Ist Ivanisavic Djokovics Trainer oder Djokovic’ Trainer?

Je nachdem wie man die Namen transkribiert, kann im Titel u. a. auch stehen:

Ist Ivanišavić Đokovićs Trainer oder Đoković’ Trainer

Die Angaben im Artikel gelten für beide Schreibweisen.

Frage

Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im Duden zum Thema Genitiv und Apostroph „neu“ das Beispiel „Andric’ Romane“ stehe. Ich habe bisher bei gesprochenem „itsch“ immer ein -s angehängt, also „Andrics Romane“ usw., und sehe das auch so bei Zeitungen wie der NZZ oder der Zeit. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

auch ich schreibe „Djokovics Trainer“ und „Andrics Romane“ mit einem Genitiv-s, auch wenn im Duden etwas anderes steht.

Wenn -ic am Ende „-its“ gesprochen wird, ist der Apostroph richtig. Das „-ic“ resp. „-ić“ in vom Balkan stammenden Namen wird aber wie „-itsch“ ausgesprochen. Das ist meiner Meinung nach mittlerweile allgemein bekannt. Es gibt dann keinen Grund, das Genitiv-s durch einen Apostroph zu ersetzen. Also:

Djokovics Trainer
Miloševićs Regime
Andrićs Roman „Das Fräulein“

In Duden, „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“, 2016, Stichwort „Apostroph“ 4.1, steht:

Der Apostroph steht heute im Allgemeinen auch zur Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die zwar anders geschrieben werden, aber ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden:

Andrić’ Romane, Cyrankiewicz’ Staatsbesuch usw.

Hier stehen zwei fragwürdige Dinge:

1) „im Allgemeinen“

Bei einer schnellen Suche in Google und in Korpora (z.B. beim DWDS) ist festzustellen, dass der Genitiv solcher Namen viel häufiger mit -s als mit Apostroph geschrieben wird.

2) „Namen, die […] ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden“

Die Regel, dass im Genitiv ein Apostroph geschrieben wird, gilt nach § 96(1) der amtl. Rechtschreibregelung für Namen, die auf ein gesprochenes s enden. Die Beispiele sind:

Aristoteles’ Schriften, Carlos’ Schwester, Ines’ gute Ideen, Felix’ Vorschlag, Heinz’ Geburtstag, Alice’ neue Wohnung

Das ist bei Namen auf „-ic“ nicht der Fall, weil sie in der Regel nicht auf einen s-Laut, sondern auf einen sch-Laut [ʃ] enden. Bei solchen Namen wird im Genitiv ggf. ein s gesprochen und geschrieben. Zum Beispiel:

Frischs Romane,  Milowitschs Theaterkarriere, Timothy Peachs Filmrollen

Die Apostrophregel gilt nach § 96(E2) weiter auch für Namen, deren geschriebene Form auf ein stummes -s, -z oder -x enden:

Cannes’ Filmfestspiele, Boulez’ bedeutender Beitrag, Giraudoux’ Werke.

Das ist hier aus zwei Gründen nicht der Fall: Namen auf „-ic“ enden nicht auf -s, -z oder -x und das -c am Schluss ist nicht stumm, sondern es wird wie „tsch“ ausgesprochen.

Die Schreibung „Andric’ Romane“ lässt sich also weder durch die Rechtschreibregelung noch durch die Aussprache und auch nicht durch den allgemeinen Schreibgebrauch begründen. Ich halte deshalb die Angaben in Duden in diesem Fall für nicht zutreffend, und ich schreibe und empfehle:

Andrics Romane / Andrićs Romane
Djokovics Trainer/ Đokovićs Trainer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Abkürzungen als Namen – und dann im Genitiv: ABCs, ABC’s oder ABC’ Produkte?

Frage

Ich habe hier den Firmennamen ABC, der also auf C endet. Gilt das C als Zischlaut und heißt es dann im Genitiv „von ABC‘ Produkten“ (also von den Produkten der Firma ABC) oder „von ABCs Produkten“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

richtig ist hier die Schreibung mit einem Genitiv-s:

von ABCs Produkten

Entscheidend ist hier die Aussprache. Der Name ABC wird als „abeezee“ gesprochen, der Genitiv als „abezes“. Entsprechend erhält der Genitiv auch in der geschriebenen Form ein -s. Das gilt auch für Abkürzungsnamen mit einem Z [zet] am Schluss:

ein Pass von FCZs Mittelstürmer Alhassane Keita

Bei anderen Buchstaben gibt es kaum Probleme:

BASFs neuer Betriebsstandort
BMWs teuerstes Modell
IBMs Geschäftsleitung
RWEs Kraftwerke
H&Ms Bademode

Nur wenn Namen Abkürzungen sind, die mit einem als Buchstaben gesprochenen S [es] oder X [iks] enden, verzichtet man am besten auf eine Formulierung, die ein Genitiv-s oder einen Apostroph verlangt:

die Versanddienste von GLS (statt GLS’ Versanddienste)
der Geschäftserfolg von THX (statt THX’ Geschäftserfolg)

Bei Namen dieser Art, die mit Artikel verwendet werden, stellt sich wie bei Abkürzungen, die keine Namen sind, die Frage nach dem Apostroph nicht. Sie stehen je nach Aussprache mit einem Genitiv-s oder ohne Endung:

die Programme des ZDFs o. des ZDF
das Erlernen des Abcs o. des Abc
der Mittelstürmer des FCZs o. des FCZ
die Vorteile des ABS

Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Kombination von Apostroph und s nicht vorkommt. Man schreibt tatsächlich nicht ABC’s, BMW’s, RWE’s oder GLS’s – jedenfalls nicht, wenn man sich an die Rechtschreibregelung halten möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein wenig, ein bisschen und der Genitiv

Frage

Ich habe eine Frage zu „ein wenig“ und „ein bisschen“ in Bezug auf den Genitiv. Sind folgende Formulierungen korrekt?

wegen ein wenig Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch

Ist auch der Genitiv möglich?

wegen ein wenig Weins/Milchs
wegen ein bisschen Weins/Milchs

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn auf „ein wenig“ und „ein bisschen“ ein allein stehendes Substantiv folgt, kann es nicht im Genitiv stehen. Im Singular ist dann die ungebeugte Form (Nominativ) üblich, wie Sie dies in Ihren ersten Beispielen getan haben:

wegen ein wenig Wein
wegen ein bisschen Milch

So weit, so einfach. Die Beugung bei „ein wenig“ und insbesondere bei „ein bisschen“ hat aber noch ein paar Finessen bereit:

Wenn das Substantiv mit einem gebeugten Adjektiv o. Ä. steht, kommt doch der Genitiv zum Zug:

wegen ein wenig roten Weins
wegen ein bisschen frischer Milch

Bei „ein bisschen“ bleibt „bisschen“ immer ungebeugt, aber der unbestimmte Artikel kann gebeugt werden. Wenn man sich für die Beugung des Artikels entscheidet, steht auch das Substantiv im Genitiv (auch wenn mir das irgendwie nicht „logisch“ vorkommt):

wegen eines bisschen Weins
wegen eines bisschen Stoffs

Mit einem gebeugten Adjektiv:

wegen eines bisschen roten Weins
wegen eines bisschen frischer Milch

Und wenn wir schon dabei sind: Wie sieht es diesbezüglich im Dativ aus? – Ganz ähnlich, das heißt, „ein wenig“ bleibt ungebeugt und bei „ein bisschen“ kann der unbestimmte Artikel gebeugt werden:

mit ein wenig [rotem] Wein
mit ein/einem bisschen [frischer] Milch

Und nun „zusammenfassend“ für die Liebhaber und Liebhaberinnen von Tabellen und Ähnlichem

ein wenig Wein/Milch
für ein wenig Wein/Milch
mit ein wenig Wein/Milch
wegen ein wenig Wein/Milch

ein wenig roter Wein/frische Milch
für ein wenig roten Wein/frische Milch
mit ein wenig rotem Wein/frischer Milch
wegen ein wenig roten Weins/frischer Milch

ein bisschen Wein/Milch
für ein bisschen Wein/Milch
mit ein/einem bisschen Wein/Milch
wegen ein bisschen Wein/Milch
wegen eines bisschen Weins/Milch

ein bisschen roter Wein/frische Milch
für ein bisschen roten Wein/frische Milch
mit ein/einem bisschen rotem Wein/frischer Milch
wegen ein/eines bisschen roten Weins/frischer Milch

Mit der Bitte um ein wenig Nachsicht, weil es ein bisschen viel Information geworden ist, und mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

———

Nachtrag für „unverbesserliche“ Genitivfans:

Nach „ein wenig“ und „ein bisschen“ ist der partitive Genitiv nicht gebräuchlich. Es heißt also nicht:

Ein wenig/Ein bisschen frischer Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Weins
mit ein wenig/ein[em] bisschen guten Willens

sondern wie nach zum Beispiel „viel“ oder „wenig“:

Ein wenig/Ein bisschen frische Luft tut gut.
für ein wenig/ein bisschen roten Wein
mit ein wenig/ein[em] bisschen gutem Willen

„Ein Becher edler Weisheit“ – Die Bedeutung des Genitivs

Frage

Meine Frage bezieht sich auf den Genitivus Qualitatis, der, so der Duden, eine Eigenschaft oder Beschaffenheit des im Bezugswort Genannten bezeichnet. Auf das Problem gestoßen bin ich bei der Übersetzung des Satzteils „A cup of noble wisdom“ mit „ein Becher edler Weisheit“. Diese Übersetzung lehnt sich an bekannte Beispiele dieses Genitivus an, z. B. „ein Glas köstlichen Weins“ usw.

Das Problem ist nun folgendes: Im Fall von Behältnissen wie „Glas“, „Becher“, „Tasse“ o. ä. muss ja der Unterschied kenntlich gemacht werden zwischen dem Inhalt und der Eigenschaft bzw. Beschaffenheit des Gefäßes. Ein Becher reinen Goldes bezeichnet laut obiger Dudendefinition eben nicht einen Becher angefüllt mit reinem Gold, sondern einen Becher aus reinem Gold.

Auf obige Übersetzung bezogen eröffnet sich nun die Bredouille: Ist schon der englische Satz falsch (oder zumindest zweideutig) oder nur die deutsche Übersetzung, und falls Letzteres der Fall ist, wären dann auch gängige Sätze wie „ein Glas köstlichen Weins“ oder „eine Flasche reinsten Wassers“ falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

alle Formulierungen, um die es in Ihrer Frage geht, sind korrekt. Das liegt daran, dass der Genitiv mehr als eine Funktion haben kann.

Mit Genitivattributen können sehr verschiedene Verhältnisse ausgedrückt werden. Es ist deshalb nicht immer eindeutig, welche Art des Verhältnisses gemeint ist. In der Regel ergibt sich aus der Wortbedeutung und dem weiteren Kontext, was genau gesagt wird. Hier ein paar Beispiele, in denen ohne Kontext nicht klar ist, was genau ausgedrückt werden soll:

die Beschreibung des Angeklagten
= die Beschreibung durch den Angeklagten (Genitivus subiectivus)
= der Angeklagte wird beschrieben (Genitivus obiectivus)

das Foto meiner Schwester
= meine Schwester hat das Foto gemacht (Genitivus Auctoris)
= das Foto gehört meiner Schwester (Genitivus possessivus)
= meine Schwester ist auf dem Foto abgebildet

eine Kiste edlen Holzes*
= eine Kiste gefüllt mit edlem Holz (Genitivus partitivus)
= eine Kiste aus edlem Holz (Genitivus Qualitatis)

Bei Ihrem Beispiel „ein Becher reinen Goldes“ ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um einen Becher aus reinem Gold handelt und nicht um einen Becher voll (flüssigen?) reinen Goldes:

ein Becher reinen Goldes* (= Genitivus Qualitatis)
= ein Becher aus reinem Gold

Bei „ein Glas köstlichen Weines“ hingegen ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter, dass es sich nicht um ein Glas aus köstlichem Wein, sondern um ein Glas voll köstlichen Weines handeln muss:

ein Glas köstlichen Weins* (= Genitivus partitivus)
= ein Glass gefüllt mit köstlichem Weins; ein Glas köstlicher Wein

Bei Gefäßen kann ein Genitivattribut also (unter anderem) die Beschaffenheit, aber auch den Inhalt angeben. In der Regel ergibt sich wie bei zum Beispiel „Becher–Gold“ und „Glas–Wein“ aus der Wortbedeutung, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist und auch der weitere Kontext keine Klarheit schafft, sollte umformuliert werden: „eine Kiste gefüllt mit edlem Holz“ bzw. „eine Kiste aus edlem Holz“.

Bei „a cup of noble wisdom“ und „ein Becher edler Weisheit“ ist es wegen der übertragenen Bedeutung weniger sicher, dass es sich um einen Becher voll edler Weisheit (Genitivus partitivus) handelt. Es könnte sich auch um einen Becher aus edler Weisheit (Genitivus Qualitatis) handeln. Aber selbst oder gerade wenn sich aus dem weiteren Kontext nicht erschließt, was genau gemeint ist, können Sie Ihre Übersetzung so stehen lassen – die gleiche Unsicherheit besteht ja auch bei „a cup of noble wisdom“.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Heute wird hier außer in poetischer oder gehobener Sprache anders formuliert:

eine Kiste edles Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Glas köstlicher Wein (statt: ein Glas köstlichen Weins)
eine Kiste aus edlem Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Becher aus reinem Gold (statt: ein Becher reinen Goldes)

———–

Möge auf das Jahr der Pandemie ein Jahr der Wiederaufnahme des „normalen“ Lebens folgen! Ich wünsche ein gutes, glückliches und gesundes neues Jahr!

Wieder einmal „einschließlich“ und der Genitiv

Heute wieder einmal „einschließlich“, weil’s so schön komplex ist:

Frage

Ich habe gerade folgenden Satz übersetzt: 

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichem Notdienst.

Normalerweise muss bei „einschließlich“ ja der Genitiv stehen und der Dativ lediglich in gewissen Fällen im Plural. Dennoch scheint mir der Dativ in diesem Fall vom Gefühl her richtig zu sein. Was ist richtig, Dativ oder Genitiv?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

man hört und liest zwar häufig andere Formulierungen, aber standardsprachlich gilt in Ihrem Satz nur der Genitiv als richtig:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichen Notdienstes.

Das macht irgendwie einen sehr gehobenen oder gezierten Eindruck. Die Formulierung klingt vielleicht etwas natürlicher, wenn Sie den Artikel einfügen:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. des ärztlichen Notdienstes.

Warum wird häufig anders formuliert und warum sind wir häufig unsicher? Es könnte damit zu tun haben, dass standardsprachliches „einschließlich“ im Prinzip zwar den Genitiv verlangt:

die Versandkosten einschließlich des Portos
Catering einschließlich aller Getränke
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich [des] ärztlichen Notdienstes

… dass dem aber auch standardsprachlich nicht immer so ist. Die wichtigsten Ausnahmen sind:

Ein allein stehendes Substantiv (ohne vorhergehendes gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv) im Singular wird in der Regel nicht gebeugt:

die Versandkosten einschließlich Porto
die Seitenzahl einschließlich Inhaltsverzeichnis
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich Notdienst

Ein Substantiv im Plural, das nicht von „der“ und oder einem anderen Wort mit der Genitivendung -er begleitet wird, steht im Dativ:

Catering einschließlich Getränken
zehn Personen einschließlich Familienmitgliedern und Freunden
LED-Lichtpaket einschließlich vier Rückfahrscheinwerfern

Und damit es so richtig schön kompliziert wird, sei noch erwähnt, dass die Eigennamen sich sich zum Teil anders verhalten:

viele Länder einschließlich Italien/Italiens
alle Gemeinden einschließlich Wien/Wiens
fünf Personen einschließlich Peter
die Vorstandsmitglieder einschließlich Sandra Meier

Ist es verwunderlich, dass uns bei so vielen Sonderregeln nach „einschließlich“ (und übrigens auch „ausschließlich“, „inklusive“ und „exklusive“) hin und wieder die Fälle durcheinandergeraten?! Eine kurze Zusammenfassung für „Notfälle“ finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich wenigem/wenig/??? bewusst sein

Frage

In einem Text steht der Satz: „So wenigem ist man sich bewusst.“ Ich weiß, dass „sich bewusst sein“ den Genitiv erfordert, aber das klingt dann irgendwie schräg. Lasse ich „wenig“ unflektiert?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Wendung „sich einer Sache bewusst sein“ verlangt tatsächlich ein Genitivobjekt:

eine Frau, die sich ihres Erfolgs bewusst war
Ich bin mir dessen bewusst.

Die Dativform „wenigem“ gilt deshalb als nicht korrekt.

nicht: *So wenigem ist man sich bewusst.

Das Problem ist hier wieder einmal die sogenannte Genitivregel:

Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn diese zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Wortgruppe enthält mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv.
2) Die Wortgruppe enthält mindestens ein Wort mit Endung -es/-s oder -er.

Zum ersten Teil der Regel gibt es ein paar wenige Ausnahmen** (wie könnte es auch anders sein!). Der zweite Teil der Regel muss fast immer erfüllt sein (Ausnahme: „dessen/derer/deren“). Die allein stehenden Genitivform „wenigen“ erfüllt keine der beiden Bedingungen. Das ist der Grund, weshalb der Satz mit „wenigen“ schräg oder falsch klingt.

nicht: *So wenigen ist man sich bewusst.

Auch der ungebeugten Form „wenig“ fehlt eine entsprechende Genitivendung:

nicht: *So wenig ist man sich bewusst.

Damit kann nur gemeint sein: „In so geringem Maße (= so wenig) ist man sich bewusst“. Außerdem fehlt das Genitivobjekt, das heißt die Sache, derer man sich wenig bewusst ist.

Was ist also die Lösung, wenn der Genitiv verlangt wird, dieser aber nicht passt und man auch nicht auf den Dativ ausweichen darf? – Man muss anders formulieren. Man kann die Wortgruppe so anpassen, dass sie die Bedingungen der Genitivregel erfüllt:

So weniger Dinge ist man sich bewusst.

Es ist aber auch möglich, die Formulierung so zu ändern, dass kein Genitivobjekt mehr Schwierigkeiten macht:

So wenig ist einem bewusst.
So wenige Dinge sind uns bewusst.

Die oben genannte Genitivregel ist übrigens außerhalb der Grammatikwelt nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Fälle wie diesen meistens mehr oder weniger bewusst vermeidet und „automatisch“ anders formuliert. Ihre Frage zeigt aber, dass bewusste Sprachbenutzerinnen und -benutzer doch hin und wieder auf diese Grammatikhürde stoßen und es dann hilfreich sein kann, einmal etwas von der Genitivregeln gehört zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In gewissen Fällen kann auch ein allein stehendes Substantiv im Genitiv stehen. Zum Beispiel:

Sandros Ferienpläne
das Wahrzeichen Wiens (auch: das Wahrzeichen von Wien)
wegen Umbaus geschlossen (meist: wegen Umbau geschlossen)

Der Genitiv substantivierter Adverbien: des Nirgendwos oder des Nirgendwo?

Frage

Ich habe neulich im Internet nach einer Regel recherchiert, die etwas darüber aussagt, ob substantivierte Adverbien dekliniert werden müssen oder nicht. […] In meinem Fall geht es um „das Nirgendwo“ und die Frage, ob es im Genitiv „des Nirgendwos“ heißen müsste. Ich habe mich dagegen entschieden, weil „des Nirgendwo“ mehr (hochwertige) Google-Treffer ergeben hat. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

spontan würde ich sagen, dass beides möglich ist: „des Nirgendwo“ und „des Nirgendwos“. Da ich mich aber nicht nur auf das „Sprachgefühl“ verlassen möchte, habe ich auch ein bisschen recherchiert und bin zum gleichen Schluss gekommen wie Sie: Grammatiken und Wörterbücher lassen uns hier im Stich, das heißt, es gibt kaum Angaben dazu, wie man substantivierte Adverbien und Konjunktionen dekliniert.

Ein paar Ausnahmen gibt es: Nach Duden ist es zum Beispiel „des Wenns“, „des Aber/Abers“, „des Miteinander/Miteinanders“. Nach DWDS und PONS ist es jedoch nur „des Abers“. Zu den anderen Wörtern gibt es dort keine Angaben. Wenn man also überhaupt Angaben findet, sind sie widersprüchlich.

Es bleibt also nur noch, sich auf Korpora (große Textsammlungen wie zum Beispiel diese) und das „allwissende“ Google zu stützen. Vor allem bei Letzterem ist dabei große Vorsicht in Acht zu nehmen, denn nicht alles, was man findet, ist, was man wirklich sucht. So ergibt die Suche nach „des Abers“ viele Fundstellen im Netz, es geht dabei aber sehr häufig um das Pays des Abers, eine wahrscheinlich sehr schöne Landschaft in der französischen Bretagne. Ein guter Ferientipp, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Bei der Suche „des Oder“ findet man vor allem Verweise auf Textstellen wie „des oder der Vorsitzenden“. Auch das ist nicht, wonach wir suchen.

Die Suche in Wörterbüchern, in Korpora und im Internet hat trotzdem ziemlich „eindeutig“ ergeben, dass meistens beides vorkommt. Substantivierte Adverbien und Konjunktionen haben im Genitiv ein s oder sie sind endungslos:

des Miteinanders o. des Miteinander
des Warums o. des Warum
des Untens und des Obens o. des Unten und des Oben
des Abers o. des Aber
des Wenns o. des Wenn (entgegen der Dudenangabe häufig auch ohne s)
des Irgendwos o. des Irgendwo
des Nirgendwos o. des Nirgendwo

Je häufiger oder gebräuchlicher eine Substantivierung dieser Art ist, desto mehr wird sie zu einem „gewöhnlichen“ Wort und desto stärker scheint die Tendenz zu einem Genitiv mit s zu sein. So findet sich zum Beispiel für das nicht sehr gebräuchliche „das Warum“ im DWDS-Korpus häufiger „des Warum“ als „des Warums“. Umgekehrt kommt das als Substantivierung gut etablierte „das Durcheinander“ im Genitiv fast nur als „des Durcheinanders“ vor.

Eine feste Regel gibt es hier nicht (sie befindet sich sozusagen im Reich des Nirgendwo[s]). In diesen Fällen können Sie also wählen, was Ihnen besser zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

Der Sinn jedes oder jeden Fragens?

Über den Sinn aller Fragen möchte ich mich hier natürlich nicht äußern. Das Thema wäre mir ein paar Größen zu groß. Es geht nur um das Pronomen „jeder/jede/jedes“. Immer wieder gibt es Fragen zu diesem Wort, vor allem wenn es im Genitiv stehen soll.

Frage

Heißt es „der Sinn jedes Fragens“ oder „der Sinn jeden Fragens“ ?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihre Frage ist verständlich, denn dieses Wort hat im männlichen und sächlichen Genitiv Singular zwei Formen: „jedes“ mit der Endung –es, wie es sich für ein Pronomen gehört, und in gewissen Fällen auch „jeden“ mit der Endung –en wie ein Adjektiv.

Im Genitiv steht vor einem männlichen oder sächlichen Nomen, das die Genitivendung –s oder –es hat, häufig „jeden“ statt „jedes“. Beide Formen kommen vor und beide gelten als korrekt:

im Leben jedes Mannes / jeden Mannes
die Unterdrückung jedes Widerspruchs / jeden Widerspruchs
der Sinn jedes Fragens / jeden Fragens

Vor einem Nomen, das nicht die Genitivendung –s oder –es hat, steht immer nur „jedes“:

im Leben jedes Menschen
im Interesse jedes Einzelnen
die Unterdrückung jedes Individualismus

Vor einem Adjektiv steht in der Regel ebenfalls „jedes“:

im Leben jedes jungen Mannes
die Unterdrückung jedes noch so kleinen Widerstands
im Interesse jedes einzelnen Menschen

Umgekehrt steht in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“:

am Ende eines jeden Monats
im Interesse eines jeden Menschen

Eine allumfassende goldene Regel kann ich Ihnen hier leider nicht angeben. Zusammengefasst lässt sich nur sagen,

  • dass immer mindesten ein Element einer solchen Wortgruppe die Genitivendung –s oder –es aufweisen muss und
  • dass in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“ stehen darf.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Grammatikseite (dort sehen Sie weiter, dass für die folgenden Genitivformen Ähnliches gilt: alles/allen, irgendwelches/irgendwelchen, jedwedes/jedweden, jegliches/jeglichen, manches/manchen und welches/welchen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Trotz [dem/des] Hinzufügen[s] der Fahrzeit?

Frage

Ich stehe leider schon wieder vor einem Problem. Meist ist es ja so, dass man sich bei zwei Schreibweisen unsicher ist, doch bei mir sind es ausnahmsweise mal vier Stück.

Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz dem Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz des Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden

Es geht mir um die richtige Formulierung nach „trotz“. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, dass es hier mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das hat einerseits mit dem Fall zu tun, den trotz verlangt, andererseits mit der Verwendung bzw. dem Weglassen des Artikels.

Nach trotz steht heute häufig der Genitiv. Seltener und vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird auch der Dativ verwendet, der ursprünglich auf trotz folgte (vgl. trotzdem; jemandem/einem Umstand zum Trotz), der aber im Laufe der Zeit immer mehr durch den Genitiv verdrängt worden ist. Möglich sind also mit Artikel diese beiden Formulierungen:

trotz des Hinzufügens der Fahrzeit …
trotz dem Hinzufügen der Fahrzeit …

Wenn man eher stichwortartig formuliert, kann der Artikel auch weggelassen werden:

trotz Hinzufügen der Fahrzeit …

Dies ist die übliche Formulierung. Die Frage, ob Hinzufügen hier ein Dativ, ein Nominativ oder eine endungslose Form ist, überlasse ich den Theorieinteressierten.

Wenn ein Substantiv allein steht, ist die Form mit Genitiv-s nicht üblich, aber nicht grundsätzlich falsch. (Verwendet wird sie vor allem von großen Genitiv-Fans und von Verunsicherten, die vermeiden möchten, sich Genitivfehler vorwerfen lassen zu müssen.)

trotz Hinzufügens der Fahrzeit …

Mehr zum Fall nach „trotz“ finden Sie hier.

Die vier Varianten, die Sie vorschlagen, sind also alle möglich – dabei kann man trotz guter Kenntnisse oder trotz guten Kenntnissen schon einmal ein bisschen ins Zweifeln geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp