„Das rührt daher, dass“ – oder
„Das rührt davon her, dass“?

Frage

Heute habe ich eine Frage zum Verb „herrühren“ bzw. zum Adverb „davon“ mit dem Verbzusatz „her“. Wie muss es richtig heißen:

a) Das rührt daher, dass der Kanzler sich in Schweigen hüllt.
b) Das rührt davon her, dass der Kanzler sich in Schweigen hüllt.

Ich bin mir einigermaßen sicher, dass a) falsch ist. Das Verb heißt ja nicht „daherrühren“ oder „rühren“ (Letzteres gibt es zwar, bedeutet aber etwas anderes). Trotzdem ist dies wohl die gängigste Schreibweise. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die Wendung lautet tatsächlich von etwas herrühren (seine Ursache in etwas haben):

Der üble Geruch rührte von verdorbenen Lebensmitteln her.
Diese Verletzungen können nicht von einem Sturz herrühren.

Es müsste entsprechend auch heißen:

Wovon rührte der üble Geruch her?
Diese Verletzungen rühren nicht davon her, dass das Kind gestürzt ist.

Und bei der Formulierung in Ihrer Frage:

Das rührt davon her, dass der Kanzler sich in schweigen hüllt.

Das ist zwar korrekt, aber so wird dennoch verhälnismäßig selten formuliert. Warum?

Das einfache Verb rühren hat nicht immer eine andere Bedeutung. In der gehobenen Sprache kann es ebenfalls seine Ursache haben bedeuten:

Ihre Beschwerden rühren von einer Erkältung.
Die Aufregung rührt von einem Missverständnis.

Dieses einfache rühren klingt nicht mehr so gehoben, wenn Fragen formuliert oder Nebensätze angeschlossen werden:

Woher rührte der üble Geruch?
Die Aufregung rührt daher, dass es ein Missverständnis gegeben hat.

Das gilt auch für die allgemein gebräuchliche Wendung das rührt daher, dass:

Das rührt daher, dass der Kanzler sich in Schweigen hüllt.

Man könnte also sagen, dass das einfache rühren in Verbindung mit woher und daher an die Stelle des sonst üblichen herrühren tritt, wenn eher schwerfälliges  wovon … her oder davon her vermieden werden soll. Das ist hier sehr einfach und unauffällig, weil ja gewissermaßen ein her erhalten bleibt.

Die Formulierung das rührt daher, dass ist gebräuchlich und korrekt. Das rührt daher, dass wir manchmal mühelos von der einen zur anderen Konstruktion wechseln können, wenn dies einfacher ist oder besser klingt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Namen meiner Geschwister und mir?

Frage

In einem Dankschreiben lass ich neulich: „Im Namen meiner Geschwister und mir möchte ich mich für … bedanken.“ Frage: Ist das Personalpronomen im Dativ hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

der Satz ist so nicht korrekt. Die Formulierung im Namen meiner Geschwister und in meinem Namen kann nicht in dieser Weise zusammengezogen werden. Der einfache Dativ mir passt nicht, denn es steht dann eigentlich: im Namen meiner Geschwister und [im Namen] mir.

Die einfachste Lösung ist, mir einfach wegzulassen. Im Prinzip gibt mich in mich bedanken schon an, dass der Dank auch von mir ausgeht:

Im Namen meiner Geschwister möchte ich mich für … bedanken.

Auch ich hätte aber die Neigung, stärker zu betonen, dass meine Geschwister und ich uns gemeinsam bedanken. Dann gibt es verschiedene andere Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel alles ausformulieren:

Im Namen meiner Geschwister und in meinem Namen möchte ich mich für … bedanken.

Die Formulierung mich in meinem Namen bedanken wirkt auf mich hier allerdings etwas seltsam und wortreich.

Man kann auch statt des Genitivattributs meiner Geschwister ein Formulierung mit von wählen. Dann passt auch das einfache mir, weil ein weggelassenes von dazugedacht werden kann:

Im Namen von meinen Geschwistern und mir möchte ich mich für … bedanken.

Ich halte dies für eine gut vertretbare Formulierung, aber nicht allen gefällt der Ersatz des Genitivattributs durch ein von-Attribut. Eine bessere Lösung könnte dann ein einfaches auch sein:

Auch im Namen meiner Geschwister möchte ich mich für … bedanken.
Ich möchte mich auch im Namen meiner Geschwister für … bedanken.

Nicht alles lässt sich einfach kurz und bündig zusammenziehen. Dann muss man flexibel nach anderen Formulierungen Ausschau halten.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht immer kann „es“ am Anfang stehen: *Es machen sie sich gemütlich

Frage

Ich beschäftige mich zurzeit mit der Redewendung „es sich gemütlich machen“. Dabei geht es mir um die Klärung des Pronomens „es“. Welche syntaktische Funktion übt „es“ aus? Und warum kann „es“ nicht das Vorfeld besetzen? Beispielsatz:

Sie machen es sich gemütlich zu Hause.

Aber nicht akzeptabel:

* Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das Wörtchen es hat einige besondere Eigenschaften, die eine schnelle und einfache Einordnung nicht immer einfach machen. Hier ist es allerdings nicht so kompliziert – wenn man es einmal weiß.

In der Wendung es sich gemütlich machen ist es ein formales Akkusativobjekt, das heißt, es hat im Satz die Funktion eines formalen Akkusativobjekts. Nur formal ist es deshalb, weil es keine eigentliche Bedeutung hat. Diese Funktion hat es auch in anderen festen Wendungen wie zum Beispiel es eilig haben, es jemandem angetan haben, es gut mit jemandem meinen. (Eine Übersicht darüber, was es alles sein kann, finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.)

Dieses es kann tatsächlich nicht am Satzanfang vor dem Verb (im Vorfeld) stehen. Das gilt immer, wenn es die Funktion eines Akkusativobjekts oder Prädikativs hat:

Siehst du das Haus? – NICHT: *Es haben wir gekauft.
Ich kenne das Spiel gut. – NICHT: *Es spiele ich gern.

Anna ist Anwältin. – NICHT: *Es ist Petra auch.
Ihr seid bestimmt müde. – NICHT: *Es sind wir auch.

Um einen korrekten Satz zu erhalten, muss man entweder das statt es verwenden oder die Wortfolge ändern.

Das Pronomen es kann auch dann nicht im Vorfeld stehen, wenn es ein formales Akkusativobjekt ist:

NICHT: *Es haben wir eilig.
NICHT: *Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Hier kann nicht einmal durch das ersetzt werden, so dass nur die Umstellung möglich ist.

Das Pronomen es kann vor allem als Subjekt, als formales Subjekt oder als sogenanntes Platzhalter-es oder im Vorfeld stehen:

Siehst du das Haus? – Es gehört uns.
Es regnet.
Es freut uns, dass ihr kommen wollt.
Es wurden viele Exemplare verkauft.

Die Erklärung dafür, warum genau es als Akkusativobjekt oder Prädikativ nicht im Vorfeld stehen darf, kann ich so schnell leider nicht finden. Hoffentlich habe ich es abgesehen davon gut erklärt (nicht: *Es habe ich abgesehen davon hoffentlich gut erklärt). Was sonst noch alles im Vorfeld stehen kann oder eben nicht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugt oder ungebeugt: Vermeintliche Vergiftete und vermeintlich Vergiftete?

Frage

Es geht diesmal um das Adjektiv „vermeintlich“. Ich frage mich, ob es vor einem Substantiv immer gebeugt wird oder ob es auch ungebeugt geht, wenn es vor einem substantivierten Adjektiv oder Partizip steht. Konkret: Muss es zwingend heißen: „Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“, oder geht auch: „Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

was hier möglich ist, hat weniger mit dem Adjektiv vermeintlich zu tun als mit der Tatsache, dass es vor einem substantivierten Partizip steht. Dann kann das Adjektiv im Prinzip gebeugt und ungebeugt sein:

In Ihrem Beispiel kann vermeintlich nach der Substantivierung von vergiftete zu der Vergiftete hinzugefügt werden. Dann ist es ein attributives Adjektiv, das gebeugt wird:

der vergiftete Mann → der Vergiftete → der vermeintliche Vergiftete

Es kann aber auch vor der Substantivierung zu vergiftete treten. Dann ist es ein adverbial verwendetes Adjektiv, das auch nach der Substantivierung ungebeugt bleibt:

der vergiftete Mann → der vermeintlich vergiftete Mann → der vermeintlich Vergiftete

Beide Konstruktionen sind möglich und gut vertretbar:

Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.
Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.

Ich sehe in diesem Fall übrigens keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Dem glücklichen Manne, um den es hier geht, ist es bestimmt gleichgültig, ob er ein vermeintlicher Vergifteter oder ein vermeintlich Vergifteter ist. Wichtig ist vor allem, dass er in beiden Fällen kerngesund ist.

Andere Beispiele (z. T. mit deutlichem Bedeutungsunterschied):

die fleißigen Studierenden
die fleißig Studierenden

die selbstständige Mitarbeitende
die selbstständig Mitarbeitende

der schöne Frisierte
der schön Frisierte

das gemeinsame Ersparte
das gemeinsam Ersparte

Man muss aber nicht jedesmal analysieren, ob das Partizip durch ein adverbiales Adjektiv näher bestimmt und dann substantiviert wird oder ob ein attributives Adjektiv zum substantivierten Partizip tritt. Meist macht man das ohne langes Nachdenken richtig.

Mir fällt hierbei übrigens auf, dass sich nicht durch eine allgemeine Regel vorhersagen lässt, ob es fast keinen, einen kleinen oder einen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungsarten gibt. Das ergibt sich jeweils aus der Bedeutung der einzelnen Wörter und dem  Kontext.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ganz ohne „dass“: Ich hoffe, die Erklärung ist nützlich

Frage

Könnten Sie mir bitte bei folgendem „Problem“ behilflich sein? In einer deutschen Zeitung hab ich gelesen: „Ich hoffe, die Stadt hat sich nicht verändert.“ Fehlt hier nicht die Konjunktion „dass“ („Ich hoffe, dass sich die Stadt nicht verändert hat“)? Oder ist das korrekt so? Gibt es dazu eine Regel? Ich möchte diesen Artikel mit meinen Schülern im Unterricht lesen und wenn einer von ihnen danach fragt, dann wäre ich überfragt …

Antwort

Guten Tag Frau K.,

uneingeleitete Nebensätze kommen häufig bei der indirekten Rede vor:

Sie sagt, sie habe Hunger.
Er behauptet, er habe schon gegessen.

Das ist aber nicht der einzige Fall. Bei gewissen Verben – grob gesagt bei Verben, die eine Annahme oder einen Wunsch ausdrücken – kann ebenfalls ein nicht eingeleiteter Nebensatz stehen. Zum Beispiel:

Wir hoffen, das Wetter bleibt gut.
Ich denke, du solltest jetzt nach Hause gehen.
Man befürchtet, die Preise steigen noch weiter.
Glaubst du, ich habe nichts besseres zu tun?
Ich nahm an, er würde mir das Geld leihen.
Es ist besser, Sie kommen später noch einmal zurück (= Ich finde es besser, wenn …)

Diese uneingeleiteten Nebensätze gehören eher, aber nicht ausschließlich der gesprochenen Sprache an. In der gesprochenen Sprache kommen sie häufig vor. Sie können in der Regel durch einen dass-Satz ersetzt werden:

Wir hoffen, dass das Wetter gut bleibt.
Ich denke, dass du jetzt nach Hause gehen solltest.
Man befürchtet, dass die Preise noch weiter steigen.
Glaubst du, dass ich nichts besseres zu tun habe?
Ich nahm an, dass er mir das Geld leihen würde.
Es ist besser, dass/wenn Sie später noch einmal zurückkommen.

Es gibt keine präzise und feste Regel, bei welchen Verben solche uneingeleiteten Nebensätze möglich sind. Da aber in der Regel auch ein dass-Satz möglich ist, müssen Schüler und Schülerinnen im Fremdsprachenunterricht solche Sätze (vorerst) nur erkennen können.

Ich hoffe, diese Erklärung ist nützlich – oder in formalerem, geschriebenem Deutsch eher: Ich hoffe, dass diese Erklärung nützlich ist.

Ein schönes Wochenende, entweder von normaler Länge oder dank Halloween, Reformationstag oder Allerheiligen in verlängerter Form wünscht Ihnen

Dr. Bopp

Sich kümmern ohne „um“?

Frage

Braucht „sich kümmern“ unbedingt ein Objekt? Ich höre immer öfter den Satz „Ich kümmere mich“ und vermisse danach ein „um die Kinder/diese Sache/Angelegenheit“ oder wenigstens ein „darum“. Was sagt die deutsche Grammatik dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

was sich kümmern genau braucht, hängt von der Sprachebene ab. In der Standardsprache gehört sich kümmern (sorgen für, sich befassen mit) zu den Verben, die obligatorisch mit einem Präpositionalobjekt stehen. Es verlangt ein Objekt mit um oder ein stellvertretendes darum:

sich um jemanden/etwas kümmern

Ich kümmere mich um die Kinder.
Wer kümmert sich um die Verpflegung?
Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!

Ich kümmere mich um sie.
Wer kümmert sich darum?
Kümmere dich darum!

In der Umgangssprache hingegen (und nicht nur dort) wird sich kümmern manchmal ohne um oder darum verwendet:

Ich kümmere mich.
Wer kümmert sich und an wen kann man sich wenden?

In der Standardsprache ist die Verwendung von sich kümmern ohne um/darum aber, wie gesagt, nicht üblich. Sie erwarten also zu Recht ein um, wenn Sie sich kümmern hören oder lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ohne um kommt das nicht reflexive kümmern (angehen, betreffen) aus, das mit einem Akkusativobjekt steht:

etwas kümmert jemanden
Was kümmert mich ihre Meinung?
Wie wir es organisieren, braucht euch nicht zu kümmern.

Davon und da … von

Frage

Darf man „davon“ einfach trennen? Ist „Da habe ich schon von gehört“ auch richtig oder stimmt nur „Davon habe ich schon gehört“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in der Standardsprache werden daran darauf, daraus, dabei, dadurch, dafür, dagegen, dahinter, darin/darein, damit, danach, daneben, darüber, darum, darunter, davon, davor, dazu, dazwischen nicht getrennt. Als richtig gilt im Standarddeutschen nur:

Davon habe ich schon gehört.
Dafür haben sie viel Geld bezahlt.
Ich habe nichts damit zu tun.
Sie wollten nichts dagegen unternehmen.

Er konnte sich nicht daran gewöhnen.
Ich habe schon viel darüber gelesen.
Sie hat schwer darunter gelitten.
Wie kommst du denn darauf?

Die getrennten Formen kommen – je nach Region mehr oder weniger häufig – in der Umgangssprache vor. Sie gelten standardsprachlich als nicht korrekt:

Da habe ich schon von gehört.
Da haben sie viel Geld für bezahlt.
Ich habe da nichts mit zu tun.
Sie wollten da nichts gegen unternehmen

Bei den Formen mit eingeschobenem r (daran, darauf usw.) steht anstelle der einfachen Präposition die entsprechende Form mit dr-:

Er konnte sich da nicht dran gewöhnen.
Ich habe da schon viel drüber gelesen.
Sie hat da schwer drunter gelitten.
Wie kommst du denn da drauf?

Auch mit Verdoppelung des da:

Da habe ich schon davon gehört.
Da haben sie viel Geld dafür bezahlt.
Ich habe da nichts damit zu tun.
Sie wollten da nichts dagegen unternehmen.
Er konnte sich da nicht daran gewöhnen
usw.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Die getrennten Formen gelten, wie bereits gesagt, in der deutschen Standardsprache als zu vermeiden oder als nicht richtig. Die einen verstehen vielleicht kaum, was an den getrennten Formen falsch sein soll, während sie anderen wahrscheinlich ein Gräuel sind. Die Ablehnung der getrennten Formen hat nichts mit sprachinterner Logik zu tun. Es ist ein stilistischer Entscheid. Das sieht man gut, wenn man kurz über die Sprachgrenze schaut: Im Niederländischen, einer Sprache die eng mit der unseren verwandt ist, gibt es (fast) dieselben Adverbien. Sie werden sehr häufig getrennt verwendet, und zwar auch in der Standardsprache:

Daarvan weet ik niets / Daar weet ik niets van.
(Davon weiß ich nichts / Da weiß ich nichts von.)

Da man den Niederländischsprechenden kaum kollektiv sprachliche Inkompetenz vorwerfen kann, muss man davon ausgehen, dass die getrennten Formen kein Ding der Unmöglichkeit sind. Im Deutschen sollten die getrennten Formen „trotzdem“ nur in der Umgangssprache verwendet werden. Grundsätzlich unmöglich sind sie nicht, aber ihr Ansehen ist bei uns (vorläufig noch?) schlecht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Unterlagen im Büro (zu) liegen haben – mit oder ohne „zu“?

Frage

Seitdem ich im Osten von Deutschland wohne (ich komme aus Hamburg), höre ich öfter für mich seltsame Konstrukte:

Ich habe hier Herrn Meier zu sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro zu liegen.

Meiner Meinung nach ist das „zu“ hier falsch. Natürlich gibt es andere Sätze, wo dies korrekt wäre: „Ich habe noch viel zu tun.“

Für mich ist der Unterschied, daß sich das „tun“ auf das Subjekt bezieht, das „sitzen“ oder „liegen“ sich aber auf das Objekt bezieht. Ich konnte eine Begründung bislang aber nicht grammatikalisch einwandfrei auflösen …

Antwort

Guten Tag Herr E.,

es handelt sich bei diesem zu tatsächlich um eine regionalsprachliche Erscheinung bei einer besonderen Konstruktion.

In der Standardsprache steht der Infinitiv der Verben stehen, liegen, hängen u. a. ohne zu, wenn er von haben abhängig ist, wenn eine Ortsangabe gemacht wird und wenn ausgesagt wird, dass jemand oder etwas an diesem Ort in gewisser Weise zur Verfügung steht (vgl. hier). Zum Beispiel:

Ich habe den Wagen vor der Tür stehen.
Sie hat viel Geld auf der Bank liegen.
Ich habe noch ein schwarzes Kleid im Schrank hängen.
Was hast du denn alles in deiner Tasche stecken?
Er hat seine Mutter bei sich wohnen.

Dabei entspricht der Akkusativ hier tatsächlich dem Subjekt des Infinitivs: Wagen ist Subjekt zu stehen, Geld Subjekt zu liegen usw. Wir haben es mit einem Akkusativ mit Infinitiv (a. c. i.) zu tun wie zum Beispiel bei Ich höre ihn kommen und Wir lassen die Kinder draußen spielen.

Entsprechend sollten auch Ihre Beispielsätze standardsprachlich ohne zu stehen:

Ich habe hier Herrn Meier sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro liegen.

Bei dieser Konstruktion ist in gewissen Regionalsprachen die Verwendung von zu üblich (gemäß den Angaben in der Variantengrammatik vor allem im Osten Deutschlands), sie gilt standardsprachlich aber als nicht korrekt. Es heißt also standardsprachlich besser nicht:

Ich habe hier Herrn Meier zu sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro zu liegen.

Wer sich in diesen Regionen der örtlichen Umgangssprache statt der Standardsprache bedient, macht hier aber auch mit zu nicht wirklich etwas falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht jede Infinitivgruppe mit „ohne“ und „zu“ verlangt ein Komma

Heute geht es gleich noch einmal um das Komma bei Infinitivgruppen:

Frage

Ich habe eine Frage zu §75 (1) des amtlichen Regelwerks. Dort steht unter anderem, dass ein Komma gesetzt werden muss, wenn die Infinitivgruppe mit um, ohne, statt, anstatt, außer, als eingeleitet ist.

Was bedeutet „eingeleitet“? Ich denke, dass diese Regel nur für Infinitivsätze gilt, die mit den entsprechenden Konjunktionen eingeleitet werden, und bin der Meinung, dass die Kommas in den folgenden Sätzen optional sind. Zumindest fände ich das logisch.

Ohne Dich zu gehen(,) ist keine Option.
Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.

Beide Präpositionen haben keinen direkten Bezug zu den Infinitiven […]. Bedeutet „eingeleitet“, dass ein Komma gesetzt werden muss, wenn diese Wörter an erster Stelle zu finden sind […]?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Komma in Ihren beiden Beispielsätzen ist tatsächlich optional, das heißt, es kann, aber muss nicht gesetzt werden:

Ohne dich zu gehen(,) ist keine Option.
Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.

Es handelt sich hier nicht um eingeleitete Infinitivgruppen, sondern um uneingeleitete Infinitivgruppen, an deren erster Stelle eine Präpositionalgruppe steht. Hier leiten ohne und um also nicht eine Infinitivgruppe ein, sondern „nur“ eine Nomengruppe, deren Fall sie bestimmen (ohne dich bzw. um den ganzen See). Beim zweiten Satz hat um außerdem eine andere Bedeutung als das um, das in der Rechtschreibregelung gemeint ist.

Eingeleitete Infinitivgruppen, die gemäß § 75(1) durch Kommas abgetrennt werden müssen, können in der Regel durch einen dass-Satz mit der gleichen Konjunktion ersetzt werden:

Ich gehe nicht weg, ohne dich noch einmal zu sehen.
Ich gehe nicht weg, ohne dass ich dich noch einmal sehe.

Warum hilfst du ihnen nicht, (an)statt nur herumzustehen?
Warum hilfst du ihnen nicht, (an)statt dass du nur herumstehst?

Außer wieder nach Hause zurückzukehren, konnten sie nichts tun.
Außer dass sie wieder nach Hause zurückkehrten, konnten sie nichts tun.

Es gibt nichts Schöneres, als in den Ferien in die Berge zu fahren.
Es gibt nichts Schöneres, als dass man in den Ferien in die Berge fährt.

Infinitivgruppen mit um zu können nicht durch einen dass-Satz, sondern durch einen Nebensatz mit damit ersetzt werden (dabei entsteht allerdings nicht immer ein stilistisch gelungener Satz):

Wir fahren in die Stadt, um euch zu besuchen.
Wir fahren in die Stadt, damit wir euch besuchen.

Wenn eine Präpositionalgruppe am Anfang eines Infinitivsatzes steht, ist der Ersatz mit dass bzw. damit nicht möglich:

Ohne dich zu gehen(,) ist keine Option.
nicht: Ohne dass …

Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.
nicht: Damit …

Wenn man es etwas „grammatischer“ betrachtet, kann man auch sagen, dass uneingeleitete Infinitivgruppen Subjektsätze oder Objektsätze sind (sie haben im Gesamtsatz die Rolle des Subjekts oder eines Objekts), während eingeleitete Infinitivgruppen Adverbialsätze sind (sie haben im Gesamtsatz die Rolle einer Adverbialbestimmung). Sie lassen sich also auch über ihre Funktion im Gesamtsatz voneinander unterscheiden (vgl. hier).

Wer diese Unterscheidungen schwierig findet oder sonst Zweifel hat, setzt in solchen Fällen am besten ein Komma. Das ist auch dann richtig, wenn es sich trotz ohne oder um am Anfang nicht um eine eingeleitete Infinitivgruppe mit zu handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieber sterben[,] als einen Kommafehler machen? – Das Komma bei Infinitiven mit „als“ und ohne „zu“

Frage

Ich sehe gerade diesen Satz: „Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.“ Gehört da tatsächlich ein Komma hin, obwohl es keine Infinitivgruppe ist? Oder müsste es korrekterweise heißen: „… als nach Hause ZU kriechen“ (und dann mit Komma)?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihre Frage besteht aus zwei Teilen: Kann man hier ohne zu formulieren und darf man dann ein Komma setzen?

Die erste Frage ist etwas schwieriger zu beantworten. Der Satz kann nämlich als eine Art erweiterte Modalverbkonstruktion empfunden und ohne zu formuliert werden:

Er wollte mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nur mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nichts weiter als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.

Man kann den erweiterten Infinitiv aber auch als „normalen“ Infinitivsatz interpretieren. Dann steht er mit zu:

Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause zu kriechen.

Einfacher ist die Antwort auf den zweiten Teil der Frage: Wenn ein erweiterter Infinitiv ohne zu steht, setzt man kein Komma (siehe hierzu auch: Infinitivgruppen: kein „zu“, kein Komma).

Das gilt auch in den eher seltenen Fällen, in denen ein erweiterter Infinitiv mit als eingeleitet wird, aber ohne zu steht. Eine Infinitivguppe mit zu muss nach § 75(1) der amtlichen Rechtschreibregelung durch ein Komma abgetrennt werden. Möglich sind also diese beiden Varianten:

Er wollte nichts weiter als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause zu kriechen.

Hier noch drei Beispiele:

Sie möchten nichts anderes als in Ruhe gelassen werden.
Sie möchten nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden.

Ich kann nicht mehr als dir sagen, dass es mir leid tut.
Ich kann nicht mehr, als dir zu sagen, dass es mir leid tut.

Sie schwor, von ihr werde es niemand erfahren, lieber wolle sie sterben als etwas verraten.
Sie schwor, von ihr werde es niemand erfahren, lieber wolle sie sterben, als etwas zu verraten.

Ganz so dramatisch wie im letzten Beispielsatz geht es bei der Kommasetzung zum Glück nicht zu und her. Kaum jemand will lieber sterben[,] als einen Kommafehler [zu] machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp