Und wieder einmal zweimal em:
»aus gehobenem bürgerlichem/bürgerlichen Elternaus«

Eine immer wiederkehrende Frage in praktisch allen deutschen Grammatikrubriken ist die Frage nach dem doppelten em bei aufeinanderfolgenden Adjektiven. Es ist also gut möglich, dass Sie das Thema bereits kennen. Auch in diesem Blog waren die Parallel- und die Wechselflexion schon 2014 (zweimal -em) und 2010 (dreimal em) ein Thema. Deshalb folgt auf die Antwort an Frau E. eine etwas ausführlichere Erklärung.

Frage

Immer wieder begegnet mir der Fall, dass zwei Adjektive vor einem Substantiv im Dativ unterschiedliche Endungen haben, zum Beispiel:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Nach meinem Empfinden müsste es heißen:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.

Liege ich da richtig?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

hier gelten beide Formulierungen als korrekt. Nach einem Adjektiv mit der starken Dativendung em kann ein folgendes Adjektiv a) ebenfalls stark mit em gebeugt werden oder b) die schwache Dativendung en haben:

a) Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.
b) Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Erläuterung

Zwei (oder mehr) aufeinanderfolgende Adjektive werden grundsätzlich gleich gebeugt:

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot

bei gleicher durchschnittlicher Arbeitszeit
bei der gleichen durchschnittlichen Arbeitszeit

grüne, schleimige Frösche
die grünen, schleimigen Frösche

ein neues, originelles und alle überzeugendes Konzept
das neue, originelle und alle überzeugende Konzept

Das gilt auch für die starke Endung em:

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
nach langem, peinlichem Schweigen
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der Endung em kommt es aber auch häufig vor, dass das zweite Adjektiv die schwache Endung en erhält:

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Früher war das sogar „zwingend“ so: In älteren Grammatiken (zum Beispiel in der Duden-Grammatik von 1935, S. 205-206) stand eine Regel, nach der das zweite Adjektiv schwach gebeugt wird, wenn es mit dem Substantiv eine begriffliche Einheit bildet, die durch das erste Adjektiv näher bestimmt wird. Nach dieser Regel wird das zweite Adjektiv stark gebeugt, wenn die beiden Adjektive das Substantiv in gleicher Weise bestimmen. Letzteres erkennt man daran, dass ein Komma oder ein und zwischen den beiden Adjektiven stehen kann.

Heute sieht es anders aus: Schon 1984 schrieb die Dudengrammatik (S. 284) zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

In heutigen Texten kommen sowohl die parallele Beugung (em + em) als auch die Wechselflexion (em + en) häufig vor, ohne dass sich dabei ein einheitlicher Bedeutungsunterschied feststellen ließe. Nur wenn zwischen den Adjektiven ein Komma oder und steht, kommt die parallele Flexion deutlich häufiger vor.

Schlussfolgerung

Zwei oder mehr aufeinanderfolgende Adjektive können immer gleich gebeugt werden.

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der männlichen und sächlichen Dativendung em kann ein zweites (und weiteres) Adjektiv auch die schwache Endung en annehmen.

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Steht zwischen den Adjektiven ein Komma oder und, ist die parallele Beugung viel üblicher.

bei schönem und warmem Wetter
aus reichem, bürgerlichem Elternhaus

Kurzum, zweimal em ist immer gut, aber einmal em und einmal en geht meistens auch.

So viel für heute zu diesem Thema. Wer weiß, ob es nicht in ein paar Jährchen wieder einmal aufgenommen werden wird …

Wieder einmal die als-Gruppen und der Genitiv: die Entlarvung des Butlers als der/des Mörder(s) der Gräfin

Frage

Beim Lesen eines älteren Buches bin ich auf folgenden Satz gestoßen:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als eines […] krankheitserregenden Faktors.

Meine Unklarheit betrifft vor allem den letzten Teil des Satzes: „zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors“. […] Mir ist nicht klar, weshalb die Wortgruppe nach „als“ im Genitiv steht. […] Gibt es dazu eine Grammatikregel?

Außerdem glaube ich, dass man in heutigem Deutsch diese Kasuskongruenz so gar nicht vorgenommen hätte. Ich wüsste gar nicht, wie man den Satz grammatikalisch korrekt in modernem Deutsch verfassen würde. Ich glaube jedoch in etwa so:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als ein […] krankheitserregender Faktor.

Zusammengefasst möchte ich also wissen:

  1. Warum ist die Angleichung im Genitiv und gibt es dazu Regeln/Erläuterungen?
  2. Wie würde man den Satz in heutigem Deutsch schreiben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die als-Gruppen oder als-Attribute haben es in sich. Im Prinzip stehen sie im gleichen Fall wie ihr Bezugswort, aber zu dieser „Grundregel“ gibt es viele Ausnahmen. Das ist der Grund dafür, dass die meisten von uns bei solchen Formulierungen hin und wieder unsicher werden, insbesondere dann, wenn wir anfangen, genauer darüber nachzudenken. Für Ihren Fall gilt Folgendes:

Eine als-Gruppe, die sich auf ein Genitivattribut bezieht, steht nach der genannten Grundregel ebenfalls im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Hier bezieht sich die als-Gruppe auf das Genitivattribut „der Seele“ und enthält einen unbestimmten Artikel. Man kann also wie folgt formulieren:

… zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors

Und nun zur Ausnahme: Wenn sich die als-Gruppe auch auf das Wort beziehen kann, das dem Genitivattribut übergeordnet ist (hier „Entdeckung“), kann sie auch im Nominativ stehen:

… zur Entdeckung der Seele als ein krankheitserregender Faktor

Vgl.

… zu deren/ihrer Entdeckung als ein krankheitserregender Faktor

Es folgen noch zwei weitere Beispiele.

  • Mit Angleichung an das Genitivattribut:

die Entlarvung des Butlers als des hinterlistigen Mörders der Gräfin
die Rolle Indiens als eines bedeutenden Handelspartners

  • Mit Bezug auf das übergeordnete Substantiv:

die Entlarvung des Butlers als der hinterlistige Mörder der Gräfin
die Rolle Indiens als ein bedeutender Handelspartner

Ich vermute, dass hier im heutigen Deutsch der Nominativ häufiger vorkommt, ich verfüge aber über keine genaueren Angaben dazu. Wie dem auch sei, beide Formulierungsarten gelten als korrekt.

Weitere Angaben zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genug lang und lang genug

Frage

Es heißt: „die Schnur ist lang genug“. Kann man auch sagen: „die Schnur ist genug lang“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

ein sonst sehr geschätzter ehemaliger Kollege beantwortete Fragen dieser Art häufig mit der Bemerkung: „Sagen kann man es, aber ob es richtig ist?“ Man kann tatsächlich „genug lang“, „genug groß“ oder „nicht genug heiß“ sagen und es wird umgangssprachlich auch mehr oder weniger häufig gesagt (vor allem in der Schweiz). Als ich die Frage las, kam mir „genug lang“ zwar seltsam vor, aber auch wieder nicht hundertprozentig falsch. Wie kann man Ihre Frage also beantworten?

Üblicherweise steht „genug“ nicht vor, sondern hinter dem Adjektiv oder Adverb, auf das es sich bezieht. Es heißt also:

Die Schnur ist lang genug.
Du bist jetzt groß genug, um es besser zu wissen.
Das Wasser ist noch nicht heiß genug.
Wir haben lange genug gewartet.
Man kann es nicht oft genug sagen.

Formulierungen wie „genug lang“ oder „nicht genug heiß“ kommen, wie gesagt, auch vor, sie gelten aber als umgangs- oder regionalsprachlich und können besser vermieden werden. Das gilt auch für Formulierungen wie diese, in denen das Adjektiv vor dem Substantiv steht:

besser nicht: eine genug lange Schnur
besser nicht: eine genug große Auswahl

Wenn besser nicht so, wie dann sonst? Die Lösung ist nicht, „genug“ nachzustellen:

nicht: eine lang genuge Schnur
nicht: eine groß genuge Auswahl

Hier bleibt nur, auf ein anderes Wort auszuweichen:

eine genügend lange Schnur
eine ausreichen große Auswahl o. eine ausreichende Auswahl

Interessanterweise zeigt kein anderes graduierendes Wort dasselbe Verhalten wie „genug“:

Die Schnur ist zu lang / eine zu lange Schnur
Die Schnur ist sehr lang / eine sehr lange Schnur
Die Schnur ist ziemlich lang / eine ziemlich lange Schnur
aber:
Die Schnur ist lang genug / eine genügend lange Schnur

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass „genug“ manchmal nach vorn rutscht. Am besten lässt man es aber dem Adjektiv oder Adverb folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Meldepflicht der Berufskrankheiten und die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags

Frage

Laut Duden 9 „Kompositum“ ist es nicht korrekt, zu einer Zusammensetzung ein Genitivattribut zu stellen, das inhaltlich nur zum ersten Bestandteil der Zusammensetzung gehört. Also nicht: „Meldepflicht der Berufskrankheiten“, weil nicht die Berufskrankheiten die Pflicht zur Meldung haben; sie sollen gemeldet werden. Richtig heißt es: „die Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten“.

Ich frage mich, wie streng diese Regel auszulegen ist, z. B. bei Genitivattributen, die inhaltlich eher zum ersten Bestandteil gehören, etwa „Finanzierungsquelle der Behörden“.

Antwort

Guten Tag Frau N.,

Ein Genitivattribut darf sich tatsächlich nicht nur auf den ersten Teil einer Zusammensetzung beziehen. Ein Genitivattribut bezieht sich immer auf die ganze Zusammensetzung:

nicht: *Meldepflicht der Berufskrankheiten
sondern: Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten

Wie schon in Ihrer Frage gesagt: Die Berufskrankheiten haben nicht Plicht, etwas zu melden, sondern es geht darum, dass es eine Pflicht gibt, Berufskrankheiten zu melden.

nicht: *Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags
sondern: Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags

Die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags ist nicht korrekt, weil sich das Genitivattribut eines Meteoriteneischlags nur auf Wahrscheinlichkeit bezieht (die Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags wird berechnet).

Wahrscheinlichkeitsberechungen des astronomischen Institutes (hinsichtlich eines Meteoriteneinschlags)

Die Wahrscheinlichkeitsberechung des astronomischen Institutes hingegen ist hier korrekt, denn das Genitivattribut des astronomischen Institutes bezieht sich auf die ganze Zusammensetzung Wahrscheinlichkeitsberechung (das astronomische Institut macht eine Wahrscheinlichkeitsberechnung).

Dieses Prinzip wird eigentlich immer eingehalten, es gibt aber Zweifelsfälle. Nehmen wir den ebenfalls im Duden genannten Finanzverwalter dieser Gesellschaft. Er ist der Verwalter der Finanzen der Gesellschaft. Das Genitivattribut bezieht sich so gesehen auf Finanzen, den ersten Teil der Zusammensetzung. Trotzdem ist diese Formulierung richtig: Da man auch sagen kann, dass der gute Mann Finanzverwalter bei dieser Gesellschaft ist, bezieht sich das Genitivattribut dieser Gesellschaft auch auf die ganze Zusammensetzung Finanzverwalter.

Kommen wir nun endlich zu Ihrem Zweifelsfall: Finanzierungsquellen der Behörden. Ob diese Formulierung akzeptabel ist, hängt davon ab, was genau gemeint ist.

nicht richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen für die Finanzierung der Behörden
richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen der Behörden für die (eigene) Finanzierung

Wenn die Regierung  Quellen für die Finanzierung der Behörden sucht, kann man nicht sagen:

Die Regierung sucht Finanzierungsquellen der Behörden.

Damit würde gesagt, dass die Regierung danach forscht, aus welchen Quellen sich die Behörden finanzieren. Wenn die Regierung sich aber Sorgen darüber macht, aus welchen Quellen die Behörden sich finanzieren, kann man sagen:

Die Regierung macht sich sorgen über die Finanzierungsquellen der Behörden.

Diese Formulierung ist wiederum nicht korrekt, wenn gemeint ist, dass sich die Regierung Sorgen macht, wie sie die Behören finanzieren soll …

Der Kontext ist also sehr wichtig bei der Beurteilung, ob in diesen Fällen ein Genitivattribut möglich ist oder nicht.

Ich hoffe, dass nun klarer geworden ist, warum der *Erklärungsversuch dieses Phänomens nicht richtig ist, der Erklärungsversuch des Sprachdoktors (zumindest diese Formulierung) hingegen schon.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp