Meine Damen und Herren Geschworene(n)?

Frage

Die neueste Frage ist, ob es heißt

Meine Damen und Herren Geschworene

oder

Meine Damen und Herren Geschworenen

oder ist sogar beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

in Prinzip werden adjektivisch gebeugte Wörter nach Anreden gleich gebeugt, wie wenn die Anrede nicht steht. Hier ein paar Beispiele:

der Herr Geschworene (der Geschworene)
ein Herr Geschworener (ein Geschworener)
des Herrn Abgeordneten (des Abgeordneten)
mit dem Herrn Geschworenen (mit dem Geschworenen)
die Herren Abgeordneten (die Abgeordneten)
sehr geehrte Herren Geschworene (sehr geehrte Geschworene)
meine Herren Geschworenen (meine Geschworenen)

die Frau Geschworene (die Geschworene)
eine Frau Geschworene (eine Geschworene)
dir Rede der Frau Abgeordneten (der Abgeordneten)
mit der Frau Abgeordneten (mit der Abgeordneten)
die Damen Abgeordneten (die Abgeordneten)
sehr geehrte Damen Geschworene (sehr geehrte Geschworene)
meine Damen Geschworenen (meine Geschworenen)

Nach diesem Prinzip heißt es auch:

sehr geehrte Damen und Herren Geschworene
die Damen und Herren Geschworenen
meine Damen und Herren Geschworenen

Natürlich geht es auch hier nicht ohne ein Aber. Im männlichen Dativ Singular wird entgegen diesem Prinzip nach artikellosem Herrn nur schwach gebeugt:

mit Herrn Geschworenen B. (aber: mit Geschworenem B.)

Bei Frauen wiederum gilt diese Ausnahme kaum:

mit Frau Abgeordneter B. (wie: mit Abgeordneter B.)
selten: mit Frau Abgeordneten B.

Im Nominativ Plural ist die Verteilung der starken Endung e und der schwachen Endung en auch nicht so fest. Und damit wären wir beim Zweifel, der in Ihrer Frage zum Ausdruck kommt. Häufig wird nämlich im Nominativ Plural (meiner Meinung nach nicht korrekt) auch wie folgt formuliert:

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordneten
(statt besser: Abgeordnete)
Meine Damen und Herren Geschworene
(statt besser: Geschworenen)

Wie man sieht, ist die adjektivische Beugung im Deutschen so komplex, dass wir uns nicht immer an dasselbe Prinzip halten. Ich hoffe dass Sie, meine Damen und Herren an Sprachfragen Interessierten, trotzdem nicht ganz den Überblick verlieren. Wenn man es einmal gar nicht mehr weiß, kann man immer auf eine Formulierung ohne Damen und Herren ausweichen:

Sehr geehrte Geschworene
Meine sehr geehrten / geschätzten Geschworenen

Das ist, liebe an Sprachfragen Interessierte, nicht nur weniger sperrig, sondern auch noch inklusiver.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommt der Einbau von Smart Metern oder von Smart Meters voran?

Frage

Neulich kam mir ein Satz unter, bei dem ich nicht wusste, wie ich den Dativ Plural bilden soll. Es geht um das Wort „Smart Meter“, so eine Art digitalen Stromzähler. Wie würden Sie das Wort „Meter“ im Dativ Plural schreiben: „Meters“ oder „Metern“? Ich würde spontan „Der Einbau von Smart Metern kommt voran“ schreiben, aber eigentlich müsste ich ja ein s als Pluralmarkierung nehmen, da das Wort „Meter“ hier kein Längenmaß ist, sondern das englische Wort für „Messgerät“. Aber das hört sich ja ganz scheußlich an: „Der Einbau von Smart Meters kommt voran.“ Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Pluralbildung von Fremdwörtern kann eine Rolle spielen, wie stark sie bereits ins Deutsche integriert sind.

Wenn Sie Meter in Smart Meter englisch aussprechen (ähnlich wie Mieter), dann passt der s-Plural besser:

die Smart Meters
der Einbau von Smart Meters

Wenn Sie dieses Meter deutsch aussprechen (wie das Längenmaß), passt der endungslose Plural. Zum endungslosen Nominativ Plural gehört der Dativ Plural mit -n wie zum Beispiel bei den Computern, den Bestsellern oder den Bikern:

die Smart Meter
der Einbau von Smart Metern

Auch korrekt ist hier übrigens die Zusammenschreibung, die allerdings verhältnismäßig selten vorkommt:

die Smartmeter
der Einbau von Smartmetern

Die deutsche Pluralbildung die Smart Meter / den Smart Metern ist hier deutlich üblicher als der englische s-Plural. Sie ist übrigens nicht zwangsläufig mit dem Längenmaß Meter zu assoziieren. Es gibt ja auch andere Messgeräte wie zum Beispiel Thermometer, Barometer oder Tachometer. Ähnlich wie bei diesen herrscht auch bei Smart Meter ein gewisser Zweifel, ob das Wort sächlich oder männlich ist. Häufig ist es nämlich der Smart Meter wie der intelligente Stromzähler, aber viele sagen auch das Smart Meter, wie dies für das Thermometer und das Barometer üblich ist (wenn auch nicht überall in gleichem Maße: Im südlichen deutschen Sprachraum kommt daneben auch der Thermometer vor).

Für den Plural hat sich die eingedeutschte Pluralbildung die Smart Meter durchgesetzt. Bei der Formulierung in Ihrer Frage würde ich deshalb nur diese Pluralvariante empfehlen, die auch Ihnen spontan besser erschien:

Der Einbau von Smart Metern kommt voran.

Bei der Frage zum Genus, der oder das Smart Meter, wage ich mich an keine Empfehlung. Die Frage, ob das Wort männlich ist wie der Messer, der Zähler oder ob es sächlich ist wie das Thermometer u. a., ist (noch) nicht eindeutig entschieden. Wer mit „so viel Ungewissheit“ nicht leben kann, weicht einfach auf Begriffe wie der intelligente Stromzähler oder das intelligente Messsystem aus. (Bei intelligent fällt mir allerdings noch mehr als bei smart auf, dass das Adjektiv in diesem Zusammenhang etwas hoch gegriffen ist – aber das ist eine ganz andere Frage.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deretwegen, derentwegen oder wegen der?

Immer dieses „wegen“ und der Genitiv! Auch heute geht es wieder einmal um diesen Stolperstein:

Frage

Ich war mir heute bei einem Satz bei einem Wort unsicher und stelle mir die Frage, welche der drei Varianten nun die richtige ist:

1) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet.
2) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.
3) Mir fiel gerade eine Kleinigkeit auf, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet.

Mein erster Gedanke war „deretwegen“, obwohl ich das Wort, wie ich meine, noch nie verwendet habe. Als ich dann ein bisschen recherchiert habe, bin ich noch auf „derentwegen“ gestoßen, aber im Duden steht als Bedeutung „wegen deren“, was in meinem Satz ja nicht passen würde. Woanders habe ich noch gelesen, dass „deretwegen“ und „derentwegen“ dasselbe bedeuten. Bedeutet das dann, dass beide Varianten in meinem Fall falsch sind?

Antwort

Guten Tag L.,

alle drei Varianten sind möglich, sie werden allerdings nicht gleich bewertet. Die älteste Form ist deretwegen. Heute wird vor allem das gleichbedeutende derentwegen verwendet:

eine Kleinigkeit, derentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
eine Kleinigkeit, deretwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/veraltend]

Ebenfalls möglich ist hier wegen der. Es wird aber meistens als umgangssprachlich bezeichnet. Das der ist nämlich ein Dativ (Dativ Singular weiblich des Relativpronomens die), und der Dativ nach wegen ist vielen ein Gräuel:

eine Kleinigkeit, wegen der ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]

Die Umschreibung im Duden ist schon richtig. Mit derentwegen ist wegen deren/derer gemeint. Als Einleitung eines Relativsatzes wird aber derentwegen vorgezogen:

eine Kleinigkeit, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Das Gesagte gilt auch für den Plural, bei dem hier im Genitiv die gleichen Formen verwendet werden wie für weibliche Bezugswörter:

Kleinigkeiten, derentwegen/(deretwegen) ihr euch keine Sorgen machen solltet
Kleinigkeiten, wegen denen ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
Kleinigkeiten, wegen deren/derer ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Im Plural kommt manchmal auch wegen der vor (Kleinigkeiten, wegen der …). Diese Form sollte vermieden werden (auch wenn sie vielleicht gar nicht so falsch klingt). Es gibt für den Plural des Relativpronomens weder im Genitiv noch im Dativ eine Form der, sondern nur deren und derer bzw. denen.

Der Vollständigkeit halber folgen hier noch die Formen für männliche und sächliche Bezugswörter:

ein Problem, dessentwegen ihr euch keine Sorgen machen solltet
ein Problem, wegen dem ihr euch keine Sorgen machen solltet [umgangssprachlich]
ein Problem, wegen dessen ihr euch keine Sorgen machen solltet [selten/ungebräuchlich]

Eine Frage, derentwegen man manchmal ins Zweifeln geraten kann. Im Zweifelsfall nehmen Sie am besten derentwegen oder dessentwegen. Das klingt manchen ziemlich gehoben in den Ohren, aber wegen der und wegen dem beschränken Sie besser auf eher alltags- und umgangssprachliche Äußerungen. Und wenn keines von beiden gefällt, gibt es immer noch die Umformulierung. In diesem Fall wäre die einfachste Lösung eine Formulierung mit worüber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Für Mensch und Tier“ – Wo sind Artikel und Endung geblieben?

Frage

Ich habe eine Frage zur Wendung „Mensch und …“. Mir sind die folgenden Sätze begegnet:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Ich frage mich, ob die Wendung erstens richtig und zweitens umgangssprachlich ist. Kann ich dies auch in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen oder muss ich dann auf den (richtigen) Akkusativ „den/die Menschen“ ausweichen?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die beiden Formulierungen sind korrekt und auch standardsprachlich akzeptiert:

für Mensch und Natur
für Mensch und Tier

Sie können sie also in einer wissenschaftlichen Arbeit stehen lassen. Ihr Zweifel ist aber nicht unbegründet, denn wo sind Artikel und Endung geblieben?

Hier kommen zwei Phänomene zusammen:

1) Wenn zwei (oder mehr) Substantive mit und verbunden werden, können die Artikel weggelassen werden (siehe hier):

mit Nadel und Faden
für Land und Leute
Anfahrt mit Auto und Bahn
Das ist schädlich für Landwirtschaft, Fischfang, Handel und Tourismus.

2) Schwach gebeugte Substantive (en/en-Klasse) stehen im Singular sehr häufig ohne die Endung en, wenn sie ohne Artikelwort oder gebeugtes Adjektiv verwendet werden. Dies geschieht, weil sich der Singular sonst nicht vom Plural unterscheidet:

das Gespräch zwischen Arzt und Patient
David, seine Herde gegen Bär und Löwe verteidigend
von Mensch zu Mensch
Das Orchester spielt ohne Dirigent

Ein schwach gebeugtes Substantiv wie Mensch kann in solchen Aufzählungen also sowohl den Artikel als auch die Endung „verlieren“:

Die Folgen für Mensch und Natur sind nicht absehbar.
Die Lärmbelastung für Mensch und Tier ist erheblich.

Sobald allerdings ein Artikelwort oder ein gebeugtes Adjektiv hinzutritt, kann die Endung nicht weggelassen werden:

für den Menschen und die Natur
für jeden Menschen und jedes Tier

Mehr zur Endungslosigkeit schwach gebeugter Substantive finden Sie in diesem schon etwas älteren Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

100 x 1 Filmtablette(n)

Frage

Was würden Sie sagen: 100 x 1 Filmtablette oder 100 x 1 Filmtabletten?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier ist die Einzahl zu empfehlen:

100 x 1 Filmtablette

Es geht zwar insgesamt um 100 Filmtabletten, aber in Worten ausgeschrieben bedeutet dies ja:

hundertmal eine Filmtablette

So kann man ausdrücken, dass man nicht zum Beispiel ein Glas mit hundert Tabletten, sondern hundert (separat verpackte) Einheiten von je einer Tablette meint.

Ob ich zehn Fragen oder zehnmal eine Frage beantworte, kann, aber muss nicht dasselbe sein. Grammatisch ist beides richtig formuliert. Nicht richtig hingegen wäre es, *zehnmal eine Fragen zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reden wir von Switches, Switchs oder Switchen?

Die Beugung von noch nicht allzu fest im Deutschen intergrierten Fremdwörtern führt immer wieder zu Fragen:

Frage

In meinem Text steht eine Liste von Eigenschaften eines Switchs (o. eines Switches?). In dem speziellen Punkt geht es um die Verbindung zwischen zwei Switches/Switchen/Switchs. Ich habe im Internet gesucht, aber keine Informationen gefunden, wie man „Switch“ am besten dekliniert. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

die Beugung von Fremdwörtern aus dem Englischen (und anderen Sprachen) kann dann zu Unsicherheiten führen, wenn sie noch nicht wirklich in den deutschen Wortschatz integriert sind. Was ist richtig, die Form aus der Ursprungssprache oder die ans Deutsche angepasste Form? Die Antwort lautet  wie so häufig: Richtig ist, was üblich ist.

Zuerst zum Genitiv: Wie Sie den Genitiv von Switch schreiben, hängt davon ab, wie Sie ihn aussprechen. Bei auf (gesprochenes) sch endenden Wörtern ist im Genitiv Singular sowohl -s als  auch -es möglich:

Aussprache wie /switschs/ → des Switchs
(vgl. Fischs, Froschs, Eibischs, Tratschs)

Aussprache wie /switsches/ → des Switches
(vgl. Fisches, Frosches, Eibisches, Tratsches)

Da bei Fremdwörtern der s-Genitiv üblicher ist als der es-Genitiv, würde ich des Switchs sagen und schreiben. Die Schreibung des Switches kommt aber häufiger vor. Ich vermute, dass diese Schreibung in vielen Fällen durch den englischen Plural switches beeinflusst ist und weniger auf eine Aussprache mit der Endung -es zurückzuführen ist.

Auch der endungslose Genitiv des Switch ist nicht ausgeschlossen, aber nur dann, wenn auch keine Endung gesprochen wird:

Aussprache wie /switsch/ → des Switch

Diese sozusagen aus dem Englischen übernommene endungslose Variante passt dann am besten, wenn auch der Plural noch englisch ausgesprochen wird. Und hiermit sind wir schon bei den Pluralformen:

Auch für den Plural von „Switch“ gilt, dass die Schreibung davon abhängt, wie Sie die Wortform aussprechen. Bei englischer Aussprache (/switschis/) schreiben Sie zwei Switches. Bei deutscher Aussprache (/switschs/) schreiben Sie zwei Switchs. Auch der Ersatz von -s durch die deutsche Endung -e ist nicht ausgeschlossen, aber (noch?) nicht so gebräuchlich. Also:

Aussprache wie /switschs/ → die Switchs
(vgl. Clutchs, Matchs, Patchs, Scotchs)

Aussprache wie /switschis/ → die Switches
(vgl. Clutches, Stretches)

Aussprache wie /switsche/ → die Switche
(vgl. Matche, Sketche)

Die Pluralformen von Clutch, Match, Patch, Sketch, Stretch und Scotch zeigen, dass es keine einheitliche Tendenz gibt, wie Substantive dieser Form ins Deutsche integriert werden. Wenn Sie diese Wörter in verschiedenen Wörterbüchern nachschlagen, werden Sie feststellen, dass nicht alle Wörterbücher überall dieselben Formen angeben. Es herrscht hier also eine recht große Unsicherheit (man kann es optimistischer auch eine recht große Freiheit nennen).

Ich kann Ihnen also nur empfehlen, sich nach der Aussprache zu richten. Welche Aussprache in Ihrem Fachbereich bei Switch üblicher ist, weiß ich leider nicht. Solange sich keine einheitliche(re) Verwendung des Wortes Switch eingebürgert hat, ist keine der obenstehenden Formen falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Und wieder einmal zweimal em:
»aus gehobenem bürgerlichem/bürgerlichen Elternaus«

Eine immer wiederkehrende Frage in praktisch allen deutschen Grammatikrubriken ist die Frage nach dem doppelten em bei aufeinanderfolgenden Adjektiven. Es ist also gut möglich, dass Sie das Thema bereits kennen. Auch in diesem Blog waren die Parallel- und die Wechselflexion schon 2014 (zweimal -em) und 2010 (dreimal em) ein Thema. Deshalb folgt auf die Antwort an Frau E. eine etwas ausführlichere Erklärung.

Frage

Immer wieder begegnet mir der Fall, dass zwei Adjektive vor einem Substantiv im Dativ unterschiedliche Endungen haben, zum Beispiel:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Nach meinem Empfinden müsste es heißen:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.

Liege ich da richtig?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

hier gelten beide Formulierungen als korrekt. Nach einem Adjektiv mit der starken Dativendung em kann ein folgendes Adjektiv a) ebenfalls stark mit em gebeugt werden oder b) die schwache Dativendung en haben:

a) Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.
b) Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Erläuterung

Zwei (oder mehr) aufeinanderfolgende Adjektive werden grundsätzlich gleich gebeugt:

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot

bei gleicher durchschnittlicher Arbeitszeit
bei der gleichen durchschnittlichen Arbeitszeit

grüne, schleimige Frösche
die grünen, schleimigen Frösche

ein neues, originelles und alle überzeugendes Konzept
das neue, originelle und alle überzeugende Konzept

Das gilt auch für die starke Endung em:

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
nach langem, peinlichem Schweigen
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der Endung em kommt es aber auch häufig vor, dass das zweite Adjektiv die schwache Endung en erhält:

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Früher war das sogar „zwingend“ so: In älteren Grammatiken (zum Beispiel in der Duden-Grammatik von 1935, S. 205-206) stand eine Regel, nach der das zweite Adjektiv schwach gebeugt wird, wenn es mit dem Substantiv eine begriffliche Einheit bildet, die durch das erste Adjektiv näher bestimmt wird. Nach dieser Regel wird das zweite Adjektiv stark gebeugt, wenn die beiden Adjektive das Substantiv in gleicher Weise bestimmen. Letzteres erkennt man daran, dass ein Komma oder ein und zwischen den beiden Adjektiven stehen kann.

Heute sieht es anders aus: Schon 1984 schrieb die Dudengrammatik (S. 284) zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

In heutigen Texten kommen sowohl die parallele Beugung (em + em) als auch die Wechselflexion (em + en) häufig vor, ohne dass sich dabei ein einheitlicher Bedeutungsunterschied feststellen ließe. Nur wenn zwischen den Adjektiven ein Komma oder und steht, kommt die parallele Flexion deutlich häufiger vor.

Schlussfolgerung

Zwei oder mehr aufeinanderfolgende Adjektive können immer gleich gebeugt werden.

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der männlichen und sächlichen Dativendung em kann ein zweites (und weiteres) Adjektiv auch die schwache Endung en annehmen.

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Steht zwischen den Adjektiven ein Komma oder und, ist die parallele Beugung viel üblicher.

bei schönem und warmem Wetter
aus reichem, bürgerlichem Elternhaus

Kurzum, zweimal em ist immer gut, aber einmal em und einmal en geht meistens auch.

So viel für heute zu diesem Thema. Wer weiß, ob es nicht in ein paar Jährchen wieder einmal aufgenommen werden wird …

Sitzt man vor einem Glas kühlem Weißwein oder kühlen Weißweins?

Frage

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.
Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins.

Was ist hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

es geht hier um eine Mengenangabe, in der das Gemessene im Singular steht und von einem gebeugten Adjektiv begleitet wird. Dann ist im heutigen Deutsch die Angleichung im Fall üblich, das heißt, das Gemessene (hier: „kühler Weißwein“) steht im gleichen Fall wie die Maßeinheit (hier: „Glas“).

Ein Glas kühler Weißwein stand vor ihr.
Sie trank ein Glas kühlen Weißwein.
mit einem Glas kühlem Weißwein
der Effekt eines Glases kühlen Weißweins

Sechs Flaschen stilles Wasser kosten € …
Wir haben sechs Flaschen stilles Wasser gekauft.
mit sechs Flaschen stillem Wasser
der Preis einer Flasche stillen Wassers

100 g grüner Tee
für 100 g grünen Tee
mit 100 g grünem Tee
wegen 100 g grünen Tees

Als gehoben oder veraltend gilt hier der partitive Genitiv, den echte Genitivfans aber auch benutzen können:

Ein Glas kühlen Weißweins stand vor ihr.
Wir haben sechs Flaschen stillen Wassers gekauft.
mit 100 g grünen Tees

Zurück zu Ihrem Satz. Dort steht „Glas“ im Dativ, der von „vor“ verlangt wird. Entsprechend sollte auch das Gemessene im Dativ stehen:

Sie saß vor einem Glas kühlem Weißwein.

Ebenfalls möglich, aber veraltend oder gehoben ist diese Formulierung:

Sie saß vor einem Glas kühlen Weißweins

Nicht richtig ist *„Sie saß vor einem Glas kühlen Weißwein“.

Mehr hierzu finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ob nun ein Glas kühler Weißwein vor Ihnen steht oder Sie vor einem Glas stillem Wasser sitzen, genießen Sie den Sommer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieferung von 10 Stück Rollgitter[n]?

Frage

Bei uns ist ein Streit entbrannt, den wir nicht zu lösen vermögen. Wir haben die „Lieferung von zwei Stück Rollgittern“ ausgeschrieben. Die ausschreibende Stelle behauptet aber Stein und Bein, dass hier […] „Lieferung von 2 Stück Rollgitter“ stehen müsse.

Davon abgesehen, dass „Stück“ hier unnötigerweise verwendet wird, empfinden wir die Lösung mit dem Dativ intuitiv als die korrekte. Stimmt das, und wie könnte man das begründen?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

nach der Mengeneinheit „Stück“ wird das Gezählte in der Regel als Apposition mit Kasusangleichung verwendet. Das heißt im Klartext, dass das Gezählte im gleichen Fall steht wie „Stück“. In Ihrem Beispiel ist dies der Dativ, den „von“ fordert:

Lieferung von zwei Stück Rollgittern
Lieferung von zwei Stück verzinkten Rollgittern

ABER: Die Formulierung ohne Kasusangleichung kommt hier auch recht häufig vor. Das Gezählte steht dann im Nominativ:

Lieferung von zwei Stück Rollgitter
Lieferung von zwei Stück verzinkte Rollgitter

Ich halte den Dativ hier für besser, aber der Nominativ kann nicht als falsch bezeichnet werden. So gesehen haben bei Ihnen also alle recht.

Noch besser ist es aber tatsächlich, hier „Stück“ gar nicht zu verwenden:

Lieferung von zwei Rollgittern
Lieferung von zwei verzinkten Rollgittern

Als Mengeneinheit ist „Stück“ vor allem in direkter Verbindung mit Nichtzählbarem (Stoffbezeichnungen) sinnvoll:

zwei Stück Seife
ein Stück Zucker
drei Stück Kuchen

Bei Zählbarem (Einzelstücken) ist „Stück“ überflüssig, außer wenn man in Tabellen auf Biegen und Brechen eine Maßeinheit angeben muss.

Rollgitter: 2 Stück
Elektrofahrzeuge: 10 Stück
Schutzmasken: 50 Stück

Die Kombination von „Stück“ mit zählbaren Einheiten findet sich vor allem dort häufig, wo mit Bestell- und Lieferlisten gearbeitet wird. Aber auch dort geht es meist eleganter und ebenso deutlich ohne die Angabe „Stück“:

2 Stück Rollgitter = 2 Rollgitter
10 Stück Elektrofahrzeuge = 10 Elektrofahrzeuge
50 Stück Schutzmasken = 50 Schutzmasken

Den Unterschied zwischen Nichtzählbarem und Zählbarem sieht man übrigens bei zum Beispiel „zwei Stück Kuchen“ gut: Gemeint sind nicht zwei ganze Kuchen (Einzelstücke), sondern zwei Stücke der Gebäckart Kuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Urlaub in Urlaub fahren

Frage

Immer wieder sehe ich die beiden Varianten „Wohin fährst Du in den Urlaub?“ und „Wohin fährst Du im Urlaub?“. Die Antwort ist klar mit Akkusativ: „ans Meer“, „in die Berge“ usw. Könnten Sie mit den Unterschied erklären oder ist eine Version falsch?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

auch wenn einige meinen, „im Urlaub“ sei hier falsch, sind beide Versionen als richtig anzusehen. Es gibt aber einen leichten Bedeutungsunterschied:

Die Formulierungen „in (den) Urlaub fahren“ ist eine feste Wendung. Sie drückt aus, dass jemand sich für den Urlaub irgendwohin begibt:

Wohin fährst du in den Urlaub? (= Was ist dein Urlaubsziel?)
Ich fahre in die Eifel in den Urlaub.
irgendwohin in (den) Urlaub fahren

Die Formulierung „im Urlaub“ ist eine Zeitangabe (wann?). Man gibt an, dass etwas während des Urlaubs geschieht.

Wohin fährst du im Urlaub? (= Wohin fährst du während des Urlaubs?)
Ich fahre im Urlaub in die Eifel.
im Urlaub irgendwohin fahren

Vgl.

Was machst du im Urlaub?
Ich bleibe im Urlaub zu Hause.

Bei der Angabe des Urlaubsziels ist „irgendwohin in (den) Urlaub fahren/gehen/reisen“ üblich. Wenn man angibt, was man während seines Urlaubs (unter anderem) tut, ist aber auch „im Urlaub irgendwohin fahren“ möglich. Dasselbe gilt für „irgendwohin in die Ferien fahren“ und „in den Ferien irgendwohin fahren“, wenn Sie aus einer  Sprachregion kommen, in denen man in solchen Fällen eher „Ferien“ als „Urlaub“ sagt.

Mögen wir bald wieder im Urlaub überallhin in Urlaub fahren können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp