Nein, dies ist keine doppelte Verneinung

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema „doppelte Verneinung“. In einer bayrischen Online-Zeitung stand vor kurzem folgende Überschrift:

#Faktenfuchs: Nein, beim Impfen werden keine Mikrochips eingesetzt

Ich habe daraufhin geschrieben: „… es werde also doch Chips eingesetzt.“ Die Antwort der Zeitung war: „Bei dieser Überschrift handelt es sich nicht um eine doppelte Verneinung. Das Satzzeichen trennt die beiden Sätze voneinander.“

Da laust mich doch der A….. – Hat sich unsere Sprache schon so verselbständigt, dass nun jeder schreibt, wie er will? Wann endlich wird es für solche Fälle Klarheit geben? Es kann doch nicht so schwer sein. Andere Sprachen können das doch auch!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Zeitung hat recht. Es handelt sich hier nicht um eine doppelte Verneinung, auch wenn zwei verneinende Elemente vorkommen. Es handelt sich um eine negative Antwort oder Entgegnung, die aus zwei separat zu betrachtenden Teilen besteht. Die Überschrift, die Sie zitieren, ist als Antwort auf eine Frage oder als Entgegnung auf eine Aussage zu verstehen:

– Werden bei der Impfung Mikrochips eingesetzt?
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

– Bei der Impfung werden Mikrochips eingesetzt.
– Nein, bei der Impfung werden keine Mikrochips eingesetzt.

Die Antwort oder Entgegnung besteht aus zwei Teilen: aus der Antwortpartikel „nein“ und einem verneinten Satz. Hier werden zwei einfache Verneinungen nebeneinandergestellt. Dass sie separat zu betrachten sind, zeigt in der Schrift das Komma und in der gesprochenen Sprache eine kurze Pause an. Vielleicht illustrieren ein paar einfache Beispiele etwas besser, dass wir häufig so formulieren:

– Geht es dir gut?
Nein, mir geht es nicht gut.

– Hast du jemanden gesehen?
Nein, ich habe niemanden gesehen.

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Es kommen jeweils zwei verneinende Wörter vor, aber es handelt sich bei diesen Äußerungen nicht um doppelte Verneinungen. Die verneinende Wirkung von „nein“ erstreckt sich nämlich nicht auf den ihm folgenden Satz. Es ist eine selbstständige Einheit, die sozusagen als eigenständiger Satz betrachtet werden kann. Das ist ohne Zweifel klar und gilt allgemein für das Deutsche. Niemand würde wie folgt verneinend formulieren:

– Ich habe recht.
– Nein, du hast recht.

Diese Entgegnung ist nicht möglich, weil die verneinende Wirkung von „nein“ beim Komma stoppt, so dass das Nachfolgende eine eigene Verneinung benötigt, wenn es verneint zu verstehen ist:

– Ich habe recht.
Nein, du hast nicht recht.

Das gilt nicht nur für das Deutsche, sondern auch für andere Sprachen. So enthalten die folgenden Übersetzungen von „Nein, du hast nicht recht“ auch jeweils zwei verneinende Elemente: „No, you are not right“; „Nee, je hebt niet gelijk“, „No, non hai ragione“, „Non, tu n’as pas raison“, „Ne, nemáš pravdu“.

Im Gegensatz dazu haben wir es bei den folgenden Beispielen mit einer doppelten Verneinung zu tun, die zu zumindest standardsprachlich zu einer Bejahung wird:

Bei der Impfung werden nicht keine Mikrochips eingesetzt.
(= Es werden Mikrochips eingesetzt)
Du hast nie nicht recht.
(= Du hast immer recht)
Mir geht es nicht nicht gut.
(= Mir geht es gut)
Niemand hat mich nicht gesehen.
(= Alle haben mich gesehen)

Hier stehen die beiden Verneinungen nicht separat nebeneinander. Sie haben beide denselben Wirkungsbereich und heben sich dadurch gegenseitig auf.

Die Tatsache, dass in einer Äußerung zwei Verneinungen vorkommen, bedeutet nicht immer, dass es sich um eine doppelte Verneinung mit bejahender Bedeutung handelt. Wenn die verneinten Elemente selbstständig nebeneinanderstehen, wie dies bei „nein“ und einem verneinten Satz der Fall ist, heben sie sich nicht gegenseitig auf. Sie sind als Wiederholung zu verstehen und bleiben verneint.

Die Überschrift, die Sie bemängeln, bedeutet somit eindeutig, klar und in Übereinstimmung mit der deutschen Grammatik, dass bei der Impfung keine Mikrochips eingesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Braucht „einander“ immer einen Plural?

Frage

Immer wieder begegnen mir Formulierungen wie „alles hängt miteinander zusammen“, „die Welt ist miteinander verwoben“ oder auch „die Klasse tauschte untereinander SMS aus“. […] Mein Sprachgefühl sagt mir, dass „einander“ mindestens zwei Subjekte braucht. „Das Große und das Kleine hängen miteinander zusammen“ ergibt für mich Sinn. Aber „alles“, „nichts“, „die Welt“, „die Klasse“ sind grammatisch ja Singular, auch wenn sie semantisch mehreres bezeichnen. Nun sehe ich solche Formulierungen aber ab und zu auch in „hochsprachlichen“ Medien wie Tagesschau, Spiegel, FAZ. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Wechselseitigkeit ausdrückende „einander“ verlangt tatsächlich ein pluralisches Bezugswort. Wechselseitigkeit oder Gegenseitigekeit kann ja nicht bei einem einzelnen Element bestehen. Häufig geht es dabei um eine Pluralform oder mit „und“ verbundene Singularformen:

Wir gaben einander die Hand.
Die Leute müssten mehr miteinander reden.
Blanche und Robert verachteten einander zutiefst.
Der Sänger und die Gitarristin sind gut aufeinander eingespielt.

Das ist aber nicht immer so. Eine häufiger vorkommende Ausnahme sind Formulierungen mit dem unpersönlichen „man“:

Man gibt einander die Hand.
Man sollte aufeinander zugehen.

Mit „man“ ist hier nicht eine einzelne unbestimmte Person gemeint, sondern eine gewisse Gruppe von Menschen oder allgemein „die Leute“.

Bei Wörtern, die auch im Singular eine Mehrzahl bezeichnen (z. B. „Gruppe“, „Familie“, „Klasse“, „alles“, „vieles“), wird manchmal auch „einander“ verwendet. Man formuliert dann nicht nach der Form, sondern nach dem Sinn, das heißt, „einander“ bezieht sich nicht formal auf die gesamte Mehrzahl, sondern sinngemäß auf deren einzelne Elemente:

Die Klasse tauscht untereinander SMS aus.
Die Familie steht füreinander ein.
Das junge Paar saß nebeneinander auf einer Parkbank.
Alles ist miteinander verbunden.
Vieles ist aufeinander abgestimmt.

Formulierungen dieser Art kommen nicht häufig vor (oft „Schüler“ statt „Klasse“, „Familienmitglieder“ statt „Familie“ usw.). Wie weit man hier gehen kann oder will, ist auch eine stilistische Frage. Ich halte Formulierungen wie die folgenden für zumindest zweifelhaft und würde anders formulieren, weil es sich nicht um Begriffe handelt, die eine Mehrzahl bezeichnen:

Die Welt ist miteinander verwoben. [??]
Nichts hat miteinander zu tun. [??]

Es ist aber kaum möglich, eine genaue Grenze zu ziehen. Bei Zweifel oder wenn man gegen jegliche Kritik gefeit sein möchte, formuliert man deshalb am besten um:

Alles in der Welt ist miteinander verwoben.
Alle Dinge in der Welt sind miteinander verwoben.
Nichts hat mit etwas anderem zu tun.

Formulierungen, in denen sich „einander“ (resp. „aufeinander“, „aneinander“, „miteinander“ usw.) auf einen Singular bezieht, kommen nicht häufig vor, sie sind aber nicht in allen Fällen ausgeschlossen. Man sollte einander also auch hier keine allzu strengen Regeln vorschreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen – Was ist dann mit den 14-Jährigen?

Um allzu großer Enttäuschung vorzubeugen, sei gleich gesagt: Eine eindeutige Antwort kann der folgende Artikel nicht geben.

Frage

Wenn es heißt „Kinder bis 6 Jahre“ oder jetzt bei den Coronamaßnahmen „Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt“, wie alt exakt darf die Person dann sein? Meiner Meinung nach 6 bzw. 14 Jahre und 364 Tage. Liege ich da richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei Angaben der Art „bis x Jahre“ ist häufig gemeint: „bis einschließlich x Jahre“. Mit „Kinder bis 6 Jahre“ sind somit Kinder bis zum letzten Tag vor ihrem 7. Geburtstag, also auch alle Sechsjährigen gemeint. Ebenso schließt „Kinder bis 14 Jahre“ häufig auch die 14-Jährigen mit ein.

ABER: Es ist zwar häufig so gemeint, aber nicht alle sind damit einverstanden. Neben den Leuten, die „bis x Jahre“ so verstehen, gibt es andere, die sagen, „bis x Jahre“ bedeute „bis zum x-ten Geburtstag“. Kinder bis 14 Jahre sind also alle Kinder bis zu ihrem 14. Geburtstag. Die 14-Jährigen gehören bei dieser Interpretation nicht mehr dazu, denn sie sind ja erst von ihrem 14. Geburtstag an 14-jährig.

Wer hier recht hat, darüber könnte man endlos diskutieren. Eine offizielle, allgemein anerkannte Interpretation gibt es nicht. Bei zum Beispiel der Deutschen Bahn kann man Fahrkarten für Kinder von 6 bis 14 Jahren kaufen, und damit sind Kinder von 6 bis einschließlich 14 Jahren gemeint (also auch die 14-Jährigen), wie man auf derselben Webseite lesen kann.

Ein weniger „eindeutiges“ Beispiel sind die Coronaregeln, die am vergangenen 13. Dezember beschlossen worden sind. Im Beschluss der Bundeskanzlerin und der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder steht im Zusammenhang mit der Gruppengröße bei privaten Zusammenkünften:

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen.

Sind die 14-Jährigen nach dieser Formulierung ausgenommen oder müssen sie mitgezählt werden? Wie unterschiedlich man das sehen kann, zeigt ein (kurzer und nicht sehr systematischer) Blick auf die Webseiten der verschiedenen Bundesländer. Man könnte annehmen, dass alle Bundesländer diese Altersgrenze gleich interpretieren, dem ist aber nicht so:

In Bayern und Niedersachsen sind „Kinder unter 14 Jahren“ ausgenommen, das heißt, die 14-Jährigen sind nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt.

In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und Thüringen sind „Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres“ ausgenommen, das heißt, auch hier sind die 14-Jährigen nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt. (Das 14. Lebensjahr wird mit dem 14. Geburtstag vollendet, so wie das 1. Lebensjahr mit dem 1. Geburtstag vollendet wird, das 2. Lebensjahr mit dem 2. Geburtstag usw.)

Anders sieht es in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen aus. Dort sind „Kinder bis einschließlich 14 Jahre“ ausgenommen, das heißt, auch die 14-Jährigen sind hier ausgenommen und werden nicht mitgezählt.

Meiner Meinung nach unklar, ob die 14-Jährigen ausgenommen sind oder nicht, ist es in Bremen („ausgenommen sind Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren“), Mecklenburg-Vorpommern („Kinder, die das Alter von 14 Jahren noch nicht überschritten haben“), Sachsen-Anhalt („bis 14-jährige Kinder“) sowie im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein („Kinder bis 14 Jahre“).

Ziel dieser kleinen und wahrscheinlich stellenweise ungenauen Übersicht ist es nicht, den Behörden irgendwelche Unzulänglichkeiten nachzuweisen. Ob die 14-Jährigen bei der Größe von Privatgruppen mitzählen oder nicht, ist eines der kleineren Probleme, die wir zur Zeit haben (außer vielleicht in Familien mit 14-jährigen Zwillingen und Drillingen). Ich möchte hier nur aufzeigen, dass keine Einigkeit darüber herrscht, wie Angaben der Art „Kinder bis x Jahre“ genau zu verstehen ist. Nicht alle verstehen darunter dasselbe und eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Es ist deshalb besser, anders zu formulieren, wenn die Altersgrenze wichtig ist und Konflikte vermieden werden sollen. Wenn die 14-Jährigen mitgemeint sind, sagt man statt „Kinder bis 14 Jahre“ (oder „Kinder bis 15 Jahre“) besser zum Beispiel:

Kinder bis einschließlich 14 Jahre
Kinder unter 15 Jahren
Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr

Wie immer es formuliert ist und gemeint sein möge, ich wünsche allen, auch den 14-Jährigen, ganz gleich ob sie für die Gruppengröße mitgezählt werden müssen oder nicht, eine gute und gesunde Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sich wenigem/wenig/??? bewusst sein

Frage

In einem Text steht der Satz: „So wenigem ist man sich bewusst.“ Ich weiß, dass „sich bewusst sein“ den Genitiv erfordert, aber das klingt dann irgendwie schräg. Lasse ich „wenig“ unflektiert?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Wendung „sich einer Sache bewusst sein“ verlangt tatsächlich ein Genitivobjekt:

eine Frau, die sich ihres Erfolgs bewusst war
Ich bin mir dessen bewusst.

Die Dativform „wenigem“ gilt deshalb als nicht korrekt.

nicht: *So wenigem ist man sich bewusst.

Das Problem ist hier wieder einmal die sogenannte Genitivregel:

Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn diese zwei Bedingungen erfüllt sind:
1) Die Wortgruppe enthält mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv.
2) Die Wortgruppe enthält mindestens ein Wort mit Endung -es/-s oder -er.

Zum ersten Teil der Regel gibt es ein paar wenige Ausnahmen** (wie könnte es auch anders sein!). Der zweite Teil der Regel muss fast immer erfüllt sein (Ausnahme: „dessen/derer/deren“). Die allein stehenden Genitivform „wenigen“ erfüllt keine der beiden Bedingungen. Das ist der Grund, weshalb der Satz mit „wenigen“ schräg oder falsch klingt.

nicht: *So wenigen ist man sich bewusst.

Auch der ungebeugten Form „wenig“ fehlt eine entsprechende Genitivendung:

nicht: *So wenig ist man sich bewusst.

Damit kann nur gemeint sein: „In so geringem Maße (= so wenig) ist man sich bewusst“. Außerdem fehlt das Genitivobjekt, das heißt die Sache, derer man sich wenig bewusst ist.

Was ist also die Lösung, wenn der Genitiv verlangt wird, dieser aber nicht passt und man auch nicht auf den Dativ ausweichen darf? – Man muss anders formulieren. Man kann die Wortgruppe so anpassen, dass sie die Bedingungen der Genitivregel erfüllt:

So weniger Dinge ist man sich bewusst.

Es ist aber auch möglich, die Formulierung so zu ändern, dass kein Genitivobjekt mehr Schwierigkeiten macht:

So wenig ist einem bewusst.
So wenige Dinge sind uns bewusst.

Die oben genannte Genitivregel ist übrigens außerhalb der Grammatikwelt nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Fälle wie diesen meistens mehr oder weniger bewusst vermeidet und „automatisch“ anders formuliert. Ihre Frage zeigt aber, dass bewusste Sprachbenutzerinnen und -benutzer doch hin und wieder auf diese Grammatikhürde stoßen und es dann hilfreich sein kann, einmal etwas von der Genitivregeln gehört zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In gewissen Fällen kann auch ein allein stehendes Substantiv im Genitiv stehen. Zum Beispiel:

Sandros Ferienpläne
das Wahrzeichen Wiens (auch: das Wahrzeichen von Wien)
wegen Umbaus geschlossen (meist: wegen Umbau geschlossen)

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Am Haus vorbei, unter der Brücke hindurch, über den Berg hinweg – Wechselpräpositionen, Bewegung an etwas vorbei und die Fälle

Frage

Im Kapitel zu den Präpositionen, die mit dem Dativ und dem Akkusativ stehen können, schreiben Sie (siehe hier):

  • Der Dativ ist mit einem nicht zielgerichteten, statischen Zustand verbunden (Frage: wo?).
  • Der Akkusativ ist mit einem zielgerichteten, dynamischen Geschehen verbunden (Frage wohin?)

Zuerst möchte ich 3 verschiedene Fälle von „über“ vorstellen:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
    Ziel ist das Auto → Akkusativ
  2. Der Vogel schwebt über dem Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, sondern der Ort der Bewegung → Dativ
  3. Der Vogel fliegt über den Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, denn der Vogel fliegt am Berg vorbei

Analog dazu möchte ich 3 verschiedene Fälle von „an“ vorstellen:

  1. Ich fahre mit dem Auto an den Strassenrand.
    Ziel ist der Strassenrand → Akkusativ
  2. Das Auto steht am Straßenrand.
    Hier gibt es keine Dynamik → Dativ
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Freund ist nicht das Ziel, denn der Ball rollt am Freund vorbei

[…] Schwierig ist vor allem der dritte Fall, die Bewegung an etwas vorbei. Bei „über“ steht der Akkusativ und bei „an“ steht er Dativ. […]

Antwort

Guten Tag Herr S,

Ihre Beispiele zeigen, dass die Verwendung der sogenannten Wechselpräpositionen (an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen) komplexer ist, als die Schulregeln es vermuten lassen. Die Unterscheidung zwischen Dativ bei „statisch–wo?“ und Akkusativ bei „dynamisch–wohin?“ ist zwar sehr hilfreich, aber sie deckt nicht alle Fälle ab. Wie Ihre Beispiele zeigen, gibt es nämlich noch mindestens einen weiteren Fall. Ich würde es wie folgt umschreiben:

  1. Ziel der Bewegung → Akkusativ
  2. Ort der Bewegung/Handlung → Dativ
  3. Ort, an dem die Bewegung vorbeiführt → Dativ

Das gilt für viele, aber nicht für alle Wechselpräpositionen. Zuerst ein paar Beispiele mit Wechselpräpositionen, für die diese Darstellung stimmt:

  1. Der Ball rollt an den Straßenrand.
  2. Der Ball rollt am Straßenrand.
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
  1. Ich laufe hinter das Haus.
  2. Ich laufe hinter dem Haus.
  3. Ich laufe hinter dem Haus vorbei.
  1. Sie stellt das Auto neben die Kirche.
  2. Sie lässt das Auto neben der Kirche stehen.
  3. Sie fährt neben der Kirche vorbei.
  1. Wir gehen unter die Brücke.
  2. Wir verstecken uns unter der Brücke.
  3. Wir gehen unter der Brücke hindurch.
  1. Ich gehe vor das Haus.
  2. Ich gehe vor dem Haus hin und her.
  3. Ich gehe vor dem Haus vorbei.
  1. Wir fahren zwischen die Bäume.
  2. Wir halten zwischen den Bäumen.
  3. Wir fahren zwischen den Bäumen hindurch.

Für die Präpositionen „in“, „auf“ und „über“ funktionieren a) und b) noch nach dem gleichen Prinzip. Bei c) sieht es dann aber anders aus.

Mit „in“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion erfüllt in der Regel „durch“:

  1. Sie fährt in die Tiefgarage.
  2. Sie fährt in der Tiefgarage.
  3. Sie fährt durch die Tiefgarage.

Auch mit „auf“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion übernimmt meist „über“ mit Akkusativ:

  1. Ich spaziere auf den Berg.
  2. Ich spaziere auf dem Berg.
  3. Ich spaziere über den Berg.

Der Spezialfall ist vor allem „über“. Mit „über“ kann eine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden, aber anders als bei den oben stehenden Präpositionen steht dann der Akkusativ:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
  2. Die Plane liegt über dem Auto.
    Der Vogel schwebt über dem Berg.
  3. Ich werfe den Ball über das Auto.
    Der Vogel fliegt über den Berg.

Der Vogel fliegt also an mir vorbei, hinter dem Haus entlang, neben der Scheune durch, vor dem Nachbarhaus vorbei, zwischen den Bäumen und unter der Stromleitung hindurch und schließlich über den Hügel hinweg aus dem Blickfeld. Der Vogel fliegt überall vorbei und überall steht die Wechselpräposition dabei mit dem Dativ – außer bei „über“.

Man könnte hieraus also eine Art Regel ableiten, aber ob die Sache für Deutschlernende damit wirklich einfacher wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ist der Anmeldeschluss ein oder einen Monat vor Kursbeginn?

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des richtigen Falles bei „sein“ mit einer Zeitangabe. Was ist richtig: „Der Anmeldeschluss ist spätestens ein Monat vor Kursbeginn“, weil „sein“ zum Nominativ zwingt, oder „Der Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn“, weil es eine Zeitangabe im Akkusativ ist?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier sollten Sie den Akkusativ wählen, weil es sich um eine Zeitangabe handelt. Zeitangaben ohne Präposition stehen im Akkusativ:

Ich habe sie letzten Freitag gesehen.
Es hat den ganzen Tag geregnet.
Man kann sich frühestens einen Monat vorher anmelden.

Entsprechend auch:

Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn.
(Wann ist Anmeldeschluss? – spätestens einen Monat vor Kursbeginn)

Dass es eine Zeitangabe und kein Gleichsetzungsnominativ ist, zeigt sich auch, wenn man „einen Monat“ durch „zwei Monate“ ersetzt. Das Verb bleibt dann in der Einzahl:

Anmeldeschluss ist spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.
(nicht: *Anmeldeschluss sind spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.)

Hier „gewinnt“ also – zumindest in der Standardsprache** – der Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Regional- und umgangssprachlich kommt hier auch „ein Monat“ vor, wahrscheinlich vor allem dort, wo ein Baby „ein Monat alt“ statt wie standardsprachlich üblich „einen Monat alt“ sein kann.

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Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

Kommentare

Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

Kommentare

Den Onkel am/im Nachmittag besuchen

Frage

Letztens sprach ich mit meinem Onkel, der mir anbot am späten Nachmittag bei ihm vorbeizukommen. Ich wollte aber lieber im späten Nachmittag bei ihm reinschauen. Können Sie mir sagen, wann ich bei ihm reinschauen soll?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

im Standarddeutschen (und soweit die Coronaregeln es zurzeit zulassen) besucht man den Onkel am späten Nachmittag. Ich kenne die Wendung „im Nachmittag“ oder „im späten Nachmittag“ nicht. Es könnte sein, dass es sich hier um eine regionale oder mundartliche Wendung handelt. Ebenfalls möglich sind Einflüsse aus einer anderen Sprache, die Sie kennen (zum Beispiel engl. in the afternoon, nld. in de (na)middag, frz. dans l’après-midi, sp. en la tarde, ital. nel pomeriggio). Im Deutschen werden solche Tageszeitangaben, nach denen mit „wann“ gefragt werden kann, mit „am“ gebildet:

Es geschah am frühen Morgen.
Sie werden am Vormittag in Frankfurt landen.
Ich besuche meinen Onkel am späten Nachmittag.
Du kannst auch noch am Abend anrufen.

Natürlich geht es nicht ohne Ausnahme. Wenn die Tageszeitangabe weiblich ist, verwendet man doch „in“:

in der Frühe
in der Nacht

Anders sieht es aus, wenn die Tageszeitangabe im Akkusativ steht, weil sie im weitesten Sinne das „Ziel“ ist. Dann kommt auch bei männlichen Tageszeitangaben „in“ zum Zuge:

Sie haben weit in den Morgen hinein geschlafen.
Die Sitzung dauerte bis in den späten Nachmittag (hinein).
Er schwang sich auf sein Ross und ritt in den Abend hinaus.

So viel zu dem, was üblich ist. Ob Sie nun standardsprachlich „am Nachmittag“ oder unüblich „im Nachmittag“ bei Ihrem Onkel vorbeischauen, ist für einen angenehmen Besuch nicht so wichtig (vorausgesetzt, dass Sie sich nicht darüber streiten, ob es „am“ oder „im“ heißen muss …).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Variantenvielfalt: Hat er aufgehört sich zu drehen, sich zu drehen aufgehört oder sich aufgehört zu drehen?

Frage

Ich hätte eine Frage bzgl. Infinitivsätze mit Reflexivpronomen. Ich glaube, ein Satz wie

(1) „Er hat aufgehört, sich zu drehen.“

wird auch oft als

(2) „Er hat sich aufgehört zu drehen.“

gesprochen. Ist der Satz (2) grammatikalisch korrekt?

Ich habe einen Satz gesehen wie:

(3) „Der Hase hat sich versucht zu verstecken.“

und es hieß, korrekter wäre

(4) „Der Hase hat versucht, sich zu verstecken.“

Ist der Satz (3) nur falsch, weil es fehlgedeutet werden kann (als „sich versuchen“ = erfolglos suchen), oder ist er grammatikalisch falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wieder einmal gibt es nicht nur „richtig“ und „falsch“. Es geht um die Stellung der Infinitivgruppe und des ihr übergeordneten Verbs. Wir leisten uns dabei eine recht große Formulierungsfreiheit, die zu ziemlich verschlungenen Resultaten führen kann. Dies übrigens nicht nur, wenn ein Reflexivpronomen beteiligt ist.

Als standardsprachlich korrekt gelten Formulierungen, in denen die Infinitivgruppe außerhalb der Satzklammer hinter dem übergeordneten Verb (= im Nachfeld) steht. Die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz sind dann schön sauber voneinander getrennt – sogar durch ein Komma, wenn man möchte:

a) Er hat aufgehört[,] sich zu drehen.
b) Der Hase hat versucht[,] sich im Kohlfeld zu verstecken.
c) Sie hatte mir versprochen[,] das Fahrrad zu reparieren.

Standardsprachlich ebenfalls akzeptiert sind Formulierungen, bei denen die ganze Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer (= im Mittelfeld) steht, die durch das übergeordnete Verb gebildet wird:

d) Er hat sich zu drehen aufgehört.
e) Der Hase hat sich im Kohlfeld zu verstecken versucht.
f) Sie hatte mir das Fahrrad zu reparieren versprochen.

Nicht von allen als korrekt akzeptiert werden Formulierungen, in denen ein Teil der Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer steht, der Infinitiv selbst aber am Schluss:

g) Er hat sich aufgehört zu drehen.
h) Der Hase hat sich im Kohlfeld versucht zu verstecken.
i) Sie hatte mir das Fahrrad versprochen zu reparieren.

Auch ich halte die verschränkten Formulierungen g), h) und i) für zweifelhaft, zumindest umgangssprachlich kommen sie aber vor.

Es sage noch jemand, die Umgangssprache sei nur eine vereinfachte Version der Standardsprache. Bei derart verschlungenen Formulierungen ist es eigentlich erstaunlich, dass wir nicht „unterwegs“ den Faden verlieren. In den Beispielen oben stehen übrigens nicht alle mehr oder weniger akzeptierten Formulierungsarten, die vorkommen können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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