Das hartnäckige „zu“

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wiederholung von Wörtern durch Weglassen zu vermeiden. Diese sprachliche „Sparmethode“ ist wichtig, hilfreich und effizient, aber sie hat ihre Grenzen. So sträubt sich zum Beispiel das zu einem Infinitiv gehörende zu erfolgreich dagegen, weggelassen zu werden:

Frage

In einem Buch habe ich diesen Satz gelesen: „Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und lösen.“ Ich verstehe nicht, warum kein „zu“ vor dem Verb „lösen“ steht […].

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn der Satz ist so nicht richtig formuliert. Ein zum Infinitiv gehörendes zu kann auch bei Aufzählungen nicht weggelassen werden, das heißt, es muss immer bei jedem Infinitiv wiederholt werden:

nicht: Ich freue mich darauf dich zu sehen und sprechen.
sondern: Ich freue mich darauf, dich zu sehen und zu sprechen.

nicht: Es begann zu stürmen, donnern und blitzen.
sondern: Es begann zu stürmen, zu donnern und zu blitzen.

nicht: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder verkaufen
sondern: der geeignete Zeitpunkt, eine Immobilie zu kaufen oder zu verkaufen

Der Satz, den Sie zitieren, lautet also richtig:

Ein Beispiel wäre ein Computer, der fähig ist, Probleme relativ selbständig zu bearbeiten und zu lösen.

So einfach kann es manchmal sein. Diese und weitere Einschränkungen beim Weglassen von gemeinsamen Wörtern in Zusammenziehungen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die vielen Male, die oder dass?

Frage

Was ist korrekt: „die vielen Male, wo …“, „die vielen Male, dass …“ oder „die vielen Male, die …“ – oder sonst etwas? Ich bin ratlos und finde nirgends etwas, das mir weiterhilft.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

am besten wählen Sie hier dass:

Die vielen Male, dass ich das getan habe.

Ebenso wie:

Das erste/zweite/einzige/letzte/sovielte Mal, dass ich das getan habe.

Die Verwendung von wo gilt hier als umgangssprachlich und das Relativpronomen die bzw. im Singular das passt hier nicht.

Warum steht hier nicht das Relativpronomen das oder die, sondern die Konjunktion dass? Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste lautet, dass man das Relativpronomen das immer durch welches und die durch welche ersetzen kann. Die zweite geht mehr auf die Funktion des Wörtchens ein:

Wenn man das Relativpronomen wählt, muss es im Relativsatz eine Funktion haben. Das ist zum Beispiel in seltenen Fällen wie diesen so:

Das ist das eine Mal, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.
das = Subjekt; durch „welches“ ersetzbar

Das ist das einzige Mal, das ich hier erwähnen will.
das = Akkusativobjekt; durch „welches“ ersetzbar

Ebenso (die ist durch welche ersetzbar):

die vielen Male, die mir in Erinnerung geblieben sind
die wenigen Male, die ich hier erwähnen will

Die Sätze klingen zum Teil etwas ungewöhnlich.

In den meisten Fällen folgt aber auf Mal kein Relativsatz, sondern ein dass-Satz. Die Konjunktion dass hat keine andere Funktion, als den Nebensatz einzuleiten. Sie hat im Nebensatz selbst keine Funktion:

Das ist das einzige Mal, dass ich das getan habe.
dass = Konjunktion; nicht durch „welches“ ersetzbar
(nicht: Das ist das einzige Mal, *das ich das getan habe.)

die vielen Male, dass ich das getan habe
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die vielen Male, *die ich das getan habe)

die wenigen Male, dass sie ihre Eltern besucht haben
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die wenigen Male, *die sie ihre Eltern besucht haben)

Sie kommen nicht häufig vor, aber es gibt auch andere Konstruktionen, in denen ein dass-Satz von einem (nicht von einem Verb abgeleiteten) Substantiv abhängig ist:

Es ist (höchste) Zeit, dass ihr geht.
Das Problem, dass die beiden Wörter gleich klingen, macht das Schreiben nicht einfacher.

