Verinselt

Da ich seit heute beschwerdefrei bin und das Ganze schon länger als fünf Tage dauert, darf ich mich ab morgen wieder vorsichtig außer Haus wagen. Als einer der Letzten in meiner Umgebung war ich, soweit ich weiß, noch vom Virus verschont geblieben, doch vergangenes Wochenende kündigten sich Husten und Kopfschmerzen an und zeigte der Selbsttest zum ersten Mal zwei Streifen. Der zur Kontrolle durchgeführte zweite Test leider auch. Das hieß, dass ich in Isolierung oder Isolation musste – und übrigens auch wollte. Alles halb so schlimm, denn mit mehr als einer mittelschweren Grippe hatte ich es (sehr wahrscheinlich dank Impfungen und Boostern) nicht zu tun. Dies ist dann auch kein Aufruf zu Mitleidsbezeugungen, denn mit Hilfe von Paracetamol, heißem Kräutertee, Hustenbonbons und Schlaf übersteht man so etwas gut.

Während der Isolation fragte ich mich plötzlich, wo denn das n nach dem i geblieben ist. Ich bin nämlich davon ausgegangen, dass das sol in Isolation etwas mit solus = allein zu tun hat, dass man sozusagen solo sein muss. Dazu hätte die Vorsilbe in- gepasst (in solo), aber in  isolieren steht nur ein i, kein in. Die Frage war mir aber nie so wichtig, dass ich diese selbstgestrickte Wortherkunft einmal überprüft hätte.

Was viele schon wissen, wurde mir erst beim Griff zum Herkunftswörterbuch klar: Isolation gehört zu isoliert, das über das französische isolé auf das italienische isolato zurückgeht. Dieses isolato bedeutete zur Insel gemacht und übertragen auch absondern, von allem anderen abtrennen. Ich hätte es wissen können, denn ich kenne das italienische Wort isola = Insel (lat. insula), habe die Isola Bella im Lago Maggiore liegen sehen und weiß u. a. dank „L’amica geniale“ („Meine geniale Freundin“) , dass es eine Fähre Napoli – Isola d’Ischia gibt. Trotzdem bin ich nicht selbst darauf gekommen, dass isoliert ganz wörtlich einfach verinselt bedeutet.

Mir gefällt das Bild der Verinselung viel besser als das banalere Solosein, entsprechend viel besser fühlte ich mich dadurch allerdings auch nicht. Ab morgen bin ich dann wieder entinselt.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Wie man ins Deutsche übernommene „marketing qualified leads“ schreibt

Es gibt kaum eine Bereich in der Rechtschreibung, in dem die regelkonforme Schreibweise (gemäß der amtlichen Rechtschreibregelung) und die übliche Schreibweise so weit auseinanderklaffen wie bei den mehrteiligen Ausdrücken aus dem Englischen. Hier folgt ein Beispiel, in dem die regelkonforme Schreibweise praktisch nie vorkommt.

Frage

Ich bin mir nicht sicher, wie man folgenden Begriff im Deutschen richtig schreibt: Marketing-Qualified-Lead.

Ich meine, es ist nur mit einem Bindestrich richtig (Marketing-Qualified), aber sicher bin ich mir nicht.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

Zusammensetzungen und Mehrwortausdrücke aus dem Englischen stellen häufig ein Problem dar, wenn sie nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung geschrieben werden sollen. Das ist auch bei Ausdrücken dieser Art der Fall.

Wenn man es ganz richtig nach der Rechtschreibregelung machen will, kommt hier eine Schreibweise heraus, der man fast nirgendwo begegnet:

Marketing-qualified Leads und Sales-qualified Leads
Ein Lead ist Marketing-qualified oder Sales-qualified.

Vgl. die stärker eingedeutschten Varianten:

Marketingqualifizierte Kontakte und verkaufsqualifizierte Kontakte
Ein Kontakt ist marketingqualifiziert oder verkaufsqualifiziert.

Oder mit „verdeutlichendem“ Bindestrich:

Marketing-qualifizierte Kontakte und verkaufsqualifizierte Kontakte
Ein Kontakt ist Marketing-qualifiziert oder verkaufsqualifiziert.

Der Teil Marketing-qualified ist ein zusammengesetztes Adjektiv/Partizip. Es wird im Deutschen am besten mit einem Bindestrich geschrieben  (marketingqualified wäre allerdings auch möglich). Dabei erhält Marketing als Substantiv in einer Zusammensetzung mit Bindestrich einen großen Anfangsbuchstaben. Das Partizip qualified bleibt klein (vgl. Amerika-freundlich, Fett-triefend, Computer-unterstützt).

Dieses zusammengesetzte adjektivische Partizip steht vor dem Substantiv Lead. Verbindungen aus dem Englischen, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv bestehen, werden getrennt geschrieben:

Big Bang
Public Relations
Human Resources
Electronic Banking

Analog auch:

Asset-backed Security
Computer-aided Design
Location-based Management (so auch in Duden)
Web-based Training

Marketing-qualified Lead
Sales-qualified Lead

Wenn Sie die Schreibung Marketing-qualified Leads verwenden, machen Sie es also richtig.

Aber: Sie riskieren, dass man Sie wegen dieser ungewohnten Schreibweise kritisiert. Wenn Ihnen das nicht gleichgültig ist, könnten Sie auch erwägen, die zwar nicht regelkonforme, aber bei Begriffen dieser Art am meisten vorkommende Schreibweise anzuwenden, die (abgesehen von den Großbuchstaben) direkt aus dem Englischen übernommen ist: Marketing Qualified Leads. Man kann dann sogar argumentieren, es sei eine fachsprachliche Schreibung. Die Schreibung mit zwei Bindestrichen Marketing-Qualified-Leads würde ich nicht empfehlen, da sie weder den Rechtschreibregeln noch der englischen Schreibweise gerecht wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Acetylsalicylsäure-haltig, acetylsalicylsäurehaltig oder mit Acetylsalicylsäure?

Frage

Hier ist ein etwas schwieriger Fall einer Zusammensetzung. „Acetylsalicylsäure“ ist ein Wirkstoff, aber nicht wirklich ein Eigenname.

Acetylsalicylsäure-haltige Arzneimittel
acetylsalicylsäurehaltige Arzneimittel

Was würden Sie für richtig halten?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach den Rechtschreibregeln werden Verbindungen dieser Art im Prinzip zusammengeschrieben:

acetylsalicylsäurehaltige Arzneimittel
paracetamolhaltige Schmerzmittel
ibuprofenhaltige Medikamente

Der „verdeutlichende“ Bindestrich ist hier auch möglich, insbesondere wenn ein Wortungetüm wie Acetylsalicylsäure nicht als bekannt vorausgesetzt werden kann bzw. nicht vorher genannt wird:

Acetylsalicylsäure-haltige Arzneimittel
Paracetamol-haltige Schmerzmittel
Ibuprofen-haltige Medikamente

Für stilistisch besser und vielleicht auch deutlicher halte ich dann allerdings meistens Formulierungen wie diese:

Arzneimittel, die Acetylsalicylsäure enthalten
Paracetamol enthaltende Schmerzmittel
Medikamente mit Ibuprofen

Manche mögen meinen, Xy-haltig sei präziser als mit Xy. Im Allgemeinen ergibt sich aber aus dem Zusammenhang, dass mit ein Arzneimittel mit Acetylsalicylsäure dasselbe gemeint ist wie mit ein Acetylsalicylsäure-haltiges Arzneimittel.

Ich hoffe, dass Ihnen diese Wortschreibung nicht so viel Kopfzerbrechen bereitet hat, dass Sie zu einem acetylsalicylsäure-, paracetamol- oder ibuprofenhaltigen Schmerzmittel greifen mussten. So viel Stress verdient die Rechtschreibung nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommt der Einbau von Smart Metern oder von Smart Meters voran?

