Nicht immer kann „es“ am Anfang stehen: *Es machen sie sich gemütlich

Frage

Ich beschäftige mich zurzeit mit der Redewendung „es sich gemütlich machen“. Dabei geht es mir um die Klärung des Pronomens „es“. Welche syntaktische Funktion übt „es“ aus? Und warum kann „es“ nicht das Vorfeld besetzen? Beispielsatz:

Sie machen es sich gemütlich zu Hause.

Aber nicht akzeptabel:

* Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das Wörtchen es hat einige besondere Eigenschaften, die eine schnelle und einfache Einordnung nicht immer einfach machen. Hier ist es allerdings nicht so kompliziert – wenn man es einmal weiß.

In der Wendung es sich gemütlich machen ist es ein formales Akkusativobjekt, das heißt, es hat im Satz die Funktion eines formalen Akkusativobjekts. Nur formal ist es deshalb, weil es keine eigentliche Bedeutung hat. Diese Funktion hat es auch in anderen festen Wendungen wie zum Beispiel es eilig haben, es jemandem angetan haben, es gut mit jemandem meinen. (Eine Übersicht darüber, was es alles sein kann, finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.)

Dieses es kann tatsächlich nicht am Satzanfang vor dem Verb (im Vorfeld) stehen. Das gilt immer, wenn es die Funktion eines Akkusativobjekts oder Prädikativs hat:

Siehst du das Haus? – NICHT: *Es haben wir gekauft.
Ich kenne das Spiel gut. – NICHT: *Es spiele ich gern.

Anna ist Anwältin. – NICHT: *Es ist Petra auch.
Ihr seid bestimmt müde. – NICHT: *Es sind wir auch.

Um einen korrekten Satz zu erhalten, muss man entweder das statt es verwenden oder die Wortfolge ändern.

Das Pronomen es kann auch dann nicht im Vorfeld stehen, wenn es ein formales Akkusativobjekt ist:

NICHT: *Es haben wir eilig.
NICHT: *Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Hier kann nicht einmal durch das ersetzt werden, so dass nur die Umstellung möglich ist.

Das Pronomen es kann vor allem als Subjekt, als formales Subjekt oder als sogenanntes Platzhalter-es oder im Vorfeld stehen:

Siehst du das Haus? – Es gehört uns.
Es regnet.
Es freut uns, dass ihr kommen wollt.
Es wurden viele Exemplare verkauft.

Die Erklärung dafür, warum genau es als Akkusativobjekt oder Prädikativ nicht im Vorfeld stehen darf, kann ich so schnell leider nicht finden. Hoffentlich habe ich es abgesehen davon gut erklärt (nicht: *Es habe ich abgesehen davon hoffentlich gut erklärt). Was sonst noch alles im Vorfeld stehen kann oder eben nicht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine bessere Version unser/unserer selbst – unser oder unserer?

Frage

Einerseits heißt es „eine bessere Version von uns selbst werden“. Wenn man andererseits den von-Dativ nicht verwenden möchte, heißt es dann im Genitiv richtig „eine bessere Version unser selbst werden“ oder „eine bessere Version unserer selbst werden“? […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Genitiv des Personalpronomens wir ist unser. Der Genitiv von wir selbst lautet enstprechend unser selbst:

eine bessere Version unser selbst werden

Auch die Genitivform euer des Personalpronomens der zweiten Person Mehrzahl führt häufiger zu Zweifeln:

eine bessere Version euer selbst werden

Andere Formulierungen mit den Genitivformen unser bzw. euer:

Wir müssen uns stärker unser selbst bewusst werden.
ein Medium, durch das wir unser selbst gewahr werden können
Werdet ihr euer selbst nicht überdrüssig?

Neben unser und euer kommen auch die Formen unserer/unsrer und euerer/eurer vor:

eine bessere Version uns[e]rer selbst werden
eine bessere Version eu[e]rer selbst werden
Wir müssen uns stärker uns[e]rer selbst bewusst werden.
Werdet ihr eu[e]rer selbst nicht überdrüssig?

Auch ohne selbst:

Erbarmt euch unser/uns[e]rer!
Sie werden sich euer/eu[e]rer annehmen.

Siehe auch die Angaben zur Flexion der Personalpronomen in der LEO-Grammatik.

Die Formen uns[e]rer und eu[e]rer sind eigentlich Genitivformen der Possessive unser und euer; vgl.:

das Haus uns[e]rer Freunde
das Alter eu[e]rer Kinder

Obwohl uns[e]rer und eu[e]rer auch in standardsprachlichen Texten als Personalpronomen vorkommen, werden sie nicht von allen als korrekt akzeptiert. Sie haben sich wahrscheinlich deshalb (beinahe) etablieren können, weil die gebeugten Formen unser und euer des Personalpronomens irgendwie endungslos wirken. Sie sind ja mit den ungebeugten Formen unser und euer des Possesivs identisch; vgl.:

unser Freund
euer Kind

Der vermeintlichen Endungslosigkeit wird dann abgeholfen, indem man wie beim Possessiv eine Genitivendung -er anfügt, obwohl das Personalpronomen bereits eine Genitivendung -er hat:

eine bessere Version uns[e]rer selbst
eine bessere Version eu[e]rer selbst

Die Gentivformen der Personalpronomen wir und ihr kommen selten vor, weil viele zweifeln – oder viele zweifeln, weil die Formen selten vorkommen. Sie klingen auch recht gehoben. Wie dem auch sei, häufig werden Formulierungen dieser Art vermieden. Auch ich verwende die Genitivformen unser und euer nie. Und damit sind wir wieder ganz am Anfang Ihrer Frage:

eine bessere Version von uns selbst werden
Habt Erbarmen mit uns!
Sie werden sich um euch kümmern.

Wahre Anhänger und Anhängerinnen des Genitivs werden hier aber trotz Seltenheit, eventueller Zweifel und formaler Gehobenheit Formulierungen mit unser und euer verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Sie“ und „er“ sind nicht immer eindeutig, aber trotzdem meist verständlich

Frage

In Sidos Song „Augen auf“ gibt es eine Zeile, die wie folgt lautet:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama ihre kleine Schwester. Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt.

Wir haben uns kürzlich gefragt, ob die Pronomen so stimmen. „Jennys Mutter bekam ihre Schwester“ – aus dem Kontext ist klar, was gemeint ist, aber bezieht sich „ihre“ nicht auf „Mutter“ anstatt auf „Schwester“? Wäre „Jennys Mutter bekamen deren kleine Schwester“ korrekt?

Dann auch beim Satzanschluss „Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt”: Bezieht sich das „sie“ nicht auch auf die Mutter? Wie könnte man deutlich machen, dass man sich auf Jenny bezieht?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

Pronomen wie Personal- und Possessivpronomen beziehen sich auf etwas, das vorher oder seltener nachher genannt wird. Häufig gibt es rein formal mehr als ein mögliches Bezugswort, das heißt, es kann mehr als ein Wort geben, das in Genus und Numerus mit dem Pronomen übereinstimmt. Dann ergibt sich aus dem Kontext oder der Bedeutung der Wörter, auf welches dieser möglichen Bezugswörter sich das Pronomen bezieht. Das Bezugswort muss nicht das am nächsten stehende mögliche Wort sein. Einige Beispiele:

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er hatte ihn zu Hause vergessen.
(er = der Mann)

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er lag noch zu Hause.
(er = der Laptop)

Die Lehrerin sagte zur Schülerin, sie sei mit ihren Leistungen zufrieden.
(sie = die Lehrerin; ihren = des Mädchens)

Die Lehrerin ermahnte die Schülerin, sie solle ihr besser zuhören.
(sie = die Schülerin; ihr = der Lehrerin)

In den meisten Fällen ergibt sich aus dem Kontext, den Wortbedeutungen und/oder unserer allgemeinen Kenntnis, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist, sollte man umformulieren. Manchmal hilft dabei deren/dessen, sonst muss das Wort wiederholt oder eine Umschreibung gewählt werden (zum Beispiel mit einem Synonym oder einem Oberbegriff).

Den Songtext, um den es Ihnen geht, halte ich für eindeutig. Es ist deutlich, dass Mama nicht ihre eigene kleine Schwester, sondern Jennys kleine Schwester bekam. Dadurch wurde nicht die Mutter, sondern Jenny aus dem Mittelpunkt verdrängt. Das ergibt sich unter anderem daraus, dass wir wissen, dass ein erstes Kind bei der Geburt eines zweiten Kindes häufig so empfindet.

Wenn Sie den Text doch noch präziser formulieren möchten, könnten Sie zum Beispiel wie folgt vorgehen:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama deren kleine Schwester. Jetzt war Jenny nicht mehr der Mittelpunkt.

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama Jennys kleine Schwester. Jetzt war das Mädchen nicht mehr der Mittelpunkt.

Das führt aber zu einem wenig eleganten Text und ist, wie gesagt, nicht nötig.

Pronomen drücken rein formal nicht immer eindeutige Beziehungen aus. Sie müssen sich nicht zum Beispiel auf das ihnen am nächsten stehende Wort beziehen, das in Genus und Numerus mit ihnen übereinstimmt. Wenn es mehr als ein mögliches Bezugswort gibt, erschließt sich der Bezug meist aus dem Kontext, der Wortbedeutung und/oder unserer Kenntnis der Welt. Nur wenn dies nicht der Fall ist, muss anders formuliert werden.

Ist es nicht erstaunlich, mit wie viel formaler Uneindeutigkeit wir problemlos umgehen können?!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp