Rechtschreibfragen, wenn „on demand“ auf „Bibliothek“ trifft

Frage

Können Sie mir bei folgender Frage behilflich sein? Welche Variante ist korrekt:

1) On Demand Bibliothek
2) On-Demand-Bibliothek
3) On Demand-Bibliothek
4) gar keine?

Wo setzt man […] hier einen Bindestrich? Ich hätte jetzt auf die Variante 2) getippt, aber bin mir nicht ganz sicher.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

die Frage nach den Bindestrichen ist schnell beantwortet: Zwischen allen Teilen der Zusammensetzung müssen Bindestriche gesetzt werden. Richtig ist dann tatsächlich die Variante 2), auf die Sie getippt haben:

On-Demand-Bibliothek

Eine andere Frage ist die Groß- und Kleinschreibung. Demand (Anfrage) wird hier großgeschrieben, weil es sich um ein Substantiv handelt. Substantive aus anderen Sprachen werden auch in Zusammensetzungen großgeschrieben (vgl. amtliche Rechtschreibregelung § 55(3)). Beispiele sind dort u. a. Desktop-Publishing und Full-Time-Job.

Ganz so einfach ist es aber leider nicht. In § 55(E2) der Regelung steht, dass Substantive aus fremden Sprachen ausnahmsweise kleingeschrieben werden, wenn sie Teil einer adverbialen Fügung sind, die als Ganzes ins Deutsche übernommen worden ist. Beispiele sind u. a. a cappella, in flagranti, à discrétion, de facto und – für unseren Fall hier wichtig – die Zusammensetzungen A-cappella-Chor und De-facto-Anerkennung. Die Kleinschreibung des Substantivs gilt also auch in Zusammensetzungen mit solchen Fügungen.

So klar die Regel klingt, so unklar bleibt manchmal, was genau als feste adverbiale Fügung gilt, die als Ganzes aus einer fremden Sprache entlehnt worden ist. Muss die Fügung in Wörterbüchern wie Duden, Wahrig, Pons, DWDS, LEO stehen und, wenn ja, in allen oder nur in einem? Sind zum Beispiel on demand (etwas on demand liefern), just in time (just in time produzieren) und business to business (business to business liefern) im Deutschen als feste Fügungen üblich oder nicht? Das ist je nach Ausdruck und Branche unterschiedlich und ich möchte diese Frage auch nicht weiter diskutieren. Es geht mir vor allem darum, dass es hier einen recht großen grauen Bereich gibt. Wenn man nämlich on demand als im Deutschen gebräuchliche Fügung annimmt, muss das d nicht nur in der adverbialen Fügung on demand, sondern auch in Zusammensetzungen kleingeschrieben werden:

On-demand-Bibliothek

Da feste Kriterien fehlen, sind beide Betrachtungsweisen möglich, das heißt, beide Schreibweisen können als korrekt gelten. Weitere Beispiele:

On-Demand-Lieferung / On-demand-Lieferung
On-Demand-Mobilität / On-demand-Mobilität

Ein weiteres Kriterium sollte man in Zweifelsfällen wie diesen nicht ganz außer Acht lassen: Was ist üblich(er), On-Demand-Xyz oder On-demand-Xyz? Die Schreibung mit großem D kommt viel häufiger vor. Sie scheint sich also in der  deutschen Schreibpraxis durchzusetzen.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Sprache sich auch auf der Ebene der Rechtschreibung  nicht immer in einfache, alle Fälle abdeckende Regeln fassen lässt. Deshalb heißt es häufig wie hier: Beides kommt vor und beides ist vertretbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Substantivierte Partizipien mit „zu“: die Zubetreuenden, die Zu-Betreuenden oder die zu Betreuenden?

Frage

Wird bei substantivierten „zu-Partizipien“ (Gerundiven) das „zu“ mit in die Substantivierung integriert (und groß geschrieben) oder bleibt es klein und steht davorgestellt: „die zu Unterrichtenden“ oder „die Zuunterichtenden“ oder „die Zu-Unterrichtenden“? Anderes Beispiel:

die zu Betreuenden, die Zubetreuenden, die Zu-Betreuenden

Gibt es einen Unterschied bei vorgestelltem „zu“ und integriertem „zu“?

Antwort

Guten Tag Herr Schulz,

um mit einer eher matten scherzhaften Bemerkung anzufangen: Der Unterschied zwischen vorgestelltem „zu“ und integriertem „zu“ ist hier, dass das eine richtig und das andere falsch geschrieben ist. Ein bisschen mehr möchte ich aber doch zu dieser Frage sagen:

Richtig sind hier die folgenden Schreibungen:

die zu unterrichtenden Personen
die zu Unterrichtenden

die zu betreuenden Menschen
die zu Betreuenden

die zu bedienenden Kunden
die zu Bedienenden

Substantivierten Partizipgruppen schreibt man fast gleich, wie wenn sie vor einem Substantiv stehen. Der einzige Unterschied ist, dass das Partizip selbst großgeschrieben wird. Seine Begleiter bleiben klein (oder groß, wenn es Substantive sind):

die viel zu schnell Fahrenden
die sich die Zähne Putzende
der den Zug Nehmende
die zu Fuß Gehenden
die bunte Ostereier Suchenden

Den Versuch, die Hintergründe für diese Schreibweise substantivierter Partizipgruppen zu verstehen, finden Sie in einem älteren Blogeintrag.

Substantivierungen von Partizipgruppen können nur dann zusammengeschrieben werden, wenn sie auch bei adjektivischer Verwendung zusammengeschrieben werden können (vgl. amtl. Regelung § 36 2.1):

die Rad fahrenden Menschen / die radfahrenden Menschen
die Rad Fahrenden / die Radfahrenden

der klein gedruckte Text / der kleingedruckte Text
das klein Gedruckte / das Kleingedruckte

die Ostereier suchenden Kinder / die ostereiersuchenden Kinder
die Ostereier Suchenden / die Ostereiersuchenden

Andere zusammengeschriebene Bildungen sind keine substantivierten Partizipgruppen, sondern meist Zusammensetzungen mit einem substantivierten Partizip an zweiter Stelle:

der/die Konferenzteilnehmende (= Konferenz+Teilnehmende)
der/die Fließbandarbeitende (= Fließband+Arbeitende)
der/die Vereinsvorsitzende (= Verein+s+Vorsitzende)

Deshalb schreibt man „die zu Unterrichtenden“ und „die zu Betreuenden“.

Ich wünsche den Ostereier Suchenden, dass sie das zu Suchende finden mögen, und allen schöne Ostertage!

Dr. Bopp

„X ist das neue Y“ und die Großschreibung

„X ist das neue Y“ – Es geht hier nicht um die Frage der Originalität solcher Formulierungen, sondern nur um die Groß- oder Kleinschreibung.

Frage

„Regional ist das neue international“ im Sinne von „Rot ist das neue Grün“ oder so ähnlich. Schreibt man „international“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

der Artikel „das“ und das gebeugte Adjektiv zeigen an, dass es sich hier um eine Substantivierung handelt. Richtig ist deshalb die Großschreibung. Das gilt nicht nur für Serientitel wie„Orange ist das neue Schwarz“ oder das zurzeit häufig strapazierte „das neue Normal“, sondern auch für:

Regional ist das neue International

Und weil es so schön unkompliziert ist, hier noch ein paar Beispiele:

Analog ist das neue Digital
Doof ist das neue Schlau
Freaky ist das neue Cool
Getrennt ist das neue Zusammen
Langsam ist das bessere Schnell

Wie man sieht, muss es nicht immer kompliziert sein. Mit einem „neuen Einfach“ kann ich aber leider nicht aufwarten, dafür gibt zu viele alte und neue Tücken der Rechtschreibung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Pronomen „solches“ wird als solches immer kleingeschrieben

Heute geht es ausnahmsweise einmal um eine Frage, auf die eine kurze, eindeutige Antwort ohne Ausnahmen möglich ist. So etwas gibt es zum Glück ja auch.

Frage

Gibt es Fälle bei denen man „solchen“, „solches“ großschreibt? Ein Beispiel:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen/Solchen stammen.

Wird „solchen“ groß- oder kleingeschrieben?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

das Pronomen „solcher/solche/solches“ wird immer kleingeschrieben:

solch eine Frechheit
Wer solches behauptet, …
Es gibt immer solche und solche.
Einen solchen will ich nicht.
der Bürger als solcher / die Bürgerin als solche
das Dasein als solches
die Bedeutung des Staates als eines solchen

Auch in Ihrem Satz ist also die Kleinschreibung richtig:

Das Geld kann aus einer kriminellen Tätigkeit oder der Beteiligung an einer solchen stammen.

So einfach kann es manchmal sein! Leider ist nicht alles, was mit „solch“ verbunden ist, ganz so unproblematisch; siehe zum Beispiel hier und hier (falls Lesezeit und -lust vorhanden).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das zweideutige „weniger Offensichtliches“

Frage

Wie wird eine Kombination aus Adjektiv/Adverb + substantiviertes Adjektiv richtig geschrieben? Bsp.: „das weniger Offensichtliche“

Die Substantivierung bezieht sich dabei auf die gesamte Konstruktion, also nicht „weniger vom Offensichtlichen“, sondern vielmehr „das, was weniger offensichtlich ist“. Die einzige alternative Schreibweise, die mir einfällt, um diesen Bedeutungsunterschied darzustellen, wäre „das Wenigeroffensichtliche“. Welche ist nun richtig?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

richtig ist hier nur die Getrenntschreibung

das weniger Offensichtliche

wie zum Beispiel

das sehr Exotische
das heute Erreichbare
das auf den ersten Blick nicht so Interessante

Die Formulierung „weniger Offensichtliches“ ist für sich allein stehend tatsächlich zweideutig: „in geringerem Maße Offensichtliches“ oder „eine geringere Menge Offensichtliches“. Das liegt daran, dass „weniger“ hier zwei Bedeutungen haben kann:

  1. in geringerem Maße, nicht sehr, nicht so
  2. eine geringere Menge/Zahl, nicht so viel

Dieser Unterschied lässt sich nicht in der Schreibung ausdrücken, das heißt, man schreibt in beiden Fällen gleich.

Hier ist weniger Offensichtliches zu sehen =
a) Hier ist in geringerem Maße / nicht so Offensichtliches zu sehen
b) Hier ist eine geringere Menge / nicht so viel Offensichtliches zu sehen

Wir müssen mit weniger Begabten arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße Begabten arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl Begabten arbeiten

Oft ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist. So kann „das weniger Offensichtliche“ nur „das in geringerem Maße Offensichtliche“ bedeuten. Wenn dies wie in den zwei Beispielen oben nicht unmittelbar der Fall ist und auch der weitere Zusammenhang keinen Aufschluss gibt, sollte anders formuliert werden. Je nachdem, was gemeint ist, können „in geringerem Maße“, „nicht so“ bzw. „eine kleinere Menge/Anzahl“, „nicht so viel“ oder eine andere Wortwahl dabei helfen.

Die Zweideutigkeit ergibt sich übrigens nicht aus der Substantivierung. Sie besteht auch, wenn „weniger“ mit einem nicht substantivierten Adjektiv verbunden wird:

Wir müssen mit weniger begabten Menschen arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße begabten Menschen arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl begabten Menschen arbeiten

weniger offensichtliche Effekte =
a) nicht so offensichtliche Effekte
b) nicht so viele offensichtliche Effekte

Manchmal wäre ich froh, wenn bei den Fragen weniger Kompliziertes vorbeikäme, aber das gilt in keinem Sinn für diese Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ und „schwarz-rot-golden“ substantiviert werden sollten

Frage

Wenn ein aus zwei Adjektiven zusammengesetztes Adjektiv wie „luftig-leicht“ oder „schaurig-schön“ substantiviert wird, wie ist dann die korrekte Schreibweise? Zum Beispiel: „In dieser Geschichte ist viel Schaurig-schönes/Schaurigschönes/schaurig Schönes“

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ein eindeutige Antwort muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Hier sollte man meiner Meinung nach einmal eine Regel ganz wörtlich nehmen, auch wenn das Resultat für manches Auge bestimmt sonderbar aussieht. Nach § 55.1 der amtlichen Rechtschreibregelung gilt die Großschreibung „für nichtsubstantivische Wörter, wenn sie am Anfang einer Zusammensetzung mit Bindestrich stehen, die als Ganzes die Eigenschaften eines Substantivs hat“. Wenn eine Adjektivverbindung wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ oder das berühmte Beispiel „süß-sauer“ (neben bindestrichlosem „süßsauer“) substantiviert wird, schreibt man entsprechend das Wort am Anfang der Zusammensetzung groß. Der zweite Teil der Zusammensetzung bleibt klein (weil ich keine Regel finden kann, die hier die Großschreibung verlangt):

etwas Luftig-leichtes
viel Schaurig-schönes
nichts Süß-saures
nichts Schwarz-rot-goldenes

Häufig sieht man allerdings bei dieser Art von Zusammensetzungen, dass beide Teile großgeschrieben werden, wenn substantiviert wird. Das ist nicht unverständlich (im Gegenteil!), es widerspricht aber meiner Meinung nach den Angaben der amtlichen Rechtschreibregelung, in der leider nur Fälle wie „das Entweder-oder“ und „das In-den-Tag-hinein-Leben“ ausdrücklich erwähnt werden. Ersteres legt „etwas Schaurig-schönes“ nahe, Letzteres deutet eher auf „etwas Schaurig-Schönes“ hin. Wirklich eindeutig ist die Lage hier also nicht, und entsprechend ist hier „meiner Meinung nach“ als solches zu verstehen, wenn ich schreibe, dass „etwas Schaurig-schönes“ meiner Meinung nach die richtige Wahl ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwarz-Rot-Gold und schwarz-rot-golden

Herr P. wundert sich – nicht ganz zu Unrecht – über das Wort „schwarz-rot-gold“ im deutschen Grundgesetz:

Frage

Im deutschen Grundgesetz steht: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“ Nun gibt es zwar das Substantiv „Gold“ für die goldene Farbe, doch „gold“ statt „golden“ als Adjektiv finde ich nicht im Duden, entsprechend auch nicht „schwarz-rot-gold“, stattdessen „Schwarz-Rot-Gold“ und „schwarz-rot-golden“.

Auch im heraldischen Kontext begegnet man Adjektiven auf „-gold“ oder „-silber“, so lese ich in der Hauptsatzung der Stadt Fröndenberg/Ruhr: „Das Wappen der Stadt stellt in goldenem Feld über einem in drei Reihen rot-silber geschachteten Balken wachsend das Brustbild des heiligen Mauritius, des Patron der Stiftskirche Fröndenberg, dar.“

Ist dieser Gebrauch Ihrer Meinung nach korrekt oder findet sich im GG tatsächlich ein sprachlicher Fehler? […]

Antwort

Guten Tag Herr P.,

nach den Angaben in verschiedenen Wörterbüchern und im Wörterverzeichnis, das zur amtlichen Rechtschreibregelung gehört, ist „Gold“ ein Substantiv und „golden“ das dazugehörende Adjektiv. Es gibt keinen Anlass, dies für die Farbbezeichnung anders zu interpretieren.

die Farbe Gold
eine Sandale in Gold
der Wein ist golden (goldfarben)
ein goldener Wein

Entsprechend auch:

die Bundesflagge in Schwarz-Rot-Gold
die Bundesflagge ist schwarz-rot-golden
die schwarz-rot-goldene Bundesflagge

Steht also ein Grammatikfehler in der deutschen Grundgesetz? Das ist nicht ausgeschlossen. Man könnte aber auch sagen, dass „Schwarz-Rot-Gold“ der Name der deutschen Flagge ist: „die Flagge Schwarz-Rot-Gold“. Mit dem Argument des Eigennamens wird auch die Schreibung „das Deutsche Volk“ statt „das deutsche Volk“ im deutschen Grundgesetz verteidigt.

Das Argument, „Schwarz-Rot-Gold“ sei ein Eigenname, erklärt zur Not die Formulierung „Die Bundesflagge ist Schwarz-Rot-Gold“, nicht aber die Kleinschreibung „schwarz-rot-gold“. Man könnte sagen, dass „gold“ oder „schwarz-rot-gold“ auch als prädikativ und adverbial verwendetes Adjektiv vorkommt und als solches kleingeschrieben wird. Attributiv, das heißt vor dem Substantiv, wird es ja nicht verwendet (nicht: „die schwarz-rot-gold[e] Bundesflagge“). Prädikatives bzw. adverbiales „gold“ und „silber“ müsste dann aber eine Besonderheit der heraldischen (wappenkundlichen) Fachsprache sein, denn es heißt ja nicht „der Wein ist gold“ oder „die Sandale ist silber“.

Doch für diese Besonderheit finde ich außer ein paar Beispielen so schnell kaum Anhaltspunkte (ich habe allerdings nicht lange gesucht). Üblich scheint zum Beispiel nicht „rot-silber geschacht“ sondern „von Rot und Silber geschacht“ oder „rot-silbern geschacht“ zu sein. Die prädikative und adverbiale Verwendung von „gold“ und  „silber“ (allein oder in Zusammensetzungen mit anderen Farben) als Adjektiv halte ich deshalb für wenig überzeugend.

Im Internet sind Krawatten allerdings häufiger entgegen der Regel „blau-silber gestreift“ (oder „blau/silber gestreift“) statt regelkonform „blau-silbern gestreift“. Und wenn „schwarz-rot-gold“ sogar im deutschen Grundgesetz steht, wäre es vielleicht angebracht, ein Auge zuzudrücken und die „Regel“ in diesem Punkt anzupassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Bald, ein Jetzt, ein Nie oder ein „bald“, ein „jetzt“ ein „nie“

Frage

Ich habe dieses Sprichwort im Internet gesehen und frage mich, ob das Großschreiben von bald, jetzt und nie richtig ist oder ob es kleingeschrieben wird:

Aus einem „Bald“ sollte man viel öfter ein „Jetzt“ machen, bevor daraus ein „Nie“ wird

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Adverbien werden großgeschrieben, wenn sie als Substantiv verwendet werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie wie in Ihrem Beispiel mit einem unbestimmten Artikel stehen (vgl. hier):

Aus einem Bald sollte man viel öfter ein Jetzt machen, bevor daraus ein Nie wird

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich keine Anführungszeichen verwende. Die substantivierten Adverbien sind vollständig in den Satz integriert. Es wird gesagt, dass man häufiger etwas gleich tun sollte, anstatt es vor sich herzuschieben, bis es nicht mehr geschieht. Die Bedeutung der Adverbien ist gemeint, nicht ihre konkrete Form. Ohne Anführungszeichen ist die Großschreibung zwingend.

Mit Anführungszeichen sieht es ein bisschen anders aus: Die Anführungszeichen geben an, dass ein Wort übernommen und hervorgehoben wird. Die Aussage bleibt ungefähr dieselbe, aber die Adverbien werden so übernommen, wie sie geäußert werden oder geäußert werden könnten. Sie werden sozusagen wörtlich zitiert. Sie sollten dann kleingeschrieben werden, wie man es in einem normalen Kontext tut:

Aus einem „bald“ sollte man viel öfter ein „jetzt“ machen, bevor daraus ein „nie“ wird.

vgl.: Aus einem „[Ich tue es] bald“ sollte man viel öfter ein „[Ich tue es] jetzt“ machen, bevor daraus ein „[Ich tue es] nie“ wird.

Das ist  keine knallharte Regel, denn der Übergang zwischen wörtlich übernommenen Adverbien in Anführungszeichen und substantivierten Adverbien ohne Anführungszeichen ist fließend. Der Hinweis kommt deshalb ohne Unbedingt und ohne Immer resp. ohne „unbedingt“ und ohne „immer“ daher.

Die Großschreibung in Anführungszeichen (ein „Bald“, ein „Jetzt“, ein „Nie“) halte ich bei solchen Formulierungen übrigens für weniger gelungen. Entweder man substantiviert oder man zitiert. Damit steht hier doch noch so etwas wie eine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist alles total Banane oder total banane?

Frage

Kürzlich hat mich jemand darauf hingewiesen, dass […] „total Banane sein“ falsch geschrieben sei: „Banane“ werde  hier adjektivisch genutzt und sei daher kleinzuschreiben. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er begründete dies mit „wurst / wurscht sein“, was ebenfalls kleinzuschreiben wäre. Auf duden.de sehe ich das bestätigt. Die adjektivisch genutzte „Banane“ fehlt hier allerdings.
[…]
Lange Einleitung, kurze Frage: Schreibt man „Banane/banane sein“ und „Wurst/wurst sein“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

das Wort „Wurst“ wird im Sinne von „egal“ kleingeschrieben. Die Kleinschreibung „wurst/wurscht sein“ ergibt sich aus der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste. Dort steht:

wurst, wurscht [sein § 56(1)]

Obwohl hier einige Nachschlagwerke auch heute noch die Schreibung mit großen W angeben, wird also nach der amtlichen Wörterliste kleingeschrieben:

Es war ihm wurst, was wir davon hielten.
Das war und ist mir wurscht!

Nun zu „Banane/banane sein“ („dumm, verrückt, unsinnig, schlecht sein“ vgl. hier). In diesem Fall kann man darüber diskutieren, ob „Banane“ in der besagte Redewendung bereits „keine substantivischen Merkmale“ mehr aufweist, das heißt, ob „Banane“ in § 56.1 mitgemeint ist oder nicht. Ich würde die Kleinschreibung empfehlen, auch wenn sie sehr gewöhungsbedürftig aussieht:

total banane sein
Das ist total banane.
Das sieht banane aus.

Das gilt auch für zum Beispiel „klasse“, „scheiße“, „spitze“ und eben „wurst/wurscht“.

Ich würde die Großschreibung bei „Banane sein“ aber nicht rot anstreichen, weil das Wort mit dieser Verwendung noch nicht so bekannt und gebräuchlich ist wie zum Beispiel „klasse“, „spitze“ oder „wurst“ (keine substantivischen Merkmale mehr?). In der Praxis wird auch meistens großgeschrieben: „total Banane sein“. Außerdem ist es eine sehr umgangssprachliche Wendung, dann sind solche Rechtschreibfinessen ohnehin ziemlich nebensächlich. In zum Beispiel einem Schüleraufsatzes wäre aber der ganze Ausdruck anzustreichen, da er – wie gesagt – sehr umgangssprachlich ist. Dort sieht er eher banane aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Dreiviertelkilogramm vs. eindreiviertel Kilogramm

Die Schreibung von Bruchzahlen hat ihre Tücken, jedenfalls wenn sie in Worten geschrieben werden sollen. Dass man Bruchzahlen nur selten in Worten schreibt, hilft nicht dabei, sich die Regeln wirklich eigen zu machen. Auch ich muss mich konzentrieren und sollte manchmal einfach ins Wörterbuch schauen, denn auch ich bin hier nicht ganz sattelfest (was Frau M. leider bestätigen kann).

Frage

Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn es um Maßangaben geht.

1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.
1/4 kg ist ein viertel Kilogramm.

aber

3/4 kg ist ein dreiviertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei viertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei Viertel Kilogramm.

Wie es richtig?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

Ihre Verwirrung ist verständlich, denn die Schreibung von Bruchzahlen ist nicht ganz einfach. Die Schreibweise „dreiviertel Kilogramm“ ist nach der geltenden Rechtschreibregelung nicht korrekt. Das zusammengeschriebene „dreiviertel“ gibt es seit der Rechtschreibreform nämlich nicht mehr. Richtig sind diese Schreibungen (vgl. hier und hier):

1 kg ist ein Kilogramm.
1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.

Komplizierter wird es, wenn man mit Vierteln rechnet:

1/4 kg ist ein viertel Kilogramm
3/4 kg sind drei viertel Kilogramm.

Wenn die Hauptbetonung auf „viertel“ liegt, haben wir es mit Viertelkilogrammen zu tun:

1/4 kg ist ein Viertelkilogramm
3/4 kg sind drei Viertelkilogramm.

Man kann sich sogar in Dreiviertelkilogrammen rechnen:

3/4 kg ist ein Dreiviertelkilogramm

In den Wörterbüchern finden Sie meistens diese Beispiele:

in drei viertel Stunden
in drei Viertelstunden
in einer Dreiviertelstunde

Und wenn es um 1,75 Kilogramm geht, schreibt man:

1,75 kg sind eindreiviertel Kilogramm
(vgl. 1,5 Stunden sind eineinhalb/anderthalb Stunden)

Schreibungen wie „eindreiviertel Kilogramm“ sind unter anderem wegen der großen Verwechslungsgefahr mit „ein Dreiviertelkilogramm“ nicht zu empfehlen:

Wir brauchen ein Dreiviertelkilogramm Mehl (= 0,75 kg)
Wir brauchen eindreiviertel Kilogramm Mehl (= 1,75 kg)

Da der Unterschied ein ganzes Kilo beträgt, ist es meist besser, echte oder Dezimalbrüche zu schreiben oder auf eine andere Formulierung auszuweichen:

3/4 Kilogramm – 0,75 Kilogramm – 750 Gramm – eineinhalb Pfund
1 3/4 Kilogramm – 1,75 Kilogramm – 1 750 Gramm – dreieinhalb Pfund

Und nun weiß ich vor lauter „ein viertel“, „ein Viertel“, „drei viertel“, „drei Viertel“, „Dreiviertel-“ und „eindreiviertel“ bald wieder nicht mehr, was richtig ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp