Meinetwegen

Frage

Ich kenne zwar keinen, der es sagt, aber man hört ja manchmal dass „wegen mir“ wohl eher „wegen meiner“ heißen müsste. Kehrt man die Reihenfolge um, bekommt man die viel üblichere Variante „meinetwegen“. Aber nur fast. Woher kommt eigentlich das t?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

wenn man nicht wegen mir sagen will, weil der Dativ nach wegen standardsprachlich, gelinde gesagt, umstritten ist, empfiehlt es sich meinetwegen zu verwenden.

Macht euch meinetwegen keine Sorgen!
Wir sind nur euretwegen gekommen.

Die Formulierung wegen meiner hören Sie deshalb nicht sehr oft, weil sie veraltetet ist (oder das Resultat eines „Genitivkrampfes“, der manche beim Anblick des Wörtchens wegen befällt). Das Wort meinetwegen geht ursprünglich auf die Wendung von meinen wegen zurück. Im Verlauf der Zeit schlich sich der Übergangskonsonant t ein, der nur der Aussprache dient: meinent wegen, meinentwegen. Später fiel dann noch das n vor dem t weg, was zur heute üblichen Form meinetwegen führte. Eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben auch meinethalben, allenthalben und meinetwillen. Ein eingeschobenes t findet man weiter auch bei zum Beispiel wöchentlich, hoffentlich, wesentlich u. a. m.

Im Zusammenhang mit der Ächtung des Dativs nach wegen gefällt mir das folgende „pikante“ Detail: Das Wort meinetwegen, das man anstelle von wegen mir zu verwenden hat, ist ursprünglich ein Dativ: von meinen wegen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am Hafen von Boston

Frage

Ich wüsste gerne, wie es richtig heißt:

Er sitzt auf einer Bank an Bostons Old Harbor.

oder:

Er sitzt auf einer Bank am Bostoner Old Harbor.

Ist womöglich beides richtig? Die zweite Variante schätze ich als richtig ein, aber die erste gefällt mir besser. Oder sitzt man gar nicht am Hafen wie man am Strand sitzt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie können die Formulierung wählen, die Ihnen besser gefällt. Möglich sind beide. Man kann hier sowohl den Genitiv des Ortnamens als auch das zum Ortsnamen gehörende Adjektiv verwenden:

an Bostons Old Harbor
am Bostoner Old Harbor

durch Deutschlands Wälder wandern
durch die deutschen Wälder wandern

in Genfs Nobelquartieren
in den Genfer Nobelquartieren

Tritt Italiens Ministerpräsident zurück?
Tritt der italienische Ministerpräsident zurück?

Der Genitiv wirkt oft etwas gehobener.

Ausnahmen gibt es natürlich auch. Beispiele dafür sind feste Wendungen und Namen, die nur in einer bestimmten Form üblich sind wie die Bremer Stadtmusikanten, das Deutsche Eck, die Salzburger Nachrichten oder die Emmentaler Liebhaberbühne. Zu guter Letzt: Man kann am Hafen sitzen. Wenn es ein schöner oder interessanter und nicht piratenfilmartig gefährlicher Hafen ist, geht das sogar sehr gut!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die im Titel verwendete Formulierung mit von ist meist auch möglich, stilistisch aber nicht immer empfehlenswert und bei einigen sogar als „genitivmordend“ verpönt.

Wegen etwas anderen? – Manchmal passt der Genitiv einfach nicht

Frage

Ich bin gerade sehr verwirrt. Schreibe ich „wegen etwas anderem“ oder „wegen etwas anderen“?

Antwort

 

Guten Tag M.,

am besten schreiben Sie wegen einer anderen Sache oder aus einem anderen Grund.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

– nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
– nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Zurück zu Ihrer Frage: Wenn nach wegen nur der Genitiv verwendet werden darf, muss es heißen: wegen etwas anderen. Diese Formulierung erfüllt aber die genannten Bedingungen nicht: etwas ist unveränderlich und die Genitivendung von ander- ist hier weder es noch er, sondern en. Deshalb hat diese Wendung Sie in Verwirrung gebracht und deshalb ist sie auch im Standarddeutschen unüblich. Man weicht hier oft auf den Dativ aus: wegen etwas anderem. Weil viele den Dativ nach wegen leider grundsätzlich für falsch halten, empfehle ich Ihnen, in der schriftlichen Standardsprache vorsichtshalber auf eine Formulierung wie wegen einer anderen Sache auszuweichen. Das Gleiche gilt für zum Beispiel *wegen nichts anderen, für das man üblicherweise wegen nichts anderem oder (vor allem wenn der Dativ nach wegen einem grundsätzlich ein Gräuel ist) aus keinem anderen Grund verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der doch nicht so unveränderliche Euro

Frage

Wieso heißt es: „Die Einführung des Euro“ und nicht „des Euros“. Im Spiegel stand kürzlich ein Artikel über den Euro: „Der Erfinder des Euro“. Welche Regel wird hier angewendet?

Antwort

Guten Tag J.,

die „Regel“ im Zusammenhang mit Euro lautet, dass Euro bei der Angabe von Beträgen unveränderlich ist:

zwei Euro
drei Euro fünfzig
über eine Million Euro
17 500 Euro
14,75 Euro

Auch wenn deshalb viele meinen und einige sogar steif und fest behaupten, dass Euro immer unveränderlich sei, kann das Wort im Genitiv der Einzahl mit oder ohne s stehen. Die Spiegelüberschrift hätte also auch lauten können: „Der Erfinder des Euros“. Ebenso:

die Einführung des Euro oder die Einführung des Euros
der Wert des Euro oder der Wert des Euros

Auch in der Mehrzahl kann resp. sollte Euro gebeugt werden (außer wenn – wie oben gesagt – Euro bei der Angabe von Beträgen nach einem Zahlwort steht). Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Euro allein steht oder von einem Adjektiv oder Artikelwort begleitet wird. Zum Beispiel:

Ich habe nur noch ein paar Euro oder ein paar Euros.
einige wenige Euro oder einige wenige Euros
Euros für Griechenland
Ich investiere keinen einzigen meiner Euros in dieses Projekt!
ihre sauer verdienten Euros

Dass der Euro als Währung nicht unveränderlich ist, wissen dank Finanzkrisen und Kurs- und Preisschwankungen die meisten. Nun wissen Sie ebenfalls, dass der Euro auch als Wort weniger „stabil“ ist, als oft gesagt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Menge schwarzer Schafe / schwarze Schafe / von schwarzen Schafen

Heute geht es um etwas, was mich sehr erstaunt hat, als ich zum ersten Mal in einem Grammatikbuch darauf stieß: wie ungenau die deutsche Sprache ausgerechnet bei Mengenangaben ist!

Frage

Gerade hörte ich im Radio, dass sich im Bildungssektor eine ganze Menge schwarze Schafe tummle. Muss es nicht heißen eine ganze Menge schwarzer Schafe?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

bei Mengenangaben zeigt die deutsche Grammatik erstaunlicherweise nicht die Präzision, die man gerade dort erwarten würde. Beide Formulierungen sind nämlich möglich:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine ganze Menge schwarze Schafe

Bei ungenauen Mengenangaben wie Menge, Reihe, Anzahl, Strauß usw. und etwas Gemessenem im Plural kommt der (partitive) Genitiv am häufigsten vor:

eine ganze Menge schwarzer Schafe
eine Gruppe französischer Bergsteiger
ein Strauß roter Rosen

Es ist jedoch ebenfalls möglich, das Gemessene als Apposition (Beisatz) zur Mengenangabe zu verwenden:

eine ganze Menge schwarze Schafe
eine Gruppe französische Bergsteiger
ein Strauß rote Rosen

Dabei übernimmt die Apposition den Fall der Mengenangabe. Im Dativ kann das Gemessene auch unverändert im Nominativ stehen:

mit Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarzen Schafen
mit einer Gruppe französischen Bergsteigern
mit einem Strauß roten Rosen

ohne Kasusangleichung:
mit einer ganzen Menge schwarze Schafe
mit einer Gruppe französische Bergsteiger
mit einem Strauß rote Rosen

Das wären dann also schon drei verschiedene mehr oder weniger akzeptierte Möglichkeiten, wie man Mengengaben dieser Art formulieren kann. Das ist aber noch nicht alles! Nach Sammelbegriffen ist auch noch die Formulierung mit von möglich:

eine ganzen Menge von schwarzen Schafen
eine Gruppe von französischen Bergsteigern
eine Strauß von roten Rosen

Das führt dazu, dass bei einer Mengenangabe im Dativ und etwas Gemessenem im Plural vier Formulierungen möglich sind:

mit einem Strauß roter Rosen (partitiver Genitiv)
mit einem Strauß rote Rosen (Apposition ohne Kasusangleichung)
mit einem Strauß roten Rosen (Apposition mit Kasusangleichung)
mit einem Strauß von roten Rosen (Präpositionalgruppe mit „von“)

Diese Vielzahl verschiedener/verschiedene/von verschiedenen Möglichkeiten führt oft dazu, dass man ins Zweifeln gerät, sobald man anfängt, über die korrekte Formulierung nachzudenken. Am besten tun Sie dies deshalb nicht und formulieren Sie einfach so, wie Ihr Sprach- und Stilgefühl es Ihnen eingibt. Bei so viel Formulierungsspielraum kann ja kaum etwas schiefgehen! Falls Sie einmal wirklich nicht mehr weiterwissen: Der Genitiv ist in den hier beschriebenen Fällen immer richtig und wird auch von niemandem angezweifelt.

Die entsprechende Grammatikseite finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Fälle entlang – entlang der Fälle

Frage

Ich habe ein Problem mit „entlang“: Heißt es „Gesteinsbänder, entlang denen die Strecke verläuft“ oder „Gesteinsbänder, entlang derer die Strecke verläuft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

das Wort entlang lässt einem so viel Freiheit bei der Wahl des Falles, dass viele ganz unsicher werden und dann „vorsichtshalber“ den Genitiv verwenden. Das ist zwar auch richtig, aber nicht immer:

Das Wort entlang wird dem Substantiv oft nachgestellt. Es steht dann in der Regel mit dem Akkusativ:

Die Strecke führt die Allee entlang.
Den Fluss entlang stehen Trauerweiden.

(Selten steht v. a. in der Schweiz auch der Dativ:
Die Strecke führt der Allee entlang.
Dem Fluß entlang stehen Trauerweiden.)

Wenn entlang vorangestellt wird, folgt ihm der Genitiv oder der Dativ:

Die Strecke führt entlang der Allee.
Entlang des Flusses stehen Trauerweiden.
Entlang dem Fluss stehen Trauerweiden.

Auch in Ihrem Beispiel steht entlang vor dem Wort das es bestimmt. Es kann entsprechend mit dem Genitiv oder mit dem Dativ stehen. Beide Varianten, die Sie vorschlagen, sind deshalb richtig:

Gesteinsbänder, entlang denen die Strecke verläuft. (Dativ)
Gesteinsbänder, entlang derer die Strecke verläuft. (Genitiv)

Wem diese Auswahlmöglichkeiten noch nicht genügen, dem stellt der Genitiv noch eine Variante zur Verfügung. Das ist ein weiterer komplizierender Faktor bei Ihrem Beispielsatz. In der weiblichen Einzahl und wie hier im Plural lautet die Genitivform des Relativpronomens nicht nur derer, sonder auch deren:

Gesteinsbänder, entlang deren die Strecke verläuft.

Weitere Angaben finden Sie in der LEO-Grammatik hier und hier.

Das Wörtchen entlang kann einen mit all seinen Möglichkeiten ziemlich verunsichern! So kurz nachdem ich dies alles aufgeschrieben habe, wüsste ich jedenfalls nicht mehr spontan, was richtig ist. Glücklicherweise hat man bei der Wahl des richtigen Falles fast immer viel weniger Schwierigkeiten, wenn man nicht darüber nachdenkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Frage betreffend den Akkusativ

Kämpfer für das Überleben des Genitivs gab und gibt es zur Genüge. Ich kümmere mich deshalb lieber hin und wieder um die anderen Fälle. Hier wieder einmal eine Frage, die in vielen Listen der „beliebten“ Fehler zu finden ist:

Frage

Gemäß dem Duden verlangt die Präposition „betreffend“ den Akkusativ. Ich habe nun aber einen Satz, bei dem sich der Akkusativ sehr merkwürdig oder meiner Meinung nach gar falsch anhört. Es handelt sich um den folgenden Satz:

Sie können so alle Beschwerden betreffend die gebuchten Leistungen direkt dem Kundendienst übermitteln.

Können Sie mir bitte sagen, ob „die“ hier wirklich richtig ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

auch gemäß Canoonet, Wahrig und anderen steht betreffend mit dem Akkusativ. Es verlangt auch als Präposition noch den gleichen Fall wie das Verb betreffen, von dem es kommt. In Ihrem Satz muss also tatsächlich die stehen:

Sie können so alle Beschwerden betreffend die gebuchten Leistungen direkt unserem Kundendienst übermitteln.
vgl.
Sie können so alle Beschwerden, die die gebuchten Leistungen betreffen, direkt unserem Kundendienst übermitteln.

Ebenso zum Beispiel:

Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung
Ihre Anfrage betreffend teilen wir Ihnen mit, …
Regelung betreffend den Verleih von Schokoladenfontänen

Bei betreffend sollte standardsprachlich der Akkusativ stehen. Der Genitiv (*betreffend der gebuchten Leistungen) wäre hier nicht richtig. Vielleicht stört Sie hier der Akkusativ, weil das ungefähr gleichbedeutende bezüglich den Genitiv verlangt:

Sie können so alle Beschwerden bezüglich der gebuchten Leistungen direkt unserem Kundendienst übermitteln.

Wirklich schön klingen übrigens weder betreffend noch bezüglich. Aber das ist wieder eine andere Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind Sie sich dessen bewusst oder ist Ihnen bewusst, dass nur noch wenig Zeit bleibt?

Frage

Unlängst hatte ich eine kleine Meinungsverschiedenheit mit einem Kumpel. Es ging um die korrekte Verwendung von Pronomen beim Wörtchen bewusst. Ich bin mir dessen bewusst, so meine Meinung, ist einzig und allein richtig, denn bewusst regiert in dem Fall ganz klar den Genitiv. Er hielt dagegen, er könne schreiben und sagen: Nadja ist dies durchaus bewusst. Und nun bin ich ganz unsicher. Kann er das tatsächlich grammatikalisch richtig sagen und schreiben?

Antwort

Guten Tag M.,

Sie haben recht, Ihr Kumpel aber auch: bewusst steht zwar mit dem Genitiv, aber nur in der Wendung sich einer Sache bewusst sein:

Nadja war sich dessen durchaus bewusst.
Sie war sich dessen durchaus bewusst.

Im Satz Nadja ist dies durchaus bewusst steht eine andere Wendung. Wenn man sich einer Sache bewusst ist, ist diese Sache einem bewusst:

Dies war Nadja durchaus bewusst.
Dies war ihr durchaus bewusst.

Bei sich einer Sache bewusst sein ist das Subjekt des Satzes die Person, die weiß. Bei jemandem bewusst sein ist das Subjekt des Satzes dasjenige, was gewusst wird.

Er war sich der Folgen seiner Tat nicht bewusst.
Ihm war nicht bewusst, welche Folgen seine Tat hatte.

Das Wörtchen bewusst kann in mehr als nur einer Satzkonstruktion verwendet werden: einmal stilvoll mit sich und dem Genitiv und einmal ganz „banal“ mit dem Dativ. Beide Wendungen sind den strengen Genitivverfechtern zum Trotz korrektes Deutsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

An alle Blogbesucher und -besucherinnen:

Wenn Sie jetzt noch Zeit haben, dies hier zu lesen, haben Sie Ihre Weihnachtseinkäufe und sonstigen Feiertagsvorbereitungen bestimmt schon bis ins vorletzte Detail geregelt. Wenn dem nicht so sein sollte, sputen Sie sich! Es bleibt Ihnen nur noch wenig Zeit.

Frohe Weihnachten!

Mitteleuropa einschließlich Österreich[s]

Frage

Wenn ich folgenden Satz habe: „Die Awaren wanderten bis weit nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein“, beziehe ich dann „Österreich“ auf „einschließlich“ und sollte somit der Genitiv verwendet werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in Ihrem Satz ist Österreich von einschließlich abhängig. Nach einschließlich steht im Prinzip der Genitiv:

der Preis einschließlich aller Getränke
der ganze Verein einschließlich des Vorsitzenden
die maximale Höhe einschließlich eines allfälligen Antennenmastes

Dies gilt aber nur bedingt für allein stehende Nomen im Singular. Sie bleiben nach einschließlich nämlich meistens ungebeugt:

einschließlich Porto
Der Artikel hat einschließlich Inhaltsverzeichnis 32 Seiten.
die maximale Höhe einschließlich Antennenmast

Bei ohne Artikel stehenden geographischen Namen, die ja auch zu dieser Ausnahmegruppe gehören, sind sowohl gebeugte als auch ungebeugte Formen üblich:

Bremen einschließlich Bremerhaven oder
Bremen einschließlich Bremerhavens

zehn Länder einschließlich Großbritannien oder
zehn Länder einschließlich Großbritanniens

Die Wahl liegt also bei Ihnen. Beide der folgenden Formulierungen sind korrekt:

wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein
wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreichs ein

Sehen Sie auch die Angaben zu einschließlich in Canoonet.

Dies gilt übrigens auch für die Präpositionen ausschließlich, inklusive und exklusive. Wieder einmal zeigt sich also, dass man nie einfach so behaupten sollte, eine Präposition stehe immer mit dem Genitiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Adverbialgenitiv

Lassen Sie sich durch den ziemlich fachsprachlichen Titel nicht abschrecken! Wieder einmal hat mich eine Frage eines Nicht-Muttersprachigen auf eine Eigenheit des Deutschen hingewiesen, durch die unsere Sprache zwar nicht einfacher, aber dafür oft ein bisschen schöner wird.

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, …“ Warum heißt es dort „eines Morgens“? Ich habe gesehen, dass es in vielen literarischen Texten eine ähnliche Struktur im Genitiv gibt. Warum ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es handelt sich bei eines Morgens um eine im Genitiv stehende feste Wendung. Sie ist eine unbestimmte Zeitangabe und hat als solche die Funktion einer Adverbialbestimmung. Der Genitiv wird nicht durch ein Verb oder durch ein anderes Wort im Satz bestimmt. Solche im Genitiv stehenden Adverbialbestimmungen werden Adverbialgenitive genannt (vgl. hier und hier). Adverbialgenitive sind häufig wie in Ihrem Beispiel unbestimmte Zeitangaben, sie können aber auch andere Bedeutungen haben. Weitere Beispiele:

Eines Tages wirst du es verstehen.

Der Kriminalkommissar erhielt eines späten Abends telefonisch einen anonymen Hinweis.

Letzen Endes zählt nicht, was war, sondern was ist.

Die Rohstoffpreise bleiben unseres Erachtens auf einem hohen Niveau.

Das Zitat stammt meines Wissens von Max Liebermann.

Er war aufgebrochen, um um Hilfe zu bitten, kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück.

Dem stimme ich leichten Herzens zu.

Welche Fische kann man ruhigen Gewissens essen?

Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verließ schnellen Schrittes das Motel.

Selbst als der Kaiser stolzen Hauptes splitternackt durch die Straßen schreitet, hört man lauter Ahs und Ohs.

Es gibt noch viel mehr Adverbialgenitive, für die wie für die obenstehenden Beispiele gilt: Gezielt eingesetzt können sie sehr schön sein, aber an der falschen Stelle und übermäßig verwendet drohen sie zu papierdeutschen Klischees zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp