„Statt dass“ und „ohne dass“ bei gleichem Subjekt

Frage

Es geht um „statt dass“. Angeblich sei das nur bei zwei verschiedenen Subjekten möglich. Aber das scheint mir seltsam.

Hier zwei Beispiel (stilistisch sicher nicht sehr schön…).

1. Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, müssen wir das System jetzt manuell neu starten.
2. Ich schreibe Herrn Dr. Bopp, statt dass ich die Antwort selbst suche.

Im zweiten Satz ist doch das Subjekt „ich“, also identisch. […]

Antwort

Guten Tag Frau I.,

ob man im zweiten Beispielsatz statt dass oder statt zu wählt, ist vor allem eine Frage des Stils. Möglich ist beides. Bei gleichem Subjekt in Haupt- und Nebensatz ist es stilistisch oft (ein bisschen) besser, nach [an]statt eine Infinitivkonstruktion anstelle eines dass-Satzes zu verwenden:

Ich schreibe Dr. Bopp, statt die Antwort selbst zu suchen.

Der dass-Satz ist hier aber auch möglich.

Ich schreibe Dr. Bopp, statt dass ich die Antwort selbst suche.

Die folgenden Formulierungen sind demnach alle möglich:

Er spielt mit seinen Freunden, statt seiner Schwester zu helfen.
Er spielt mit seinen Freunden, statt dass er seiner Schwester hilft.

Statt seiner Schwester zu helfen, spielt Bruno mit seinen Freunden.
Statt dass Bruno seiner Schwester hilft, spielt er mit seinen Freunden.
Statt dass er seiner Schwester hilft, spielt Bruno mit seinen Freunden.

Statt den Fehler zu beheben, verlangt die IT-Abteilung, dass wir das System jetzt manuell starten.
Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, verlangt sie, dass wir das System jetzt manuell starten.
Statt dass sie den Fehler behebt, verlangt die IT-Abteilung, dass wir das System jetzt manuell starten.

Umgekehrt gilt aber, dass eine Infinitivkonstruktion nur dann möglich ist, wenn das Subjekt identisch ist. Deshalb kommt im folgenden Satz nur statt dass in Frage:

Statt dass die IT-Abteilung den Fehler behebt, müssen wir das System jetzt manuell neu starten.

Hier wurde vielleicht eine Regel vereinfacht, die man so nicht vereinfachen kann. Als Regel gilt nämlich:

Die Infinitivkonstruktion ist mit [an]statt nur bei gleichem Subjekt möglich.

Das bedeutet aber nicht, dass bei gleichem Subjekt eine Infinitivkonstruktion stehen muss.

Dasselbe gilt übrigens auch für ohne dass und ohne zu:

Sie hat sich langsam vergiftet, ohne dass sie es bemerkt hat. [Beispielsatz aus GRAMMIS]
Sie hat sich langsam vergiftet, ohne es zu bemerken.

Sie können mir also schreiben, ohne immer alle Antworten selbst zu suchen oder ohne dass Sie immer alle Antworten selbst suchen. Beides ist grammatisch (und auch sonst) richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird sich orientiert – Passiv mit „sich“?

Frage

Vor kurzem bin ich auf folgende Sätze mit reflexiven Verben im Passiv gestoßen:

Es wird sich an den Diagrammen orientiert.
Es wird sich um ihn gekümmert.
Es wurde sich auf diese Resultate konzentriert.

Ehrlich gesagt war ich ein bisschen verdattert, als ich diese Sätze gelesen habe. Sind sie grammatisch korrekt? Kann man so Passivsätze bilden? Meine Verwunderung ist umso größer, als ich diese Sätze in wissenschaftlichen Arbeiten deutscher Studenten gefunden habe. […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Sätze sind grammatisch korrekt, aber keine stilistischen Meisterwerke. Es handelt sich um das subjektlose werden-Passiv. Dieses Passiv ist erstaunlicherweise auch mit einem Reflexivpronomen möglich (vgl. hier). Das Pronomen bezieht sich dabei auf das nicht genannte Agens (Träger der Verbhandlung). Hinzu kommt, dass an erster Stelle im Satz ein Platzhalter-es steht, wenn kein anderes Satzglied diese Position einnimmt. Sätze wie diese kommen vor:

Es wird sich Mühe gegeben.
Es wurde sich bis ins kleinste Details um alles gekümmert.
Es wurde sich darauf geeinigt, dass …
Es wird sich Zeit genommen.

Das subjektlose werden-Passiv klingt mit einem Reflexivpronomen aber oft holprig oder gekünstelt. Das gilt auch bei diesen Beispielen:

Man orientiert sich an den Tabellen.
Es wird sich an den Tabellen orientiert.

Man konzentrierte sich auf diese Abschnitte.
Es wurde sich auf diese Abschnitte konzentriert.

Das subjektlose Passiv kommt manchmal in Arbeiten vor, in denen (zum Beispiel aus Höflichkeit oder Bescheidenheit) das Subjekt nicht genannt werden soll, wenn es eine erste Person ist. Vermieden werden sollte bei Ihren Beispielen vielleicht:

Ich orientiere mich an den Diagrammen.
Wir konzentrierten uns auf diese Resultate.

Es ist aber zu empfehlen, hier statt des werden-Passivs mit sich eine andere, etwas weniger holprige Formulierung zu wählen oder ganz einfach die erste Person zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es „etwas, wofür“ oder „etwas, für das“?

Frage

Ein Kollege meint, in dem Satz „Kann man etwas, für das es gute Gründe gibt, trotzdem ablehnen?“ müsse „wofür“ statt „für das“ stehen. Ich finde das nicht, kann es aber nicht begründen. Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

ob man hier wofür oder für das verwendet, ist vor allem eine Frage des Stils oder der Sprachebene. In der (geschriebenen) Standardsprache, ist wofür üblich, wenn es sich um einen Relativanschluss mit Bezug auf ein unpersönliches Pronomen handelt.

alles/vieles/manches/etwas/nichts, wofür

Als (eher) umgangssprachlich gilt hier die Verwendung von für was oder für das.

alles/vieles/manches/etwas/nichts, für was/das

Duden [Grammatik, 10. Auflage, S. 805) sagt hierzu:

Bei einem Indefinitpronomen als Bezugsausdruck (alles, manches, etwas, nichts …) ist dagegen das Präpositionaladverb gebräuchlicher:
(56) Es gibt so manches, wovor sie Angst hat. Alles, worüber zu sprechen ist, soll in die Tagesordnung. Das ist etwas / nichts, worauf ich warte.

In der LEO-Grammatik steht:

Pronominaladverbien stehen für unpersönliche Pronomen, substantivierte Adjektive im Neutrum, für Sachverhalte und Sätze.
Das ist alles, worum ich Sie bitte.
Etwas / Nichts, worüber wir redeten, war wichtig.
[…]
Umgangssprachlich wird seltener auch die Fügung „Präposition + das/dem“ oder „Präposition + was“ verwendet:
Das ist alles, um das / um was ich Sie bitte.
Nichts, über das / über was wir redeten, war wichtig.
[…]

Das besagt mit so vielen Worten, dass in Ihrem Beispiel standardsprachlich besser wofür steht:

Kann man etwas, wofür es gute Gründe gibt, trotzdem ablehnen?

Nach meinem subjektiven Empfinden kommen hier die Formen ‚Präposition+das/was‘ heute allerdings immer häufiger vor. Ob das auch wirklich so ist, weiß ich so schnell leider nicht. Es könnte aber erklären, warum Sie hier etwas, für das auch für akzeptabel halten. Im Übrigen steht in Duden „gebräuchlicher“, nicht „obligatorisch“. In formelleren (schriftlichen) Kontexten würde ich wofür empfehlen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag:

Manchmal kann wofür (bzw. womit worüber usw.) allerdings unklar sein:

Ich bin mit allem einverstanden, wofür es gute Gründe gibt.

Was ist hiermit gemeint?

a) Ich bin mit allem, wofür es gute Gründe gibt, einverstanden.
b) Ich bin mit allem einverstanden und dafür gibt es gute Gründe.

Wenn a) gemeint ist und der Kontext auch keinen Aufschluss bietet, ist für das eine gute Ausweichmöglichkeit:

Ich bin allem einverstanden, für das es gute Gründe gibt.

Ähnlich zweideutig ist zum Beispiel:

Er sagt nichts, womit ich nicht einverstanden bin.

Bin ich a) nicht damit einverstanden, dass er nichts sagt, oder bin ich b) mit allem einverstanden, was er sagt?

Stilistisch weniger gelungen, aber dafür etwas deutlicher:

a) Er sagt nichts und damit bin ich nicht einverstanden.

beziehungsweise:

b) Er sagt nichts, mit dem ich nicht einverstanden bin.

Allzu streng sollte man hier aber nicht urteilen. Eine Formulierung steht selten allein und dann ergibt sich oft aus dem Zusammenhang, was genau gemeint ist.

 

Wird man aus jemandem oder von jemandem geboren?

Frage

Erlauben Sie bitte die folgenden Fragen:

Satz 1: Ich wurde von ihr geboren.
Satz 2: Ich wurde aus ihr geboren.

Ist Satz 2 nicht wirklich seltsam? Besteht Ihrer Meinung nach zwischen Satz 1 und Satz 2 ein semantischer Unterschied?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Wendung aus ihr geboren kommt (neben von ihr geboren) vor allem in religiösen Kontexten vor:

Jesus, geboren aus Maria
aus einer Jungfrau geboren

Mit aus wird vor allem dann formuliert, wenn geboren im übertragenen Sinne verwendet wird:

aus Liebe geboren
aus Not geboren
aus dem Willen geboren, …

Im wörtlichen Sinne steht sonst meist von:

das von ihr geborene Kind

Eher selten:

Ich wurde von ihr geboren.
Wir sind alle von einer Frau geboren worden.

Theoretisch sind also beide Formulierungen möglich. Es gibt auch keinen Bedeutungsunterschied. Allerdings ist wurde aus ihr geboren außer in religiösen Kontexten kaum gebräuchlich und kommt auch wurde von ihr geboren nur selten vor. Üblicher sind andere Wendungen wie wurde von ihr zur Welt gebracht oder Umschreibungen wie meine Mutter war o. Ä.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammengesetzte Wortungetüme

Frage

Könnten Sie mir bitte schreiben, wovon es abhängt, dass ein Nomen als Kompositum funktioniert, zum Beispiel „das Studentenleben“, und ein anderes, zum Beispiel „der Lebensmittelgeschäftsbesitzer“, besser klingt, wenn man es teilt: „der Besitzer“ und „das Lebensmittelgeschäft“? Gibt es bestimmte Regeln dafür?

Antwort

Guten Tag M.,

es gibt keine verbindliche Regel, wie lange oder komplex eine Zusammensetzung sein darf. Im Prinzip können Substantivzusammensetzungen beliebig lang sein. Je länger sie sind, desto schwieriger verständlich bis unverständlich sie werden. Auch stilistisch ist davon abzuraten, sehr lange Zusammensetzungen zu bilden. Eine eindeutige Grenze – zum Beispiel eine maximale Anzahl Elemente oder Buchstaben – gibt es aber nicht. Wie lange eine Zusammensetzung sein kann, liegt im Ermessen der Schreibenden bzw. Sprechenden.

Manchmal werden längere Zusammensetzungen mit Bindestrich geschrieben, damit sie einfacher lesbar sind. Zum Beispiel:

Hochgeschwindigkeits-Internetzugang
(oder: Hochgeschwindigkeitsinternetzugang)
Arbeiter-Unfallversicherungsgesetz
(oder: Arbeiterunfallversicherungsgesetz)
Ultraschall-Durchflussmessgerät
(oder: Ultraschalldurchflussmessgerät)

Ein Wort wie „Lebensmittelgeschäftsbesitzer“ finde ich nicht zu lang. Ohne Kontext sieht es sehr lang aus, aber in einem geeigneten Zusammenhang sollte es gut verständlich sein. Ebenso gut ist aber je nach Kontext zum Beispiel „Besitzer von Lebensmittelgeschäften“ oder „der Besitzer des/eines Lebensmittelgeschäftes“. Nicht mehr zu empfehlen wären aber längere Verbindungen wie „Lebensmittelgeschäftsbesitzervereinigung“ oder „Lebensmittelgeschäftsbesitzerehepaar“.

Als sehr grobe Faustregel kann gelten, dass eine Zusammensetzung aus nicht mehr als drei bis vier Elementen bestehen sollte. Wichtig sind aber auch der Zusammenhang, die Länge der einzelnen Teilwörter, nicht zu vergessen das Sprachniveau der möglichen Leserinnen und Leser (Stichwort Leichte Sprache) u.a.m.

Eindeutig viel zu lange Wörter findet man in der bundesdeutschen Beamtensprache. Hier zwei Beispiele von Wörtern, die es offenbar tatsächlich gegeben hat:

Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeits-übertragungsverordnung
(Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen BADV [2003-2007])

Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungsüberwachungs­aufgabenübertragungsgesetz
(Landesgesetz Mecklenburg-Vorpommern [2000-2013])

Solche Wortungetüme sollte man unbedingt vermeiden!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal „werden“ geht, aber es muss nicht sein

Frage

Ich wende mich mit einer Frage an Sie, die eher stilistischer als rein grammatikalischer Natur ist. Ich wäre Ihnen dennoch dankbar für eine kurze Einschätzung.

Es geht um den letzten Satz. Meine Kollegin ist der Ansicht, dass dort ein zweites „werden“ ergänzt werden sollte, also:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Ich empfinde diesen Zusatz als unnötig schwerfällig und stilistisch wenig elegant. Aus meiner Sicht wird der Zukunftsbezug bereits durch „in einem nächsten Schritt“ ausreichend klar gemacht. […]

Antwort

Guten Tag A.,

es gibt hier kein „eindeutig besser“. In diesem Satz kann zweimal werden stehen:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden.

Das ist aber nicht notwendig. Es geht auch ohne das werden des Futurs:

In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt.

Im Deutschen haben die Namen der Verbzeiten häufig wenig mit der Bedeutung zu tun. So wird etwas Zukünftiges sehr häufig nicht mit dem Futur, sondern mit dem Präsens ausgedrückt. Wichtig ist nur, dass aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass es sich um etwas Zukünftiges handelt:

Morgen fahren wir nach Pisa.
Es geht bald los.
Ich gehe im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage ein.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank!

All diese Sätze können ohne Bedeutungsunterschied auch im Futur ausgedrückt werden:

Morgen werden wir nach Pisa fahren.
Es wird bald losgehen.
Ich werde im nächsten Kapitel weiter auf diese Frage eingehen.
Gemäß X.Y. werden die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.
Zieh dich wärmer an, sonst wirst du krank werden!

In Sätzen, die bereits werden enthalten (als Vollverb oder als Hilfsverb des Passivs), ist das Futur mit werden korrekt, aber es wird oft das Präsens verwendet. Zweimal werden wird häufig als schwerfälliger empfunden.**

In Ihrem Satz gibt der Zusammenhang bereits die „Zukünftigkeit“ an und steht bereits das Hilfsverb werden des Passivs. Es ist deshalb nicht notwendig, das werden des Futurs zu verwenden. Üblicher ist meiner Ansicht nach das Präsens, aber das Futur ist auch korrekt. Einen Bedeutungsunterschied gibt es, wie gesagt, nicht. Die Wahl liegt bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Das gilt insbesondere dann, wenn zwei werden hintereinanderstehen:

X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden werden.
besser: X.Y. schreibt, dass die Preise erst nächstes Jahr erhöht werden.

Wer war zuerst, die Azubine oder die Azubiene?

Frage

Laut Duden kommen „Azubine“ und „Azubiene“ von „Biene“ (das ist für beide Schreibweisen angegeben, was freilich einer Unachtsamkeit geschuldet sein kann), laut dem Neologismenwörterbuch (OWID) ist „Azubine“ in der Variante „Azubiene“ hingegen umgedeutet.

Tatsächlich kommt „Azubine“ (mit „-ine“ wie in „Blondine“) ja häufiger vor, andererseits habe ich mit Google Books die älteste Belegstelle für „Azubiene“ gefunden (1978): „Wer will, mag daraus ja auch ,die Azubiene’ machen. Sie merken, an solchen Stellen wird der Wert von Abkürzungen wieder fraglich.“

Was meinen Sie dazu? […]

Antwort

Guten Tag Herr P.,

das eine schließt das andere nicht aus. Bei der Bildung von Azubi(e)ne können sowohl die Zusammenziehung von Azubi und Biene als auch die Ableitung mit -ine eine Rolle gespielt haben. Azubi(e)ne klingt wie Biene, gleichzeitig aber auch wie eine weibliche Ableitung mit -ine (Karoline, Pauline, Blondine, Cousine usw.). Diese beiden Interpretationen können einander verstärken, ganz gleich welche Ableitungsart als erste erfolgt. Dass beide Schreibweisen vorkommen, zeigt, dass beides eine Rolle spielt.

Es ist kaum möglich, festzustellen, welche Ableitungsart diesem umgangssprachlichen Wort zugrunde liegt oder ob beide gleichzeitig wirkten. Ich finde, dass die Angabe in Duden viel zu wenig berücksichtigt, dass auch das Suffix -ine eine wichtige Rolle spielt.

Es ist gar nicht notwendig, eine weibliche Form zur Abkürzung Azubi zu bilden, weil Azubi ja wie der/die Auszubildende sowohl männlich als auch weiblich sein kann: der Azubi, die Azubi. Wenn man dennoch eine weibliche Form bilden will, liegt vor allem die Ableitung mit -in nahe: die Azubin/die Azubinnen. Diese Formen kommen auch vor, haben sich aber kaum durchgesetzt. Scherzhaft kann man auch in Anlehnung an Fremdwörter zum Beispiel Azubesse, Azubette, Azubeuse und eben Azubine bilden. Dass von diesen (möglichen) scherzhaften Bildungen Azubine „gewonnen“ hat, liegt vielleicht am i, das erhalten bleibt, und an der klanglichen Übereinstimmung mit einer Kontraktion mit Biene.

Wie dem auch sei, wer Azubi(e)ne überhaupt verwenden will, sollte sicher sein, dass es scherzhaft gemeint ist und vor allem auch so verstanden wird. Es entsteht sonst schnell der Eindruck, dass man weibliche Auszubildende weniger ernst nimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Warme Temperaturen?

Frage

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel hat sich seit einiger Zeit der Begriff „warme Temperaturen“ eingebürgert. Ich halte das für falsch, denn die Temperaturen sind m. E. hoch (oder niedrig), aber nicht warm. Warm sind Luft, Wasser oder das Klima. Wie stehen Sie zu dem Ganzen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

in der Standardsprache heißt es stilistisch gut:

hohe Temperaturen
niedrige/tiefe Temperaturen

Formulierungen wie warme Temperaturen und kühle Temperaturen sollte man vermeiden. Warm oder kühl ist die Luft, nicht ihre Temperatur.

Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen „stilistisch gut“ und „standardsprachlich zu vermeiden“ bei folgenden Beispielen.

Standardsprachlich nicht:

teure Preise, teure Mieten
billige Preise, billige Mieten

sondern:

hohe Preise, hohe Mieten
niedrige/tiefe Preise, niedrige/tiefe Mieten

Teuer ist das Flugticket, nicht sein Preis. Der ist hoch.

Keine dieser Formulierungen ist aber logisch oder grammatisch grundsätzlich falsch. Es ist, wie gesagt, eine Frage der guten Wortwahl und des guten Stils. Man kann für mehr oder weniger billige Preise in die heißen Temperaturen des Südens fliegen, aber stilistisch reist man besser für niedrige Preise in die Hitze des Südens – und klimabewusster fliegt man ohnehin am besten nicht, damit die Temperaturen nicht noch höher werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „würde wollen“ falsch?

Frage

Mein Deutschlehrer hat mir gesagt, dass man „wollen“ im Konjunktiv II mit „würden“ verwenden kann, da „wollten“ gleich aussieht wie die Präteritumform. Zum Beispiel: „Ich würde das machen wollen“ oder „Das würde ich gar nicht wollen“. Nun frage ich mich, ob das wirklich standardsprachlich ist […].

Antwort

Guten Tag A.,

man kann wollen mit würde verwenden, das kommt aber standardsprachlich nicht allzu häufig vor.

In vielen Fällen steht möchte statt würde wollen:

Das möchte ich machen.
Das möchte ich gar nicht.

Das ist aber von der Bedeutung her nicht immer möglich oder nicht immer gewünscht (würde wollen  hat nicht immer die gleiche Bedeutung wie möchte). Dann stehen häufig die Formen des Konjunktivs II, auch wenn sie mit den Formen des Indikativs Präteritum identisch sind. Die konjunktivische Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang:

Wenn du es wirklich finden wolltest, würdest du besser suchen.
Selbst wenn wir es wollten, könnten wir euch nicht helfen.
Er ist zu alt, als dass er sich das noch zumuten wollte.
Die Katze sieht mich an, als wollte sie sagen: „Lass mich in Ruhe!“
Die Arbeitgeber behaupten, sie wollten weiter mit den Gewerkschaften unterhandeln.

In diesen Fällen ist es stilistisch meist besser, nicht wollen würde zu verwenden. Die würde-Formen sind aber nicht grundsätzlich falsch. Zum Beispiel:

Selbst wenn wir es wollen würden, könnten wir euch nicht helfen.
Die Katze sieht mich an, als würde sie sagen wollen: „Lass mich in Ruhe!“

Stilistisch ist es hier aber – wie gesagt – meist besser, nicht die würde-Form zu verwenden.

Manchmal reicht der Zusammenhang allerdings nicht aus, um die konjunktivische Bedeutung vom Indikativ zu unterscheiden. Dann kann man gut auf die würde-Formen ausweichen. Zum Beispiel:

Wie du überall herumreisen, das würde ich nicht wollen (statt: das wollte ich nicht).
Ihr seid die Letzten, denen er helfen wollen würde (statt: helfen wollte).

Zusammenfassend: Die würde-Formen kommen in der Standardsprache bei wollen nicht häufig vor, sie sind aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen und manchmal sogar die beste Lösung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp