Diejenigen oder jene, die …?

Frage

Leider tauchen immer wieder Fragen zur deutschen Grammatik auf, bei denen die eigene Internetrecherche und der Blick in Nachschlagewerke und Sprachratgeber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führt. […] Ich wende mich also wieder an Sie. Im Duden, Bd. 9 heißt es:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht korrekt, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“

Vor dem Hintergrund dieser Dudenregel leuchtet mir der Gebrauch von „jener“ eigentlich nur noch bei „dieser/jener“ ein. Um die Sache an Beispielen zu verhandeln:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

Diese Sätze müssten nach dem Obigen falsch sein. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich darüber aufklären könnten, 1) welcher Gebrauch vom Duden als korrekt angesehen wird, 2) welcher Gebrauch Ihnen sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass der De-facto-Sprachgebrauch in diesem Fall stark von der Dudenregel abweicht. In der österreichischen Zeit im Bild geht es beispielsweise allabendlich um „jene, die geimpft oder genesen sind“.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie verwenden wahrscheinlich eine ältere Ausgabe von Duden Bd. 9, Richtiges und gutes Deutsch. In der 8. Auflage, 2016, steht die zitierte „Regel“ nämlich in etwas abgeschwächter Form:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht sinnvoll, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen, weil mit „jener“ auf etwas Fernes verwiesen wird. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“ Nicht: „Das sind meine Absichten und jene meiner Kollegen.“ Sondern: „Das sind meine Absichten und die meiner Kollegen.“

Die Angabe nicht korrekt wurde zu nicht sinnvoll heruntergestuft. Als Begründung wird angegeben, dass mit jener auf etwas Fernes verwiesen werde. Das ist dann richtig, wenn jener nur als Gegensatz zu dieser verwendet werden kann. Ist das wirklich so? Das hängt davon ab, wo man sich befindet. Nach den Angaben der Variantengrammatik zu diesem Thema wird – etwas vereinfacht ausgedrückt – in Deutschland vor allem derjenige, der verwendet, während in der Schweiz und vor allem in Österreich jener, der vorherrscht. Besser wäre es also, zu sagen, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jener, der zu verwenden, dies aber in Österreich und der Schweiz – auch in der Standardsprache – gebräuchlich ist.

Diese Sicht wurde inzwischen auch von der Duden-Redaktion übernommen. In der 9. Auflage von Duden Bd. 9, 2021, steht nun:

3. jener / der[jenige]: Als Demonstrativpronomen wird „derjenige (dasjenige, diejenige)“ in Deutschland klar gegenüber „jener (jenes, jene)“ bevorzugt: „Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). In Österreich und der Schweiz hingegen wird häufiger „jener“ verwendet: „Er […] werde sich mit der ganzen Energie für jene einsetzen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ (Salzburger Nachrichten).

Die „teutonozentrische“ Sichtweise wurde hier also zugunsten einer Sichtweise verlassen, die regionale Unterschiede respektiert.

Zu Ihren Beispielen: Wenn ich die Angaben in Variantengrammatik und Duden richtig verstehe, heißt es in Deutschland vor allem:

Sie sprach über die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über die[jenigen] Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

In Österreich und in der Schweiz (sowie in Liechtenstein und in Südtirol) eher:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene/die Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

All denjenigen oder all jenen, die glauben, dass Regeln in Grammatik- und Stilbüchern unverrückbar feststehen, möge dies ein Beispiel für das Gegenteil sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anrufen und telefonieren

Frage

Ich habe folgende Fragen: Ist „telefonieren“ ein transitives oder ein intransitives Verb? Wenn es intransitiv ist, gibt es eine Erklärung dafür, weshalb das Verb „anrufen“ transitiv, aber das Verb „telefonieren“ intransitiv ist?

Antwort

Standardsprachlich ist „anrufen“ transitiv und „telefonieren“ intransitiv. Die beiden Verben haben nicht ganz dieselbe Bedeutung und drücken dies mit unterschiedlichen Konstruktionen aus:

jemanden anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe ihn schon dreimal angerufen.

mit jemandem telefonieren
[= sich telefonisch mit jemandem unterhalten)
Ich habe eine halbe Stunde mit ihm telefoniert.

Man kann den Unterschied in Bedeutung und Konstruktion zwischen „jemanden anrufen“ und „mit jemandem telefonieren“ mit dem Unterschied zwischen transitivem „jemanden ansprechen“ und intransitivem „mit jemandem sprechen“ vergleichen.

In der schweizerischen Umgangssprache (und z. T. auch anderswo) wird die Sache etwas komplizierter, denn dort gibt es daneben auch noch diese Konstruktionen:

jemandem anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe gestern meinem Cousin angerufen.

jemandem telefonieren
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Er hielt an und telefonierte der Polizei.

Während man der Konstruktion „jemandem telefonieren“ auch in der schweizerischen Standardsprache begegnen kann, ist „jemandem anrufen“ wirklich nur umgangssprachlich. Auch in der schweizerischen Variante des Standarddeutschen ist im Allgemeinen nur „jemanden anrufen“ üblich (vgl. hier).

Sonst gilt die Verwendung von „anrufen“ und „telefonieren“ mit einem Dativobjekt standardsprachlich als nicht korrekt. Ganz unvereinbar sind „anrufen“ und der Dativ allerdings nicht. Man kann nämlich „bei jemandem anrufen“. Dieser Dativ wird aber nicht von „anrufen“, sondern von „bei“ gefordert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Genug lang und lang genug

Frage

Es heißt: „die Schnur ist lang genug“. Kann man auch sagen: „die Schnur ist genug lang“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

ein sonst sehr geschätzter ehemaliger Kollege beantwortete Fragen dieser Art häufig mit der Bemerkung: „Sagen kann man es, aber ob es richtig ist?“ Man kann tatsächlich „genug lang“, „genug groß“ oder „nicht genug heiß“ sagen und es wird umgangssprachlich auch mehr oder weniger häufig gesagt (vor allem in der Schweiz). Als ich die Frage las, kam mir „genug lang“ zwar seltsam vor, aber auch wieder nicht hundertprozentig falsch. Wie kann man Ihre Frage also beantworten?

Üblicherweise steht „genug“ nicht vor, sondern hinter dem Adjektiv oder Adverb, auf das es sich bezieht. Es heißt also:

Die Schnur ist lang genug.
Du bist jetzt groß genug, um es besser zu wissen.
Das Wasser ist noch nicht heiß genug.
Wir haben lange genug gewartet.
Man kann es nicht oft genug sagen.

Formulierungen wie „genug lang“ oder „nicht genug heiß“ kommen, wie gesagt, auch vor, sie gelten aber als umgangs- oder regionalsprachlich und können besser vermieden werden. Das gilt auch für Formulierungen wie diese, in denen das Adjektiv vor dem Substantiv steht:

besser nicht: eine genug lange Schnur
besser nicht: eine genug große Auswahl

Wenn besser nicht so, wie dann sonst? Die Lösung ist nicht, „genug“ nachzustellen:

nicht: eine lang genuge Schnur
nicht: eine groß genuge Auswahl

Hier bleibt nur, auf ein anderes Wort auszuweichen:

eine genügend lange Schnur
eine ausreichen große Auswahl o. eine ausreichende Auswahl

Interessanterweise zeigt kein anderes graduierendes Wort dasselbe Verhalten wie „genug“:

Die Schnur ist zu lang / eine zu lange Schnur
Die Schnur ist sehr lang / eine sehr lange Schnur
Die Schnur ist ziemlich lang / eine ziemlich lange Schnur
aber:
Die Schnur ist lang genug / eine genügend lange Schnur

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass „genug“ manchmal nach vorn rutscht. Am besten lässt man es aber dem Adjektiv oder Adverb folgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexive Verben im Passiv: Es darf sich gewundert werden

Frage

Könnten Sie etwas über das „Reflexivpassiv“ sagen? Ich habe zum ersten Mal davon gehört und auch Beispiele gelesen:

Um ihn wird sich gekümmert werden.

