Die das/dass-Frage: Rechtschreibung oder Grammatik?

Frage

Heute gab es bei uns lange und heftige Diskussionen in der Fachschaft Deutsch: Ist die Verschreibung „das/dass“ ein Rechtschreib- oder ein Grammatikfehler?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die vielleicht etwas unbefriedigende Antwort lautet: Es ist beides.

Der Unterschied zwischen dem, was man das schreibt, und dem, was man dass schreibt, ist grammatisch. Das erste Wort ist ein Artikel, ein Relativ- oder ein Demonstrativpronomen, das zweite ist eine Konjunktion (siehe unten). In der gesprochenen Sprache klingt beides gleich. Das zeigt, dass eine Unterscheidung für das Verständnis eigentlich nicht notwendig ist. In anderen Sprachen kommt man auch mit nur einem Wortbild für das Relativpronomen und die Konjunktion aus (zum Beispiel englisch that, niederländisch dat, französisch u. spanisch que, italienisch che). Der Unterschied ist grammatisch, die Unterscheidung hingegen ist rein orthografisch.

Zusammenfassend: Die Unterscheidung zwischen das und dass ist eine Rechtschreibfrage, die auf einem grammatischen Unterschied basiert. Um richtig zu schreiben (Rechtschreibung), muss man die Funktion des Wortes kennen (Grammatik).

Es gibt auch Fälle in denen eine Unterscheidung in der Rechtschreibung mit einen Bedeutungsunterschied zusammenfallen: malen/mahlen, Lärche/Lerche, Laib/Leib, Saite/Seite u.a.m. Ähnliches gilt weiter für Fälle wie war/wahr, seid/seit, paar/Paar usw.

Rechtschreibung lässt sich nicht immer streng von Grammatik oder Semantik trennen. Um richtig zu schreiben, muss man die Grammatik und/oder die Bedeutung kennen. Dass Fragen dieser Art in der Regel bei der Rechtschreibung behandelt werden (und in der Regel auch zu den Rechtschreibfehlern gezählt werden), bedeutet also nicht, dass es reine Rechtschreibfragen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


das / dass

Nur mit einem s schreibt man:

  • das Relativpronomen das, das sich auf ein sächliches Wort in der Einzahl bezieht (durch welches ersetzbar):

Das ist das beste Buch, das ich je gelesen habe.
Sie hatte ihm ein Rätsel gestellt, das er nicht lösen konnte.

  • das sächliche Demonstrativpronomen das (meist durch dies ersetzbar):

Du hast mich angelogen. Das wirst du noch bereuen!
Zu Hause bleiben, das kommt nicht in Frage.

  • den bestimmten sächlichen Artikel das (durch andere Artikelwörter wie z. B. dieses, mein/dein/sein oder ein ersetzbar):

Ich dachte, das Buch schon gelesen zu haben.
Sie sagte, das Ende sei nah.

Mit zwei s schreibt man (alle anderen Fälle):

  • die Konjunktion dass, die Nebensätze einleitet:

Stimmt es, dass sie auch kommen?
Dass er dort war, erstaunt mich.
Er war zu dumm, als dass er die Falle hätte erkennen können.
Ihr habt uns geholfen, ohne dass wir euch darum gefragt haben.

Vergleiche mit „als“ und „wie“ im Nachfeld

Frage

Was ist richtig?

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

beide Sätze sind korrekt. Im Prinzip steht in einem Nebensatz die konjugierte (finite) Verbform ganz am Schluss. Das ist in diesem Satz fernsehen:

dass Kinder fernsehen.
dass Kinder viel zu viel fernsehen.
dass Kinder zusammen mit ihren Eltern fernsehen.

Zu dieser an und für sich sehr starken Regel gibt es – wie könnte es auch anders sein! – ein paar Ausnahmen. Eine davon betrifft Ihren Beispielsatz.

In Vergleichen wird der mit als oder wie eingeleitete Satzteil sehr häufig ganz an den Schluss ins sogenannte Nachfeld gesestzt:

Ich finde, dass Kinder mehr fernsehen als Eltern.
Sie ist gestern schneller gelaufen als je zuvor.
Hast du die Aufgabe gleich gelöst wie ich?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn gemacht hat wie im letzten Jahr.

Die Stellung im Mittelfeld ist allerdings auch möglich:

Ich finde, dass Kinder mehr als Eltern fernsehen.
Sie ist gestern schneller als je zuvor gelaufen.
Hast du die Aufgabe gleich wie ich gelöst?
… weil die Firma doppelt so viel Gewinn wie im letzten Jahr gemacht hat.

Siehe auch die Angaben zum sogenannten Nachfeld in der LEO-Grammatik.

Die Vergleichsgruppe mit als oder wie wird häufig deshalb ins Nachfeld gestellt, weil der Satz so leichter verständlich ist. Das sieht man vor allem bei längeren Sätzen. Vgl.:

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld als vor der rechten, abschließenden Satzklammer stehen.

Dieser Artikel soll zeigen, dass Vergleichsgruppen mit als und wie häufiger im Nachfeld stehen als vor der rechten, abschließenden Satzklammer.

Es lässt sich allerdings meistens darüber diskutieren, welche Variante wirklich leichter verständlich ist…

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammen oder getrennt: Muss man den richtigen Gang drinhaben oder drin haben?

Frage

Ich habe eine Frage zur Zusammen- und Getrenntschreibung:

Beim Überholen sollte man immer den richtigen Gang drinhaben.

oder

Beim Überholen sollte man immer den richtigen Gang drin haben.

Gibt es eine linguistische Methode, mit der man solche Fälle selbstständig lösen kann?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Methode ist recht einfach, man muss „nur“ auf die Betonung achten:

Die umgangssprachlichen Formen dran, drauf, drin, drein, drüber, drunter werden mit dem Verb zusammengeschrieben, wenn sie in der Verbindung die Hauptbetonung tragen:

dranbleiben, dranmachen
draufhauen, drauflegen
drinliegen, dreinfahren
drüberstülpen, drunterlegen

Eine Ausnahme bilden wie immer die Verbindungen mit dem Verb sein:

dran sein
gut drauf sein
drin sein
drunter und drüber sein

Wenn die Hauptbetonung nicht auf dran, drauf, drin, drein, drüber, drunter liegt, schreibt man getrennt:

dran arbeiten
drauf aufpassen
drüber meckern
drunter leiden

Man schreibt in Ihrem Satz also gemäß der Betonung zusammen:

Beim Überholen sollte man den richtigen Gang drinhaben.

Für die umgangssprachlichen Formen dran, drauf, drin usw. gilt somit §33(1.2 u. E1) der Rechtschreibregelung, der auch für daran, darauf, darin, durch, gegen, abwärts, heraus, wieder, zusammen u.v.a.m. gilt (siehe hier).

Und hier noch ein paar Beispiele:

Vielleicht kannst du etwas Schweres drauflegen (= darauflegen)
Vielleicht kannst du noch 10 Euro drauflegen (= zusätzlich zahlen)

Können Sie bitte dranbleiben (= am Telefon bleiben)
Können Sie bitte an der Sache dranbleiben (= sich weiter darum kümmern)

eine Tüte drüberstülpen (= darüberstülpen)

einen Eimer drunterhalten (= darunterhalten)

Getrenntschreibung bei anderer Betonung:

Man muss drauf achten, nichts zu verschütten (= darauf achten)

Du solltest mehr dran arbeiten (= daran arbeiten)

weil sie sich zu sehr drüber ärgert (= darüber ärgert)

Niemand darf drunter leiden (= darunter leiden)

Wie die Angaben in Klammern zeigen, geht man bei den umgangssprachlichen Kurzformen gleich vor wie bei den nicht verkürzten Formen. Und wenn man es einmal nicht ganz richtig macht, ist das sicher bei den umgangssprachlichen Äußerungen nicht so schlimm. Man wird Ihnen nicht gleich eins draufhauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man es zu tun hat und wie es zu tun ist: haben oder sein + zu + Infinitiv

Frage

Ich hätte eine Frage zu diesen Sätzen:

Die Kündigung muss schriftlich erfolgen.
Die Kündigung hat schriftlich zu erfolgen.

Warum steht im zweiten Satz „haben + zu + Inf.“ und nicht „sein + zu + Inf.“? Ich habe noch andere Beispielsätze gefunden für dieses „haben + zu + Inf.“:

Jedes Hantieren an Einrichtungen des Bades hat zu unterbleiben.
Die Besucher haben für alle Schäden und Verunreinigungen aufzukommen.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Konstruktionen ‚haben + zu + Infinitiv‘ und ‚sein + zu + Infinitiv‘ haben sehr ähnliche Bedeutungen. Es geht je nach Kontext um müssen, nicht dürfen oder können. Wann steht aber haben und wann sein? Der Unterschied hat nichts mit der Bedeutung müssen, nicht dürfen oder können zu tun. Wenn man es einmal weiß, ist es aber trotzdem einfach:

Die Konstruktion ‚haben + zu + Inf.‘ wird mit einem Satz im Aktiv umschrieben:

Die Kündigung hat schriftlich zu erfolgen.
= Die Kündigung muss schriftlich erfolgen.

Jedes Hantieren […] hat zu unterbleiben
= Jedes Hantieren […] muss unterbleiben.

Die Besucher haben für die Schäden aufzukommen.
= Die Besucher müssen für die Schäden aufkommen.

Sie haben sich hier nicht aufzuhalten.
= Sie dürfen sich hier nicht aufhalten

Ich habe meiner Aussage nichts hinzuzufügen.
= Ich kann meiner Aussage nichts hinzufügen.

Die Konstruktion ‚sein + zu + Inf.‘ wird mit einem Satz im Passiv umschrieben:

Die Kündigung ist schriftlich einzureichen.
= Die Kündigung muss schriftlich eingereicht werden.

Jedes Hantieren ist zu unterlassen.
= Jedes Hantieren muss unterlassen werden.

Die Schäden sind (von den Besuchern) zu vergüten.
= Die Schäden müssen (von den Besuchern) vergütet werden.

Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen.
Dieser Aussage kann nichts hinzugefügt werden.

Deutschlernende haben zu lernen (= müssen lernen), wie es zu formulieren ist (= formuliert werden muss). Wer Deutsch als Muttersprache spricht, macht es normalerweise automatisch richtig, aber vielen fiele es sicher schwer, wenn sie diesen Unterschied zu erklären hätten.

Siehe hierzu auch diese Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fremdsprachliche Rechtschreibhürden: vom Smalltownroman zum Enemies-to-Lovers-Liebesroman

Frage

Mich irritieren die vielen unterschiedlichen Schreibweisen von englischen Wörtern, die in Verlagsanzeigen und auf Social Media inzwischen üblich geworden sind. Insbesondere die sogenannten Tropes und die unterschiedlichsten Genres. Welche Regeln kann ich wann anwenden? Beispiele:

ein Enemies-to-Lovers-Lieberoman
eine Fake-Dating-Romanze oder Fake Dating Romanze
Forbidden-Love-Story oder Forbidden Love Story
ein Second-Chance-Buch oder Second Chance Buch
One-Night-Stand (wird lt. Duden gekoppelt)

Wie ist es, wenn lediglich zwei Wörter stehen? Beispiele:

Small-Town oder Small Town (Small-Town-Roman)
Coming-Soon oder Coming Soon oder coming soon
Out-Now oder Out Now oder out now
Cover-Release oder Cover Release
Reverse-Harem oder Reverse Harem

Können Sie mir einen roten Faden geben, an dem ich mich entlanghangeln kann? Welche Regeln finden Anwendung?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

bei der Schreibung von Begriffen, die aus dem Englischen übernommen werden, klaffen die regelkonforme Schreibung und die Praxis oft weit auseinander. Im Prinzip kommen die folgenden Regeln häufig zum Zug:

  1. Substantiv-Substantiv-Zusammensetzungen mit Wörtern aus dem Englischen werden zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben.
    § 45(E1)
  2. Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen aus dem Englischen werden getrennt geschrieben – wenn sie auf dem Adjektiv betont sind, auch zusammen.
    §37(E4)
  3. Zusammensetzungen mit einer Wortgruppe oder einem Wort mit Bindestrich werden mit Bindestrichen geschrieben.
    §44(1)
  4. In Mehrwortausdrücken und Verbindungen mit Bindestrich werden Substantive großgeschrieben.
    § 55(3)
  5. Adjektive und andere Nichtsubstantive werden am Anfang einer substantivischen Zusammensetzung oder Verbindung großgeschrieben.
    § 55(1) und § 55(3)

Wie genau geschrieben werden muss, hängt also davon ab, wie man die Struktur der Zusammensetzung analysieren kann oder muss.

Hier ein paar Beispiele mit Angabe der Regeln, die eine Rolle spielen:

enemies to lovers + Liebesroman → Enemies-to-Lovers-Liebesroman [c, d]

fake dating → Fake Dating / (Fakedating) [b, d, e]
Fake Dating + Romanze → Fake-Dating-Romanze [c, d, e]

forbidden love + Story → Forbidden-Love-Story [c, d, e]

second chance + Buch → Second-Chance-Buch [c, d, e]

one night + stand → One-Night-Stand [c, d, e]

Weiter gilt:

small  town → Small Town / Smalltown [b, d, e]
Small Town + Roman → Small-Town-Roman [c, d, e]
Smalltown + Roman → Smalltown-Roman / Smalltownroman [a, d]

cover release → Cover-Release / Coverrelease [a, d]

reverse harem → Reverse Harem [b, d, e]

In den folgenden beiden Fällen handelt es sich nicht um Zusammensetzungen, sondern um adjektivische bzw. adverbiale Wendungen, die (wenn überhaupt) auch als solche ins Deutsche übernommen werden:

coming soon → coming soon
out now → out now

Das sieht jetzt alles ganz kompliziert aus, aber wenn man sich die Grundprinzipien einmal zu eigen gemacht hat, ist es gar nicht so schwierig. Sie sollten sich aber dessen bewusst sein, dass die regelkonformen Schreibungen häufig von dem abweichen, was man „in der freien Wildbahn“ alles zu sehen bekommt. Was ist zu tun?

Als strenger Spelling-Master bleiben Sie bei der korrekten Schreibung. Wenn sie flexibler und easygoing sind, können Sie auch die vorherrschende nicht regelkonforme Schreibung verwenden. Und falls Sie die Wahlfreiheit haben, könnten Sie auch einfach einen Ausdruck mit deutschen Wörtern erwägen wie zum Beispiel Aus-Feinden-werden-Geliebte-Romanze, Kleinstadtroman oder umgekehrter Harem. Das klingt vielleicht wenig up to date, aber den Lesespaß verdirbt es sicher nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unser beider kleiner Hund

Frage

Es heißt also: „unser beider Hund“ [siehe hier]. Wie ist es aber dann mit Adjektiv: „unser beider  kleine/kleiner Hund“?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

nach unser beider wird ein Adjektiv stark gebeugt. Es wird gleich gebeugt, wie wenn kein gebeugtes Artikelwort vor ihm steht, sondern u. A. gar nichts, ein Name im Genitiv, deren oder wessen (vgl. hier).

unser beider kleiner Hund (vgl. Marias kleiner Hund)
für unser beider kleinen Hund (vgl. für Marias kleinen Hund)
mit unser beider kleinem Hund (vgl. mit Marias kleinem Hund)
wegen unser beider kleinen Hundes (vgl. wegen Marias kleinen Hundes)

unser beider großes Glück (vgl. großes Glück)
für unser beider großes Glück (vgl. für großes Glück)
dank unser beider großem Glück (vgl. dank großem Glück)
wegen unser beider großen Glücks (vgl. wegen großen Glücks)

euer beider wunderbare Rettung (vgl. deren wunderbare Rettung)
für euer beider wunderbare Rettung (vgl. für deren wunderbare Rettung)
dank euer beider wundbaren Rettung (vgl. dank deren wunderbaren Rettung)
wegen eurer beider wunderbarer Rettung (vgl. wegen deren wunderbarer Rettung)

ihrer beider kleine Kinder (wessen kleine Kinder)
für ihrer beider kleine Kinder (für wessen kleine Kinder)
mit ihrer beider kleinen Kindern (mit wessen kleinen Kindern)
das Geschrei ihrer beider kleiner Kinder (das Geschrei wessen kleiner Kinder)

Vor allem, aber nicht nur beim letzten Beispiel (ihrer beider kleiner Kinder) werde auch ich ganz unsicher, welches denn die richtige Adjektivendung sein muss. Wenn man zweifelt, ist es oft besser, auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Sie klingt zwar weniger elegant-gehoben, sie ist hier aber auch standardsprachlich problemlos anstelle des Genitivs verwendbar. Zum Beispiel:

der kleine Hund von uns beiden
für das große Glück von uns beiden
dank der wunderbaren Rettung von euch beiden
das Geschrei der Kinder von ihnen beiden

Und wer doch nicht auf unser beider verzichten möchte, sollte sich merken, dass die starke Adjektivdeklination folgt. Der kleine Hund von uns beiden ist also unser beider kleiner Hund.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal zum Gründonnerstag

Auch dieses Jahr wieder wusste ich am heutigen Gründonnerstag nicht so genau, warum dieser Tag eigentlich so heißt, wie er heißt. Warum ist der Gründonnerstag grün? Deshalb habe ich noch einmal den Blogartikel zu diesem Thema vom letzten Jahr hervorgeholt und nachgelesen. Viel ist nicht bekannt, aber man kann doch einiges dazu sagen. Den Artikel finden Sie hier.

Frohe Ostertage!!

Im Speisesaal und der Kapelle – und dass das so nicht gut klingt

Frage

[…] Es geht um die Präpositionen bei Aufzählungen, wenn sie teilweise mit dem Artikel verschmolzen sind. Ein Beispiel: „im Speisesaal und der Kapelle“. Kann man einfach die Präposition vor dem zweiten Substantiv weglassen? Ich würde schreiben: „im Speisesaal und in der Kapelle“. Gibt es dazu eine „offizielle“ Regel?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wirklich „offiziell“ ist sie nicht und sie ist eher stilistisch als grammatikalisch, aber es gibt eine Regel, die besagt, dass man Präpositionen nicht einsparen sollte, wenn sie einmal mit dem Artikel verschmolzen sind und einmal getrennt vom Artikel oder ohne Artikel stehen. Sie schreiben also besser nicht:

im Speisesaal und der Kapelle
Unterstützung beim Erlernen und der Anwendung der Regeln
Man sprach vom Leben und den Werken der Künstlerin.
vom Einsparen und Stilistischem

Es ist hier besser, die Präposition zu wiederholen:

im Speisesaal und in der Kapelle
Unterstützung beim Erlernen und bei der Anwendung der Regeln
Man sprach vom Leben und von den Werken der Künstlerin.
vom Einsparen und von Stilistischem

Wie immer, wenn es nicht um knallharte Grammatik (soweit es so etwas überhaupt gibt), sondern um Stilistisches geht, begegnet man häufiger Formulierungen, die diese „Regel“ nicht einhalten. Deshalb noch einmal: Die Formulierung im Speisesaal und der Kapelle ist nicht grundsätzlich falsch, aber stilistisch nicht besonders gelungen (siehe auch hier unter Einschränkungen).

Sie greifen hier deshalb besser zur Wiederholung als zu einer Einsparung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr, Bopp

Das Wort „tätowieren“ – eine englisch-französische Koproduktion aus Polynesien

Man sieht es immer Sommer noch besser als jetzt: Tätowierungen sind allgegenwärtig. Dennoch scheinen Fremdsprachige – auch wenn sie viel mit der deutschen Sprache zu tun haben – den Wörtern tätowieren und Tätowierung kaum je bewusst zu begegnen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Tätowierung heute vor allem Tattoo heißt und man sich nicht tätowieren, sondern ein Tattoo stechen lässt. Auch im Straßenbild sieht man selten etwas mit Tätowierung oder Tätowierstudio, sondern vor allem Tattoo-Shops und Tattoo-Studios.

Wie komme ich darauf: Ich wurde gefragt, was das deutsche Wort für to tattoo ist. Darüber wunderte ich mich leicht, denn ich hätte erwartet, dass dies dem Fragesteller mit seinen so guten Deutschkenntnissen bekannt ist. Noch mehr gewundert habe ich mich aber über die erste, leicht ungläubige Reaktion: „Mit ä und w?!“ Fremdsprachige stellen oft die besten Fragen. Ich hatte keine Ahnung, wie dies zu erklären ist. Inzwischen habe ich in die etymologischen Wörterbücher (vgl. hier) geschaut und Folgendes gefunden:

Dem Wort tätowieren liegt das polynesische Wort tatau für tätowieren und Tätowierung zugrunde. Dieses Wort gelangte mit den Engländern unter der Form tattow (heute: tattoo) nach Europa. Die englische Aussprache des a in tattow könnte den Umlaut ä im Deutschen erklären und auch das w kommt von dort. Wir waren natürlich nicht die Einzigen, die dieses Wort übernahmen. So gelangte es auch als tatouer ins Französische. Das französische Wort dürfte einen Einfluss auf die Schreibung im Deutschen gehabt haben.

In dieser Weise entstand aus polynesischem tatau unter gemeinsamem Einfluss des Englischen und des Französischen das deutsche Verb tätowieren.

Es gibt übrigens noch eine direktere Entlehnung: tatauieren. Dieses Wort kommt aber nur selten und vor allem in Fachsprachen vor. Vielleicht wird auch Tätowierung mit der Zeit durch Tattoo in ein Schattendasein gedrängt.

Die Satzzeichen bei „besser gesagt“

Frage

Die Kommasetzung bzw. Zeichensetzung bei „besser gesagt“ ist mir unklar. Welche Variante ist richtig?

Ich suchte einen Experten, aber der, besser gesagt die, stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Ich suchte einen Experten, aber der, besser gesagt, die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Ich suchte einen Experten aber der, besser gesagt: die, stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Oder ganz anders?

In erster Linie interessiert mich die Regel, die entscheidet, ob hinter „die“ ein Komma stehen muss.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei der Wendung besser gesagt gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es handelt sich um eine formelhafte Wendung, die nach § 76 der Rechtschreibregelung durch Kommas abgetrennt werden kann. Häufig wird die Wendung mit oder kombiniert.

a) ohne Kommas:

Ich suchte einen Experten, aber der oder besser gesagt die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

b) mit Kommas:

Ich suchte einen Experten, aber der oder, besser gesagt, die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Ohne oder muss in dieser Aufzählung anstelle des oder ein Komma stehen. Nach gesagt kann wie oben ein Komma stehen, je nachdem ob man besser gesagt abtrennen möchte oder nicht.

a)

Ich suchte einen Experten, aber der, besser gesagt die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

b)

Ich suchte einen Experten, aber der, besser gesagt, die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Dies sind die Schreibweisen, die ich empfehlen würde. Man kann aber auch Gedankenstriche oder einen Doppelpunkt verwenden. Zum Beispiel:

Ich suchte einen Experten, der kochen kann, aber der – besser gesagt die – stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Ich suchte einen Experten, aber der – besser gesagt: die stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Ich suchte einen Experten, aber der – besser gesagt: die – stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

Dann noch zum Komma hinter die: Dort sollte kein Komma stehen, außer wenn man die Gedankenstriche im Satz oben durch Kommas ersetzt. Ich finde aber, dass die Kommas hier nicht stark genug trennen bzw. eher verwirrend als trennend sind, und würde sie deshalb nicht empfehlen:

Ich suchte einen Experten, aber der, besser gesagt die, stand die ganze Zeit neben mir: Anna.

So viele oder, besser gesagt, zu viele Möglichkeiten! Kein Wunder, dass auch ich bei besser gesagt oder anders gesagt immer wieder ins Zweifeln komme, wie mit den Satzzeichen umzugehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp