Böden, Bögen, Bröte

Frage
In „Allerhand Sprachdummheiten“ bin ich über die Pluralbildung gestolpert:

„Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat … Ärme, Böte, Bröte, Röhre, Täge, Böden, Bögen.“

Bei „Ärme“ und „Bröte“ hab ich ja noch geschmunzelt, aber bei „Böden“ und „Bögen“ fühle ich mich ertappt und Google liefert jede Menge Belegstelle für z. B. „Bögen“, „Sportbögen“, „Pfeile und Bögen“ etc. Gibt es eine heute gültige Regel, die das teilweise erlaubt, oder ist das nach wie vor schlicht falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in den über hundert Jahren, seit „Allerhand Sprachdummheiten“ von Gustav Wustmann (1844 – 1910) erschienen ist*, hat sich in der deutschen Sprache einiges getan; auch in diesem Bereich: Während die umgelauteten Mehrzahlformen Ärme, Böte, Bröte, Röhre und Täge standardsprachlich immer noch als falsch gelten, ist die Bögen heute als die „im Süden“ gebräuchliche Variante zu die Bogen akzeptiert. Die Form die Böden hat den nicht umgelauteten Plural die Boden standardsprachlich sogar ganz verdrängt:

der Bogen – die Bogen, auch: die Bögen
der Boden – die Böden

Eine feste Regel gibt es hier nicht. Entscheidend ist der Gebrauch in der sogenannten Standardsprache. Als Standardsprache gilt – einfach gesagt – die Sprache in der Form, in der sie allgemein akzeptiert im offiziellen und im formelleren Umgang verwendet und auch an Schulen gelehrt wird. Das ist eine recht ungenaue Definition. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass häufiger eine gewisse Uneinigkeit oder Unsicherheit herrscht, welche Formen als standardsprachlich korrekt gelten. So geben einige Wörterbücher bei Kragen auch heute noch nur den Plural die Kragen an (z. B. Wahrig), während andere auch die Krägen als im südlichen deutschen Sprachraum verwendeten Pluralvariante erwähnen (z. B. Duden).

Wenn Sie wissen möchten, was heute als richtiges Deutsch gilt, können Sie also besser in Wörterbüchern und Grammatiken nachschlagen, die etwas jüngeren Datums als „Allerhand Sprachdummheiten“* sind. (Boden, Bogen). Es ist allerdings immer interessant, ältere Beschreibungen der deutschen Sprache zu lesen. Sie zeigen unter anderem, wie zeitgebunden die Etiketten „richtig“ und „falsch“ sein können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Gustav Wustmann: Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen. Grunow, Leipzig 1891;
2. erw. Aufl. 1896; 3. erw. Aufl. 1903; 4. erw.. 1908;
Nachdruck der 3. Aufl 2008.

Welche Künste gibt es auch im Plural?

Frage

Nach welchen Regeln haben z. B. Kochkunst und Malkunst einen Plural (…künste), Filmkunst aber nicht?

– Weitere Beispiele mit Pluralformen: Kriegskunst, Verführungskunst
– Weitere Beispiele ohne Pluralformen: Dichtkunst, Schmiedekunst

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau Z.,

es gibt keine allgemeinen Regeln, die festlegen, welche Wörter einen Plural haben und welche nicht. Entscheidend sind die Bedeutung und der Gebrauch. Für Zusammensetzungen mit Kunst an zweiter Stelle gilt Folgendes:

Wörter wie Kochkunst, Malkunst, Filmkunst, Dichtkunst usw. haben keinen Plural, wenn es um die Kunst des Kochens, des Malens, des Filmemachens, des Dichtens usw. geht. Bei einigen dieser Wörter wird aber häufiger der Plural verwendet, wenn damit das Können, die Fähigkeiten auf einem gewissen Gebiet gemeint sind:

die Kochkünste der Küchenchefin
die Malkünste unserer Kleinen
die Verführungskünste eines Latin Lovers
usw.

Es gibt, wie gesagt, keine feste Regeln, bei welchen Wörtern dieser Plural vorkommt. Möglich ist er im Prinzip überall. Wenn ein solches Wort in unserem Wörterbuch Mehrzahlformen hat, bedeutet dies, dass der Lexikograph oder die Lexikographin in den zur Verfügung stehenden Wörterlisten und anderen Quellen solche Formen gefunden hat. Wenn keine Pluralformen angegeben werden, bedeutet dies entsprechend, dass zur Zeit der Spezifikation in den verfügbaren Quellen keine oder fast keine Pluralformen zu finden waren. Es bedeutet nicht, dass man nicht in einem bestimmten Zusammenhang von den Filmkünsten eines Urlaubscineasten oder den Dichtkünsten einer Hobbypoetin reden dürfte.

Bei der Bestimmung, ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, geht es bei abstrakten Begriffen wie …kunst oft um eine Art Gratwanderung zwischen dem, was theoretisch möglich ist, und dem, was wirklich (einigermaßen regelmäßig) vorkommt. Es ist deshalb leider nicht immer möglich, eine in jeder Hinsicht konsequente Darstellung anzubieten. So weit reichen unsere Wörterbuchkünste leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der doch nicht so unveränderliche Euro

Frage

Wieso heißt es: „Die Einführung des Euro“ und nicht „des Euros“. Im Spiegel stand kürzlich ein Artikel über den Euro: „Der Erfinder des Euro“. Welche Regel wird hier angewendet?

Antwort

Guten Tag J.,

die „Regel“ im Zusammenhang mit Euro lautet, dass Euro bei der Angabe von Beträgen unveränderlich ist:

zwei Euro
drei Euro fünfzig
über eine Million Euro
17 500 Euro
14,75 Euro

Auch wenn deshalb viele meinen und einige sogar steif und fest behaupten, dass Euro immer unveränderlich sei, kann das Wort im Genitiv der Einzahl mit oder ohne s stehen. Die Spiegelüberschrift hätte also auch lauten können: „Der Erfinder des Euros”. Ebenso:

die Einführung des Euro oder die Einführung des Euros
der Wert des Euro oder der Wert des Euros

Auch in der Mehrzahl kann resp. sollte Euro gebeugt werden (außer wenn – wie oben gesagt – Euro bei der Angabe von Beträgen nach einem Zahlwort steht). Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Euro allein steht oder von einem Adjektiv oder Artikelwort begleitet wird. Zum Beispiel:

Ich habe nur noch ein paar Euro oder ein paar Euros.
einige wenige Euro oder einige wenige Euros
Euros für Griechenland
Ich investiere keinen einzigen meiner Euros in dieses Projekt!
ihre sauer verdienten Euros

Dass der Euro als Währung nicht unveränderlich ist, wissen dank Finanzkrisen und Kurs- und Preisschwankungen die meisten. Nun wissen Sie ebenfalls, dass der Euro auch als Wort weniger „stabil“ ist, als oft gesagt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

KMUs?

Heute wieder einmal etwas ziemliche Trockenes zum Thema Abkürzungen:

Frage

Ich bin beauftragt, ein Kundenmagazin anzufertigen. Der Kunde nutzt in diesem Magazin die Bezeichnungen „KMU“ und „KMUs“. Die Abkürzung bedeutet ausgeschrieben „klein- und mittelständische Unternehmen“. Ist „KMUs“ als Schreibweise für den Plural grundsätzlich zulässig?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

im Prinzip ist KMU mit der Bedeutung kleine und mittlere Unternehmen bereits ein Plural. Es ist deshalb nicht notwendig, ein Plural-s anzufügen. Richtig ist also:

die KMU
viele KMU
KMU liefern einen wichtigen Beitrag …

Das bedeutet auch, dass man KMU nicht in der Einzahl verwenden sollte. Die Frage lautet also nicht Was ist ein KMU?, sondern Was sind KMU?

Soweit die grundsätzliche „Regel“. Immer häufiger wird allerdings ein KMU gesagt. Damit ist ein Vertreter der KMU oder einfach ein kleines oder mittleres Unternehmen gemeint. Dann kann man die Einzahl verwenden (Was ist ein KMU?, dieses KMU usw.). Es ist dann auch möglich, aber nicht zwingend, den Plural mit s zu bilden: die KMUs (die kleinen oder mittleren Unternehmen; die zu den KMU gehörenden Unternehmen).

Eine solche Bedeutungserweiterung ist weder ungebräuchlich noch grundsätzlich falsch. So steht BMW für Bayerische Motorenwerke, also eindeutig einen Plural. Trotzdem ist es allgemein üblich und akzeptiert von einem BMW und mehreren BMWs zu sprechen, wenn es sich um Autos dieses Herstellers handelt.

Ich kann hier leider nicht beurteilen, inwieweit diese Einzahl-Verwendung von KMU sich eingebürgert hat und akzeptiert ist. Sie ist aber erklärbar, da KMU im Sinne von kleine und mittlere Unternehmen eigentlich nicht auf individuelle Unternehmen bezogen werden kann. Ein Unternehmen ist klein oder mittelgroß, nicht klein und mittelgroß. Daher stammt wohl die Neigung, KMU und KMUs im Sinne von Vertreter der KMU zu verwenden, wenn einzelne Unternehmen gemeint sind.

Ich empfehle Ihnen, KMU nur im Plural und ohne die Endung s zu verwenden. Die derzeitige „offizielle“ Bedeutung von KMU ist kleine und mittlere Unternehmen. Falls Sie aber doch lieber von einem KMU und mehreren KMUs sprechen, geben Sie vorläufig am besten noch ausdrücklich an, dass mit KMU kleines oder mittleres Unternehmen gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Global Player und Latin Lover in der Mehrzahl

Frage

Wie heißt es eigentlich richtig: die Global Player oder die Global Players? Ist der Plural hier überhaupt erlaubt?

Antwort

Guten Tag J.,

der Plural von Global Player lautet:

die Global Player
oder
die Global Players

Lehnwörter aus dem Englischen, die auf unbetontes er enden und im Deutschen männlich sind, bilden den Nominativ Plural in der Regel endungslos:

der Computer – die Computer
der Printer – die Printer
der MP3-Player – die MP3-Player
der Ghostwriter – die Ghostwriter

Dies geschieht in Übereinstimmung mit heimischen, ebenfalls mit der Endung er von Verben abgeleiteten Wörtern wie Rechner, Drucker, Spieler, Schreiber usw.

Bei Global Player wirkt einerseits diese Tendenz, das heißt, man sagt die Global Player. Andererseits wird Global Player wegen des ungebeugten und englisch ausgesprochenen Adjektivs global noch stark als englischer Begriff empfunden. Entsprechend wird noch häufig der englische Plural verwendet: die Global Players. Beide Pluralformen kommen vor und beide sind „verteidigbar“.

Ein anderer Ausdruck, der aus den gleichen Gründen zwei Pluralformen hat, erinnert irgendwie an Urlaubsabenteuer in südlichen Gefilden: Wenn sie in der Mehrzahl auftreten, versprühen die Latin Lover oder die Latin Lovers ihren berühmt-berüchtigten unwiderstehlichen Charme mit oder ohne die Pluralendung s.

Der Ausdruck Global Player kann im Übrigen wie seine deutschen Entsprechungen die Weltkonzerne oder die weltweit tätigen Unternehmen problemlos in der Mehrzahl verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Litern, Metern und Vierteln

Heute geht es wieder einmal um eine häufiger gestellte Frage, nämlich das Dativ-n bei gewissen Maß- und Mengenangaben.

Frage

Nie werde ich es mir merken: Heißt es „ein Gefäß von zwei Litern Inhalt“ oder „zwei Liter Inhalt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

vielleicht können Sie es sich nicht  merken, weil beides möglich und korrekt ist:

ein Gefäß von zwei Liter Inhalt
oder
ein Gefäß von zwei Litern Inhalt

Männliche und sächliche Maß- und Mengenbezeichnungen bleiben nach Zahlenangaben in der Regel unveränderlich:

zwei Paar Schuhe
2,5 Kilo Äpfel
zehn Fuß dicke Mauern
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll
27 Euro

Eine Ausnahme sind Bezeichnungen wie Meter, Liter und Viertel im Dativ Plural. Diese Wörter haben die Eigenschaft, dass sie nur im Dativ eine Pluralendung haben: den Metern, den Litern, den Vierteln. Die anderen Pluralformen sind mit der Form des Nominativ Singular identisch: der Meter ­– die Meter. Bei solchen Maß- und Mengenangaben wird im Dativ Plural nach der allgemeinen Regel die endungslose Form verwendet oder (seltener) als Ausnahme doch die Pluralform:

endungslos
aus sieben Meter Stoff
auf 750 Meter Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentner
mit drei Viertel der Menge

gebeugt
aus sieben Metern Stoff
auf 750 Metern Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentnern
mit drei Vierteln der Menge

Beide Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Wie Sie sehen, gibt es im Deutschen auch bei etwas so Präzisem wie Maß- und Mengenangaben nicht nur Regeln, sondern auch Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die USA und die Mehrzahl

Frage

Heißt es „Die USA versinken im Chaos“ oder „Die USA versinkt im Chaos“? Klar, die Abkürzung steht für United States of America (also Plural), und somit ist wohl der Plural richtig. Des ungeachtet finde ich die Formulierung irgendwie ungewöhnlich und holprig. Auch treffe ich häufig auf die genau gegenteilige Wendung, zum Beispiel: „Die USA ist ein beliebtes Reiseziel.“ Was nun?

Antwort

Guten Tag H.,

den US-Amerikanern wünsche ich, dass ihr Land nicht wirklich im Chaos versinken möge und dass entsprechend nur die Form und nicht auch die Bedeutung des folgenden Satzes korrekt ist:

Die USA versinken im Chaos.

Standardsprachlich verwendet man die Länderbezeichnung USA mit dem Plural. Weitere Beispiele:

Die USA sind ein beliebtes Reiseziel.
Studieren in den USA
Obama und die neuen USA

Für die Verwendung des Plurals sprechen zwei Gründe: Wie sie richtig bemerken, ist die Bezeichnung, für die die Abkürzung USA steht, im Prinzip pluralisch: United States of America.** Auch die deutsche Übersetzung wird in der Mehrzahl verwendet: die Vereinigten Staaten [von Amerika]. Weil sowohl das Grundwort in der Ursprungssprache als auch die Übersetzung ins Deutsche pluralisch sind, hat hier der Plural eindeutig die besseren Karten. Die Verwendung in der Einzahl sieht man zwar auch manchmal, sie gilt aber standardsprachlich als nicht korrekt.

Das ist aber noch nicht ganz alles: Die Abkürzung USA wird im Deutschen immer mit dem bestimmten Artikel verwendet;

Sind die USA ein guter Bündnispartner?
Wir sind quer durch die USA gereist.
Chaos in den USA
die Regierung der USA

Es heißt also im Standarddeutschen nicht Chaos in USA oder Reise quer durch USA.

Es mag in Ihren Ohren ungewöhnlich oder sogar holprig klingen, doch wenn Sie es standardsprachlich richtig machen wollen, verwenden Sie die USA immer im Plural und mit Artikel, so wie dies zum Beispiel auch für die Niederlande, die Philippinen, die Malediven oder die Vereinigten Arabischen Emirate üblich ist.

Falls sich Ihre Ohren trotz alledem nicht an die USA im Plural gewöhnen wollen, sagen und schreiben Sie doch einfach:

Die Vereinigten Staaten sind ein beliebtes Reiseziel.

Das klingt überhaupt nicht holprig und es herrschen hier, soweit ich weiß, auch keinerlei Zweifel darüber, ob man den Plural verwenden soll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Man muss hier präzisieren, dass USA und vor allem U.S. im Englischen manchmal auch als Singular behandelt werden. Die zugrundeliegende Wortgruppe, so wie wir sie als durchschnittliche Englischkönner kennen, ist aber eindeutig pluralisch.

Wegen Äpfelkuchen zum Zähnearzt

Frage

Wieso geht man nicht zum Zähnearzt, nachdem man durch zu viel Äpfelkuchen Zahnschmerzen hat, die ja auch Zähneschmerzen sein könnten?!? Unmengen von Wörtern werden in der Singularform benutzt, obwohl sie sehr oft mehrere Dinge gemeint sind.

Antwort

Guten Tag A.,

Sie haben recht: Man bäckt einen Apfelkuchen und nicht einen Äpfelkuchen. Man geht zum Zahnarzt und nicht zum Zähnearzt. Das hat damit zu tun, dass die Form einer Zusammensetzung im Deutschen meist nur wenig darüber aussagt, wie sich die beiden beteiligten Wörter genau zueinander verhalten. Bei einer Zusammensetzung der Form XY kann man in der Regel nur sagen, dass ein XY eine Art Y ist, die in irgendeiner Weise etwas mit X zu tun hat:

Ein Apfelkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Apfel zu tun hat.
Ein Hochzeitskuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Hochzeit zu tun hat
Ein Streuselkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Streusel zu tun hat.
Ein Pfannkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Pfanne zu tun hat.

Die Art des Verhältnisses zwischen dem ersten und dem zweiten Teil einer Zusammensetzung kann also ganz unterschiedlich sein. Bei den soeben genannten Kuchen bezeichnet der erste Teil:

– eine wichtige Zutat,
– die Gelegenheit, für die er gebacken wird,
– seine Form,
– das Mittel der Zubereitung.

Auch die Einzahl- oder Mehrzahlform des ersten Wortteils X sagt lange nicht immer etwas darüber aus, ob es um ein oder mehrere X geht:

Eine Baumreihe besteht immer aus mehreren Bäumen.
Für Erdnussbutter braucht man viele Erdnüsse.

Umgekehrt:

Ein Hundebiss kann nur von einem Hund verursacht sein.
Eine Kinderhand gehört nur einem Kind.

Wichtig für die Form ist meist nicht die Bedeutung, sondern die Analogie mit anderen Wörtern, die mit dem gleichen ersten Element gebildet werden. Vgl.

Apfelbaum, Apfelsorte, Apfelsorbet, Apfelwangen
Zahnbelag, Zahnfleisch, Zahnlücke, Zahnstocher
Baumgruppe, Baumstamm, Baumkrone, Baumstruktur
Kindergruppe, Kinderwagen, Kinderfahrrad, Kinderseele
Hundehalterin, Hundefloh, Hundeleben, Hundepfote

Ein Apfelkuchen ist also nicht deshalb ein Apfelkuchen und kein Äpfelkuchen, weil man nur einen Apfel verwenden dürfte, sondern weil man auch Apfelbaum, Apfelsorte und Apfelbäckchen sagt. Man darf einfach nicht zu viel in die Form einer Zusammensetzung hineinlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie viele Häuser hat der Popstar?

Frage

In einer älteren Duden-Ausgabe las ich einmal von einem „distributiven Singular“, der inhaltlich auch schon von Ihnen thematisiert wurde. Mich beschäftigen folgende Zweifelsfälle:

Die Menschen, die ein Haus besitzen …

Ohne Kontext ist der Satz scheinbar uneindeutig. Besitzen mehrere Menschen gemeinsam ein Haus oder besitzt jeder Mensch ein eigenes?

Die Menschen, die Häuser besitzen …

Besitzt jeder Mensch jeweils ein Haus oder besitzt jeder Mensch gleich mehrere Häuser?

Der Popstar besitzt ein Haus / Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Verteilt der Singular „ein Haus“ eine Immobilie auf jedes Land oder muss dazu doch der Plural gesetzt werden. Oder würde der Plural „Häuser“ mehrere Immobilien in jedes Land verorten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Antwort auch diese Frage ist eigentlich ganz einfach: Es gibt keine feste Regel, ob man in diesen Fällen die Einzahl oder die Mehrzahl verwenden muss. Ein paar zusätzliche Worte sind trotzdem angebracht:

Die Menschen, die ein Haus besitzen, …

Hier können mehrere Menschen zusammen ein Haus besitzen oder es kann um ein Haus pro Person gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Die Menschen, die Häuser besitzen, …

Hier kann es um mehrere Häuser pro Person gehen, aber auch um ein Haus pro Person, mehrere Personen pro Haus oder mehrere Personen mit mehreren Häusern. Nur der Kontext oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist. Meistens ist das nicht nötig, denn gemeint sind oft einfach Hausbesitzer, ganz gleich ob sie ein oder mehrere Häuser besitzen und ob sie dies als Einzelperson oder gemeinsam mit anderen tun. So flexibel ist die Sprache.

Das kann, wenn man es sich recht überlegt, sehr praktisch sein. Wenn diese flexible Art etwas auszudrücken nicht erlaubt wäre und man die gleiche allgemeine Aussage machen müsste, ergäbe das eine ziemlich lange, nicht zufällig an Juristendeutsch erinnernde Formulierung:

Die Einzelpersonen oder Personengruppen, die individuell oder zusammen ein oder mehrere Häuser besitzen, …

Nun zu den Häusern des Popstars:

Der Popstar besitzt ein Haus in Italien, Deutschland und Frankreich.

Endlich ein Satz, der eindeutig ist! Es kann sich nur um drei Häuser handeln. Ein entsprechendes Dreiländereck, auf dem ein Haus stehen könnte, gibt es ja nicht. (Die Schweiz liegt „im Weg“.) Die Formulierung ist korrekt, mutet aber trotzdem irgendwie unnatürlich an. Man würde eher sagen je ein Haus in … oder ein Haus in Italien, eines in Deutschland und eines in Frankreich.

Der Popstar besitzt Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Und schon wieder ist es vorbei mit der Eindeutigkeit. Hier kann es um je ein Haus pro Land oder aber um mehrere Häuser pro Land gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Gerade dieser letzte Satz zeigt, dass es sehr oft gar nicht darum geht, mathematisch genaue Angaben zu machen. Ganz im Gegenteil! In einem Prominentenblatt ist vor allem wichtig, dass der Popstar mehrere [!] Häuser hat, und zwar in mehreren [!!] Ländern. Wie viele Häuser genau wo stehen, ist eher nebensächlich (insbesondere wenn es dann doch „nur“ drei sind). Wenn es wichtig ist, zählt man sie einfach auf: zwei Häuser in Italien, drei in Deutschland und eines in Frankreich.

Die Verteilung von Objekten innerhalb eines Satzes ist meistens nicht mathematisch präzise und eindeutig festgelegt. Dem verdankt die Sprache ihre große Flexibilität. Was genau gemeint ist, lässt sich meistens aus dem Kontext ermitteln. Oft ist es auch gar nicht nötig oder gewünscht, alles präzise auszudrücken. Und wenn es doch sein muss, muss man eben umformulieren oder erläutern. So viel ungeregelte Mehrdeutigkeit scheint verwirrend zu sein, das ist es aber nicht. Wir gehen täglich damit um und es funktioniert im Normalfall ausgezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp