel, ein Relativ- oder ein Demonstrativpronomen, das zweite ist eine Konjunktion (siehe unten). In der gesprochenen Sprache klingt beides gleich. Das zeigt, dass eine Unterscheidung für das Verständnis eigentlich nicht notwendig ist. In anderen Sprachen kommt man auch mit nur einem Wortbild für das Relativpronomen und die Konjunktion aus (zum Beispiel englisch that, niederländisch dat, französisch u. spanisch que, italienisch che). Der Unterschied ist grammatisch, die Unterscheidung hingegen ist rein orthografisch.

Zusammenfassend: Die Unterscheidung zwischen das und dass ist eine Rechtschreibfrage, die auf einem grammatischen Unterschied basiert. Um richtig zu schreiben (Rechtschreibung), muss man die Funktion des Wortes kennen (Grammatik).

Es gibt auch Fälle in denen eine Unterscheidung in der Rechtschreibung mit einen Bedeutungsunterschied zusammenfallen: malen/mahlen, Lärche/Lerche, Laib/Leib, Saite/Seite u.a.m. Ähnliches gilt weiter für Fälle wie war/wahr, seid/seit, paar/Paar usw.

Rechtschreibung lässt sich nicht immer streng von Grammatik oder Semantik trennen. Um richtig zu schreiben, muss man die Grammatik und/oder die Bedeutung kennen. Dass Fragen dieser Art in der Regel bei der Rechtschreibung behandelt werden (und in der Regel auch zu den Rechtschreibfehlern gezählt werden), bedeutet also nicht, dass es reine Rechtschreibfragen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


das / dass

Nur mit einem s schreibt man:

  • das Relativpronomen das, das sich auf ein sächliches Wort in der Einzahl bezieht (durch welches ersetzbar):

Das ist das beste Buch, das ich je gelesen habe.
Sie hatte ihm ein Rätsel gestellt, das er nicht lösen konnte.

  • das sächliche Demonstrativpronomen das (meist durch dies ersetzbar):

Du hast mich angelogen. Das wirst du noch bereuen!
Zu Hause bleiben, das kommt nicht in Frage.

  • den bestimmten sächlichen Artikel das (durch andere Artikelwörter wie z. B. dieses, mein/dein/sein oder ein ersetzbar):

Ich dachte, das Buch schon gelesen zu haben.
Sie sagte, das Ende sei nah.

Mit zwei s schreibt man (alle anderen Fälle):

  • die Konjunktion dass, die Nebensätze einleitet:

Stimmt es, dass sie auch kommen?
Dass er dort war, erstaunt mich.
Er war zu dumm, als dass er die Falle hätte erkennen können.
Ihr habt uns geholfen, ohne dass wir euch darum gefragt haben.

Vergleiche mit „als“ und „wie“ im Nachfeld

Frage

Was ist richtig?

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

beide Sätze sind korrekt. Im Prinzip steht in einem Nebensatz die konjugierte (finite) Verbform ganz am Schluss. Das ist in diesem Satz fernsehen:

dass Kinder fernsehen.
dass Kinder viel zu viel fernsehen.
dass Kinder zusammen mit ihren Eltern fernsehen.

Zu dieser an und für sich sehr starken Regel gibt es – wie könnte es auch anders sein! – ein paar Ausnahmen. Eine davon betrifft Ihren Beispielsatz.

In Vergleichen wird der mit als oder wie eingeleitete Satzteil sehr häufig ganz an den Schluss ins sogenannte Nachfeld gesestzt:

Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.
Sie ist gestern schneller gelaufen als je zuvor.
Hast du die Aufgabe gleich gelöst wie ich?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn gemacht hat wie im letzten Jahr.

Die Stellung im Mittelfeld ist allerdings auch möglich:

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Sie ist gestern schneller als je zuvor gelaufen.
Hast du die Aufgabe gleich wie ich gelöst?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn wie im letzten Jahr gemacht hat.

Siehe auch die Angaben zum sogenannten Nachfeld in der LEO-Grammatik.

Die Vergleichsgruppe mit als oder wie wird häufig deshalb ins Nachfeld gestellt, weil der Satz so leichter verständlich ist. Das sieht man vor allem bei längeren Sätzen. Vgl.:

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld als vor der rechten, abschließenden Satzklammer stehen.

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld stehen als vor der rechten, abschließenden Satzklammer.

Es lässt sich allerdings meistens darüber diskutieren, welche Variante wirklich leichter verständlich ist…

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammen oder getrennt: Muss man den richtigen Gang drinhaben oder drin haben?

Frage

Ich habe eine Frage zur Zusammen- und Getrenntschreibung:

Beim Überholen sollte man immer den richtigen Gang drinhaben.

oder

Beim Überholen sollte man immer den richtigen Gang drin haben.

Gibt es eine linguistische Methode, mit der man solche Fälle selbstständig lösen kann?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Methode ist recht einfach, man muss „nur“ auf die Betonung achten:

Die umgangssprachlichen Formen dran, drauf, drin, drein, drüber, drunter werden mit dem Verb zusammengeschrieben, wenn sie in der Verbindung die Hauptbetonung tragen:

dranbleiben, dranmachen
draufhauen, drauflegen
drinliegen, dreinfahren
drüberstülpen, drunterlegen

Eine Ausnahme bilden wie immer die Verbindungen mit dem Verb sein:

dran sein
gut drauf sein
drin sein
drunter und drüber sein

Wenn die Hauptbetonung nicht auf dran, drauf, drin, drein, drüber, drunter liegt, schreibt man getrennt:

dran arbeiten
drauf aufpassen
drüber meckern
drunter leiden

Man schreibt in Ihrem Satz also gemäß der Betonung zusammen:

Beim Überholen sollte man den richtigen Gang drinhaben.

Für die umgangssprachlichen Formen dran, drauf, drin usw. gilt somit §33(1.2 u. E1) der Rechtschreibregelung, der auch für daran, darauf, darin, durch, gegen, abwärts, heraus, wieder, zusammen u.v.a.m. gilt (siehe hier).

Und hier noch ein paar Beispiele:

Vielleicht kannst du etwas Schweres drauflegen (= darauflegen)
Vielleicht kannst du noch 10 Euro drauflegen (= zusätzlich zahlen)

Können Sie bitte dranbleiben (= am Telefon bleiben)
Können Sie bitte an der Sache dranbleiben (= sich weiter darum kümmern)

eine Tüte drüberstülpen (= darüberstülpen)

einen Eimer drunterhalten (= darunterhalten)

Getrenntschreibung bei anderer Betonung:

Man muss drauf achten, nichts zu verschütten (= darauf achten)

Du solltest mehr dran arbeiten (= daran arbeiten)

weil sie sich zu sehr drüber ärgert (= darüber ärgert)

Niemand darf drunter leiden (= darunter leiden)

Wie die Angaben in Klammern zeigen, geht man bei den umgangssprachlichen Kurzformen gleich vor wie bei den nicht verkürzten Formen. Und wenn man es einmal nicht ganz richtig macht, ist das sicher bei den umgangssprachlichen Äußerungen nicht so schlimm. Man wird Ihnen nicht gleich eins draufhauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man es zu tun hat und wie es zu tun ist: haben oder sein + zu + Infinitiv

Frage

Ich hätte eine Frage zu diesen Sätzen:

Die Kündigung muss schriftlich erfolgen.
Die Kündigung hat schriftlich zu erfolgen.

Warum steht im zweiten Satz „haben + zu + Inf.“ und nicht „sein + zu + Inf.“? Ich habe noch andere Beispielsätze gefunden für dieses „haben + zu + Inf.“:

Jedes Hantieren an Einrichtungen des Bades hat zu unterbleiben.
Die Besucher haben für alle Schäden und Verunreinigungen aufzukommen.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Konstruktionen ‚haben + zu + Infinitiv‘ und ‚sein + zu + Infinitiv‘ haben sehr ähnliche Bedeutungen. Es geht je nach Kontext um müssen, nicht dürfen oder können. Wann steht aber haben und wann sein? Der Unterschied hat nichts mit der Bedeutung müssen, nicht dürfen oder können zu tun. Wenn man es einmal weiß, ist es aber trotzdem einfach:

Die Konstruktion ‚haben + zu + Inf.‘ wird mit einem Satz im Aktiv umschrieben:

Die Kündigung hat schriftlich zu erfolgen.
= Die Kündigung muss schriftlich erfolgen.

Jedes Hantieren […] hat zu unterbleiben
= Jedes Hantieren […] muss unterbleiben.

Die Besucher haben für die Schäden aufzukommen.
= Die Besucher müssen für die Schäden aufkommen.

Sie haben sich hier nicht aufzuhalten.
= Sie dürfen sich hier nicht aufhalten

Ich habe meiner Aussage nichts hinzuzufügen.
= Ich kann meiner Aussage nichts hinzufügen.

Die Konstruktion ‚sein + zu + Inf.‘ wird mit einem Satz im Passiv umschrieben:

Die Kündigung ist schriftlich einzureichen.
= Die Kündigung muss schriftlich eingereicht werden.

Jedes Hantieren ist zu unterlassen.
= Jedes Hantieren muss unterlassen werden.

Die Schäden sind (von den Besuchern) zu vergüten.
= Die Schäden müssen (von den Besuchern) vergütet werden.

Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen.
Dieser Aussage kann nichts hinzugefügt werden.

Deutschlernende haben zu lernen (= müssen lernen), wie es zu formulieren ist (= formuliert werden muss). Wer Deutsch als Muttersprache spricht, macht es normalerweise automatisch richtig, aber vielen fiele es sicher schwer, wenn sie diesen Unterschied zu erklären hätten.

Siehe hierzu auch diese Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fremdsprachliche Rechtschreibhürden: vom Smalltownroman zum Enemies-to-Lovers-Liebesroman

Frage

Mich irritieren die vielen unterschiedlichen Schreibweisen von englischen Wörtern, die in Verlagsanzeigen und auf Social Media inzwischen üblich geworden sind. Insbesondere die sogenannten Tropes und die unterschiedlichsten Genres. Welche Regeln kann ich wann anwenden? Beispiele:

ein Enemies-to-Lovers-Lieberoman
eine Fake-Dating-Romanze oder Fake Dating Romanze
Forbidden-Love-Story oder Forbidden Love Story
ein Second-Chance-Buch oder Second Chance Buch
One-Night-Stand (wird lt. Duden gekoppelt)

Wie ist es, wenn lediglich zwei Wörter stehen? Beispiele:

Small-Town oder Small Town (Small-Town-Roman)
Coming-Soon oder Coming Soon oder coming soon
Out-Now oder Out Now oder out now
Cover-Release oder Cover Release
Reverse-Harem oder Reverse Harem

Können Sie mir einen roten Faden geben, an dem ich mich entlanghangeln kann? Welche Regeln finden Anwendung?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

bei der Schreibung von Begriffen, die aus dem Englischen übernommen werden, klaffen die regelkonforme Schreibung und die Praxis oft weit auseinander. Im Prinzip kommen die folgenden Regeln häufig zum Zug:

  1. Substantiv-Substantiv-Zusammensetzungen mit Wörtern aus dem Englischen werden zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben.
    § 45(E1)
  2. Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen aus dem Englischen werden getrennt geschrieben – wenn sie auf dem Adjektiv betont sind, auch zusammen.
    §37(E4)
  3. Zusammensetzungen mit einer Wortgruppe oder einem Wort mit Bindestrich werden mit Bindestrichen geschrieben.
    §44(1)
  4. In Mehrwortausdrücken und Verbindungen mit Bindestrich werden Substantive großgeschrieben.
    § 55(3)
  5. Adjektive und andere Nichtsubstantive werden am Anfang einer substantivischen Zusammensetzung oder Verbindung großgeschrieben.
    § 55(1) und § 55(3)

Wie genau geschrieben werden muss, hängt also davon ab, wie man die Struktur der Zusammensetzung analysieren kann oder muss.

Hier ein paar Beispiele mit Angabe der Regeln, die eine Rolle spielen:

enemies to lovers + Liebesroman → Enemies-to-Lovers-Liebesroman [c, d]

fake dating → Fake Dating / (Fakedating) [b, d, e]
Fake Dating + Romanze → Fake-Dating-Romanze [c, d, e]

forbidden love + Story → Forbidden-Love-Story [c, d, e]

second chance + Buch → Second-Chance-Buch [c, d, e]

one night + stand → One-Night-Stand [c, d, e]

Weiter gilt:

small  town → Small Town / Smalltown [b, d, e]
Small Town + Roman → Small-Town-Roman [c, d, e]
Smalltown + Roman → Smalltown-Roman / Smalltownroman [a, d]

cover release → Cover-Release / Coverrelease [a, d]

reverse harem → Reverse Harem [b, d, e]

In den folgenden beiden Fällen handelt es sich nicht um Zusammensetzungen, sondern um adjektivische bzw. adverbiale Wendungen, die (wenn überhaupt) auch als solche ins Deutsche übernommen werden:

coming soon → coming soon
out now → out now

Das sieht jetzt alles ganz kompliziert aus, aber wenn man sich die Grundprinzipien einmal zu eigen gemacht hat, ist es gar nicht so schwierig. Sie sollten sich aber dessen bewusst sein, dass die regelkonformen Schreibungen häufig von dem abweichen, was man „in der freien Wildbahn“ alles zu sehen bekommt. Was ist zu tun?

Als strenger Spelling-Master bleiben Sie bei der korrekten Schreibung. Wenn sie flexibler und easygoing sind, können Sie auch die vorherrschende nicht regelkonforme Schreibung verwenden. Und falls Sie die Wahlfreiheit haben, könnten Sie auch einfach einen Ausdruck mit deutschen Wörtern erwägen wie zum Beispiel Aus-Feinden-werden-Geliebte-Romanze, Kleinstadtroman oder umgekehrter Harem. Das klingt vielleicht wenig up to date, aber den Lesespaß verdirbt es sicher nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp