Wie viele Häuser hat der Popstar?

Frage

In einer älteren Duden-Ausgabe las ich einmal von einem „distributiven Singular“, der inhaltlich auch schon von Ihnen thematisiert wurde. Mich beschäftigen folgende Zweifelsfälle:

Die Menschen, die ein Haus besitzen …

Ohne Kontext ist der Satz scheinbar uneindeutig. Besitzen mehrere Menschen gemeinsam ein Haus oder besitzt jeder Mensch ein eigenes?

Die Menschen, die Häuser besitzen …

Besitzt jeder Mensch jeweils ein Haus oder besitzt jeder Mensch gleich mehrere Häuser?

Der Popstar besitzt ein Haus / Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Verteilt der Singular „ein Haus“ eine Immobilie auf jedes Land oder muss dazu doch der Plural gesetzt werden. Oder würde der Plural „Häuser“ mehrere Immobilien in jedes Land verorten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Antwort auch diese Frage ist eigentlich ganz einfach: Es gibt keine feste Regel, ob man in diesen Fällen die Einzahl oder die Mehrzahl verwenden muss. Ein paar zusätzliche Worte sind trotzdem angebracht:

Die Menschen, die ein Haus besitzen, …

Hier können mehrere Menschen zusammen ein Haus besitzen oder es kann um ein Haus pro Person gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Die Menschen, die Häuser besitzen, …

Hier kann es um mehrere Häuser pro Person gehen, aber auch um ein Haus pro Person, mehrere Personen pro Haus oder mehrere Personen mit mehreren Häusern. Nur der Kontext oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist. Meistens ist das nicht nötig, denn gemeint sind oft einfach Hausbesitzer, ganz gleich ob sie ein oder mehrere Häuser besitzen und ob sie dies als Einzelperson oder gemeinsam mit anderen tun. So flexibel ist die Sprache.

Das kann, wenn man es sich recht überlegt, sehr praktisch sein. Wenn diese flexible Art etwas auszudrücken nicht erlaubt wäre und man die gleiche allgemeine Aussage machen müsste, ergäbe das eine ziemlich lange, nicht zufällig an Juristendeutsch erinnernde Formulierung:

Die Einzelpersonen oder Personengruppen, die individuell oder zusammen ein oder mehrere Häuser besitzen, …

Nun zu den Häusern des Popstars:

Der Popstar besitzt ein Haus in Italien, Deutschland und Frankreich.

Endlich ein Satz, der eindeutig ist! Es kann sich nur um drei Häuser handeln. Ein entsprechendes Dreiländereck, auf dem ein Haus stehen könnte, gibt es ja nicht. (Die Schweiz liegt „im Weg“.) Die Formulierung ist korrekt, mutet aber trotzdem irgendwie unnatürlich an. Man würde eher sagen je ein Haus in … oder ein Haus in Italien, eines in Deutschland und eines in Frankreich.

Der Popstar besitzt Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich.

Und schon wieder ist es vorbei mit der Eindeutigkeit. Hier kann es um je ein Haus pro Land oder aber um mehrere Häuser pro Land gehen. Nur der Zusammenhang oder eine klärende Erläuterung können angeben, was genau gemeint ist.

Gerade dieser letzte Satz zeigt, dass es sehr oft gar nicht darum geht, mathematisch genaue Angaben zu machen. Ganz im Gegenteil! In einem Prominentenblatt ist vor allem wichtig, dass der Popstar mehrere [!] Häuser hat, und zwar in mehreren [!!] Ländern. Wie viele Häuser genau wo stehen, ist eher nebensächlich (insbesondere wenn es dann doch „nur“ drei sind). Wenn es wichtig ist, zählt man sie einfach auf: zwei Häuser in Italien, drei in Deutschland und eines in Frankreich.

Die Verteilung von Objekten innerhalb eines Satzes ist meistens nicht mathematisch präzise und eindeutig festgelegt. Dem verdankt die Sprache ihre große Flexibilität. Was genau gemeint ist, lässt sich meistens aus dem Kontext ermitteln. Oft ist es auch gar nicht nötig oder gewünscht, alles präzise auszudrücken. Und wenn es doch sein muss, muss man eben umformulieren oder erläutern. So viel ungeregelte Mehrdeutigkeit scheint verwirrend zu sein, das ist es aber nicht. Wir gehen täglich damit um und es funktioniert im Normalfall ausgezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Spielzeuge und Saatgüter

Frage

Kürzlich korrigierte ich jemand, der meinte, dass Spielzeug nur im Singular verwendet wird. Mein Bertelsmann-Duden („Wie sagt man richtig?“) behauptet allerdings auch, dass Spielzeug nur im Singular verwendet werden sollte. Das Wörterbuch von CanooNet kennt aber auch den Plural Spielzeuge. Vielen Dank!

Bei Saatgut kennt auch CanooNet keinen Plural, obwohl Güter ja auch im Plural gebräuchlich ist. Über die Wortbildung zu Gut kommt man zu vielen Gütern, von denen manche einen Plural haben und andere nicht. Gibt es dazu eine Regel? Kann man ohne Nachschlagen entscheiden, ob Beutegut oder Diebesgut Pluralformen haben? Oder richtet sich das nur nach dem Gebrauch?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Spielzeug hat zwei unterschiedliche Bedeutungen:

Wenn es Gesamtheit der Gegenstände zum Spielen bedeutet, ist es eine Sammelbezeichnung und hat keinen Plural. Es ist dann gleichbedeutend mit Spielsachen und wird in Geschäften als Spielwaren angeboten:

Wie viel Spielzeug besitzt Ihr Kind?
Dieser Laden verkauft Spielzeug.

Wenn es Gegenstand zum Spielen bedeutet, ist es zählbar und hat entsprechend auch einen Plural:

Sie hat ein neues Spielzeug erhalten.
Sie hat drei neue Spielzeuge erhalten.

Die zweite Bedeutung, die offenbar einige für nicht richtig oder für stilistisch schlecht halten, ist auch in anderen Wörterbüchern verzeichnet (zum Beispiel Duden, Wahrig, DWDS u.a.). Es ist bestimmt richtig, dass viele modernen moderne Kinderchen so viel Spielzeug haben, dass die einzelnen Spielzeuge gar nicht mehr auffallen. Wenn es den Plural aber nicht gäbe, könnten die Kleinen nicht mit ihren Eltern darüber unterhandeln, ob sie, wenn sie „großzügig“ auf das große Spielzeug verzichten, dafür mit (mindestens!) zwei kleinen Spielzeugen kompensiert werden müssen.

Es gibt überhaupt nur wenige Wörter, die nie im Plural verwendet werden. Das liegt daran, dass die meisten Wörter nicht nur eine einzige Bedeutung haben. In vielen Fällen hat ein Wort, das in einer Bedeutung keinen Plural hat, in einer anderen Bedeutung doch Pluralformen. Zum Beispiel:

Holz Stoffbezeichnung kein Plural aus Holz
Holz Holzart Plural tropische Hölzer
Freiheit Zustand des Freiseins kein Plural die innere Freiheit
Freiheit Recht, etwas zu tun Plural besondere Freiheiten genießen

Die Frage ist deshalb meistens nicht, ob ein Wort einen Plural haben kann, sondern ob dieser Plural üblich ist und als richtig akzeptiert wird. Ein solcher Fall ist auch Saatgut. Dieses Wort wird im Standarddeutschen (wenn überhaupt) nur im Singular verwendet. Bei Saatguthändlern findet sich aber gelegentlich der Plural Saatgüter mit der Bedeutung Arten von Saatgut. Der Plural ist hier nicht unmöglich und auch nicht falsch, er ist nur nicht allgemein üblich.

Ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, richtet sich also nur nach dem Gebrauch. Entsprechend umstritten können diese Formen gelegentlich sein. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoo-Grammatik:

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Cappuccino, Cappuccinos und Cappuccini

Frage

Es geht um die Pluralbildung des Wortes Cappuccino. Ihr Wörterbuch gibt Cappuccinos vor. Ist die italienische Variante Cappuccini zu geschmäcklerisch, zu altklug, arrogant? Oder gibt es einen objektiveren Grund, warum die Pluralbildung in diesem Fall eingedeutscht wird? Warum dann aber Mafioso – Mafiosi (und nicht Mafiosos)?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Wenn Sie Cappuccini sagen wollen, können Sie das natürlich tun. Man wird Ihnen auch ohne zu zögern mehrere Kaffee mit aufgeschäumter Milch servieren – außer dort natürlich, wo man das Rezept leicht bis mittelschwer abgeändert hat. In Frankreich zum Beispiel wird einem meistens ein Kaffee mit Schlagsahne als Cappuccino serviert. Wenn Sie im deutschen Sprachraum zwei Cappuccini bestellen, ist dieses Risiko geringer. Sie riskieren aber, dass Ihre Bestellung noch „hipper“ klingt als: Zwei Espressi bitte. Wenn ich zum Beispiel am Fernsehen jemanden zwei Espressi bestellen höre, ist das eine Person, die in einer Vorabendserie oder einem ZDF-Spielfilm mit einer Designersonnebrille im Haar in einem schicken Lokal oder an einer gestylten Bar sitzt. Aus irgendeinem Grund habe ich dort bis jetzt noch nie jemanden einen oder mehrere Cappuccinos/Cappuccini bestellen hören. Ob der italienische Plural dort je verwendet wird, weiß ich also leider nicht.

Der Plural Cappuccini ist im Deutschen noch ungebräuchlicher als der Plural Espressi. Man kennt ihn eigentlich nur wenn man Italienisch kann oder wenn man oft in Italien war. Warum man fast ausschließlich Mafiosi sagt, man neben Espressos auch Espressi verwendet, aber bei Cappuccino der italienische Plural kaum vorkommt, weiß ich leider ohne weitere Nachforschungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass man hierzulande schon seit Jahrzehnten Mafiafilme kennt und der Espresso schon lange den Mokka abgelöst hat, während der Cappuccino seinen Eroberungszug nördlich der Alpen erst vor relativ kurzer Zeit angetreten hat.

Andere Wörterbücher machen für diese Wörter die gleichen oder ähnliche Angaben wie Canoonet. Vielleicht hört man die Form Cappuccini ja nach den Sommerferien häufiger, wenn alle vom Urlaub am Gardasee, in der Toskana und auf Sizilien zurückgekehrt sind. Wir werden dann prüfen, ob wir beim Eintrag Cappuccino zusätzlich die italienische Pluralform angeben sollen. Bis die italienische Form sich etwas besser etabliert hat, können Sie diese Klippe auch einfach umschiffen, indem Sie wie zum Beispiel bei Kaffee ganz korrekt den Singular verwenden: Zwei Cappuccino bitte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Sack als Mengenangabe

Frage

Wann verwendet man die Mehrzahl Sack, wann Säcke? Ich kaufe 2 Sack oder 2 Säcke Mehl?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

wenn eine Mengenbezeichnung ein „gewöhnliches“ männliches oder sächliches Wort wie Sack ist, kann oft sowohl die Einzahl also auch die Mehrzahl verwendet werden. Wenn die reine Mengenangabe gemeint ist, kann die Einzahl stehen:

Ich habe zwei Sack Kaninchenfutter bestellt.

Wenn der volle Begriff gemeint ist, das heißt, wenn mehrere einzelne Einheiten bezeichnet werden sollen, wird der Plural verwendet:

Ich habe im Stall soeben noch zwei Säcke Kaninchenfutter gesehen.

Da der Übergang fließend ist, kann bei Mengenangaben dieser Art meist sowohl die Einzahl als auch die Mehrzahl stehen:

Er hat drei Glas Wein getrunken.
Er hat drei Gläser Wein getrunken.

zwanzig Kasten Bier bestellen
zwanzig Kästen Bier bestellen

Sie hat drei Sack Mehl gekauft.
Sie hat drei Säcke Mehl gekauft.

Bei weiblichen Mengenbezeichnungen verwendet man bei mehr als einer Einheit immer den Plural:

acht Tonnen Weizen
sieben Kisten Sekt
zwei Prisen Salz

Mehr dazu finden Sie auf dieser Seite in Canoonet, insbesondere hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bis nächstes Ostern oder bis nächste Ostern?

Frage

Ich stehe wieder vor einem kleinen Rätsel:

Wenn Sie das Marmorieren oder die Serviettentechnik noch nicht beherrschen, können Sie sich mit Stickern und Abziehbildchen helfen und die beiden Techniken bis zum nächsten Ostern lernen

Diese Formulierung behagt mir aber nicht. Ich würde entweder schreiben bis zum nächsten Osterfest oder bis nächste Ostern. Bei der letzteren Variante bin ich jedoch unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wie Sie mit dem Wort Ostern umgehen, scheint davon abhängig zu sein, woher Sie kommen oder wo Sie sind. Im südlichen deutschen Sprachraum ist Ostern ein Pluralwort. In Nord- und Mitteldeutschland ist es ein sächliches Singularwort. Sie schreiben also je nachdem:

bis nächste Ostern
bis nächstes Ostern

Die etwas schwerfälligen Formulierungen bis zu den nächsten Ostern und bis zum nächsten Ostern sind ebenfalls möglich. Was immer Sie auch wählen, ein Teil der Leserschaft wird sich über die Formulierung wundern. Wenn nicht der Süden den Kopf schüttelt, dann ist der Norden unzufrieden. Deshalb empfehle ich Ihnen, den Satz anders zu formulieren, wenn Sie den gesamten deutschen Sprachraum ansprechen wollen:

bis dieses Jahr Ostern bzw. bis nächstes Jahr Ostern
bis zum nächsten Osterfest

Ganz Ähnliches gilt auch für Pfingsten und Weihnachten.

Wenn es wie jetzt gar nicht mehr so lange dauert, kann man auch einfach sagen:

bis Ostern

So zum Beispiel in der folgenden Gewissensfrage: Gelingt es Ihnen, den je nach Region und Größe des Geschäfts zentner- bis tonnenweise angebotenen Süßigkeiten in Eiform bis Ostern zu widerstehen? Ich gestehe: Es ist mir nicht gelungen. Die kleinen Schokoladeneier mit Fondant- und Haselnussfüllung und die Nougateier schmecken einfach zu gut! Ich versuche allerdings, mich der Tradition und meiner Gesundheit zuliebe bis Ostern einigermaßen zurückzuhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Million Menschen kam oder kamen?

Frage

Unser Professor erwähnte in seinem Vortrag, dass die Formulierung Eine Million Menschen kamen zu XY falsch sei, da das Verb durch eine Million in der Einzahl stehen müsse. Ist das korrekt, oder gilt die Regel, dass das Subjekt im Plural steht und darum auch das Verb im Plural stehen muss?

Antwort

Guten Tag M.,

in der Mengenangabe eine Million Menschen ist das Substantiv Million der Kern der Wortgruppe, der durch das Attribut Menschen näher bestimmt wird. Rein formal hat ihr Professor deshalb recht, wenn er sagt, dass bei einem solchen Subjekt das Verb in der Einzahl stehen müsse.

Eine Million Menschen kam zu diesem Anlass.
Ein Pfund Nudeln reicht nicht.
Eine Anzahl teure Designerbrillen wurde gestohlen.

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Das Verb wird oft nicht formal der Maßbezeichnung (dem Wortgruppenkern) sondern sinngemäß dem Gemessenen (dem Attribut) angeglichen. Dies geschieht bei Maßbezeichnungen in der Einzahl  mit einem Attribut in der Mehrzahl:   

Eine Million Menschen kamen zu diesem Anlass.
Ein Pfund Nudeln reichen nicht.
Eine Anzahl teure Designerbrillen wurden gestohlen.

Ihr Professor hat also nicht ganz recht. Nach eine Million Menschen kann das Verb auch in der Mehrzahl stehen. Strengere Grammatiker finden oder fanden die Mehrzahl hier zwar nicht korrekt, aber nach dem allgemeinen Sprachgebrauch und zum Beispiel auch der Dudengrammatik ist sowohl eine Million Menschen kam als auch eine Million Menschen kamen korrekt. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom Verbreitungsgebiet des Emus und dem Gehege der Gnus

Gestern war ich wieder einmal im Zoo. Ein Tiergarten im Winter hat ja auch so seine Reize. Abgesehen davon, dass viele schreiende Kinder ihr Schreien zurzeit nicht dort, sondern auf Skiliften und Skipisten zum Besten geben, sind bei kaltem Nordwind für mich die geheizten Tierhäuser einer dieser Reize. Das nennt sich dann „geheheizt spazieren gehen“. Als ein solcher „Kälteflüchter“ habe mich dann auch darüber gewundert, welche Tiere trotz Kälte draußen anzutreffen sind. Bei Eisbären, Schneeleoparden und Steinböcken erstaunt einen das ja nicht. Diese Tiere sind sozusagen dafür geschaffen. Löwen, Zebras und Flamingos hingegen sind für mich eindeutig in flimmernder Hitze zu Hause und sollten deshalb tiefe Temperaturen nicht ertragen oder zumindest nicht ausstehen können. Ich habe mich wieder einmal eines Besseren belehren lassen müssen: Die Löwen lagen, die Zebras trotteten und die Flamingos standen einfach draußen herum, Leztere sogar mit den Füßen im Wasser!

Sprachlich oder besser gesagt orthografisch gesehen fiel mir positiv auf, dass der Tiergarten, in dem ich war, nicht von der „Apostrophitis“ befallen ist. An Orten mit exotischen Tieren gibt es nämlich viele auf a, i, o oder u endende Wörter. Bei den Vögeln findet man zum Beispiel die Aras, die Emus, die Flamingos, die Kolibris, die Marabus und die Nandus (die Uhus sind ja keine Exoten). Auch bei den Huftieren gibt es viele solche Namen: z. B. die Gnus, die Impalas, die Kudus, die Lamas, die Vikunjas und die Zebras. Andere Beispiele aus anderen Tiergattungen sind die Capybaras, die Gorillas, die Kängurus, die Pandas, aber auch die Boas und die Geckos.

Unter „Apostrophitis“ ist die Tendenz zu verstehen, bei solchen Wörtern vor dem s des Genitivs oder dem s der Mehrzahl einen Apostroph zu verwenden. Das ist nach den geltenden Rechtschreibregeln falsch, sogar bei ganz kurzen Wörtern wie Ara, Emu und Gnu. Also:

Richtig Falsch
das Verbreitungsgebiet des Emus   das Verbreitungsgebiet des Emu’s
das Federkleid des Aras das Federkleid des Ara’s
das Futter der Flamingos das Futter der Flamingo’s
das Gehege der Gnus das Gehege der Gnu’s

Und genau so wird das in „meinem“ Zoo auch getan. Alle Schilder, Beschriftungen und Hinweistafeln sind perfekt apostrophfrei. Da soll also keiner behaupten, ich hätte immer nur etwas zu bemängeln.

Gerne hätte ich auch etwas über meine Lieblingstiere geschrieben, aber die geben in dieser Hinsicht nichts her: Giraffen und Seekühe schreibt auch während des schlimmsten Apostrophitisanfalls niemand mit Apostroph.

Blanc de Noirs im Genitiv

Frage

Heute bekamen wir Infopost einer Kellerei. Im Anschreiben heißt es da: Aufgrund des großen Erfolgs unseres Blanc de Noirs haben wir beschlossen…

Nun frage ich mich: Ist das s der Genitiv-Angleichung bei diesem französischen Wort richtig? […] Nach meinem Sprachgefühl werden fremdsprachliche Wörter im Deutschen nicht dekliniert, darum stolperte ich beim Lesen über das angehängte s.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist nicht grundsätzlich falsch, bei Fremdwörtern ein Genitiv-s zu verwenden. Oft sind sowohl Formen mit als auch ohne s üblich. Zwei Beispiele aus dem gleichen Bereich:

der Chianti – des Chianti oder des Chiantis
der Muscadet – des Muscadet oder des Muscadets
der Armagnac – des Armagnac oder des Armagnacs

Bei Blanc de Noirs spielt aber etwas anderes eine Rolle: In Ihrem Zitat ist es zwar eine Genitivform, aber das s hinter Noir ist kein Genitiv-s. Es geht hier um eine Art Weißwein (Blanc), der aus roten Trauben hergestellt wird (de Noirs). Das s ist also eine französische Pluralendung, die übrigens auch im Deutschen nicht ausgesprochen wird. Die im Deutschen übliche Schreibweise ist deshalb:

der Blanc de Noirs
des Blanc de Noirs
die Blancs de Noirs

Das s im Schreiben der Kellerei ist also richtig. Das Gleiche gilt auch für die Weißweine aus weißen Trauben:

der Blanc de Blancs
des Blanc de Blancs
die Blancs de Blancs

Im Genitiv sind solche fremdwörtlichen Wendungen in der Regel wie die oben stehenden Beispiele endungslos. In einigen wenigen Fällen gibt es allerdings Formen mit einem Genitiv-s. Die Genitivendung steht dann am gleichen Ort wie die Pluralendung:

der Chef de Cuisine
des Chefs de Cuisine oder des Chef des Cuisine
die Chefs de Cuisine

So kompliziert das alles klingt, etwas ist wenigstens ganz einfach: Ein Genitiv-s schreibt man auch bei Fremdwörtern nur dann, wenn man es auch ausspricht. Beim Plural-s ist das allerdings schon wieder viel komplizierter …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Bogen und die Bögen

Frage

In unserer örtlichen Presse, aber auch in der Öffentlichkeit wird der Plural von Bogen immer wieder mit Bögen gebildet. Ich meine, gelernt zu haben, dass der Plural von Bogen auch Bogen ist. Oder unterscheidet man sogar zwischen dem Papierbogen und dem architektonischen Bogen bei der Mehrzahlbildung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

der Plural von der Bogen lautet in der Standardsprache die Bogen. Dass eine Variante korrekt ist, heißt aber nicht unbedingt, dass eine andere falsch sein muss. Vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird nämlich neben die Bogen auch in der Standardsprache oft die umgelautete Form die Bögen verwendet. Das gilt offensichtlich nicht nur für den südlichen deutschen Sprachraum, denn Sie wohnen in der Nähe von Braunschweig (Niedersachsen) und treffen diese Form in Ihrer lokalen Presse an. Bei der Wahl zwischen o und ö spielt die Bedeutung übrigens (fast) keine Rolle. Neben die Triumphbogen, die Papierbogen und die Geigenbogen gibt es auch die Triumphbögen, die Papierbögen und die Geigenbögen. Bei die Ellbogen oder die Ellenbogen sind die Formen mit Umlaut standardsprachlich allerdings nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp