Rechtschreibfragen, wenn „on demand“ auf „Bibliothek“ trifft

Frage

Können Sie mir bei folgender Frage behilflich sein? Welche Variante ist korrekt:

1) On Demand Bibliothek
2) On-Demand-Bibliothek
3) On Demand-Bibliothek
4) gar keine?

Wo setzt man […] hier einen Bindestrich? Ich hätte jetzt auf die Variante 2) getippt, aber bin mir nicht ganz sicher.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

die Frage nach den Bindestrichen ist schnell beantwortet: Zwischen allen Teilen der Zusammensetzung müssen Bindestriche gesetzt werden. Richtig ist dann tatsächlich die Variante 2), auf die Sie getippt haben:

On-Demand-Bibliothek

Eine andere Frage ist die Groß- und Kleinschreibung. Demand (Anfrage) wird hier großgeschrieben, weil es sich um ein Substantiv handelt. Substantive aus anderen Sprachen werden auch in Zusammensetzungen großgeschrieben (vgl. amtliche Rechtschreibregelung § 55(3)). Beispiele sind dort u. a. Desktop-Publishing und Full-Time-Job.

Ganz so einfach ist es aber leider nicht. In § 55(E2) der Regelung steht, dass Substantive aus fremden Sprachen ausnahmsweise kleingeschrieben werden, wenn sie Teil einer adverbialen Fügung sind, die als Ganzes ins Deutsche übernommen worden ist. Beispiele sind u. a. a cappella, in flagranti, à discrétion, de facto und – für unseren Fall hier wichtig – die Zusammensetzungen A-cappella-Chor und De-facto-Anerkennung. Die Kleinschreibung des Substantivs gilt also auch in Zusammensetzungen mit solchen Fügungen.

So klar die Regel klingt, so unklar bleibt manchmal, was genau als feste adverbiale Fügung gilt, die als Ganzes aus einer fremden Sprache entlehnt worden ist. Muss die Fügung in Wörterbüchern wie Duden, Wahrig, Pons, DWDS, LEO stehen und, wenn ja, in allen oder nur in einem? Sind zum Beispiel on demand (etwas on demand liefern), just in time (just in time produzieren) und business to business (business to business liefern) im Deutschen als feste Fügungen üblich oder nicht? Das ist je nach Ausdruck und Branche unterschiedlich und ich möchte diese Frage auch nicht weiter diskutieren. Es geht mir vor allem darum, dass es hier einen recht großen grauen Bereich gibt. Wenn man nämlich on demand als im Deutschen gebräuchliche Fügung annimmt, muss das d nicht nur in der adverbialen Fügung on demand, sondern auch in Zusammensetzungen kleingeschrieben werden:

On-demand-Bibliothek

Da feste Kriterien fehlen, sind beide Betrachtungsweisen möglich, das heißt, beide Schreibweisen können als korrekt gelten. Weitere Beispiele:

On-Demand-Lieferung / On-demand-Lieferung
On-Demand-Mobilität / On-demand-Mobilität

Ein weiteres Kriterium sollte man in Zweifelsfällen wie diesen nicht ganz außer Acht lassen: Was ist üblich(er), On-Demand-Xyz oder On-demand-Xyz? Die Schreibung mit großem D kommt viel häufiger vor. Sie scheint sich also in der  deutschen Schreibpraxis durchzusetzen.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Sprache sich auch auf der Ebene der Rechtschreibung  nicht immer in einfache, alle Fälle abdeckende Regeln fassen lässt. Deshalb heißt es häufig wie hier: Beides kommt vor und beides ist vertretbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird „Kritik“ ausgesprochen?

Frage

Ich wollte Sie fragen, wie man „Kritik“ richtig hochdeutsch ausspricht? Ich höre mehrere Varianten.  Sagt man „Krietiek“ oder „Krittick“ ? Zweimal langes i (wie in „die“) oder zweimal kurzes i (wie in „Insel“) oder sogar gemischt „Krietick“ – einmal langes i (wie in „die“) und dann kurzes (wie in „Insel“)?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

anders als bei der Rechtschreibung gibt es im Prinzip keine offizielle Aussprache des Deutschen. Es gibt aber einen allgemeinen Konsens, wie Wörter ausgesprochen werden. Diese Angaben finden Sie in den verschiedenen Wörterbüchern.

Für „Kritik“ geben die meisten Wörterbücher an, dass es auf der zweiten Silbe betont wird und dass das zweite i lang ist. „Kritik“ reimt sich also auf zum Beispiel „antik“ und „Freak“:

so antik ist die Kritik

In einigen Wörterbüchern wird auch eine Variante mit kurzem zweiten i angegeben. Dann reimt „Kritik“ sich auf „Blick“ oder „erschrick“:

ein Blick auf die Kritik

Viele Wörter, die auf betontes -ik enden, haben diese beiden Aussprachevarianten: Sie werden im Allgemeinen mit langem zweitem i gesprochen, aber die Aussprache mit mit kurzem zweitem i kommt (insbesondere in Österreich) auch vor. So können Wörter wie „Politik“, „Fabrik“, „Mathematik“ und „Physik“ sich je nach Aussprache a) auf „Freak“ oder b) auf „Blick“ reimen:

a) ein Freak in der Politik/Fabrik/Mathematik/Physik
b) der Blick auf die Politik/Fabrik/Mathematik/Physik

Manchmal wird das Wort „Kritik“ auch auf der ersten Silbe betont: /Krittik/ (wie „mittig“) oder /Krietik/ (wie sonst nichts?). Die Erstbetonung gilt als nicht standardsprachlich, sie ist aber nicht ganz unverständlich. Auf -ik endende Wörter werden nämlich häufig auf der vorletzten Silbe betont: „Problematik“, „Linguistik“, „Grafik“, „Kinetik“, „Nautik“, all diese Wörter enden auf unbetontes -ik. Und dann gibt es noch „Kolik“, das gemäß den Angaben in den Wörterbüchern sowohl auf der ersten als auch auf der zweiten Silbe betont sein kann: „Kolik“ oder „Kolik“.

Fremdwörter, die auf -ik enden, machen es uns also bei der Aussprache nicht einfach. Woran das liegt, ist schwierig zu sagen. Es kann mit der Sprache, aus der wie sie übernommen haben (Französisch, Italienisch, Latein, Griechisch), oder mit dem Einfluss der entsprechenden Adjektive auf -isch zu tun haben. Eine einfache Ausspracheregel kann ich leider nicht anbieten. Entsprechend ist es auch nicht allzu erstaunlich, dass nicht alle ein Wort wie „Kritik“ immer gleich aussprechen. Wenn Sie „Kritik“ auf der zweiten Silbe betonen, liegen Sie aber standardsprachlich sicher richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der düpierte Wiedehopf: was „düpieren“ alles bedeuten kann

Heute fiel mein Auge auf die Überschrift „Lakers düpieren die Warriors“. Das Verb „düpieren“ ließ mich stutzen, denn das für mich eher etwas antiquierte Wort war mir in diesem Zusammenhang nicht geläufig. Mit „in diesem Zusammenhang“ ist gemeint, dass es sich um einen Artikel über ein Basketballspiel handelt, das die Los Angeles Lakers offensichtlich in überzeugender Weise von den Golden State Warriors gewonnen haben. Das erklärt eigentlich schon, warum mir das Wort so nicht bekannt war: Mein Interesse für Sport ist, gelinde gesagt, sehr unterentwickelt, so dass ich Sportbeilagen, Sportseiten und Sportgramme so schnell überblättere, wegklicke oder wegzappe, dass mir typische Begriffe der Sportsprache gar nicht geläufig sein können.

Was ließ mich genau stutzen? Für mich hatte „düpieren“ nur die Bedeutung „täuschen, hereinlegen, überlisten“, die auch zum Beispiel in Duden und DWDS zu finden ist.

