Wer könnte es getan haben oder wer hätte es tun können?

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Ich habe mich dann gefragt, ob er auch wie folgt umformuliert werden könnte:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Gibt es einen Bedeutungsunterschied?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

beide Formulierungen sind möglich, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Welche Faktoren könnten das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben?
… welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Wenn Sie so formulieren, hat das Blühphänomen stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es möglicherweise ausgelöst haben.

Welche Kulturfaktoren hätten das dargestellte Blühphänomen auslösen können?
… welche Kulturfaktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Bei dieser Formulierung hat das Blühphänomen nicht stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es hätten auslösen können.

Der Unterschied lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hier noch ein Beispiel:

Wer könnte es getan haben?

Es wurde getan. Wer hatte (vermutlich) die Möglichkeit, es zu tun?

Wer hätte es tun können?

Es wurde nicht getan. Wer hätte die Möglichkeit gehabt, es zu tun?

Es ist übrigens fraglich, ob der Unterschied wirklich immer so eingehalten wird. Die Verbgruppen sind komplex und einander ähnlich.

Im ersten Fall wird der Konjunktiv II Gegenwart von können (könnte) mit dem Infinitiv Perfekt von tun (getan haben) kombiniert: könnte getan haben. Es wird eine Vermutung über etwas Vergangenes geäußert. 

Im zweiten Fall wird der Konjunktiv II Vergangenheit von können (hätte können) mit dem Infinitiv Präsens von tun (tun) kombiniert: hätte tun können. Es wird etwas Irreales in der Vergangenheit ausgedrückt.

Wenn Sie all dem nicht mehr folgen können oder wollen oder es Ihnen allzu spitzfindig vorkommt, keine Sorge: Die Bedeutungsunterscheidung wird, wie schon oben gesagt, nicht immer so eingehalten. In der Regel ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, was genau gemeint ist. Ohne jeglichen Kontext ist es sowieso oft schwierig, solche Äußerungen zu interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Behängt und behangen, verhängt und verhangen

Frage

Die Erklärung in meinem Grammatikbuch zu „hängen“ ist meiner Meinung nach nicht  vollständig: Es müsse „hing, gehangen“ heißen, wenn KEINE Ergänzung im Akkusativ vorliege. Liege eine Ergänzung im Akkusativ vor, so müsse es „hängte, gehängt“ heißen.

Das Problem ist, dass es Satzkonstruktionen gibt, bei denen weder ein Dativ- noch ein Akkusativobjekt in Erscheinung tritt, so dass man dann anhand dieser Regelung keine Entscheidung treffen kann:

Der Himmel war wolkenverhangen.
Er hat eingehängt (Telefon).
Der Baum war mit Kugeln behängt.
…, so muss ein -n angehängt werden.

Wie kann man hier die Verwendung der jeweiligen Form begründen bzw. erklären? […]

Antwort

Guten Tag Herr G.,

die Erklärung aus dem Grammatikbuch ist so, wie Sie sie zitieren, vielleicht etwas zu einfach formuliert. Es geht hier nicht so sehr darum, ob im Satz ein Akkusativobjekt vorhanden ist, als darum, ob das Verb transitiv ist. Transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt fordern. Wo ist dann aber der Gegensatz, den ich soeben erwähnt habe? Auf den ersten Blick macht es keinen Unterschied, ob ein Akkusativobjekt vorhanden ist oder ob das Verb transitiv ist. Ganz so einfach ist es aber nicht immer.

Die schwachen Formen hängte, gehängt stehen beim transitiven Verb hängen (resp. anhängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen …), also beim hängen, das ein Akkusativobjekt fordert:

Wir hängten das Bild an die Wand.
Wir hängten ein n an. [Das Akkusativobjekt ist hier „ein n“]
Er hat den Hörer eingehängt.
Sie behängten den Baum mit Kugeln.
Sie haben die Fenster (mit Tüchern) verhängt.

Und nun kommen wir zum oben erwähnten Unterschied. Beim transitiven Verb einhängen kann das Akkusativobjekt den Hörer auch weggelassen werden. Das Akkusativobjekt ist dann nicht mehr vorhanden, einhängen ist aber immer noch ein transitives Verb:

Er hat eingehängt.

Auch wenn wir die Sätze ins Passiv umwandeln, gibt es kein Akkusativobjekt mehr, denn es wird im Passiv ja zum Subjekt:

Das Bild wurde an die Wand gehängt.
Ein n wurde angehängt.
Der Hörer wurde eingehängt.
Der Baum wurde mit Kugeln behängt.
Die Fenster wurden mit Tüchern verhängt.

Das gilt auch für das sein-Passiv (soweit es möglich/sinnvoll ist):

Der Hörer ist eingehängt.
Der Baum war mit Kugeln behängt.
Die Fenster waren mit Tüchern verhängt.

Die schwachen Formen gehören also zu den transitiven Verben hängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen usw.

Und nun wird es noch etwas komplizierter: Das Partizip Perfekt von behängen und verhängen wird auch in Sätzen verwendet, die wie ein sein-Passiv aussehen, die aber nicht in ein Aktiv umgewandelt werden können. Dann verwendet man in der Regel die starken Formen behangen und verhangen:

Der Baum war mit Früchten behangen.
mit Schnee behangene Zweige
Der Himmel ist mit Wolken verhangen (o. wolkenverhangen)
Der Keller war mit Spinnweben verhangen.

Etwas ist behängt oder verhängt, wenn ein Subjekt es aktiv behängt oder verhängt hat. Etwas ist behangen oder verhangen, wenn kein aktives Subjekt es behängt oder verhängt hat. Niemand hat den Baum mit Früchten behängt. Der Himmel wurde von niemandem mit Wolken verhängt und die Spinnen haben die Netz nicht gewebt, um den Keller damit zu verhängen (sondern um Beutetiere zu fangen).

So weit die Theorie. Die Unterscheidung zwischen den starken und schwachen Partizipien von behängen und verhängen wird in der Sprachpraxis nicht immer so eingehalten. Es ist auch schwierig, so schnell genau zu unterscheiden zwischen zum Beispiel mit Fähnchen behängten und mit Äpfeln behangenen Bäumen oder mit Tüchern verhängten und mit Efeu verhangenen Fenstern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welche Formen hat das Verb „leiben“?

Frage

Das Verb „leiben“ ist ein altes Verb. Laut Duden und Wiktionary solle die Konjugation mit dem Hilfsverb „haben“ erfolgen. Welches ist dann die Partizip-Perfekt-Form? Welche Konjugationsformen gibt es noch bzw. nicht mehr?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Verb „leiben“ wird regelmäßig (schwach) gebeugt:

leiben, leibte, hat geleibt

Nach den Angaben der Wörterbücher kommt „leiben“ heute nur in der festen Wendung „wie jemand/etwas leibt und lebt“ vor (Bedeutung: „lebensecht; wie jemand/etwas typischerweise auftritt“). Bei dieser Formulierung gibt es keine Einschränkung bezüglich Modus, Tempus und Person, in der sie stehen kann. Zumindest theoretisch sind also außer dem Imperativ (ein Nebensatz kann nicht im Imperativ stehen) alle Formen möglich. Zum Beispiel:

wie ihr leibt und lebt
wie du leibtest und lebtest
wie sie leibe und lebe
wie sie geleibt und gelebt haben
wie wir leiben und leben werden

Manche dieser Formen kommen wahrscheinlich nur selten oder gar nicht vor, möglich sind sie aber alle.

Hier zeigt sich wieder einmal eine Schwierigkeit, die entsteht, wenn für selten vorkommende Wörter angegeben werden soll, welche Formen „es gibt“. Gehören Formen dazu, die es theoretisch geben kann, deren Vorkommen aber kaum oder nicht nachzuweisen ist? Meine Meinung ist, dass man hier großzügig sein sollte. Von „kommt nicht vor“ oder „gibt es nicht“ zu „ist falsch“ ist es nämlich nur ein kleiner Schritt, den manche für meinen Geschmack viel zu schnell machen.

Kurzum: Beim Verb „leiben“ sind heute außer dem Imperativ alle Flexionsformen möglich, gebräuchlich sind aber vor allem die Formen der dritten Person.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich denke, dass der Konjunktiv hier falsch sei

Frage

Wir sind uns bei der Verwendung des Konjunktivs I nicht ganz einig. Könnten Sie bitte helfen? Es geht um die Verben des Meinens, Glaubens, Denkens in der ersten Person Präsens mit einem Objektsatz. Kann man hier den Konjunktiv I verwenden, um seine subjektive Sicht auszudrücken und zuzugestehen, dass man vielleicht falsch liegt? Beispiele:

Ich denke, Tanzen sei spannend.
Ich finde, dass das Kleid schön sei.
Ich nehme an, er sei krank.
Ich vermute, dass sie jetzt in der Schule sei.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund sei.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei Verben des Sagens, Denkens, Glaubens, Meinens usw. wird mit dem Konjunktiv angegeben, dass das Gesagte als indirekte Wiedergabe der Äußerung einer Drittperson verstanden werden soll. Man gibt an, dass man nicht die eigenen Worte/Gedanken äußert, sondern die Worte/Gedanken anderer wiedergibt.

Wenn das Subjekt des einleitenden Verbs eine erste Person ist, drückt der Sprecher bzw. die Sprecherin direkt die eigene Meinung, die eigenen Gedanken usw. aus. Der Konjunktiv, der Indirektheit anzeigt, ist deshalb nicht üblich. Möglich ist nur der Indikativ:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.1
Ich finde, dass das Kleid schön ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.1
Ich vermutet, dass sie jetzt in der Schule ist.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund ist.

Dann zum Aspekt der Subjektivität oder der Einschränkung des Gültigkeitsanspruchs, den der Konjunktiv auch ausdrücken kann: Dass es sich um eine subjektive Meinung handelt, mit der man falschliegen könnte, wird durch das einleitende Verb ausgedrückt. Dieser Aspekt ist bereits in der Bedeutung von „denken“, „finden“, „annehmen”, „vermuten“ usw. enthalten. Wenn man sicher ist, verwendet man nicht diese Verben, sondern zum Beispiel „ich weiß, dass“ oder man macht die Aussage ohne einleitendes Verb:

Tanzen ist spannend.
Er ist krank.
Ich weiß / bin sicher, dass er krank ist.

Bei Sätzen dieser Art (indirekte Rede) ist also der Konjunktiv nicht üblich, wenn das einleitende Verb in der ersten Person steht. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Alle Beispiele oben stehen nämlich im Präsens. In der Vergangenheit sieht es anders aus: In der Vergangenheit ist der Konjunktiv auch bei der ersten Person möglich. Durch den zeitlichen Abstand ist sozusagen Indirektheit entstanden:

Ich dachte, Tanzen sei spannend.
Ich fand, dass das Kleid schön sei.
Ich habe angenommen, er sei krank.
Ich vermutete, dass sie in der Schule sei.
Ich war der Meinung, Alkohol sei ungesund.

Hier kann der Konjunktiv zusätzlich den Aspekt ausdrücken, dass man sich damals getäuscht hat. Das muss aber nicht so sein. Die Verwendung des Konjunktivs ist im Deutschen nicht sehr streng geregelt. Was genau gemeint ist, ergibt sich häufig erst aus dem weiteren Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


1 In der (geschriebenen) Standardsprache ist es besser, einen dass-Satz im Indikativ anstelle eines uneingeleiteten Nebensatzes im Indikativ zu verwenden:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.

Besser nicht:

Ich denke, Tanzen ist spannend.
Ich nehme an, er ist krank.

Diese Sätze sind nicht falsch, sie gehören aber eher der gesprochenen Sprache an.

Ist „bräuchte“ immer noch tabu?

Frage

Heißt es „brauchte“ oder „bräuchte“? Ich verwende im Konjunktiv II gerne die Form „brauchte“, aber irgendwie mit schlechtem Gewissen! Zu Recht? Welche Form bevorzugen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

Sie brauchen wegen „brauchte“ kein schlechtes Gewissen zu haben. Es ist die korrekte Form des Konjunktivs II. Das Verb „brauchen“ wird schwach (regelmäßig) konjugiert und bei schwach konjugierten Verben wird der Stamm nicht umgelautet. Trotzdem kommt die umgelautete Form „bräuchte“ heute sehr häufig vor. Sie ist in Analogie zu Formen wie „dürfte“, „könnte“ und „müsste“ entstanden und hat den Vorteil, dass sie sich anders als die regelmäßige Form „brauchte“ vom Indikativ Präteritum unterscheidet.

brauchte = Indikativ Präteritum:
Ich brauchte einen Schraubenzieher, den ich einer Schublade gefunden hatte.

brauchte = Konjunktiv II:
Ich brauchte einen Schraubenzieher, wenn ich einen finden könnte.

Beim zweiten Satz wird der Deutlichkeit halber häufig auf die würde-Form oder eben die umgelautete Form ausgewichen:

Ich würde einen Schraubenzieher brauchen, wenn ich einen finden könnte.

Ich bräuchte einen Schraubenzieher, wenn ich einen finden könnte.

In der gesprochenen Sprache wird dieses „bräuchte“ regelmäßig verwendet. Auch in standardsprachlichen Texten kommen die umgelauteten Formen „bräuchte“, „bräuchtest“, „bräuchten“ und „bräuchtet“ vor, sie werden aber noch nicht von allen als korrekt akzeptiert. Wenn Sie „bräuchte“ verwenden, riskieren Sie also, von Mitmenschen mit traditionellem Grammatikverständnis nachdrücklich („falsch!“) oder eher mild („umgangssprachlich“) getadelt zu werden. Ich verwende deshalb in Texten meist „brauchte“ oder „brauchen würde“.

Sie würden es mir sagen, wenn Sie noch etwas brauchten?

Ich frage mich, wie viel Zeit wir dafür brauchen würden.

Ich würde aber beim Anblick der Form „bräuchte“ nicht den Rotstift zücken. Gemäß Duden* ist die umgelautete Form sogar schon standardsprachlich korrekt. Im Gegensatz dazu, was früher häufig gelehrt wurde, ist „bräuchte“ heute nicht mehr (ganz) tabu.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Duden, Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 8. Auflage, 2016, Stichwort „brauchen“.

Bin oder habe ich den Weg entlanggegangen? – Das Hilfsverb „sein“ bei transitiven Verben

Frage

Was ist die Regel zu:

Ich habe das Auto gefahren
Ich bin das Auto gefahren

Es steht die Behauptung im Raum, dass man mit „haben“ konjugiert, wenn ein Akkusativobjekt da ist. Somit müsste es heissen:

Ich habe den Weg entlanggegangen

Dem kann ich nicht zustimmen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

im Prinzip bilden transitive Verben, das heißt Verben mit einem Akkusativobjekt, das Perfekt mit „haben“. Deshalb steht auch zum Beispiel „fahren“ mit „haben“, wenn es transitiv verwendet wird:

intransitiv: Ich bin mit dem Auto gefahren.
transitiv: Ich habe das Auto in die Garage gefahren.

Zu der Regel, dass transitive Verben mit „haben“ konjugiert werden, gibt es natürlich auch ein paar Ausnahmen: Einige wenige transitive Verben, die von einem mit „sein“ konjugierten Verb abgeleitet sind, bilden die Vergangenheit mit „sein“. Beispiele sind:

etwas eingehen: Er ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.
jemanden/etwas loswerden: Ich bin die Sachen nicht losgeworden.
etwas durchgehen: Sie ist die Arbeit mit den Schülern durchgegangen.

Siehe auch hier.

Zu diesen Verben gehören auf den ersten Blick auch „entlanggehen“, “entlanglaufen”, „entlangfahren“ usw.:

Ich bin den Weg entlanggegangen.
Sie ist mit dem Finger die Linie entlanggefahren.

Auf den zweiten Blick muss man allerdings sagen, dass es sich bei diesen Verben, wenn überhaupt, um ein ungewöhnliches Akkusativobjekt handelt. Es ist nämlich eher ein Akkusativ, der von „entlang“ abhängig ist, als ein Objekt. Wenn „entlang“ nachgestellt ist, verlangt es üblicherweise den Akkusativ (siehe hier):

den Weg entlang hinaufsteigen
die Straße entlang weiterfahren

Bei einfachen Verben wird dieses „entlang“ mit dem Verb zusammengeschrieben. Der von „entlang“ abhängige Akkusativ sieht dann aus wie ein Akkusativobjekt:

den Weg entlanggehen
die Straße entlangfahren

Das ist eine weitere Erklärung dafür, warum Verben wie „entlanglaufen“, „entlanggehen“ und „entlangfahren“ mit „sein“ konjugiert werden, obwohl sie ein Akkusativobjekt bei sich zu haben scheinen. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man darauf achten sollte, Regeln nicht allzu strikt anzuwenden. Es gibt immer Ausnahmen und Sonderfälle. Sie hatten also recht: Das Perfekt von „entlanggehen“ wird mit dem Hilfsverb „sein“ gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei »würde werden« steht oft ein »werden« zu viel

Frage

Kürzlich habe ich auf einem Portal eine Wortform gesehen, die ich vorher nie gehört hatte. Es ging um einen Beispielsatz wie:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben werden.

Es muss sich um eine seltene Form handeln. Könnten Sie mir bitte sagen, wann man diesen Konjunktiv II Futur II verwendet und woher das zusätzliche „werden“ am Schluss kommt?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

man kann eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ zwar bilden, sie gilt aber nicht als korrekt. Die korrekte Form kommt ohne das letzte „werden“ aus. Vergleichen Sie die folgenden Formen:

Indikativ Futur II
Wenn er schnell schreibt, wird er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv I Futur II
Wenn er schnell schreibe, werde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv II Futur II
Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.**

Das letzte „werden“ im Beispielsatz, den Sie zitieren, kann man dadurch erklären, dass anstelle des Konjunktivs II „würde“, die würde-Form „würde werden“ verwendet wird.

Beispiele von würde-Formen als Ersatz für den Konjunktiv II:

fände = würde finden
schlösse = würde schließen
schriebe = würde schreiben
würde = würde werden

Es ist jedoch nicht sinnvoll und nicht üblich, den Konjunktiv II „würde“ des Hilfsverbs „werden“ durch die würde-Form „würde werden“ zu ersetzen. Es gilt auch nicht als korrekt. Deshalb ist eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ nicht als richtig anzusehen.

In der folgenden Liste stehen jeweils 1. der Indikativ, 2. der Konjunktiv II und 3. die nicht korrekte würde-Form des Hilfsverbs „werden“ im Futur und im Passiv:

a.1 Sie wird es schreiben.
a.2 Sie würde es schreiben.
a.3 nicht: *Sie würde es schreiben werden.

b.1 Sie wird es geschrieben haben.
b.2 Sie würde es geschrieben haben.
b.3 nicht: *Sie würde es geschrieben haben werden.

c.1 Das Buch wird geschrieben.
c.2 Das Buch würde geschrieben.
c.3 Das Buch würde geschrieben werden = d.2

d.1 Das Buch wird geschrieben werden.
d.2 Das Buch würde geschrieben werden.
d.3 nicht: *Das Buch würde geschrieben werden werden.

e.1 Das Buch wird bald fertig geschrieben worden sein.
e.2 Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein.
e.3 nicht: *Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein werden.

Die mehrteiligen Verbformen können im Deutschen zwar ziemlich komplex sein, aber ganz so schlimm wie „würde geschrieben haben werden“ und „würde geschrieben worden sein werden“ wird es zum Glück doch nicht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Häufig wird bei so komplexen Futur-II-Formen auf das „Perfekt des Zukünftigen“ ausgewichen, das dann dieselbe Bedeutung hat wie das Futur II:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.
Wenn er schnell schriebe, hätte er das Buch bis morgen fertig geschrieben.

Höflich verweisen: „siehe“ oder „sehen Sie“?

Frage

Bei uns kam die Frage auf, ob in einem Buch, das in der Sie-Form geschrieben ist, Seitenverweise mit „siehe“ eingeleitet werden dürfen. Eigentlich handelt es sich ja um den Imperativ in der Du-Form. Immer „sehen Sie Seite XX“ zu schreiben, kommt mir aber äußerst seltsam vor.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

„siehe“ ist eine alte Form, die heute in Anweisungen wie

siehe oben/unten/S. 23/Anhang/auch/…

oder in Ausrufen wie

siehe da!

verwendet wird. Die Form „siehe“ ist hier keine eigentliche du-Form (mehr), das heißt, sie wird auch in Texten verwendet, die in der Höflichkeitsform abgefasst sind.

Als Anweisung ist „siehe X“ im heutigen Deutschen zu einer festen Wendung in Texten geworden, denn gemeint ist ja nicht „etwas sehen“ („etwas erblicken“, „etwas mit den Augen wahrnehmen“), sondern „etwas ansehen“, „etwas betrachten“. Mit der Bedeutung „ansehen“ kommt „sehen“ im heutigen Deutschen eigentlich nur noch vor, wenn es um Filme und Sendungen geht:

Hast du den neuen „James-Bond-Film“ schon gesehen?
Ich rufe dich später zurück, wir sehen gerade „Tatort“.

Man verwendet deshalb bei Verweisen in Büchern u. Ä. in der Regel nicht die sonst übliche Imperativform des Singulars „sieh“, nicht die Pluralform „seht“ und besser auch nicht die Höflichkeitsform „sehen Sie“; also besser nicht:

sieh S. 23
seht S. 23
sehen Sie S. 23

sondern in allen Fällen

siehe S. 23

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum „sehen Sie Seite XX“ Ihnen äußerst seltsam vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbzeiten: Das muss/musste er damals schon gewusst haben

Frage

Wir sind unsicher, wie die richtigen Zeiten in folgendem Satz lauten:

Dass er Lehrer werden wollte, musste er schon damals gewusst haben.

Nach meiner Meinung, kann „musste“ nur im Präsens stehen, denn er „muss“ es auch aus heutiger Sicht gewusst haben:

Dass er Lehrer werden wollte, muss er schon damals gewusst haben.

Mein Freund meint, dass auch der Nebensatz im Präsens stehen sollte, denn er gebe ja den Willen von damals in die Gegenwart übertragen kund:

Dass er Lehrer werden will, muss er schon damals gewusst haben.

Antwort

Guten Tag Frau P.,

anders als in einigen anderen Sprachen, gibt es im Deutschen nur wenige Regeln im Bereich der Verbzeiten, und diese Regeln werden oft nicht eingehalten. Das bedeutet, dass vieles vorkommt und vieles möglich ist. Im Prinzip gilt für Ihre Frage Folgendes:

Mit „müssen“ wird eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgedrückt.

Der Einbrecher muss durch das Fenster eingestiegen sein
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen ist

Er muss es damals schon gewusst haben
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass er es schon damals gewusst hat

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zum Sprechzeitpunkt ausgedrückt wird, steht „müssen“ im Präsens:

Die Kommissarin stellt fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein muss.

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zu einem Zeitpunkt ausgedrückt wurde, der vor dem Sprechzeitpunkt liegt, steht „musste“:

Die Kommissarin stellte fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein musste.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

So viel zur Zeitform des Modalverbs „müssen“. Wie steht es mit der Verbform im dass-Satz? Auch dort gibt es zwei Möglichkeiten:

Im dass-Satz steht „wollte“, wenn er Lehrer geworden ist oder wenn er jetzt nicht mehr Lehrer werden will:

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

Im dass-Satz kann auch das Präsens „will“ stehen, wenn er zum Sprechzeitpunkt noch nicht Lehrer ist und immer noch Lehrer werden will:

Dass er Lehrer werden will, muss er damals schon gewusst haben.

Dann gibt es noch eine Möglichkeit, die Verbzeiten in Neben- und Hauptsatz zu kombinieren:

Dass er Lehrer werden will, musste er damals schon gewusst haben.

Dieser Satz ist möglich, wenn die hohe Wahrscheinlichkeit vor dem Sprechzeitpunkt ausgedrückt wurde und er im Sprechzeitpunkt immer noch Lehrer werden will. Das klingt allerdings ziemlich komplex. Ich bezweifle deshalb, ob wirklich alle den letzten Satz so verstehen, ihn so meinen oder ihn überhaupt so formulieren würden.

Ich habe es am Anfang schon erwähnt: Die Regeln sind im Bereich der Verbzeiten nicht sehr streng und sie werden auch nicht streng eingehalten. Andere Formulierungen können auch vorkommen, ohne dass dies gleich grundsätzlich falsch ist und zu größeren Verständigungsproblemen führt. In der Regel ergibt sich aus dem Kontext, wie die zeitlichen Verhältnisse liegen. Falls Sie mich also einmal dabei ertappen, dass ich die Verbzeiten nicht streng nach dem oben stehenden „Schema“ verwende, seien Sie bitte nachsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexive Verben im Passiv: Es darf sich gewundert werden

Frage

Könnten Sie etwas über das „Reflexivpassiv“ sagen? Ich habe zum ersten Mal davon gehört und auch Beispiele gelesen:

Um ihn wird sich gekümmert werden.

Ich dachte immer, es gebe kein Passiv bei Reflexiven!

Antwort

Guten Tag Herr N.,

es wird tatsächlich häufig gesagt und gelehrt, dass reflexive und reflexiv verwendete Verben nicht im Passiv stehen können. Im Prinzip ist das auch richtig:

Sie kümmert sich um ihn
nicht: *Um ihn wird sich von ihr gekümmert

Er wäscht sich
nicht: *Er wird von sich gewaschen

Wir beeilen uns
nicht: Von uns wird uns/sich beeilt

Das Passiv ist aber nicht gänzlich ausgeschlossen, denn ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht:

Selten kommt das Passiv bei reflexiven Verben zum Ausdrucks eines Befehls oder einer Aufforderung vor (vgl. hier):

Jetzt wird sich hingelegt!
Bevor ihr zu Bett geht, wird sich gewaschen

Sonst ist das Reflexivpassiv nur beschränkt möglich. Man kann es nur dann bilden, wenn es unpersönlich ist, das heißt, wenn es im Aktiv einem Satz mit dem unpersönlichen Subjekt „man“ entspricht:

Um ihn wird sich gekümmert werden
Bis in den frühen Morgen wurde gelacht, getanzt und sich amüsiert
Es konnte sich darauf geeinigt werden, das Spiel zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen

Wenn Sie sich nun wundern, dass Formulierungen wie die letzten drei Beispiele möglich sein sollen, kommen Sie wahrscheinlich nicht aus dem Nordosten oder der Mitte Deutschlands. Nach den Angaben der Variantengrammatik ist dieses Reflexivpassiv vor allem im Nordosten, aber weniger im Westen und kaum im Süden des deutschen Sprachraumes üblich (siehe hier).

Sie stehen mit Ihrer Verwunderung auch nicht allein: Nach der Dudengrammatik (2016, Randnr. 800) kommen solche Passivformen vor, sie werden aber nicht von allen als korrekt akzeptiert. Ich persönlich verwende dieses Reflexivpassiv nicht und empfinde es zumindest als „auffällig“, wenn ich ihm begegne. Ich komme eben aus dem Süden.

Wenn es darum geht, ob es reflexive Verben im Passiv gibt, lautet die Antwort also ja – aber es darf sich gewundert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp