Formenvielfalt: durchgespalten, durchgespaltet, durchspalten, durchspaltet

Frage

Ich schlage mich […] mit den Konjugationen der verschiedenen „durch“-Verben herum. Da ist mir bei „durchspalten“ auf der Duden-Heimseite bei den beiden dort aufgeführten Konjugationen zu diesem Verb aufgefallen, dass es einmal eine Version von Perfekt-, Plusquamperfekt- und Futurformen mit „durchspalten“ gibt und zum andere eine Form mit „durchgespalten“ und „durchgespaltet“.

Wo ist sind da die Unterschiede?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

nach den Angaben der Wörterbücher kann beim Verb durchspalten die Hauptbetonung auf durch oder auf spalt liegen.

a) dúrchspalten
b) durchspálten

Bei der ersten Betonung ist das Verb trennbar, bei der zweiten Betonung ist es untrennbar:

a) dúrchzuspalten, ich spalte durch, dúrchgespalten/dúrchgespaltet
b) zu durchspálten, ich durchspálte, durchspálten/durchspáltet

Dabei scheint es keinen Bedeutungsunterschied zwischen den Varianten zu geben. Der Online-Duden schreibt hierzu:

durchspalten:
Bedeutung: in zwei Teile spalten
Beispiel: er hat die Holzscheite durchgespalten

durchspalten:
Bedeutung: durchspalten
Beispiel: er durchspaltet die Scheite

Und im DWDS steht:

Verb · spaltet durch, spaltete durch, hat durchgespalten/durchgespaltet
Verb · durchspaltet, durchspaltete, hat durchspalten/durchspaltet
etw. in zwei Teile spalten
Beispiel: einen Baumstamm, ein Stück Holz durchspalten

NB: In Duden fehlt beim Partizip II des untrennbaren Verbs die regelmäßige Form durchspaltet. Im DWDS wird diese jedoch angegeben. Da Duden sonst bei spalten und den davon abgeleiteten Verben sowohl die unregelmäßige als auch die regelmäßige Form angibt (spalten/gespaltet [selten], abgespalten/abgespaltet, aufspalten/aufgespaltet, zerspalten/zerspaltet), gehe ich davon aus, dass neben hat durchspalten zumindest theoretisch auch die Form hat durchspaltet möglich sein muss. Bei einem Verb, das so selten vorkommt, ist es schwierig bis unmöglich, anzugeben, was üblich ist. Wann ist schon davon die Rede, dass Baumstämme, Holzscheite, Felsbrocken oder gar Schädel durchgespalten, durchgespaltet, durchspalten oder durchspaltet werden?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Habe nicht kommen wollen – Ersatzinfinitiv oder besonderes Partizip?

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des Ersatzinfinitivs/Partizips II. Bei den Modalverben und einigen anderen Verben (heißen, hören, sehen, lehren, lernen) wird bei zusammengesetzten Zeiten statt des Partizips II der sogenannte „Ersatzinfinitiv“ verwendet.

Ich habe nicht kommen wollen [statt gewollt].

Im Online-Duden ist bei diesen Wörtern die Form, die man Ersatzinfinitiv nennen kann, jedoch in der Spalte „Partizip II“ vermerkt:

Infinitiv mit zu: zu wollen
Partizip I: wollen
Partizip II: wollen, gewollt

Meine Frage: Ist es wirklich ein Ersatzinfinitiv oder ist es ein Partizip II, dem das „ge-“ fehlt? […] Ist es also möglich, diese Form (fachsprachlich korrekt) als PARTIZIP zu bezeichnen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

ob man es einen Ersatzinfintiv oder ein besonderes Partizip nennt, ist eine reine Terminologiefrage. Diese spezielle Wortform erfüllt die Funktion eines Partizips, hat aber die Form eines Infinitivs (nicht nur das ge- fehlt, auch die Endung ist die des Infinitivs; vgl. gewollt vs wollen).

Er hat nicht kommen wollen (statt: gewollt).
Ich habe nicht weggehen dürfen (statt: gedurft)
Sie hat den Schlüssel zu Hause liegen lassen (auch: liegen gelassen).
Habt ihr uns kommen hören (auch: gehört)?

Infinitiv oder Partizip?– Man kann beides sagen, je nachdem welche Perspektive man einnimmt:

  • Der Infinitiv hat die Funktion eines Partizips → Ersatzinfinitiv
  • Das Partizip hat die Form eines Infinitivs → „besonderes“ Partizip

Allgemein üblich ist die Bezeichnung „Ersatzinfinitiv“, also der Infinitiv, der ein Partizip ersetzt. Ich würde deshalb  empfehlen, diesen Begriff zu verwenden, in dem die Form zentral steht. Es ist aber auch nicht falsch, hier mehr die Funktion hervorzuheben und von einer besonderen Erscheinungsform des Partizips zu sprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Freiwillig Mitarbeitende oder freiwillige Mitarbeitende

Frage

In einem Protokoll lese ich häufig folgende Formulierungen:

freiwillige Mitarbeitende
ehrenamtliche Mitarbeitende

Mein Sprachgefühl sagt mir, dass es besser so heißen müsste:

freiwillig Mitarbeitende
ehrenamtlich Mitarbeitende

Hingegen scheint mir klar zu sein, dass es „freiwillige Mitarbeiter“ bzw. „ehrenamtliche Mitarbeiter“ heißen würde. Weshalb aber in meinen Ohren die „freiwilligen Mitarbeitenden“ falsch tönen, kann ich nicht wirklich begründen. Können Sie weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

beide Formulierungen sind möglich. Was ist der Unterschied?

Das Wort Mitarbeitende ist ein substantiviertes Partizip. Substantivierte Partizipien können mit den gleichen Erweiterungen stehen wie das Verb, zu dem sie gehören:

– freiwillig mitarbeiten
– freiwillig mitarbeitende Menschen
– die freiwillig Mitarbeitenden

Ebenso zum Beispiel:

ehrenamtlich mitarbeiten → die ehrenamtlich Mitarbeitenden
defensiv anlegen → die defensiv Anlegenden
geduldig warten → die geduldig Wartenden
auf den Bus warten → die auf den Bus Wartenden

Hier wird jeweils eine ganze Partizipialgruppe (Partizip zusammen mit seinen Erweiterungen) substantiviert.

Man kann aber auch nur das Partizip substantivieren und erst dann ein Adjektiv davorstellen. Das Adjektiv wird dann gebeugt:

mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die freiwilligen Mitarbeitenden
mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die ehrenamtlichen Mitarbeitenden
anlegen → die Anlegenden → die defensiven Anlegenden
warten → die Wartenden → die geduldigen Wartenden

Man geht hier gleich vor wie bei anderen von Verben abgeleiteten Substantiven:

mitarbeiten → die Mitarbeiter → die freiwilligen Mitarbeiter
mitarbeiten → die Mitarbeiterin → die freiwillige Mitarbeiterin
anlegen → die Anlegerin → die defensive Anlegerin
Bus benutzen → der Busbenutzer → der geduldige Busbenutzer

Gerade bei Mitarbeitende ist dies nicht unüblich, wahrscheinlich weil Mitarbeitende häufig statt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Mitarbeiter*innen steht. Stilistisch gefällt mir – wie offenbar Ihnen auch – die Variante mit dem ungebeugten Adjektiv häufig besser. Ich würde die freiwillig Mitarbeitenden wählen, aber die freiwilligen Mitarbeitenden ist wie die freiwilligen Mitarbeiter nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Geflüchtete“ falsch?

Ein Wort, das immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. Hier geht es nur um die Grammatik.

Frage

Mir erscheint der Ausdruck „Geflüchtete“ grammatisch falsch. Vielleicht weil man „geflüchtet“ nicht im Passiv verwenden kann.

Antwort

Guten Tag Frau V.,

das Substantiv Geflüchtete ist nicht falsch. Das ist schon deshalb der Fall, weil das Wort allgemein üblich ist, auch standardsprachlich verwendet wird und in den Wörterbüchern zu finden ist. Was üblich und gebräuchlich ist, ist richtig.

Aber auch „streng“ grammatisch gibt es nichts einzuwenden. Es geht hier um ein Partizip Perfekt (Partizip II), das wie ein Adjektiv verwendet und dann substantiviert wird. Dabei gilt als allgemeine Regel unter anderem Folgendes:

a) Die Perfektpartizipien transitiver Verben (Verben, die im Passiv stehen können) können auch als Adjektive verwendet werden.

der geschlagene Hund
das gesprochene Wort
die angestellte Frau

Dabei hat das Partizip die Bedeutung des Passivs:

Man hat den Hund geschlagen → der geschlagene Hund
Man hat das Wort gesprochen → das gesprochene Wort
Man hat die Frau angestellt → die angestellte Frau

b) Die Perfektpartizipien intransitiver Verben, die mit sein konjugiert werden, können auch als Adjektive verwendet werden, wenn sie eine abgeschlossene Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen (perfektive intransitive Verben):

die verblühte Blume
der angekommene Zug
das gesunkene Schiff

Hier hat das Partizip die Bedeutung des Aktivs:

Die Blume ist verblüht → die verblühte Blume
Der Zug ist angekommen → der angekommene Zug
Das Schiff ist gesunken → das gesunkene Schiff

Das Verb flüchten gehört zur zweiten Gruppe, wenn die Flucht abgeschlossen ist:

die Menschen sind geflüchtet → die geflüchteten Menschen

Adjektive und adjektivisch verwendetet Partizipien können im Prinzip immer auch als Substantiv verwendet werden. So auch:

das Gesprochene
die Angestellte
der Angekommene
die Geflüchteten

c) Andere intransitive Verben werden in der Regel nicht als Adjektive verwendet:

Der Chor hat gesungen
→ nicht: *der gesungene Chor / *der Gesungene
Der Regen hat aufgehört
→ nicht: *der aufgehörte Regen / *der Aufgehörte
Die Kinder sind herumgeirrt
→ nicht: *die herumgeirrten Kinder / *die Herumgeirrten
Die Frau ist zu Fuß gegangen
→ nicht: *die zu Fuß gegangene Frau / *die zu Fuß Gegangene

Wenn aber durch eine Richtungs- oder Zielangabe eine abgeschlossene Handlung entsteht:

Die Gäste sind nach Hause gegangen
→ die nach Hause gegangenen Gäste / die nach Hause Gegangenen

Ganz so kompliziert, wie es den Anschein hat, ist es nicht. Außerdem macht man es meist ganz spontan richtig, ohne dass man diese Regeln bewusst kennen und anwenden muss. Der Zweifel entsteht oft erst dann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer reinigt die selbstreinigende Küche?

Frage

In meiner Dienststelle hängt folgender Hinweis:

Diese Küche (incl. Kühlschrank etc.) ist selbstreinigend, d. h. jeder, der diese schmutzig macht, reinigt sie auch selbst.

Aus meiner Sicht liegt hier ein klarer sprachlicher Widerspruch vor. Das Adjektiv „selbstreinigend“ beschreibt eine technische Eigenschaft von Dingen, also z. B. bei einem „selbstreinigenden Ofen“ oder einer „selbstreinigenden Toilette“. Es bedeutet, dass sich ein Objekt ohne äußeres Zutun selbst säubert – durch einen eingebauten Mechanismus.

In dem genannten Satz ist jedoch nicht die Küche gemeint, die sich eigenständig reinigt, sondern eine Aufforderung an Personen, ihren Schmutz selbst zu beseitigen.  […]

Es geht mir nicht um Humor oder Ironie, sondern um sprachliche Klarheit und Kohärenz. […] Daher meine Frage an Sie: Ist die Formulierung „Diese Küche ist selbstreinigend“ – in diesem Zusammenhang – aus sprachwissenschaftlicher Sicht korrekt, vertretbar oder inkonsequent?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

Sie haben recht: Eine selbstreinigende Küche ist eine Küche, die sich selbst reinigt. Es ist keine Küche, die man selbst reinigen muss. Es handelt sich hier um einen bekannteren, ursprünglich nur witzig, ironisch oder zynisch gemeinten Spruch, der des Öfteren nicht ganz richtig verwendet wird.

Wenn ein Partizip I (Partizip Präsens) ein Substantiv näher bestimmt, ist dieses Substantiv das Subjekt der Verbhandlung:

der fahrende Zug = der Zug fährt
die lachenden Dritten = die Dritten lachen
eine enttäuschende Entscheidung = die Entscheidung enttäuscht

das selbstfahrende Taxi = das Taxi fährt selbst
selbstklebende Etiketten = die Etiketten kleben selbst
eine selbsttragende Konstruktion = die Konstruktion trägt sich selbst
die selbstreinigende Küche = die Küche reinigt sich selbst

So wie man das selbstfahrend Taxi nicht selbst fahren muss, die selbstklebende Etikette auch durch jemand anderen aufkleben lassen kann und eine selbsttragende Konstruktion nicht selbst abstützen muss, so muss man eine selbstreinigende Küche auch nicht selbst reinigen. Das Taxi fährt sich selbst, die Etikette klebt von selbst, die Konstruktion trägt sich selbst und die Küche reinigt sich selbst – wenn man den Behauptungen der Herstellerfirmen und Marketingmenschen glauben darf.

Wenn ausgedrückt werden soll, was offenbar mit dem Hinweis in Ihrer Dienststelle gemeint ist, gibt es eine andere Formulierung mit dem Partizip I, mit der man „müssen“ ausdrücken kann:

Dies ist eine selbst zu reinigende Küche = eine Küche, die selbst gereinigt werden muss

Vgl. zum Beispiel:

der zu nehmende Zug = der Zug, den man nehmen muss
die zu respektierenden Dritten = die Dritten, die man respektieren muss
die zu treffende Entscheidung = die Entscheidung, die getroffen werden muss
selbst aufzuklebende Etiketten = Etiketten, die man selbst aufkleben muss

Der Hinweis „Diese Küche ist selbstreinigend“ ist also entweder humoristisch gemeint oder nicht richtig formuliert. Dass dies nicht für alle selbsterklärend ist, zeigt die Verwendung des Spruches in Ihrer Dienstelle und an manchen anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Frühgeborene und zu früh Geborene

Frage

im Online-Duden findet man dieses Beispiel: „frühgeborene Säuglinge“. Hier schreibt man „frühgeboren“ zusammen. Dasselbe gilt auch für das substantivierte Adjektiv: „ein Frühgeborenes“.

Jetzt frage ich mich, wie es ist, wenn ein Gradadverb hinzukommt: „zu frühgeborene Säuglinge“ oder „zu früh geborene Säuglinge“? Und wie ist es im Fall der substantivierten Form in Verbindung mit einem Gradadverb: „ein extrem früh Geborenes“ oder „ein Extrem-Frühgeborenes“ oder doch „ein extrem Frühgeborenes“?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

neben frühgeboren ist im Prinzip auch die Getrenntschreibung früh geboren möglich:

frühgeborene Säuglinge
(früh geborene Säuglinge)

Wenn früh erweitert wird, ist sogar nur die Getrenntschreibung möglich:

zu früh geborene Säuglinge
extrem früh geborene Säuglinge

Vgl. Rechtschreibregelung § 36(2.1) und § 36(E3).

Für die substantivierten Formen gilt entsprechend:

ein Frühgeborenes
(ein früh Geborenes)
ein zu früh Geborenes
ein extrem früh Geborenes

Wenn Sie sich an die Angaben in Duden halten wollen oder müssen, schreiben Sie besser nicht getrennt früh geborene Säuglinge bzw. ein früh Geborenes. Deshalb stehen diese Formen oben in Klammern.

Außerhalb von Fachtexten usw. ist die getrennt geschriebene Form früh geboren aber auch vertretbar. Ich vermute, dass Duden die Zusammenschreibung damit begründet, dass die beiden Teile der Verbindung eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung haben (siehe Rechtschreibregelung § 36(1.2)). Dann wird frühgeboren gleich wie zum Beispiel neugeboren oder jungverheiratet behandelt.

Man kann so argumentieren. Die amtl. Wörterliste nennt aber bei früh neben frühverstorben explizit auch früh verstorben. Unter anderem deshalb halte ich die Schreibungen früh geboren und früh Geborenes ebenfalls für vertretbar. Es ist oft schwierig, eine genaue Grenze anzugeben, wann eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung vorliegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Besondere Steigerungsformen: tiefer gehende oder tiefgehendere Gedanken

Frage

Bei einem Satz wie:

Du solltest nicht davon ausgehen, dass er sich über jedes Detail tiefergehende Gedanken gemacht hat.

Müsste man hier „tiefer gehende“ schreiben? Nach meinem Sprachgefühl ist es so etwas wie eine feste Wendung, die nicht getrennt werden sollte. Aber vielleicht liege ich mit diesem Gefühl ja falsch.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

hier ist die Getrenntschreibung zu empfehlen:

Du solltest nicht davon ausgehen, dass er sich über jedes Detail tiefer gehende Gedanken gemacht hat.

Bei der Erklärung muss ich ein bisschen ausholen: Es geht hier um die Verbindung von einem Adjektiv und einem Partizip. Dann kann man getrennt oder zusammenschreiben, wenn die zugrundeliegende Verbverbindung getrennt geschrieben wird. Hier haben wir es mit einer Verbindung zu tun, die in der Regel getrennt geschrieben wird:

Gedanken, die tief gehen

Nach dem oben Gesagten kann man also sowohl getrennt als auch zusammenschreiben:

tief gehende Gedanken
tiefgehende Gedanken

Ebenso zum Beispiel:

ein schwer wiegender Vorfall
ein schwerwiegender Vorfall

eine Zeit sparende Lösung
eine zeitsparende Lösung

In Ihrer Frage geht es aber eigentlich um die gesteigerte Form. Wie geht man dann vor?

Wenn der erste Teil der Verbindung gesteigert bzw. erweitert wird, schreibt man getrennt:

tiefer gehende Gedanken
ein schwerer wiegender Vorfall
eine mehr Zeit sparende Lösung

Wenn die Verbindung als Ganzes gesteigert wird, schreibt man zusammen:

tiefgehendere Gedanken
ein schwerwiegenderer Vorfall
eine zeitsparendere Lösung

Steigerungsformen der zweiten Art werden manchmal als falsch bezeichnet, sie kommen aber bei einigen Verbindungen auch standardsprachlich häufig vor und sind dann bei Zusammenschreibung gut vertretbar.

Siehe hierzu auch die Rechtschreibregelung § 36 (2.1) und (E3).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Substantivierte Partizipien und ihre Ergänzungen: Warum das letztlich Kommende nicht das letztliche Kommende ist

Frage

Warum erhält im folgenden Fall das substantivierte Partizip kein Adjektiv, sondern ein Adverb als Bestimmungswort?

Das letztlich Kommende wird furchtbar sein.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

wenn Partizipien adjektivisch oder substantivisch verwendet werden, haben sie die gleichen Erweiterungen wie das zugrundeliegende Verb. Sie haben also eine andere Erweiterungsstruktur als „gewöhnliche“ Adjektive und Substantive.

Hier ein paar Beispiele mit jeweils dem Verb, dem adjektivisch verwendeten Partizip und dem substantivierten Partizip:

den Verkehr hindern
den Verkehr hindernde Straßenarbeiten
etwas den Verkehr Hinderndes

dir etwas versprechen
die dir versprochenen Dinge
das dir Versprochene

auf den Bus warten
die auf den Bus wartenden Leute
die auf den Bus Wartenden

zu Hause arbeiten
die zu Hause arbeitenden Angestellten
die zu Hause Arbeitenden

neu gründen
der neu gegründete Verein
das neu Gegründete

zusammen aufwachsen
die zusammen aufwachsenden Kinder
die zusammen Aufwachsenden

Das gilt auch für das Beispiel in Ihrer Frage:

letztlich kommen
die letztlich kommenden Dinge
das letztlich Kommende

Vgl. hierzu die Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Bei substantivierten Partizipien ist es häufig auch möglich, wie bei gewöhnlichen Substantiven ein attributives Adjektiv zu verwenden. Die Bedeutung ist dann aber leicht bis erheblich anders:

das neu Gegründetete = das, was neu gegründet wurde
das neue Gegründete = das Gegründete, das neu ist

das viel Gekaufte = das, was viel gekauft wird/wurde
das viele Gekaufte = die große Menge an Gekauftem

das endlich Kommende = das, was endlich kommt
das endliche Kommende = das Kommende, das endlich ist

Bei das letztlich Kommende ist dies deshalb nicht möglich, weil letztlich nur als Adverb und nicht als Adjektiv verwendet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortstellung: von Hass Betroffene und Betroffene von Hass

Frage

Ich stolpere immer wieder über „Betroffene von Hass“ oder Betroffene von allen möglichen anderen Übeln dieser Welt. Meinem Sprachgefühl nach muss es „von Hass Betroffene“ heißen. Offenbar ändert sich das. Wie weit ist hier der Sprachwandel? Ist „Betroffene von …“ schon auf dem Weg zur Korrektheit?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

Sie stolpern nicht zu Unrecht. Die Wortstellung in einer (substantivierten) Partizipgruppe sollte gleich sein wie in einem entsprechenden Relativsatz. Das Verb bzw. das Partizip steht am Schluss hinter den Erweiterungen:

das Dossier, das aus der Schublade verschwunden ist
→ das aus der Schublade verschwundene Dossier

die Leute, die auf den Bus warten
→ die auf den Bus Wartenden

das, was von dir behauptet wird
→  das von dir Behauptete

diejenigen, die in der Stadt wohnen
→ die in der Stadt Wohnenden

Das gilt auch für betroffen mit der Bedeutung heimgesucht:

die Gegend, die von Überschwemmungen betroffen ist
→ die von Überschwemmungen betroffene Gegend

diejenigen, die von Hass betroffen sind
→ die von Hass Betroffenen

Warum man häufiger der Wortstellung die Betroffenen von Hass begegnet, weiß ich leider nicht. Es könnte an einem Einfluss aus dem Englischen liegen (affected by hate), aber dafür liegen mir keine weiteren Informationen oder „Beweise“ vor. Ich halte diese Wortstellung für nicht korrekt, aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es etwas von Sprachwandel Betroffenes ist, das vielleicht einmal allgemein als korrekt gelten wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht: Wenn die Erweiterung durch eine Präposition eingeleitet wird und sehr lang oder komplex ist, kann sie auch nachgestellt sein:

Nebensatz:

diejenigen, die betroffen sind von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

Partizipgruppe:

die Betroffenen von in den sozialem Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

(statt: die von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben, Betroffenen)

Wirklich elegant klingen solche Formulierungen für mich allerdings nicht. Oft ist es einfach besser, nicht alles in eine Wortgruppe zu pressen.

Das bekommene Geschenk und erhaltenes Geld?

Frage

Ist es richtig, über ein „bekommenes“ oder „erhaltenes“ Geschenk zu sprechen, also im Sinne von „Ich bedanke mich für das bekommene Geschenk“? ChatGPT behauptet, ja. Allerdings kommt mir diese Formulierung komisch und falsch vor, ohne dass ich mir erklären kann, wieso. […]

Die Alternative wäre, jedes Mal einen Relativsatz zu verwenden, also: „Das Geschenk, welches ich bekommen habe…“ Das führt dann aber je nach Satzbau zu einer sehr umständlichen Formulierung.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Partizipien bekommen und erhalten können gebeugt vor einem Substantiv stehen. Formulierungen dieser Art kommen eher selten vor und ich halte sie in  Fällen wie diesen für stilistisch unschön:

das bekommene Geschenk
eine bekommene Mail
das erhaltene Geld

Bei Geschenk, also Ihrem Beispiel, ist es oft unnötig, auszudrücken, dass es bekommen oder erhalten worden ist. Es reicht dann:

Ich bedanke mich für das Geschenk.

Wenn angegeben werden soll, von wem oder wofür das Geschenk ist oder war, drängt sich erhalten oder bekommen schon eher auf. Aber auch dann sind andere Formulierungen besser, die manchmal, aber nicht immer umständlicher sind:

das von dir bekommene Geschenk
→ dein Geschenk / das Geschenk von dir

Ähnlich auch:

eine von den Steuerbehörden erhaltene Mail
→ eine Mail der Steuerbehörden

das von meinem Opa bekommene Geld
→ das Geld, das mir mein Opa gegeben hat

Wenn aber bekommen und erhalten anderweitig erweitert oder verneint sind, klingen die gebeugten Varianten häufig gar nicht so unüblich:

zu Unrecht erhaltenes Geld zurückzahlen
eine Rechnung für nicht erhaltene Waren anfechten
ein nie wirklich in den Griff bekommenes Problem

Gebeugtem erhalten begegnet man auch im Amtsdeutschen und ähnlichem Jargon:

auf Grund erhaltener Information
gemäß erhaltener Weisung

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass eine Formulierung wie das bekommene Geschenk ungewöhnlich und unschön klingt. Man kann daraus aber nicht schließen, dass die Partizipien bekommen und erhalten grundsätzlich nie vor einem Substantiv stehen können. Häufig gibt es bessere Formulierungen, doch manchmal ist es ganz einfach üblich, bekommen und erhalten so zu verwenden. Es ist eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp