Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sprachliche „Ismen“

Frage

Gibt es für die französische Sprache einen Begriff ähnlich dem Anglizismus? Frankozismus?

Antwort

Guten Tag M.,

von Anglizismen ist ja seit einer geraumen Weile an vielen Orten die Rede. Manch einer und manch eine verdammen sie als Wegbereiter oder gar Ursache des Untergangs der deutschen Sprache. Viele andere sehen das glücklicherweise etwas nuancierter. Dieser Streit gegen die „Überflutung“ der deutschen Sprache durch Fremdwörter ist, wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen, nicht der erste, der geführt wird. In früheren Jahrhunderten ging es aber nicht um Anglizismen, sondern vor allem um Wörter und Wendungen aus dem Französischen. Während es heute in ist, englische Ausdrücke zum Besten zu geben, war es früher en vogue, sich mit aus dem Französischen Entlehntem zu schmücken. Solche Lehnwörter werden Gallizismen genannt (obwohl sie im Grunde genommen recht wenig mit den früheren Einwohnern Frankreichs, den Galliern, zu tun haben).

Ich möchte hier auf keinen Fall die Frage diskutieren, wie „verurteilenswert“ oder gar „schädlich“ der Einfluss von (zu) vielen fremden „Ismen“ ist. Diese Diskussion wurde und wird an anderer Stelle schon zur Genüge geführt. Es geht mir hier nur um Fachwörter wie Anglizismus und Gallizismus. (Ich kann es in diesem Zusammenhang aber doch nicht lassen, wieder einmal leicht hämisch darauf hinzuweisen, dass sich selten jemand über die vielen Latinismen und Gräzismen, eine Art Lehnwörter aus den „Bildungssprachen“ Lateinisch und Griechisch, aufregt …).

Welche sprachlichen „Ismen“ gibt es also? Die Anglizismen und Gallizismen wurden bereits erwähnt. Zu den in unseren Breiten wichtigen alten Sprachen wurden auch schon der Latinismus und der Gräzismus genannt. Rund um den deutschen Sprachraum herum gibt es noch eine ganze Reihe von Fremdsprachen, die einen mehr oder weniger großen Einfluss gehabt haben:

Italianismen
Rätoromanismen
Slowenismen
Ungarismen (o. Hungarismen o. Magyarismen)
Slowakismen
Bohemismen (o. Tschechismen)
Sorbismen
Polonismen
Danizismen
Friesismen
Batavismen (o. Niederlandismen)
Belgizismen (eigentl. nur im Niederländischen u. Französischen)

Nicht von direkten Nachbarn, aber von anderen wichtigeren Fremdwortlieferanten stammen zum Beispiel:

Arabismen
Hispanismen (aus dem Spanischen)
Russizismen
Amerikanismen (aus dem amerikanischen Englischen)

Mit dem letzten Wort sind wir bei einer anderen Art von „Sprach-Ismen“ angelangt: Wörter und Ausdrücke aus einer Variante einer Sprache. Wenn es aus dem Deutschen kommt, ist es ein Germanismus. Davon gibt es aber noch geografische, dialektale oder landestypische Varianten:

Austriazismen (aus Österreich)
Helvetismen (aus der Schweiz, gibt es also auch auf Französisch und Italienisch!)
Bavarismen (aus dem Bayerischen)
Schwabismen (aus dem Schwäbischen)
Palatinismen (aus dem Pfälzischen)
usw.

Zum Schluss noch ein heiteres Worteraten: Wissen Sie zu welchen Sprachen die folgenden Ausdrücke gehören?

Fennizismen
Sinismen
Turzismen

und als Bonusfrage:

Lusitanismen

Vor allem den letzten Ausdruck muss man kennen, sonst errrät man ihn wohl kaum.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*****

Antworten: Finnisch, Chinesisch, Türkisch, Portugiesisch (die römische Provinz, die einen großen Teil des heutigen Portugals umfasste, hieß Lusitania).

Wie sagt man via E-Mail?

Frage

Man liest heute häufig via Internet, via E-Mail. Wie ist die Aussprache von via? Welche ist gebräuchlicher? Englische oder deutsche: [vaiə] oder [vi:a]?

Antwort

Guten Tag C.,

das Wörtchen via gab es schon vor dem Internetzeitalter. Es bedeutet über, durch:

Wir sind via Paris nach Tunis geflogen.
Sie versuchten, den Streik via Gerichtsbeschluss zu verbieten.

Es kommt nicht aus dem Englischen, sondern auch dem Lateinischen (Ablativ von via = Weg). Es wird in der Regel deutsch ausgesprochen: [‚vi:a]. Dies gilt auch vor Wörtern wie E-Mail, Internet oder iPhone. Wenn das Wörtchen via in einem deutschen Zusammenhang englisch ausgesprochen wird, hat das meist etwas mit – wie sage ich denn das jetzt diplomatisch – Unkenntnis oder Wichtigtun zu tun. Sehen Sie auch diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Snowboard und Skibrett, Gleitbrett fahren und snöben

Da sich dieser Winter hartnäckiger zeigt, als mir eigentlich lieb wäre (aber Mitte Februar darf man ja noch nicht klagen), schreibe ich nach dem letztwöchigen Thema Skifahren heute etwas über Snowboard und snowboarden. Zuerst geht es um die Beugung, dann um die Wortwahl.

Wie alle im Deutschen verwendeten Verben muss sich auch snowboarden den deutschen Beugungsregeln beugen: Man nimmt die Grundform (den Infinitiv) des Verbs, schneidet -en ab und hängt die regelmäßigen deutschen Verbendungen an:

ich snowboarde, du snowboardest, er snowboardet, …
ich snowboardete, du snowboardetes, er snowboardete, …
die snowboardenden Massen

Dies gilt auch für das Partizip Perfekt, das übrigens sowohl mit sein als auch mit haben verwendet wird:

ich bin/habe gesnowboardet

Die Form gesnowboarded ist falsch, auch wenn die Endung -ed so schön zu einem englischen Verbstamm zu passen scheint. Alle Wortformen von snowboarden finden Sie hier.

Die Ableitung des Verbs snowboarden von einem Substantiv wie Snowboard folgt einer ganz normalen deutschen Wortbildungsregel, mit der unter vielen andern auch so schöne Wörter wie ehrgeizen, fuhrwerken, kuhhandeln, ohrfeigen, schauspielern und schulmeistern gebildet wurden. Auch die Wörter für Leute, die sich auf einem Snowboard fortbewegen, werden mit deutschen Endungen gebildet: Snowboarder und Snowboarderinnen wie zum Beipspiel Rodler und Rodlerinnen oder Eisläufer und Eisläuferinnen.

Beugung und Wortbildung folgen also ganz deutschen Mustern, auch wenn das Wort sehr englisch anmutet und es (ursprünglich) natürlich auch ist. Man kann sich aber die Frage stellen, ob es sich hier nicht um einen „unnötigen“ und „hässlichen“ Anglizismus handelt, den man besser durch ein deutsches Wort ersetzt. Aber welches?

Nicht in Frage kommt wohl die wörtliche Übersetzung Schneebrett. Dieses Wort hat bereits eine andere Bedeutung: Ein Schneebrett ist eine bestimmte Lawinenart. Wenn von Schneebrettgefahr die Rede ist, heißt das nicht, dass man sich vor rasenden Snowboardern in Acht nehmen soll, sondern dass man sich nicht abseits der freigegebenen Pisten bewegen sollte. Andere Vorschläge macht der Verein Deutsche Sprache e.V. in seinem Anglizismenindex: Skibrett oder Gleitbrett für Snowboard und Skibrett/Gleitbrett fahren oder schneebrettern für snowboarden.

Beim Wort Gleitbrett kann ich kurz sein, denn für mich klingt es irgendwie einfach nach Bügelbrett. Können Sie sich vorstellen, dass ein sich selbst respektierender, auch nur einigermaßen szenen- und modebewusster Snowboarder jemals von sich sagen wird, er sei ein Gleitbrettfahrer? Welche sportliche junge Frau wird sich je freiwillig als Gleibrettfahrerin bezeichnen?

Dann hat das Wort Skibrett doch die besseren Karten. Es beschreibt, was das Ding ist, es klingt nicht allzu verstaubt und man kann problemlos alle benötigten Wörter davon ableiten: Skibrett fahren, Skibrettfahrer, Skibrettfahrerin, Skibrettweltmeisterschaft usw. Da ich das Wort aber noch fast nie gehört oder gelesen habe, scheint es vorläufig doch nicht packend genug zu sein, um das Snowboard verdrängen zu können.

Ganz besonders gefällt mir der Vorschlag schneebrettern. Das klingt so „fetzig“, dass ich es ab sofort, allerdings eher scherzend als seriös, anstelle von snowboarden verwenden möchte. Am allerbesten gefällt mir aber das auf den Pisten der deutschsprachigen Schweiz gängige Verb snöben! Das ist eine Wortschöpfung, die es verdient, in den restlichen deutschen Sprachraum exportiert zu werden.

Mikro, mükro, mü und My

Frage

Schon seit Jahren muss ich mich mit dem Wörtchen mikro herumschlagen. Immer wieder begegne ich (ausgesprochenen) Mükrometer oder Mükroliter ohne mich intellektuell und sprachlich fundiert verteidigen zu können.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wortelement mikro wird tatsächlich mit i und nicht mit ü ausgesprochen. Man spricht also nicht von einem Mükrometer oder der Mükrowelle, sonder von einem Mikrometer und der Mikrowelle.

Im Standarddeutschen wird das y in aus dem Griechischen stammenden Wörtern als ü ausgesprochen:

hypermodern = hüpermodern
mythisch = mütisch
Thymian = Tümian
Ypsilon = Üpsilon

Das Wortelement mikro stammt zwar aus dem Griechischen (µικ?òς, mikròs = klein), aber es wird mit einem i geschrieben und mit einem i ausgesprochen. Woher kommt dann die Aussprache mit ü?

In technischen Bereichen bedeutet mikro vor Maßeinheiten Millionstel. Ein Mikrometer ist ein Millionstelmeter, ein Mikroliter ist ein Millionstelliter. Dieses mikro wird mit dem griechischen Buchstaben µ abgekürzt.

ein Mikrometer = 1 µm
ein Mikroliter = 1 µl

Der Buchstabe µ entspricht dem deutschen m und wird als ausgesprochen (und als My ausgeschrieben). Abkürzungen wie µm und µl werden deshalb manchmal als Mümeter und Müliter ausgesprochen. Wenn mikro als mükro ausgesprochen wird, könnte es also gut sein, dass dies in falscher Analogie mit der Aussprache Müliter für µl geschieht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blog und Weblog in Canoonet

Frage

Mir ist aufgefallen, dass Canoonet mit Suchbegriffen wie Blog, Weblog oder bloggen nichts anfangen kann bzw. keine Einträge findet, obwohl diese Begriffe doch mittlerweile auch im Duden zu finden sind. Das hat mich etwas gewundert, da Canoonet doch ansonsten das m. E. vollständigste freie Wörterbuch zur Verfügung stellt.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

den Schönheitspreis verdient es tatsächlich nicht, aber es ist auch nicht so erstaunlich. Das Wort Blog ist uns bei der letzten Aktualisierung der Wörterbuchdaten ganz einfach durch die Lappen gegangen. Zusammen mit bloggen, Blogger, Bloggerin und Weblog steht es seit einiger Zeit auf der Liste der aufzunehmenden Wörter. Da die Erweiterung des Wörterbuches und die damit zusammenhängende Datenaktualisierung sehr aufwendig sind und zurzeit leider nicht erste Priorität haben, könnte es noch ein Weilchen dauern, bis das Wort Blog online auf Canoonet abfragbar sein wird.

Für solche Fälle gibt es dann die Möglichkeit, Fragen an die Menschen von Canoonet zu richten. Das ist zwar aufwendiger und dauert länger, dafür ist die Antwort manchmal etwas ausführlicher:

Es gibt Leute, die behaupten, dass es unbedingt, nur und ausschließlich das Blog sein müsse. Blog ist eine verkürzte Form von Weblog. Der Teil log steht für das englische logbook, das auf Deutsch das Logbuch heißt. Deshalb müsse es auch unbedingt das Log, das Weblog und das Blog heißen. Die deutsche Sprachgemeinschaft hält sich aber nicht an diese ziemlich lange Ursprungsgeschichte (vor allem der Schritt von Weblog zu Blog ist recht undurchsichtig) und verwendet fast ebenso häufig der Blog. Das hat zum Beispiel Duden und Wahrig dazu gebracht, der Blog als Variante von das Blog aufzunehmen. Auch in Canoonet werden wir beide Möglichkeiten angeben. Wenn Sie aber ganz sicher sein wollen, dass Ihnen wirklich niemand je vorwirft, der Blog sei falsch, können Sie am besten das Blog verwenden. Aber wie gesagt: Zusammen mit anderen Wörterbüchern sind wir der Meinung, dass auch der Blog als richtig zu gelten hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blanc de Noirs im Genitiv

Frage

Heute bekamen wir Infopost einer Kellerei. Im Anschreiben heißt es da: Aufgrund des großen Erfolgs unseres Blanc de Noirs haben wir beschlossen…

Nun frage ich mich: Ist das s der Genitiv-Angleichung bei diesem französischen Wort richtig? […] Nach meinem Sprachgefühl werden fremdsprachliche Wörter im Deutschen nicht dekliniert, darum stolperte ich beim Lesen über das angehängte s.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist nicht grundsätzlich falsch, bei Fremdwörtern ein Genitiv-s zu verwenden. Oft sind sowohl Formen mit als auch ohne s üblich. Zwei Beispiele aus dem gleichen Bereich:

der Chianti – des Chianti oder des Chiantis
der Muscadet – des Muscadet oder des Muscadets
der Armagnac – des Armagnac oder des Armagnacs

Bei Blanc de Noirs spielt aber etwas anderes eine Rolle: In Ihrem Zitat ist es zwar eine Genitivform, aber das s hinter Noir ist kein Genitiv-s. Es geht hier um eine Art Weißwein (Blanc), der aus roten Trauben hergestellt wird (de Noirs). Das s ist also eine französische Pluralendung, die übrigens auch im Deutschen nicht ausgesprochen wird. Die im Deutschen übliche Schreibweise ist deshalb:

der Blanc de Noirs
des Blanc de Noirs
die Blancs de Noirs

Das s im Schreiben der Kellerei ist also richtig. Das Gleiche gilt auch für die Weißweine aus weißen Trauben:

der Blanc de Blancs
des Blanc de Blancs
die Blancs de Blancs

Im Genitiv sind solche fremdwörtlichen Wendungen in der Regel wie die oben stehenden Beispiele endungslos. In einigen wenigen Fällen gibt es allerdings Formen mit einem Genitiv-s. Die Genitivendung steht dann am gleichen Ort wie die Pluralendung:

der Chef de Cuisine
des Chefs de Cuisine oder des Chef des Cuisine
die Chefs de Cuisine

So kompliziert das alles klingt, etwas ist wenigstens ganz einfach: Ein Genitiv-s schreibt man auch bei Fremdwörtern nur dann, wenn man es auch ausspricht. Beim Plural-s ist das allerdings schon wieder viel komplizierter …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

A ticket to Rome/ein Flugschein nach Rom

Zurück aus Rom habe ich mich erst an der den Regen gewöhnen müssen. Am liebsten hätte ich gleich ein Flugticket zurück in den Süden gekauft, aber ich kann Sie ja nicht so lange im Stich lassen. Die Tatsache, dass ich nicht unbegrenzt Ferientage zur Verfügung habe, mag bei der Entscheidung, im feuchtkühlen Raum nördlich der Alpen zu bleiben, auch eine gewisse Rolle gespielt haben.

Für den Flug nach Rom habe ich mein Ticket über den Online-Booking-Service der Airline gekauft. Ich konnte also vor dem Abflug von zu Hause aus in das Online-Check-in einloggen und sowohl einchecken als auch den Boarding-Pass printen. Am Airport musste ich deshalb nicht mehr zum Check-in-Counter, sondern konnte gleich zum Baggage-Drop-off. Danach ging es entlang der Duty-Free-Shops und durch die Security-Control zum Gate.

Für den Flug nach Rom habe ich meinen Flugschein über das Netzbuchungssystem der Fluggesellschaft gekauft. Ich konnte mich also vor dem Abflug von zu Hause aus in die Netzflugabfertigung einwählen und sowohl mich für den Flug anmelden als auch die Einstiegskarte drucken. Am Flughafen musste ich deshalb nicht mehr zum Flugabfertigungsschalter, sondern konnte gleich zur Gepäckabgabestelle. Danach ging es entlang der Zollfreiläden und durch die Sicherheitskontrolle zum Flugsteig.

Sie sehen, es geht um Anglizismen, das heißt aus dem Englischen übernommene Wörter. Wenn es ums Fliegen geht, gibt es deren viele. Ich habe die beiden Texte hier nicht nebeneinandergestellt, damit Sie den einen verurteilen und den anderen begrüßen sollen. Mir wollen sie nämlich beide nicht so recht gefallen. Einerseits klingen in meinen Ohren Online-Booking-Service, Airline und Baggage-Drop-off etwas zu sehr nach „Internationaler-Vielflieger-und-Weltbürger-sein-Wollen“, andererseits haben Netzbuchungssystem, Netzflugabfertigung und Flugsteig für mich irgendwie etwas Forciertes und „Handgestricktes“.

