„Ein Becher edler Weisheit“ – Die Bedeutung des Genitivs

Frage

Meine Frage bezieht sich auf den Genitivus Qualitatis, der, so der Duden, eine Eigenschaft oder Beschaffenheit des im Bezugswort Genannten bezeichnet. Auf das Problem gestoßen bin ich bei der Übersetzung des Satzteils „A cup of noble wisdom“ mit „ein Becher edler Weisheit“. Diese Übersetzung lehnt sich an bekannte Beispiele dieses Genitivus an, z. B. „ein Glas köstlichen Weins“ usw.

Das Problem ist nun folgendes: Im Fall von Behältnissen wie „Glas“, „Becher“, „Tasse“ o. ä. muss ja der Unterschied kenntlich gemacht werden zwischen dem Inhalt und der Eigenschaft bzw. Beschaffenheit des Gefäßes. Ein Becher reinen Goldes bezeichnet laut obiger Dudendefinition eben nicht einen Becher angefüllt mit reinem Gold, sondern einen Becher aus reinem Gold.

Auf obige Übersetzung bezogen eröffnet sich nun die Bredouille: Ist schon der englische Satz falsch (oder zumindest zweideutig) oder nur die deutsche Übersetzung, und falls Letzteres der Fall ist, wären dann auch gängige Sätze wie „ein Glas köstlichen Weins“ oder „eine Flasche reinsten Wassers“ falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

alle Formulierungen, um die es in Ihrer Frage geht, sind korrekt. Das liegt daran, dass der Genitiv mehr als eine Funktion haben kann.

Mit Genitivattributen können sehr verschiedene Verhältnisse ausgedrückt werden. Es ist deshalb nicht immer eindeutig, welche Art des Verhältnisses gemeint ist. In der Regel ergibt sich aus der Wortbedeutung und dem weiteren Kontext, was genau gesagt wird. Hier ein paar Beispiele, in denen ohne Kontext nicht klar ist, was genau ausgedrückt werden soll:

die Beschreibung des Angeklagten
= die Beschreibung durch den Angeklagten (Genitivus subiectivus)
= der Angeklagte wird beschrieben (Genitivus obiectivus)

das Foto meiner Schwester
= meine Schwester hat das Foto gemacht (Genitivus Auctoris)
= das Foto gehört meiner Schwester (Genitivus possessivus)
= meine Schwester ist auf dem Foto abgebildet

eine Kiste edlen Holzes*
= eine Kiste gefüllt mit edlem Holz (Genitivus partitivus)
= eine Kiste aus edlem Holz (Genitivus Qualitatis)

Bei Ihrem Beispiel „ein Becher reinen Goldes“ ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um einen Becher aus reinem Gold handelt und nicht um einen Becher voll (flüssigen?) reinen Goldes:

ein Becher reinen Goldes* (= Genitivus Qualitatis)
= ein Becher aus reinem Gold

Bei „ein Glas köstlichen Weines“ hingegen ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter, dass es sich nicht um ein Glas aus köstlichem Wein, sondern um ein Glas voll köstlichen Weines handeln muss:

ein Glas köstlichen Weins* (= Genitivus partitivus)
= ein Glass gefüllt mit köstlichem Weins; ein Glas köstlicher Wein

Bei Gefäßen kann ein Genitivattribut also (unter anderem) die Beschaffenheit, aber auch den Inhalt angeben. In der Regel ergibt sich wie bei zum Beispiel „Becher–Gold“ und „Glas–Wein“ aus der Wortbedeutung, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist und auch der weitere Kontext keine Klarheit schafft, sollte umformuliert werden: „eine Kiste gefüllt mit edlem Holz“ bzw. „eine Kiste aus edlem Holz“.

Bei „a cup of noble wisdom“ und „ein Becher edler Weisheit“ ist es wegen der übertragenen Bedeutung weniger sicher, dass es sich um einen Becher voll edler Weisheit (Genitivus partitivus) handelt. Es könnte sich auch um einen Becher aus edler Weisheit (Genitivus Qualitatis) handeln. Aber selbst oder gerade wenn sich aus dem weiteren Kontext nicht erschließt, was genau gemeint ist, können Sie Ihre Übersetzung so stehen lassen – die gleiche Unsicherheit besteht ja auch bei „a cup of noble wisdom“.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Heute wird hier außer in poetischer oder gehobener Sprache anders formuliert:

eine Kiste edles Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Glas köstlicher Wein (statt: ein Glas köstlichen Weins)
eine Kiste aus edlem Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Becher aus reinem Gold (statt: ein Becher reinen Goldes)

———–

Möge auf das Jahr der Pandemie ein Jahr der Wiederaufnahme des „normalen“ Lebens folgen! Ich wünsche ein gutes, glückliches und gesundes neues Jahr!

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Wieder einmal „einschließlich“ und der Genitiv

Heute wieder einmal „einschließlich“, weil’s so schön komplex ist:

Frage

Ich habe gerade folgenden Satz übersetzt: 

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichem Notdienst.

Normalerweise muss bei „einschließlich“ ja der Genitiv stehen und der Dativ lediglich in gewissen Fällen im Plural. Dennoch scheint mir der Dativ in diesem Fall vom Gefühl her richtig zu sein. Was ist richtig, Dativ oder Genitiv?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

man hört und liest zwar häufig andere Formulierungen, aber standardsprachlich gilt in Ihrem Satz nur der Genitiv als richtig:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. ärztlichen Notdienstes.

Das macht irgendwie einen sehr gehobenen oder gezierten Eindruck. Die Formulierung klingt vielleicht etwas natürlicher, wenn Sie den Artikel einfügen:

Es handelt sich bei dieser Versicherung um eine kombinierte Reiserücktritt- und Abbruchversicherung einschl. des ärztlichen Notdienstes.

Warum wird häufig anders formuliert und warum sind wir häufig unsicher? Es könnte damit zu tun haben, dass standardsprachliches „einschließlich“ im Prinzip zwar den Genitiv verlangt:

die Versandkosten einschließlich des Portos
Catering einschließlich aller Getränke
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich [des] ärztlichen Notdienstes

… dass dem aber auch standardsprachlich nicht immer so ist. Die wichtigsten Ausnahmen sind:

Ein allein stehendes Substantiv (ohne vorhergehendes gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv) im Singular wird in der Regel nicht gebeugt:

die Versandkosten einschließlich Porto
die Seitenzahl einschließlich Inhaltsverzeichnis
Reise- und Abbruchversicherung einschließlich Notdienst

Ein Substantiv im Plural, das nicht von „der“ und oder einem anderen Wort mit der Genitivendung -er begleitet wird, steht im Dativ:

Catering einschließlich Getränken
zehn Personen einschließlich Familienmitgliedern und Freunden
LED-Lichtpaket einschließlich vier Rückfahrscheinwerfern

Und damit es so richtig schön kompliziert wird, sei noch erwähnt, dass die Eigennamen sich sich zum Teil anders verhalten:

viele Länder einschließlich Italien/Italiens
alle Gemeinden einschließlich Wien/Wiens
fünf Personen einschließlich Peter
die Vorstandsmitglieder einschließlich Sandra Meier

Ist es verwunderlich, dass uns bei so vielen Sonderregeln nach „einschließlich“ (und übrigens auch „ausschließlich“, „inklusive“ und „exklusive“) hin und wieder die Fälle durcheinandergeraten?! Eine kurze Zusammenfassung für „Notfälle“ finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sich wenigem/wenig/??? bewusst sein

Frage

In einem Text steht der Satz: „So wenigem ist man sich bewusst.“ Ich weiß, dass „sich bewusst sein“ den Genitiv erfordert, aber das klingt dann irgendwie schräg. Lasse ich „wenig“ unflektiert?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Wendung „sich einer Sache bewusst sein“ verlangt tatsächlich ein Genitivobjekt:

eine Frau, die sich ihres Erfolgs bewusst war
Ich bin mir dessen bewusst.

Die Dativform „wenigem“ gilt deshalb als nicht korrekt.

nicht: *So wenigem ist man sich bewusst.

Das Problem ist hier wieder einmal die sogenannte Genitivregel:

Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn diese zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Wortgruppe enthält mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv.
2) Die Wortgruppe enthält mindestens ein Wort mit Endung -es/-s oder -er.

Zum ersten Teil der Regel gibt es ein paar wenige Ausnahmen** (wie könnte es auch anders sein!). Der zweite Teil der Regel muss fast immer erfüllt sein (Ausnahme: „dessen/derer/deren“). Die allein stehenden Genitivform „wenigen“ erfüllt keine der beiden Bedingungen. Das ist der Grund, weshalb der Satz mit „wenigen“ schräg oder falsch klingt.

nicht: *So wenigen ist man sich bewusst.

Auch der ungebeugten Form „wenig“ fehlt eine entsprechende Genitivendung:

nicht: *So wenig ist man sich bewusst.

Damit kann nur gemeint sein: „In so geringem Maße (= so wenig) ist man sich bewusst“. Außerdem fehlt das Genitivobjekt, das heißt die Sache, derer man sich wenig bewusst ist.

Was ist also die Lösung, wenn der Genitiv verlangt wird, dieser aber nicht passt und man auch nicht auf den Dativ ausweichen darf? – Man muss anders formulieren. Man kann die Wortgruppe so anpassen, dass sie die Bedingungen der Genitivregel erfüllt:

So weniger Dinge ist man sich bewusst.

Es ist aber auch möglich, die Formulierung so zu ändern, dass kein Genitivobjekt mehr Schwierigkeiten macht:

So wenig ist einem bewusst.
So wenige Dinge sind uns bewusst.

Die oben genannte Genitivregel ist übrigens außerhalb der Grammatikwelt nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Fälle wie diesen meistens mehr oder weniger bewusst vermeidet und „automatisch“ anders formuliert. Ihre Frage zeigt aber, dass bewusste Sprachbenutzerinnen und -benutzer doch hin und wieder auf diese Grammatikhürde stoßen und es dann hilfreich sein kann, einmal etwas von der Genitivregeln gehört zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In gewissen Fällen kann auch ein allein stehendes Substantiv im Genitiv stehen. Zum Beispiel:

Sandros Ferienpläne
das Wahrzeichen Wiens (auch: das Wahrzeichen von Wien)
wegen Umbaus geschlossen (meist: wegen Umbau geschlossen)

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Der Genitiv substantivierter Adverbien: des Nirgendwos oder des Nirgendwo?

Frage

Ich habe neulich im Internet nach einer Regel recherchiert, die etwas darüber aussagt, ob substantivierte Adverbien dekliniert werden müssen oder nicht. […] In meinem Fall geht es um „das Nirgendwo“ und die Frage, ob es im Genitiv „des Nirgendwos“ heißen müsste. Ich habe mich dagegen entschieden, weil „des Nirgendwo“ mehr (hochwertige) Google-Treffer ergeben hat. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

spontan würde ich sagen, dass beides möglich ist: „des Nirgendwo“ und „des Nirgendwos“. Da ich mich aber nicht nur auf das „Sprachgefühl“ verlassen möchte, habe ich auch ein bisschen recherchiert und bin zum gleichen Schluss gekommen wie Sie: Grammatiken und Wörterbücher lassen uns hier im Stich, das heißt, es gibt kaum Angaben dazu, wie man substantivierte Adverbien und Konjunktionen dekliniert.

Ein paar Ausnahmen gibt es: Nach Duden ist es zum Beispiel „des Wenns“, „des Aber/Abers“, „des Miteinander/Miteinanders“. Nach DWDS und PONS ist es jedoch nur „des Abers“. Zu den anderen Wörtern gibt es dort keine Angaben. Wenn man also überhaupt Angaben findet, sind sie widersprüchlich.

Es bleibt also nur noch, sich auf Korpora (große Textsammlungen wie zum Beispiel diese) und das „allwissende“ Google zu stützen. Vor allem bei Letzterem ist dabei große Vorsicht in Acht zu nehmen, denn nicht alles, was man findet, ist, was man wirklich sucht. So ergibt die Suche nach „des Abers“ viele Fundstellen im Netz, es geht dabei aber sehr häufig um das Pays des Abers, eine wahrscheinlich sehr schöne Landschaft in der französischen Bretagne. Ein guter Ferientipp, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Bei der Suche „des Oder“ findet man vor allem Verweise auf Textstellen wie „des oder der Vorsitzenden“. Auch das ist nicht, wonach wir suchen.

Die Suche in Wörterbüchern, in Korpora und im Internet hat trotzdem ziemlich „eindeutig“ ergeben, dass meistens beides vorkommt. Substantivierte Adverbien und Konjunktionen haben im Genitiv ein s oder sie sind endungslos:

des Miteinanders o. des Miteinander
des Warums o. des Warum
des Untens und des Obens o. des Unten und des Oben
des Abers o. des Aber
des Wenns o. des Wenn (entgegen der Dudenangabe häufig auch ohne s)
des Irgendwos o. des Irgendwo
des Nirgendwos o. des Nirgendwo

Je häufiger oder gebräuchlicher eine Substantivierung dieser Art ist, desto mehr wird sie zu einem „gewöhnlichen“ Wort und desto stärker scheint die Tendenz zu einem Genitiv mit s zu sein. So findet sich zum Beispiel für das nicht sehr gebräuchliche „das Warum“ im DWDS-Korpus häufiger „des Warum“ als „des Warums“. Umgekehrt kommt das als Substantivierung gut etablierte „das Durcheinander“ im Genitiv fast nur als „des Durcheinanders“ vor.

Eine feste Regel gibt es hier nicht (sie befindet sich sozusagen im Reich des Nirgendwo[s]). In diesen Fällen können Sie also wählen, was Ihnen besser zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

Kommentare

Der Sinn jedes oder jeden Fragens?

Über den Sinn aller Fragen möchte ich mich hier natürlich nicht äußern. Das Thema wäre mir ein paar Größen zu groß. Es geht nur um das Pronomen „jeder/jede/jedes“. Immer wieder gibt es Fragen zu diesem Wort, vor allem wenn es im Genitiv stehen soll.

Frage

Heißt es „der Sinn jedes Fragens“ oder „der Sinn jeden Fragens“ ?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihre Frage ist verständlich, denn dieses Wort hat im männlichen und sächlichen Genitiv Singular zwei Formen: „jedes“ mit der Endung –es, wie es sich für ein Pronomen gehört, und in gewissen Fällen auch „jeden“ mit der Endung –en wie ein Adjektiv.

Im Genitiv steht vor einem männlichen oder sächlichen Nomen, das die Genitivendung –s oder –es hat, häufig „jeden“ statt „jedes“. Beide Formen kommen vor und beide gelten als korrekt:

im Leben jedes Mannes / jeden Mannes
die Unterdrückung jedes Widerspruchs / jeden Widerspruchs
der Sinn jedes Fragens / jeden Fragens

Vor einem Nomen, das nicht die Genitivendung –s oder –es hat, steht immer nur „jedes“:

im Leben jedes Menschen
im Interesse jedes Einzelnen
die Unterdrückung jedes Individualismus

Vor einem Adjektiv steht in der Regel ebenfalls „jedes“:

im Leben jedes jungen Mannes
die Unterdrückung jedes noch so kleinen Widerstands
im Interesse jedes einzelnen Menschen

Umgekehrt steht in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“:

am Ende eines jeden Monats
im Interesse eines jeden Menschen

Eine allumfassende goldene Regel kann ich Ihnen hier leider nicht angeben. Zusammengefasst lässt sich nur sagen,

  • dass immer mindesten ein Element einer solchen Wortgruppe die Genitivendung –s oder –es aufweisen muss und
  • dass in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“ stehen darf.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Grammatikseite (dort sehen Sie weiter, dass für die folgenden Genitivformen Ähnliches gilt: alles/allen, irgendwelches/irgendwelchen, jedwedes/jedweden, jegliches/jeglichen, manches/manchen und welches/welchen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Trotz [dem/des] Hinzufügen[s] der Fahrzeit?

Frage

Ich stehe leider schon wieder vor einem Problem. Meist ist es ja so, dass man sich bei zwei Schreibweisen unsicher ist, doch bei mir sind es ausnahmsweise mal vier Stück.

Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz dem Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz des Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden

Es geht mir um die richtige Formulierung nach „trotz“. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, dass es hier mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das hat einerseits mit dem Fall zu tun, den trotz verlangt, andererseits mit der Verwendung bzw. dem Weglassen des Artikels.

Nach trotz steht heute häufig der Genitiv. Seltener und vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird auch der Dativ verwendet, der ursprünglich auf trotz folgte (vgl. trotzdem; jemandem/einem Umstand zum Trotz), der aber im Laufe der Zeit immer mehr durch den Genitiv verdrängt worden ist. Möglich sind also mit Artikel diese beiden Formulierungen:

trotz des Hinzufügens der Fahrzeit …
trotz dem Hinzufügen der Fahrzeit …

Wenn man eher stichwortartig formuliert, kann der Artikel auch weggelassen werden:

trotz Hinzufügen der Fahrzeit …

Dies ist die übliche Formulierung. Die Frage, ob Hinzufügen hier ein Dativ, ein Nominativ oder eine endungslose Form ist, überlasse ich den Theorieinteressierten.

Wenn ein Substantiv allein steht, ist die Form mit Genitiv-s nicht üblich, aber nicht grundsätzlich falsch. (Verwendet wird sie vor allem von großen Genitiv-Fans und von Verunsicherten, die vermeiden möchten, sich Genitivfehler vorwerfen lassen zu müssen.)

trotz Hinzufügens der Fahrzeit …

Mehr zum Fall nach „trotz“ finden Sie hier.

Die vier Varianten, die Sie vorschlagen, sind also alle möglich – dabei kann man trotz guter Kenntnisse oder trotz guten Kenntnissen schon einmal ein bisschen ins Zweifeln geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Geografische Namen und ihr Genitiv-s: „des modernen Europa(s)“

Frage

Ich bin unsicher beim Gebrauch des Genitiv-s bei Ländernamen, die mit einem Attribut daherkommen. Beispiel:

Die ständische Rechtsordnung des historischen Ungarn ist aus Kompromissen entstanden.

Würden dort Artikel und Attribut nicht stehen, wäre der Fall klar: Ungarns. Aber so …? Mir wäre in dem Fall das „s“ lieber, doch man liest es heutzutage sehr oft auch ohne. Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr G.,

geografische Namen, die in der Regel ohne Artikel verwendet werden, haben im Genitiv immer ein s:

die Geschichte Europas
die Reisterrassen Balis
die Rechtsordnung Ungarns

Wenn solche geografische Namen ein Attribut bei sich haben, stehen sie mit Artikel. Dann fällt im Genitiv die Endung s häufig aus. Das ist auch standardsprachlich üblich (vgl. hier). Richtig ist also beides:

die Geschichte des modernen Europas
die Geschichte des modernen Europa

die Reisterrassen des geheimnisvollen Balis
die Reisterrassen des geheimnisvollen Bali

die Rechtsordnung des historischen Ungarns
die Rechtsordnung des historischen Ungarn

Dies gilt auch dann, wenn das Attribut nachgestellt ist. Dann scheinen aber die Formen mit Endung noch häufiger vorzukommen:

das Konzept des Europas der Regionen
das Konzept des Europa der Regionen

die Romantik des Wiens der Jahrhundertwende
die Romantik des Wien der Jahrhundertwende

Wenn Ihnen die Variante mit s lieber ist, können Sie diese also problemlos verwenden. Die Variante ohne s gilt aber ebenfalls als korrekt.

Bei den Personennamen ist diese Entwicklung übrigens schon viel weiter fortgeschritten. Sie werden im heutigen Deutschen nur noch endungslos verwendet, wenn sie einen Artikel und ein Adjektiv bei sich haben:

die Dramen des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Joachim
die Geschichte des selbstverliebten Felix Krull

(Bei weiblichen Namen war das Genitiv-s hier sowieso nie üblich: das Leben der heiligen Elisabeth, auf den Spuren der mächtigen Kleopatra).

Es gibt also eine Tendenz, bei Eigennamen das Genitiv-s wegzulassen, wenn sie mit einem Artikel stehen. Wie die Beispiele oben zeigen, ist diese Tendenz noch unterschiedlich weit fortgeschritten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Die Unterstützung und Zusammenarbeit mit den Managern?

Frage

[…] Es geht um den folgenden Punkt einer Aufzählung (Beschreibung, welche Aufgaben ein Manager zu erfüllen hat):

Unterstützung und Zusammenarbeit mit den lokalen Managern bei IT-/IS-Fragen

Ist es zulässig, das so zu formulieren? Ich habe bereits im Duden nachgesehen, bin mir aber nicht sicher, ob es sich hier um eine Ellipse handelt (es also korrekt wäre) oder nicht (und daher umformuliert werden müsste: „Unterstützung der und Zusammenarbeit mit den … Managern …“).

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wenn eine Wortgruppe wie hier einmal ein Genitivattribut und einmal ein präpositionales Attribut ist, sollte sie nicht eingespart werden. Man muss wiederholen, was manchmal sehr umständlich ist, oder anders formulieren. Ein paar Beispiele:

nicht:
*das Interesse und die Beherrschung fremder Sprachen
*das Interesse für und die Beherrschung fremder Sprachen
sondern z. B.:
das Interesse für fremde Sprachen und ihre Beherrschung

nicht:
*die Fragen und die Antworten an die Nutzerinnen und Nutzer
*die Fragen der und die Antworten an die Nutzerinnen und Nutzer
sondern z. B.:
die Fragen der Nutzerinnen und Nutzer und ihre Beantwortung

nicht:
*Unterstützung und Zusammenarbeit mit den lokalen Managern bei IT-/IS-Fragen
*Unterstützung der und Zusammenarbeit mit den lokalen Managern bei IT-/IS-Fragen
sondern z. B.:
Unterstützung der lokalen Manager und Kooperation mit ihnen bei IT-/IS-Fragen

Dass das Genitivattribut sich auch sonst manchmal ziemlich eigenwillig und wenig kooperativ verhält, wenn es um die Einsparung wiederholter Wörter und Wortgruppen geht, sehen Sie zum Beispiel hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Was genau bedeutet »das Foto meiner Freundin«?

Frage

Der folgende Satz wurde beanstandet: „Ein Foto von unserem Mitarbeiter und passionierten Fotografen J. Jansen“. Die Verbesserung sollte lauten: „Ein Foto unseres Mitarbeiters und passionierten Fotografen J. Jansen“. Also wünschte sich der Klagende zwingend den Genitiv.

Dazu meine Frage: Gibt es eine eindeutige Unterscheidung des Kasus für die beiden Möglichkeiten, dass ein Bild die Person zeigt oder das Bild von einer Person fotografiert wurde?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Es gibt keine Möglichkeit, bei einer Angabe dieser Art mit Hilfe der Fälle eindeutig anzugeben, ob die Person, die im Genitiv bzw. mit von angeführt wird, auf dem Foto abgebildet ist oder das Foto gemacht hat:

ein Foto meines besten Freundes (standardsprachlich)
= ein Foto von meinem besten Freund (umgangssprachlich)

In beiden Fällen kann der beste Freund die abgebildete Person oder der Fotograf sein. Es gibt sogar eine dritte Möglichkeit, nämlich dass der beste Freund der Besitzer des Fotos ist. Nur der weitere Zusammenhang kann entscheiden, was genau gemeint ist.

Mit Genitivattributen können sehr verschiedene Verhältnisse bezeichnet werden (siehe hier). Es ist deshalb nicht immer eindeutig, welche Art des Verhältnisses gemeint ist. Die folgenden Nomengruppen können verschieden interpretiert werden:

die Beschreibung des Angeklagten
= der Angeklagte beschreibt (Genitivus subiectivus)
= der Angeklagte wird beschrieben (Genitivus obiectivus)

das Foto meiner Freundin
= das Foto, das meine Freundin gemacht hat (Genitivus Auctoris)
= das Foto, auf dem meine Freundin abgebildet ist (Genitivus obiectivus)
= das Foto, das meiner Freundin gehört (Genitivus possessivus)

Der Satzzusammenhang sollte immer verdeutlichen, welche Interpretation die richtige ist. Wenn dies nicht der Fall ist, empfiehlt es sich, die Nomengruppe umzuformulieren oder zu ergänzen:

die Beschreibung durch den Angeklagte
die Beschreibung des Angeklagten durch den Zeugen

Für Ihr Beispiel bedeutet dies alles, dass Sie besser den Genitiv als von verwenden:

Ein Foto unseres Mitarbeiters und passionierten Fotografen J. Jansen

Da Herr Jansen als passionierter Fotograf vorgestellt wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass er das Foto gemacht hat. Das ist vor allem dann der Fall, wenn keine Person auf dem Bild steht, die Herr Jansen sein könnte. Der Zusammenhang gibt in dieser Weise an, welche Art des Genitivs gemeint ist. Und falls es doch ein Foto sein sollte, auf dem J. Jansen zu sehen ist, dann müssten Sie genauer formulieren (z. B: Das Foto zeigt unseren Mitarbeiter und passionierten Fotografen J. Jansen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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