Bezugsfragen: Pronomen in der wörtlichen und in der indirekten Rede

Wenn Sie nicht alle Beispiele genau nachvollziehen möchten, ist das kein Problem. So kompliziert, wie es aussieht, machen wir es uns nämlich nicht.

Frage

Ich bin hinsichtlich der indirekten Rede gerade auf einen Fall gestoßen, den ich nicht recht einordnen kann.

a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
b) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“

Ich gehe davon aus, dass es bei der Umwandlung in die indirekte Rede in beiden Fällen heißen muss:

c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Falls das zutrifft, kann der Leser aber letztlich nicht mehr erkennen, ob Sachverhalt (a) oder (b) zugrunde lag. Es würde mich sehr interessieren, wie Sie dieses Problem sehen.

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es kommt häufig vor, dass in der indirekten Rede (und anderswo) nicht eindeutig ist, welchen Bezug Pronomen haben. Hier zwei andere Beispiele, bei denen verschiedene direkte Formulierungen zu derselben indirekten Rede umgeformt werden:

Direkte Rede
(1a) Er fragte mich: „Darf ich auch mitkommen?“
(1b) Er fragte mich: „Darf er auch mitkommen?“
Indirekte Rede
(1c) Er fragte mich, ob er auch mitkommen dürfe.

Direkte Rede:
(2a) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Ich bin neugierig.“
(2b) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Du bist neugierig.“
(2c) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Sie ist neugierig.“
Indirekte Rede:
(2d) Sie sagte zu ihrer Schwester, sie sei neugierig.

Die Sätze (1c) und (2d) sind vor allem deshalb nicht eindeutig, weil sie hier ohne Kontext stehen. In Fällen wie diesen ergibt sich in der Regel nämlich aus dem weiteren Zusammenhang, wie die indirekte Rede genau zu verstehen ist. Nur wenn das nicht der Fall ist, sollte man umformulieren.

Nun zu den Sätzen in Ihrer Frage: Bei Ihren Beispielen ergibt sich interessanterweise ein weiterer unklarer Bezug (inklusives und exklusives Wir): Der Satz (3a) kann in der direkten Rede auf zwei Arten verstanden werden, je nachdem, ob die angesprochene und zitierende Person im „wir“ eingeschlossen ist (3b) oder ob die angesprochene und zitierende Person nicht im „wir“ eingeschlossen ist (3c):

Direkte Rede
(3a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
(3b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
(3c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Auch beim Satz (4a) gibt es zwei mögliche Interpretationen, je nachdem ob sich das „ihr“ nur an dritte Personen richtet (4b) oder auch an die zitierende Person (4c):

Direkte Rede
4a) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
4b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
4c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Das ist noch nicht alles: Die Sätze 3b) und 4b) könnten auch der direkten Rede (5a) entsprechen:

Direkte Rede
5a) Er sagte: „Sie werden sich schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
5b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.

Keiner dieser Sätze ist also eindeutig, weder in der wörtlichen noch in der indirekten Rede:

3a) Schließt wir die angesprochene/zitierende Person ein?
4a) Schließt ihr die zitierende Person ein?
3b)/4b)/5b) Steht sie für wir, für ihr oder für sie in der direkten Rede?
3c)/4c) Steht wir für wir oder für ihr in der direkten Rede?

Wie das Jonglieren mit Beispielsätzen und Nummerierungen zeigt, ist die ganze Sache hier furchtbar komplex. Wie ist es nur möglich, dass wir trotzdem noch etwas verstehen, ohne jedes Mal große Aufstellungen dieser Art machen zu müssen?

Das liegt daran, dass uns im normalen Sprachleben viel mehr Informationen zur Verfügung stehen als in diesen isolierten Sätzen. Der weitere Satzzusammenhang ist wichtig, denn er gibt in der Regel Aufschluss darüber, worauf oder auf wen sich die Pronomen in der indirekten Rede beziehen. Es ist dennoch erstaunlich, mit wie viel Uneindeutigkeit wir umzugehen wissen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kongruenzfrage: Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter

Frage

Ich habe den Grammatikduden konsultiert und finde keine Lösung für dieses doch eigentlich häufig auftretende Kongruenzproblem. Muss das Prädikat im Satz „Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter“ im Singular oder im Plural stehen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

man kann bei diesem Satz tatsächlich ins Zweifeln kommen. Der Singular „was“ legt die Einzahl „ist“ nahe, das mehrteilige „ein Ball und ein Schiedsrichter“ deutet auf den Plural „sind“ hin. Welche dieser beiden Sichtweisen gewinnt hier?

Wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (prädikativer Nominativ; siehe Beispiele) in einem Satz nicht den gleichen Numerus haben, steht das finite Verb in der Regel im Plural:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Die Beduinen sind ein Nomadenvolk.
Die Guerillagruppen bleiben eine Gefahr für die Stabilität.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Eltern.

In Ihrem Satz haben wir es mit einer ähnlichen Konstruktion zu tun: Der Nebensatz „Was noch fehlt“ ist das Subjekt des Gesamtsatzes, die Wortgruppe „ein Ball und ein Schiedsrichter“ ist der Gleichsetzungsnominativ. Letzterer besteht aus zwei mit „und“ verbundenen Teilen und ist deshalb als pluralisch anzusehen (vgl. „Benötigt werden ein Ball und ein Schiedsrichter“). Hier werden also in einem Gleichsetzungssatz ein singularischer Nebensatz und eine pluralische Wortgruppe verbunden. Das Verb sollte deshalb, wie oben gesagt, im Plural stehen:

Was fehlt, sind Bälle.
Was fehlt, sind ein Ball und ein Schiedsrichter.

Die folgenden Beispiele sind ähnliche Gleichsetzungssätze, für die bei der Wahl der Verbform dasselbe gilt:

Was noch fehlt, sind ein Logo und ein griffiger Slogan.
Was mich interessiert, sind ein langes Leben und Weisheit.
Das Geburtsdatum und der Geburtsort sind, was noch benötigt wird.
Alles, was zählt, sind eine tolle Zeit, gute Gesellschaft und jede Menge Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Namen des Besitzers und des Hotels

Wer hat wie viele Namen?

Frage

Ich weiß nicht, ob der Satz „Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch“ so ganz korrekt ist. Problematisch ist vor allem der Plural des Subjekts. Muss es „der Name“ heißen, weil es jeweils um nur einen Namen geht? Oder heißt es „Der Name des Besitzers und der des Hotels waren falsch“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

mit festen Regeln kann ich hier nicht aufwarten, nur mit einer Empfehlung.

Ich gehe davon aus, dass Folgendes ausgesagt werden soll:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch

Es ist hier nicht möglich, einfach den wiederholten Wortgruppenkern der Name wegzulassen:

nicht: *Der Name des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das Verb in die Einzahl zu setzen, hilft auch nicht viel:

Der Name des Besitzers und des Hotels war falsch

Der Satz ist so nicht ungrammatisch, aber damit wird eindeutig gesagt, dass sich der Besitzer und das Hotel einen Namen teilen. Vgl.:

Das Auto meiner Schwester und meiner Mutter steht vor dem Haus.
= Schwester und Mutter haben ein gemeinsames Auto

Es ist möglich, das Wort „Namen“ wie in Ihrer Frage in den Plural zu setzen. Das führt aber zu einer Formulierung, die nicht gerade von Deutlichkeit strotzt:

Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das kann bedeuten:

= Der Besitzer und das Hotel haben je mehrere Namen
= Der Besitzer und das Hotel haben mehrere gemeinsame Namen

Fraglich finde ich, ob man darunter auch verstehen kann:

= Der Besitzer und das Hotel haben je einen Namen [?]

Die letzte Interpretation ist nicht unbedingt ausgeschlossen, aber m. M. n. bestimmt nicht die, auf die man zuerst kommt.

Das gilt auch hier:

die Autos meiner Schwester und meiner Mutter
= Schwester und Mutter haben je mehrere Autos
= Schwester und Mutter haben mehrere gemeinsame Autos
= Schwester und Mutter haben je ein Auto [?]

Wenn Ihnen an Deutlichkeit gelegen ist, wiederholen Sie deshalb am besten den Wortgruppenkern ganz oder als Pronomen:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch.
Der Name des Besitzers und der[jenige] des Hotels waren falsch.

Wiederholung ist lange nicht immer schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie so schön für Klarheit sorgen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind es zwei Jahre her?

Frage

Warum sagt man: „Es ist zwei Jahre her“, und nicht: „Es sind zwei Jahre her“? Ist das Subjekt in diesem Satz nicht das Satzglied „zwei Jahre“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die üblichste und akzeptierte Ausdrucksweise ist:

Es ist zwei Jahre her
Es ist einen Monat her

Man kann die Formulierung so analysieren:

es = Subjekt
ist her (liegt zurück) = Prädikat
zwei Jahre/einen Monat = adverbiale Bestimmung der Zeit  (im Akkusativ)

Das Subjekt es steht dabei stellvertretend für etwas vorher Gesagtes oder einen folgenden Nebensatz. Das erklärt den Singular des Verbs:

Es ist zwei Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe.
Dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe, ist zwei Jahre her.
Unser letztes Treffen ist zwei Jahre her.

Die Verbindung her sein wird also wie (zeitlich) zurückliegen verwendet.

Die folgende Art der Formulierung kommt aber auch vor:

Es sind zwei Jahre her
Ein Monat ist es her

Hier wird ist her wie ist in einem Gleichsetzungssatz verwendet (vgl. hier) und her sein hat die Bedeutung vergangen sein:

es = Subjekt/Prädikativ
sind/ist her ( sind/ist vergangen) = Prädikat
zwei Jahre/ein Monat = Prädikativ/Subjekt (im Nominativ)

Ob es zwei Jahre her ist oder zwei Jahre her sind, hängt davon ab, ob her sein wie zurückliegen oder ähnlich wie vergangen sein verwendet wird. Ich empfehle die erste Formulierung (Es ist zwei Jahre / einen Monat her).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Frage

Was ist grammatikalisch richtig:

In meinem Kopf SIND tausendundeine Melodie
In meinem Kopf IST tausendundeine Melodie

Danke für Ihre schnelle Hilfe!

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wieder einmal lautet die Antwort: Beides ist richtig.

Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv ungebeugt bleiben. Dann steht das Substantiv im Plural:

tausendundein Melodien
tausendundein Geschichten
tausendundein Möglichkeiten
tausendundein Kinder (mit tausendundein Kindern)

Wenn eine solche Formulierung Subjekt des Satzes ist, steht das Verb „ganz normal“ im Plural:

In meinem Kopf sind tausendundein Melodien

In Ihrem Beispiel ist das aber nicht so. Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv auch gebeugt werden. Dann steht das Substantiv im Singular (mehr dazu lesen Sie hier):

tausendundeine Melodie
tausendundeine Geschichte
tausendundeine Möglichkeit
tausendundein Kind (mit tausendundeinem Kind)

Wenn nun eine Formulierung dieser Art Subjekt des Satzes ist, entsteht eine gewisse Unsicherheit. Richtet sich das Verb nach der Einzahl des Substantivs (Melodie) oder nach dem pluralischen Sinn (tausend [Melodien] und eine Melodie)? Beides ist grammatisch vertretbar, beides kommt in der Sprachpraxis vor und beides gilt als richtig.

In meinem Kopf ist tausendundeine Melodie
In meinem Kopf sind tausendundeine Melodie

Hier noch ein paar Beispiele:

Es ließe sich tausendundeine Geschichte über das Krankenhaus erzählen
Tausendundeine Geschichte ranken sich durch diesen Dschungel
Tausendundeine Möglichkeit kam mir in den Sinn
Tausendundeine Möglichkeit bieten sich Ihnen dabei.
Tausendundein Kind wurde geboren
Es wurden innerhalb der Grenzen dieses neugeborenen unabhängigen Staates Indien nicht weniger als tausendundein Kind geboren

Es bietet/bieten sich hier also nicht gerade tausendundeine Möglichkeit an, aber immerhin mehr als nur eine.

Mit freundlichen Grüßen

Dr.  Bopp

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„Jemand, der“ und „jemand, die“

Heute einmal etwas Einfaches zur geschlechtergerechten Sprache:

Frage

Seit gestern Nachmittag beschäftige ich mich mit der Frage, ob das Indefinitpronomen „jemand“ in Kombination mit „er“ oder „sie“ in einen Satz gehört.

[…] Zum Beispiel: „jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist“ oder „jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist“?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

wenn jemand allgemein eine unbestimmte Person bezeichnet, ist es üblich, mit männlichen Pronomen zu verweisen:

Jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist, kann ärgerlich sein.
Kennst du jemanden, der mich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn Sie lieber geschlechtergerechter formulieren, können Sie dieses allgemeine jemand besser vermeiden. Mögliche „Ausweichrouten“ sind je nach Kontext und Formulierungslaune:

Menschen/Leute, die zu oft denken, dass sie lustig sind, können ärgerlich sein.
Kennst du eine Person, die mich mit ihrem Auto wegbringen könnte?
Wer aus deinem Bekanntenkreis könnte mich mit dem eigenen Wagen wegbringen?

Wenn eine männliche Person gemeint ist, formuliert man so:

Er ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christian ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn eine weibliche Person gemeint ist, können ebenfalls männliche Verweiswörter verwendet werden:

Sie ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christine ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Immer üblicher und meiner Meinung nach empfehlenswert ist aber die Verwendung von weiblichen Pronomen:

Sie ist jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist.
Christine ist jemand, die dich mit ihrem Auto wegbringen könnte.

In dieser Weise können Sie je nach Satzzusammenhang einfach und korrekt formulieren, ohne jemand auf die Zehen zu treten.

Bitte beachten Sie, dass Canoonet bald nur noch unter www.canoonet.eu zu erreichen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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0,5 Prozent ist oder 0,5 Prozent sind?

Frage

Wenn 0,5 Prozent das Subjekt eines Satzes ist, steht dann die Personalform im Singular oder im Plural?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

Beispiele helfen mir immer, eine Frage genauer zu verstehen. Auch hier lautet die Antwort nämlich nicht einfach Singular oder Plural.

Wenn eine Prozentangabe mit einer Zahl, die nicht 1 ist, Subjekt des Satzes ist, steht das Verb standardsprachlich in der Regel im Plural:

1 Prozent (der Bevölkerung) hat zugestimmt

10 Prozent haben zugestimmt
30 Prozent der Befragten lehnen den Neubau ab
24,5 Prozent der Flüge sind interkontinental

Das gilt auch für Dezimalzahlen, die kleiner als 1 sind:

0,5 Prozent enthielten sich der Stimme
0,7 Prozent der Delegierten enthielten sich der Stimme
Nur 0,3 Prozent waren dafür

Wie immer gibt es aber auch Ausnahmen: In einem Gleichsetzungssatz (vgl. hier) kann auch der Singular stehen:

0,5 Prozent ist/sind kein gutes Resultat
63 Prozent ist/sind eine überraschend große Mehrheit

Und auch dann, wenn ein Substantiv im Nominativ auf Prozent folgt, kann das Verb im Singular und im Plural stehen:

0,5 Prozent einmaliger Verlust bedeutet/bedeuten nicht gleich den Untergang der Firma.
15 Prozent Strom wird/werden dadurch gespart.

Ob Singular oder Plural, Ihnen steht/stehen hoffentlich 100% Wochenende bevor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ein Dativ, der sich als Genitiv ausgibt

Frage

Mal wieder eine Frage, die ich nicht beantworten kann:

Das ist die Untersuchung, während der man völlig ruhig liegen muss.
Das ist die Untersuchung, während deren man völlig ruhig liegen muss.

Müsste der zweite Satz nicht der korrekte sein, da „während“ ja immer noch eine Genitivpräposition ist? Warum aber klingt mir der erste dann deutscher in den Ohren?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

wer nach während nur den Genitiv akzeptiert, sagt und schreibt:

Das ist die Untersuchung, während derer/deren man völlig ruhig liegen muss.

Auf während folgt hier ein Relativpronomen. Da dieses Relativpronomen sich auf Untersuchung bezieht, muss es ein weiblicher Singular sein. Da es von während abhängig ist, sollte es im Genitiv stehen. Die entsprechende Form ist derer oder deren (siehe hier).

Viel häufiger trifft man aber tatsächlich während der an, obwohl der hier ein Dativ ist (vgl. die Untersuchung, mit der man ...):

Das ist die Untersuchung, während der man …

Das liegt wahrscheinlich daran, dass der weibliche Singular der als bestimmter Artikel nicht nur Dativ, sondern auch Genitiv sein kann (vgl. mit der Untersuchung; während der Untersuchung). Aus diesem Grund fällt es nicht so auf, dass die weibliche Singularform der als Relativpronomen eigentlich ein Dativ ist, der streng genommen nicht auf während folgen darf.

Beim männlichen Pronomen geschieht diese „Verwechslung“ viel weniger: Nach während steht viel häufiger dessen als dem, dem man den Dativ viel besser ansieht, als dies bei der Form der der Fall ist .

Das ist ein Test, während dessen …

Bei der Beurteilung, ob eine Untersuchung, während der … akzeptabel ist oder nicht, stellt sich also die folgende Frage: Hat die Regel „recht“ (während derer/deren) oder der allgemeine Gebrauch (während der)?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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