Welcher Fall steht nach „darunter“?

Frage

Verwendet man in diesem Satz nach „darunter“ den Nominativ oder den Dativ?

Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen Organisationen, darunter die/der Asian Development Bank und die/der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „darunter“ hat keinen Einfluss auf den Fall des folgenden Wortes oder der folgenden Wortgruppe. Der Fall wird also anders bestimmt. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die beide als korrekt gelten.

  1. Nominativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang eines Auslassungssatzes, das heißt, es leitet einen unvollständigen Satz ein, der so lauten könnte:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [sind] die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

  2. Dativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter der Asian Development Bank und der Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang einer Erläuterung oder Ergänzung, die die Satzkonstruktion weiterführt. Dabei wird die Präposition „an“ weggelassen:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [an] der Asian Development Bank und [an] der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Und hier zur Verdeutlichung noch drei weitere Beispiele, bei denen nach „darunter“ jeweils a) ein Auslassungssatz und b) eine Weiterführung der Satzkonstruktion folgt:

  1. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herr Mahler und sein Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter sind …)
  2. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herrn Mahler und seinen Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter … eingeladen)
  1. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehrere Fahrzeuge aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter waren auch …)
  2. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehreren Fahrzeugen aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter auch mit …)
  1. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter der öffentliche Dienst, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter ist der …)
  2. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter des öffentlichen Dienstes, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter dem Bedarf des …)

Die Wahl zwischen a) und b) liegt jeweils bei Ihnen. Was Ihnen mehr zusagt oder als Erstes aus der Tastatur fließt, ist hier richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Sei es ein(en) oder ein(en) …?

Frage

Eine Frage zur Kongruenz: „Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur“. Oder muss es ebenfalls im Akkusativ heißen: „… sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur“?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

den Nominativ halte ich hier für die bessere Wahl:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur.

Der zweite Teilsatz kann so analysiert werden:

es = Subjekt
sei = Kopula (verbindendes Verb)
ein Architekt = Prädikativ zum Subjekt

Es [= was Sie suchen sollten] ist ein Architekt oder ein Bauingenieur.
Es sei ein Architekt oder Bauingenieur.
Sei es ein Architekt oder Bauingenieur.

Die Wortgruppe „ein Architekt oder Bauingenieur“ ist so gesehen nicht von „suchen“, sondern von „sein“ abhängig und steht deshalb im Nominativ.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation: Man kann „sei es … oder …“ auch als eine Art Konjunktion wie „entweder … oder …“ verstehen. Dann wird die Konstruktion des ersten Satzes weitergeführt, das heißt, die Wortgruppe „einen Architekten oder einen Bauingenieur“ ist immer noch von „suchen“ abhängig und steht im Akkusativ:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, entweder einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Sie können hier m. M. n. also zwei verschiedene Fälle verwenden, sei es der/den Nominativ oder der/den Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

Kommentare

Liebe bisherige … – auch in Anreden wird parallel gebeugt

Frage

Heißt es korrekt: „Liebe bisherige Gemeinderäte“ oder „Liebe bisherigen Gemeinderäte“?

Antwort

Guten Tag Herr E.,

richtig ist hier die sogenannte parallele Beugung. „Parallel“ bedeutet, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden, also dieselbe Endung haben (mehr dazu hier):

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot.

ein grüner, schleimiger Frosch
der grüne, schleimige Frosch

neue, originelle, alle überzeugende Konzepte
diese neuen, originellen, alle überzeugenden Konzepte

Die parallele Beugung gilt auch bei Anreden in Briefen u. Ä.:

Liebe bisherige Gemeinderäte,
Sehr geehrte neue Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Mein lieber kleiner Bruder,

Bei substantivierten Adjektiven sollte ebenfalls parallel gebeugt werden (auch wenn man häufig anderes antrifft):

Liebe Auszubildende,*
Liebe ehemalige Studierende,*
Sehr geehrte Beamtinnen und Beamte,

Wenn Sie davon ausgehen, dass aufeinanderfolgende Adjektive (und substantivierte Adjektive) immer dieselbe Endung haben, ist es eigentlich ganz einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Diese Anreden können sich sowohl an eine Frau als auch an mehrere Personen richten. Was gemeint ist, ergibt sich aus dem allgemeinen Kontext. Es ist also nicht notwendig, deswegen entgegen den Grammatikregeln auf die Endung en auszuweichen.

Kommentare

Richtung Landesinnere/Landesinnerem/Landesinneres?

Frage

Ich wüsste gern, warum folgende Phrase richtig ist:

von der Ostküste Richtung Landesinnere

Bei von der Ostküste ist von + Dativ ok. Wie ist es aber bei Richtung LandesinnerE? Das ist die Endung des Akkusativs oder Nominativs Singular der schwachen Adjektivdeklination. Wieso?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau H.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn die Formulierung ist so, wie Sie sie zitieren nicht richtig oder nicht üblich. Üblich ist hier:

von der Ostküste Richtung Landesinneres

Wenn Richtung – eher umgangssprachlich – allein ähnlich wie eine Präposition verwendet wird, steht es meist vor einem einfachen Namen oder der Angabe einer Himmelsrichtung:

Richtung Dresden
Richtung Italien
Richtung Osten

Wenn unmittelbar ein Adjektiv oder adjektivisch gebeugtes Substantiv folgt, verwendet man den Nominativ, und zwar die stark gebeugte Form, so wie es bei Adjektiven ohne vorangehendes gebeugtes Artikelwort üblich ist:

Richtung Indischer Ozean
Richtung Neuer Markt
Richtung altes Rathaus
Richtung Landesinneres

Nicht richtig ist hier übrigens der Dativ, der nach Richtung ebenfalls gelegentlich anzutreffen ist:

nicht: *Richtung Indischem Ozean
nicht: *Richtung Landesinnerem

In formelleren, standardsprachlichen Texten verwendet man übrigens eher Formulierungen mit in Richtung wie die folgenden:

in Richtung Dresden/Osten
in Richtung des Indischen Ozeans
in Richtung des alten Rathauses
in Richtung des Landesinneren

Kurzum, von der Ostküste geht es eher umgangssprachlich kurz Richtung Landesinneres oder standardsprachlich lieber etwas länger in Richtung des Landesinneren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Präpositionen, die manchmal zu Adverbien werden: unter, über, bis zu

Frage

Ich habe eine Frage zum Fall nach „unter“. Es heißt „Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern“. Sagt man auch „Betriebe, die unter zehn Mitarbeitern beschäftigen“ oder ist „Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen“ richtig? […]

Antwort

Guten Tag Frau T.,

heißt es unter zehn Mitarbeitern oder unter zehn Mitarbeiter? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten.

Wenn unter vor einer Zahlenangabe steht, hat es oft keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes. Das ist dann der Fall, wenn unter durch weniger als ersetzt oder weggelassen werden kann. Man verwendet unter dann nicht als Präposition, die einen bestimmten Fall verlangt, sondern als Adverbialbestimmung.

Die Kinder sind unter sechs Jahre alt
Kinder von unter sechs Jahren

Nach unter steht dann der gleiche Fall, wie wenn unter weggelassen oder durch weniger als ersetzt wird:

Die Kinder sind [weniger als] sechs Jahre alt
Kinder von [weniger als] sechs Jahren

Das gilt auch für Ihr Beispiel. Auch hier ist unter eine Adverbialbestimmung und deshalb steht einmal der Dativ (abhängig von mit) und einmal der Akkusativ (Akkusativobjekt zu beschäftigen):

Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern
Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen

Betriebe mit [weniger] als zehn Mitarbeitern
Betriebe, die [weniger als] zehn Mitarbeiter beschäftigen

Das Gleiche gilt übrigens auch für über und bis zu vor Zahlenangaben. Wenn sie durch eine andere Adverbialbestimmung ersetzt oder weggelassen werden können, haben sie keinen Einfluss auf den Kasus.

über:

Diese Städte haben über 100 000 Einwohner
Städte mit über 100 000 Einwohnern

Diese Städte haben [mehr als] 100 000 Einwohner
Städte mit [mehr als] 100 000 Einwohnern

bis zu:

Es kann bis zu einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von bis zu einem Monat zu rechnen

Es kann [maximal] einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von [höchstens] einem Monat zu rechnen

Wir haben es hier mit Präpositionen zu tun, die zu Adverbien werden können. Mehr dazu finden Sie hier, hier und hier. Und hier steht, dass auch zwischen sich manchmal ganz ähnlich verhält. Kleine Wörtchen können für großen Erklärungsaufwand sorgen, wenn man genauer wissen möchte, wie sie sich verhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Die leere Stelle in der Tabelle: der Dativ von „was?“

Heute geht es um eine Frage, die mir nicht schriftlich gestellt wurde. Wie fragt man nach einem Dativobjekt, das keine Person ist? Konkret wollte man wissen, wie man nach einer Sache fragen kann, der eine andere Sache entspricht. Zum Beispiel:

Ihre Aussage entspricht den Tatsachen.

Wie kann man nach dem Dativ den Tatsachen fragen?

Relativ einfach ist die Antwort auf die Frage, wie man nicht fragen kann: nicht mit wem, das nur für Personen verwendet werden kann, aber erstaunlicherweise auch nicht mit was:

nicht: *Wem entspricht Ihre Aussage?
nicht: *Was entspricht Ihre Aussage?

Standardsprachlich bleibt hier nur das oft etwas unbeholfen klingende welcher Sache oder eine andere Formulierung:

Welcher Sache entspricht Ihre Aussage?
Womit stimmt Ihre Aussage überein?

Ebenso zum Beispiel:

Zucker schadet den Zähnen.
nicht: Was schadet Zucker?
sondern z. B.: Wofür ist Zucker schädlich?

Ich stimme deinem Vorschlag zu.
nicht: Was stimme ich zu?
sondern z. B.: Womit bin ich einverstanden?

Sie näherten sich langsam dem Eingang der Höhle.
nicht: Was näherten sie sich langsam?
sondern z. B.: Welchem Ort näherten sie sich langsam?

Es gibt bei den Fragewörtern wer und was eine Leerstelle in der Tabelle:

Person Nichtperson
Nominativ  wer was
Akkusativ wen was
Dativ wem
Genitiv wessen  wessen

Das „Loch“ beim Dativ von Nichtpersonen entspricht allerdings nicht wirklich gähnender Leere. Umgangssprachlich wird nämlich häufig doch was verwendet, vor allem wenn ein Präposition den Dativ verlangt. Standardsprachlich sollten allerdings die Fragewörter der Form wo[r]- stehen:

Mit was stimmt Ihre Aussage überein?
Von was redest du?
Um was handelt es sich?

Um entrüsteten Kommentaren vorzubeugen (welcher Sache vorzubeugen? / was zu verhindern?), möchte ich nochmals betonen, dass hier standardsprachlich mit wo[r]- formuliert werden sollte:

Womit stimmt Ihre Aussage überein?
Wovon redest du?
Worum handelt es sich?

Die leere Stelle in der Tabelle gibt es also vor allem in der Standardsprache. Die Umgangssprache stört sich weniger an solchen „Inkonsequenzen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Voll der Gnaden, Friede auf Erden und der Welten Lohn

Auch wenn der Titel es vielleicht nahelegt, geht es nicht um theologische Fragen. Es geht nur ganz weltlich darum, ob Gnaden, Frieden und Welten hier im Plural oder im Singular stehen.

Frage

Meine Frage betrifft die Formulierung „voll der Gnaden“, wie man sie in älteren Übersetzungen des Ave Maria findet (wohingegen heute meist „voll der Gnade“ verwendet wird). Meine Frage ist, was für eine Form „der Gnaden“ hier genau ist. Nach „voll“ steht ja bekanntlich Genitiv, also bleibt eigentlich nur die Frage nach dem Numerus. Nach moderner Morphologie wäre „der Gnaden“ eindeutig Plural, aber die Verwendung von „Gnade“ im Plural scheint mir sehr unüblich und im Lateinischen steht ja auch „gratia plena“ und nicht „gratiis plena“. […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Form Gnaden in älteren Texten und Wendungen ist es oft schwierig, zu entscheiden, ob es sich um eine Pluralform oder eine Singularform handelt. Einerseits wurde und wird das deutsche Gnade häufiger im Plural verwendet als das lateinische gratia. Andererseits wechselte Gnade zum Teil zur schwachen Deklination, das heißt, die Form Gnaden wurde auch als Singularform verwendet. Es ist deshalb schwierig, zu beurteilen, ob es sich bei Gnaden in voll der Gnaden um einen Plural oder einen Singular handelte. Im heutigen Deutschen kann es nur noch eine Pluralform sein, was die neueren Übersetzungen von gratia plena mit voll der Gnade erklärt. Mehr dazu lesen Sie zum Beispiel im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag Gnade, Punkt 5) und 6).

Gnade ist nicht das einzige weibliche Substantiv, dass auch im Singular mit schwachen Endungen verwendet wurde. Solche Formen haben noch in einigen Wendungen, Gedichten, Gebeten usw. „überlebt“:

von Gotten Gnaden
Friede auf Erden
dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
auf Seiten der Gegenpartei
von Seiten der Klägerin
Undank ist der Welten Lohn

So viel von Seiten des Blogautors zur Formulierung voll der Gnaden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Je mehr Geld, desto ein größeres oder ein desto größeres Haus?

Frage

Ist in dem folgenden Satz der Satzbau korrekt?

Je mehr Geld du investieren wirst, desto ein größeres Haus kannst du bauen.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

mit je … desto und je … umso werden zwei sich in gleichen Maße verändernde Geschehen miteinander in Bezug gebracht. Der sich verändernde Grad wird durch ein Adjektiv oder Adverb im Komparativ ausgedrückt.

Je schneller ihr arbeitet, desto/umso schneller werdet ihr fertig sein.
Je weiter man ins Landesinnere vordringt, desto/umso weniger Europäer trifft man.

Die Konjunktion je leitet einen Nebensatz ein (Verb an letzter Stelle). Mit desto oder umso wird ein Hauptsatz eingeleitet (Verb an zweitere Stelle). Das Adjektiv oder Adverb steht immer unmittelbar nach je respektive desto und umso.

Je mehr Geld du investierst, desto/umso größere Autos kannst du dir leisten.

In Ihrem Satz kommt nun ein unbestimmter Artikel hinzu, der für Probleme sorgt. Der unbestimmte Artikel steht vor dem Adjektiv. Steht desto jetzt als Konjunktion ganz am Anfang (desto ein größeres) oder, wie es die oben genannte Regel fordert, unmittelbar vor dem Adjektiv (ein desto größeres)? Die Antwort lautet:

Je mehr Geld du investieren wirst, ein desto/umso größeres Haus kannst du bauen.
Je mehr man mit ihnen sprichst, einen desto/umso besseren Eindruck erhält man von ihnen.
Je schneller man fährt, eine desto/umso höhere Buße muss man bezahlen

Das gilt auch für je in Kombination mit einem unbestimmten Artikel:

Ein je größeres Spektrum genutzt wird, desto/umso höher ist die erreichbare Datenrate.

Da viele – auch ich – Formulierungen wie ein desto größeres, eine umso höhere stilistisch nicht sehr gelungen finden, wird oft auf eine andere Formulierung ausgewichen. Zum Beispiel:

Je mehr Geld du investieren wirst, desto größer ist das Haus, das du bauen kannst.
Je mehr man mit ihnen spricht, desto besser lernt man sie kennen.
Je schneller man fährt, desto höher wird die zu bezahlende Buße.
Je größer das genutzte Spektrum ist, desto größer wird die erreichbare Datenrate.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare