Reihenfolge der Adjektive: der rote, kleine Wagen oder der kleine, rote Wagen?

Frage

Eine Frage zu den Adjektiven als Attribut: Gibt es eine Reihenfolge, die man beachten muss, wenn man mehrere Adjektive als Attribut vor einem Nomen hat?

Antwort

Guten Tag Frau J.,

wenn mehrere Adjektive vor einem Nomen stehen und die Adjektive das Nomen in gleicher Weise bestimmen, ist die Reihenfolge im Prinzip egal. Es gibt zwar typischere und weniger typische Reihenfolgen (so stehen zum Beispiel Farbadjektive, Materialangaben, Herkunftsangaben u. Ä. meist näher beim Nomen als andere Adjektive), aber es gibt im Deutschen keine feste Reihenfolge der Adjektive vor einem Nomen, die man streng befolgen muss.

In diesem Sinne ist die Reihenfolge bei gleichrangigen Adjektiven (Nebenordnung) im Prinzip frei:

langes, lockiges Haar
lockiges, langes Haar

ein großer, verwilderter Garten
ein verwilderter, großer Garten

ein gut erhaltenes, altes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das gut erhalten und alt ist)
ein altes, gut erhaltenes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das alt und gut erhalten ist)

der kleine, rote Wagen
(= der Wagen ist klein und rot)
der rote, kleine Wagen
(= der Wagen ist rot und klein)

Wenn die Adjektive nicht gleichrangig sind (Unterordnung), bestimmt das näher stehende Adjektiv das Nomen näher. Das weiter weg stehende Adjektiv bestimmt die nach ihm stehende Adjektiv-Nomen-Gruppe näher. Je näher das Adjektiv beim Nomen steht, desto enger ist es mit ihm verbunden:

ein gut erhaltenes altes Fahrrad
(= ein altes Fahrrad, das gut erhalten ist)
ein altes gut erhaltenes Fahrrad
(= ein gut erhaltenes Fahrrad, das nicht neu, sondern alt ist)

ein kleiner roter Wagen
(= ein roter Wagen, der klein ist)
ein roter kleiner Wagen
(= ein kleiner Wagen, der rot und nicht z. B. blau ist)

Die Reihenfolge von Adjektiven vor einem Nomen ist also nicht immer ganz unwichtig und bedeutungslos, aber verbindliche Regeln gibt es nicht. Auch bei der Nebenordnung und Unterordnung von Adjektiven gibt es übrigens mehr Freiheit, als oft beschrieben wird (siehe hier).

Ich hoffe, dass Sie nicht enttäuscht sind, dass ich keine einfachen, verbindlichen Regeln oder verbindlichen, einfachen Regel angeben kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird, werdet oder werden euresgleichen dies nie verstehen?

Frage

Welcher der folgenden Sätze ist korrekt? Verwendet man hier „wird“, „werdet“ oder „werden“?

Euresgleichen wird dies nie verstehen.
Euresgleichen werdet dies nie verstehen.
Euresgleichen werden dies nie verstehen.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

mit dem Wort euresgleichen richtet man sich zwar an eine zweite Person Mehrzahl, aber das Verb steht trotzdem in der dritten Person Einzahl. Die Pronomen meinesgleichen, deinesgleichen, seinesgleichen usw. bedeuten nämlich jemand wie …, und wie jemand werden sie als dritte Person Einzahl behandelt, wenn sie allein stehend Subjekt sind:

Meinesgleichen hat das nicht nötig.
Deinesgleichen sollte nicht so reden.
Ist unseresgleichen dort noch sicher?
Ihresgleichen wird immer etwas zu klagen haben.

Richtig ist also:

Euresgleichen wird dies nie verstehen.

Anders sieht es aus, wenn man meinesgleichen usw. mit einem anderen Wort zu einem mehrteiligen Subjekt erweitert. Dann geht man gleich vor, wie wenn mit einer anderen dritten Person Einzahl kombiniert wird (vgl. hier):

Ich und meinesgleichen haben das nicht nötig.
Du und deinesgleichen solltet nicht so reden.
Sind wir und unseresgleichen dort noch sicher?
Hans und seinesgleichen werden immer etwas zu klagen haben.

Ihr und euresgleichen werdet dies nie verstehen.

Zu guter Letzt noch eine zwar gut gemeinte, aber forcierte und stilistisch wenig gelungene abschließende Formulierung: Meinesgleichen wünscht, dass Ihresgleichen ein gutes Wochenende haben möge. Besser und meiner Meinung nach auch freundlicher:

Schönes Wochenende!

Dr. Bopp

Wonach richtet sich das Verb bei Subjekten mit „nicht (nur) … sondern (auch) …“?

Frage

Mal wieder ein Kongruenzproblem, für das ich in den einschlägigen Nachschlagewerken keine befriedigende Lösung finde. Es geht um diesen Satz: „Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern ihre Kinder.“ In der Leo-Grammatik steht zwar, dass sich die Personalform des Verbs nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt richtet, aber das kann hier ja nicht gelten. Wie würde hier die Regel lauten? Ist der Satz so korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

nach der „Regel“, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, richtet sich das Verb bei einem mehrteiligen Subjekt mit nicht (nur)  – sondern (auch) tatsächlich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts, der am nächsten beim Verb steht:

Nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren.
Nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank erhebt zusätzliche Gebühren.

Nicht die Mutter, sondern ihre Kinder werden die Blicke auf sich ziehen.
Nicht die Kinder, sondern ihre Mutter wird die Blicke auf sich ziehen.

So weit ist die Lage übersichtlich. Ihr Beispielsatz ist deshalb komplizierter, weil er zwei verschiedene Phänomene in sich birgt:

1) Das mehrteilige Subjekt steht in einem Nebensatz:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank zusätzliche Gebühren erhebt?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter, sondern ihre Kinder die Blicke auf sich ziehen werden.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder, sondern ihre Mutter die Blicke auf sich ziehen wird.

Auch hier gilt, dass das Verb sich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts richtet, der ihm am nächsten steht.

2) Die sondern-Gruppe wird vom anderen Subjektteil getrennt an des Schluss des Satzes ins Nachfeld verschoben. In einem Hauptsatz ist das immer noch relativ problemlos:

Nicht nur die Bank erhebt zusätzliche Gebühren, sondern auch die Lieferbetriebe.
Nicht nur die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren, sondern auch die Bank.

Nicht die Mutter wird die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Kinder.
Nicht die Kinder werden die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Mutter.

1) + 2) Problematischer wird es erst, wenn die sondern-Gruppe wie in Ihrem Beispiel in einem Nebensatz steht und von der nicht-Gruppe getrennt ins Nachfeld ausgelagert wird. Dann steht die sondern-Gruppe direkt nach dem abschließenden Verb des Nebensatzes. Gemessen am reinen Wortabstand steht sie nun zwar näher beim Verb, sie ist aber trotzdem „weiter weg“, weil sie sozusagen aus dem Satz ausgelagert worden ist. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjektteil, der vor ihm im Mittelfeld steht:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank zusätzliche Gebühren erhebt, sondern auch die Lieferbetriebe?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben, sondern auch die Bank?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern die Kinder.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder die Blicke auf sich ziehen werden, sondern ihre Mutter.

Die Angabe, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, müsste eigentlich für Fälle wie diesen präzisieren, dass mit „näher“ nicht immer der reine Wortabstand gemeint ist. Wie die Antwort auf Ihre Frage vielleicht zeigt, kann es aber manchmal eher verwirrend als hilfreich sein, wenn man ganz präzise sein will. Deshalb für den Allgemeingebrauch einfacher: In den meisten Fällen richtes sich das Verb bei mehrteiligen Subjekten mit nicht (nur) – sondern (auch) nach dem Teil des Subjekts, das ihm am nächsten steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nebensätze und was ohne sie übrig bleibt

Frage

Ich habe drei Fragen zum folgenden Satz:

Dass wir klein sind(,) bedeutet(,) dass wir schnell und flexibel reagieren können.

  1. Müssen die Kommas gesetzt werden?
  2. Was ist „bedeutet“ für eine Satzart? Es steht ja allein.
  3. Was für eine Art Sätze sind die anderen Teilsätze?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

Nebensätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt auch für die beiden dass-Sätze in diesem Satz:

Dass wir klein sind, bedeutet, dass wir schnell und flexibel reagieren können.

Zwischen den Kommas steht dann tatsächlich ganz einsam und allein die Verbform „bedeutet“. Was bedeutet dies für die Satzanalyse?

Nebensätze haben im Gesamtsatz meistens die Funktion eines Satzteils. Sie können die Rolle des Subjekts, eines Objekts, einer Adverbialbestimmung usw. haben. In Ihrem Satz ist der erste dass-Satz das Subjekt des Gesamtsatzes (ein Subjektsatz). Der zweite dass-Satz ist das Akkusativobjekt des Gesamtsatzes (ein Objektsatz). Der Gesamtsatz ist ein Aussagesatz mit den folgenden Satzteilen:

Subjekt: Dass Gott heilig ist
Prädikat: bedeutet
Objekt: dass er von jeder Sünde und Unvollkommenheit getrennt ist

Da Nebensätze im Gesamtsatz die Rolle eines Satzteils haben (können) und Satzteile häufig obligatorisch sind, steht vor, nach oder zwischen den Kommas lange nicht immer ein vollständiger Satz. Manchmal besteht das, was nach dem Weglassen von Nebensätzen übrig bleibt, aus nur einer einzigen Verbform.

Dass man dich lobt, heißt, dass du es gut gemacht hast.
Was du gibst, ist, was du kriegst.
Was du gesagt hast, bleibt, was du gesagt hast.
Weil es ein Nebensatz ist, gilt, dass ein Komma stehen muss.

Wie einige der Beispiele zeigen, sind solche Formulierungen stilistisch nicht immer die allerschönste Lösung. Dennoch: Dass der Feiertag morgen schön und sonnig sein möge, ist, was ich Ihnen wünsche.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Wortfolge im desto-Satz

Frage

Ich versuche eine Regel für folgendes Phänomen zu finden. Hier sind zwei Varianten möglich:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr brauchen wir Mitarbeiter.
Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr Mitarbeiter brauchen wir.

Bei den folgenden Sätzen geht das nicht:

Je netter die Chefs sind, desto lieber gehen die Mitarbeiter zur Arbeit.
Falsch: Je netter die Chefs sind, desto lieber die Mitarbeiter gehen zur Arbeit.

Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener bekomme ich Kopfschmerzen.
Falsch: Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener Kopfschmerzen bekomme ich.

Warum ist das so? Welche Regel lässt sich benennen, um zu klären, wann ein Nomen direkt hinter dem Komparativ stehen kann und wann das nicht möglich ist?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es geht hier um zwei verschiedene Phänomene: einerseits um die unveränderliche Form mehr (die Sie vielleicht auf eine falsche Spur gebracht hat) und andererseits um die Wortstellung in Satzverbindungen mit je – desto.

Die unveränderliche Form mehr kann attributiv vor einem Nomen stehen:

Wir brauchen viele Mitarbeiter / mehr Mitarbeiter
Wir brauchen viel Geld / mehr Geld

Sie kann aber auch adverbial verwendet werden und hat dann die Bedeutung in größerem Maße, stärker:

Wir sind sehr / mehr auf Mitarbeiter angewiesen.
Wir achten stark / mehr darauf, Geld zu verdienen.

In Ihrem ersten Beispielsatz wird mehr adverbial verwendet, im zweiten Beispielsatz als attributives Adjektiv:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr brauchen wir Mitarbeiter (= desto stärker/dringender brauchen wir Mitarbeiter)

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto mehr Mitarbeiter brauchen wir (= eine desto größerer Anzahl Mitarbeiter brauchen wir)

Dann zur Wortfolge in Satzverbindungen mit je – desto: Unmittelbar nach je und nach desto (oder umso) folgt ein Komparativ. Der mit je eingeleitete Teilsatz ist ein Nebensatz, das heißt, die gebeugte Verbform steht am Schluss des Satzes. Der Teilsatz mit desto ist ein Hauptsatz, das heißt, die gebeugte Verbform steht an zweiter Stelle.

Für den desto-Satz, der Sie hier interessiert, bedeutet dies, dass immer der Satzteil mit der Komparativform an erster Stelle steht. Danach folgt die gebeugte Verbform und dann kommen alle anderen Satzteile. Am Anfang eines desto-Satzes kann ein Nomen also nur dann direkt hinter dem Komparativ stehen, wenn es zusammen mit diesem einen Satzteil bildet:

Wen oder was brauchen wir? – mehr Mitarbeiter (Akkusativobjekt)
… desto mehr Mitarbeiter brauchen wir

In welchem Maße brauchen wir Mitarbeiter? – mehr (Adverbialbestimmung)
… desto mehr brauchen wir Mitarbeiter

Die Tatsache, dass im desto-Hauptsatz nur ein Satzteil an der ersten Stelle vor dem Verb stehen kann, erklärt auch, warum die anderen Sätze in Ihrer Frage nicht möglich sind. Im folgenden Satz ist lieber eine Adverbialbestimmung und die Mitarbeiter Subjekt. Deshalb können die beiden nicht gemeinsam vor gehen stehen:

Je netter die Chefs sind, desto lieber gehen die Mitarbeiter zur Arbeit.
nicht: Je netter die Chefs sind, *desto lieber die Mitarbeiter gehen zur Arbeit.

Im folgenden Satz haben wir es mit einer Adverbialbestimmung (wie oft? – seltener) und einem Akkusativobjekt (wen oder was? – Kopfschmerzen) zu tun, die nicht gemeinsam vor dem Verb stehen können:

Je ruhiger meine Wohnung liegt, desto seltener bekomme ich Kopfschmerzen.
nicht: Je ruhiger meine Wohnung liegt, *desto seltener Kopfschmerzen bekomme ich.

Nur wenn das Adjektiv und das Nomen zusammen zum Beispiel Subjekt oder Akkusativobjekt sind, können sie gemeinsam vor dem gebeugten Verb stehen:

Je erfolgreicher unser Betrieb ist, desto größere Einnahmen haben wir.
Je lauter es wird, desto heftigere Kopfschmerzen quälen mich.
Je netter die Chefs sind, desto arbeitsfreudigere Mitarbeiter kann man erwarten.

Die abschließende Antwort auf Ihre Frage könnte also wie folgt lauten: Ein Komparativ kann am Anfang eines desto-Satzes nur dann direkt vor einem Nomen stehen, wenn der Komparativ als vorangestelltes Adjektiv das Nomen näher bestimmt, also zusammen mit ihm einen Satzteil bildet. Ist der Komparativ eine Adverbialbestimmung, ein Prädikativ oder ein Adverb, gehört das Nomen nicht zu ihm und kann es nicht direkt folgen.

Je genauer man es erklären will, desto komplizierter [Prädikativ] können die Erklärungsversuche werden.

Je genauer man es erklären will, desto kompliziertere Erklärungsversuche [Akkusativobjekt] kann man erwarten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als ersten/erster Schritt wollte sie eine Kampagne unterstützen – Akkusativ oder Nominativ?

Frage

Ich war heute in eine Diskussion zu dieser Konstruktion verwickelt:

Als ersten/erster Schritt wolle sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Muss hier der Akkusativ oder der Nominativ stehen?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

weil auch für mich spontan beides nicht wirklich falsch klingt, wurde ich zuerst einmal unsicher. Nach einiger Überlegung komme ich aber zum Schluss, dass der Akkusativ hier am besten passt.

Eine als-Gruppe steht im gleichen Fall wie das, worauf sie sich bezieht (es gibt viele Ausnahmen, aber dieser Fall gehört nicht dazu). Worauf bezieht sich die als-Gruppe hier?

Was (Akk.) wollte sie als ersten Schritt?
Als ersten Schritt wollte sie X

Die als-Gruppe bezieht sich auf die von wollen abhängige Wortgruppe, also einen Akkusativ (wen oder was wollte sie?). Hier ist dies die von wollen abhängige Infinitivgruppe, der man den Akkusativ natürlich nicht ansieht:

Als ersten Schritt wollte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen.

Der Nominativ würde in einer Konstruktion wie zum Beispiel dieser passen:

Als erster Schritt war geplant, mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche unterstützen..
(Wer oder was war als erster Schritt geplant?)

Falls Sie wieder einmal zweifeln, hilft Ihnen dieser „Fragetest“ vielleicht weiter. Wenn der Test Sie nicht weiterbringt, könnten Sie die Frage auch einfach umgehen, indem Sie zum Beispiel in einem ersten Schritt statt als ersten/erster Schritt wählen. Das ist für mich dann der Fall, wenn der Satz ohne wollen formuliert wird:

Als ersten/erster Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche. [?]

Es ist mir nicht klar, worauf die als-Gruppe sich hier eigentlich bezieht. Auf das, was sie tat? In Ermangelung eines direkten Bezugs, würde ich eher den „neutralen“ Nominativ erwägen. Noch besser finde ich es allerdings, bei nicht vorhandenem oder undeutlichem Bezug die als-Gruppe fallen zu lassen:

In einem ersten Schritt unterstützte sie mit einer Million Euro eine Kampagne für benachteiligte Jugendliche.

Mit als wird ein Bezug zu einem anderen Satzteil hergestellt. Wenn ein solcher Bezug nicht vorhanden oder unklar ist, nimmt man besser etwas anderes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexivpronomen oder Personalpronomen: Fragte er die Frau vor sich oder vor ihm in der Reihe?

Frage

Beim Lektorieren eines Werkes stieß ich einerseits auf Sätze wie:

Er sah die Lampe über sich
Er hörte die Frau hinter sich.

und andererseits:

Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Oder könnte auch „Er sah die Glocke über ihm“, „Er hörte die Frau hinter ihm“ oder „Er fragte die Frau vor sich in der Schlange“ richtig sein? Seit Tagen zermartere ich mein Hirn, weil ich dieses Phänomen einfach nicht logisch für mich klären kann und weil ich einfach nicht weiß, was richtig ist. […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

im Prinzip verwendet man das Reflexivpronomen sich dann anstelle des Personalpronomens, wenn das Pronomen sich auf das Subjekt bezieht. Dazu gibt es einige Ausnahmen (siehe hier), aber der Fall, um den es hier geht, gehört nicht dazu. Dennoch sind Ihre Zweifel gut verständlich.

Sicher richtig ist:

Er sah die Lampe über sich.
Er hörte die Frau hinter sich.
Er fragte die Frau vor sich in der Schlange.

Bezugswort des Pronomens ist jeweils das Subjekt des Satzes (Er). Die Verwendung des Reflexivpronomens sich ist also gerechtfertigt.

Warum zweifeln Sie trotzdem? Es ist bei diesen Sätzen in mehr oder weniger starkem Maße möglich, die Präpositionalgruppe zu einem Nebensatz zu erweitern. Das Pronomen bezieht sich dann nicht mehr auf das Subjekt dieses Nebensatzes, sondern auf das Subjekt des nun übergeordneten Satzes. Dann steht das Personalpronomen:

Er sah die Lampe [die] über ihm [hing]
Er hörte die Frau [die] hinter ihm [stand]
Er fragte die Frau [die] vor ihm in der Schlange [stand]

Vgl.

Er sah die über ihm hängende Lampe.
Er hörte die hinter ihm stehende Frau.
Er frage die vor ihm in der Schlange stehende Frau.

Möglich sollten also auch diese verkürzten Varianten sein:

Er sah die Lampe über ihm.
Er hörte die Frau hinter ihm.
Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Ich zweifle allerdings, ob die Varianten mit ihm von allen akzeptiert werden, zumal ohne Kontext nicht klar ist, ob dieses ihm sich nicht auch auf ein anderes männliches Substantiv beziehen könnte. Obwohl ich die Formulierung mit dem Personalpronomen ihm (insbesondere beim dritten Beispielsatz) nicht für falsch halte, würde ich empfehlen, in Fällen wie diesen das Reflexivpronomen sich zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige „zu“

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wiederholung von Wörtern durch Weglassen zu vermeiden. Diese sprachliche „Sparmethode“ ist wichtig, hilfreich und effizient, aber sie hat ihre Grenzen. So sträubt sich zum Beispiel das zu einem Infinitiv gehörende zu erfolgreich dagegen, weggelassen zu werden:

Frage

In einem Buch habe ich diesen Satz gelesen: „Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und lösen.“ Ich verstehe nicht, warum kein „zu“ vor dem Verb „lösen“ steht […].

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn der Satz ist so nicht richtig formuliert. Ein zum Infinitiv gehörendes zu kann auch bei Aufzählungen nicht weggelassen werden, das heißt, es muss immer bei jedem Infinitiv wiederholt werden:

nicht: Ich freue mich darauf dich zu sehen und sprechen.
sondern: Ich freue mich darauf, dich zu sehen und zu sprechen.

nicht: Es begann zu stürmen, donnern und blitzen.
sondern: Es begann zu stürmen, zu donnern und zu blitzen.

nicht: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder verkaufen
sondern: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen

Der Satz, den Sie zitieren, lautet also richtig:

Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und zu lösen.

So einfach kann es manchmal sein. Diese und weitere Einschränkungen beim Weglassen von gemeinsamen Wörtern in Zusammenziehungen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die vielen Male, die oder dass?

Frage

Was ist korrekt: „die vielen Male, wo …“, „die vielen Male, dass …“ oder „die vielen Male, die …“ – oder sonst etwas? Ich bin ratlos und finde nirgends etwas, das mir weiterhilft.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

am besten wählen Sie hier dass:

Die vielen Male, dass ich das getan habe.

Ebenso wie:

Das erste/zweite/einzige/letzte/sovielte Mal, dass ich das getan habe.

Die Verwendung von wo gilt hier als umgangssprachlich und das Relativpronomen die bzw. im Singular das passt hier nicht.

Warum steht hier nicht das Relativpronomen das oder die, sondern die Konjunktion dass? Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste lautet, dass man das Relativpronomen das immer durch welches und die durch welche ersetzen kann. Die zweite geht mehr auf die Funktion des Wörtchens ein:

Wenn man das Relativpronomen wählt, muss es im Relativsatz eine Funktion haben. Das ist zum Beispiel in seltenen Fällen wie diesen so:

Das ist das eine Mal, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.
das = Subjekt; durch „welches“ ersetzbar

Das ist das einzige Mal, das ich hier erwähnen will.
das = Akkusativobjekt; durch „welches“ ersetzbar

Ebenso (die ist durch welche ersetzbar):

die vielen Male, die mir in Erinnerung geblieben sind
die wenigen Male, die ich hier erwähnen will

Die Sätze klingen zum Teil etwas ungewöhnlich.

In den meisten Fällen folgt aber auf Mal kein Relativsatz, sondern ein dass-Satz. Die Konjunktion dass hat keine andere Funktion, als den Nebensatz einzuleiten. Sie hat im Nebensatz selbst keine Funktion:

Das ist das einzige Mal, dass ich das getan habe.
dass = Konjunktion; nicht durch „welches“ ersetzbar
(nicht: Das ist das einzige Mal, *das ich das getan habe.)

die vielen Male, dass ich das getan habe
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die vielen Male, *die ich das getan habe)

die wenigen Male, dass sie ihre Eltern besucht haben
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die wenigen Male, *die sie ihre Eltern besucht haben)

Sie kommen nicht häufig vor, aber es gibt auch andere Konstruktionen, in denen ein dass-Satz von einem (nicht von einem Verb abgeleiteten) Substantiv abhängig ist:

Es ist (höchste) Zeit, dass ihr geht.
Das Problem, dass die beiden Wörter gleich klingen, macht das Schreiben nicht einfacher.

Im letzten Beispielsatz steht der Grund, weshalb das und dass manchmal zu Unsicherheiten und Zweifeln führen – und häufig auch einfach zu Flüchtigkeitsfehlern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp