Welcher Fall steht nach „darunter“?

Frage

Verwendet man in diesem Satz nach „darunter“ den Nominativ oder den Dativ?

Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen Organisationen, darunter die/der Asian Development Bank und die/der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „darunter“ hat keinen Einfluss auf den Fall des folgenden Wortes oder der folgenden Wortgruppe. Der Fall wird also anders bestimmt. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die beide als korrekt gelten.

  1. Nominativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang eines Auslassungssatzes, das heißt, es leitet einen unvollständigen Satz ein, der so lauten könnte:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [sind] die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

  2. Dativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter der Asian Development Bank und der Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang einer Erläuterung oder Ergänzung, die die Satzkonstruktion weiterführt. Dabei wird die Präposition „an“ weggelassen:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [an] der Asian Development Bank und [an] der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Und hier zur Verdeutlichung noch drei weitere Beispiele, bei denen nach „darunter“ jeweils a) ein Auslassungssatz und b) eine Weiterführung der Satzkonstruktion folgt:

  1. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herr Mahler und sein Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter sind …)
  2. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herrn Mahler und seinen Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter … eingeladen)
  1. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehrere Fahrzeuge aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter waren auch …)
  2. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehreren Fahrzeugen aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter auch mit …)
  1. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter der öffentliche Dienst, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter ist der …)
  2. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter des öffentlichen Dienstes, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter dem Bedarf des …)

Die Wahl zwischen a) und b) liegt jeweils bei Ihnen. Was Ihnen mehr zusagt oder als Erstes aus der Tastatur fließt, ist hier richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Ich denke nicht, dass“ und „Ich denke, dass nicht“

Frage

Heute geht es um eine Frage, die mir in meinem direkten Umfeld gestellt wurde: Ob es richtig sei, „Ich denke nicht, dass …“ zu sagen. Logisch gesehen sei es doch eigentlich falsch und es müsse besser „Ich denken, dass … nicht …“ heißen.

Antwort

Egal ob es vielleicht an der einen oder anderen Logikecke hapert oder nicht, im Deutschen (und in anderen Sprachen) sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich denke, dass es nicht falsch ist.
Ich denke nicht, dass es falsch ist.

Beide Sätze bedeuten ungefähr dasselbe. Sie sind beide eine Verneinung von „Ich denke, dass es falsch ist“.

Bei gewissen Verben wie denken, erwarten, finden, glauben, hoffen und möchten (eigentl. Konj. II von mögen) kann sowohl a) der einleitende übergeordnete Satz als auch b) der Nebensatz verneint werden:

a) Ich denke nicht, dass es richtig ist.
b) Ich denke, dass es nicht richtig ist.

a) Wir erwarten nicht, dass es noch regnen wird.
b) Wir erwarten, dass es nicht mehr regnen wird.

a) Ich finde nicht, dass ihr mitkommen solltet.
b) Ich finde, dass ihr nicht mitkommen solltet.

a) Sie glaubt nicht, dass du ihr helfen wirst.
b) Sie glaubt, dass du ihr nicht helfen wirst.

a) Ich hoffe nicht, dass jemand etwas merkt.
b) Ich hoffe, dass niemand etwas merkt.

a) Seine Eltern möchten nicht, dass er sitzenbleibt.
b) Seine Eltern möchten, dass er nicht sitzenbleibt.

Die Sätze haben jeweils fast die gleiche Bedeutung. Die Sätze a) sind höchstens etwas subjektiver, das heißt, der Nachdruck liegt stärker auf dem Subjekt des Hauptsatzes und dessen Auffassung, dass etwas nicht geschieht, nicht so ist, nicht gelingt usw. Die Sätze b) wirken in dieser Hinsicht neutraler.

Ich denke nicht, dass eine der beiden Formulierungen falsch ist – oder etwas „neutraler“: Ich denke, dass keine der beiden Formulierung falsch ist.

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Sei es ein(en) oder ein(en) …?

Frage

Eine Frage zur Kongruenz: „Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur“. Oder muss es ebenfalls im Akkusativ heißen: „… sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur“?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

den Nominativ halte ich hier für die bessere Wahl:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur.

Der zweite Teilsatz kann so analysiert werden:

es = Subjekt
sei = Kopula (verbindendes Verb)
ein Architekt = Prädikativ zum Subjekt

Es [= was Sie suchen sollten] ist ein Architekt oder ein Bauingenieur.
Es sei ein Architekt oder Bauingenieur.
Sei es ein Architekt oder Bauingenieur.

Die Wortgruppe „ein Architekt oder Bauingenieur“ ist so gesehen nicht von „suchen“, sondern von „sein“ abhängig und steht deshalb im Nominativ.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation: Man kann „sei es … oder …“ auch als eine Art Konjunktion wie „entweder … oder …“ verstehen. Dann wird die Konstruktion des ersten Satzes weitergeführt, das heißt, die Wortgruppe „einen Architekten oder einen Bauingenieur“ ist immer noch von „suchen“ abhängig und steht im Akkusativ:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, entweder einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Sie können hier m. M. n. also zwei verschiedene Fälle verwenden, sei es der/den Nominativ oder der/den Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lisa, eine[r] unserer fähigsten Erkunder

Frage

Bei meiner Übersetzungstätigkeit bin ich jetzt an einen Fall geraten, von dem ich gerne wissen möchte, ob er grammatikalisch korrekt oder falsch ist.

Lisa, eine unserer fähigsten Erkunder, hat …

„Erkunder“ ist ja Plural und bezieht weiblich und männlich mit ein (generisches Maskulinum). Muss ich hier zwingend „einer“ schreiben, wenn ich bei „Erkunder“ im Plural bleiben möchte, oder kann hier sowohl „eine“ als auch „einer“ verwendet werden? Alternativ könnte ich natürlich „eine unserer fähigsten Erkunderinnen“ verwenden, doch das passt nicht zum Kontext, denn es gibt dort sowohl männliche als auch weibliche Erkunder.

Vom Gefühl her würde ich sagen, dass auch bei folgenden Tätigkeiten so verfahren würde: „eine unserer besten Polizisten/Soldaten/Professoren“.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

das generische Maskulinum, das heißt, die Annahme, eine allgemein verwendete männliche Form beziehe sich auch auf weibliche Personen, ist umstritten. Wenn Sie geschlechtergerecht formulieren möchten, sollten Sie es vermeiden. Wenn Sie es verwenden, ist es ein Maskulinum, und dies auch bei der Übereinstimmung mit Verweiswörtern wie „einer/eine/eines“:

Lisa, einer unserer fähigsten Erkunder, hat …
Frau S. ist einer unser besten Kunden
Sie ist einer unserer beliebtesten Professoren

Die Übereinstimmung im Genus gilt umgekehrt auch beim Bezug auf weibliche Personenbezeichnungen:

Max, eine unserer besten Fachkräfte, hat …
Er ist eine der ersten Personen, die …

Vgl. auch die Formulierung bei sächlichen Personenbezeichnungen:

Sie war eines der größten Genies ihrer Zeit
Ludwig Schmidt., eines der ältesten Mitglieder unseres Vereins

Grammatisch korrekt heißt es also: „Anna, einer unserer fähigsten Erkunder“. Ich finde aber, dass das im heutigen Sprachgebrauch etwas zu maskulin klingt. Besser wäre es vielleicht, eine andere Formulierung zu wählen wie zum Beispiel:

Anna, eine unserer fähigsten Erkunderinnen und Erkunder
Anna, eine unserer fähigsten Erkunderinnen (= generisches Femininum)
Anna, eine der Fähigsten unseres Erkundungsteams

Frau S. ist eine unserer besten Kundinnen
Sie gehört zu den beliebtesten Professorinnen und Professoren unserer Fakultät

Formulierungen dieser Art erfordern etwas Flexibilität und Kreativität, wenn man allen gerecht werden möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verbzeiten: Das muss/musste er damals schon gewusst haben

Frage

Wir sind unsicher, wie die richtigen Zeiten in folgendem Satz lauten:

Dass er Lehrer werden wollte, musste er schon damals gewusst haben.

