Sind oder ist Nudeln mit Pilzsauce mein Lieblingsgericht?

Frage

Ich habe eine kurze Frage. Was ist richtig: „Mein Lieblingsgericht ist/sind Spaghetti“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

nach den Regeln der Grammatik muss es im Prinzip heißen:

Mein Lieblingsgericht sind Spaghetti.
Mein Lieblingsessen sind Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht waren grüne Bohnen mit Speck.

Die entsprechende Regel lautet: Wenn zwei Nominative mit „sein“ miteinander verbunden sind und nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb in der Regel im Plural (siehe hier). Hier ein paar Beispiele:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Diese Sachen sind alles, was ich noch habe.
Eine große Gefahr bleiben unbewachte Bahnübergänge.
Das beste Gericht sind die Nudeln mit Pilzsauce.

Soweit die Regel. Weshalb klingt dann „Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti“ gar nicht so falsch, insbesondere dann nicht, wenn noch angegeben wird, was für Spaghetti gemeint sind:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti mit Tomatensauce.

Das liegt daran, dass Namen von Gerichten als eine Einheit wahrgenommen werden (ähnlich wie ein Titel) und dann wie ein Singular behandelt werden können:

Mein Lieblingsgericht ist Spaghetti bolognese
Mein Lieblingsessen ist Nudeln mit Pilzsauce.
Ihr Lieblingsgericht war grüne Bohnen mit Speck.

Das funktioniert übrigens nur ohne Artikel. Wenn ein Artikelwort hinzutritt, kann nur der Plural verwendet werden:

Mein Lieblingsgericht sind die Spaghetti bolognese.
Mein Lieblingsessen sind deine Nudeln mit Pilzsauce.

Wenn Sie mit Leuten zu tun haben, die es grammatisch sehr genau nehmen und Sie (unnötige) Diskussionen vermeiden möchten, wählen Sie auch ohne Artikel besser den Plural. Ansonsten schmeckt’s ohnehin, ganz gleich ob Spaghetti bolognese Ihr Lieblingsgericht sind oder ist. (Eines meiner Lieblingsgerichte sind oder ist übrigens Nudeln mit Pilzrahmsauce.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mir als Deutscher, als Deutschem, als Deutsche?

Frage

Es geht um den Satz „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“. Dem Kunden gefällt das „GrüneR nicht“. Ist es zwingend oder dürfte hier auf den Nominativ ausgewichen werden?

Sicherlich haben Sie gemerkt, dass im Beispielsatz eine Frau spricht. In der jetzigen Fassung steht das Wort im Dativ, wie es m. E. sicher auch korrekt ist. Die Frage ist nur, ob solche Nomen […] auch im Nominativ stehen können. Mein Kollege brachte noch dieses Beispiel: „Ihm als Deutscher ist das bekannt.“ Irgendwie klingt es nicht falsch, aber ich glaube dennoch, dass es „Deutschem“ heißen sollte.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der Grundregel stimmt eine solche als-Gruppe im Kasus mit dem Wort überein, auf das sie sich bezieht. Zu dieser Grundregel gibt es viele Ausnahmen, Ihre Beispiele gehören aber nicht dazu (siehe hier). Standardsprachlich sollte auch bei substantivierten Adjektiven die Kasusangleichung befolgt werden:

Singular weiblich:
ich/du/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mich/dich/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Politikerin
mir/dir/ihr als als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politikerin

Singular männlich:
ich/du/er als Grüner – als Deutscher – als deutscher Politiker
mich/dich/ihn als Grünen – als Deutschen – als deutschen Politiker
mir/dir/ihm als Grünem – als Deutschem – als deutschem Politiker

Plural:
wir/ihr/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/sie als Grüne – als Deutsche – als deutsche Abgeordnete
uns/euch/ihnen als Grünen – als Deutschen – als deutschen Abgeordneten

Für Ihre Beispiele heißt das:

Mir als Grüner sind die Hände gebunden (weiblich)
Mir als Grünem sind die Hände gebunden (männlich)
Ihm als Deutschem ist bekannt …
Ihr als Deutscher ist bekannt …

Es ist aber nicht erstaunlich, dass Sie zweifeln. Häufig wird hier nämlich statt der Kasusangleichung der „neutrale“ Nominativ gewählt (zum Beispiel: „ihm als Deutscher“, „ihm als deutscher Politiker“; „ihr als Deutsche“, „ihr als deutsche Politikerin“). Das ist verständlich, denn es kann in den meisten Fällen auch ohne Kasusangleichung zu keinen Verständnisschwierigkeiten führen. In der Formulierung „Mir als Grüner sind die Hände gebunden“ kann „Grüner“ sowohl ein weiblicher Dativ als auch ein männlicher Nominativ sein. In der Regel ist aber klar, ob eine männliche oder eine weibliche Person am Wort ist, so dass es zu keinen Verwechslungen kommt.

Wenn Sie aber erbetener und ungefragter Kritik oder gar dem korrigierenden Rotstift vorbeugen möchten, wählen Sie hier die Übereinstimmung im Kasus. Sie gilt in diesem Fall standardsprachlich als die richtige Lösung. Ich hoffe, dass ich Ihnen als Zweifelndem hiermit ein bisschen weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Braucht „einander“ immer einen Plural?

Frage

Immer wieder begegnen mir Formulierungen wie „alles hängt miteinander zusammen“, „die Welt ist miteinander verwoben“ oder auch „die Klasse tauschte untereinander SMS aus“. […] Mein Sprachgefühl sagt mir, dass „einander“ mindestens zwei Subjekte braucht. „Das Große und das Kleine hängen miteinander zusammen“ ergibt für mich Sinn. Aber „alles“, „nichts“, „die Welt“, „die Klasse“ sind grammatisch ja Singular, auch wenn sie semantisch mehreres bezeichnen. Nun sehe ich solche Formulierungen aber ab und zu auch in „hochsprachlichen“ Medien wie Tagesschau, Spiegel, FAZ. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Wechselseitigkeit ausdrückende „einander“ verlangt tatsächlich ein pluralisches Bezugswort. Wechselseitigkeit oder Gegenseitigekeit kann ja nicht bei einem einzelnen Element bestehen. Häufig geht es dabei um eine Pluralform oder mit „und“ verbundene Singularformen:

Wir gaben einander die Hand.
Die Leute müssten mehr miteinander reden.
Blanche und Robert verachteten einander zutiefst.
Der Sänger und die Gitarristin sind gut aufeinander eingespielt.

Das ist aber nicht immer so. Eine häufiger vorkommende Ausnahme sind Formulierungen mit dem unpersönlichen „man“:

Man gibt einander die Hand.
Man sollte aufeinander zugehen.

Mit „man“ ist hier nicht eine einzelne unbestimmte Person gemeint, sondern eine gewisse Gruppe von Menschen oder allgemein „die Leute“.

Bei Wörtern, die auch im Singular eine Mehrzahl bezeichnen (z. B. „Gruppe“, „Familie“, „Klasse“, „alles“, „vieles“), wird manchmal auch „einander“ verwendet. Man formuliert dann nicht nach der Form, sondern nach dem Sinn, das heißt, „einander“ bezieht sich nicht formal auf die gesamte Mehrzahl, sondern sinngemäß auf deren einzelne Elemente:

Die Klasse tauscht untereinander SMS aus.
Die Familie steht füreinander ein.
Das junge Paar saß nebeneinander auf einer Parkbank.
Alles ist miteinander verbunden.
Vieles ist aufeinander abgestimmt.

Formulierungen dieser Art kommen nicht häufig vor (oft „Schüler“ statt „Klasse“, „Familienmitglieder“ statt „Familie“ usw.). Wie weit man hier gehen kann oder will, ist auch eine stilistische Frage. Ich halte Formulierungen wie die folgenden für zumindest zweifelhaft und würde anders formulieren, weil es sich nicht um Begriffe handelt, die eine Mehrzahl bezeichnen:

Die Welt ist miteinander verwoben. [??]
Nichts hat miteinander zu tun. [??]

Es ist aber kaum möglich, eine genaue Grenze zu ziehen. Bei Zweifel oder wenn man gegen jegliche Kritik gefeit sein möchte, formuliert man deshalb am besten um:

Alles in der Welt ist miteinander verwoben.
Alle Dinge in der Welt sind miteinander verwoben.
Nichts hat mit etwas anderem zu tun.

Formulierungen, in denen sich „einander“ (resp. „aufeinander“, „aneinander“, „miteinander“ usw.) auf einen Singular bezieht, kommen nicht häufig vor, sie sind aber nicht in allen Fällen ausgeschlossen. Man sollte einander also auch hier keine allzu strengen Regeln vorschreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sowohl der Plural als auch der Singular sind/ist hier richtig

Frage

Verwendet man nach „sowohl – als auch“ die Singular- oder die Pluralform? Beispiel: „Sowohl er als auch sein Chef vertreten/vertritt die gleiche Meinung.“

Antwort

Guten Tag J.,

wenn zwei Subjektteile im Singular durch „sowohl – als auch“ verbunden sind, steht das Verb häufig im Plural, es kann aber auch im Singular stehen. Beides gilt als richtig:

Sowohl er als auch sein Chef vertreten die gleiche Meinung.
Sowohl er als auch sein Chef vertritt die gleiche Meinung.

Sowohl der Plural als auch der Singular gelten hier als richtig.
Sowohl der Plural als auch der Singular gilt hier als richtig.

Sowohl Glück als auch Gesundheit sollen dich im neuen Jahr begleiten!
Sowohl Glück als auch Gesundheit soll dich im neuen Jahr begleiten!

Wenn einer der beiden Subjektteile im Plural steht, ist nur der Plural für das Verb üblich, insbesondere dann, wenn der Subjektteil im Plural näher beim Verb steht:

Sowohl der Chef als auch seine Mitarbeiter vertreten die gleiche Meinung.

Etwas komplizierter wird es im nicht sehr häufig vorkommenden Fall, dass „sowohl – als auch“ Subjektteile verbindet, die nicht in der gleichen Person stehen. Dann gelten im Prinzip diese Regeln:

Wenn eine 1. Person mit einer 2. oder 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 1. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „wir“ zusammenfassen:

Sowohl du als auch ich [= wir] fahren heute nach Hamburg.
Sowohl ich als auch ihr haben den Film bereits gesehen.
Sowohl wir als auch ihr sollten stolz auf unsere Herkunft sein.

Sowohl meine Schwester als auch ich [= wir] wissen es noch gut.
Sowohl ich als auch meine Mitarbeiter haben uns die größte Mühe gegeben.
Sowohl die Nachbarn als auch ich waren mit der Mietpreiserhöhung einverstanden.

Wenn eine 2. Person mit einer 3. Person verbunden wird, steht das Verb in der 2. Person Plural. Man kann die Subjektteile mit „ihr“ zusammenfassen:

Sowohl er als auch du [= ihr] seid heute aus Hamburg angekommen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürft euch über diesen Erfolg freuen.
Sowohl ihr als auch euer Vater habt sie schlecht behandelt.

Die Regeln sind einfach, aber wenn man hier doch einmal unsicher wird oder wenn eine Formulierung irgendwie sonderbar anmutet**, kann man zur Sicherheit das Pronomen „wir“ oder „ihr“ einfügen:

Sowohl meine Schwester als auch ich, wir wissen es noch gut.
Sowohl er als auch du, ihr seid heute aus Hamburg angekommen.

Sowohl die Kongruenz im Numerus als auch die Kongruenz in der Person können/kann zu Unsicherheiten führen. Zum Glück geht es aber meistens gut – wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Es gibt eine Tendenz, das Verb mit der Person des ihm am nächsten stehenden Subjektteils übereinstimmen zu lassen:

Sowohl ich als auch ihr habt den Film bereits gesehen.
Sowohl ihr als auch eure Freunde dürfen sich über diesen Erfolg freuen.

Diese Formulierungen gelten aber nicht allgemein als korrekt.

Sei es ein(en) oder ein(en) …?

Frage

Eine Frage zur Kongruenz: „Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur“. Oder muss es ebenfalls im Akkusativ heißen: „… sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur“?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

den Nominativ halte ich hier für die bessere Wahl:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur.

Der zweite Teilsatz kann so analysiert werden:

es = Subjekt
sei = Kopula (verbindendes Verb)
ein Architekt = Prädikativ zum Subjekt

Es [= was Sie suchen sollten] ist ein Architekt oder ein Bauingenieur.
Es sei ein Architekt oder Bauingenieur.
Sei es ein Architekt oder Bauingenieur.

Die Wortgruppe „ein Architekt oder Bauingenieur“ ist so gesehen nicht von „suchen“, sondern von „sein“ abhängig und steht deshalb im Nominativ.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation: Man kann „sei es … oder …“ auch als eine Art Konjunktion wie „entweder … oder …“ verstehen. Dann wird die Konstruktion des ersten Satzes weitergeführt, das heißt, die Wortgruppe „einen Architekten oder einen Bauingenieur“ ist immer noch von „suchen“ abhängig und steht im Akkusativ:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, entweder einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Sie können hier m. M. n. also zwei verschiedene Fälle verwenden, sei es der/den Nominativ oder der/den Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bezugsfragen: Pronomen in der wörtlichen und in der indirekten Rede

Wenn Sie nicht alle Beispiele genau nachvollziehen möchten, ist das kein Problem. So kompliziert, wie es aussieht, machen wir es uns nämlich nicht.

Frage

Ich bin hinsichtlich der indirekten Rede gerade auf einen Fall gestoßen, den ich nicht recht einordnen kann.

a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
b) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“

Ich gehe davon aus, dass es bei der Umwandlung in die indirekte Rede in beiden Fällen heißen muss:

c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Falls das zutrifft, kann der Leser aber letztlich nicht mehr erkennen, ob Sachverhalt (a) oder (b) zugrunde lag. Es würde mich sehr interessieren, wie Sie dieses Problem sehen.

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es kommt häufig vor, dass in der indirekten Rede (und anderswo) nicht eindeutig ist, welchen Bezug Pronomen haben. Hier zwei andere Beispiele, bei denen verschiedene direkte Formulierungen zu derselben indirekten Rede umgeformt werden:

Direkte Rede
(1a) Er fragte mich: „Darf ich auch mitkommen?“
(1b) Er fragte mich: „Darf er auch mitkommen?“
Indirekte Rede
(1c) Er fragte mich, ob er auch mitkommen dürfe.

Direkte Rede:
(2a) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Ich bin neugierig.“
(2b) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Du bist neugierig.“
(2c) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Sie ist neugierig.“
Indirekte Rede:
(2d) Sie sagte zu ihrer Schwester, sie sei neugierig.

Die Sätze (1c) und (2d) sind vor allem deshalb nicht eindeutig, weil sie hier ohne Kontext stehen. In Fällen wie diesen ergibt sich in der Regel nämlich aus dem weiteren Zusammenhang, wie die indirekte Rede genau zu verstehen ist. Nur wenn das nicht der Fall ist, sollte man umformulieren.

Nun zu den Sätzen in Ihrer Frage: Bei Ihren Beispielen ergibt sich interessanterweise ein weiterer unklarer Bezug (inklusives und exklusives Wir): Der Satz (3a) kann in der direkten Rede auf zwei Arten verstanden werden, je nachdem, ob die angesprochene und zitierende Person im „wir“ eingeschlossen ist (3b) oder ob die angesprochene und zitierende Person nicht im „wir“ eingeschlossen ist (3c):

Direkte Rede
(3a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
(3b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
(3c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Auch beim Satz (4a) gibt es zwei mögliche Interpretationen, je nachdem ob sich das „ihr“ nur an dritte Personen richtet (4b) oder auch an die zitierende Person (4c):

Direkte Rede
4a) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
4b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
4c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Das ist noch nicht alles: Die Sätze 3b) und 4b) könnten auch der direkten Rede (5a) entsprechen:

Direkte Rede
5a) Er sagte: „Sie werden sich schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
5b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.

Keiner dieser Sätze ist also eindeutig, weder in der wörtlichen noch in der indirekten Rede:

3a) Schließt wir die angesprochene/zitierende Person ein?
4a) Schließt ihr die zitierende Person ein?
3b)/4b)/5b) Steht sie für wir, für ihr oder für sie in der direkten Rede?
3c)/4c) Steht wir für wir oder für ihr in der direkten Rede?

Wie das Jonglieren mit Beispielsätzen und Nummerierungen zeigt, ist die ganze Sache hier furchtbar komplex. Wie ist es nur möglich, dass wir trotzdem noch etwas verstehen, ohne jedes Mal große Aufstellungen dieser Art machen zu müssen?

Das liegt daran, dass uns im normalen Sprachleben viel mehr Informationen zur Verfügung stehen als in diesen isolierten Sätzen. Der weitere Satzzusammenhang ist wichtig, denn er gibt in der Regel Aufschluss darüber, worauf oder auf wen sich die Pronomen in der indirekten Rede beziehen. Es ist dennoch erstaunlich, mit wie viel Uneindeutigkeit wir umzugehen wissen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kongruenzfrage: Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter

Frage

Ich habe den Grammatikduden konsultiert und finde keine Lösung für dieses doch eigentlich häufig auftretende Kongruenzproblem. Muss das Prädikat im Satz „Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter“ im Singular oder im Plural stehen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

man kann bei diesem Satz tatsächlich ins Zweifeln kommen. Der Singular „was“ legt die Einzahl „ist“ nahe, das mehrteilige „ein Ball und ein Schiedsrichter“ deutet auf den Plural „sind“ hin. Welche dieser beiden Sichtweisen gewinnt hier?

Wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (prädikativer Nominativ; siehe Beispiele) in einem Satz nicht den gleichen Numerus haben, steht das finite Verb in der Regel im Plural:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Die Beduinen sind ein Nomadenvolk.
Die Guerillagruppen bleiben eine Gefahr für die Stabilität.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Eltern.

In Ihrem Satz haben wir es mit einer ähnlichen Konstruktion zu tun: Der Nebensatz „Was noch fehlt“ ist das Subjekt des Gesamtsatzes, die Wortgruppe „ein Ball und ein Schiedsrichter“ ist der Gleichsetzungsnominativ. Letzterer besteht aus zwei mit „und“ verbundenen Teilen und ist deshalb als pluralisch anzusehen (vgl. „Benötigt werden ein Ball und ein Schiedsrichter“). Hier werden also in einem Gleichsetzungssatz ein singularischer Nebensatz und eine pluralische Wortgruppe verbunden. Das Verb sollte deshalb, wie oben gesagt, im Plural stehen:

Was fehlt, sind Bälle.
Was fehlt, sind ein Ball und ein Schiedsrichter.

Die folgenden Beispiele sind ähnliche Gleichsetzungssätze, für die bei der Wahl der Verbform dasselbe gilt:

Was noch fehlt, sind ein Logo und ein griffiger Slogan.
Was mich interessiert, sind ein langes Leben und Weisheit.
Das Geburtsdatum und der Geburtsort sind, was noch benötigt wird.
Alles, was zählt, sind eine tolle Zeit, gute Gesellschaft und jede Menge Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Namen des Besitzers und des Hotels

Wer hat wie viele Namen?

Frage

Ich weiß nicht, ob der Satz „Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch“ so ganz korrekt ist. Problematisch ist vor allem der Plural des Subjekts. Muss es „der Name“ heißen, weil es jeweils um nur einen Namen geht? Oder heißt es „Der Name des Besitzers und der des Hotels waren falsch“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

mit festen Regeln kann ich hier nicht aufwarten, nur mit einer Empfehlung.

Ich gehe davon aus, dass Folgendes ausgesagt werden soll:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch

Es ist hier nicht möglich, einfach den wiederholten Wortgruppenkern der Name wegzulassen:

nicht: *Der Name des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das Verb in die Einzahl zu setzen, hilft auch nicht viel:

Der Name des Besitzers und des Hotels war falsch

Der Satz ist so nicht ungrammatisch, aber damit wird eindeutig gesagt, dass sich der Besitzer und das Hotel einen Namen teilen. Vgl.:

Das Auto meiner Schwester und meiner Mutter steht vor dem Haus.
= Schwester und Mutter haben ein gemeinsames Auto

Es ist möglich, das Wort „Namen“ wie in Ihrer Frage in den Plural zu setzen. Das führt aber zu einer Formulierung, die nicht gerade von Deutlichkeit strotzt:

Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das kann bedeuten:

= Der Besitzer und das Hotel haben je mehrere Namen
= Der Besitzer und das Hotel haben mehrere gemeinsame Namen

Fraglich finde ich, ob man darunter auch verstehen kann:

= Der Besitzer und das Hotel haben je einen Namen [?]

Die letzte Interpretation ist nicht unbedingt ausgeschlossen, aber m. M. n. bestimmt nicht die, auf die man zuerst kommt.

Das gilt auch hier:

die Autos meiner Schwester und meiner Mutter
= Schwester und Mutter haben je mehrere Autos
= Schwester und Mutter haben mehrere gemeinsame Autos
= Schwester und Mutter haben je ein Auto [?]

Wenn Ihnen an Deutlichkeit gelegen ist, wiederholen Sie deshalb am besten den Wortgruppenkern ganz oder als Pronomen:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch.
Der Name des Besitzers und der[jenige] des Hotels waren falsch.

Wiederholung ist lange nicht immer schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie so schön für Klarheit sorgen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp