Fragen aller Art[en]?

Frage

So einfach wie die Frage daherkommt, so wenig weiß ich die Antwort: Wir sagen im Deutschen „Er nutzt Medien aller Art“, „Er liest Geschichten aller Art“, aber nie bzw. sehr selten „Medien aller Arten“, „Geschichten aller Arten“. Können Sie den Unterschied erklären?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Antwort ist nicht so einfach, weil sich hier keine eindeutige Regel zitieren lässt. Richtig ist hier vor allem, was gebräuchlich ist.

Im Allgemeinen gilt:

  • Wenn „all…“ jedes Individuum oder jedes Element einer bestimmten Gruppe/Anzahl/usw. bezeichnet, steht der Plural:

alle Passagiere
alle Buntstifte
alle Erwartungen
alle Arten von Geschichten

  • Wenn „all…“ etwas in seiner Gesamtheit bezeichnet, steht der Singular:

alles Geld
alles Gute
mit aller Kraft
alles Reden hilft nichts

Das würde dafür sprechen, dass es „Medien aller Arten“ oder „Geschichten aller Arten“ heißen müsste. Es geht ja nicht um eine Art in ihrer Gesamtheit, sondern um jede mögliche Art. Dennoch ist hier der Singular üblich. Warum?

Es gibt Ausnahmen zur genannten Unterscheidung zwischen

  • jedes Element → „all“ mit Plural
  • Gesamtheit → „all“ mit Singular

Dabei handelt es sich um feste Wendungen, die zum Teil auf einen älteren Sprachgebrauch zurückgehen. Dann wird „aller/alle/alles“ wie „jeder/jede/jedes“ im Singular verwendet:

Geschichten aller Art
auf alle Weise
Aller Anfang ist schwer

Theoretisch kann auch auf die sonst übliche Weise formuliert werden:

Geschichten aller Arten
auf alle Weisen
Alle Anfänge sind schwer

Das ist aber nicht gebräuchlich, weil man hier die bekannten festen Wendungen vorzieht. Ich versuche alle Arten von Sprachfragen zu beantworten – oder mit der festen Wendung ausgedrückt: Sprachfragen aller Art.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Urlaub in Urlaub fahren

Frage

Immer wieder sehe ich die beiden Varianten „Wohin fährst Du in den Urlaub?“ und „Wohin fährst Du im Urlaub?“. Die Antwort ist klar mit Akkusativ: „ans Meer“, „in die Berge“ usw. Könnten Sie mit den Unterschied erklären oder ist eine Version falsch?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

auch wenn einige meinen, „im Urlaub“ sei hier falsch, sind beide Versionen als richtig anzusehen. Es gibt aber einen leichten Bedeutungsunterschied:

Die Formulierungen „in (den) Urlaub fahren“ ist eine feste Wendung. Sie drückt aus, dass jemand sich für den Urlaub irgendwohin begibt:

Wohin fährst du in den Urlaub? (= Was ist dein Urlaubsziel?)
Ich fahre in die Eifel in den Urlaub.
irgendwohin in (den) Urlaub fahren

Die Formulierung „im Urlaub“ ist eine Zeitangabe (wann?). Man gibt an, dass etwas während des Urlaubs geschieht.

Wohin fährst du im Urlaub? (= Wohin fährst du während des Urlaubs?)
Ich fahre im Urlaub in die Eifel.
im Urlaub irgendwohin fahren

Vgl.

Was machst du im Urlaub?
Ich bleibe im Urlaub zu Hause.

Bei der Angabe des Urlaubsziels ist „irgendwohin in (den) Urlaub fahren/gehen/reisen“ üblich. Wenn man angibt, was man während seines Urlaubs (unter anderem) tut, ist aber auch „im Urlaub irgendwohin fahren“ möglich. Dasselbe gilt für „irgendwohin in die Ferien fahren“ und „in den Ferien irgendwohin fahren“, wenn Sie aus einer  Sprachregion kommen, in denen man in solchen Fällen eher „Ferien“ als „Urlaub“ sagt.

Mögen wir bald wieder im Urlaub überallhin in Urlaub fahren können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bahnbrechende Ideen und sich Bahn brechende Ideen

Frage

Ich kenne das Adjektiv „bahnbrechend“. In meiner Zeitung steht: „Er habe Verständnis, dass sich diese Emotionen haben bahnbrechen müssen, sagte der Vereinsvorsitzende.“ Das Verb „bahnbrechen“ habe ich jedoch in keinem Nachschlagewerk gefunden. Gibt es das überhaupt oder müsste es „Bahn brechen“ heißen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Wendung (die ich ehrlich gesagt in meinem ganzen Leben noch nie gebraucht und deshalb zur Sicherheit nachgeschlagen habe) lautet:

sich Bahn brechen
= sich durchsetzen
Neue Ideen brechen sich Bahn.
= Neue Ideen setzen sich durch.

Wenn man so formuliert, dass die Wendung als Partizipgruppe vor einem Substantiv steht, wird wie folgt geschrieben:

eine sich Bahn brechende Idee
= eine Idee, die sich durchsetzt

Das Adjektiv „bahnbrechend“, das Sie in Ihrer Frage anführen, hat eine eigene Bedeutung erhalten, nämlich „umwälzend“, „eine ganz neue Entwicklung einleitend“:

eine bahnbrechende Idee
= eine umwälzende Idee; eine Idee, die eine ganz neue Entwicklung einleitet

Bei bahnbrechenden Ideen ist nicht immer gesagt, dass sie sich Bahn brechen. Nicht jede umwälzende Idee setzt sich auch durch.

Zurück zu Ihrer Frage: Der im Artikel zitierte Vereinsvorsitzende meinte wahrscheinlich, dass die Emotionen sich haben durchsetzen müssen. Richtig ist dann die Getrenntschreibung:

Die Emotionen brechen sich Bahn.
= Die Emotionen setzen sich durch.
Die Emotionen haben sich Bahn brechen müssen.
Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich Bahn haben brechen müssen.
auch: Er habe Verständnis dafür, dass diese Emotionen sich haben Bahn brechen müssen.

Sie haben also recht, dass im Artikel nicht „bahnbrechen“, sondern besser „Bahn brechen“ stehen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ungebeugtes ein: die ein oder andere Strahlungsquelle

Frage

Ich habe eine Frage zur Formulierung „die ein- oder andere Strahlungsquelle“. Ist mein gefühlsmäßig gewählter Bindestrich nach „ein“ (wegen Auslassung der Endung „e“ bei ein[e]) richtig oder ist „die ein oder andere Strahlungsquellen“ die richtige Schreibweise? […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Zahlwort „ein“ bleibt häufig ungebeugt, wenn es durch zum Beispiel „oder“,  „bis“ oder „und“ mit „zwei“ oder „andere“ verbunden ist:

mit ein oder zwei Freunden (auch: mit einem oder zwei Freunden)
die ein oder andere Frage (auch: die eine oder andere Frage)
für ein bis zwei Personen (selten: für eine bis zwei Personen)
das ein und andere Mal (selten: das eine und andere Mal)
ein um das andere Mal (selten: eines um das andere Mal)

Das gilt auch für die Wendung „ein und dasselbe“:

ein und dieselbe Ursache (selten: eine und dieselbe Ursache)
aus ein und derselben Quelle (selten: aus einer und derselben Quelle)
mit ein und demselben Partner (selten: mit einem und demselben Partner)

Auch wenn diese Formulierungen streng „logisch-grammatisch“ gesehen falsch sind – „ein“ müsste eigentlich gebeugt werden –, sind sie auch standardsprachlich sehr üblich und gelten entsprechend als korrekt.

Da das endungslose „ein“ hier als ungebeugt angesehen wird, fehlt ihm nichts. Es ist deshalb nicht notwendig, einen Auslassungsstrich oder einen Apostroph zu schreiben. Richtig ist hier also weder „ein- oder andere“ noch „ein’ oder andere“, sondern einfach „ein oder andere“:

die ein oder andere Strahlungsquelle

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist alles total Banane oder total banane?

Frage

Kürzlich hat mich jemand darauf hingewiesen, dass […] „total Banane sein“ falsch geschrieben sei: „Banane“ werde  hier adjektivisch genutzt und sei daher kleinzuschreiben. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er begründete dies mit „wurst / wurscht sein“, was ebenfalls kleinzuschreiben wäre. Auf duden.de sehe ich das bestätigt. Die adjektivisch genutzte „Banane“ fehlt hier allerdings.
[…]
Lange Einleitung, kurze Frage: Schreibt man „Banane/banane sein“ und „Wurst/wurst sein“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

das Wort „Wurst“ wird im Sinne von „egal“ kleingeschrieben. Die Kleinschreibung „wurst/wurscht sein“ ergibt sich aus der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste. Dort steht:

wurst, wurscht [sein § 56(1)]

Obwohl hier einige Nachschlagwerke auch heute noch die Schreibung mit großen W angeben, wird also nach der amtlichen Wörterliste kleingeschrieben:

Es war ihm wurst, was wir davon hielten.
Das war und ist mir wurscht!

Nun zu „Banane/banane sein“ („dumm, verrückt, unsinnig, schlecht sein“ vgl. hier). In diesem Fall kann man darüber diskutieren, ob „Banane“ in der besagte Redewendung bereits „keine substantivischen Merkmale“ mehr aufweist, das heißt, ob „Banane“ in § 56.1 mitgemeint ist oder nicht. Ich würde die Kleinschreibung empfehlen, auch wenn sie sehr gewöhungsbedürftig aussieht:

total banane sein
Das ist total banane.
Das sieht banane aus.

Das gilt auch für zum Beispiel „klasse“, „scheiße“, „spitze“ und eben „wurst/wurscht“.

Ich würde die Großschreibung bei „Banane sein“ aber nicht rot anstreichen, weil das Wort mit dieser Verwendung noch nicht so bekannt und gebräuchlich ist wie zum Beispiel „klasse“, „spitze“ oder „wurst“ (keine substantivischen Merkmale mehr?). In der Praxis wird auch meistens großgeschrieben: „total Banane sein“. Außerdem ist es eine sehr umgangssprachliche Wendung, dann sind solche Rechtschreibfinessen ohnehin ziemlich nebensächlich. In zum Beispiel einem Schüleraufsatzes wäre aber der ganze Ausdruck anzustreichen, da er – wie gesagt – sehr umgangssprachlich ist. Dort sieht er eher banane aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel Wohnen und wenig Essen: Unterkunft und Logis

Den meisten ist die Wendung Kost und Logis wahrscheinlich bekannt, trotzdem liest man immer wieder auch Unterkunft und Logis. Das hat im DaF-Unterricht (DaF = Deutsch als Fremdsprache) von Frau K. zu Fragen geführt.

Frage

Im Lehrbuch […] steht folgender Satz: „… sie bekam Unterkunft und Logis und ein monatliches Taschengeld.“

Gestern habe ich mit meinen Schülern diesen Satz in einem Artikel über Au-pair-Mädchen im Ausland gelesen und da hat jemand gefragt, was der Unterschied zwischen Unterkunft und Logis ist. Ich war ganz perplex und konnte im Moment nichts Vernünftiges antworten. […] In allen Wörterbüchern steht, dass Logis ein Synonym für Unterkunft ist. […] Dass es sich in einem Lehrbuch um einen Fehler handelt, kommt eigentlich nicht in Frage. Also zerbreche ich mir den Kopf und hoffe sehr, dass Sie mich retten.

Antwort

Guten Tag Frau K.,

auch Lehrbücher sind nicht unfehlbar. Die Lösung des „Rätsels“ ist nämlich, dass im Lehrbuch, das Sie zitieren, ein sonderbarer Satz steht. Sie haben richtig recherchiert: Logis und Unterkunft sind hier dasselbe.

Das Wort Logis kommt aus dem Französischen, wo es eine alte Ableitung von loge ist, das wiederum mit unserem Wort Laube verwandt ist. Das erklärt vielleicht auch, warum eine Loge meist nur klein und das Logis häufig nicht besonders fürstlich ist. Logis wird im Deutschen mit der Bedeutung Unterkunft verwendet.

Eine feste Wendung ist Kost und Logis, womit Verpflegung und Unterkunft gemeint ist. Es geht dann meist darum, ob Angestellte, Untermieterinnen, Reiseteilnehmer, Au-pairs, auswärts wohnende Neffen usw. selbst für Verpflegung und Unterkunft aufkommen müssen oder nicht.

Sie hatte freie Kost und Logis
Er war bei seinem Onkel in Kost und Logis

Im Lehrbuch müsste also eigentlich stehen:

… sie bekam Kost und Logis und ein monatliches Taschengeld

oder:

… sie bekam Unterkunft und Verpflegung und ein monatliches Taschengeld

Natürlich sind auch die Kombinationen Kost und Unterkunft oder Verpflegung und Logis möglich, aber bei der Verbindung Unterkunft und Logis wird eigentlich nur ausgiebig gewohnt und wenig gegessen. Wenn man ihr begegnet, kann man deshalb davon ausgehen, dass es sich um eine falsche Zusammenziehung handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alle[r] guten Dinge sind drei

Frage

„Aller guten Dinge sind drei.“ Warum hat „all“ die Endung „er“? „Dinge“ ist doch ein Nomen im Plural.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

auch wenn der Satz so ohne ein Subjekt auskommen muss, heißt es tatsächlich aller guten Dinge und nicht alle guten Dinge:

Aller guten Dinge sind drei

Die Endung -er in aller ist hier die Endung des Genitivs Plural. Die Wortgruppe aller guten Dinge steht im Genitiv. Es handelt sich um einen sonst veralteten Genitiv in einer festen Redewendung mit der ungefähren Bedeutung: Von allen guten Dingen gibt es drei.

Was im heutigen Deutschen kaum mehr vorkommt, war früher weniger selten: das Verb sein mit einem partitiven Genitiv. Man verwendete es vor allem bei Zahlen:

Ihrer sind fünf
Seiner Begleiter waren zwanzig

Auch mit ungenauen Mengenangaben kam und kommt dieser Genitiv gelegentlich noch vor:

Der Fragen sind viele
Der Schwierigkeiten sind genug

Diese Art, das Verb sein mit einem partitiven Genitiv zu verbinden, kommt heute außer in (scherzhaft gemeintem) gehobenem Sprachgebrauch oder einer festen Wendung wie Aller guten Dinge sind drei kaum mehr vor.

Zu guter Letzt noch ein Beispiel, das besser zum gestrigen Dreikönigstag gepasst hätte:

Die heil’gen drey König‘ sind kommen allhier,
Es sind ihrer drey und sind nicht ihrer vier; …
Goethe, Epiphaniasfest

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Um seiner/seines selbst willen?

Frage

Die Präposition „willen“ steht mit dem Genitiv:

Er hat es um seines Bruders willen getan
des lieben Friedens willen
um ihrer selbst willen
um seiner selbst willen

Warum ist um „um seines selbst willen“ nicht korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

dass man nicht um seines selbst willen, sondern um seiner selbst willen sagt, sah ich zwar auch gleich, aber die Erklärung dafür, warum das so ist, hatte ich nicht auf Anhieb parat. Es hat damit zu tun, dass man sich nicht bei der Wahl der Wortart vergreifen sollte.

Es geht hier nämlich um das Reflexivpronomen und nicht um das Possessiv sein oder ihr. Der Genitiv des Reflexivpronomens sich ist seiner/ihrer:

für sich selbst
sich selbst zuliebe
um seiner/ihrer selbst willen

Hier ist selbst also nicht der Kern der Wortgruppe mit einem vorangestellten Possessiv, sondern eine dem Reflexivpronomen nachgestellte Bestimmung.

Es ist übrigens nicht völlig ausgeschlossen, die Rollen hier umzudrehen. Dann wird selbst zur großzuschreibenden Substantivierung Selbst (Genitiv: des Selbst), und sein/ihr ist ein Possessiv (Genitiv Neutrum Singular: seines/ihres):

für sein/ihr Selbst
seinem/ihrem Selbst zuliebe
um seines Selbst willen

Um der Vollständigkeit willen sei gesagt, dass um seines Selbst willen grammatisch zwar möglich, in der Sprachrealität aber nicht üblich ist. Üblich und gemeint ist in den allermeisten Fällen um seiner selbst willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit dem Leben ringen

Frage

Frage aus aktuellem Anlass: Der STERN schreibt heute: „Zwei Deutsche ringen nach Terroranschlag mit dem Leben.“ Ich bin der Meinung, dass es „ringen mit dem Tode heißt“, denn ich verstehe das Ringen als Abwehrmaßnahme. […] Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hier sind dem »Stern« tatsächlich zwei Redewendungen durcheinandergeraten:

mit dem Tod ringen
um sein Leben ringen

Man ringt nämlich tatsächlich mit einem Gegner (hier: mit dem Tod) und man ringt um das, was man gewinnen resp. behalten möchten (hier: um ihr Leben). Die richtige Formulierung wäre also:

Die Opfer des Terroranschlags ringen mit dem Tod.
Die Opfer des Terroranschlags ringen um ihr Leben.

Wenn man mit dem Leben ringt, ist das Leben so schwierig, dass es zum Feind geworden ist. Die eigentlich falsche Verwendung von mit dem Leben ringen im Sinne von sterbenskrank oder lebensgefährlich verletzt sein hört und liest man allerdings recht häufig – und solche sprachlichen Finessen sind in diesem Zusammenhang natürlich ohnehin ziemlich unbedeutend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp