Bindestrich nach Fugen-s:
Ausführungsbestimmungs-konform oder ausführungsbestimmungskonform?

Frage

Wegen des Fugen-s besteht Unsicherheit, welche Möglichkeiten man hat, folgende Wortzusammensetzung zu schreiben.

1) Ausführungsbestimmungs-konform
2) ausführungsbestimmungskonform

Falls beide Möglichkeiten gehen, was ist die Empfehlung?

Antwort

Guten Tag A.,

die Rechtschreibregelung „verbietet“ es nicht, einen Bindestrich auf ein Fugenelement folgen zu lassen. Stilistisch ist es meist nicht sehr überzeugend, direkt nach einem Fugenelement einen Bindestrich zu schreiben. Schließlich gibt ja das Fugenelement schon an, wo die Trennstelle zwischen den beiden Wortteilen liegt. Bei unübersichtlichen und sehr (oder viel zu) langen Zusamensetzungen ist dennoch die Bindestrichschreibung anzuraten:

Hochgeschwindigkeits-Internetzugang
(oder: Hochgeschwindigkeitsinternetzugang)

Manchmal ist der Bindestrich auch obligatorisch, zum Beispiel in Zusammensetzungen mit Abkürzungen:

Installations-ID
Fugen-s

Für das Wort in Ihrer Frage sind somit beide Schreibungen möglich. Ich neige allgemein dazu, die Schreibungen mit „verdeutlichendem“ Bindestrich für gar nicht so verdeutlichend zu halten und die Zusammenschreibung zu wählen:

ausführungsbestimmungskonform
die ausführungsbestimmungskonforme Verarbeitung personengebundener Daten

Hier kommt hinzu, dass der Bindestrich bei Substantiv-Adjektiv-Zusammensetzungen bewirkt, dass das Gesamtwort einen großen Anfangsbuchstaben erhält, obwohl es ein Adjektiv ist. Das macht nach meinem Empfinden die durch den Bindestrich gewonnene Verdeutlichung wieder zunichte:

Ausführungsbestimmungs-konform
die Ausführungsbestimmungs-konforme Verarbeitung personengebundener Daten

In diesem Fall würde ich – wenn irgendwie möglich – sowieso eine weniger „bürokratische“, lesefreundlichere Variante wählen wie zum Beispiel:

den Ausführungsbestimmungen konform
mit den Ausführungsbestimmungen konform

eine [mit] den Ausführungsbestimmungen konforme Verarbeitung personengebundener Daten
personengebundene Daten in Übereinstimmung mit den Ausführungsbestimmungen [zu] verarbeiten

Formulierungen dieser Art sind zwar länger, aber für das nicht an Behördendeutsch gewöhnte Auge wahrscheinlich schneller und einfacher zu verstehen. Meine Empfehlung, allzu lange Wörter zu vermeiden, ist letztlich aber Ansichts- oder Geschmackssache. Streng nach Regeln sind, wie gesagt, sowohl „ausführungsbestimmungskonform“ als auch „Ausführungsbestimmungs‑konform“ mögliche Schreibungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Sehen Sie“ statt „Siehe“ für höfliche Menschen?

Frage

Im Zusammenhang mit Abkürzungen ist mir aufgefallen, dass es Abkürzungen nicht nur für Substantive, Adjektive, Adverbien und Partikeln gibt, sondern auch „s.“ für „siehe“ und „vgl.“ für „vergleiche“, das heißt für flektierte Verbformen (beides Imperativ der 2. Person Singular). Wenn ich diese Abkürzungen verwende, duze ich dann den Leser? Gibt es noch andere Abkürzungen für flektierte Verben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn man davon ausgeht, dass „siehe“ und „vergleiche“ hier einfach Imperativformen sind, sieht es tatsächlich so aus, als würde man die Leserschaft duzen. Wären dann für höfliche Menschen nicht eher Formulierungen wie „sehen Sie“ und „vergleichen Sie“ angebracht? – Nein, das muss nicht sein.

Die Form „siehe“ ist eine spezielle Imperativform, die fast nur in gewissen Ausrufen und eben bei Verweisen vorkommt:

Siehe da!
Siehe unten/Seite 22/nächstes Kapitel/…

Der „normale“ Imperativ Singular von „sehen“ kommt in der Regel ohne die Endung e aus:

Ändere die Einstellungen und sieh was passiert!
Sieh ihn als das, was er ist!

Bei „vergleiche“ könnte man mit ganz viel gutem Willen auch sagen, dass es eine Verkürzung von „man vergleiche“ ist, also ein Konjunktiv der dritten Person Singular (vgl. „man bemerke“).

Es ist aber gar nicht so wichtig, ob „siehe“ eine spezielle Form ist und „vergleiche“ als Konjunktiv angesehen werden kann. In Texten sind „s.“ und „siehe“ bzw. „vgl.“ und „vergleiche“ feststehende Ausdrucksformen, die nicht als Duzformen empfunden werden, ganz gleich wie man sie formal interpretiert. Sie können also auch als höflicher Mensch diese Art zu verweisen in Ihren Texten verwenden, ohne dass Sie damit riskieren, jemandem zu nahe zu treten.

Konjugierte Verbformen sind bei den gebräuchlichen Abkürzungen tatsächlich vergleichsweise selten. Hier noch ein paar Beispiele:

erg. = ergänze
d. h. = das heißt
d. i. = das ist
u. A. w. g. = um Antwort wird gebeten

Etwas häufiger sind Abkürzungen für infinite Verbformen (Partizip, Infinitiv), zum Beispiel:

anschl. = anschließend
beil. = beiliegend
erw. = erwähnt; erweitert
hrsg. = herausgegeben
übers. = übersetzt
zgst. = zusammengestellt
abk. = abkürzen
b. w. = bitte wenden

So viel zu bei V. übl. Abk. Wie man sieht, ist abgekürzt zwar kurz und bündig, aber nicht immer allzu lesefreundlich (und höflich?).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend“ aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

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Höflich verweisen: „siehe“ oder „sehen Sie“?

Frage

Bei uns kam die Frage auf, ob in einem Buch, das in der Sie-Form geschrieben ist, Seitenverweise mit „siehe“ eingeleitet werden dürfen. Eigentlich handelt es sich ja um den Imperativ in der Du-Form. Immer „sehen Sie Seite XX“ zu schreiben, kommt mir aber äußerst seltsam vor.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

„siehe“ ist eine alte Form, die heute in Anweisungen wie

siehe oben/unten/S. 23/Anhang/auch/…

oder in Ausrufen wie

siehe da!

verwendet wird. Die Form „siehe“ ist hier keine eigentliche du-Form (mehr), das heißt, sie wird auch in Texten verwendet, die in der Höflichkeitsform abgefasst sind.

Als Anweisung ist „siehe X“ im heutigen Deutschen zu einer festen Wendung in Texten geworden, denn gemeint ist ja nicht „etwas sehen“ („etwas erblicken“, „etwas mit den Augen wahrnehmen“), sondern „etwas ansehen“, „etwas betrachten“. Mit der Bedeutung „ansehen“ kommt „sehen“ im heutigen Deutschen eigentlich nur noch vor, wenn es um Filme und Sendungen geht:

Hast du den neuen „James-Bond-Film“ schon gesehen?
Ich rufe dich später zurück, wir sehen gerade „Tatort“.

Man verwendet deshalb bei Verweisen in Büchern u. Ä. in der Regel nicht die sonst übliche Imperativform des Singulars „sieh“, nicht die Pluralform „seht“ und besser auch nicht die Höflichkeitsform „sehen Sie“; also besser nicht:

sieh S. 23
seht S. 23
sehen Sie S. 23

sondern in allen Fällen

siehe S. 23

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum „sehen Sie Seite XX“ Ihnen äußerst seltsam vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Modus in Rezepten – Man nehme …

Und heute gleich noch einmal etwas zur Sprache in Kochrezepten:

Frage

Meine Frage dreht sich um die Stellung des Prädikats. In einem Deutschübungsbuch finden sich die folgenden Beispiele:

Bevor Sie den Teig in die Pfanne […] gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Meines Erachtens handelt es sich bei diesen Sätzen um Aufforderungssätze (Imperativ der Höflichkeitsform), weshalb das finite Verb auch an erster Stelle stehen muss und am Ende ein Rufzeichen zu setzen ist. Also:

Mischen Sie Rosinen dazu, bevor Sie den Teig in die Pfanne geben!
Erhitzen Sie nun die Pfanne!

Sehe ich das so richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie hätten recht, wenn Rezepte zwingend im Imperativ geschrieben werden müssten. Das ist aber nicht so. In Rezepten wird eine erstaunliche Vielfalt von Modi verwendet!

Früher kam in Rezepten häufig der Konjunktiv I in Verbindung mit dem unpersönlichen „man“ vor:

Man erhitze das Öl in einer Bratpfanne, röste die gehackten Zwiebeln kurz an und gebe dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Man wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gebe diese in eine große Salatschüssel.
Man mische Rosinen zum Teig und gieße ihn in die Pfanne.
Nun erhitze man die Pfanne.

Diese Art zu formulieren macht in der heutigen Sprache einen etwas altmodischen Eindruck. Stattdessen steht nun sehr häufig der Infinitiv:

Das Öl in einer Bratpfanne erhitzen, die gehackten Zwiebeln kurz anrösten und dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzugeben.
Das Gemüse gründlich waschen, Gurke und Tomaten in Würfel schneiden und diese in eine große Salatschüssel geben.
Rosinen zum Teig mischen und den Teig ihn in die Pfanne gießen.
Nun die Pfanne erhitzen.

Aber auch der Indikativ kommt hier manchmal vor, zum Beispiel im Deutschübungsbuch, aus dem Sie zitieren. Das Rezept ist dann sozusagen eine Beschreibung dessen, was getan wird:

Sie erhitzen das Öl in einer Bratpfanne, rösten die gehackten Zwiebeln kurz an und geben dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Sie waschen das Gemüse gründlich, schneiden Gurke und Tomaten in Würfel und geben diese in eine große Salatschüssel.
Bevor Sie den Teig in die Pfanne gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Der Imperativ wird ebenfalls verwendet, in der Regel aber ohne Ausrufezeichen (mit Ausrufezeichen sähe ein längeres Rezept wie eine Sammlung von Befehlen auf dem Exerzierhof einer Kaserne aus):

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne, rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an und geben Sie dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gib diese in eine große Salatschüssel.
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne.
Erhitzen Sie nun die Pfanne.

Auch eine Mischung von Imperativ und Indikativ kommt vor:

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne und rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an [Imp]. Dann geben Sie die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu [Ind].
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne [Imp]. Nun erhitzen Sie die Pfanne [Ind].

Man könnte zwar sagen, dass Rezepte Aufforderungen sind, wie etwas zubereitet werden soll, sie stehen deswegen aber lange nicht immer im Imperativ. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt: vom Konjunktiv I über den Infinitiv und den Indikativ bis hin zum ausrufezeichenlosen Imperativ. Man nehme einfach die Form, die am besten gefällt / Einfach die Form nehmen, die am besten gefällt / Sie nehmen einfach die Form, die am besten gefällt / Nehmen Sie einfach die Form, die am besten gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Doppelte Reflexivpronomen sind standhaft: sich sich, dich dich, euch euch

Frage

Der Satz

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der selbst vom Thron gestoßene Sohn aus der Politik zurückziehe.

ist mit Sicherheit nicht korrekt. Aber wie müsste man es richtig machen? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

der Satz ist tatsächlich nicht richtig formuliert. Es fehlt im etwas, wie auch diesen Sätzen etwas fehlt:

*Sie haben sich nicht an die Anweisungen haltend prompt verirrt.
*Dann begann das sich langweilende Publikum zu beklagen.
*Der Fluss windet sich immer erweiternd durch die grüne Landschaft.
*Ich bemühe mich nicht in Details zu verlieren.
*Schämt euch über andere lustig zu machen!

Wenn in einem Satz zwei Verbformen vorkommen, die beide ein Reflexivpronomen fordern, müssen beide Pronomen genannt werden – auch dann, wenn Ihr Korrekturprogramm vorschlägt, eines der beiden zu streichen. Es muss deshalb richtig heißen:

Sie haben sich, sich nicht an die Anweisungen haltend, prompt verirrt.
Dann begann das sich langweilende Publikum sich zu beklagen.
Der Fluss windet sich, sich immer erweiternd, durch die grüne Landschaft.
Ich bemühe mich mich nicht in Details zu verlieren.
Schämt euch euch über andere lustig zu machen!

Auch in Ihrem Satz fehlt ein sich. Außerdem sollte hier nicht das einfache Partizip gestoßene, sondern gestoßen habende stehen:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der sich selbst vom Thron gestoßen habende Sohn aus der Politik zurückzieht.

Lange Partizipgruppen dieser Art sind aber sperrig und wenig lesefreundlich. Es ist hier sicher besser, eine andere Formulierung zu wählen. Je nach zeitlichen Verhältnissen zwischen dem Zeitpunkt des Versprechens und dem Zeitpunkt des Thronverzichts zum Beispiel:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls der Sohn, der sich selbst vom Thron gestoßen hatte, sich aus der Politik zurückziehe.
Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der Sohn selbst vom Thron stoße und sich aus der Politik zurückziehe.

So bemüht man sich sich deutlich auszudrücken. Auch dieser (vor)letzte Satz zeigt, dass es stilistisch manchmal besser ist, umzuformulieren, wenn nicht weggelassen werden darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Institut für angewendete Kommunikationsforschung?

Frage

[…] Ich würde ich gerne wissen, warum das Partizip II von „anwenden“ bei fachsprachlichen Wendungen wie „angewandte Psychologie“ immer „angewandt“ lautet. Hätte das „Bochumer Institut für angewandte Kommunikationsforschung“ nicht auch „Bochumer Institut für angewendete Kommunikationsforschung“ heißen können? Abgesehen davon, dass das ziemlich blöd klingen würde, wäre es doch nicht falsch, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach den Angaben in Wörterbüchern und Grammatiken sind bei anwenden im Präteritum und im Perfekt sowohl die abgelauteten Formen (wandte an, angewandt) als auch die regelmäßig gebildeten Formen (wendete an, angewendet) korrekt. So spricht man zum Beispiel von der angewandten/angewendeten Methode, angewandten/angewendeten Arzneimitteln oder der für einen bestimmten Zweck angewandten/angewendeten Technik. Häufiger sind die abgelauteten Formen, insbesondere in formelleren Kontexten.

Es wäre also theoretisch nicht falsch, bestimmte Fachbereiche angewendete Psychologie, angewendete Linguistik oder angewendete Kommunikationsforschung statt angewandte Psychologie, angewandte Linguistik oder angewandte Kommunikationsforschung zu nennen. Das ist aber, wie Sie in Ihrer Frage bereits erwähnen, bei Bezeichnungen dieser Art keineswegs gebräuchlich.

Ist nun das regelmäßige Partizip angewendete hier richtig oder falsch? Im Zweifelsfall gilt: Richtig ist, was üblich ist. Man kann deshalb sagen, dass angewendete Kommunikationsforschung zwar nach den Angaben der Wörterbücher theoretisch möglich, in der Sprachpraxis aber doch nicht richtig ist, ganz einfach, weil es nicht so verwendet (oder verwandt) wird. Richtig ist nur angewandte Kommunikationsforschung (als nachsichtige Korrektorin oder wohlwollender Lehrer geben Sie dennoch höchstens einen halben Punkt Abzug).

Hier zeigt sich wieder einmal, dass man der Sprachrealität mit Regeln und Flexionstabellen nicht immer gerecht werden kann, denn „letztinstanzlich“ gilt diese bereits erwähnte Regel der „angewandten Grammatik“: Richtig ist, was üblich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas

Warnhinweis: Wer Kommafragen nicht mag, klickt besser weiter …

Frage

Soweit ich weiß, wird das „ist“ nicht mit zwei Kommas eingeschlossen. Das ist zwar möglich, aber kein so gutes Deutsch. Beispiel:

Was ich sagen möchte, ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Besser: Was ich sagen möchte ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.

Wie sieht es mit anderen Wörtern aus, die wegen eines eingeschlossenen Satzes plötzlich allein stehen?

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Könnte ich hier auch so schreiben:

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Kann man bei allen alleinstehenden Wörtern das vorherstehende Komma weglassen? Gibt es dafür entsprechende Regeln?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es stimmt, dass es oft nicht sehr schön ist, wenn ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas steht. Die Lösung ist aber nicht, eines der beiden Kommas wegzulassen, wenn beide Kommas obligatorisch sind. Es gibt keine Regel, die es erlaubt, in solchen Fällen ein Komma fallen zu lassen (vgl. hier).  In den folgenden Sätzen kann deshalb keines der Kommas weggelassen werden:

Was ich sagen möchte, ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Was ich sagen möchte, ist, dass ich, wenn ich Lust auf Pizza habe, diese auch essen möchte.

Im ersten Satz könnte die Kommaflut eventuell wie folgt vermieden werden:

Was ich sagen möchte, ist: Wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Ich möchte damit sagen: Wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich sie auch essen.

Bei Ihrem zweiten Beispielsatz wird es etwas komplizierter. Die Infinitivgruppe, die mit über beginnt, kann mit einem Komma abgetrennt werden. Das Komma ist nicht obligatorisch, aber zu empfehlen, damit klar ist, ob nicht den übergeordneten Satz (traute sich nicht) oder die Infinitivgruppe (nicht zu schimpfen) verneint:

Früher traute sich Anne nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
vgl.: Früher traute sich Anne, nicht über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Es ist also besser, vor über ein Komma zu setzen. Weiter kann die Wortgruppe sogar zu Hause auf dem Sofa als Einschub vorn und hinten durch Kommas abgetrennt werden. Diese Kommas sind nicht obligatorisch. Daraus ergeben sich diese Möglichkeiten:

Früher traute sich Anne sogar zu Hause auf dem Sofa nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Weniger kommalastig und stilistisch besser formulieren Sie allerdings mit nicht einmal statt sogar … nicht:

Früher traute sich Anne nicht einmal zu Hause auf dem Sofa über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne nicht einmal zu Hause auf dem Sofa, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne, nicht einmal zu Hause auf dem Sofa, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Wenn ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas steht, die beide obligatorisch sind, kann die Häufung der Kommas – wenn gewünscht – nur durch eine Umformulierung vermieden werden. Was ich mit so vielen Worten sagen möchte, ist, dass Ihre Lösung für solche Fälle leider nicht den Regeln der deutschen Kommasetzung entspricht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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