Die beiden Textabschnitte oben sollen nur aufzeigen, dass sowohl die eine als auch die andere „Extremlösung“ einen etwas seltsamen Eindruck hinterlassen kann. Wenn man viele Anglizismen verwendet, riskiert man schnell einmal, den Eindruck einer Möchtegern-Fachfrau oder eines doch nicht ganz so weit gereisten Weltbürgers zu machen — wenn man denn schon von allen verstanden wird. Auf der anderen Seite kann eisernes Festhalten an ausschließlich deutschen Wörtern farblos und etwas sehr verbissen wirken — und manchmal ebenfalls zu Verständnisproblemen führen (wer weiß schon auf Anhieb, was Netzflugabfertigung bedeuten soll?)

Es liegt also an Ihrem Stilgefühl und dem Eindruck, den Sie (nicht) hinterlassen wollen, welche Wahl Sie jeweils zwischen den Anglizismen und deren deutschen Entsprechungen treffen. Oft gibt es sogar auf dem Wortniveau so etwas wie den goldenen Mittelweg. Ein schönes Beispiel dafür finde ich Online-Buchungssystem statt Online-Booking-System oder Netzbuchungssystem. Aber auch dies ist letztlich eine Frage des Geschmackes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die meiner Meinung nach ebenso fruchtlose wie uferlose Diskussion zu Sinn und Unsinn von Anglizismen und der Gefahr, die sie für die deutsche Sprache sein sollen, will ich hier bewusst nicht führen.

Reflektion statt Reflexion

Frage

Ich habe eine Frage zum Wort Reflektion: Mir fällt in letzter Zeit auf, dass es sehr häufig gebraucht wird im Sinne von Reflexion. Meines Wissens gibt es das Wort aber im offiziellen“ Wortschatz nicht. Oder ist mir da etwas entgangen? Ist es eine neue, spontan von reflektieren abgeleitete Wortbildung, die noch nicht in den Korpus eingegangen ist?

Anwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Reflektion gibt es im Deutschen offiziell“ (noch?) nicht, auch wenn man ihm immer wieder begegnet. Meistens ist damit wohl Reflexion gemeint. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Einfluss des Englischen angeführt. Dort schreibt man tatsächlich reflection, aber mein Wörterbuch sagt mir, dass man im britischen Englisch auch reflexion schreibt. Bei der Aussprache macht das im Englischen übrigens nichts aus. Davon ausgehend, dass das amerikanische Englisch die Welt regiert und dass englisches …ection vielfach deutschem …ektion entspricht, kann man diesen Einfluss sicher nicht ausschließen.

Es gibt aber auch einen Erklärungsversuch, der ohne das Englische auskommt. Ganz unbegreiflich ist diese Wortbildung nämlich nicht, denn Reflektion liegt doch eindeutig näher bei reflektieren als Reflexion. Außerdem gibt es auch noch die Direktion, die Erektion, die Inspektion, die Interjektion, die Kollektion, die Projektion, die Protektion, die Selektion usw. Das sind alles Wörter, die irgendwie von Verben abgeleitet sind und ebenfalls auf …ektion enden. Wie viele Wörter gibt es dahingegen schon, die auf …exion enden? Wenige: Annexion, Flexion, Komplexion (und ein paar davon abgeleitete Wörter). Es sind auch nicht gerade die am häufigsten vorkommenden Wörter. Als Sprachwissenschaftler hab ich zwar öfter mit der Flexion (= Beugung) zu tun, aber im Allgemeinen ist dies kein allzu häufig verwendeter Begriff. Ich begegne ihm übrigens hin und  wieder in der Form Flektion. Ohne Kenntnisse des lateinischen Ursprungs der Wörter reflektieren (reflectere) und Reflexion (reflexio) kommt man nie darauf, wie das zu reflektieren gehörende Substantiv heißen muss. In Analogie mit den vielen anderen Wörtern auf …ektion ist dann Reflektion eigentlich viel naheliegender.

Ich weiß nicht, ob das Wort Reflektion jeweils aus dem Englischen übernommen wird oder ob es ganz unabhängig davon als Analogiebildung innerhalb des Deutschen entsteht. Wahrscheinlich haben beide Phänomene einen einander verstärkenden Einfluss. Zurzeit sollte man die Verwender von Reflektion noch vorsichtig darauf hinweisen, dass Reflexion besser wäre. Aber wer weiß, vielleicht ist das englisch-deutsche Verschwörerpaar so stark, dass Reflexion einmal von seinem Thron als offizieller Alleinherrscher gestoßen werden wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert, ein Lektor …?

Frage

Wie lautet die Verbentsprechung zum Beruf Lektor? Ein Lektor …?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

hier gibt es leider keine schnittige „Einwortantwort“. Ursprünglich konnte man sagen: Ein Lektor liest. Das Wort geht auf das lateinische lector zurück, das Leser, Vorleser bedeutete. Das entsprechende Verb war legere (u.a. lesen), das es – soweit ich weiß – nicht als fremdes Verb ins Deutsche geschafft hat. Auf legere gehen aber direkt oder indirekt auch Wörter wie Legende, Lektion und Lektüre zurück. Obwohl es verdächtig ähnlich klingt, hat das Wort legieren im Sinne von binden (von z.B. Saucen), miteinander verschmelzen (vgl. Legierung) einen anderen Ursprung: Es geht über italienisch legare auf lateinisch ligare (binden, festbinden, verbinden) zurück.

Im modernen deutschen Sprachgebrauch hängt es vom Beruf oder der Funktion ab, was Lektoren und Lektorinnen genau tun. Es hat allerdings immer irgendetwas mit Lesen zu tun. An einer Universität geben sie Kurse oder leiten sie praktische Übungen. In einem Verlagshaus lesen, prüfen und bearbeiten sie Manuskripte. In Gottesdiensten lesen sie Texte vor. In evangelischen Kirchen können sie auch anstelle des Pfarrers Lesegottesdienste halten.

Es gibt also für Lektor nicht eine so schöne Entsprechung wie zum Beispiel bei ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert oder ein Revisor revidiert. Das kommt auch bei anderen alten Verbableitungen vor (zum Beispiel Aggressor, Autor, Professor). Und selbst wenn es das Verb, von dem ein Nomen ursprünglich abgeleitet worden ist, im modernen Deutschen noch gibt, ist die direkte Entsprechung manchmal nicht mehr gegeben: Heutzutage ist es üblich, dass eine Direktorin ihr Unternehmen führt und ein Rektor sein Bildungsinstitut leitet. Dirigiert und regiert wird meist an anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Berichtigung

In der Zwischenzeit hat eine aufmerksame Blogleserin mich unten in einem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass es doch eine Einwortantwort gibt: lektoriert. Man sagt: Ein Lektor lektoriert (das Wort steht sogar in Canoonet!). Dies gilt jedenfalls, wenn der Lektor oder die Lektorin für einen Verlag tätig ist. Dieser Kommentar zeigt zwei Dinge, nämlich erstens dass man nicht nur in eine Richtung schauen soll und zweitens dass die Sprache so flexibel ist, dass es meistens keine Lücken gibt, wenn man etwas wirklich braucht.

Ich habe beim Verfassen dieses Beitrags den Fehler gemacht, in Analogie mit den anderen Beispielen auch bei Lektor nur nach hinten zu schauen, nämlich dorthin, wo das Wort herkommt. Ich hätte auch vorwärtsschauen müssen. Wörter haben nicht nur einen Ursprung, sondern sie können selber auch wieder Ursprung sein. Man kann nämlich mit -ieren von Fremdwörtern neue Verben bilden, also lektorieren von Lektor ableiten.

Das Verb lektorieren zeigt auch sehr schön, dass wenn es in der Sprache Lücken gibt, diese oft sehr effizient aufgefüllt werden. Wie ich oben so umständlich dargestellt habe, fehlt im heutigen Deutsch die moderne Variante des Verbs, von dem Lektor abgeleitet ist. Davon lassen sich die Menschen der Verlagsbranche aber nicht beeindrucken. Sie haben ganz korrekt ein neues Verb gebildet, damit sie ein Wort haben, mit dem sie ihre Tätigkeit benennen können. Das nennt man dann Sprachwandel und gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten der Sprache.

Ich bedanke mich herzlich bei Marion K. für ihren Hinweis und bitte Frau M. für meine gelinde gesagt unvollständigen Recherchen um Entschuldigung.