Frage

Neulich kam mir ein Satz unter, bei dem ich nicht wusste, wie ich den Dativ Plural bilden soll. Es geht um das Wort „Smart Meter“, so eine Art digitalen Stromzähler. Wie würden Sie das Wort „Meter“ im Dativ Plural schreiben: „Meters“ oder „Metern“? Ich würde spontan „Der Einbau von Smart Metern kommt voran“ schreiben, aber eigentlich müsste ich ja ein s als Pluralmarkierung nehmen, da das Wort „Meter“ hier kein Längenmaß ist, sondern das englische Wort für „Messgerät“. Aber das hört sich ja ganz scheußlich an: „Der Einbau von Smart Meters kommt voran.“ Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Pluralbildung von Fremdwörtern kann eine Rolle spielen, wie stark sie bereits ins Deutsche integriert sind.

Wenn Sie Meter in Smart Meter englisch aussprechen (ähnlich wie Mieter), dann passt der s-Plural besser:

die Smart Meters
der Einbau von Smart Meters

Wenn Sie dieses Meter deutsch aussprechen (wie das Längenmaß), passt der endungslose Plural. Zum endungslosen Nominativ Plural gehört der Dativ Plural mit -n wie zum Beispiel bei den Computern, den Bestsellern oder den Bikern:

die Smart Meter
der Einbau von Smart Metern

Auch korrekt ist hier übrigens die Zusammenschreibung, die allerdings verhältnismäßig selten vorkommt:

die Smartmeter
der Einbau von Smartmetern

Die deutsche Pluralbildung die Smart Meter / den Smart Metern ist hier deutlich üblicher als der englische s-Plural. Sie ist übrigens nicht zwangsläufig mit dem Längenmaß Meter zu assoziieren. Es gibt ja auch andere Messgeräte wie zum Beispiel Thermometer, Barometer oder Tachometer. Ähnlich wie bei diesen herrscht auch bei Smart Meter ein gewisser Zweifel, ob das Wort sächlich oder männlich ist. Häufig ist es nämlich der Smart Meter wie der intelligente Stromzähler, aber viele sagen auch das Smart Meter, wie dies für das Thermometer und das Barometer üblich ist (wenn auch nicht überall in gleichem Maße: Im südlichen deutschen Sprachraum kommt daneben auch der Thermometer vor).

Für den Plural hat sich die eingedeutschte Pluralbildung die Smart Meter durchgesetzt. Bei der Formulierung in Ihrer Frage würde ich deshalb nur diese Pluralvariante empfehlen, die auch Ihnen spontan besser erschien:

Der Einbau von Smart Metern kommt voran.

Bei der Frage zum Genus, der oder das Smart Meter, wage ich mich an keine Empfehlung. Die Frage, ob das Wort männlich ist wie der Messer, der Zähler oder ob es sächlich ist wie das Thermometer u. a., ist (noch) nicht eindeutig entschieden. Wer mit „so viel Ungewissheit“ nicht leben kann, weicht einfach auf Begriffe wie der intelligente Stromzähler oder das intelligente Messsystem aus. (Bei intelligent fällt mir allerdings noch mehr als bei smart auf, dass das Adjektiv in diesem Zusammenhang etwas hoch gegriffen ist – aber das ist eine ganz andere Frage.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Omikron und Omega

Aus wenig erfreulichem aktuellem Anlass hört und liest man zurzeit sehr häufig das Wort Omikron. An dieser Stelle soll es nicht um den Anlass gehen und auch nicht darum, wie wenig erfreulich er ist. Es geht vielmehr um eine kleine Einsicht, die ich zu meinem Erstaunen erst jetzt gehabt habe.

Mir ist nämlich klargeworden, dass Omikron von griechisch ò mikrón kommt und kleines O bedeutet. Den Wortbestandteil mikro(n) = klein kennen wir ja von zum Beispiel dem Mikroskop, mit dem man sehr Kleines sehen kann, der Mikrofaser, einer aus kleinsten Strukturen bestehenden Faser, oder den Mikroorganismen, den Klein- und Kleinstlebewesen.

Das wussten viele von Ihnen sicher schon, aber diesen ersten Schritt meiner neuen „Erkenntnis“ finde ich noch nicht sehr erstaunlich. So oft bin ich dem Wort Omikron bis vor Kurzem auch wieder nicht begegnet. Das gilt nicht für sein Gegenstück, das Omega. Ihm begegnet man in gelehrteren oder religiösen Kontexten in der Form von Alpha bis Omega (ΑΩ), aber vor allem auf dem Fernseh- oder einem anderen Bildschirm, wenn bei Sportveranstaltungen neben der Zeitmessung die Marke des Zeitmessers steht. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) man es so oft sieht, ist mir bis jetzt nie klargeworden, dass Omega einfach großes O bedeutet. Wie mikro ist ja auch mega = groß nicht unbekannt: vom Megabyte über den Megastar bis hin zu megaerstaunlich.

Ich habe mich gleich auf die Suche gemacht, ob das griechische Alphabet noch andere Buchstaben mit einer solchen Bedeutung hat, bin aber kaum fündig geworden. Neben Epsilon (einfaches E) und Ypsilon (einfaches I) sind nur noch Alpha und Gamma nennenswert: Alpha kommt vom hebräischen Wort ạlęf = Ochse (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Ochsenkopf) und Gamma kommt von hebräisch gạmạl = Kamel (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Kamelhals).

Das Omikron wird klein genannt, weil es kurz ist. Das Omega ist groß, weil es lang ist. Warum genau das Epsilon und das Ypsilon einfach sind, ist mir vorläufig noch ein Rätsel. Für die Schreibung der Laute /e/ und /i/ hat das Griechische so viele Möglichkeiten, dass der Grund wohl dort zu suchen ist.

Und um doch noch kurz auf den unerfreulichen Anlass für die derzeit häufige Verwendung des Wortes Omikron einzugehen: Hoffen wir, dass Omikron wirklich klein bleibt und Omega uns in diesem Zusammenhang erspart bleibt.

Reden wir von Switches, Switchs oder Switchen?

Die Beugung von noch nicht allzu fest im Deutschen intergrierten Fremdwörtern führt immer wieder zu Fragen:

Frage

In meinem Text steht eine Liste von Eigenschaften eines Switchs (o. eines Switches?). In dem speziellen Punkt geht es um die Verbindung zwischen zwei Switches/Switchen/Switchs. Ich habe im Internet gesucht, aber keine Informationen gefunden, wie man „Switch“ am besten dekliniert. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

die Beugung von Fremdwörtern aus dem Englischen (und anderen Sprachen) kann dann zu Unsicherheiten führen, wenn sie noch nicht wirklich in den deutschen Wortschatz integriert sind. Was ist richtig, die Form aus der Ursprungssprache oder die ans Deutsche angepasste Form? Die Antwort lautet  wie so häufig: Richtig ist, was üblich ist.

Zuerst zum Genitiv: Wie Sie den Genitiv von Switch schreiben, hängt davon ab, wie Sie ihn aussprechen. Bei auf (gesprochenes) sch endenden Wörtern ist im Genitiv Singular sowohl -s als  auch -es möglich:

Aussprache wie /switschs/ → des Switchs
(vgl. Fischs, Froschs, Eibischs, Tratschs)

Aussprache wie /switsches/ → des Switches
(vgl. Fisches, Frosches, Eibisches, Tratsches)

Da bei Fremdwörtern der s-Genitiv üblicher ist als der es-Genitiv, würde ich des Switchs sagen und schreiben. Die Schreibung des Switches kommt aber häufiger vor. Ich vermute, dass diese Schreibung in vielen Fällen durch den englischen Plural switches beeinflusst ist und weniger auf eine Aussprache mit der Endung -es zurückzuführen ist.

Auch der endungslose Genitiv des Switch ist nicht ausgeschlossen, aber nur dann, wenn auch keine Endung gesprochen wird:

Aussprache wie /switsch/ → des Switch

Diese sozusagen aus dem Englischen übernommene endungslose Variante passt dann am besten, wenn auch der Plural noch englisch ausgesprochen wird. Und hiermit sind wir schon bei den Pluralformen:

Auch für den Plural von „Switch“ gilt, dass die Schreibung davon abhängt, wie Sie die Wortform aussprechen. Bei englischer Aussprache (/switschis/) schreiben Sie zwei Switches. Bei deutscher Aussprache (/switschs/) schreiben Sie zwei Switchs. Auch der Ersatz von -s durch die deutsche Endung -e ist nicht ausgeschlossen, aber (noch?) nicht so gebräuchlich. Also:

Aussprache wie /switschs/ → die Switchs
(vgl. Clutchs, Matchs, Patchs, Scotchs)

Aussprache wie /switschis/ → die Switches
(vgl. Clutches, Stretches)

Aussprache wie /switsche/ → die Switche
(vgl. Matche, Sketche)

Die Pluralformen von Clutch, Match, Patch, Sketch, Stretch und Scotch zeigen, dass es keine einheitliche Tendenz gibt, wie Substantive dieser Form ins Deutsche integriert werden. Wenn Sie diese Wörter in verschiedenen Wörterbüchern nachschlagen, werden Sie feststellen, dass nicht alle Wörterbücher überall dieselben Formen angeben. Es herrscht hier also eine recht große Unsicherheit (man kann es optimistischer auch eine recht große Freiheit nennen).

Ich kann Ihnen also nur empfehlen, sich nach der Aussprache zu richten. Welche Aussprache in Ihrem Fachbereich bei Switch üblicher ist, weiß ich leider nicht. Solange sich keine einheitliche(re) Verwendung des Wortes Switch eingebürgert hat, ist keine der obenstehenden Formen falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Desertion, Desertation, Desertifikation

Heute ein Beispiel dafür, dass auch bei Fachwörtern nicht immer alles ganz so eindeutig ist:

Frage

Was ist der korrekte Begriff für Fahnenflucht – „Desertion“ oder „Desertation“? Im Duden findet man nur „Desertion“, aber eigentlich scheint mir „Desertation“ geläufiger zu sein.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

wenn Fahnenflucht gemeint ist, ist Desertion sicher richtig. Das Wort kommt über das französische désertion vom lateinischen Substantiv desertio, das zum Verb deserere (verlassen, aufgeben, desertieren) gehört. Wir haben also indirekt ein Substantiv übernommen, dass bereits im Lateinischen abgeleitet wurde:

lat. deserere → desertio
→ frz. désertion → dt. Desertion

Die Form Desertation kommt gelegentlich auch vor. Diese Form ist eine Ableitung, die im Deutschen stattgefunden hat. In Analogie mit zum Beispiel dekorieren → Dekoration, imitieren → Imitation, stabilisieren → Stabilisation wird sozusagen „regelmäßig“ (-ieren → -ation) vom Verb desertieren das Substantiv Desertation abgeleitet:

dt. desertieren → Desertation

Was ist nun richtig, die alte lateinische oder die neue heimische Ableitung? – Beides ist vertretbar. Ein kurzer Blick ins Internet und in einige Textkorpora zeigt allerdings, dass Desertation viel weniger häufig vorkommt als Desertion. Auch im schweizerischen und im österreichischen Militärstrafgesetz ist von Desertion die Rede. (Das deutsche Wehrgesetz hilft uns hier nicht viel weiter, denn es kennt nur den Tatbestand der Fahnenflucht.) Ich würde deshalb empfehlen, die gebräuchlichere Variante Desertion zu verwenden.

Dem Begriff Desertation begegnet man gelegentlich auch in der Erdkunde. Dort wird er mit der Bedeutung Wüstenbildung verwendet. Gebräuchlicher ist allerdings auch dort ein anderes Wort, nämlich Desertifikation, womit in der Regel durch menschliches Handeln verursachte Wüstenbildung gemeint ist. Daneben gibt es auch die natürliche Wüstenbildung, die – um es so richtig schön komplex zu machen – manchmal Desertation oder Desertion genannt wird.

Als Nicht-Erdkundler ist es mir leider nicht gelungen, genau herauszufinden, wer welchen Begriff für welche Art der Wüstenbildung verwendet. Das ist hier auch nicht so wichtig, denn bei Ihrer Frage ging es ja um die Fahnenflucht, also die Desertion (o. Desertation), die man wohl in keinem Zusammenhang mit der Wüstenbildung verwechseln kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich auf, für oder zu etwas committen

Frage

Heißt es „sich auf etwas committen“ oder „sich zu etwas committen“? Ist beides möglich im Sinne von „sich auf etwas verständigen“ bzw. „sich zu etwas bekennen“?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach zum Beispiel DWDS und PONS heißt es „sich zu etwas committen“. Das stimmt mit der Präposition überein, die auch bei den deutschen Entsprechungen „sich zu etwas verpflichten“ und „sich zu etwas bekennen“ steht. Verben aus anderen Sprachen übernehmen häufig die Konstruktion eines deutschen Verbs mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Das „zu“ kann aber auch eine direkte Übersetzung des „to“ im englischen „to commit to something“ sein.

In der freien Sprachwildbahn kommen allerdings auch die Formulierungen „sich auf etwas committen“ und „sich für etwas committen“ vor, dies vielleicht unter dem Einfluss von deutschen Konstruktionen wie „sich auf etwas festlegen“ bzw. „sich (bedingungslos) für etwas einsetzen“.

Der Gebrauch von „sich committen“ hat sich offensichtlich im Deutschen noch nicht stabilisiert. Das gilt nicht nur für die Präposition, mit der das Verb verwendet wird, sondern auch für seine Bedeutung. Nicht alle verwenden „sich committen“ mit der gleichen Bedeutung. Das kann einen Einfluss auf die Wahl der Präposition haben. Wirklich falsch ist also keine der Präpositionen. Wenn ich dieses Verb überhaupt verwenden würde*, wählte ich „sich zu etwas committen“, weil für mich „sich committen“ am nächsten bei „sich verpflichten“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich dieses Verb je verwenden werde, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht – und außerdem ist das eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Rechtschreibfragen, wenn „on demand“ auf „Bibliothek“ trifft

Frage

Können Sie mir bei folgender Frage behilflich sein? Welche Variante ist korrekt:

1) On Demand Bibliothek
2) On-Demand-Bibliothek
3) On Demand-Bibliothek
4) gar keine?

Wo setzt man […] hier einen Bindestrich? Ich hätte jetzt auf die Variante 2) getippt, aber bin mir nicht ganz sicher.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

die Frage nach den Bindestrichen ist schnell beantwortet: Zwischen allen Teilen der Zusammensetzung müssen Bindestriche gesetzt werden. Richtig ist dann tatsächlich die Variante 2), auf die Sie getippt haben:

On-Demand-Bibliothek

Eine andere Frage ist die Groß- und Kleinschreibung. Demand (Anfrage) wird hier großgeschrieben, weil es sich um ein Substantiv handelt. Substantive aus anderen Sprachen werden auch in Zusammensetzungen großgeschrieben (vgl. amtliche Rechtschreibregelung § 55(3)). Beispiele sind dort u. a. Desktop-Publishing und Full-Time-Job.

Ganz so einfach ist es aber leider nicht. In § 55(E2) der Regelung steht, dass Substantive aus fremden Sprachen ausnahmsweise kleingeschrieben werden, wenn sie Teil einer adverbialen Fügung sind, die als Ganzes ins Deutsche übernommen worden ist. Beispiele sind u. a. a cappella, in flagranti, à discrétion, de facto und – für unseren Fall hier wichtig – die Zusammensetzungen A-cappella-Chor und De-facto-Anerkennung. Die Kleinschreibung des Substantivs gilt also auch in Zusammensetzungen mit solchen Fügungen.

So klar die Regel klingt, so unklar bleibt manchmal, was genau als feste adverbiale Fügung gilt, die als Ganzes aus einer fremden Sprache entlehnt worden ist. Muss die Fügung in Wörterbüchern wie Duden, Wahrig, Pons, DWDS, LEO stehen und, wenn ja, in allen oder nur in einem? Sind zum Beispiel on demand (etwas on demand liefern), just in time (just in time produzieren) und business to business (business to business liefern) im Deutschen als feste Fügungen üblich oder nicht? Das ist je nach Ausdruck und Branche unterschiedlich und ich möchte diese Frage auch nicht weiter diskutieren. Es geht mir vor allem darum, dass es hier einen recht großen grauen Bereich gibt. Wenn man nämlich on demand als im Deutschen gebräuchliche Fügung annimmt, muss das d nicht nur in der adverbialen Fügung on demand, sondern auch in Zusammensetzungen kleingeschrieben werden:

On-demand-Bibliothek

Da feste Kriterien fehlen, sind beide Betrachtungsweisen möglich, das heißt, beide Schreibweisen können als korrekt gelten. Weitere Beispiele:

On-Demand-Lieferung / On-demand-Lieferung
On-Demand-Mobilität / On-demand-Mobilität

Ein weiteres Kriterium sollte man in Zweifelsfällen wie diesen nicht ganz außer Acht lassen: Was ist üblich(er), On-Demand-Xyz oder On-demand-Xyz? Die Schreibung mit großem D kommt viel häufiger vor. Sie scheint sich also in der  deutschen Schreibpraxis durchzusetzen.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Sprache sich auch auf der Ebene der Rechtschreibung  nicht immer in einfache, alle Fälle abdeckende Regeln fassen lässt. Deshalb heißt es häufig wie hier: Beides kommt vor und beides ist vertretbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird „Kritik“ ausgesprochen?

Frage

Ich wollte Sie fragen, wie man „Kritik“ richtig hochdeutsch ausspricht? Ich höre mehrere Varianten.  Sagt man „Krietiek“ oder „Krittick“ ? Zweimal langes i (wie in „die“) oder zweimal kurzes i (wie in „Insel“) oder sogar gemischt „Krietick“ – einmal langes i (wie in „die“) und dann kurzes (wie in „Insel“)?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

anders als bei der Rechtschreibung gibt es im Prinzip keine offizielle Aussprache des Deutschen. Es gibt aber einen allgemeinen Konsens, wie Wörter ausgesprochen werden. Diese Angaben finden Sie in den verschiedenen Wörterbüchern.

Für „Kritik“ geben die meisten Wörterbücher an, dass es auf der zweiten Silbe betont wird und dass das zweite i lang ist. „Kritik“ reimt sich also auf zum Beispiel „antik“ und „Freak“:

so antik ist die Kritik

In einigen Wörterbüchern wird auch eine Variante mit kurzem zweiten i angegeben. Dann reimt „Kritik“ sich auf „Blick“ oder „erschrick“:

ein Blick auf die Kritik

Viele Wörter, die auf betontes -ik enden, haben diese beiden Aussprachevarianten: Sie werden im Allgemeinen mit langem zweitem i gesprochen, aber die Aussprache mit mit kurzem zweitem i kommt (insbesondere in Österreich) auch vor. So können Wörter wie „Politik“, „Fabrik“, „Mathematik“ und „Physik” sich je nach Aussprache a) auf „Freak“ oder b) auf „Blick“ reimen:

a) ein Freak in der Politik/Fabrik/Mathematik/Physik
b) der Blick auf die Politik/Fabrik/Mathematik/Physik

Manchmal wird das Wort „Kritik“ auch auf der ersten Silbe betont: /Krittik/ (wie „mittig“) oder /Krietik/ (wie sonst nichts?). Die Erstbetonung gilt als nicht standardsprachlich, sie ist aber nicht ganz unverständlich. Auf -ik endende Wörter werden nämlich häufig auf der vorletzten Silbe betont: „Problematik“, „Linguistik“, „Grafik“, „Kinetik“, „Nautik“, all diese Wörter enden auf unbetontes -ik. Und dann gibt es noch „Kolik“, das gemäß den Angaben in den Wörterbüchern sowohl auf der ersten als auch auf der zweiten Silbe betont sein kann: „Kolik“ oder „Kolik“.

Fremdwörter, die auf -ik enden, machen es uns also bei der Aussprache nicht einfach. Woran das liegt, ist schwierig zu sagen. Es kann mit der Sprache, aus der wie sie übernommen haben (Französisch, Italienisch, Latein, Griechisch), oder mit dem Einfluss der entsprechenden Adjektive auf -isch zu tun haben. Eine einfache Ausspracheregel kann ich leider nicht anbieten. Entsprechend ist es auch nicht allzu erstaunlich, dass nicht alle ein Wort wie „Kritik“ immer gleich aussprechen. Wenn Sie „Kritik“ auf der zweiten Silbe betonen, liegen Sie aber standardsprachlich sicher richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp