Hamburg ist allein sächlich

Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es, meist ganz ohne nachzudenken, richtig. Wer Deutsch lernen muss oder sich zu sehr von anderen Sprachen beeinflussen lässt, liegt manchmal daneben: Ortsnamen sind sächlich, nicht weiblich.

Frage

können Sie mir bitte mitteilen, wie die folgenden Sätze korrekt lauten?

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ortsnamen, die man in der Regel ohne Artikel verwendet, sind sächlich (vgl. hier).  Es heißt zum Beispiel:

das neue Berlin
ihr schönes Granada
das Italien seiner Kindheit
Norwegen und seine Fjorde
Hamburg und seine Häfen
Hamburg ist groß. Es ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Richtig ist also auch:

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es ist auch eine alte Stadt.

Anders sieht es aus, wenn die Ortsbezeichnung nicht allein steht, sondern Apposition (nähere Bestimmung zu einem anderen Substantiv) ist. Dann stimmen Artikel und Verweiswörter mit dem Kern der Wortgruppe überein:

die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Häfen
Die Stadt Hamburg ist groß. Sie ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Kurzum: Wie alle anderen im Prinzip artikellosen Ortsnamen ist Hamburg allein stehend sächlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Ortsnamen, die immer mit Artikel stehen, das Geschlecht haben, das der Artikel angibt:

die Schweiz und ihre Nachbarn
Die Türkei, sie ist …
der Jemen und seine Bevölkerung
Der Irak, er ist …

Faradaykäfig, Pfizervakzin, Matthäuspassion und Gangesdelta – oder doch mit Bindestrich?

Bei der Schreibung von Zusammensetzungen, die einen Eigennamen enthalten, tun sich manche manchmal schwer. Sie ist immer wieder Thema Ihrer Fragen. Dabei ist es gar nicht so kompliziert: Eigennamen werden in Zusammensetzungen gleich behandelt wie „gewöhnliche“ Substantive – außer dass man großzügiger mit Bindestrichen umgehen kann.

Frage

Beim Korrekturlesen […] habe ich bei einigen zusammengesetzten Begriffen Zweifel. Es ist doch zulässig, „Faraday-Käfig“ und „Boltzmann-Konstante“ zu schreiben? Wenn der Bindestrich auch zulässig ist, frage ich Sie, ob es davon Ausnahmen gibt, also ob der Bindestrich irgendwann wegfällt. Schreibt man „Stirlingmotor“ oder „Stirling-Motor“, „Hallsonde“ oder „Hall-Sonde“, „Lorentzkraft“ oder „Lorentz-Kraft“?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

bei Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann immer zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben werden:

Faradaykäfig / Faraday-Käfig
Boltzmannkonstante / Boltzmann-Konstante
Stirlingmotor / Stirling-Motor
Hallsonde / Hall-Sonde
Lorentzkraft / Lorentz-Kraft
Pfizervakzin / Pfizer-Vakzin
Matthäuspassion / Matthäus-Passion
Pyrenäenhalbinsel / Pyrenäen-Halbinsel
Gangesdelta / Ganges-Delta

Was üblich oder üblicher ist, hängt zum Teil von der jeweiligen Fachsprache ab. Richtig ist immer beides. Siehe auch § 51 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort wird gesagt, dass in Fällen wie diesen ein Bindestrich gesetzt werden kann.

Das Gesagte gilt auch, wenn die Zusammensetzung ein Adjektiv ist. Zu beachten ist nur, dass der Eigenname bei Zusammenschreibung einen kleinen Anfangsbuchstaben erhält:

chinakritische / China-kritische Kommentare
italienbegeisterte / Italien-begeisterte Touristen
trumpfeindliche / Trump-feindliche Kongressabgeordnete
castrotreue / Castro-treue Milizen

Die Zusammenschreibung ist dann nicht mehr möglich, wenn der erste Teil der Zusammensetzung ein mehrteiliger Name ist oder aus mehr als einem Namen besteht. Dann kommt wie bei „gewöhnlichen“ Zusammensetzungen mit Wortgruppen oder Aneinanderreihungen nur noch die Schreibung mit Bindestrich in Frage:

die Stefan-Boltzmann-Konstante
der Hale-Bopp-Komet
das Pfizer-Biontech-Vakzin
das Ganges-Brahmaputra-Delta
die Fidel-Castro-treuen Milizen

Es ist, wie gesagt, gar nicht so kompliziert. Man muss nur wissen, wie’s geht. Vielleicht werden viele etwas unsicher, weil Begriffe dieser Art häufig in Fachsprachen vorkommen und dort immer wieder die englische Schreibweise „dazwischenfunkt“. Ich habe diese Frage deshalb vor gut fünf Jahren schon einmal behandelt und werde sie vielleicht in gut fünf Jahren noch einmal erwähnen. Hiermit sind Dr.-Bopp-treue Leser und Leserinnen, soweit es sie gibt, vorgewarnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist Ivanisavic Djokovics Trainer oder Djokovic’ Trainer?

Je nachdem wie man die Namen transkribiert, kann im Titel u. a. auch stehen:

Ist Ivanišavić Đokovićs Trainer oder Đoković’ Trainer

Die Angaben im Artikel gelten für beide Schreibweisen.

Frage

Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im Duden zum Thema Genitiv und Apostroph „neu“ das Beispiel „Andric’ Romane“ stehe. Ich habe bisher bei gesprochenem „itsch“ immer ein -s angehängt, also „Andrics Romane“ usw., und sehe das auch so bei Zeitungen wie der NZZ oder der Zeit. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

auch ich schreibe „Djokovics Trainer” und „Andrics Romane“ mit einem Genitiv-s, auch wenn im Duden etwas anderes steht.

Wenn -ic am Ende „-its“ gesprochen wird, ist der Apostroph richtig. Das „-ic“ resp. „-ić“ in vom Balkan stammenden Namen wird aber wie „-itsch“ ausgesprochen. Das ist meiner Meinung nach mittlerweile allgemein bekannt. Es gibt dann keinen Grund, das Genitiv-s durch einen Apostroph zu ersetzen. Also:

Djokovics Trainer
Miloševićs Regime
Andrićs Roman „Das Fräulein“

In Duden, „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“, 2016, Stichwort „Apostroph“ 4.1, steht:

Der Apostroph steht heute im Allgemeinen auch zur Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die zwar anders geschrieben werden, aber ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden:

Andrić’ Romane, Cyrankiewicz’ Staatsbesuch usw.

Hier stehen zwei fragwürdige Dinge:

1) „im Allgemeinen“

Bei einer schnellen Suche in Google und in Korpora (z.B. beim DWDS) ist festzustellen, dass der Genitiv solcher Namen viel häufiger mit -s als mit Apostroph geschrieben wird.

2) „Namen, die […] ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden“

Die Regel, dass im Genitiv ein Apostroph geschrieben wird, gilt nach § 96(1) der amtl. Rechtschreibregelung für Namen, die auf ein gesprochenes s enden. Die Beispiele sind:

Aristoteles’ Schriften, Carlos’ Schwester, Ines’ gute Ideen, Felix’ Vorschlag, Heinz’ Geburtstag, Alice’ neue Wohnung

Das ist bei Namen auf „-ic“ nicht der Fall, weil sie in der Regel nicht auf einen s-Laut, sondern auf einen sch-Laut [ʃ] enden. Bei solchen Namen wird im Genitiv ggf. ein s gesprochen und geschrieben. Zum Beispiel:

Frischs Romane,  Milowitschs Theaterkarriere, Timothy Peachs Filmrollen

Die Apostrophregel gilt nach § 96(E2) weiter auch für Namen, deren geschriebene Form auf ein stummes -s, -z oder -x enden:

Cannes’ Filmfestspiele, Boulez’ bedeutender Beitrag, Giraudoux’ Werke.

Das ist hier aus zwei Gründen nicht der Fall: Namen auf „-ic“ enden nicht auf -s, -z oder -x und das -c am Schluss ist nicht stumm, sondern es wird wie „tsch“ ausgesprochen.

Die Schreibung „Andric’ Romane“ lässt sich also weder durch die Rechtschreibregelung noch durch die Aussprache und auch nicht durch den allgemeinen Schreibgebrauch begründen. Ich halte deshalb die Angaben in Duden in diesem Fall für nicht zutreffend, und ich schreibe und empfehle:

Andrics Romane / Andrićs Romane
Djokovics Trainer/ Đokovićs Trainer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Jeff Bezos dieser Welt haben viel, aber keinen Apostroph

Frage

In einer Zeitung lese ich heute:

Wir haben die Welt komplett den Jeff Bezos’, den Mark Zuckerbergs, den Bill Gates’ und den Steve Jobs’ überlassen.

Sind die Apostrophe korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Apostrophe sind nicht korrekt. Warum? Weil es keine Regel gibt, die sie rechtfertigen würde. Richtig ist hier die Schreibung ohne Apostroph:

Wir haben die Welt komplett den Jeff Bezos, den Mark Zuckerbergs, den Bill Gates und den Steve Jobs überlassen.

die Britney Spears und die Katy Perrys dieser Welt

Ein Apostroph steht bei Eigennamen, die auf s, x oder z enden, nur im Genitiv Singular, wenn sie ohne einen Artikel o. Ä. stehen:

Jeff Bezos’ Onlineversandhaus
Bill Gates’ Ehefrau Melinda Gates
Britney Spears’ Vermögen

Echte Beispiele mit deutschen Namen habe ich nicht viele gefunden. Manchmal liest man „die Angela Merkels dieser Welt“, Formulierungen wie „die Andrea Nahles dieser Welt“ oder „die Heiko Maas dieser Republik“ bin ich aber kaum begegnet. Das hat vielleicht damit zu tun, dass bei manchen deutschen Namen spontane Pluralbildungen diese Art auch mit anderen Endungen möglich sind: „die Heiko Maase dieser Republik“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Straßennamen, wenn die amtliche Schreibung nicht mit der amtlichen Schreibung übereinstimmt

Eine Frage, die nicht sehr häufig, aber immer wieder auftaucht, betrifft Straßennamen, deren behördlich festgelegte Schreibung nicht den Regeln der amtlichen Rechtschreibregelung entspricht. Die amtliche Schreibung stimmt sozusagen nicht mit der amtlichen Schreibung überein.

Frage

Ich bin als Stammdatenpflegerin tätig und täglich verunsichert durch die offiziellen Schreibweisen der Straßen […], wie Städte und Gemeinden offiziell ihre Straßen im Internet schreiben, ohne Rücksicht auf die geltende Rechtschreibung […]:

  • Le Pavillon-Straße in Berlin
  • La Famille-Straße in Berlin
  • Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße in Schliengen
  • immer noch Schloßstraße anstatt offiziell Schlossstraße

Auch sehe ich „Zum kleinen Feld“, obwohl im Duden steht, dass die Adjektive groß geschrieben werden? Welche Schreibweisen empfehlen Sie mir?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

nach der Rechtschreibregelung schreibt man tatsächlich :

Le-Pavillon-Straße
La-Famille-Straße
Dr.-Elisabeth-Vomstein-Straße
Schlossstraße
Zum Kleinen Feld

Man setzt einen Bindestrich zwischen allen Bestandteilen mehrteiliger Zusammensetzungen, deren erste Bestandteile aus Eigennamen bestehen (§ 50). Nach kurzem Vokal schreibt man immer ss und nicht mehr ß (§ 2). In mehrteiligen Namen schreibt man man das erste Wort und alle weiteren Wörter außer Artikeln, Präpositionen und Konjunktionen groß (§ 60).

So viel sei zur Schreibung nach den Rechtschreibregeln gesagt. Wie Sie richtig feststellen, weichen Ortschaften und Städte im konkreten Fall nämlich häufiger von diesen Regeln ab:

Le Pavillon-Straße
La Famille-Straße
Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße
Schloßstraße
Zum kleinen Feld

Wer hat dann „recht“? – Wenn behördlich festgelegte Schreibungen nicht mit Schreibungen übereinstimmen, die von der Rechtschreibregelung vorgesehen sind, dann gehen die behördlichen Schreibungen vor. Ich empfehle Ihnen deshalb, die von den lokalen Behörden verwendeten Schreibungen zu übernehmen, auch wenn sie nicht den amtlichen Rechtschreibregeln entsprechen. So schreibt man zum Beispiel auch:

Baslerstrasse – in Bern und Zürich
Basler Straße – in Freiburg i. Br. und München
Baseler Straße – in Frankfurt und Berlin

Man könnte hier über so viel Uneinheitlichkeit klagen, ich ziehe es aber vor, mich an der lokalen Vielfalt zu erfreuen – so weit man sich an der Schreibung von Straßennamen erfreuen kann. (Siehe auch hier zur Schreibung von Ortsnamen.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der heilige Placidus und der heilige Sigisbert sind zusammen die Heiligen Placidus und Sigisbert

Frage

Wie erkläre ich meinem Kunden, dass „die heiligen Placidus und Sigisbert“ nicht geht? Meine Änderung in „die Heiligen Placidus und Sigisbert“ wurde leider nicht akzeptiert.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

es stimmt, dass man „heilig“ als Adjektiv kleinschreibt:

der heilige Placidus
der heilige Sigisbert

Trotzdem ist in Ihrem Beispiel tatsächlich nur die Großschreibung möglich. Das liegt daran, dass ein Artikel oder Adjektiv im Plural sich nicht auf zwei Substantive in der Einzahl beziehen kann.

Nicht:
*die festen Wille und Charakter
*die großen Burg und Kirche
*die kleinen Mark und Sophia
*die heiligen Placidus und Sigisbert

Sondern:
der feste Wille und [der feste] Charakter
die große Burg und die große Kirche
der kleine Mark und die kleine Sophia
der heilige Placidus und der heilige Sigisbert

Möglich sind allerdings Formulierungen mit einem Substantiv im Plural, dem eine zweiteilige Apposition folgt:

die Kinder Mark und Werner
die Kleinen Mark und Sophia
die Einsiedler Placidus und Sigisbert

Entsprechend muss in dieser Formulierung „Heiligen“ ein Substantiv sein und sollte großgeschrieben werden:

die Heiligen Placidus und Sigisbert

Häufig wird aber (auch in katholischen und anderen kirchlichen Kontexten) trotzdem „die heiligen Petrus und Paulus“ statt „die Heiligen Petrus und Paulus“ geschrieben. Nach der Grammatik und der Rechtschreibregelung ist diese Kleinschreibung nicht korrekt. Sie könnte höchstens als fachsprachliche Schreibung angesehen werden, aber für eine begründete Aussage kenne ich mich in dieser Fachsprache leider zu wenig gut aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Côte d’Ivoire und Eswatini oder Elfenbeinküste und Swasiland

Kommentar

[…] So wird [in Wikipedia] seid 15 Jahren hartnäckigst das Lemma „Elfenbeinküste“ durchgeboxt, statt den offiziellen und auch in Deutschland amtlichen Namen „Côte d’Ivoire“ zu verwenden, zumal Präsident Houphouët-Boigny Ende 1985 verfügte, dass der Landesname nur noch mit dem französischen Namen Côte d’Ivoire geführt und nicht in andere Sprachen übersetzt werden darf. Genauso verbohrt wird am Namen Swasiland festgehalten, obwohl der Staat seit eineinhalb Jahren offiziell und auch amtlich in den D-A-CH-Ländern „Eswatini“ heißt. […]

Reaktion

Guten Tag Herr E.,

wenn Wörterbücher und Enzyklopädien sich nicht an die offizielle Namensgebung halten, ist das meist nicht „falsch“ oder „xenophob“, sondern die Darstellung dessen, was in der Sprache üblich und gebräuchlich ist. Im Deutschen werden außer im amtlichen und diplomatischen Verkehr meistens die Namen Elfenbeinküste und Swasiland verwendet. Die offiziellen Namen Republik Côte d’Ivoire und Königreich Eswatini kommen im allgemeinen Sprachgebrauch kaum vor. Letzterer ist den meisten Menschen sogar noch völlig unbekannt. Ähnliches gilt für zum Beispiel Südkorea (offiziell Republik Korea), Nordkorea (offiziell Demokratische Volksrepublik Korea) oder Tschechien (offiziell Tschechische Republik). Es spricht natürlich nichts dagegen, jeweils beide Bezeichnungen mit entsprechenden Angaben aufzunehmen.

Auch bei der Verwendung von Ländernamen in der Allgemeinsprache gilt, dass sich die Allgemeinsprache nicht unbedingt an die Terminologien der Fachsprachen zu halten hat. Man kann die offiziellen und amtlichen Listen des Auswärtigen Amtes (D), des Außenministeriums (A) bzw. des Departementes für auswärtige Angelegenheiten (CH) oder die entsprechende DIN (DIN EN ISO 3166-1) als solche fachsprachliche Listen bezeichnen. Wer sich daran halten will oder muss, sollte dies tun. Allgemein verbindlich sind diese Listen nicht, vor allem dann nicht, wenn im allgemeinen Sprachgebrauch eine andere Form üblich ist.

Offizielle oder fachsprachliche und gebräuchliche Bezeichnungen stimmen auch in anderen Bereichen nicht immer überein, sonst gäbe es nur noch Schraubendreher und keine Schraubenzieher mehr (vgl. hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Geografische Namen und ihr Genitiv-s: „des modernen Europa(s)“

Frage

Ich bin unsicher beim Gebrauch des Genitiv-s bei Ländernamen, die mit einem Attribut daherkommen. Beispiel:

Die ständische Rechtsordnung des historischen Ungarn ist aus Kompromissen entstanden.

Würden dort Artikel und Attribut nicht stehen, wäre der Fall klar: Ungarns. Aber so …? Mir wäre in dem Fall das „s“ lieber, doch man liest es heutzutage sehr oft auch ohne. Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr G.,

geografische Namen, die in der Regel ohne Artikel verwendet werden, haben im Genitiv immer ein s:

die Geschichte Europas
die Reisterrassen Balis
die Rechtsordnung Ungarns

Wenn solche geografische Namen ein Attribut bei sich haben, stehen sie mit Artikel. Dann fällt im Genitiv die Endung s häufig aus. Das ist auch standardsprachlich üblich (vgl. hier). Richtig ist also beides:

die Geschichte des modernen Europas
die Geschichte des modernen Europa

die Reisterrassen des geheimnisvollen Balis
die Reisterrassen des geheimnisvollen Bali

die Rechtsordnung des historischen Ungarns
die Rechtsordnung des historischen Ungarn

Dies gilt auch dann, wenn das Attribut nachgestellt ist. Dann scheinen aber die Formen mit Endung noch häufiger vorzukommen:

das Konzept des Europas der Regionen
das Konzept des Europa der Regionen

die Romantik des Wiens der Jahrhundertwende
die Romantik des Wien der Jahrhundertwende

Wenn Ihnen die Variante mit s lieber ist, können Sie diese also problemlos verwenden. Die Variante ohne s gilt aber ebenfalls als korrekt.

Bei den Personennamen ist diese Entwicklung übrigens schon viel weiter fortgeschritten. Sie werden im heutigen Deutschen nur noch endungslos verwendet, wenn sie einen Artikel und ein Adjektiv bei sich haben:

die Dramen des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Joachim
die Geschichte des selbstverliebten Felix Krull

(Bei weiblichen Namen war das Genitiv-s hier sowieso nie üblich: das Leben der heiligen Elisabeth, auf den Spuren der mächtigen Kleopatra).

Es gibt also eine Tendenz, bei Eigennamen das Genitiv-s wegzulassen, wenn sie mit einem Artikel stehen. Wie die Beispiele oben zeigen, ist diese Tendenz noch unterschiedlich weit fortgeschritten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind die Wochentage Eigennamen?

Frage

Sind Wochentage nicht auch Eigennamen? Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, weshalb werden sie auf dieser Seite nicht erwähnt und weshalb heißt es dann nicht „An Sonntag gehen wir in die Berge“, sondern „Am Sonntag gehen wir in die Berge“? Vor Eigennamen wird doch kein Artikel benötigt.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

die Bezeichnungen für die Wochentage sind keine eigentlichen Eigennamen, sondern Zeitbegriffe. Deshalb werden sie nicht auf der Seite, die Sie erwähnen, aufgeführt. Mit Sonntag wird nicht ausschließlich ein einzelner, einmalig vorkommender Tag bezeichnet. Jede Woche hat einen Sonntag.

Die Bezeichnungen für die Wochentage sind den Eigennamen aber sehr ähnlich. So kann man sie ohne Artikel und ohne Präposition verwenden, wenn ein ganz bestimmter Tag wie zum Beispiel der soeben vergangene oder der erstfolgende so bezeichnete Tag gemeint ist:

Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin Montag angekommen
Ihr habt bis Mittwoch Zeit
in der Nacht von Montag auf Dienstag

Ebenfalls ohne Artikel z. B.:

Heute ist Dienstag

Sonst werden sie in der Regel mit Artikel verwendet, meist auch dann, wenn der soeben vergangene oder der erstfolgende so genannte Tag gemeint ist:

Am Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin am Montag angekommen
Ihr habt bis zum Mittwoch Zeit
in der Nacht vom Montag auf den Dienstag

Dass Ihr Zweifel sehr berechtigt ist, zeigt sich auch darin, wie die Wochentage in anderen Sprachen behandelt werden: Im Englischen werden sie wie Eigennamen großgeschrieben (Today is Tuesday), im Französischen aber wie „gewöhnliche“ Substantive klein (Aujourd’hui, c’est mardi).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Hannoveranern, Frankfurtern, Persern und Weimar(an)ern

Frage

[…] Ich möchte meine Frage an Sie auf die von Ortsbezeichnungen abgeleiteten Namen der Bewohner zuspitzen. Oft genügt das Suffix „er“ zur Ableitung des Einwohnernamens. Es gibt aber auch Namensbildungen, bei denen die Ableitung mit „er“ zungenbrecherisch wirkt und keine geschmeidige Aussprache zulässt. Der Münsterer, der Jeverer, der Hanoverer, der Kasseler und auch der Weimarer – und selbstverständlich auch die Weimarerin – klingen nun wirklich nicht besonders gut. So hat man schon in alten Zeiten Münsteraner, Jeveraner, Kasselaner und selbstverständlich auch Weimaraner als Bezeichnung für die Einwohner verwendet.

Dass „Hannoveraner“ auch eine Pferderasse ist, stört offenbar niemanden; aber in Weimar will man seit geraumer Zeit den traditionellen Einwohnernamen Weimaraner nicht mehr gelten lassen, weil hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Hunderasse – ein Vorstehhund – gezüchtet worden ist, der man den Namen „Weimaraner“ gegeben hat. Deswegen verkünden seit einiger Zeit übereifrige „Sprachhüter“ die Auffassung, man müsse Weimarer sagen, um nicht mit dem Hund verwechselt zu werden. In der Presse findet man lediglich noch die Schreibweise Weimarer für die Einwohner von Weimar. Und die Stadtführer getrauen es sich auch nicht mehr, Weimaraner zu sagen, weil sie angeblich von den Touristen nicht verstanden werden. Was sagt der Linguist zu dieser […] Meinung? […]

Antwort

Guten Tag Herr W.,

es gibt bei der Bildung von Einwohnernamen keine festen Regeln. Deshalb gilt: Richtig ist, was üblich ist.

Üblich scheint heutzutage vor allem (oder fast nur noch?) Weimarer zu sein. Da ich aus einer ganz anderen Gegend komme und leider noch nie auch nur in der Nähe von Weimar gewesen bin, kenne ich das Wort vor allem als Adjektiv in Weimarer Republik. Das heißt aber nicht, dass Weimaraner falsch ist. Es ist nur nicht mehr so gebräuchlich.

Das Argument, Weimaraner sei falsch, weil dieses Wort eine Hunderasse bezeichne und deshalb nicht auch Einwohnername sein könne, ist nicht sehr schlagkräftig. Schließlich sind nicht alle Rottweiler Hunde, nicht alle Hannoveraner Pferde, nicht alle Berliner Pfannkuchen, nicht alle Frankfurter Würstchen und nicht alle Perser Teppiche. Dass eine Einwohnerbezeichnung auch für etwas anderes verwendet wird, schließt also keineswegs aus, dass sie weiterhin auch als Einwohnerbezeichnung dienen kann.

Das gilt auch dann, wenn es für einen Ort mehr als nur eine Einwohnerbezeichnung gibt. So gibt es den Steinhäger, einen Wachholderschnaps, der aus Steinhagen kommt, einem Ort, in dem Steinhagener und Steinhagenerinnen oder eben Steinhäger und Steinhägerinnen wohnen.

Kurzum, in Weimar wohnen Weimaraner und Weimaranerinnen, die heutzutage allerdings meistens Weimarer und Weimarerinnen genannt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp