„Ein Becher edler Weisheit“ – Die Bedeutung des Genitivs

Frage

Meine Frage bezieht sich auf den Genitivus Qualitatis, der, so der Duden, eine Eigenschaft oder Beschaffenheit des im Bezugswort Genannten bezeichnet. Auf das Problem gestoßen bin ich bei der Übersetzung des Satzteils „A cup of noble wisdom“ mit „ein Becher edler Weisheit“. Diese Übersetzung lehnt sich an bekannte Beispiele dieses Genitivus an, z. B. „ein Glas köstlichen Weins“ usw.

Das Problem ist nun folgendes: Im Fall von Behältnissen wie „Glas“, „Becher“, „Tasse“ o. ä. muss ja der Unterschied kenntlich gemacht werden zwischen dem Inhalt und der Eigenschaft bzw. Beschaffenheit des Gefäßes. Ein Becher reinen Goldes bezeichnet laut obiger Dudendefinition eben nicht einen Becher angefüllt mit reinem Gold, sondern einen Becher aus reinem Gold.

Auf obige Übersetzung bezogen eröffnet sich nun die Bredouille: Ist schon der englische Satz falsch (oder zumindest zweideutig) oder nur die deutsche Übersetzung, und falls Letzteres der Fall ist, wären dann auch gängige Sätze wie „ein Glas köstlichen Weins“ oder „eine Flasche reinsten Wassers“ falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

alle Formulierungen, um die es in Ihrer Frage geht, sind korrekt. Das liegt daran, dass der Genitiv mehr als eine Funktion haben kann.

Mit Genitivattributen können sehr verschiedene Verhältnisse ausgedrückt werden. Es ist deshalb nicht immer eindeutig, welche Art des Verhältnisses gemeint ist. In der Regel ergibt sich aus der Wortbedeutung und dem weiteren Kontext, was genau gesagt wird. Hier ein paar Beispiele, in denen ohne Kontext nicht klar ist, was genau ausgedrückt werden soll:

die Beschreibung des Angeklagten
= die Beschreibung durch den Angeklagten (Genitivus subiectivus)
= der Angeklagte wird beschrieben (Genitivus obiectivus)

das Foto meiner Schwester
= meine Schwester hat das Foto gemacht (Genitivus Auctoris)
= das Foto gehört meiner Schwester (Genitivus possessivus)
= meine Schwester ist auf dem Foto abgebildet

eine Kiste edlen Holzes*
= eine Kiste gefüllt mit edlem Holz (Genitivus partitivus)
= eine Kiste aus edlem Holz (Genitivus Qualitatis)

Bei Ihrem Beispiel „ein Becher reinen Goldes“ ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um einen Becher aus reinem Gold handelt und nicht um einen Becher voll (flüssigen?) reinen Goldes:

ein Becher reinen Goldes* (= Genitivus Qualitatis)
= ein Becher aus reinem Gold

Bei „ein Glas köstlichen Weines“ hingegen ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter, dass es sich nicht um ein Glas aus köstlichem Wein, sondern um ein Glas voll köstlichen Weines handeln muss:

ein Glas köstlichen Weins* (= Genitivus partitivus)
= ein Glass gefüllt mit köstlichem Weins; ein Glas köstlicher Wein

Bei Gefäßen kann ein Genitivattribut also (unter anderem) die Beschaffenheit, aber auch den Inhalt angeben. In der Regel ergibt sich wie bei zum Beispiel „Becher–Gold“ und „Glas–Wein“ aus der Wortbedeutung, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist und auch der weitere Kontext keine Klarheit schafft, sollte umformuliert werden: „eine Kiste gefüllt mit edlem Holz“ bzw. „eine Kiste aus edlem Holz“.

Bei „a cup of noble wisdom“ und „ein Becher edler Weisheit“ ist es wegen der übertragenen Bedeutung weniger sicher, dass es sich um einen Becher voll edler Weisheit (Genitivus partitivus) handelt. Es könnte sich auch um einen Becher aus edler Weisheit (Genitivus Qualitatis) handeln. Aber selbst oder gerade wenn sich aus dem weiteren Kontext nicht erschließt, was genau gemeint ist, können Sie Ihre Übersetzung so stehen lassen – die gleiche Unsicherheit besteht ja auch bei „a cup of noble wisdom“.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Heute wird hier außer in poetischer oder gehobener Sprache anders formuliert:

eine Kiste edles Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Glas köstlicher Wein (statt: ein Glas köstlichen Weins)
eine Kiste aus edlem Holz (statt: eine Kiste edlen Holzes)
ein Becher aus reinem Gold (statt: ein Becher reinen Goldes)

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Möge auf das Jahr der Pandemie ein Jahr der Wiederaufnahme des „normalen“ Lebens folgen! Ich wünsche ein gutes, glückliches und gesundes neues Jahr!

Kommentare

Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

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Eine Art großes Fragezeichen, eine Art von großem Fragezeichen oder eine Art großen Fragezeichens?

Frage

Was ist korrekt, bitte?

Wird hier Isaak zu einer Art jüdischem Erlöser?
Wird hier Isaak zu einer Art jüdischer Erlöser?
Wird hier Isaak zu einer Art jüdischen Erlösers?

Ihre Auskunft wäre sehr hilfreich für mich.

Antwort

Die Frage kann tatsächlich zu Zweifeln führen. Es gibt nach „eine Art“ nämlich nicht nur eine, sondern bis zu drei Möglichkeiten, eine Substantivgruppe anzuschließen:

a) eine Art + Apposition mit Kasusangleichung

Das Substantiv steht im gleichen Fall wie „Art“:

Nominativ und Akkusativ
eine Art Kuchen
eine Art Verwicklungen
eine Art süßer Kuchen
eine Art politische Verwicklungen
Dativ
mit einer Art Kuchen
mit einer Art Verwicklungen
mit einer Art süßem Kuchen
mit einer Art politischen Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art süßen Kuchens
das Opfer einer Art politischer Verwicklungen

b) eine Art + von …

Auch standardsprachlich immer möglich:

Nominativ und Akkusativ
eine Art von (süßem) Kuchen
eine Art von (politischen) Verwicklungen
Dativ
mit einer Art von (süßem) Kuchen
mit einer Art von (politischen) Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art von (süßem) Kuchen
das Opfer einer Art von (politischen) Verwicklungen

c) eine Art + Genitiv

Das Substantiv steht im Genitiv:

Nominativ und Akkusativ
eine Art süßen Kuchens (selten)
eine Art politischer Verwicklungen
Dativ
mit einer Art süßen Kuchens (selten)
mit einer Art politischer Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art süßen Kuchens
das Opfer einer Art politischer Verwicklungen

Diese Formulierung kommt nur selten vor und klingt gehoben, wenn eine Substantivgruppe im Singular steht. Sie kommt gar nicht vor, wenn das Substantiv allein steht. Man weicht dann in der Regel auf eine der beiden anderen Formulierungen aus:

nicht c)
*eine Art Kuchens
mit *einer Art Kuchens
das Rezept *einer Art Kuchens
sondern a) oder b)
eine Art Kuchen / eine Art von Kuchen
mit einer Art Kuchen / mit einer Art von Kuchen
– / das Rezept einer Art von Kuchen


So viel zu dem, was alles möglich ist. Was bedeutet dies für Ihr Beispiel? – Es gibt die oben genannten drei Möglichkeiten:

a) Wird hier Isaak zu einer Art jüdischem Erlöser?
b) Wird hier Isaak zu einer Art von jüdischem Erlöser?
c) Wird hier Isaak zu einer Art jüdischen Erlösers? (selten, gehoben)

Die Präposition „zu“ verlangt oben den Dativ „einer Art“. Ohne „zu“ steht „eine Art“ im Nominativ:

a) Wird hier Isaak eine Art jüdischer Erlöser?
b) Wird hier Isaak eine Art von jüdischem Erlöser?
c) Wird hier Isaak eine Art jüdischen Erlösers? (selten, gehoben)

Bei so vielen Möglichkeiten können die Formen schon einmal durcheinandergeraten, so dass man gar nicht mehr weiß, was eigentlich richtig ist. Dann hilft nur: sich zurücklehnen, dreimal tief durchatmen, die Textstelle überspringen und es später noch einmal versuchen – und wenn Sie dann immer noch eine Art großes Fragezeichen oder eine Art von großem Fragezeichen vor sich haben, einfach „Fragen Sie Dr. Bopp!“ konsultieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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