Cyberkriminelle düpieren ihre Opfer mit Tierbabys.

Eine weitere Bedeutung von „düpieren“, die in einige Wörterbücher Eingang gefunden hat, ist „vor den Kopf stoßen, brüskieren“.

Der Präsident hat die Frau seines Amtskollegen mit sexistischen Bemerkungen düpiert.

Manchmal ist dabei gar nicht mehr deutlich, welche der beiden Bedeutungen gemeint ist:

Handel düpiert die Milchbauern

Hier ist ohne weitere Informationen nicht zu entscheiden, ob der Handel die Milchbauern übers Ohr haut oder vor den Kopf stößt (oder beides).

Bei der Verwendung von „düpieren“ im Sport muss ich raten, was genau gemeint ist. In vielen Fällen gewinnt anscheinend ein Team oder eine Person überzeugend und/oder unerwartet gegen andere, so dass die Verlierer eher schlecht aussehen.

Würzburger Kickers düpieren Hamburger SV

Ich vermute allerdings, dass „düpieren“ in Sportberichten manchmal auch einfach als Alternative zu „schlagen“ oder „besiegen“ verwendet wird, um ein bisschen Abwechslung in den Text zu bringen. Da ich aber, wie gesagt, ein Sportberichte meidender Sportmuffel bin, ist dies nicht mehr als eine unfundierte Annahme.

Das Wort „düpieren“ kommt übrigens vom französischen Verb „duper“ („betrügen, überlisten“), das von „dup(p)e“ abgeleitet ist, einem Wort aus der französischen Gauner- und Bettlersprache (Bedeutung: „wer [im Spiel] getäuscht oder betrogen wird, Narr“). Dieses „duppe“ geht über ein, zwei Ecken auf das lateinische Wort „upupa“ für Wiedehopf zurück – angeblich weil dieser Vogel so dumm aussieht.

Das Verb „düpieren“ wird heute also mit drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Gemeinsam ist diesen Bedeutung vielleicht, dass Düpierte dumm aussehen, ob sie nun betrogen, brüskiert oder besiegt worden sind.

Das „emotional safety model“ und die „clean water projects“ auf Deutsch

Frage

Ich übersetze gerade ein Buch, in dem der Autor ein „emotional safety model“ (seine Bezeichnung) vorstellt. Ein „emotionales Sicherheitsmodell“ […] ist m. E. ein Sicherheitsmodell, dessen Eigenschaft es ist, emotional zu sein […] Geht dann „Emotionale-Sicherheit-Modell“? Da befürchte ich dann aber, dass Leser versucht sein wird, das fehlende -s als Fehler meinerseits anzusehen. „Modell für emotionale Sicherheit“? – Auch nicht schön, aber mir gehen da die Optionen aus, denn der deutsche Begriff sollte auch nicht zu lang oder umständlich sein.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

unter „emotionales Sicherheitsmodell“ verstehe auch ich ein emotionales Modell der Sicherheit und nicht ein Modell der emotionalen Sicherheit. Es ist also keine gelungene Übersetzung für „emotional safety model“. Zusammensetzungen wie „das Emotionale-Sicherheit[s]-Modell“ sind im Deutschen nicht oder kaum üblich. Ausnahmen sind zum Beispiel „Armesünderglocke“, „Armeleuteessen“, „Rote-Armee-Fraktion“, „Erste-Hilfe-Kurs“.

Meiner Meinung nach wählen Sie deshalb besser „Modell der emotionalen Sicherheit“ oder „Modell für emotionale Sicherheit“. Das ist nicht ganz so griffig kurz wie das englische Original, es entspricht aber einer gebräuchlichen Struktur. Vgl. zum Beispiel:

Taktik der verbrannten Erde – scorched earth policy
Theorie der großen Abweichungen – large deviations theory
Projekte für sauberes Trinkwasser – clean water projects

Zusammensetzungen dieser Art ([Adjektiv+Substantiv]+Substantiv) sind im Englischen einfach zu bilden, im Deutschen kommen sie nur mit Zahlwörtern und einigen Adjektiven ohne Endung regelmäßig vor:

Vierzimmerwohnung, Fünfprozentklausel
Vielvölkerstaat, Allradantrieb
Gelbrandkäfer, Rotschwanzbussard

In vielen anderen Fällen müssen wir auf umständlichere Formulierungen wie „Modell der emotionalen Sicherheit“ für „emotional security model“ ausweichen oder andere Konstruktionen wählen wie „Bürgerrechtsgesetz“ für „Civil Rights Act“ oder „lizenzfreie Bilder“ für „public domain pictures“. Auch meine Rolle als „linguistic problem solver“ ist auf gut Deutsch nicht „sprachlicher Problemlöser“ oder „Sprachliche-Probleme-Löser“, sondern „Löser sprachlicher Probleme“, „Sprachproblemlöser“ oder besser einfach „Sprachberater“. Auch auf dieser Ebene funktioniert die Methode der Eins-zu-eins-Übersetzung also sehr häufig nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Viren mutieren: Mutationen und Mutanten

Ich darf zwar ein „Dr.“ vor meinem Namen führen, aber außer wie man mit Kamillentee, Paracetamol, Jod oder Alkohol und Pflastern umgeht, sind Krankheiten eindeutig nicht mein Fachgebiet. Ein solcher Doktor bin ich nicht. Mein Beitrag zum Thema Virus ist deshalb rein sprachlicher Natur, wie es sich für einen „Sprachdoktor“ gehört:

Frage

Vermehrt hört man jetzt nicht nur von Mutationen (des Virus) sondern auch von Mutanten. Letzteres hört sich in diesem Kontext falsch an. Was sagen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das zum Themenkreis „Pandemie“, „Lockdown“, „Schutzmaske“ und „Impfstoff“ gehörende Wort „Mutation“ bedeutet wörtlich „Veränderung“ und kommt in diesem Zusammenhang aus der Fachsprache der Biologie. Dort hat es eine viel engere Bedeutung: „Veränderung in den Erbanlagen eines Organismus“. Mit den englischen, brasilianischen oder südafrikanischen Mutationen sind genau genommen Mutationen oder eben Veränderungen am Erbgut des Covid-19-Virus gemeint, die in England, Brasilien bzw. Südafrika zum ersten Mal festgestellt wurden.

In den Medien, in Diskussionsprogrammen und an anderer Stelle sind manchmal nicht die Veränderungen an den Erbanlagen, sondern die veränderten Viren oder Virenstämme gemeint, wenn von zum Beispiel „den englischen Mutationen“ die Rede ist. Das ist – zumindest fachsprachlich – nicht ganz zutreffend, denn die mutierten, das heißt veränderten Organismen werden nicht „Mutationen“, sondern „Mutanten“ genannt. Bei der Einzahl hat man die Wahl zwischen „der Mutant“ (Genitiv: „des Mutanten“) oder „die Mutante“.

Kurz zusammengefasst: Mutanten sind durch Mutation entstanden. Es ist also auch in diesem Kontext korrekt, von Mutanten zu sprechen – vorausgesetzt, man meint damit nicht die Veränderungen, sondern die veränderten Viren. Und wenn es nicht vorrangig um die Veränderungen an den Erbanlagen des Coronavirus geht, kann man auch einfach von den verschiedenen Varianten des Virus sprechen.

Ganz gleich ob Mutation, Mutant(e), Variation oder „Original“, passen Sie gut auf, dass das Virus Sie möglichst nicht erwischt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anglizismus des Jahres 2020

„Ereignisse“ wie die Wahlen zum Wort des Jahres sind in der Regel kein Thema in diesem Blog. Wer gerne wissen möchte, welches die Wörter und Unwörter des vergangenen Jahres waren (auch wenn es schon wieder Februar ist!), findet sie für Deutschland, Österreich und die Schweiz in Wikipedia.

Nur auf den Anglizismus des Jahres weise ich gelegentlich hin:

(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Dieses Jahr hat ein Wort den Titel „Anglizismus des Jahres“ gewonnen, das ihn leider wirklich verdient:

Lockdown

Mehr Informationen zu dieser Wortwahl finden Sie auf der Seite Anglizismus des Jahres.

Fremdwörter verkleinern: Kakäuchen, Pülchen, Platöchen

Frage

Wenn man so viel Zeit mit seiner Familie verbringt, stößt man zwangsläufig auf Wörter, die man sonst nicht hört. Manchmal fragt man sich dann auch, wie man die schreibt. Konkret geht es mir um den Diminutiv von „Kakao“, den wir alle „Kakäuchen“ aussprechen, aber unterschiedlich schreiben würden. Im Prinzip betrifft diese Problematik eine ganze Reihe von Fremdwörtern mit Umlaut im Diminutiv, z. B. auch „Pool“ und „Plateau“. […] Gibt es eine Regel oder Empfehlung für die korrekte Schreibung solcher Ableitungen?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Verkleinerungsformen, um die es Ihnen hier geht, sind in der Standardsprache nicht gebräuchlich, erst recht nicht in der geschriebenen Standardsprache. Da die Formen kein Standarddeutsch sind, gibt es auch keine Standardschreibung für die Diminutivbildung bei Substantiven mit fremdsprachlichen Buchstabenkombinationen.

Einfach ist es, wenn der Diminutiv ohne Umlaut gebildet wird, weil man dann in der Regel einfach ein -chen anhängen kann:

Computer – Computerchen
Smartphone – Smartphonchen
Bungalow – Bungalowchen
Kakao – Kakaochen
Pool – Poolchen
Plateau – Plateauchen

Auch wenn man den Diminutiv mit Umlaut bildet, was eigentlich viel üblicher ist, geht das bei Fremdwörtern häufig problemlos:

Computer – Compüterchen
Smartphone – Smartphönchen
Blog – Blögchen
Automat – Automätchen
Katastrophe – Kataströphchen
Virus – Virüschen

Schwieriger wird es dann, wenn der Vokal, der umgelautet wird, anders als im Deutschen üblich geschrieben wird. Dann ist es am besten, die Schreibung einzudeutschen, um das Ganze noch einigermaßen lesbar zu halten:

Kakao – Kakäuchen
Pool – Pülchen
Plateau – Platöchen
Bungalow – Bungalö[w]chen
Depot – Depöchen
Couch – Käutschchen
Bon – Böngchen

Und manchmal bleibt den Schreibenden einfach nur die Improvisation:

Orange – Orängchen, Orängschchen, Orängelchen
Superman – Supermännchen

Wenn man ungebräuchliche Diminutivformen von Fremdwörtern verwenden und sie auch noch aufschreiben will, sollte man versuchen, eine möglichst einfach lesbare Form zu finden. Oft ist das eine mehr oder weniger eingedeutschte Schreibung. Die einzig richtige Schreibweise gibt es in Fällen wie diesen häufig nicht, weil es keine festen Regeln gibt und diese Formen nicht gebräuchlich und eingebürgert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Smartwatch, Crash und Sandwich und ihr (deutscher) Plural

Frage

Ich habe mich gefragt, wie wohl die Mehrzahl von „Smartwatch“ heißen könnte: laut Regel eigentlich „Smartwatchs“ oder füge ich aufgrund der Endung auf -ch noch ein e ein: „Smartwatches“?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

beim Wort „Smartwatch“ o. „Smart Watch“ wird der Plural (ungefähr) wie in der Ursprungssprache, dem Englischen, ausgesprochen, also mit is am Schluss. Entsprechend wird der Plural auch gleich wie im Englischen geschrieben: „Smartwatches“ o. „Smart Watches“.

Die  Schreibung der Pluralform richtet sich hier also nach der Aussprache. Vielleicht dachten Sie an den deutschen Plural „Ladys“ oder „Babys“ statt englisch „ladies“ und „babies“. Dieser Fall ist insofern anders, als es in der Aussprache keinen Unterschied zwischen „Ladys“ und „Ladies“ gibt. Dann „gewinnt“ sozusagen die deutsche Schreibung. Das Wort „Smartwatch“ hat auch im gesprochenen Deutschen die englische Pluralendung /is/. Da es keine deutsche Pluralendung „-is“ gibt, bleibt hier auch die englische Schreibung erhalten. Ungefähr so könnte man die Pluralschreibung „Smartwatches“ erklären.

Ähnliches gilt zum Beispiel für „Anchorwoman–Anchorwomen“, „Stuntman–Stuntmen“, „Foot–Feet“ (engl. Längenmaß) u. a. m.

Einheitlich ist die Lage nicht. Besser eingebürgert sind zum Beispiel „Crash“ (beim Autorennen und auf der Börse) und „Sandwich“. Man kann ihnen noch einen englisch ausgesprochenen und geschriebenen Plural geben: „die Crashes“ bzw. „die Sandwiches“. Sie können aber auch mit einem einfachen Plural-s auskommen, und zwar in der gesprochenen und der geschriebenen Sprache: „die Crashs“ bzw. „die Sandwichs“. Die aufeinandergelegten Brotscheiben mit Inhalt kann man sogar noch mehr eindeutschen und „die Sandwiche“ sagen und schreiben.

Ob es auch bei der Smartwatch je so weit kommen wird, dass man „Smartwatchs“ oder sogar „Smartwatche“ sagt und schreibt, wage ich insbesondere bei der Form mit Plural-e zu bezweifeln. Ausschließen will ich es aber keinesfalls, denn humorvoll gemeintes „die Smartwatsche[n]“ ist bestimmt schon hie und da vernommen worden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hot Pants aus Jeans in einem Wort: wie viele Bindestriche?

Frage

Aus dem Englischen stammende Substantive, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv bestehen, schreibt man ja getrennt und groß, zum Beispiel „Heavy Metal“, „Hot Pants“ oder „High Heels“.

Erweitert man diese Begriffe wird m. E. nach den deutschen Regeln durchgekoppelt. Es heißt dann „Heavy-Metal-Band“. Folglich müsste es „Hot-Pants-Trägerin“ heißen. Aber wie verhält es sich, wenn die heißen Hosen aus Jeansstoff bestehen? Heißen sie dann „Jeans-Hot-Pants“? Und trägt die Dame hohe Hacken, ist sie dann eine „High-Heels-Trägerin“?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

in einer Zusammensetzung mit einer Wortgruppe dieser Art muss immer durchgekoppelt werden, egal ob sie in der Zusammensetzung an erster oder an letzter Stelle steht (vgl. amtliche Rechtschreibregelung § 44.1).

Englische Adjektiv-Substantiv-Verbindung an erster Stelle:

Heavy-Metal-Band
Big-Band-Leiterin*
Smart-Phone-Kamera*
Public-Relations-Abteilung
High-Society-Magazin

Englische Adjektiv-Substantiv-Verbindung an letzter Stelle:

Lieblings-Big-Band*
Senioren-Smart-Phone*
Kunden-Public-Relations
Möchtegern-High-Society

Entsprechend heißt es also, wie Sie richtig annehmen:

High-Heels-Trägerin*
Jeans-Hot-Pants*

Nicht ganz recht haben Sie mit der Aussage, dass Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen aus dem Englischen getrennt geschrieben werden müssen. Dieses „müssen“ gilt nur dann, wenn die Hauptbetonung der Verbindung nicht auf dem ersten Wort liegt, also bei zum Beispiel „Heavy Metal“, „Public Relations“ und „High Society“. Wenn die Hauptbetonung auf dem Adjektiv liegt, kann auch zusammengeschrieben werden: „Big Band/Bigband“, „Long Drink/Longdrink“, „High Heels/Highheels“„Hot Pants/Hotpants“. Daraus ergeben sich für die oben mit einem Sternchen gekennzeichneten Beispiele die folgenden Schreibungen:

Big-Band-Leiterin / Bigband-Leiterin / Bigbandleiterin
Lieblings-Big-Band / Lieblings-Bigband/ Lieblingsbigband
Smart-Phone-Kamera / Smartphone-Kamera / Smartphonekamera
Senioren-Smart-Phone / Senioren-Smartphone / Seniorensmartphone
High-Heels-Trägerin / Highheels-Trägerin / Highheelsträgerin
Jeans-Hot-Pants / Jeans-Hotpants / Jeanshotpants

Es steht Ihnen frei, hier die Schreibweise zu wählen, die Ihnen am besten zusagt – eine Multiple-Choice-Liste, in der alle Antworten richtig sind! Die Getrenntschreibung ohne Bindestrich ist in diesen Zusammensetzungen übrigens nicht möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Virus und sein Wortgeschlecht

Normalerweise gehe ich in den Blogartikeln mit Ausnahme des Wetters nicht auf das aktuelle Tagesgeschehen ein. Heute mache ich wieder einmal eine Ausnahme, denn die Viruskrise einfach stillschweigend zu umgehen erschien mir fast unnatürlich. Ich bleibe aber bei meinem Leisten und gebe weder medizinischen noch gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Kommentar. Ich bleibe einfach beim Wort Virus.

Ziemlich bekannt ist, dass Virus sowohl sächlich als auch männlich sein kann. In der Fachsprache heißt es das Virus, in der Allgemeinsprache daneben aber auch der Virus. Weniger bekannt ist vielleicht, woher dieser „Zwiespalt“ kommt.

In der Fachsprache richtet man sich nach dem lateinischen Wort virus, das so unangenehme Dinge wie zähe Flüssigkeit, Schleim, Saft, Gift, Gestank, Schärfe, Bitterkeit bedeutete. Im Lateinischen ist virus sächlich. Wenn man nun bei der Zuweisung des Wortgeschlechts im Deutschen das Ursprungsprinzip anwendet, heißt es das Virus.

Das Wort Virus ist aber nicht direkt aus dem Lateinischen zu uns gekommen. Es wird angenommen, dass es über ein englisches und französisches virus (Eiter, Gestank, Gift und später Krankheitserreger) ins Deutsche übernommen wurde. In der Allgemeinsprache wurde dabei für die Zuweisung des Wortgeschlechts (unbewusst) ein anderes Prinzip angewendet: Man gab ihm das gleiche Wortgeschlecht wie anderen Wörter mit derselben Endung: der Virus wie der Bonus, der Dominus, der Kubus, der Nukleus, der Tourismus, der Zirkus bis hin zu der Omnibus und der Schampus. Das ist nicht unbedingt falsch, denn wir tun dies auch bei zum Beispiel die Garage und die Zigarre (frz. männlich le garage und le cigare).

Auch im Lateinischen ist virus als sächliches Substantiv übrigens eine Ausnahme. Die meisten lateinischen Wörter mit der Endung us sind männlich. Eine andere Ausnahme ist das sächliche corpus (Körper), das im Deutschen als das/der Korpus je nach Bedeutung sächlich ist wie corpus oder männlich wie andere Wörter auf us oder – ein weiteres Zuweisungsprinzip – wie der Körper. Es gibt im Lateinischen sogar einige wenige weibliche Substantive, die auf us enden: zum Beispiel domus (Haus), das wir aus dem männlichen der Majordomus kennen, oder ein weiteres Wort, bei dem trotz der männlich anmutenden Endung us kaum jemand auf die Idee käme, es als männlich anzusehen: Venus.

Auch bei der Zuordnung des Wortgeschlechts gibt es also mehr als ein Prinzip und entsprechend mehr als eine „Wahrheit“. Aber ganz egal ob das Virus oder der Virus: Passen Sie auf und bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Dr. Bopp