Groß und klein: auf Rot springen und auf leise drehen

Frage

Die in allen möglichen einschlägigen Ratgebern (so auch hier am 14.10.2014) zu findende allgemeine Auffassung zur Groß- und Kleinschreibung von Farbwörtern beinhaltet, dass in folgenden Fällen die Farbwörter substantiviert und damit großzuschreiben sind:

Die Ampel springt auf Rot.
Nach dem Schlüpfen wechselt der Marienkäfer seine Farbe von Gelb auf Rot.
Die Ampel wechselt von Grün zu/auf Rot.

Da die Farbwörter in diesen Beispielen jeweils auf Präpositionen folgen, werden sie als Substantivierungen angesehen. Ich sehe es im Grunde genauso – dennoch lese ich immer wieder Sätze wie:

Die Ampel wechselt von rot auf grün.
Die LED wechselt von orange auf grün.

Wenn ich nun länger darüber nachdenke, tue ich mich schwer damit, einen Unterschied zu analogen Sätzen zu finden wie:

Der Ton wechselt von leise auf laut.
Der Abstand [z. B. von sich wiederholenden Ereignissen] ändert sich von lang zu kurz.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier Substantivierungen vorliegen („das Laut“, „das Kurz“?) und stelle mir also die Frage, ob […] in den genannten Beispielen mit Farbwörtern diese dann nicht auch als Adjektive aufgefasst und dementsprechend kleingeschrieben werden können.

Antwort

Guten Tag Herr L.,

es liegt hier nicht nur an der Präposition, dass großeschrieben wird. Ungebeugte Adjektive werden nach einer Präposition dann großgeschrieben, wenn sie auch sonst als Substantive üblich sind:

für Jung und Alt (vgl. Jung und Alt sind eingeladen)
etwas auf Deutsch sagen (vgl. Deutsch ist eine Sprache, die Sprache Deutsch)
die Ampel springt auf Rot (vgl. Rot ist eine Farbe, die Farbe Rot)

die Ampel wechselt von Grün auf Rot
die LED wechselt von Orange auf Grün

Das ergibt sich aus § 58 E2 der Rechtschreibregelung, siehe hier.

Sonst wird in der Regel kleingeschrieben:

den Ton auf leise drehen
der Abstand ändert sich von lang zu kurz

Ganz so eindeutig ist es aber nicht immer – mehr dazu hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Freiwillig Mitarbeitende oder freiwillige Mitarbeitende

Frage

In einem Protokoll lese ich häufig folgende Formulierungen:

freiwillige Mitarbeitende
ehrenamtliche Mitarbeitende

Mein Sprachgefühl sagt mir, dass es besser so heißen müsste:

freiwillig Mitarbeitende
ehrenamtlich Mitarbeitende

Hingegen scheint mir klar zu sein, dass es „freiwillige Mitarbeiter“ bzw. „ehrenamtliche Mitarbeiter“ heißen würde. Weshalb aber in meinen Ohren die „freiwilligen Mitarbeitenden“ falsch tönen, kann ich nicht wirklich begründen. Können Sie weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

beide Formulierungen sind möglich. Was ist der Unterschied?

Das Wort Mitarbeitende ist ein substantiviertes Partizip. Substantivierte Partizipien können mit den gleichen Erweiterungen stehen wie das Verb, zu dem sie gehören:

– freiwillig mitarbeiten
– freiwillig mitarbeitende Menschen
– die freiwillig Mitarbeitenden

Ebenso zum Beispiel:

ehrenamtlich mitarbeiten → die ehrenamtlich Mitarbeitenden
defensiv anlegen → die defensiv Anlegenden
geduldig warten → die geduldig Wartenden
auf den Bus warten → die auf den Bus Wartenden

Hier wird jeweils eine ganze Partizipialgruppe (Partizip zusammen mit seinen Erweiterungen) substantiviert.

Man kann aber auch nur das Partizip substantivieren und erst dann ein Adjektiv davorstellen. Das Adjektiv wird dann gebeugt:

mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die freiwilligen Mitarbeitenden
mitarbeiten → die Mitarbeitenden → die ehrenamtlichen Mitarbeitenden
anlegen → die Anlegenden → die defensiven Anlegenden
warten → die Wartenden → die geduldigen Wartenden

Man geht hier gleich vor wie bei anderen von Verben abgeleiteten Substantiven:

mitarbeiten → die Mitarbeiter → die freiwilligen Mitarbeiter
mitarbeiten → die Mitarbeiterin → die freiwillige Mitarbeiterin
anlegen → die Anlegerin → die defensive Anlegerin
Bus benutzen → der Busbenutzer → der geduldige Busbenutzer

Gerade bei Mitarbeitende ist dies nicht unüblich, wahrscheinlich weil Mitarbeitende häufig statt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Mitarbeiter*innen steht. Stilistisch gefällt mir – wie offenbar Ihnen auch – die Variante mit dem ungebeugten Adjektiv häufig besser. Ich würde die freiwillig Mitarbeitenden wählen, aber die freiwilligen Mitarbeitenden ist wie die freiwilligen Mitarbeiter nicht falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von irgendwo nach nirgendwo und von Irgendwo nach Nirgendwo

Frage

Es geht „von nirgendwo nach nirgendwo“. Ist das eine Substantivierung, also „von Irgendwo nach Nirgendwo“? Es handelt sich um eine Geschichte:

„Ich suche das Land Nirgendwo“, sagte der Junge.

Hier schreibt man „Nirgendwo“ groß, das ist klar. Aber eine andere, gebildete Person erwidert in der Geschichte:

„Ich will auch dorthin. Ich komme von Irgendwo und möchte nach Nirgendwo. Und woher kommst du?“
„Auch von Irgendwo.“

Dann geht der Text so weiter:

So gingen die beiden weiter – von Irgendwo nach Nirgendwo.

Es ist kein Phantasieroman oder Märchen, sondern spielt in einer realen Zeit. Der Junge glaubt an das Land Nirgendwo, die andere Person weiß, dass es diesen Ort nicht gibt. Schreibe ich hier groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

im Prinzip schreibt man diese Adverbien klein:

von irgendwo nach nirgendwo
Sie gingen von irgendwo nach nirgendwo.

Wenn man allerdings einen fiktiven Ort meint, der den Namen Nirgendwo oder Irgendwo trägt, schreibt man groß*:

der Ort Irgendwo im Land Nirgendwo

Ihr Rechtschreibproblem entsteht dadurch, dass in diesem Fall mit zwei Bedeutungen gespielt wird: einerseits das Land Nirgendwo und vielleicht auch der Ort Irgendwo, andererseits gleichzeitig die unbestimmten Ortsadverbien nirgendwo und irgendwo.

Wenn es das Land Nirgendwo nicht gibt, liegt es nirgendwo. Der Ort Irgendwo liegt irgendwo. Im Text, um den es Ihnen geht, wird offenbar mit dieser Zweideutigkeit gespielt. Entsprechend wären beide Schreibweisen gleichzeitig die beste Lösung. Während man die Zweideutigkeit in der gesprochenen Sprache bestehen lassen kann, ist dies in der geschriebenen Sprache aber nicht möglich. Eine Lösung könnte sein, den Jungen Ortsnamen und die andere Person Adverbien verwenden zu lassen:

„Ich möchte in das Land Nirgendwo.“
„Ich will auch dorthin. Ich komme von irgendwo und möchte nach nirgendwo. Und woher kommst Du?“
„Auch von Irgendwo.“ (o. ggf. „Auch von irgendwo.“)

So gingen die beiden weiter – von irgendwo nach Nirgendwo.

Damit könnten Sie versuchen, die Einstellung und das Wissen der jeweils sprechenden Person zum Ausdruck zu bringen. Das ist aber nicht die einzig mögliche Lösung. Es gibt keine Regel, die hier eine eindeutige Entscheidung erlaubt. Es liegt an Ihnen, wie Sie mit dieser Zweideutigkeit schriftlich umgehen oder eben damit spielen möchten. Die „optimale“ Lösung gibt es meiner Meinung nach nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ebenfalls großgeschrieben nach Artikelwörtern u. Ä.:

aus dem Irgendwo ins Nirgendwo

Ist es zu Sarahs Linker oder zu Sarahs Linken?

Frage

Ich bin über die Frage eines Kollegen gestolpert, bei deren Antwort ich mir recht unsicher bin. Es geht um Folgendes:

Der Korridor führte auf die Terrasse. Zu Sarahs Linker ging es durch eine weitere Tür in den Essbereich.

Müsste es nicht heißen: „Zu Sarahs Linken ging es …“? Ich denke mir das so: „zur Linken von Sarah“, „zu Sarahs Linken“. Es heißt ja auch: „zu ihrer Linken“. Oder denke ich da völlig falsch? Ist vielleicht sogar beides richtig?

Antwort

Guten Tag R.,

das Wort Linke ist eine Substantivierung des Adjektivs linke. Es wird im Prinzip gleich gebeugt, wie wenn es als Adjektiv vor einem Substantiv steht:

zu ihrer linken Seite → zu ihrer Linken
zur linken Seite der Gastgeberin → zur Linken der Gastgeberin

Aber stark gebeugt, wenn ohne Artikel nach einem Genitiv:

zu Sarahs linker Seite → zu Sarahs Linker

Warum steht hier die Endung er? – Ohne Artikelwort wird ein Adjektiv, also auch linke, stark gebeugt:

zu Sarahs großer Freude
mit Sarahs kleiner Schwester
mit Frau Müllers ältester Tochter → mit Frau Müllers Ältester
zu Svens rechter Seite → zu Svens Rechter

Man hört und liest gelegentlich auch Formulierungen wie zu Sarahs Linken und zu Svens Rechten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Wendung nur selten mit einem vorangestellten Genitiv erscheint und sonst meist mit der Endung en steht. Grammatisch korrekt ist hier aber die starke Endung er, also zu Sarahs Linker und zu Svens Rechter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Geflüchtete“ falsch?

Ein Wort, das immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. Hier geht es nur um die Grammatik.

Frage

Mir erscheint der Ausdruck „Geflüchtete“ grammatisch falsch. Vielleicht weil man „geflüchtet“ nicht im Passiv verwenden kann.

Antwort

Guten Tag Frau V.,

das Substantiv Geflüchtete ist nicht falsch. Das ist schon deshalb der Fall, weil das Wort allgemein üblich ist, auch standardsprachlich verwendet wird und in den Wörterbüchern zu finden ist. Was üblich und gebräuchlich ist, ist richtig.

Aber auch „streng“ grammatisch gibt es nichts einzuwenden. Es geht hier um ein Partizip Perfekt (Partizip II), das wie ein Adjektiv verwendet und dann substantiviert wird. Dabei gilt als allgemeine Regel unter anderem Folgendes:

a) Die Perfektpartizipien transitiver Verben (Verben, die im Passiv stehen können) können auch als Adjektive verwendet werden.

der geschlagene Hund
das gesprochene Wort
die angestellte Frau

Dabei hat das Partizip die Bedeutung des Passivs:

Man hat den Hund geschlagen → der geschlagene Hund
Man hat das Wort gesprochen → das gesprochene Wort
Man hat die Frau angestellt → die angestellte Frau

b) Die Perfektpartizipien intransitiver Verben, die mit sein konjugiert werden, können auch als Adjektive verwendet werden, wenn sie eine abgeschlossene Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen (perfektive intransitive Verben):

die verblühte Blume
der angekommene Zug
das gesunkene Schiff

Hier hat das Partizip die Bedeutung des Aktivs:

Die Blume ist verblüht → die verblühte Blume
Der Zug ist angekommen → der angekommene Zug
Das Schiff ist gesunken → das gesunkene Schiff

Das Verb flüchten gehört zur zweiten Gruppe, wenn die Flucht abgeschlossen ist:

die Menschen sind geflüchtet → die geflüchteten Menschen

Adjektive und adjektivisch verwendetet Partizipien können im Prinzip immer auch als Substantiv verwendet werden. So auch:

das Gesprochene
die Angestellte
der Angekommene
die Geflüchteten

c) Andere intransitive Verben werden in der Regel nicht als Adjektive verwendet:

Der Chor hat gesungen
nicht: *der gesungene Chor / *der Gesungene
Der Regen hat aufgehört
nicht: *der aufgehörte Regen / *der Aufgehörte
Die Kinder sind herumgeirrt
nicht: *die herumgeirrten Kinder / *die Herumgeirrten
Die Frau ist zu Fuß gegangen
nicht: *die zu Fuß gegangene Frau / *die zu Fuß Gegangene

Wenn aber durch eine Richtungs- oder Zielangabe eine abgeschlossene Handlung entsteht:

Die Gäste sind nach Hause gegangen
→ die nach Hause gegangenen Gäste / die nach Hause Gegangenen

Ganz so kompliziert, wie es den Anschein hat, ist es nicht. Außerdem macht man es meist ganz spontan richtig, ohne dass man diese Regeln bewusst kennen und anwenden muss. Der Zweifel entsteht oft erst dann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von nichts zum Nichts

Frage

Heute geht es mal um „nichts“. Spaß beiseite: In einer Zeitungsüberschrift stand heute: „Von Nichts bis Amoklauf ist alles möglich.“ Ist die Großschreibung von „Nichts“ hier korrekt? Ich tendiere eher zur Kleinschreibung, aber das sieht irgendwie auch merkwürdig aus.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

hier sollte nichts tatsächlich kleingeschrieben werden. Nach § 58(4) der Rechtschreibregelung schreibt man Pronomen auch dann klein, wenn sie als Stellvertreter von Substantiven verwendet werden. Man schreibt das Pronomen nichts somit auch dann klein, wenn es von einer Präposition abhängig ist:

sich in nichts auflösen
mit nichts anfangen
viel Lärm um nichts
von nichts kommt nichts
aus nichts Neues schaffen

Entsprechend schreibt man nichts in Ihrem Beispiel klein, auch wenn es vielleicht manchen etwas seltsam vorkommt:

Von nichts bis Amoklauf ist alles möglich.

Man schreib groß, wenn das Substantiv das/ein Nichts gemeint ist. Das ist in der Regel in Verbindung mit einem Artikelwort der Fall:

vor dem Nichts stehen
sich über ein Nichts aufregen
aus dem Nichts auftauchen
aus dem Nichts Neues schaffen
Vom Nichts bis zum Amoklauf ist alles möglich.

Das ist zwar nicht nichts, aber doch relativ einfach und sollte somit nicht zu verzweifelten Amokläufen Anlass geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Frühgeborene und zu früh Geborene

Frage

im Online-Duden findet man dieses Beispiel: „frühgeborene Säuglinge“. Hier schreibt man „frühgeboren“ zusammen. Dasselbe gilt auch für das substantivierte Adjektiv: „ein Frühgeborenes“.

Jetzt frage ich mich, wie es ist, wenn ein Gradadverb hinzukommt: „zu frühgeborene Säuglinge“ oder „zu früh geborene Säuglinge“? Und wie ist es im Fall der substantivierten Form in Verbindung mit einem Gradadverb: „ein extrem früh Geborenes“ oder „ein Extrem-Frühgeborenes“ oder doch „ein extrem Frühgeborenes“?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

neben frühgeboren ist im Prinzip auch die Getrenntschreibung früh geboren möglich:

frühgeborene Säuglinge
(früh geborene Säuglinge)

Wenn früh erweitert wird, ist sogar nur die Getrenntschreibung möglich:

zu früh geborene Säuglinge
extrem früh geborene Säuglinge

Vgl. Rechtschreibregelung § 36(2.1) und § 36(E3).

Für die substantivierten Formen gilt entsprechend:

ein Frühgeborenes
(ein früh Geborenes)
ein zu früh Geborenes
ein extrem früh Geborenes

Wenn Sie sich an die Angaben in Duden halten wollen oder müssen, schreiben Sie besser nicht getrennt früh geborene Säuglinge bzw. ein früh Geborenes. Deshalb stehen diese Formen oben in Klammern.

Außerhalb von Fachtexten usw. ist die getrennt geschriebene Form früh geboren aber auch vertretbar. Ich vermute, dass Duden die Zusammenschreibung damit begründet, dass die beiden Teile der Verbindung eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung haben (siehe Rechtschreibregelung § 36(1.2)). Dann wird frühgeboren gleich wie zum Beispiel neugeboren oder jungverheiratet behandelt.

Man kann so argumentieren. Die amtl. Wörterliste nennt aber bei früh neben frühverstorben explizit auch früh verstorben. Unter anderem deshalb halte ich die Schreibungen früh geboren und früh Geborenes ebenfalls für vertretbar. Es ist oft schwierig, eine genaue Grenze anzugeben, wann eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung vorliegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Kiwi schälen und schneiden“ oder „Kiwischälen und -schneiden“?

Frage

In einem Videoclip las ich gerade: „So einfach war Kiwi schälen und schneiden noch nie!“ Meiner Meinung nach müsste es heißen: „So einfach war Kiwischälen und -schneiden noch nie!“ Oder ist beides richtig?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

hier kann man sowohl groß- als auch kleinschreiben. Man schreibt groß, wenn man die Verbgruppe als substantivierte Infinitivgruppe ansieht:

So einfach war Kiwischälen und -schneiden noch nie.
= das Kiwischälen und -schneiden.

Man schreibt klein, wenn man die Verbgruppe als Subjektsinfinitiv ohne „zu“ interpretiert:

So einfach war Kiwi schälen und schneiden noch nie.
= Kiwi zu schälen und zu schneiden

Beides ist möglich und korrekt.

Ebenso zum Beispiel:

Kuchenbacken macht glücklich (das Kuchenbacken)
Kuchen backen macht glücklich (Kuchen zu backen)

Neinsagen will gelernt sein (das Neinsagen)
Nein sagen will gelernt sein (Nein zu sagen)

Je länger die Infinitivgruppe ist, desto üblicher ist die Kleinschreibung:

So einfach war reife Kiwi schälen und schneiden noch nie.
Selbst Kuchen backen macht glücklich.
Im richtigen Moment Nein sagen will gelernt sein.

Und wenn ein gebeugtes Adjektiv oder ein Attribut beim Infinitiv steht, kommt nur die Großschreibung in Frage:

Schälen und Schneiden von Kiwis war noch nie so einfach.
Gemeinsames Kuchenbacken macht glücklich,
Dein Neinsagen nervt.

Zum Glück geht es wenigsten bei dieser letzten Gruppe (meistens) automatisch gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist man aufs Tiefste oder aufs tiefste getroffen?

Frage

Schreibt man „aufs Tiefste (tiefste) getroffen“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

hier ist beides richtig, und zwar ohne jeglichen Bedeutungsunterschied:

aufs Tiefste getroffen
aufs tiefste getroffen

In festen Wendungen mit aufs oder auf das und einem Superlativ KANN das Adjektiv groß- oder kleingeschrieben werden, wenn man mit wie? fragen kann (siehe §58(E1) der Rechtschreibregelung). Folgendes ist also auch möglich:

auf das Tiefste getroffen
auf das tiefste getroffen

Hier noch ein paar Beispiele:

Sie haben sich aufs / auf das Köstlichste amüsiert.
Sie haben sich aufs / auf das köstlichste amüsiert.

Alles ist aufs / auf das Beste geregelt. (wie?)
Alles ist aufs / auf das beste geregelt. (wie?)

Wir heißen Sie aufs / auf das Herzlichste willkommen.
Wir heißen Sie aufs / auf das herzlichste willkommen.

Und damit Sie sich nicht aufs Höchste/höchste wundern, warum beides möglich ist, sei noch dies gesagt:

Die Großschreibung kann man damit erklären, dass das gesteigerte Adjektiv durch den Artikel das, mit dem es steht, substantiviert ist und somit großgeschrieben wird. Vgl.:

Wir hoffen aufs / auf das Beste. (worauf?)

Die Kleinschreibung lässt sich dadurch rechtfertigen, dass man diese Form wie den Superlativ mit am als eine Steigerungsform (einen absoluten Superlativ) interpretieren kann:

gut – besser – am besten / aufs beste

Beide Schreibweisen sind gut vertretbar – offenbar so gut, dass die Rechtschreibregelung die Wahl uns Schreibenden überlässt. Wählen Sie einfach, was Ihnen besser gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit Abgeordnetem Thaler und Bürgerbeauftragter Berger – adjektivische Beugung ohne Artikel

Frage

Allmonatlich stelle ich eine Übersicht der Termine meiner Chefin zusammen. Das Ganze geht dann als stichwortartige Liste, quasi im Schlagzeilenformat, an unsere Abteilungsleitungen. Und immer wieder stolpere ich über dasselbe Problem. Heißt es:

Treffen mit Abgeordneten Peter Thaler oder Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler
Gespräch mit Bürgerbeauftragten Claudia Berger oder Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

Die zuerst genannten Varianten würden sich durch schlichtes Weglassen des Artikels ergeben. Sie klingen für mich falsch – was aber leider auch für die jeweils zweite Variante gilt, wenn ich sie lange genug anstarre. Ich finde einfach keine Begründung, warum die eine oder andere Möglichkeit richtig sein sollte. […]

Antwort

Guten Tag Frau U.,

langes Anstarren hilft bei sprachlichen Zweifeln nie. Je länger man hinschaut, desto größer wird in der Regel die Unsicherheit. Das gilt insbesondere für so verzwickte Phänomene wie die deutsche Adjektivbeugung.

Die Wörter der/die Abgeordnete und der/die (Bürger–)Beauftragte sind substantivierte Adjektive. Als solche werden sie in der Standardsprache normalerweise gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Adjektive.

Wenn man (substantivierte) Adjektive mit dem bestimmten Artikel verwendet, werden sie schwach gebeugt:

Treffen mit dem Abgeordneten
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Peter Thaler

Gespräch mit der Bürgerbeauftragten
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Claudia Berger

vgl.

mit dem großen Erfolg
mit der zunehmenden Aufmerksamkeit

Wenn man (substantivierte) Adjektive ohne Artikel verwendet, werden sie stark gebeugt:

Treffen mit Abgeordnetem
Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

vgl.

mit großem Erfolg
mit zunehmender Aufmerksamkeit

Siehe auch hier.

Man kann also bei adjektivisch gebeugten Substantiven nicht immer einfach den Artikel weglassen. Das hat oft Auswirkungen auf die Endung:

Informationsabend für die Studierenden
Informationsabend für Studierende

Die Verwandten von Frau Schmidt wurden benachrichtigt.
Frau Schmidts Verwandte wurden benachrichtigt.

Wer isst das viele Eingemachte?
Wer isst so viel Eingemachtes?

Es spricht der Abgeordnete Thaler.
Es spricht Abgeordneter Thaler.

Ganz ungefragt noch ein Vorschlag: Wenn Sie bei den artikellosen Varianten wieder einmal unsicher sind, könnten Sie auch einfach mit Artikel formulieren. Sehr viel länger wird die Übersicht dadurch nicht:

Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger

Ich hoffe, dass Abgeordnete und Bürgerbeauftragte bzw. die Abgeordneten und die Bürgerbeauftragten von nun an weniger Zweifel aufkommen lassen – wenigstens was ihre Beugung betrifft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp