Tief Bernd, der oder das große Schäden verursacht hat?

Frage

das Wetter in den jüngsten Tagen und Wochen hat für mich viele Fragen ausgeworfen, nicht nur zum Klimawandel, sondern auch einige, welche die Sprache betreffen.

Worauf bezieht sich zum Beispiel ein Relativpronomen, wenn es um Wetterphänomene geht, die mit einem Namen versehen sind? Hängt die Antwort davon ab, ob ein Artikel verwendet wird? Zum Beispiel: „Hurrikan Elsa, die über der Karibik wütet… “ gegenüber „Der Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet…“. Oder ganz aktuell und ziemlich erschütternd: „Tief Bernd, der große Schäden angerichtet hat…“ gegenüber „Das Tief Bernd, das große Schäden angerichtet hat… “.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Antwort hat tatsächlich mit dem Artikel zu tun, aber ich muss ein bisschen ausholen. Bei Personenbezeichnungen, die aus einem Titel und einem Namen bestehen, gilt das Folgende:

  1. Mit Artikel ist der Titel Wortgruppenkern und der Name Apposition (nähere Bestimmung)
  2. Ohne Artikel ist der Name Wortgruppenkern und der Titel Apposition

Den Unterschied kann man bei Personenbezeichnungen nicht am Geschlecht sehen (Titel und Name haben das gleiche Geschlecht), sondern an der Endung im Genitiv. Gebeugt wird jeweils der Wortgruppenkern:

a. das Auto des Onkels Anton
a. die Regierung des Präsidenten Biden
b. Onkel Antons Auto
b. Präsident Bidens Regierung

Bei Nichtpersonen ist die Lage unklarer, weil hier die artikellose Variante, also Fall b, selten ist. Im Genitiv werden sie im Prinzip gleich behandelt wie Personenbezeichnungen:

a. die Stärke des Hurrikans Elsa
a. die Auswirkungen des Tiefs Bernd
b. Hurrikan Elsas Stärke
b. Tief Bernds Auswirkungen

Bei den jeweiligen Verweiswörtern – darum geht es eigentlich in Ihrer Frage – ist die Lage anders: Verwiesen wird mit Pronomen, die im Genus mit dem Wetterphänomen und nicht mit dessen Namen übereinstimmen. Die Wetterphänomene tragen zwar einen weiblichen oder männlichen Namen, werden aber offensichtlich nicht als weiblich oder männlich empfunden – noch nicht einmal rein grammatisch. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet
Sturmtief Elsa hat auf seinem Weg große Schäden angerichtet
Tief Bernd, das große Schäden angerichtet hat

Formulierungen dieser Art, also ohne Artikel, sind hier aber selten, so selten, dass kaum sichere Aussagen gemacht werden können. Üblicher ist zum Beispiel:

der Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet
„Elsa“, der Hurrikan, der über der Karibik wütet
Das Sturmtief Elsa hat auf seinem Weg große Schäden angerichtet
„Bernd“, das Tief, das große Schäden angerichtet hat

Angesichts des Leids und der Schäden ist die Frage nach Artikel und grammatischem Geschlecht allerdings nicht wichtig. Möge alles schnell wieder trocken, aufgeräumt und sicher aufgebaut sein!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hamburg ist allein sächlich

Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es, meist ganz ohne nachzudenken, richtig. Wer Deutsch lernen muss oder sich zu sehr von anderen Sprachen beeinflussen lässt, liegt manchmal daneben: Ortsnamen sind sächlich, nicht weiblich.

Frage

können Sie mir bitte mitteilen, wie die folgenden Sätze korrekt lauten?

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ortsnamen, die man in der Regel ohne Artikel verwendet, sind sächlich (vgl. hier).  Es heißt zum Beispiel:

das neue Berlin
ihr schönes Granada
das Italien seiner Kindheit
Norwegen und seine Fjorde
Hamburg und seine Häfen
Hamburg ist groß. Es ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Richtig ist also auch:

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es ist auch eine alte Stadt.

Anders sieht es aus, wenn die Ortsbezeichnung nicht allein steht, sondern Apposition (nähere Bestimmung zu einem anderen Substantiv) ist. Dann stimmen Artikel und Verweiswörter mit dem Kern der Wortgruppe überein:

die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Häfen
Die Stadt Hamburg ist groß. Sie ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Kurzum: Wie alle anderen im Prinzip artikellosen Ortsnamen ist Hamburg allein stehend sächlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Ortsnamen, die immer mit Artikel stehen, das Geschlecht haben, das der Artikel angibt:

die Schweiz und ihre Nachbarn
Die Türkei, sie ist …
der Jemen und seine Bevölkerung
Der Irak, er ist …

Virus und sein Wortgeschlecht

Normalerweise gehe ich in den Blogartikeln mit Ausnahme des Wetters nicht auf das aktuelle Tagesgeschehen ein. Heute mache ich wieder einmal eine Ausnahme, denn die Viruskrise einfach stillschweigend zu umgehen erschien mir fast unnatürlich. Ich bleibe aber bei meinem Leisten und gebe weder medizinischen noch gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Kommentar. Ich bleibe einfach beim Wort Virus.

Ziemlich bekannt ist, dass Virus sowohl sächlich als auch männlich sein kann. In der Fachsprache heißt es das Virus, in der Allgemeinsprache daneben aber auch der Virus. Weniger bekannt ist vielleicht, woher dieser „Zwiespalt“ kommt.

In der Fachsprache richtet man sich nach dem lateinischen Wort virus, das so unangenehme Dinge wie zähe Flüssigkeit, Schleim, Saft, Gift, Gestank, Schärfe, Bitterkeit bedeutete. Im Lateinischen ist virus sächlich. Wenn man nun bei der Zuweisung des Wortgeschlechts im Deutschen das Ursprungsprinzip anwendet, heißt es das Virus.

Das Wort Virus ist aber nicht direkt aus dem Lateinischen zu uns gekommen. Es wird angenommen, dass es über ein englisches und französisches virus (Eiter, Gestank, Gift und später Krankheitserreger) ins Deutsche übernommen wurde. In der Allgemeinsprache wurde dabei für die Zuweisung des Wortgeschlechts (unbewusst) ein anderes Prinzip angewendet: Man gab ihm das gleiche Wortgeschlecht wie anderen Wörter mit derselben Endung: der Virus wie der Bonus, der Dominus, der Kubus, der Nukleus, der Tourismus, der Zirkus bis hin zu der Omnibus und der Schampus. Das ist nicht unbedingt falsch, denn wir tun dies auch bei zum Beispiel die Garage und die Zigarre (frz. männlich le garage und le cigare).

Auch im Lateinischen ist virus als sächliches Substantiv übrigens eine Ausnahme. Die meisten lateinischen Wörter mit der Endung us sind männlich. Eine andere Ausnahme ist das sächliche corpus (Körper), das im Deutschen als das/der Korpus je nach Bedeutung sächlich ist wie corpus oder männlich wie andere Wörter auf us oder – ein weiteres Zuweisungsprinzip – wie der Körper. Es gibt im Lateinischen sogar einige wenige weibliche Substantive, die auf us enden: zum Beispiel domus (Haus), das wir aus dem männlichen der Majordomus kennen, oder ein weiteres Wort, bei dem trotz der männlich anmutenden Endung us kaum jemand auf die Idee käme, es als männlich anzusehen: Venus.

Auch bei der Zuordnung des Wortgeschlechts gibt es also mehr als ein Prinzip und entsprechend mehr als eine „Wahrheit“. Aber ganz egal ob das Virus oder der Virus: Passen Sie auf und bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Dr. Bopp

Hamburg zeigt sich von seiner/ihrer schönsten Seite

Frage

Wenn ich mit meinem Gast spazieren gehe, sage ich dann zu ihm: „Hier zeigt sich Hamburg von seiner schönsten Seite“? Oder sage ich, weil ein Femininum: „von ihrer schönsten Seite“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Hamburg ist nicht weiblich, sondern wie alle Länder und Städte, die ohne Artikel stehen, sächlich. Das sieht man dann gut, wenn eine nähere Bestimmung dazutritt:

das alte Hamburg
das Hamburg meiner Kindheit
mein schönes Hamburg
Hamburg und seine Elbphilharmonie

Entsprechend sagen Sie also auch:

Hier zeigt sich Hamburg von seiner schönsten Seite.

Und weil es diesmal so schön einfach ist, hier gleich noch ein paar Beispiele:

das alte Rom
das Deutschland der Dichter und Denker
mein schönes Hessen/Sachsen/Österreich
Schweden und seine Hauptstadt Stockholm
Dort zeigt sich Südamerika von seiner schönsten Seite.

Anders sieht es aus, wenn Sie die Formulierung die Stadt Hamburg verwenden. Dann ist das weibliche Substantiv Stadt der Kern der Wortgruppe, mit dem die grammatische Übereinstimmung erfolgt:

meine schöne Stadt Hamburg
die Stadt Hamburg und ihre Elbphilharmonie
Hier zeigt sich die Stadt Hamburg von ihrer schönsten Seite.

Hamburg zeigt sich also von seiner schönsten Seite und die Stadt zeigt sich von ihrer schönsten Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Seehecht in der See und die Seerose im See

Frage

Wo liegt der Grund dafür, dass der See männlich ist, die Nordsee und Ostsee aber weiblich? Ich fahre ja auch an die See, wenn ich ans Meer fahre. […] Das Meer ist auch die See. Der See ist ein Binnengewässer. Bin sehr auf Ihre Antwort gespannt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

ursprünglich war See ein männliches Wort und bezeichnete eine große Wasserfläche, die sowohl ein Binnensee als auch ein Meer sein konnte. Im Westgermanischen ist daneben schon früh eine weibliche Variante entstanden. Die heutige Bedeutungsunterscheidung zwischen der See = Binnensee und die See = Meer hat sich aber erst im Neuhochdeutschen allgemein voll herausgebildet.

Eine schöne Theorie zu dieser Bedeutungsunterscheidung sagt, dass man in den niederdeutschen Dialekten, also im Norden, die See sagte. Dort kannte man eigentlich nur das Meer und keine Binnenseen. Weiter im Süden, wo man der See sagte, hatte man umgekehrt Binnengewässer, aber kein Meer. Wenn diese Theorie stimmt, könnte man sagen, dass die See im heutigen Standardddeutschen, das auf dem Hochdeutschen basiert, ein Lehnwort aus dem Niederdeutschen ist. In meinem südlichen Dialekt gibt es auch heute noch nur der See und das Meer, die See verwenden wir nicht (außer in »importierten« Namen wie Ostsee und Nordsee).

Die strenge Unterscheidung zwischen der See und die See ist also sprachgeschichtlich relativ jüngeren Datums. Auffallend finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zusammensetzungen mit See an erster Stelle etwas mit Meer zu tun haben: Vom Seehecht über den Seehund und den Seeteufel bis zur Seezunge, sie schwimmen alle im Salzwasser. Seeleute, Seefahrerinnen, Seeräuber und Seejungfrauen, sie alle haben ihren Wirkungsbereich auf dem oder im Meer. Eine Ausnahme ist die Seerose genannte Pflanze, deren Habitat nicht die See, sondern ein See oder ein anderes stilles Binnengewässer ist. Eine Erklärung für diese Verteilung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u.a. hier und hier.

Der Mut, die Anmut und die Demut

Frage

Laut Duden stammen „der Mut“, „die Anmut“ und „die Demut“ alle vom mittelhochdeutschen, althochdeutschen „muot“. Normalerweise würde ich denken, dass das Genus gleich sein muss, wie bei anderen komplexen Nomen üblich ist. Warum hier nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

im Prinzip haben präfigierte und zusammengesetzte Nomen das gleiche Geschlecht wie das (rechte) Basiswort.

der Eierlöffel wie der Löffel
die Astgabel wie die Gabel
das Hackmesser wie das Messer
der Unterteller wie der Teller

So ist das im Prinzip auch bei Wortbildungen, in denen Mut am Schluss steht:

der Edelmut, der Hochmut, der Lebensmut, der Löwenmut,  der Opfermut, der Heldenmut, der Todesmut, der Übermut, der Wagemut, der Wankelmut wie der Mut

Bei die Anmut und die Demut ist dem aber tatsächlich nicht so. Das lässt sich teilweise dadurch erklären, dass diese beiden Wörter keine direkten Ableitungen von Mut sind, auch wenn sie auf den ersten Blick so aussehen.

Demut ist eine weibliche Abstraktbildung zu einem alten Adjektiv, das die Bedeutung demütig hatte. Sehr vereinfachend ausgedrückt ging die Ableitung also so vor sich: Mut → demütig → Demut.

Die genaue Herkunft von Anmut ist ungeklärt. Es wird vermutet, dass es eine Rückbildung zu anmutig ist, das wiederum von anmuten kommt. Auch hier eine vereinfachende Darstellung der Ableitungsgeschichte: Mut → anmuten → anmutig → Anmut.

Wie man sieht, ist die Ableitungsgeschichte hier nicht ganz so gradlinig, wie man es der Form der Wörter nach vermuten würde. Damit lässt sich der Unterschied beim Wortgeschlecht teilweise erklären – jedenfalls besser als mit der manchmal nicht einmal humoristisch gemeinten hobbywortgeschichtlichen Feststellung, Mut sei eine männliche Eigenschaft und Anmut und Demut seien weibliche Tugenden. Was müsste man dann von der Unverstand  und die Intelligenz halten?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Die entsprechenden etymologischen Angaben finden Sie unter anderem im DWDS, jeweils unter dem Abschnitt „Etymologie“:

Mörderinnen und Vergewaltigerinnen

So vielversprechend der Titel auch klingen mag, es geht weder um Krimis skandinavischer Autorinnen noch um die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“. Es geht um einen Fall der geschlechtergerechten Formulierung, den man möglichst sachlich und kontextnah angehen sollte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Gendern. Wie soll denn konkret bei den Begriffen „Mörder“ und „Vergewaltiger“ vorgegangen werden? Würden Sie hier gendern, also beispielsweise von „MörderInnen“ und „VergewaltigerInnen“ sprechen? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

bei dieser Frage gibt es kein grammatisches Richtig oder Falsch. Wie viel und wie weit Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Personenbezeichnungen verwenden, hängt von Ihrem eigenen Stil und eventuell von Richtlinien ab, an die Sie sich halten wollen oder müssen. Am wichtigsten finde ich immer, in welchem Kontext ein Wort verwendet wird.

Wenn Sie normalerweise durchgehend gendern, sollten Sie in einem allgemeinen Zusammenhang auch von Mördern und Mörderinnen sprechen, denn es morden ja nicht nur Männer. Das gilt aber zum Beispiel nicht im Kontext eines Männer- oder Frauengefängnisses. Im Ersteren werden Verbrecher und Mörder eingeschlossen, im Letzteren verbüßen Verbrecherinnen und Mörderinnen ihre Strafe. Bei Vergewaltiger/Vergewaltigerin spielt ebenfalls der Kontext eine wichtige Rolle. Wenn es um die Angst von Frauen vor Vergewaltigung auf dem nächtlichen Heimweg geht oder in Berichten über systematische Vergewaltigungen in Kriegsgebieten kommen Vergewaltigerinnen praktisch nicht vor. Weshalb sollte man sie dann also immer nennen? Wenn es allgemein um Vergewaltigung im Familien- und Bekanntenkreis geht, sollte man die Verwendung der Doppelform erwägen, weil Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zwar verhältnismäßig seltener, aber doch auch von Frauen verübt werden.

Es ist also eine Frage Ihres Stils und nicht zuletzt auch des Kontextes, wo und wie Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Formen verwenden. Das Beispiel Mörder und Vergewaltiger wird häufig von Gegnern und Gegnerinnen des geschlechtsneutralen Formulierens angeführt – häufig mit einem hämischen Unterton der Art „dort tut ihr es ja auch nicht“. Kaum jemand verlangt aber „blindes“ Gendern ohne jegliche Rücksicht auf den Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Topmodel und sein Freund

Frage

In einem Artikel der Yellowpress heißt es:

… das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.

Ist das richtig oder heißt es „mit ihrem Freund“

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

streng nach der Grammatik stimmt die Form seinem. Nach der allgemeinen Regel richtet sich die Form des besitzanzeigenden Wortes (Possessivs) nach dem grammatischen Geschlecht (Genus) des Wortes, auf das es sich bezieht:

der Wald und seine Funktionen
die Wiese und ihre Bewohner

Auch bei Lebewesen gilt im Prinzip diese Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht. So heißt es zum Beispiel

die Amsel mit ihrem schwarzen Federkleid

obwohl viele auch ohne Ornithologiestudium wissen, dass nur die Amselmännchen schwarz sind.

Ein bisschen anders sieht es bei Menschen aus. Auch hier gilt im Prinzip die Übereinstimmung nach dem grammatischen Geschlecht:

Das Topmodel ist glücklich mit seinem Freund.
Das Mädchen spielt mit seiner Schwester.

Bevor Sie nun vielleicht anfangen sich zu wundern oder gar zu ärgern, kommt das große Aber. Diese Übereinstimmung des Possessivums mit dem grammatischen Geschlecht war gang und gäbe, als man unverheiratete Frauen noch ungeniert Fräulein nannte:

Er hätte nicht sagen können, ob das Fräulein mit seinem traurigen oder mit seinem erschrockenen Gesicht hübscher aussah.

Nach dieser artigen Rede setzte das Fräulein seinem Vater die Blumenkrone auf, und er umarmte es zärtlich.

Im heutigen Deutsch hingegen ist die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht in solchen Fällen immer üblicher:

Das Topmodel ist glücklich mit ihrem Freund.
Das Mädchen spielt mit ihrer Schwester.

Die Form seinem in Ihrem Beispiel ist also nicht falsch, aber immer weniger üblich. Persönlich empfehle ich hier immer die Übereinstimmung mit dem natürlichen Geschlecht, also ihrem. Nur wenn die Bezeichnung Topmodel sich entgegen dem üblichen Sprachgebrauch auf einen Mann bezieht, ist mit seinem Freund die einzige richtige Formulierung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einwandererinnen und Einwanderinnen

Frage

Im Zusammenhang mit der Mahnwache in Berlin und nachfolgenden Sendebeiträgen auf ARD ist mir der Begriff „Einwandererin“ aufgefallen. Oft schon bemerkte ich, dass bei dieser Form weiblicher Nennung das „er“ vor dem „in“ nicht mehr genannt wird. Frau gewöhnt sich dran, keine Frage. Was mich aber erstaunt, dass […] Canoo-Net dazu meint: Begriff unbekannt. Erstaunlich an sich – frau gibts längst nicht immer – stellt sich mir nun die Frage, was denn nun „richtig“ ist: Enwandererin oder Einwanderin?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

wir können mehr, als Sie uns zutrauen! Wenn die weibliche Endung –in zu einem männlichen Nomen der Form –erer tritt, fällt im Standarddeutschen ein er weg (vgl. hier und hier). Zum Beispiel:

Zauberer – Zauberin
Ruderer – Ruderin
Bewunderer – Bewunderin

Und ebenso:

Einwanderer – Einwanderin
Zuwanderer – Zuwanderin

Sie finden das Wort Einwandererin deshalb nicht in Canoonet, weil es (zumindest standardsprachlich) Einwanderin heißt. Wenn Sie nach Einwanderin oder z. B. der Wortbildungsgeschichte von Einwanderer gesucht hätten, hätten Sie den Eintrag gefunden (Einwanderin, Einwander…, Einwanderer). Wir bemühen uns nämlich, immer auch die weiblichen Personenbezeichnungen anzugeben. Dass wirklich keine einzige fehlt, kann ich natürlich nicht garantieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Waise: Elternlose Kinder sind heute alle weiblich

Damit soll nicht etwa gesagt werden, dass heute alle Waisen Mädchen sind. Das Schicksal, keine Eltern mehr zu haben, trifft auch heute noch Mädchen genauso wie Jungen. Es geht hier nur um das grammatische Geschlecht.

Frage

Heute interessiert mich, ob man das Wort „Waise“ mit dem männlichen Artikel „der“ benutzen kann. Gestern hat mich nämlich im Kurs ein Schüler danach gefragt und ich hab spontan geantwortet, dass es möglich sei. Heute Morgen hab ich im Wörterbuch nachgeschlagen und hier sehe ich „die“ Waise. Ist das ein fataler Fehler oder könnte man auch „der Waise“ benutzen – vielleicht, wenn es sich um einen Jungen handelt?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im heutigen Standarddeutschen ist das Wort Waise immer weiblich, also auch dann, wenn es um männliche Personen geht:

Der Junge ist eine Waise.
Dank der Adoption blieb ihm das Schicksal einer Waise erspart.
Von der Revolution vertrieben und zur Waise geworden, gelangt er über Polen nach Belgien [NZZ über den Maler Nicolas de Staël]
Früh zur Waise geworden, geht der Millionenerbe und Unternehmer mit allerlei Hightechausrüstung nachts auf Verbrecherjagd. [TV Digital über den Superhelden Batman]

Der Fehler ist aber nicht unbegreiflich und schon gar nicht „fatal“. Das Wort gleicht schließlich sehr stark dem substantivierten Adjektiv der/die Weise (der/die Kluge) und bezeichnet ebenfalls eine Person. Die Schreibung mit ai erklärt sich auch dadurch, dass der Unterschied zwischen Waise und Weise in der Schrift gekennzeichnet wurde und auch nach der letzten Rechtschreibreform geblieben ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass Waise häufiger wie Weise behandelt wird.

Das ist aber noch nicht alles: Als nicht korrekt gilt die männliche Form der Waise nur in der heutigen Sprache. Die althochdeutsche Form weiso war nur männlich. Auch das mittelhochdeutsche weise war meistens männlich, auch dann, wenn eine weibliche Person bezeichnet wurde. Langsam kam dann auch die weibliche Form auf, aber sie hat sich „erst“ seit dem 18. Jahrhundert ganz durchgesetzt, und zwar so gründlich, dass heute nur noch die Waise als korrekt gilt.

Mich würde auch interessieren, weshalb die weibliche Form die männliche ersetzt hat. Doch dazu habe ich leider keine Angaben gefunden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp