Sich auf, für oder zu etwas committen

Frage

Heißt es „sich auf etwas committen“ oder „sich zu etwas committen“? Ist beides möglich im Sinne von „sich auf etwas verständigen“ bzw. „sich zu etwas bekennen“?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach zum Beispiel DWDS und PONS heißt es „sich zu etwas committen“. Das stimmt mit der Präposition überein, die auch bei den deutschen Entsprechungen „sich zu etwas verpflichten“ und „sich zu etwas bekennen“ steht. Verben aus anderen Sprachen übernehmen häufig die Konstruktion eines deutschen Verbs mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Das „zu“ kann aber auch eine direkte Übersetzung des „to“ im englischen „to commit to something“ sein.

In der freien Sprachwildbahn kommen allerdings auch die Formulierungen „sich auf etwas committen“ und „sich für etwas committen“ vor, dies vielleicht unter dem Einfluss von deutschen Konstruktionen wie „sich auf etwas festlegen“ bzw. „sich (bedingungslos) für etwas einsetzen“.

Der Gebrauch von „sich committen“ hat sich offensichtlich im Deutschen noch nicht stabilisiert. Das gilt nicht nur für die Präposition, mit der das Verb verwendet wird, sondern auch für seine Bedeutung. Nicht alle verwenden „sich committen“ mit der gleichen Bedeutung. Das kann einen Einfluss auf die Wahl der Präposition haben. Wirklich falsch ist also keine der Präpositionen. Wenn ich dieses Verb überhaupt verwenden würde*, wählte ich „sich zu etwas committen“, weil für mich „sich committen“ am nächsten bei „sich verpflichten“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich dieses Verb je verwenden werde, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht – und außerdem ist das eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

„An“ oder „von“: Ist es ein Feuerwerk an Einfällen oder von Einfällen?

Frage

Ich lese immer wieder die Präposition „an“, wo ich eher einen Genitiv oder evtl. ein zusammengesetztes Substantiv setzen würde, zum Beispiel „ein Feuerwerk an Einfällen“, „eine Variation an Veranstaltungen“, „das Angebot an Wohnungen“. Wie ist das: Lässt sich das Wort „an“ einfach mit dem Genitiv vertauschen? […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

wie so häufig bei Sprachlichem lautet die Antwort ja und nein. Manchmal kann oder sollte eine Formulierung mit „an“ statt eines Genitivattributs oder einer Präpositionalgruppe mit „von“ stehen.

Mit „an“ wird eine unbestimmte Menge als Attribut zu bestimmten Substantiven angegeben (z. B. „ein Mangel an [innovativen] Ideen“). Dieselbe Funktion/Bedeutung kann der Genitiv resp. die Präposition „von“ haben (z. B. „eine Flut innovativer Ideen“, „eine Flut von [innovativen] Ideen“). Es hängt dabei vom Substantiv ab, ob „an“ üblich, möglich oder ungebräuchlich ist.

  • In der Regel mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

die Armut an Bodenschätzen
die Armut an hochwertigen Bodenschätzen
der Bedarf an Hilfskräften
der Gehalt an Silber
der Mangel an Ideen
der Reichtum an Bodenschätzen
ein Überfluss an Konsumgütern

  • Mit „an“ oder „von“ resp. Genitiv bei z. B. diesen Substantiven:

das Angebot an/von Wohnungen
das Angebot an/von bezahlbaren Wohnungen / das Angebot bezahlbarer Wohnungen
ein Übermaß an/von Freude
eine Vielfalt an/von Herausforderungen
der Zuwachs an/von Neukunden

  • Üblicherweise nicht mit „an“ bei z. B. diesen Substantiven:

ein Heer von Ameisen
ein Heer von fleißigen Ameisen / eine Heer fleißige[r] Ameisen
eine Vielzahl von Vorschriften
eine Flut von Beschwerden

  • Bei Substantiven, die im übertragenen Sinne verwendet werden, kommen ebenfalls häufig verschiedene Formulierungen vor:

ein Feuerwerk an/von Einfällen
ein Feuerwerk an/von guter Laune / ein Feuerwerk guter Laune
ein ganzer Reigen an/von Sehenswürdigkeiten
ein Schatz an/von Weisheit

Es gibt also keine feste Regel, wann „an“ und „von“ resp. der Genitiv bei dieser Art von Angaben mit unbestimmten Mengen zu verwenden sind. Entscheidend ist der Gebrauch und entsprechend groß ist die Variation, der man in der Sprachrealität begegnen kann. Häufig ist beides gebräuchlich. Bei Zweifel hilft oft – aber leider nicht immer – ein Blick ins Wörterbuch. Was dort steht, gilt als akzeptiert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Auch ohne übergeordnetes Substantiv kann „an“ bei der Angabe unbestimmter Mengen erscheinen:

Was wurde an Beweisen gefunden
Was haben Sie an preiswerten Tablets auf Lager?

Am nächsten Tag und in der nächsten Woche

Frage

Wir sagen „am nächsten Tag“, aber „in der nächsten Woche“. Weshalb?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

Sie haben recht. Es heißt:

in der kommenden Woche
in der letzten Stunde
in der nächsten Minute
in der folgenden Nacht

Und mit „an“ stehen diese Formulierungen:

am nächsten Tag
am kommenden Morgen
am nächsten Vormittag/Mittag/Nachmittag
am folgenden Abend
am letzten Dienstag

Man könnte nun „auf die Schnelle“ schließen, dass bei Zeitangaben mit männlichen Substantiven „an“ steht und bei weiblichen Substantiven „in“. Es stimmt zwar, dass „an“ nicht bei Zeitangaben mit weiblichen Substantiven steht, aber sonst scheitert diese „Regel“ bereits an der folgenden Formulierung:

im nächsten Monat
im kommenden Dezember

Und diese sächlichen Zeitangaben stehen ebenfalls mit „in“:

im letzten Jahr
im vergangenen Jahrzehnt
im nächsten Jahrhundert

Ich kenne keinen „logischen“ Grund, warum das so ist. Die für Regelfans wenig befriedigende Antwort lautet: Es ist im Deutschen einfach so üblich. Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es automatisch richtig. Wer Deutsch lernt, muss auch das lernen (wie so vieles andere!).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie lange oder für wie lange?

Frage

Wie kann man am besten den Unterschied zwischen „wie lange“ und „für wie lange“ erklären und was genau ist der Unterschied? […] In den folgenden Sätzen ist mir der Bedeutungsunterschied nicht ganz klar:

Für wie lange / Wie lange gehst du nach Amerika?
Ich gehe für 3 Monate / 3 Monate nach Amerika.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Ich bleibe nur für drei Tage / drei Tage in Kiel.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

es ist schwierig, einen Unterschied zwischen Angaben der Art „wie lange“ und „für wie lange“ anzugeben. Einen eindeutigen Bedeutungsunterschied gibt es nicht und häufig ist – wie in Ihren Beispielen – beides möglich. Einen tendenziellen Unterschied sehe ich hierin:

Bei den Angaben mit „für“ geht es in der Regel um eine Zeitdauer, die so vorgesehen ist oder so vorgesehen war. Am Anfang der Zeitdauer ist oder war klar, wie lange es (ungefähr) dauert.

Ich hatte für sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Die Zeitdauer von sechs Wochen lag schon am Anfang der Anstellung mehr oder weniger fest.

Bei Angaben ohne „für“ ist/war die Zeitdauer nicht bestimmt, sie kann es aber sein/gewesen sein.

Ich hatte sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Hier ist ohne Kontext nicht klar, ob die Zeitdauer von sechs Wochen am Anfang der Anstellung festlag oder nicht. Es kann ein von Anfang an auf sechs Wochen befristetes Arbeitsverhältnis gewesen sein (wie oben mit „für“). Es ist aber auch möglich, dass die Stelle nach sechs Wochen unerwartet gekündigt wurde. Nur der weitere Zusammenhang kann hier mehr Klarheit schaffen.

Man formuliert also eher ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang nicht festliegt:

Ich musste zwei Stunden warten.
Das Küken hat nur zwei Tage gelebt.
Wie lange kannst du unter Wasser bleiben?
Ich hatte erst sechs Wochen in dem Hotel gearbeitet, als mir plötzlich gekündigt wurde.

Mit oder ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang schon festliegt:

Man hat die Sängerin [für] zwei Monate engagiert.
Ich werde euch [für] zehn Minuten allein lassen.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Bis zum Semesterbeginn arbeite ich [für] sechs Wochen in dem Hotel.

Diese Unterscheidung ist nicht absolut, das heißt, es wird auch davon abgewichen. Außerdem steht ausgerechnet „dauern“, das „zeiträumliche“ Verb schlechthin, immer ohne „für“, auch wenn von Anfang an klar ist, wie lange etwas dauern wird:

Es wird genau zwei Stunden dauern.

Eine eindeutige, immer von allen befolgte Regel gibt es also nicht. Als grobe Richtschnur kann aber dienen: Zeitangaben mit „für“ geben einen Zeitraum an, der von Anfang an festliegt. Angaben dieser Art ohne „für“ werden ebenfalls so verwendet, aber auch dann, wenn die Zeitdauer nicht festliegt. Häufig kann deshalb beides stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am Haus vorbei, unter der Brücke hindurch, über den Berg hinweg – Wechselpräpositionen, Bewegung an etwas vorbei und die Fälle

Frage

Im Kapitel zu den Präpositionen, die mit dem Dativ und dem Akkusativ stehen können, schreiben Sie (siehe hier):

  • Der Dativ ist mit einem nicht zielgerichteten, statischen Zustand verbunden (Frage: wo?).
  • Der Akkusativ ist mit einem zielgerichteten, dynamischen Geschehen verbunden (Frage wohin?)

Zuerst möchte ich 3 verschiedene Fälle von „über“ vorstellen:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
    Ziel ist das Auto → Akkusativ
  2. Der Vogel schwebt über dem Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, sondern der Ort der Bewegung → Dativ
  3. Der Vogel fliegt über den Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, denn der Vogel fliegt am Berg vorbei

Analog dazu möchte ich 3 verschiedene Fälle von „an“ vorstellen:

  1. Ich fahre mit dem Auto an den Strassenrand.
    Ziel ist der Strassenrand → Akkusativ
  2. Das Auto steht am Straßenrand.
    Hier gibt es keine Dynamik → Dativ
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Freund ist nicht das Ziel, denn der Ball rollt am Freund vorbei

[…] Schwierig ist vor allem der dritte Fall, die Bewegung an etwas vorbei. Bei „über“ steht der Akkusativ und bei „an“ steht er Dativ. […]

Antwort

Guten Tag Herr S,

Ihre Beispiele zeigen, dass die Verwendung der sogenannten Wechselpräpositionen (an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen) komplexer ist, als die Schulregeln es vermuten lassen. Die Unterscheidung zwischen Dativ bei „statisch–wo?“ und Akkusativ bei „dynamisch–wohin?“ ist zwar sehr hilfreich, aber sie deckt nicht alle Fälle ab. Wie Ihre Beispiele zeigen, gibt es nämlich noch mindestens einen weiteren Fall. Ich würde es wie folgt umschreiben:

  1. Ziel der Bewegung → Akkusativ
  2. Ort der Bewegung/Handlung → Dativ
  3. Ort, an dem die Bewegung vorbeiführt → Dativ

Das gilt für viele, aber nicht für alle Wechselpräpositionen. Zuerst ein paar Beispiele mit Wechselpräpositionen, für die diese Darstellung stimmt:

  1. Der Ball rollt an den Straßenrand.
  2. Der Ball rollt am Straßenrand.
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
  1. Ich laufe hinter das Haus.
  2. Ich laufe hinter dem Haus.
  3. Ich laufe hinter dem Haus vorbei.
  1. Sie stellt das Auto neben die Kirche.
  2. Sie lässt das Auto neben der Kirche stehen.
  3. Sie fährt neben der Kirche vorbei.
  1. Wir gehen unter die Brücke.
  2. Wir verstecken uns unter der Brücke.
  3. Wir gehen unter der Brücke hindurch.
  1. Ich gehe vor das Haus.
  2. Ich gehe vor dem Haus hin und her.
  3. Ich gehe vor dem Haus vorbei.
  1. Wir fahren zwischen die Bäume.
  2. Wir halten zwischen den Bäumen.
  3. Wir fahren zwischen den Bäumen hindurch.

Für die Präpositionen „in“, „auf“ und „über“ funktionieren a) und b) noch nach dem gleichen Prinzip. Bei c) sieht es dann aber anders aus.

Mit „in“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion erfüllt in der Regel „durch“:

  1. Sie fährt in die Tiefgarage.
  2. Sie fährt in der Tiefgarage.
  3. Sie fährt durch die Tiefgarage.

Auch mit „auf“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion übernimmt meist „über“ mit Akkusativ:

  1. Ich spaziere auf den Berg.
  2. Ich spaziere auf dem Berg.
  3. Ich spaziere über den Berg.

Der Spezialfall ist vor allem „über“. Mit „über“ kann eine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden, aber anders als bei den oben stehenden Präpositionen steht dann der Akkusativ:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
  2. Die Plane liegt über dem Auto.
    Der Vogel schwebt über dem Berg.
  3. Ich werfe den Ball über das Auto.
    Der Vogel fliegt über den Berg.

Der Vogel fliegt also an mir vorbei, hinter dem Haus entlang, neben der Scheune durch, vor dem Nachbarhaus vorbei, zwischen den Bäumen und unter der Stromleitung hindurch und schließlich über den Hügel hinweg aus dem Blickfeld. Der Vogel fliegt überall vorbei und überall steht die Wechselpräposition dabei mit dem Dativ – außer bei „über“.

Man könnte hieraus also eine Art Regel ableiten, aber ob die Sache für Deutschlernende damit wirklich einfacher wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

Den Onkel am/im Nachmittag besuchen

Frage

Letztens sprach ich mit meinem Onkel, der mir anbot am späten Nachmittag bei ihm vorbeizukommen. Ich wollte aber lieber im späten Nachmittag bei ihm reinschauen. Können Sie mir sagen, wann ich bei ihm reinschauen soll?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

im Standarddeutschen (und soweit die Coronaregeln es zurzeit zulassen) besucht man den Onkel am späten Nachmittag. Ich kenne die Wendung „im Nachmittag“ oder „im späten Nachmittag“ nicht. Es könnte sein, dass es sich hier um eine regionale oder mundartliche Wendung handelt. Ebenfalls möglich sind Einflüsse aus einer anderen Sprache, die Sie kennen (zum Beispiel engl. in the afternoon, nld. in de (na)middag, frz. dans l’après-midi, sp. en la tarde, ital. nel pomeriggio). Im Deutschen werden solche Tageszeitangaben, nach denen mit „wann“ gefragt werden kann, mit „am“ gebildet:

Es geschah am frühen Morgen.
Sie werden am Vormittag in Frankfurt landen.
Ich besuche meinen Onkel am späten Nachmittag.
Du kannst auch noch am Abend anrufen.

Natürlich geht es nicht ohne Ausnahme. Wenn die Tageszeitangabe weiblich ist, verwendet man doch „in“:

in der Frühe
in der Nacht

Anders sieht es aus, wenn die Tageszeitangabe im Akkusativ steht, weil sie im weitesten Sinne das „Ziel“ ist. Dann kommt auch bei männlichen Tageszeitangaben „in“ zum Zuge:

Sie haben weit in den Morgen hinein geschlafen.
Die Sitzung dauerte bis in den späten Nachmittag (hinein).
Er schwang sich auf sein Ross und ritt in den Abend hinaus.

So viel zu dem, was üblich ist. Ob Sie nun standardsprachlich „am Nachmittag“ oder unüblich „im Nachmittag“ bei Ihrem Onkel vorbeischauen, ist für einen angenehmen Besuch nicht so wichtig (vorausgesetzt, dass Sie sich nicht darüber streiten, ob es „am“ oder „im“ heißen muss …).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

Trotz [dem/des] Hinzufügen[s] der Fahrzeit?

Frage

Ich stehe leider schon wieder vor einem Problem. Meist ist es ja so, dass man sich bei zwei Schreibweisen unsicher ist, doch bei mir sind es ausnahmsweise mal vier Stück.

Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz dem Hinzufügen der Fahrtzeit bei 6 Stunden
Die berechnete Zeit liegt trotz des Hinzufügens der Fahrtzeit bei 6 Stunden

Es geht mir um die richtige Formulierung nach „trotz“. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, dass es hier mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das hat einerseits mit dem Fall zu tun, den trotz verlangt, andererseits mit der Verwendung bzw. dem Weglassen des Artikels.

Nach trotz steht heute häufig der Genitiv. Seltener und vor allem im südlichen deutschen Sprachraum wird auch der Dativ verwendet, der ursprünglich auf trotz folgte (vgl. trotzdem; jemandem/einem Umstand zum Trotz), der aber im Laufe der Zeit immer mehr durch den Genitiv verdrängt worden ist. Möglich sind also mit Artikel diese beiden Formulierungen:

trotz des Hinzufügens der Fahrzeit …
trotz dem Hinzufügen der Fahrzeit …

Wenn man eher stichwortartig formuliert, kann der Artikel auch weggelassen werden:

trotz Hinzufügen der Fahrzeit …

Dies ist die übliche Formulierung. Die Frage, ob Hinzufügen hier ein Dativ, ein Nominativ oder eine endungslose Form ist, überlasse ich den Theorieinteressierten.

Wenn ein Substantiv allein steht, ist die Form mit Genitiv-s nicht üblich, aber nicht grundsätzlich falsch. (Verwendet wird sie vor allem von großen Genitiv-Fans und von Verunsicherten, die vermeiden möchten, sich Genitivfehler vorwerfen lassen zu müssen.)

trotz Hinzufügens der Fahrzeit …

Mehr zum Fall nach „trotz“ finden Sie hier.

Die vier Varianten, die Sie vorschlagen, sind also alle möglich – dabei kann man trotz guter Kenntnisse oder trotz guten Kenntnissen schon einmal ein bisschen ins Zweifeln geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unter der und unter die Brücke fließen: Wechselpräpositionen und Bewegung

Frage

Es geht um die lokale Präposition „unter“ und deren Rektion (statisch oder mit Bewegung). Welcher Satz ist richtig?:

a) Das Wasser fließt unter der Brücke.
b) Das Wasser fließt unter die Brücke.

Intuitiv würde ich Option a) sagen, aber laut Grammatikregeln („fließen“ beinhaltet eine Bewegung…) wäre Option b) richtig.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die sogenannten Wechselpräpositionen sorgen im Unterricht (für Fremdsprachige) manchmal für Verwirrung. Während die meisten Präpositionen mit einem festen Fall verbunden sind (was schon einen beachtlichen Lernaufwand erfordert), können an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor und zwischen sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Akkusativ stehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man den Fall nicht beliebig wählen kann.

Ein häufiger vorkommendes Missverständnis ist, dass der Akkusativ bei diesen sogenannten Wechselpräpositionen mit Bewegung verbunden ist, während der Dativ für eine statische Ortsangabe dient. Zum Beispiel:

Ich lege es auf den Tisch. (Bewegung: legen)
Es liegt auf dem Tisch. (statisch: liegen)

Das ist nicht ganz richtig. Mit dem Akkusativ wird nicht angegeben, dass es sich um Bewegung handelt. Im Akkusativ steht genau genommen das, worauf eine Bewegung oder Handlung zielt (wohin?). Mit dem Dativ wird angegeben, wo etwas ist, aber auch wo etwas geschieht (wo?).

Bewegung hat insofern etwas hiermit zu tun, als die Angabe eines Ziels eine Bewegung auf dieses Ziel hin voraussetzt. Der Akkusativ ist also immer mit einer Bewegung verbunden und steht in Verbindung mit einem Verb, das Bewegung ausdrückt. Man kann aber auch angeben, an welchem Ort eine Bewegung oder Handlung stattfindet. Dann steht auch bei Bewegungsverben nach einer Wechselpräposition der Dativ. Der Akkusativ ist bei Wechselpräpositionen immer mit einer Bewegung verbunden, aber das Umgekehrte gilt nicht: Eine Bewegung ist nicht immer mit einem Akkusativ verbunden. Ein Beispiel:

1) Wir fahren auf die Autobahn
= Wir nehmen die Autobahneinfahrt, um auf die Autobahn zu gelangen
2) Wir fahren auf der Autobahn
= Der Ort, an dem wir fahren, ist die Autobahn

In beiden Fällen geht es um eine Bewegung, denn „fahren“ ist ein Bewegungsverb. Bei 1) wird das Ziel der Bewegung angegeben (Akkusativ – wohin fahren?), bei 2) wird der Ort angegeben, an dem die Bewegung stattfindet (Dativ – wo fahren?).

In ähnlicher Weise kann man auch den Satz in Ihrer Frage interpretieren:

3) Das Wasser fließt unter die Brücke
= Der Ort, an den das Wasser fließt, ist die Brücke (wohin fließen?)
4) Das Wasser fließt unter der Brücke
= Der Ort, unter dem das Wasser (hindurch)fließt, ist die Brücke (wo fließen?)

Die Formulierung 3) ist nicht ausgeschlossen*, aber weniger wahrscheinlich. Gemeint ist meistens 4), denn die Brücke ist ja nicht das Ziel der Bewegung des Wassers, sondern der Ort, an dem das Wasser fließt.

Mit „Ziel“ impliziert man zwar Bewegung, aber mit „Bewegung“ schließt man den Dativ bei den Wechselpräpositionen nicht aus. Man spricht deshalb bei den Wechselpräpositionen im Unterricht besser nicht von „Bewegung“ oder „dynamisch“ und „statisch“, sondern einfach von „Ziel/wohin?“ und „Ort/wo?“. Es ist für Lernende auch dann noch kompliziert und verwirrend genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Zum Beispiel: Das Wasser fließt unter die Brücke und von dort wieder weiter. Gerade durch die Möglichkeit solcher Formulierungen kann die Verwendung der Wechselpräpositionen für Deutschlernende zumindest am Anfang sehr schwierig sein.