Im letzten Beispielsatz steht der Grund, weshalb das und dass manchmal zu Unsicherheiten und Zweifeln führen – und häufig auch einfach zu Flüchtigkeitsfehlern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reihenfolge: „er oder sie“ oder „sie oder er“?

Frage

[…] Der folgende Satz in einem Brief an die Beschäftigten führt zur Irritation:

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.

Mein Chef möchte, dass ich „er oder sie“ in „sie oder er“ abändere. Ich finde, dass dadurch der Eindruck entstehen könnte, dass „sie“ öfter vor verschlossenen Türen stehen könnte als „er“. Gibt es eine Geschlechterregel der Reihenfolge?

Antwort

Guten Tag Frau B,

es gibt keine Regel, nach der es er oder sie oder sie oder er heißen muss. Früher was es üblicher Herr und Frau X als Frau und Herr X zu verwenden. Bei höflichen Anreden ist es umgekehrt auch heute noch üblich, meine Damen und Herren und sehr geehrte Damen und Herren zu sagen und zu schreiben. Wer eher der „alten Schule“ angehört, findet auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter galanter als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aber eine allgemeine Regel gibt es hier wie gesagt nicht.

Entsprechend gibt es keinen Bedeutungsunterschied zwischen weil er oder sie vor verschlossenen Türen steht und weil sie oder er vor verschlossenen Türen steht. Es ist nicht so, dass die mit dem ersten Pronomen gemeinten Personen häufiger vor verschlossenen Türen stehen als die mit dem zweiten Pronomen gemeinten Personen. Sie können also die Reihenfolge beibehalten, die Sie ursprünglich gewählt haben, oder sie gemäß dem (galanten?) Wunsch des Chefs anpassen. (Situationen wie diese, in denen es wenig bis nichts ausmacht, eignen sich manchmal besonders gut dafür, Vorgesetzten wieder einmal wohlwollend recht zu geben – aber das ist ein ganz anderes Thema).

Dadurch wird niemand benachteiligt, weil er oder sie vor verschlossenen Türen stehen muss.
=
Dadurch wird niemand benachteiligt, weil sie oder er vor verschlossenen Türen stehen muss.

Es gibt also keine „Geschlechterregel“ zur Reihenfolge der Pronomen sie und er, ihm und ihr, sein und ihr usw. In längeren Texten steht manchmal abwechselnd er oder sie und sie oder er, vielleicht um dem Missverstand vorzubeugen, die Erstgenannten seien die Wichtigeren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „Es muss die Lösung gefunden werden“ irgendwie seltsam klingt

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „es“ in Passivsätzen, in denen das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat.

Mir ist klar, wie ich einen unpersönlichen Passivsatz mit dem unbestimmten Artikel bilde (a. = Aktiv, b. = Passiv mit „es“):

a. Man muss eine Lösung finden.
b. Es muss eine Lösung gefunden werden.

a. Man kann Patienten empfangen.
b. Es können Patienten empfangen werden.

Aber was passiert, wenn das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat, kann man in diesem Fall das Pronomen „es“ anwenden?

a. Man muss die Lösung finden.
b. Es muss die Lösung gefunden werden.

a. Man kann die Patienten empfangen.
b. Es können die Patienten empfangen werden

Hier klingt das Passiv mit „es“ komisch. Meine konkrete Frage lautet deshalb: Ist das Passiv mit „es“ Anfang des Satzes nur mit dem unbestimmten bzw. ohne Artikel möglich?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die Sätze, die Sie für zweifelhaft halten sind nicht falsch, aber sie sind ungewöhnlich und wirken veraltet oder dichterisch. Das liegt tatsächlich am bestimmten Artikel oder eigentlich daran, was mit dem bestimmten Artikel in der Regel ausgedrückt wird.

Es gibt in der deutschen Wortstellung eine Tendenz, dass Bekanntes, bereits Erwähntes (= Bestimmtes) im Satz weiter links steht als Neues, erstmals Erwähntes (= Unbestimmtes). Zum Beispiel:

Er gibt das Buch einem Freund.
Er gibt dem Freund ein Buch.

Sie hat gestern Patienten empfangen.
Sie hat die Patienten gestern empfangen.

Diese Tendenz scheint auch zu wirken, wenn es um das sogenannten Platzhalter-es geht (= das es, das im Satz an erster Stelle vor der konjugierten Verbform steht, wenn kein anderes Satzglied diese Stelle einnimmt; siehe hier). Wie wir gesehen haben, steht ein bestimmtes Subjekt tendenziell an erster Stelle. Das hat zur Folge, dass das Platzhalter-es  dort weniger gut zum Zuge kommen kann. Bei einem unbestimmten Subjekt hingegen, das tendenziell weiter hinten im Satz steht, kann das es viel einfacher die erste Stelle im Satz einnehmen:

Es können hier Patienten empfangen werden. (problemlos)
Es können die Patienten hier empfangen werden. (ungewöhnlich)

Es muss eine Lösung gefunden werden. (problemlos)
Es muss die Lösung gefunden werden. (ungewöhnlich)

Das gilt auch bei anderen Formulierungen mit dem Platzhalter-es:

Es steht ein Schrank im Korridor. (problemlos)
Es steht der Schrank im Korridor. (ungewöhnlich)

Es wartet eine Frau auf Sie. (problemlos)
Es wartet die Frau auf Sie. (ungewöhnlich)

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Regel, die Sie am Schluss Ihrer Frage andeuten, ist richtig, außer dass es keine Regel, sondern nur eine starke Tendenz ist: Im heutigen Deutschen wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es und einem Subjekt mit einem bestimmten Artikel meistens ungewöhnlich, das heißt veraltet, dichterisch oder sehr gehoben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz so einfach ist es natürlich auch hier nicht, denn auch diese Tendenz kennt Ausnahmen. Zum Beispiel:

Es stellt sich hier die Frage, welche und wie viele Ausnahmen es gibt.

Diese Wendung klingt nicht ungewöhnlich, obwohl das Subjekt (die Frage) den bestimmten Artikel bei sich hat.

Diejenigen oder jene, die …?

Frage

Leider tauchen immer wieder Fragen zur deutschen Grammatik auf, bei denen die eigene Internetrecherche und der Blick in Nachschlagewerke und Sprachratgeber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führt. […] Ich wende mich also wieder an Sie. Im Duden, Bd. 9 heißt es:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht korrekt, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“

Vor dem Hintergrund dieser Dudenregel leuchtet mir der Gebrauch von „jener“ eigentlich nur noch bei „dieser/jener“ ein. Um die Sache an Beispielen zu verhandeln:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

Diese Sätze müssten nach dem Obigen falsch sein. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich darüber aufklären könnten, 1) welcher Gebrauch vom Duden als korrekt angesehen wird, 2) welcher Gebrauch Ihnen sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass der De-facto-Sprachgebrauch in diesem Fall stark von der Dudenregel abweicht. In der österreichischen Zeit im Bild geht es beispielsweise allabendlich um „jene, die geimpft oder genesen sind“.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie verwenden wahrscheinlich eine ältere Ausgabe von Duden Bd. 9, Richtiges und gutes Deutsch. In der 8. Auflage, 2016, steht die zitierte „Regel“ nämlich in etwas abgeschwächter Form:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht sinnvoll, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen, weil mit „jener“ auf etwas Fernes verwiesen wird. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“ Nicht: „Das sind meine Absichten und jene meiner Kollegen.“ Sondern: „Das sind meine Absichten und die meiner Kollegen.“

Die Angabe nicht korrekt wurde zu nicht sinnvoll heruntergestuft. Als Begründung wird angegeben, dass mit jener auf etwas Fernes verwiesen werde. Das ist dann richtig, wenn jener nur als Gegensatz zu dieser verwendet werden kann. Ist das wirklich so? Das hängt davon ab, wo man sich befindet. Nach den Angaben der Variantengrammatik zu diesem Thema wird – etwas vereinfacht ausgedrückt – in Deutschland vor allem derjenige, der verwendet, während in der Schweiz und vor allem in Österreich jener, der vorherrscht. Besser wäre es also, zu sagen, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jener, der zu verwenden, dies aber in Österreich und der Schweiz – auch in der Standardsprache – gebräuchlich ist.

Diese Sicht wurde inzwischen auch von der Duden-Redaktion übernommen. In der 9. Auflage von Duden Bd. 9, 2021, steht nun:

3. jener / der[jenige]: Als Demonstrativpronomen wird „derjenige (dasjenige, diejenige)“ in Deutschland klar gegenüber „jener (jenes, jene)“ bevorzugt: „Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). In Österreich und der Schweiz hingegen wird häufiger „jener“ verwendet: „Er […] werde sich mit der ganzen Energie für jene einsetzen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ (Salzburger Nachrichten).

Die „teutonozentrische“ Sichtweise wurde hier also zugunsten einer Sichtweise verlassen, die regionale Unterschiede respektiert.

Zu Ihren Beispielen: Wenn ich die Angaben in Variantengrammatik und Duden richtig verstehe, heißt es in Deutschland vor allem:

Sie sprach über die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über die[jenigen] Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

In Österreich und in der Schweiz (sowie in Liechtenstein und in Südtirol) eher:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene/die Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

All denjenigen oder all jenen, die glauben, dass Regeln in Grammatik- und Stilbüchern unverrückbar feststehen, möge dies ein Beispiel für das Gegenteil sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist es[?] nicht würdig, erwähnt zu werden

Auch Dr. Bopp ist nicht unfehlbar (das wussten Sie natürlich schon):

Frage

Bitte erläutern Sie mir die Satzkonstruktion Ihres Satzes

Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden

in diesem Artikel.

Das „es“ ist abhängig von „würdig“ und Akkusativ […], aber „würdig“ wird normalerweise mit dem Genitiv kombiniert. Der Genitiv von „es“ ist „seiner“ (was aber merkwürdig klingen würde). Kann „es“ auch der Genitiv von „es“ sein oder wird „würdig“ auch mit einem Akkusativ kombiniert? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das „es“ in „Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden“ ist ein Korrelat, das heißt, es ist ein Wort, das im übergeordneten Satz stellvertretend für die Infinitivgruppe „erwähnt zu werden“ steht. Die Wendung „würdig sein“ verlangt, wie Sie richtig bemerken, den Genitiv („jemandes/einer Sache würdig sein“). Das Korrelat für einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe mit der Funktion eines Genitivobjekts ist eigentlich „dessen“. Es müsste also heißen:

Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.

Ein solches Korrelat im Genitiv ist aber sehr selten, denn es klingt sehr gehoben. Häufig wird deshalb statt a) einer Formulierung mit „dessen“ b) eine Konstruktion mit einem anderen Korrelat oder c) eine Konstruktion ohne ein Korrelat gewählt:

a) mit Korrelat „dessen“
b) mit anderem Korrelat
c) ohne Korrelat

a) Ich schäme mich dessen, dich nicht erkannt zu haben.
b) Ich schäme mich dafür, dich nicht erkannt zu haben.
c) Ich schäme mich, dich nicht erkannt zu haben.

a) Sie vergewisserte sich dessen, dass die Fenster geschlossen waren.
b) Sie vergewisserte sich davon, dass die Fenster geschlossen waren.
c) Sie vergewisserte sich, dass die Fenster geschlossen waren.

a) Das ist dessen nicht wert, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht wert, erwähnt zu werden.
c) Das ist nicht wert, erwähnt zu werden.

Die Alternativen b) mit einem anderen Korrelat sind dann gut möglich, wenn es für die Konstruktion mit dem Genitiv auch standardsprachlich akzeptierte Varianten gibt. Das ist bei den Beispielen oben der Fall:

sich einer Sache schämen (dessen)
sich für etwas schämen (dafür)

sich einer Sache vergewissern (dessen)
sich von etwas vergewissern (davon)

einer Sache wert sein (dessen)
etwas wert sein (es)

Wie ist es nun beim Satz, den Sie zitieren?

a) Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden. [?]
c) Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden.

Während „etwas wert sein“ standardsprachlich akzeptiert ist, gilt dies für „etwas würdig sein“ (noch?) nicht. Deshalb hätte ich in einer Sprachrubrik besser nicht die Variante b) mit „es“, sondern die Variante c) ohne Korrelat verwendet. Obwohl ein schneller Blick in die Korpora zeigt, dass „es (nicht) würdig sein + Infinitivgruppe o. dass-Satz“ heute hin und wieder auch in standardsprachlichen Kontexten vorkommt, ist diese Konstruktion nicht oder noch nicht allgemein akzeptiert. Und warum nicht die Variante a) mit „dessen“? – Weil sie mir einfach zu gehoben oder veraltend klingt.

Bevor Sie nun vermuten, ich wolle mich mit vielen Worten herausreden, hier noch eine kurze Antwort: Die Formulierung mit „es“ ist bei „würdig“ standardsprachlich (noch?) nicht akzeptiert. Ich hätte besser „Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden“ oder eine andere Formulierung verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer könnte es getan haben oder wer hätte es tun können?

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Ich habe mich dann gefragt, ob er auch wie folgt umformuliert werden könnte:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Gibt es einen Bedeutungsunterschied?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

beide Formulierungen sind möglich, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Welche Faktoren könnten das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben?
… welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Wenn Sie so formulieren, hat das Blühphänomen stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es möglicherweise ausgelöst haben.

Welche Kulturfaktoren hätten das dargestellte Blühphänomen auslösen können?
… welche Kulturfaktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Bei dieser Formulierung hat das Blühphänomen nicht stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es hätten auslösen können.

Der Unterschied lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hier noch ein Beispiel:

Wer könnte es getan haben?

Es wurde getan. Wer hatte (vermutlich) die Möglichkeit, es zu tun?

Wer hätte es tun können?

Es wurde nicht getan. Wer hätte die Möglichkeit gehabt, es zu tun?

Es ist übrigens fraglich, ob der Unterschied wirklich immer so eingehalten wird. Die Verbgruppen sind komplex und einander ähnlich.

Im ersten Fall wird der Konjunktiv II Gegenwart von können (könnte) mit dem Infinitiv Perfekt von tun (getan haben) kombiniert: könnte getan haben. Es wird eine Vermutung über etwas Vergangenes geäußert. 

Im zweiten Fall wird der Konjunktiv II Vergangenheit von können (hätte können) mit dem Infinitiv Präsens von tun (tun) kombiniert: hätte tun können. Es wird etwas Irreales in der Vergangenheit ausgedrückt.

Wenn Sie all dem nicht mehr folgen können oder wollen oder es Ihnen allzu spitzfindig vorkommt, keine Sorge: Die Bedeutungsunterscheidung wird, wie schon oben gesagt, nicht immer so eingehalten. In der Regel ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, was genau gemeint ist. Ohne jeglichen Kontext ist es sowieso oft schwierig, solche Äußerungen zu interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was ist/sind der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Wer auf eine Frage zum Prozentrechnen hofft, wird enttäuscht sein. Es geht um Grammatik:

Frage

Wie heißt es richtig:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.

oder:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die kurze Antwort lautet: Beide Formulierungen sind vertretbar. Die grammatische Begründung (oder der Versuch dazu) fällt etwas länger aus:

Man kann den Satz als einen Gleichsetzungssatz interpretieren, in dem das Fragepronomen was über das Verb sein mit einem weiteren Satzteil im Nominativ verbunden ist. Wenn dieser zweite Nominativ im Plural steht, steht das Verb auch im Plural:

Was sind Gleichsetzungssätze?
Was sind deine Pläne?

Das gilt im Prinzip auch bei einer mehrteiligen Wortgruppe, deren Teile durch und  verbunden sind, denn sie ist ja auch pluralisch:

Was sind der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was sind hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Soweit eine grammatisch gut vertretbare Erklärung.

Es gibt aber ein kleines Problem: In der Sprachrealität kommen hier bei mehrteiligen Wortgruppen sehr häufig Formulierungen vor, bei denen das Verb im Singular steht:

Was ist der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Obwohl diese Formulierungen nach der oben stehenden Erklärung nicht richtig sind, klingen sie auch in meinen Ohren gar nicht so falsch. Das liegt daran, dass man diese Konstruktion auch anders interpretieren kann: nicht als einen einzigen Satz mit einer mehrteiligen Nominativgruppe, sondern als mehrere zusammengezogene Teilsätze mit jeweils einem Nominativ im Singular. Bei dieser Interpretation steht das Verb einmal im Singular und wird in den anderen Teilsätzen „einfach“ weggelassen:

Was ist der Vorteil und [was ist] der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, [was ist hier] der Prozentwert und [was ist hier] die Prozentzahl?

Beide Formulierungen sind also vertretbar, weil man von

  1. einem einzigen Satz
  2. mehreren zusammengezogenen Teilsätzen

sprechen kann.

In Ihrem Satz kommt „komplizierend“ hinzu, dass es sich um einen einzelnen Nebensatz bzw. um drei zusammengezogene Nebensätze handelt. Das wirkt sich u. a. auf die Stellung des Verbs aus:

  1. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.
  2. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.
    (vgl.: Gib an, was hier der Grundwert [ist], [was hier] der Prozentwert [ist] und [was hier] die Prozentzahl ist.)

Es gäbe noch zwei, drei weitere Aspekte zu erwähnen, aber im Allgemeinen scheint der Singular für das Verb bei Formulierungen dieser Art häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wer von den Enkelinnen?“, „Welche von den Enkelinnen?” und „Welche der Enkelinnen?“

Frage

Ich habe folgende Frage: Eine Großmutter hat vier Enkelinnen. Sie weiß nicht …

a) wer von ihnen ihr Haus erben soll.
b) wer von den vier Enkelinnen ihr Haus erben soll.
c) wer der vier Enkelinnen ihr Haus erben soll.
d) welche von ihnen ihr Haus erben soll.
e) welche von den vier Enkelinnen das Haus erben soll.
f) welche der vier Enkelinnen das Haus erben soll.

Welche Sätze sind grammatikalisch richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

von den sechs Varianten, die Sie aufzählen, ist standardsprachlich nur eine nicht üblich. Sie sagen besser nicht:

*wer der vier Enkelinnen (c)

Nach dem Fragepronomen wer wird in der Regel mit von angeschlossen:

wer von ihnen (a)
wer von den vier Enkelinnen (b)

Nach welche hingegen kann sowohl mit von als auch mit dem Genitiv angeschlossen werden, wenn ein Artikelwort steht. Manche halten hier den Genitiv für stilistisch besser:

welche von den vier Enkelinnen (e)
welche der vier Enkelinnen (f)

Auch nach welche kann nur mit von angeschlossen werden, wenn ein Pronomen folgt:

welche von ihnen (d)

Es gibt hier also verschiedene Möglichkeiten, die alle gut vertretbar sind. Nur wer mit dem Genitiv ist nicht üblich. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Ergänzend sei aber gesagt, dass auch nach was, etwas, irgendwer, jemand, niemand, nichts, ein bisschen und ein wenig in der Regel mit von und nicht mit dem Genitiv angeschlossen wird:

Was von diesen Dingen brauchst du noch?
Jemand/Niemand von den Nachbarn hat die Katze gesehen.
Ich möchte nichts/etwas/ein wenig von diesem Kuchen.

Siehe auch diese Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp