Substantivierte Partizipien mit „zu“: die Zubetreuenden, die Zu-Betreuenden oder die zu Betreuenden?

Frage

Wird bei substantivierten „zu-Partizipien“ (Gerundiven) das „zu“ mit in die Substantivierung integriert (und groß geschrieben) oder bleibt es klein und steht davorgestellt: „die zu Unterrichtenden“ oder „die Zuunterichtenden“ oder „die Zu-Unterrichtenden“? Anderes Beispiel:

die zu Betreuenden, die Zubetreuenden, die Zu-Betreuenden

Gibt es einen Unterschied bei vorgestelltem „zu“ und integriertem „zu“?

Antwort

Guten Tag Herr Schulz,

um mit einer eher matten scherzhaften Bemerkung anzufangen: Der Unterschied zwischen vorgestelltem „zu“ und integriertem „zu“ ist hier, dass das eine richtig und das andere falsch geschrieben ist. Ein bisschen mehr möchte ich aber doch zu dieser Frage sagen:

Richtig sind hier die folgenden Schreibungen:

die zu unterrichtenden Personen
die zu Unterrichtenden

die zu betreuenden Menschen
die zu Betreuenden

die zu bedienenden Kunden
die zu Bedienenden

Substantivierten Partizipgruppen schreibt man fast gleich, wie wenn sie vor einem Substantiv stehen. Der einzige Unterschied ist, dass das Partizip selbst großgeschrieben wird. Seine Begleiter bleiben klein (oder groß, wenn es Substantive sind):

die viel zu schnell Fahrenden
die sich die Zähne Putzende
der den Zug Nehmende
die zu Fuß Gehenden
die bunte Ostereier Suchenden

Den Versuch, die Hintergründe für diese Schreibweise substantivierter Partizipgruppen zu verstehen, finden Sie in einem älteren Blogeintrag.

Substantivierungen von Partizipgruppen können nur dann zusammengeschrieben werden, wenn sie auch bei adjektivischer Verwendung zusammengeschrieben werden können (vgl. amtl. Regelung § 36 2.1):

die Rad fahrenden Menschen / die radfahrenden Menschen
die Rad Fahrenden / die Radfahrenden

der klein gedruckte Text / der kleingedruckte Text
das klein Gedruckte / das Kleingedruckte

die Ostereier suchenden Kinder / die ostereiersuchenden Kinder
die Ostereier Suchenden / die Ostereiersuchenden

Andere zusammengeschriebene Bildungen sind keine substantivierten Partizipgruppen, sondern meist Zusammensetzungen mit einem substantivierten Partizip an zweiter Stelle:

der/die Konferenzteilnehmende (= Konferenz+Teilnehmende)
der/die Fließbandarbeitende (= Fließband+Arbeitende)
der/die Vereinsvorsitzende (= Verein+s+Vorsitzende)

Deshalb schreibt man „die zu Unterrichtenden“ und „die zu Betreuenden“.

Ich wünsche den Ostereier Suchenden, dass sie das zu Suchende finden mögen, und allen schöne Ostertage!

Dr. Bopp

Geschmeichelt oder nicht geschmeichelt?

Frage

Bei Ihnen wird „geschmeichelt“ als Adjektiv ausgewiesen, ich bin aber der Meinung, dass es sich immer um ein Verb „schmeicheln“ oder ein Partizip oder eine Passivform „geschmeichelt“ handelt. Eine adjektivische Nutzung ist mir nicht bewusst.

Antwort

Guten Tag D.,

in den folgenden Beispielen ist geschmeichelt als Adjektiv (oder adjektivisch verwendetes Partizip) anzusehen:

ein geschmeicheltes Bild (ein sehr günstiges, zu günstiges Bild)
eine geschmeichelte Darstellung der Ereignisse (eine zu positive Darstellung)

Aus heutiger Sicht könnte geschmeichelt streng genommen auch in den folgenden Formulierungen als Adjektiv bezeichnet werden:

geschmeichelt sein
sich geschmeichelt fühlen

wie

zufrieden sein
sich zufrieden fühlen

Das Verb schmeicheln ist nämlich ein intransitives Verb (jemandem schmeicheln) und intransitive Verben können kein Zustandspassiv bilden. Zum Beispiel:

jemandem danken
nicht: *gedankt sein
nicht: *sich gedankt fühlen

Aber zum Beispiel:

jemanden ehren
geehrt sein
sich geehrt fühlen

Diese für ein intransitives Verb untypischen Verwendungen des Partizips geschmeichelt sind wahrscheinlich ein Überbleibsel aus einer Zeit, als schmeicheln nicht nur mit dem Dativ, sondern auch mit dem Akkusativ verwendet wurde. Ein paar Beispiele:

Bey meiner Treu, ich sag es ohne sie zu schmeicheln, sie sind ein Kerl, der es, hohl mich der Teuffel, mit manchem Cantor annehmen könnte.
[G. E. Lessing, Weiber sind Weiber, 5. Auftritt, 1749]

Ich danke Gott mit Saitenspiel, 
dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel, 
und wär vielleicht verdorben.
[Matthias Claudius, Täglich zu singen, 1777]

Dolon, schmeichle dich nicht mit der Hoffnung, dein Leben zu retten
[Ilias, 10, 435, übers. von F. L. Graf zu Stolbert, 1781]

Im heutigen Deutschen ist schmeicheln, wie bereits gesagt, ein intransitives Verb, das heißt, es wird nicht mehr mit dem Akkusativ verwendet:

jemandem schmeicheln
Sie schmeichelte dem Grafen mit schönen Worten.
Die Hose schmeichelt Ihrer Figur.

Außer in Formulierungen der eingangs genannten Art sollte geschmeichelt deshalb genauso wenig adjektivisch verwendet werden wie gedankt oder geholfen. Es heißt also nicht:

*die gedankten Helferinnen und Helfer
*die geholfene Kundschaft
*der geschmeichelte Graf

Fazit: Man kann geschmeichelt als Adjektiv verwenden. Es gibt allerdings nur geschmeichelte (zu günstige) Darstellungen und Bilder, nicht aber *mit schönen Worten geschmeichelte Leute.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp