Das zweideutige „weniger Offensichtliches“

Frage

Wie wird eine Kombination aus Adjektiv/Adverb + substantiviertes Adjektiv richtig geschrieben? Bsp.: „das weniger Offensichtliche“

Die Substantivierung bezieht sich dabei auf die gesamte Konstruktion, also nicht „weniger vom Offensichtlichen“, sondern vielmehr „das, was weniger offensichtlich ist“. Die einzige alternative Schreibweise, die mir einfällt, um diesen Bedeutungsunterschied darzustellen, wäre „das Wenigeroffensichtliche“. Welche ist nun richtig?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

richtig ist hier nur die Getrenntschreibung

das weniger Offensichtliche

wie zum Beispiel

das sehr Exotische
das heute Erreichbare
das auf den ersten Blick nicht so Interessante

Die Formulierung „weniger Offensichtliches“ ist für sich allein stehend tatsächlich zweideutig: „in geringerem Maße Offensichtliches“ oder „eine geringere Menge Offensichtliches“. Das liegt daran, dass „weniger“ hier zwei Bedeutungen haben kann:

  1. in geringerem Maße, nicht sehr, nicht so
  2. eine geringere Menge/Zahl, nicht so viel

Dieser Unterschied lässt sich nicht in der Schreibung ausdrücken, das heißt, man schreibt in beiden Fällen gleich.

Hier ist weniger Offensichtliches zu sehen =
a) Hier ist in geringerem Maße / nicht so Offensichtliches zu sehen
b) Hier ist eine geringere Menge / nicht so viel Offensichtliches zu sehen

Wir müssen mit weniger Begabten arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße Begabten arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl Begabten arbeiten

Oft ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist. So kann „das weniger Offensichtliche“ nur „das in geringerem Maße Offensichtliche“ bedeuten. Wenn dies wie in den zwei Beispielen oben nicht unmittelbar der Fall ist und auch der weitere Zusammenhang keinen Aufschluss gibt, sollte anders formuliert werden. Je nachdem, was gemeint ist, können „in geringerem Maße“, „nicht so“ bzw. „eine kleinere Menge/Anzahl“, „nicht so viel“ oder eine andere Wortwahl dabei helfen.

Die Zweideutigkeit ergibt sich übrigens nicht aus der Substantivierung. Sie besteht auch, wenn „weniger“ mit einem nicht substantivierten Adjektiv verbunden wird:

Wir müssen mit weniger begabten Menschen arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße begabten Menschen arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl begabten Menschen arbeiten

weniger offensichtliche Effekte =
a) nicht so offensichtliche Effekte
b) nicht so viele offensichtliche Effekte

Manchmal wäre ich froh, wenn bei den Fragen weniger Kompliziertes vorbeikäme, aber das gilt in keinem Sinn für diese Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ und „schwarz-rot-golden“ substantiviert werden sollten

Frage

Wenn ein aus zwei Adjektiven zusammengesetztes Adjektiv wie „luftig-leicht“ oder „schaurig-schön“ substantiviert wird, wie ist dann die korrekte Schreibweise? Zum Beispiel: „In dieser Geschichte ist viel Schaurig-schönes/Schaurigschönes/schaurig Schönes“

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ein eindeutige Antwort muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Hier sollte man meiner Meinung nach einmal eine Regel ganz wörtlich nehmen, auch wenn das Resultat für manches Auge bestimmt sonderbar aussieht. Nach § 55.1 der amtlichen Rechtschreibregelung gilt die Großschreibung „für nichtsubstantivische Wörter, wenn sie am Anfang einer Zusammensetzung mit Bindestrich stehen, die als Ganzes die Eigenschaften eines Substantivs hat“. Wenn eine Adjektivverbindung wie „luftig-leicht“, „schaurig-schön“ oder das berühmte Beispiel „süß-sauer“ (neben bindestrichlosem „süßsauer“) substantiviert wird, schreibt man entsprechend das Wort am Anfang der Zusammensetzung groß. Der zweite Teil der Zusammensetzung bleibt klein (weil ich keine Regel finden kann, die hier die Großschreibung verlangt):

etwas Luftig-leichtes
viel Schaurig-schönes
nichts Süß-saures
nichts Schwarz-rot-goldenes

Häufig sieht man allerdings bei dieser Art von Zusammensetzungen, dass beide Teile großgeschrieben werden, wenn substantiviert wird. Das ist nicht unverständlich (im Gegenteil!), es widerspricht aber meiner Meinung nach den Angaben der amtlichen Rechtschreibregelung, in der leider nur Fälle wie „das Entweder-oder“ und „das In-den-Tag-hinein-Leben“ ausdrücklich erwähnt werden. Ersteres legt „etwas Schaurig-schönes“ nahe, Letzteres deutet eher auf „etwas Schaurig-Schönes“ hin. Wirklich eindeutig ist die Lage hier also nicht, und entsprechend ist hier „meiner Meinung nach“ als solches zu verstehen, wenn ich schreibe, dass „etwas Schaurig-schönes“ meiner Meinung nach die richtige Wahl ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schwarz-Rot-Gold und schwarz-rot-golden

Herr P. wundert sich – nicht ganz zu Unrecht – über das Wort „schwarz-rot-gold“ im deutschen Grundgesetz:

Frage

Im deutschen Grundgesetz steht: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“ Nun gibt es zwar das Substantiv „Gold“ für die goldene Farbe, doch „gold“ statt „golden“ als Adjektiv finde ich nicht im Duden, entsprechend auch nicht „schwarz-rot-gold“, stattdessen „Schwarz-Rot-Gold“ und „schwarz-rot-golden“.

Auch im heraldischen Kontext begegnet man Adjektiven auf „-gold“ oder „-silber“, so lese ich in der Hauptsatzung der Stadt Fröndenberg/Ruhr: „Das Wappen der Stadt stellt in goldenem Feld über einem in drei Reihen rot-silber geschachteten Balken wachsend das Brustbild des heiligen Mauritius, des Patron der Stiftskirche Fröndenberg, dar.“

Ist dieser Gebrauch Ihrer Meinung nach korrekt oder findet sich im GG tatsächlich ein sprachlicher Fehler? […]

Antwort

Guten Tag Herr P.,

nach den Angaben in verschiedenen Wörterbüchern und im Wörterverzeichnis, das zur amtlichen Rechtschreibregelung gehört, ist „Gold“ ein Substantiv und „golden“ das dazugehörende Adjektiv. Es gibt keinen Anlass, dies für die Farbbezeichnung anders zu interpretieren.

die Farbe Gold
eine Sandale in Gold
der Wein ist golden (goldfarben)
ein goldener Wein

Entsprechend auch:

die Bundesflagge in Schwarz-Rot-Gold
die Bundesflagge ist schwarz-rot-golden
die schwarz-rot-goldene Bundesflagge

Steht also ein Grammatikfehler in der deutschen Grundgesetz? Das ist nicht ausgeschlossen. Man könnte aber auch sagen, dass „Schwarz-Rot-Gold“ der Name der deutschen Flagge ist: „die Flagge Schwarz-Rot-Gold“. Mit dem Argument des Eigennamens wird auch die Schreibung „das Deutsche Volk“ statt „das deutsche Volk“ im deutschen Grundgesetz verteidigt.

Das Argument, „Schwarz-Rot-Gold“ sei ein Eigenname, erklärt zur Not die Formulierung „Die Bundesflagge ist Schwarz-Rot-Gold“, nicht aber die Kleinschreibung „schwarz-rot-gold“. Man könnte sagen, dass „gold“ oder „schwarz-rot-gold“ auch als prädikativ und adverbial verwendetes Adjektiv vorkommt und als solches kleingeschrieben wird. Attributiv, das heißt vor dem Substantiv, wird es ja nicht verwendet (nicht: „die schwarz-rot-gold[e] Bundesflagge“). Prädikatives bzw. adverbiales „gold“ und „silber“ müsste dann aber eine Besonderheit der heraldischen (wappenkundlichen) Fachsprache sein, denn es heißt ja nicht „der Wein ist gold“ oder „die Sandale ist silber“.

Doch für diese Besonderheit finde ich außer ein paar Beispielen so schnell kaum Anhaltspunkte (ich habe allerdings nicht lange gesucht). Üblich scheint zum Beispiel nicht „rot-silber geschacht“ sondern „von Rot und Silber geschacht“ oder „rot-silbern geschacht“ zu sein. Die prädikative und adverbiale Verwendung von „gold“ und  „silber“ (allein oder in Zusammensetzungen mit anderen Farben) als Adjektiv halte ich deshalb für wenig überzeugend.

Im Internet sind Krawatten allerdings häufiger entgegen der Regel „blau-silber gestreift“ (oder „blau/silber gestreift“) statt regelkonform „blau-silbern gestreift“. Und wenn „schwarz-rot-gold“ sogar im deutschen Grundgesetz steht, wäre es vielleicht angebracht, ein Auge zuzudrücken und die „Regel“ in diesem Punkt anzupassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Bald, ein Jetzt, ein Nie oder ein „bald“, ein „jetzt“ ein „nie“

Frage

Ich habe dieses Sprichwort im Internet gesehen und frage mich, ob das Großschreiben von bald, jetzt und nie richtig ist oder ob es kleingeschrieben wird:

Aus einem „Bald“ sollte man viel öfter ein „Jetzt“ machen, bevor daraus ein „Nie“ wird

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Adverbien werden großgeschrieben, wenn sie als Substantiv verwendet werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie wie in Ihrem Beispiel mit einem unbestimmten Artikel stehen (vgl. hier):

Aus einem Bald sollte man viel öfter ein Jetzt machen, bevor daraus ein Nie wird

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich keine Anführungszeichen verwende. Die substantivierten Adverbien sind vollständig in den Satz integriert. Es wird gesagt, dass man häufiger etwas gleich tun sollte, anstatt es vor sich herzuschieben, bis es nicht mehr geschieht. Die Bedeutung der Adverbien ist gemeint, nicht ihre konkrete Form. Ohne Anführungszeichen ist die Großschreibung zwingend.

Mit Anführungszeichen sieht es ein bisschen anders aus: Die Anführungszeichen geben an, dass ein Wort übernommen und hervorgehoben wird. Die Aussage bleibt ungefähr dieselbe, aber die Adverbien werden so übernommen, wie sie geäußert werden oder geäußert werden könnten. Sie werden sozusagen wörtlich zitiert. Sie sollten dann kleingeschrieben werden, wie man es in einem normalen Kontext tut:

Aus einem „bald“ sollte man viel öfter ein „jetzt“ machen, bevor daraus ein „nie“ wird.

vgl.: Aus einem „[Ich tue es] bald“ sollte man viel öfter ein „[Ich tue es] jetzt“ machen, bevor daraus ein „[Ich tue es] nie“ wird.

Das ist  keine knallharte Regel, denn der Übergang zwischen wörtlich übernommenen Adverbien in Anführungszeichen und substantivierten Adverbien ohne Anführungszeichen ist fließend. Der Hinweis kommt deshalb ohne Unbedingt und ohne Immer resp. ohne „unbedingt“ und ohne „immer“ daher.

Die Großschreibung in Anführungszeichen (ein „Bald“, ein „Jetzt“, ein „Nie“) halte ich bei solchen Formulierungen übrigens für weniger gelungen. Entweder man substantiviert oder man zitiert. Damit steht hier doch noch so etwas wie eine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist alles total Banane oder total banane?

Frage

Kürzlich hat mich jemand darauf hingewiesen, dass […] „total Banane sein“ falsch geschrieben sei: „Banane“ werde  hier adjektivisch genutzt und sei daher kleinzuschreiben. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er begründete dies mit „wurst / wurscht sein“, was ebenfalls kleinzuschreiben wäre. Auf duden.de sehe ich das bestätigt. Die adjektivisch genutzte „Banane“ fehlt hier allerdings.
[…]
Lange Einleitung, kurze Frage: Schreibt man „Banane/banane sein“ und „Wurst/wurst sein“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

das Wort „Wurst“ wird im Sinne von „egal“ kleingeschrieben. Die Kleinschreibung „wurst/wurscht sein“ ergibt sich aus der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste. Dort steht:

wurst, wurscht [sein § 56(1)]

Obwohl hier einige Nachschlagwerke auch heute noch die Schreibung mit großen W angeben, wird also nach der amtlichen Wörterliste kleingeschrieben:

Es war ihm wurst, was wir davon hielten.
Das war und ist mir wurscht!

Nun zu „Banane/banane sein“ („dumm, verrückt, unsinnig, schlecht sein“ vgl. hier). In diesem Fall kann man darüber diskutieren, ob „Banane“ in der besagte Redewendung bereits „keine substantivischen Merkmale“ mehr aufweist, das heißt, ob „Banane“ in § 56.1 mitgemeint ist oder nicht. Ich würde die Kleinschreibung empfehlen, auch wenn sie sehr gewöhungsbedürftig aussieht:

total banane sein
Das ist total banane.
Das sieht banane aus.

Das gilt auch für zum Beispiel „klasse“, „scheiße“, „spitze“ und eben „wurst/wurscht“.

Ich würde die Großschreibung bei „Banane sein“ aber nicht rot anstreichen, weil das Wort mit dieser Verwendung noch nicht so bekannt und gebräuchlich ist wie zum Beispiel „klasse“, „spitze“ oder „wurst“ (keine substantivischen Merkmale mehr?). In der Praxis wird auch meistens großgeschrieben: „total Banane sein“. Außerdem ist es eine sehr umgangssprachliche Wendung, dann sind solche Rechtschreibfinessen ohnehin ziemlich nebensächlich. In zum Beispiel einem Schüleraufsatzes wäre aber der ganze Ausdruck anzustreichen, da er – wie gesagt – sehr umgangssprachlich ist. Dort sieht er eher banane aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Dreiviertelkilogramm vs. eindreiviertel Kilogramm

Die Schreibung von Bruchzahlen hat ihre Tücken, jedenfalls wenn sie in Worten geschrieben werden sollen. Dass man Bruchzahlen nur selten in Worten schreibt, hilft nicht dabei, sich die Regeln wirklich eigen zu machen. Auch ich muss mich konzentrieren und sollte manchmal einfach ins Wörterbuch schauen, denn auch ich bin hier nicht ganz sattelfest (was Frau M. leider bestätigen kann).

Frage

Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn es um Maßangaben geht.

1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.
1/4 kg ist ein viertel Kilogramm.

aber

3/4 kg ist ein dreiviertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei viertel Kilogramm.
3/4 kg ist ein drei Viertel Kilogramm.

Wie es richtig?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

Ihre Verwirrung ist verständlich, denn die Schreibung von Bruchzahlen ist nicht ganz einfach. Die Schreibweise „dreiviertel Kilogramm“ ist nach der geltenden Rechtschreibregelung nicht korrekt. Das zusammengeschriebene „dreiviertel“ gibt es seit der Rechtschreibreform nämlich nicht mehr. Richtig sind diese Schreibungen (vgl. hier und hier):

1 kg ist ein Kilogramm.
1/2 kg ist ein halbes Kilogramm.

Komplizierter wird es, wenn man mit Vierteln rechnet:

1/4 kg ist ein viertel Kilogramm
3/4 kg sind drei viertel Kilogramm.

Wenn die Hauptbetonung auf „viertel“ liegt, haben wir es mit Viertelkilogrammen zu tun:

1/4 kg ist ein Viertelkilogramm
3/4 kg sind drei Viertelkilogramm.

Man kann sich sogar in Dreiviertelkilogrammen rechnen:

3/4 kg ist ein Dreiviertelkilogramm

In den Wörterbüchern finden Sie meistens diese Beispiele:

in drei viertel Stunden
in drei Viertelstunden
in einer Dreiviertelstunde

Und wenn es um 1,75 Kilogramm geht, schreibt man:

1,75 kg sind eindreiviertel Kilogramm
(vgl. 1,5 Stunden sind eineinhalb/anderthalb Stunden)

Schreibungen wie „eindreiviertel Kilogramm“ sind unter anderem wegen der großen Verwechslungsgefahr mit „ein Dreiviertelkilogramm“ nicht zu empfehlen:

Wir brauchen ein Dreiviertelkilogramm Mehl (= 0,75 kg)
Wir brauchen eindreiviertel Kilogramm Mehl (= 1,75 kg)

Da der Unterschied ein ganzes Kilo beträgt, ist es meist besser, echte oder Dezimalbrüche zu schreiben oder auf eine andere Formulierung auszuweichen:

3/4 Kilogramm – 0,75 Kilogramm – 750 Gramm – eineinhalb Pfund
1 3/4 Kilogramm – 1,75 Kilogramm – 1 750 Gramm – dreieinhalb Pfund

Und nun weiß ich vor lauter „ein viertel“, „ein Viertel“, „drei viertel“, „drei Viertel“, „Dreiviertel-“ und „eindreiviertel“ bald wieder nicht mehr, was richtig ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Straßennamen, wenn die amtliche Schreibung nicht mit der amtlichen Schreibung übereinstimmt

Eine Frage, die nicht sehr häufig, aber immer wieder auftaucht, betrifft Straßennamen, deren behördlich festgelegte Schreibung nicht den Regeln der amtlichen Rechtschreibregelung entspricht. Die amtliche Schreibung stimmt sozusagen nicht mit der amtlichen Schreibung überein.

Frage

Ich bin als Stammdatenpflegerin tätig und täglich verunsichert durch die offiziellen Schreibweisen der Straßen […], wie Städte und Gemeinden offiziell ihre Straßen im Internet schreiben, ohne Rücksicht auf die geltende Rechtschreibung […]:

  • Le Pavillon-Straße in Berlin
  • La Famille-Straße in Berlin
  • Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße in Schliengen
  • immer noch Schloßstraße anstatt offiziell Schlossstraße

Auch sehe ich „Zum kleinen Feld“, obwohl im Duden steht, dass die Adjektive groß geschrieben werden? Welche Schreibweisen empfehlen Sie mir?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

nach der Rechtschreibregelung schreibt man tatsächlich :

Le-Pavillon-Straße
La-Famille-Straße
Dr.-Elisabeth-Vomstein-Straße
Schlossstraße
Zum Kleinen Feld

Man setzt einen Bindestrich zwischen allen Bestandteilen mehrteiliger Zusammensetzungen, deren erste Bestandteile aus Eigennamen bestehen (§ 50). Nach kurzem Vokal schreibt man immer ss und nicht mehr ß (§ 2). In mehrteiligen Namen schreibt man man das erste Wort und alle weiteren Wörter außer Artikeln, Präpositionen und Konjunktionen groß (§ 60).

So viel sei zur Schreibung nach den Rechtschreibregeln gesagt. Wie Sie richtig feststellen, weichen Ortschaften und Städte im konkreten Fall nämlich häufiger von diesen Regeln ab:

Le Pavillon-Straße
La Famille-Straße
Dr. Elisabeth-Vomstein-Straße
Schloßstraße
Zum kleinen Feld

Wer hat dann „recht“? – Wenn behördlich festgelegte Schreibungen nicht mit Schreibungen übereinstimmen, die von der Rechtschreibregelung vorgesehen sind, dann gehen die behördlichen Schreibungen vor. Ich empfehle Ihnen deshalb, die von den lokalen Behörden verwendeten Schreibungen zu übernehmen, auch wenn sie nicht den amtlichen Rechtschreibregeln entsprechen. So schreibt man zum Beispiel auch:

Baslerstrasse – in Bern und Zürich
Basler Straße – in Freiburg i. Br. und München
Baseler Straße – in Frankfurt und Berlin

Man könnte hier über so viel Uneinheitlichkeit klagen, ich ziehe es aber vor, mich an der lokalen Vielfalt zu erfreuen – so weit man sich an der Schreibung von Straßennamen erfreuen kann. (Siehe auch hier zur Schreibung von Ortsnamen.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Macht Backen oder backen glücklich?

Es geht hier um Groß- oder Kleinschreibung, weniger um die therapeutische Wirkung des Backens.

Frage

Wird bei dem Satz „Backen macht glücklich” das Wort „Backen“ als Substantiv oder Verb gewertet? Warum?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

da Backen am Anfang des Satzes steht, sieht man bei Backen macht glücklich tatsächlich nicht, ob es sich a) um eine Verbform oder b) um eine Substantivierung handelt. Man schreibt sowieso ein großes B. Wenn man den Satz so umformuliert, dass der Infinitiv im Satzinneren steht, oder wenn man es einfach wissen möchte, wird es etwas komplizierter: Beides ist möglich. Das sieht man zum Beispiel dann, wenn man den Infinitiv erweitert:

a) Gemeinsam backen macht glücklich.
b) Gemeinsames Backen macht glücklich.

Ein Infinitivsatz, der die Rolle des Subjekts hat, kann ohne zu stehen:

[Zu] backen macht glücklich.
Einen Kuchen [zu] backen macht glücklich.

Andererseits kann ein substantivierter Infinitiv ohne Artikel stehen:

[Das] Backen macht glücklich.
[Das] Kuchenbacken macht glücklich.

Es ist also in Ihrem Satz nicht klar, ob vor dem Infinitiv zu oder das ergänzt werden soll. Entsprechend sind beide Interpretationen, Verbform und Substantivierung, möglich.

Ob backen/Backen wirklich glücklich macht, hängt wohl auch davon ab, wie gerne man in der Küche Teig rührt und knetet. Wenn man es mag, kann es das zurzeit dringend empfohlene Zuhausebleiben für Backende und „Bebackte“ bestimmt etwas angenehmer gestalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der heilige Placidus und der heilige Sigisbert sind zusammen die Heiligen Placidus und Sigisbert

Frage

Wie erkläre ich meinem Kunden, dass „die heiligen Placidus und Sigisbert“ nicht geht? Meine Änderung in „die Heiligen Placidus und Sigisbert“ wurde leider nicht akzeptiert.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

es stimmt, dass man „heilig“ als Adjektiv kleinschreibt:

der heilige Placidus
der heilige Sigisbert

Trotzdem ist in Ihrem Beispiel tatsächlich nur die Großschreibung möglich. Das liegt daran, dass ein Artikel oder Adjektiv im Plural sich nicht auf zwei Substantive in der Einzahl beziehen kann.

Nicht:
*die festen Wille und Charakter
*die großen Burg und Kirche
*die kleinen Mark und Sophia
*die heiligen Placidus und Sigisbert

Sondern:
der feste Wille und [der feste] Charakter
die große Burg und die große Kirche
der kleine Mark und die kleine Sophia
der heilige Placidus und der heilige Sigisbert

Möglich sind allerdings Formulierungen mit einem Substantiv im Plural, dem eine zweiteilige Apposition folgt:

die Kinder Mark und Werner
die Kleinen Mark und Sophia
die Einsiedler Placidus und Sigisbert

Entsprechend muss in dieser Formulierung „Heiligen“ ein Substantiv sein und sollte großgeschrieben werden:

die Heiligen Placidus und Sigisbert

Häufig wird aber (auch in katholischen und anderen kirchlichen Kontexten) trotzdem „die heiligen Petrus und Paulus“ statt „die Heiligen Petrus und Paulus“ geschrieben. Nach der Grammatik und der Rechtschreibregelung ist diese Kleinschreibung nicht korrekt. Sie könnte höchstens als fachsprachliche Schreibung angesehen werden, aber für eine begründete Aussage kenne ich mich in dieser Fachsprache leider zu wenig gut aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn der Bindestrich fehl am Platz ist: von der High Society bis zur Smart Factory

Heute einmal etwas Kurzes und Einfaches:

Frage

Die Wörterbücher verzeichnen die Schreibweise „Big Data“ ohne Bindestrich (z. B. hier). Kann ich dieses Muster (Big = Adjektiv; Data = Substantiv) auch auf das Wort „Smart Factory“ übertragen oder ist hier die Schreibweise mit Bindestrich korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

hier ist der Bindestrich nach der amtlichen Regelung nicht möglich. Angebracht ist bei Verbindungen dieser Art die Getrenntschreibung und manchmal auch die Zusammenschreibung.

Substantivische Wortverbindungen aus dem Englischen, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv bestehen, werden getrennt geschrieben:

High Society
Public Domain
Human Resources
Big Data

Dabei werden beide Teile der Verbindung mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben. Wenn das Adjektiv die Hauptbetonung trägt, kann auch zusammengeschrieben werden:

Big Band o. Bigband
Small Talk o. Smalltalk
Smart Phone o. Smartphone
Smart Factory (o. Smartfactory)

Das zusammengeschriebene „Smartfactory“ steht in Klammern, weil es zwar nach der Regel möglich ist, aber offenbar kaum vorkommt.

Die entsprechende Regel finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (3)