Nach meiner Meinung, kann „musste“ nur im Präsens stehen, denn er „muss“ es auch aus heutiger Sicht gewusst haben:

Dass er Lehrer werden wollte, muss er schon damals gewusst haben.

Mein Freund meint, dass auch der Nebensatz im Präsens stehen sollte, denn er gebe ja den Willen von damals in die Gegenwart übertragen kund:

Dass er Lehrer werden will, muss er schon damals gewusst haben.

Antwort

Guten Tag Frau P.,

anders als in einigen anderen Sprachen, gibt es im Deutschen nur wenige Regeln im Bereich der Verbzeiten, und diese Regeln werden oft nicht eingehalten. Das bedeutet, dass vieles vorkommt und vieles möglich ist. Im Prinzip gilt für Ihre Frage Folgendes:

Mit „müssen“ wird eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgedrückt.

Der Einbrecher muss durch das Fenster eingestiegen sein
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen ist

Er muss es damals schon gewusst haben
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass er es schon damals gewusst hat

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zum Sprechzeitpunkt ausgedrückt wird, steht „müssen“ im Präsens:

Die Kommissarin stellt fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein muss.

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zu einem Zeitpunkt ausgedrückt wurde, der vor dem Sprechzeitpunkt liegt, steht „musste“:

Die Kommissarin stellte fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein musste.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

So viel zur Zeitform des Modalverbs „müssen“. Wie steht es mit der Verbform im dass-Satz? Auch dort gibt es zwei Möglichkeiten:

Im dass-Satz steht „wollte“, wenn er Lehrer geworden ist oder wenn er jetzt nicht mehr Lehrer werden will:

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

Im dass-Satz kann auch das Präsens „will“ stehen, wenn er zum Sprechzeitpunkt noch nicht Lehrer ist und immer noch Lehrer werden will:

Dass er Lehrer werden will, muss er damals schon gewusst haben.

Dann gibt es noch eine Möglichkeit, die Verbzeiten in Neben- und Hauptsatz zu kombinieren:

Dass er Lehrer werden will, musste er damals schon gewusst haben.

Dieser Satz ist möglich, wenn die hohe Wahrscheinlichkeit vor dem Sprechzeitpunkt ausgedrückt wurde und er im Sprechzeitpunkt immer noch Lehrer werden will. Das klingt allerdings ziemlich komplex. Ich bezweifle deshalb, ob wirklich alle den letzten Satz so verstehen, ihn so meinen oder ihn überhaupt so formulieren würden.

Ich habe es am Anfang schon erwähnt: Die Regeln sind im Bereich der Verbzeiten nicht sehr streng und sie werden auch nicht streng eingehalten. Andere Formulierungen können auch vorkommen, ohne dass dies gleich grundsätzlich falsch ist und zu größeren Verständigungsproblemen führt. In der Regel ergibt sich aus dem Kontext, wie die zeitlichen Verhältnisse liegen. Falls Sie mich also einmal dabei ertappen, dass ich die Verbzeiten nicht streng nach dem oben stehenden „Schema“ verwende, seien Sie bitte nachsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Unterschied zwischen Staub saugen und Staub wischen – grammatisch gesehen

Frage

Es geht um den Begriff „staubsaugen“ bzw. „Staub saugen“. Wenn es um die Entfernung von Staub durch Muskelkraft und Putztuch geht, ist, wenn ich nicht irre, nur die getrennt geschriebene Variante zulässig: „Staub wischen“. Gibt es für diesen Unterschied eine Erklärung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es gibt tatsächlich einen orthografischen Unterschied zwischen „Staub saugen/staubsaugen“ und „Staub wischen“. Dem orthografischen Unterschied liegt allerdings auch ein grammatischer zu Grunde.

Bei den folgenden Beispielen schreibt man beide Wendungen gleich, das heißt getrennt:

Ich muss noch Staub saugen / Staub wischen
Ich habe im ganzen Haus Staub gesaugt / Staub gewischt
Vergiss nicht, in deinem Zimmer Staub zu saugen / Staub zu wischen

Man kann hier (fast) noch von einer transitiven Verwendung der Verben „saugen“ und „wischen“ sprechen, wobei „Staub“ jeweils das vom Verb abhängige Akkusativobjekt ist. Ich schreibe „(fast) noch“, weil „Staub“ hier noch als selbstständiges Substantiv erfahren wird, aber schon einen Teil seiner Selbstständigkeit eingebüßt hat. So klingt hier die bei Akkusativobjekten übliche Frage „wen oder was?“ recht sonderbar:

Wen oder was wischst du – Staub (?)
Wen oder was saugst du – Staub (?)

Wie bei zum Beispiel „Auto fahren“, „Angst machen“ oder „Karten spielen“ kann man diese Verbindungen besser nicht als Verbindungen von Verb und Akkusativobjekt interpretieren, sondern eher als komplexe Prädikate. Verb und Substantiv bilden zusammen das Prädikat des Satzes. Die Frage ist dann weniger „Wen oder was saugst/wischst du?“ als „Was tust du?“ (eine weitergehende grammatische Analyse dieser Spezialfälle muss ich an dieser Stelle schuldig bleiben).

Hiermit ist nur erläutert, dass „Staub wischen“ und „Staub saugen“ mit „Auto fahren“ und „Karten spielen“ vergleichbar sind. Bei „Staub saugen“ gibt es aber noch mehr zu sagen. Diese Wendung kann nämlich als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen. Dann wird die ganze Wendung zu einer untrennbaren Verbverbindung, die zusammengeschrieben wird:

die Teppiche staubsaugen
Ich habe das ganze Haus gestaubsaugt
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen.

Die zusammengeschriebene Form kann auch verwendet werden, wenn das Akkusativobjekt nicht genannt wird (man achte auf die Form des Partizips resp. des Infinitivs mit „zu“):

Ich muss noch staubsaugen / Staub saugen
Ich habe im ganzen Haus gestaubsaugt / Staub gesaugt
Vergiss nicht zu staubsaugen / Staub zu saugen

Im Gegensatz dazu kann „Staub wischen“ nicht als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen (nicht: „*das ganze Haus staubwischen“). Deshalb ist die Zusammenschreibung nicht vorgesehen.

Der Unterschied zwischen den beiden Verbausdrücken liegt also nicht darin, dass die eine Tätigkeit mit einem elektrischen Haushaltsgerät und die andere mit Muskelkraft und Putztuch ausgeführt wird. Der Unterschied ist grammatischer Natur und liegt in den verschiedenen Möglichkeiten, sie im Satz mit anderen Satzgliedern (einem Akkusativobjekt) zu verbinden. Doch ganz gleich, ob gestaubsaugt, Staub gesaugt oder Staub gewischt werden muss, zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört keine dieser Tätigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verben substantivieren und die Substantivierung von Verben

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz:

„Beds Are Burning“ ist ein politisches Lied. Es handelt von der Rückgabe von Land an die Pintupi, einen australischen Aborigines-Stamm. (Wikipedia)

Es geht vor allem um „an die Pintupi“ (an + Akkusativ). Kann ich hier fragen: „An wen wird das Land zurückgeben?“ Hat das Verb „zurückgeben“ eine feste Präposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

das an, um das es hier geht, ist nicht von zurückgeben, sondern von Rückgabe abhängig. Das Verb zurückgeben steht üblicherweise mit einem Dativ- und einem Akkusativobjekt:

jemandem etwas zurückgeben
wem was zurückgeben?
den Pintupi [das] Land zurückgeben

Wenn das Verb substantiviert wird, ändert sich die Konstruktion: Das Akkusativobjekt wird zum Genitiv oder einer von-Gruppe und das Dativobjekt zu an mit Akkusativ:

die Rückgabe einer Sache/von etwas an jemanden
die Rückgabe des Landes an die Pintupi
die Rückgabe von Land an die Pintupi

Wenn ein Verb (hier: zurückgeben) substantiviert wird (hier: Rückgabe), ändern sich also die Rollen der Objekte, die zum Verb gehören. Dabei gibt es gewisse Regelmäßigkeiten:

  • Das Akkusativobjekt wird zum Genitivattribut (oder einer von-Gruppe, vgl. hier):

junge Menschen beschäftigen – die Beschäftigung junger Menschen
die Kathedrale bauen – der Bau der Kathedrale
das Virus bekämpfen – die Bekämpfung des Virus
meinen Sohn betreuen – die Betreuung meines Sohnes
das Land zurückgeben – die Rückgabe des Landes

Menschen beschäftigen – die Beschäftigung von Menschen
Briefe schreiben – das Schreiben von Briefen
Land zurückgeben – die Rückgabe von Land

  • Ohne Ausnahmen geht es natürlich nicht: Bei einigen Verben wird das Akkusativobjekt bei der Substantivierung nicht zu einem Genitivattribut, sondern zu einer Präpositionalgruppe. Welche Präposition gewählt wird, lässt sich nicht durch eine Regel vorhersagen. Zum Beispiel:

jemanden/etwas fürchten – die Furcht vor jemandem/etwas
jemanden/etwas hassen – der Hass auf jemanden/etwas
jemanden/etwas lieben – die Liebe für jemanden/etwas oder zu jemandem/etwas
jemanden/etwas suchen – die Suche nach jemandem/etwas

  • Noch weniger einheitlich ist, was das Dativobjekt bei der Substantivierung „seines“ Verbs wird. Es wird zwar in der Regel zu einer Präpositionalgruppe, aber welche Präposition gewählt wird (häufig an oder für), ist nicht vorhersagbar und manchmal auch ein bisschen unsicher:

jemandem absagen – die Absage an jemanden
jemandem helfen – die Hilfe für/an jemanden
jemandem gratulieren – die Gratulation für jemanden
jemandem begegnen – die Begegnung mit jemandem
jemandem drohen – die Drohung gegen jemanden
jemandem gehorsamen – der Gehorsam gegenüber jemandem
einer Sache beitreten – der Beitritt zu einer Sache

Das ist nicht alles, was sich über die Substantivierung von Verbkonstruktionen sagen ließe. Ich wollte vor allem zeigen, nach welchen „Regeln“ man aus jemandem etwas zurückgeben bei der Substantivierung die Rückgabe einer Sache an jemanden macht – und Verben substantivieren zu die Substantivierung von Verbgruppen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Geld überwiesen haben wollen

Die Formulierung im Titel ist zweideutig. Behauptet hier jemand, das Geld überwiesen zu haben, oder will jemand, dass das Geld überwiesen wird? Nur der Kontext kann klären, was gemeint ist.

Frage

In meinem Deutschkurs hat sich mal wieder eine Frage im Zusammenhang mit Modalverben ergeben […] In einem Text stand folgender Satz:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt haben.

Um was für eine Verwendungsform handelt es sich hier? Ein subjektiver
Gebrauch von Modalverben ist es ja nicht. Woher kommt das Partizip II?
Ist es vielleicht gar kein Infinitiv Vergangenheit, sondern ein
Adjektiv? Und man könnte es eigentlich ersetzen, zum Beispiel:

Man möchte, dass die Bonuspunkte ausgezahlt werden.

Aber warum würde dann aus einer Passivform eine Aktivform? Können Sie
mir hier weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

diese eher umgangssprachliche Formulierung habe ich noch nie genauer „analysiert“. Ohne weiter in die Tiefe zu gehen, würde ich sie als eine Passivform bezeichnen, die mit dem sogenannten bekommen-Passiv verwandt ist:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt bekommen/erhalten/kriegen.

Im Gegensatz zum bekommen-Passiv, drückt die Konstruktion mit haben mehr einen Zustand oder ein Resultat als einen Vorgang aus:

Ich will das Geld überwiesen haben.
Der Beamte möchte den Vorfall ganz genau erklärt haben.
Die Patientin trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Das ist nicht der einzige Unterschied. Das Passiv mit haben ist stärker als das bekommen-Passiv vom Satzzusammenhang abhängig. Es fällt nämlich formal mit dem „normalen“ Perfekt Aktiv zusammen:

Ich möchte das Geld überwiesen bekommen.
Ich möchte das Geld überwiesen haben.

Während die Formulierung mit bekommen eindeutig ist, könnte die Formulierung mit haben ohne weiteren Zusammenhang auch aktivisch verstanden werden, nämlich dass ich möchte, dass ich das Geld überwiesen habe.

Ohne Modalverb ist der Satz mit haben nur noch aktivisch zu verstehen:

Ich bekomme das Geld überwiesen.
*Ich habe das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Perfekt Aktiv von überweisen).

Ich bekam das Geld überwiesen.
*Ich hatte das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Plusquamperfekt Aktiv von überweisen).

Nur in wenigen Kontexten kommt das haben-Passiv auch ohne Modalverb aus:

Das Pferd lahmt und hat deshalb die Fesseln eingebunden.
Der Patient trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Ich hoffe, dass Sie diese standardsprachlich etwas zweifelhafte Form nicht genauer erklärt haben möchten, denn viel mehr kann ich an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Unter der und unter die Brücke fließen: Wechselpräpositionen und Bewegung

Frage

Es geht um die lokale Präposition „unter“ und deren Rektion (statisch oder mit Bewegung). Welcher Satz ist richtig?:

a) Das Wasser fließt unter der Brücke.
b) Das Wasser fließt unter die Brücke.

Intuitiv würde ich Option a) sagen, aber laut Grammatikregeln („fließen“ beinhaltet eine Bewegung…) wäre Option b) richtig.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die sogenannten Wechselpräpositionen sorgen im Unterricht (für Fremdsprachige) manchmal für Verwirrung. Während die meisten Präpositionen mit einem festen Fall verbunden sind (was schon einen beachtlichen Lernaufwand erfordert), können an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor und zwischen sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Akkusativ stehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man den Fall nicht beliebig wählen kann.

Ein häufiger vorkommendes Missverständnis ist, dass der Akkusativ bei diesen sogenannten Wechselpräpositionen mit Bewegung verbunden ist, während der Dativ für eine statische Ortsangabe dient. Zum Beispiel:

Ich lege es auf den Tisch. (Bewegung: legen)
Es liegt auf dem Tisch. (statisch: liegen)

Das ist nicht ganz richtig. Mit dem Akkusativ wird nicht angegeben, dass es sich um Bewegung handelt. Im Akkusativ steht genau genommen das, worauf eine Bewegung oder Handlung zielt (wohin?). Mit dem Dativ wird angegeben, wo etwas ist, aber auch wo etwas geschieht (wo?).

Bewegung hat insofern etwas hiermit zu tun, als die Angabe eines Ziels eine Bewegung auf dieses Ziel hin voraussetzt. Der Akkusativ ist also immer mit einer Bewegung verbunden und steht in Verbindung mit einem Verb, das Bewegung ausdrückt. Man kann aber auch angeben, an welchem Ort eine Bewegung oder Handlung stattfindet. Dann steht auch bei Bewegungsverben nach einer Wechselpräposition der Dativ. Der Akkusativ ist bei Wechselpräpositionen immer mit einer Bewegung verbunden, aber das Umgekehrte gilt nicht: Eine Bewegung ist nicht immer mit einem Akkusativ verbunden. Ein Beispiel:

1) Wir fahren auf die Autobahn
= Wir nehmen die Autobahneinfahrt, um auf die Autobahn zu gelangen
2) Wir fahren auf der Autobahn
= Der Ort, an dem wir fahren, ist die Autobahn

In beiden Fällen geht es um eine Bewegung, denn „fahren“ ist ein Bewegungsverb. Bei 1) wird das Ziel der Bewegung angegeben (Akkusativ – wohin fahren?), bei 2) wird der Ort angegeben, an dem die Bewegung stattfindet (Dativ – wo fahren?).

In ähnlicher Weise kann man auch den Satz in Ihrer Frage interpretieren:

3) Das Wasser fließt unter die Brücke
= Der Ort, an den das Wasser fließt, ist die Brücke (wohin fließen?)
4) Das Wasser fließt unter der Brücke
= Der Ort, unter dem das Wasser (hindurch)fließt, ist die Brücke (wo fließen?)

Die Formulierung 3) ist nicht ausgeschlossen*, aber weniger wahrscheinlich. Gemeint ist meistens 4), denn die Brücke ist ja nicht das Ziel der Bewegung des Wassers, sondern der Ort, an dem das Wasser fließt.

Mit „Ziel“ impliziert man zwar Bewegung, aber mit „Bewegung“ schließt man den Dativ bei den Wechselpräpositionen nicht aus. Man spricht deshalb bei den Wechselpräpositionen im Unterricht besser nicht von „Bewegung“ oder „dynamisch“ und „statisch“, sondern einfach von „Ziel/wohin?“ und „Ort/wo?“. Es ist für Lernende auch dann noch kompliziert und verwirrend genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Zum Beispiel: Das Wasser fließt unter die Brücke und von dort wieder weiter. Gerade durch die Möglichkeit solcher Formulierungen kann die Verwendung der Wechselpräpositionen für Deutschlernende zumindest am Anfang sehr schwierig sein.

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Was ist das „schön“ in „sich schön machen“?

Trotz des heutigen Rosenmontags hier kein buntes Karnevalstreiben, kein ausgelassener Faschingstrubel und keine fröhliche Fasnachtsfeier, sondern trockene Syntax.

Frage

Ich habe einen Zweifel im Zusammenhang mit folgendem Satz:

Ich mache mich schön für das Fest.

Welche syntaktische Funktion hat das Wort „schön“ in diesem Satz, Attribut oder Adverb?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wie das „schön“ in „Ich mache mich schön“ genau genannt werden soll, darüber sind sich die verschiedenen Grammatiken nicht einig. Zuerst aber dazu, was es nicht ist:

Es ist keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf das Verb, sondern auf das Objekt des Satzes. In

Ich schminke mich schnell

ist „schnell“ eine Adverbialbestimmung (der Art und Weise). Es gibt an, wie das Schminken geschieht. In

Ich mache mich schön

ist „schön“ keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf die Verbhandlung, sondern auf das Akkusativobjekt „mich“.

In Ihrem Satz ist „schön“ auch kein Attribut, denn ein Attribut gehört, sehr grob gesagt, zu einem Nomen, Adjektiv oder Adverb und kann nur zusammen mit diesem verschoben werden. Hier bestimmt „schön“ zwar „mich“ näher, aber die beiden Elemente bilden zusammen kein Satzglied.

In „Ich mache mich schön“ ist „schön“ ein Prädikativ im weiteren Sinne, das heißt ein Prädikativ, das nicht bei einem Kopulaverb (sein, werden, bleiben; finden, halten für u. a. m.), sondern bei einem Vollverb steht. Ein Prädikativ bildet zusammen mit dem Verb das Prädikat des Satzes, das heißt die zentrale Einheit des Satzes, von der andere Satzzeile wie Subjekt, Objekte und Adverbialbestimmungen abhängig sind.

Je nach Grammatik wird ein Prädikativ wie dieses „schön“ Resultatsprädikativ, Objektsprädikativ bei kausativen Verben, freies Prädikativ, Resultativprädikativ, resultatives Objektsprädikativ oder sogar Prädikativkomplement in der Transitivierungskonstruktion genannt. Was damit gemeint ist, sieht man am besten anhand einiger Beispiele:

Du hast das Spielzeug kaputt gemacht.
Trinkt eure Gläser leer!
Das Eiweiß steif schlagen
Der Hund beißt das Kaninchen tot.
Der Prinz küsst Dornröschen wach.
Wir liefen uns die Füße wund.

Die Verbhandlung bewirkt ein Resultat, und zwar beim Akkusativobjekt. Das Spielzeug ist danach kaputt, die Gläser sind leer, die Sahne steif usw. Die zentrale Einheit des Satzes ist kaputt machen, leer trinken, steif schlagen, tot beißen, wach küssen bzw. wund laufen. Dass das Prädikativ und das Verb  eng zusammengehören sieht man indirekt auch daran, dass solche „resultative Verbverbindungen“ auch zusammengeschrieben werden können: kaputtmachen, leertrinken, steifschlagen, totbeißen, wachküssen bzw. wundlaufen.

Eine eindeutige Antwort, wie das „schön“ in Ihrem Beispiel genannt wird, kann ich Ihnen hier also nicht geben. Es sollte aber hoffentlich ein bisschen klarer sein, welche Funktion es im Satz hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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