Ich dachte immer, es gebe kein Passiv bei Reflexiven!

Antwort

Guten Tag Herr N.,

es wird tatsächlich häufig gesagt und gelehrt, dass reflexive und reflexiv verwendete Verben nicht im Passiv stehen können. Im Prinzip ist das auch richtig:

Sie kümmert sich um ihn
nicht: *Um ihn wird sich von ihr gekümmert

Er wäscht sich
nicht: *Er wird von sich gewaschen

Wir beeilen uns
nicht: Von uns wird uns/sich beeilt

Das Passiv ist aber nicht gänzlich ausgeschlossen, denn ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht:

Selten kommt das Passiv bei reflexiven Verben zum Ausdrucks eines Befehls oder einer Aufforderung vor (vgl. hier):

Jetzt wird sich hingelegt!
Bevor ihr zu Bett geht, wird sich gewaschen

Sonst ist das Reflexivpassiv nur beschränkt möglich. Man kann es nur dann bilden, wenn es unpersönlich ist, das heißt, wenn es im Aktiv einem Satz mit dem unpersönlichen Subjekt „man“ entspricht:

Um ihn wird sich gekümmert werden
Bis in den frühen Morgen wurde gelacht, getanzt und sich amüsiert
Es konnte sich darauf geeinigt werden, das Spiel zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen

Wenn Sie sich nun wundern, dass Formulierungen wie die letzten drei Beispiele möglich sein sollen, kommen Sie wahrscheinlich nicht aus dem Nordosten oder der Mitte Deutschlands. Nach den Angaben der Variantengrammatik ist dieses Reflexivpassiv vor allem im Nordosten, aber weniger im Westen und kaum im Süden des deutschen Sprachraumes üblich (siehe hier).

Sie stehen mit Ihrer Verwunderung auch nicht allein: Nach der Dudengrammatik (2016, Randnr. 800) kommen solche Passivformen vor, sie werden aber nicht von allen als korrekt akzeptiert. Ich persönlich verwende dieses Reflexivpassiv nicht und empfinde es zumindest als „auffällig“, wenn ich ihm begegne. Ich komme eben aus dem Süden.

Wenn es darum geht, ob es reflexive Verben im Passiv gibt, lautet die Antwort also ja – aber es darf sich gewundert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Rindfleisch, die Rindsleber und das Fugen-s

Frage

Meine Frau und ich würden gerne wissen: Warum „Rindfleisch“ ohne Fugen-s, aber „Rindsleber“ mit? Vielen Dank!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

bei den Fugenelementen gibt es einige wenige feste Regeln (zum Beispiel: immer „s“ nach u. a. „-heit“, „-keit“, „-ung“, „-tion“ und substantivieren Infinitiven; vgl. hier und hier). Neben den allgemeinen Regeln und Tendenzen gilt, grob gesagt, dass richtig ist, was üblich ist. Das klingt und ist nicht sehr klar.

Damit man bei Unsicherheit nicht ganz verloren ist, gibt es diese Faustregel: Beim Fugenelement in einer neuen oder unbekannten Zusammensetzung geht man gleich vor wie bei bekannten Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle:

Blumengruß (nicht *Blumegruß, *Blumgruß)
wie Blumenladen, Blumenstängel, Blumenwiese usw.

Gartenpflege (nicht *Gartenspflege)
wie Gartenanlage, Gartenbau, Gartencenter usw.

