Der Mercedes/die Mercedizes? Plural von Autonamen

Frage

[…] Die allerletzte Frage, die leider auch Canoo nicht beantworten konnte, ist die Frage, ob der Plural von Mercedes in nachfolgendem Beispielsatz korrekt ist:

Sie parkten ihre Mercedizes, um im benachbarten Freizeitpark zu grillieren.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

Mercedizes klingt zwar ausgesprochen wissenschaftlich und gebildet, lässt sich aber weder durch historische noch durch moderne Wortbeugung erklären.

Der Autoname Mercedes geht auf Mercédès Jellinek, die Tochter des Geschäftsmannes und Autoliebhabers Emil Jellinek, zurück. Er ließ Anfang des letzten Jahrhunderts bei Daimler mehrere Autos bauen und verlangte, dass die Modelle nach dem Kosenamen seiner Tochter Mercedes genannt würden. Gehen wir noch weiter zurück: Der Name Mercedes ist spanisch. Es ist der Plural von merced, das unter anderem Gnade, Gunst bedeutet. Das spanische Wort wiederum geht auf das lateinische merces, mercedis zurück. Etymologisch gesehen handelt es sich also um einen Mädchennamen und weiter zurück um eine spanische Pluralform. Hier findet sich somit keine Begründung für eine Pluralform auf -izes. Im Deutschen kommt diese Pluralform eigentlich nur bei Fremdwörtern vor, die im Lateinischen einen Plural auf -ices haben.

Zurück in die Moderne: Im modernen Sprachgebrauch werden Pluralformen von Autonamen vielfach mit -s gebildet: Audis, BMWs, Smarts, Peugeots, Toyotas, Alfa Romeos usw. Andere wiederum sind endungslos: die Chrysler, die Rover, die Opel. Letzteres ist wohl so, weil männliche Wörter auf unbetontes -el und -er im deutschen meist einen endungslosen Plural haben (vgl. die Bäcker, die Computer, die Esel). Und bei Mercedes wird – wohl in Anlehnung an Busse, Ibisse, Atlasse usw. – häufig die Pluralform Mercedesse verwendet. Diese Form halte ich auch für die beste, da sie sich naht- und mühelos in die Sprachsystematik des Deutschen einordnet. In meinen Augen weniger schön aber ebenfalls recht häufig ist die blässliche, jegliches Risiko scheuende Pluralvariante ohne Endung: die Mercedes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

unser beider Hund

Heute wieder einmal eine etwas spezialistischere Frage: Es geht um eine nicht mehr allzu häufig benutzte, aber deswegen nicht weniger schöne Ausdrucksweise mit dem Genitiv.

Frage
Als Kenner der alten Sprachen hat sich mir neulich ein Problem bei einer lebenden aufgetan. Es handelt sich um ein Problem aus meiner Muttersprache: Der Satz Unser beider Hund läuft schnell ist zwar nicht ganz alltäglich, aber erscheint doch den meisten als grammatikalisch korrekt.

Meine Frage dazu: Kann man die Kombination unser beider (respektive auch euer beider, unser aller etc. pp.) beugen? Im Deutschen habe ich beispielsweise mit dem Satz Ich liebe unser beider Hund ein Problem. Auch Ich liebe unseren beider Hund erscheint mir fremd. Ebenso Unsere beider Schlange … oder Unser beider Schlange …

Antwort
Sehr geehrter Herr H.,

Wortgruppen wie unser beider, unser aller usw. lassen sich beugen, aber nicht in dem Sinne, wie sie wahrscheinlich meinen. Es handelt sich um die Kombination eines Personalpronomens mit alle resp. beide. Solche Wortgruppen werden in folgender Weise gebeugt:

Nom: wir alle, wir beide
Akk: uns alle, uns beide
Dat: uns allen, uns beiden
Gen: unser aller, unser beider

In Ihrem Beispielsatz ist unser beider ein Genitivattribut, das das Nomen Hund bestimmt:

Wessen Hund? – unser beider Hund.

Im Normalfall werden Besitzverhältnisse im weiteren Sinne nicht durch Personalpronomen, sondern durch Possessivpronomen ausgedrückt:

Wessen Hund? – unser Hund.
Wessen Hund? – euer Hund.
Wessen Hund? – ihr Hund.

Nur in Verbindung mit aller und beider kommen die Genitivformen des Personalpronomens noch mit dieser Funktion vor:

Wessen Hund? – unser aller Hund.
Wessen Hund? – euer beider Hund.
Wessen Hund? – ihrer aller Hund.

Sie bemerken, dass in diesen Beispielen die Form des Personalpronomens sich nur in der dritten Person Plural von der Form des Possessivpronomens unterscheidet: ihr vs ihrer. Anders sieht es in einem anderen Kasus oder bei einem weiblichen Bezugswort aus.

Ohne wen oder was können wir nicht mehr leben?
– ohne unseren Freund, das Handy
– ohne unser aller Freund, das Handy

Wessen Unterstützung bieten wir an?
unsere Unterstützung.
unser beider Unterstützung.

Wie es für alle Genitivattribute gilt, verändern sich auch die Genitivattribute dieser Art nicht, wenn die Nomengruppe dekliniert wird:

Nom: Unser aller Interesse ist das faire Miteinander.
Akk: Es geht mir um unser aller Interesse.
Dat: Es ist in unser aller Interesse.
Gen: die Wahrung unser aller Interesses

Sie sehen also, dass unser beider Schlange und Ich liebe unser beider Hund korrekt formuliert sind. Es klingt wohl deshalb ziemlich fremd in den Ohren, weil unser beider, euer aller usw. zum gehobenen und literarischen Sprachgebrauch gehören, während die genannten Beispiele eher aus dem alltäglichen Sprachgebrauch stammen.

Falsch hingegen sind Ich liebe unseren beider Hund und unsere beider Schlange.

Möge diese schöne Ausdrucksweise noch lange unser aller die deutsche Sprache liebendes Auge erfreuen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Sauregurkenzeit

Sie ist zwar schon bald wieder vorbei, aber auch bei den E-Mails zu Grammatik- und Rechtschreibfragen ist sie deutlich zu spüren: die Sauregurkenzeit. Es ist ja auch gut zu verstehen, dass viele in Ferienzeiten die (deutsche) Sprache vor allem für das Bestellen von Eis, kühlen Getränken, Tapas und was es sonst noch alles an den Sommer Erfrischendem und Versüßendem gibt. Auch wenn der Sommer dieses Jahr nicht ganz immer und nicht ganz überall so richtig mitspielen will: Ferien sind Ferien und Urlaub ist Urlaub. Wer mag sich dann schon den Kopf über komplizierten Mehrzahlformen und Kommaregeln zerbrechen?

Der Name Sauregurkenzeit stammt (zumindest nach meinen Quellen) aus der Zeit, als Gemüse und Früchte noch ganz ohne die Hilfe von Gewächshäusern auskommen mussten. Die Gurken wurden deshalb vor allem Mitten im Sommer geerntet und zur besseren Haltbarkeit in Essig eingelegt. Sonst war im Handel offenbar in dieser Zeit des Jahres auch früher schon nicht mehr viel los, so dass diese ruhige und ereignislose Periode Sauregurkenzeit genannt wurde. Im Niederländischen gibt es einen ähnlichen Ausdruck: komkommertijd. Das heißt so viel wie Gurkenzeit. Sogar in Holland wurden also die Gurken früher hauptsächlich im Sommer geerntet. Im Norwegischen soll es auch einen Ausdruck mit Gurken für diese Zeit geben, aber leider konnte ich ihn nicht finden.

Da ich es aus „berufsdeformatorischen“ Gründen doch nicht ganz lassen kann: Die Sauregurkenzeit darf auch mit Bindestrichen geschrieben werden: Saure-Gurken-Zeit. Das ist wohl so, weil sie sowohl als feststehender Ausdruck (zusammen) als auch als Zusammensetzung mit einer Wortgruppe (mit Bindestrich) interpretiert werden kann. Und auch bei der Beugung hat sie eine Besonderheit in petto: das Adjektiv darf mitgebeugt werden. Man kann in der Saure-Gurken-Zeit oder in der Sauren-Gurken-Zeit sagen. Das Gleiche gilt für das Ende der Saure-Gurken-Zeit und das Ende der Sauren-Gurken-Zeit. Bei der Schreibung ohne Bindestrich der Formen mit gebeugtem Adjektiv wird es dann irgendwie so kompliziert, dass die verschiedenen Wörterbücher zu unterschiedlichen Resultaten kommen. In diesem Fall würde ich einfach auf das Sommerloch ausweichen. Das bedeutet ungefähr das Gleiche und der Ausdruck ist eigentlich fast genauso schön.

Eintritt ins/im Museum

Frage

Unsere Firma hat eine Rabattkarte im Angebot. Die Besitzer dieser Karte stellen mir oft die Frage: Wo habe ich ermäßigten Eintritt?

Zwar weiß ich, dass es Eintritt ins heißen müsste, aber das Fragewort wo löst bei mir oftmals den Reflex aus, darauf mit z.B. im Museum zu antworten (im Sinne von: Wo existiert dieses Angebot?) Die grammatisch richtige Formulierung dieser Frage wäre also immer: Wohin habe ich ermäßigten Eintritt?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Deutsche und seine Fälle, sie können einem das Leben ganz schön schwer machen – vor allem dann, wenn man (zu) lange darüber nachdenkt. In diesem Fall können Sie nämlich ganz einfach Ihrem “Reflex” folgen.

Wenn es ausschließlich um die Wortgruppe ermäßigter Eintritt ins Museum geht, ist die richtige Frage am ehesten welcher ermäßigte Eintritt? – der ermäßigte Eintritt ins Museum. In Ihrem Beispiel lautet die Frage aber: Wo habe ich ermäßigten Eintritt? Damit ist dann so etwas gemeint wie Wo gilt der ermäßigte Eintritt? oder Wo gibt es die Möglichkeit zum ermäßigten Eintritt? Die Antwort lautet dann – wie Ihr Sprachgefühl Ihnen ganz spontan eingibt – im Museum.

Je nach Formulierung der Frage und der Antwort können also sowohl ins Museum als auch im Museum richtig sein. Wenn wir den Satzbau betrachten, liegt der Unterschied darin, dass ins Museum den Satzgliedkern Eintritt erweitert (welcher ermäßigte Eintritt? der ermäßigte Eintritt wohin?), während im Museum ein eigenständiges Satzglied ist. Es ist eine Ortsbestimmung zum ganzen Satz (Wo gilt der ermäßigte Eintritt?). Den Unterschied kann man unter anderem daran sehen, dass das eigenständige Satzglied im Museum viel leichter selbstständig im Satz verschoben werden kann als die Satzgliederweiterung ins Museum, die im Prinzip immer direkt hinter freier Eintritt stehen muss:

Sie haben freien Eintritt im Museum.
Im Museum haben Sie freien Eintritt.
Sie haben im Museum freien Eintritt.

Sie haben freien Eintritt ins Museum.
Nicht: Ins Museum haben Sie freien Eintritt.
Nicht: Sie haben ins Museum freien Eintritt.

Vergleichen Sie hierzu die Grammatikseiten zu den Satzgliedern und zum Satzgliedbau.

Die Bedeutungen des Satzgliedes im Museum und der Satzgliederweiterung ins Museum sind nicht identisch, aber sie gleichen einander in diesem Kontext so sehr, dass es nicht einfach ist, die feinen Unterschiede zu entdecken. Sie sehen, dass die Erklärung recht kompliziert wird. Wen wundert es da noch, dass Deutschlernende manchmal über “unseren” Gebrauch der Fälle klagen! Wir Muttersprachigen haben hier zum Glück den großen Vorteil, dass uns unser Sprachgefühl fast immer um solche Klippen herumführt, ohne dass eine so detaillierte Satzanalyse nötig ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

jeden Freitag

Frage

Letztens bin ich über folgende Frage gestolpert:

Warum heißt es : “jeden Freitag gehe ich …”? Warum wird das Pronomen im Akkusativ benutzt? Gibt es dazu eine Regel oder Gesetzmäßigkeit?

Antwort

Sehr geehrte Frau J.,

die Wortgruppe jeden Freitag in Ihrem Beispiel steht tatsächlich im Akkusativ. Das kommt im Deutschen häufiger vor und heißt dann ein Adverbialakkusativ oder adverbialer Akkusativ.

Dieser Akkusativ wird u.a. bei Zeitangaben verwendet, nach denen mit wann oder wie lange gefragt werden kann und die nicht von einer Präposition (z.B. an, in) eingeleitet werden. Beispiele:

Ich fahre jeden Morgen/Tag/Freitag/Sommer in die Stadt.
Ich habe den ganzen Abend/Tag/Sommer gearbeitet.
Wir haben einen Tag/Monat warten müssen.

Andere Adverbialakkusative finden Sie bei Angaben wie den folgenden:

Er hat den Rucksack den ganzen Weg getragen.
Wir sind einen Kilometer gegangen.
Die Temperatur ist zehn Grad höher als gestern.

Siehe hierzu auch die Seiten Adverbialbestimmung und Akkusativ in der Canoonet-Grammatik.

Etwas Vergleichbares ist der adverbiale Genitiv bei unbestimmten Zeitangaben:

Du wirst es eines Tages verstehen.
Eines schönen Morgens wachte ich auf und …

Andere Beispiele für den Adverbialgenitiv:

Wir waren bester Stimmung.
Sie kam gemessenen Schrittes auf uns zu.
Unseres Erachtens muss das Haus abgebrochen werden.

Zur Unterscheidung zwischen diesen Adverbialbestimmungen und dem Akkusativobjekt resp. Genitivobjekt siehe diese Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Altersgelder

Frage:

Ich habe eine kurze Frage. Auf Ihrer Internetseite fand ich den Hinweis, daß es für das Wort Altersgeld eine Pluralform gibt. Im Duden hingegen steht: Altersgeld = ohne Plural.

Wann kann man die Pluralform von Altersgeld bilden?

Antwort:

Sehr geehrter Herr K.,

gerne beantworte ich die Frage zu den Pluralformen von Altersgeld. Da unsere Angaben hier von den Angaben im Duden abweichen, versuche ich dies relativ ausführlich zu tun.

Die Pluralform Altersgelder ist relativ selten, wird aber in der Gesetzgebung und z.B. auch in der Versicherungsbranche verwendet. Zum Beispiel:

http://bundesrecht.juris.de/rag_18/
http://www.swisslife.com/slcom/de/home/gruppe/tradition/insurance.html

Als individuelle Person hat man Recht auf Altersgeld, kann man Altersgeld anfragen oder Altersgeld beziehen. In diesem Sinne hat das Wort keine Mehrzahl. Wenn es aber allgemein um die Gelder (!) geht, die für die Ausbezahlung des Altersgeldes bestimmt sind und/oder die an bestimmte Gruppen der Bevölkerung ausbezahlt werden, kann auch von den Altersgeldern gesprochen werden. In ähnlichem Sinne werden z.B. auch die Pluralformen Gelder, Spargelder, Witwengelder und Waisengelder verwendet. Sie können den Gebrauch der Pluralformen auch mit dem Wort Altersrente vergleichen, das in ganz ähnlicher Weise sowohl im Singular als auch im Plural (Altersrenten) verwendet wird.

Im Duden steht die Angabe “ohne Plural” wahrscheinlich deshalb, weil die Dudendefinition des Wortes Altersgeld nur die erste Bedeutung des Wortes (an eine Einzelperson ausbezahlte/auszubezahlende Rente) umfasst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

in der Breite(n) Straße

Frage:

Ich habe eine Frage, durch die wir hier doch etwas in Streit gekommen sind: Heißt es für eine Adresse mit der Anschrift Breite Str.:

Ich wohne in der Breite Str. oder
Ich wohne in der Breiten Str.

Für eine Antwort wäre ich Ihnen (und meine Mitbewohner) sehr dankbar.

Antwort:

Sehr geehrter Herr K.,

die Grammatik eignet sich viel zu gut zum Streiten, als dass man das tatsächlich tun sollte. Einen eindeutigen Schiedsspruch werden Sie nämlich auch von mir nicht erhalten. Ich kann Ihnen leider nur eine dieser eher unbefriedigenden “Im-Prinzip-ja-aber-Antworten” geben.

IM PRINZIP werden in Eingennamen, die aus einem Adjektiv mit Endung und einem Nomen bestehenden, beide Teile ganz normal gebeugt. Zum Beispiel:

der Blaue Nil – die Quelle des Blauen Nils
das Deutsche Eck – am Deutschen Eck
das Rote Kreuz – das Internationale Komitee vom Roten Kreuz

und so auch z.B.

Alter Markt – am Alten Markt
die Breite Straße – in der Breiten Straße

ABER: In einigen Ortschaften, Städten oder Landstrichen wird von dieser Regel abgewichen. Eine der bekanntesten Ausnahmen ist, dass nur Nichtkölner sich am Alten Markt in Köln treffen. Kölner treffen sich nämlich offenbar am Alter Markt. Wahrscheinlich gehen sie auch nicht in der Breiten Straße einkaufen, sondern in der Breite Straße. Weshalb genau das so ist, kann ich hier nicht beurteilen (wahrscheinlich wird der Name als unveränderliches Ganzes erfahren). Entscheidend ist, dass, wenn dies in Köln allgemein üblich ist, es dort nicht als falsch bezeichnet werden sollte.

Ob Ich wohne in der Breite Straße richtig oder falsch ist, hängt also davon ab, wo sie wohnen. Ist Ihr Wohnort Köln, muss es wohl als richtig gelten. Läge die Straße zum Beispiel in Basel (wo man nicht in der Mittlere Straße sondern in der Mittleren Straße wohnt), wäre die Adressangabe in dieser Form falsch. Es bleibt mir also nicht viel anderes übrig als Ihnen zu raten, sich bei den Einheimischen ihres Wohnortes zu erkundigen. Und wenn dies auch zu keinem eindeutigen Resultat führt, würde ich mich an die allgemeine Regel (in der Breiten Straße) halten, da die unveränderliche Variante eigentlich eine Ausnahme ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

weitestgehend und weitgehendst

Eine Bemerkung eines Canoonet-Benutzers:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich gestatte mir den Hinweis, daß auf Ihrer Seite

http://www.canoonet.eu/services/OnlineGrammar/Wort/Adverb/Komparation.html

sich in der Passage:

Einige Adjektivadverbien haben zusätzlich eine unflektierte Superlativform:
baldigst, höflichst, freundlichst, weitgehendst

eine wirkliche Scheußlichkeit verbirgt: Das letzte Beispiel (“weitgehendst”)
ist “falscher Deutsch”, richtig ist bekanntlich das Wort “weitestgehend”.

Falls es für Sie von Interesse ist: In dem Buch “Schachmatt” ist immer von
einer “dunkelhäutigeren Nation” für die farbigen US-Amerikaner die Rede –
richtig wäre natürlich, von der “dunklerhäutigen Nation” zu schreiben…

Antwort:

Sehr geehrter Herr P.,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir sind allerdings nicht damit einverstanden, dass “weitgehendst” falsch sei. Wenn der Begriff als eine eigenständige Bedeutungseinheit aufgefasst wird, kann er wie ein “gewöhnliches” Adjektiv gesteigert werden. Also

weitgehend, weitgehender, weitgehendst
neben:
weit gehend, weiter gehend, weitestgehend

Ähnliche, z.T. auch in Duden “Die deutsche Rechtschreibung” aufgeführte Fälle sind:

weitreichend, weitreichender, am weitreichendsten
(neben: weiter reichend, am weitesten reichend)
schwerwiegend, schwerwiegender, am schwerwiegendsten
(neben: schwerer wiegend, schwerstwiegend/am schwersten wiegend)

Zu “dunkelhäutiger”: Das Wort “dunkelhäutig” kann als eigenständiger Begriff mit eigener Bedeutung aufgefasst werden (z.B. wenn es um dunkle Haut als Gradmesser der ethnischen Herkunft geht). Dann kann der Gesamtbegriff gesteigert werden. Also: “dunkelhäutiger” und “dunkelhäutigste”.

Formen wie “weitreichendste” und “dunkelhäutiger” mögen für Sie Verstöße gegen die Logik und deshalb nicht korrekt sein, nach unserer Meinung, gemäß den Angaben in anderen Wörterbüchern und dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch sind sie aber nicht falsch. Wir teilen auch nicht Ihre Meinung, dass es sich hierbei um stilistische “Scheußlichkeiten” handelt. Diese Formen sind vielmehr ein Indiz dafür, dass sich die lebendige Sprache nicht immer an die strengen Regeln der Logik hält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

zu Beginn dieses/diesen Jahres?

Auch am ersten Februar ist diese Frage noch aktuell, denn man kann ja bis am 31. Dezember über den Anfang dieses/diesen? Jahres reden. Hier die Antwort:

Sehr geehrter Herr B.,

Richtig ist:

zu Beginn dieses Jahres

Das Pronomen dieser/diese/dieses wird im Gegensatz zu Adjektiven immer stark dekliniert. Vergleichen Sie z. B.

trotz schlechten Wetters – trotz dieses Wetters

Sie finden diese Informationen unter dem Titel “dieses/jenes im Genitiv Singular” auf der folgenden Grammatikseite. Sie könnten diese Seite u. a. finden, indem sie im Suchfeld der Grammatik “dieser” eingeben und dann dem Grammatiklink ‘1.5.1.5.2: dieser / jener’ folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sprachbezeichnungen “Deutsch” und “das Deutsche”

Eine Deutsch lernende Benutzerin von Canoo. net fragte uns etwas verwirrt, wie man denn nun eigentlich die Bezeichnung für die deutsche Sprache dekliniere. Die Verwirrung wird schnell verständlich, wenn man die Bezeichnung für die deutsche Sprache im Wörterbuch nachschlägt. Es gibt nämlich zwei Bezeichnungen:

  • Deutsch, im Genitiv mit oder ohne s, und
  • das Deutsche, wie ein Adjektiv dekliniert.

Bei meinen “Nachforschungen” bin ich darauf gestoßen, dass dies für alle von einem Adjektiv abgeleiteten Sprachbezeichnungen gilt. Eine Gewissensfrage an die Leser und Leserinnen deutscher Muttersprache: Hätten Sie es gewusst und den Unterschied auf Anhieb erklären können? Ich nicht.

Nun denn:

Deutsch, Französisch, Russisch usw.
Diese Bezeichnungen sind bis auf den Genitiv immer endungslos. Im Genitiv kann die Endung s verwendet werden. Man verwendet sie unter anderem dann, wenn eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache gemeint ist. Beispiele:

Mein Deutsch / das Französisch dieser Schüler könnte besser sein.
gepflegtes Deutsch / schlechtes Englisch schreiben
mit Touristenspanisch / in modernem Französisch
die Eigenheiten des gesprochenen Deutsch / Russisch oder
die Eigenheiten des gesprochenen Deutschs / Russischs

Ebenfalls diesen Formen verwendet man in Verbindung mit Verben, wenn die Kenntnis, die Beherrschung der Sprache gemeint ist:

Russisch können
Französisch lernen
Ungarisch studieren
Chinesisch verstehen
Deutsch sprechen (= die deutsche Sprache beherrschen)
aber:
deutsch sprechen (= sich in der deutschen Sprache äußern)

das Deutsche, das Französische, das Russische usw.
Diese Bezeichnungen stehen mit dem bestimmten Artikel und werden wie ein Adjektiv gebeugt. Sie werden eher dann verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, oft im Gegensatz zu anderen Sprachen. Beispiele:

Das Deutsche ist eine germanische Sprache.
(auch: Deutsch ist eine germanische Sprache.)
aus dem Deutschen ins Französische übersetzen
Das sagt man im Spanischen anders als im Italienischen.
die Stellung des Spanischen als Fremdsprache
die Satzstruktur des Mittelhochdeutschen

Und dann gibt es noch die Fälle, in denen man beide Varianten verwenden kann: Ist es da verwunderlich, dass Deutsch / das Deutsche einen manchmal verwirren kann?