Baumzählung (nicht *Baumeszählung, *Bäumezählung)
wie Baumkrone, Baumstamm, Baumstruktur

Es handelt sich hier aber nur um eine Faustregel, die oft, aber bei weitem nicht immer ein zuverlässiges Resultat ergibt. Das zeigt auch Ihre Frage nach „Rindfleisch“ und „Rindsleber“ sehr gut. Hier kommen „erschwerend“ sogar noch regionale Unterschiede hinzu:

In Verbindung mit „Fleisch“ heißt es:

Rindfleisch, Kalbfleisch, Lammfleisch
aber: Schweinefleisch, Hühnerfleisch

Wenn die verschiedenen Fleischstücke benannt werden, verwendet man im Allgemeinen bei all diesen Fleischsorten ein Fugenelement, allerdings nicht überall das gleiche:

Rindsleber, Schweinsbraten (eher im Süden)
Rinderleber, Schweinebraten (eher im Norden)
Kalbssteak, Lammskeule (überall)

Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, muss ich Ihnen schuldig bleiben. Viel weiter als das bereits erwähnte „Richtig ist, was üblich ist“ komme ich leider auch nicht. Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie damit meistens keine Probleme, denn Sie wissen, was üblich ist, ohne darüber nachdenken zu müssen. Für Deutschlernende hingegen sind die Fugenelemente neben den Fällen, den trennbaren Verben und der Wortstellung in Haupt- und Nebensatz eine weitere schier unerschöpfliche Quelle von Zweifel und Frustration. Das ist etwas dramatisiert, aber einfach ist es wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Standstreifenertüchtigung

Manchmal kann ich meine Schweizer Wurzeln noch weniger verleugnen als sonst. So konnte ich vor einigen Tagen meinen Augen kaum trauen, als ich auf einer deutschen Autobahn das Wort „Standstreifenertüchtigung“ las. Ich habe sofort verstanden, was gemeint ist, und dennoch würde ich dieses Wort nie, aber auch gar nie selbst verwenden.

„Standstreifenertüchtigung“ ist ein durch und durch bundesdeutsches Wort. Das fängt natürlich damit an, dass der Standstreifen resp. die Standspur in der Schweiz und – soweit ich weiß – auch in Österreich meistens „Pannenstreifen“ genannt wird.

Weiter geht es damit, dass mit „Ertüchtigung“ ein Fachwort aus dem Bauwesen für eine Mitteilung verwendet wird, die an die Allgemeinheit gerichtet ist. Als Nichtbaufachmensch assoziiere ich „Ertüchtigung“ eigentlich nur mit der Leibesertüchtigung zu Zeiten des Turnvaters Jahn. Ich habe ganz allgemein das Gefühl (beweisen kann ich es nicht), dass ich in Deutschland viel häufiger Fachwörtern wie Schraubendreher, Außenleuchte oder Kleinkraftrad begegne als in der Schweiz.

Als Letztes sei die Vorliebe für lange Wörter genannt, sobald es amtlich oder formell wird. Die „Standstreifenertüchtigung“ wird in der Schweiz eher als „Erneuerung des Pannenstreifens“ oder „Sanierung des Pannenstreifens“ angekündigt, wenn nicht sowieso einfach „Baustelle“ zu lesen oder ein dreieckiges Warnschild mit einem schaufelnden Menschen zu sehen ist. Als weiteres Beispiel kann „Landwirtschaftsförderungsgesetz“ dienen, das in der Schweiz meistens nicht so, sondern „Gesetz über die Förderung der Landwirtschaft“ genannt wird.

Natürlich ist nicht alles schwarz und weiß. Zu all diesen Aspekten gibt es hüben wie drüben Gegenbeispiele. Ich wollte nur aufzeigen, wie ich mir mein großes Erstaunen über „Standstreifenertüchtigung“ zu erklären versucht habe. Ich war nämlich sehr erstaunt, dass ich so sehr erstaunt war.

Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man »außer« trennt, wenn man «ausser» schreibt

Bekanntlich schreibt man in der Schweiz und auch in Liechtenstein üblicherweise ss statt ß. Wenn es um dieses Thema geht, ist das gegenseitige Unverständnis manchmal groß: Die ß-Schreibenden wundern sich, wie denn das komplette Chaos ohne den Buchstaben ß vermieden werden kann, wenn es um die berühmten Beispielpaare Busse/Buße und Masse/Maße geht. Die ss-Schreibenden fragen sich, warum denn fast krampfhaft an diesem seltsam antiquiert anmutenden Buchstaben festgehalten wird, wenn man doch erwiesenermaßen problemlos ohne ihn auskommen kann.

Doch darum, wer hier „recht hat“, soll es heute nicht gehen. Frau W. fragt nämlich, wie es sich mit der Worttrennung verhält, wenn ss statt ß geschrieben wird. Die gängigen Wörterbücher helfen hier tatsächlich nicht viel weiter. 

Frage

Wie trennt man denn bitte das Wort „aussergewöhnlich“? Die Trennung nach „au“ bei „außergewöhnlich“ ist mir bekannt, aber für die Schweizer Schreibweise mit „ss“ finde ich nichts im Duden.

Antwort

Die Antwort ist ganz einfach: Wenn das ß als ss geschrieben wird, trennt man wie bei allen anderen Doppelkonsonanten.

Man trennt also nicht:

*au-sser wie au-ßer
*Stra-sse wie Stra-ße
*flei-ssig wie flei-ßig
*schlie-ssen wie schlie-ßen

sondern:

aus-ser, aus-ser-ge-wöhn-lich
Stras-se
fleis-sig
schlies-sen

Das ergibt sich aus § 110 der neuen amtlichen Rechtschreibregelung. Siehe hier und hier.

Dies wurde übrigens nicht ausschließlich der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein zuliebe so, wie man dort schon lange trennt, in die Regelung aufgenommen. Es hat auch damit zu tun, dass ein Doppelkonsonant am Zeilenanfang – was sonst nie vorkommt – auch für ß-Schreibende nicht in das gewohnte Schriftbild passen würde.

Für ß-Gewohnte sind Trennungen wie  fleis-sig und aus-sergewöhnlich natürlich sehr gewöhnungsbedürftig – falls sie ihnen außerhalb dieses Blogartikels überhaupt je begegnen –, aber das gilt ja ebenso für ungetrenntes fleissig und aussergewöhnlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von »nicht wahr« über »oder« bis zu »woll«: immer mit Komma

 Frage

Eigentlich sollte ich es wissen aber ich weiß es nicht mehr 🙁 Kommt in diesen Satz ein Komma oder nicht?

Eigentlich nicht schlecht oder?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und evtl. auch eine Erklärung.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Vor einem abschließenden fragenden oder steht ein Komma:

Eigentlich nicht schlecht, oder?

Siehe auch hier.

Man kann dieses oder als nachgetragene Erläuterung sehen, mit der man um Zustimmung fragt. Solche nachgetragenen Erläuterungen werden durch ein Komma abgetrennt. Das gilt auch für das standardsprachliche Äquivalent dieses eher umgangssprachlichen oder

Das ist gut, nicht wahr?

sowie für seine regionalen, mehr oder weniger umgangssprachlichen Neffen und Nichten wie zum Beispiel diese:

Da staunst du, gelt/gell/gelle?
Du kommst auch mit, ja?
Wir haben schon gezahlt, oder nicht?
Wir haben gewonnen, stimmt’s?
Ihr kommt aus dem Süden, nich(t)?
Sie haben Hunger, ne?
Sie haben schon gegessen, näch?
Du hast sie nicht mehr alle, wa?
Das war teuer, was?
Da biste platt, woll?

Und seien Sie mir bitte nicht böse, wenn die Variante Ihrer Region nicht dabei ist. Die Beispiellisten können ja nicht immer vollständig sein, oder?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp