Sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden

Frage

Meine Frage betrifft das Verb „sich entschließen“, das grundsätzlich mit der Präposition „zu“ benutzt wird. Wäre aber auch der folgende Gebrauch korrekt: „sich entschließen für“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

allgemein üblich ist:

sich zu etwas entschließen
Er kann sich nicht dazu entschließen, Paris zu verlassen.
Sie entschlossen sich zur Flucht.

Seltener kommt auch vor:

sich für etwas entschließen

Das ist meist dann der Fall, wenn sich für etwas entscheiden gemeint ist. Auch wenn sich entschließen und sich entscheiden eigentlich nicht die gleiche Bedeutung haben, ist es nicht immer einfach, sie eindeutig voneinander zu unterscheiden. Dennoch ist es standardsprachlich im Allgemeinen besser sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit jemandem kontaktieren?

Frage

Würden Sie „kontaktieren mit“ akzeptieren oder nur, wie gewohnt, mit Akkusativ, das heißt „Kontakt aufnehmen mit“? Der Duden scheint die Form mit „mit“ zu akzeptieren, was mich wundert.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

auch mich wundert es, dass im Online-Duden und im Deutschen Universalwörterbuch desselben Verlages beim Eintrag kontaktieren u. a. die Angabe „(auch:) mit jemandem kontaktieren“ zu finden ist. Ich kenne nur das transitive jemanden kontaktieren und halte mit jemandem kontaktieren für zumindest unüblich. Hier ein paar Beispiele:

Kontaktieren Sie uns bitte, wenn Sie Fragen haben.
Er kontaktierte die Redaktionen der Lokalblätter.
Wer hat dich in dieser Sache kontaktiert?
Die Behörden seien bereits kontaktiert worden.

Mir gefällt das Verb kontaktieren nicht sehr gut und ich verwende deshalb lieber zum Beispiel mit jemandem Kontakt aufnehmen:

Nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf, wenn Sie Fragen haben.
Er nahm Kontakt mit den Redaktionen der Lokalblätter auf.
Wer hat in dieser Sache Kontakt mit dir aufgenommen?
Es sei bereits Kontakt mit den Behörden aufgenommen worden.

Ich vermute, dass unter dem Einfluss von Wendungen wie mit jemandem Kontakt aufnehmen, mit jemandem in Kontakt stehen, mit jemandem Kontakt haben auch mit jemandem kontaktieren gesagt wird.

Auch in anderen Wörterbüchern steht nur jemanden kontaktieren (zum Beispiel hier). Aber wie Dr. Bopp zu sagen pflegt: Dass ein Wort nicht im Wörterbuch steht, bedeutet nicht unbedingt, dass es das Wort nicht gibt. Aus diesem Grund habe ich in verschiedenen Textkorpora gesucht und unter hunderten von Sätzen mit kontaktieren nur eine Handvoll Beispiele für mit jemandem kontaktieren gefunden (eines sogar reflexiv: „Außerdem will die […] Stiftung sich mit Veteranenverbänden in den USA, Großbritannien und Frankreich kontaktieren“).

Ich komme deshalb zum Schluss, dass mit jemandem kontaktieren statt jemanden kontaktieren nur selten vorkommt und  dann wahrscheinlich unter dem Einfluss von mit jemandem Kontakt aufnehmen verwendet wird. Es sollte im Prinzip vermieden werden. Da es aber – warum auch immer – in Duden angegeben wird, kann man es streng genommen in z. B. Schulaufsätzen nicht rot anstreichen, sondern „nur“ als unüblich markieren. Wer Genaueres zum Wörterbucheintrag kontaktieren in Duden wissen möchte, sollte die Duden-Redaktion kontaktieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich an etwas erinnern, sich einer Sache erinnern, sich etwas erinnern oder sich auf etwas erinnern?

Frage

Heißt es „sich erinnern“ oder nur „erinnern“? Zum Beispiel: „Er erinnert den Sommer.“

Antwort

Guten Tag B.,

zuerst dachte ich, die Antwort sei kurz und einfach. Ich hatte aber nicht mit der regionalen Vielfalt der deutschen Sprache gerechnet.

Allgemein ist die folgende Wendung gebräuchlich:

sich an etwas/jemanden erinnern

Er erinnert sich an den Sommer.
Ich erinnere mich noch gut daran.
Erinnerst du dich noch an den Spielplatz im Wald?
Die Kinder erinnerten sich nicht mehr an die früheren Nachbarn.

Damit ist aber nicht alles gesagt. Einige in Norddeutschland oder in Österreich Ansässige haben sich hier vielleicht schon gewundert. Vor allem in Norddeutschland kommt regional auch vor:

etwas/jemanden erinnern

Er erinnert den Sommer.
Ich erinnere mich das noch gut.
Erinnerst du noch den Spielplatz im Wald?
Die Kinder erinnern die früheren Nachbarn nicht mehr.

Gemäß einigen Wörterbüchern kommt vor allem in Österreich auch diese Konstruktion vor:

sich auf etwas/jemanden erinnern

Dafür konnte ich allerdings so schnell keine „echten“ Beispiele finden. Aber wenn es im Wörterbuch steht, kommt es in der Sprachrealität bestimmt auch vor (vgl. hier).

Als korrekt, aber veraltet oder gehoben gilt die Verwendung von sich erinnern mit dem Genitiv:

sich einer Sache/jemandes erinnern

Er erinnert sich des Sommers.
Ich erinnere mich dessen noch gut.
Erinnerst du noch des Spielplatzes im Wald?
Die Kinder erinnerten sich nicht mehr der früheren Nachbarn.

Allgemein üblich und standardsprachlich einwandfrei erinnert man sich an den Sommer (sich an etwas erinnern). Wer es gern gehoben hat, darf sich des Sommers erinnern (geh./veraltend: sich einer Sache erinnern). In der norddeutschen Umgangssprache kann man sich regional auch den Sommer erinnern (ndt. Umgs.: etwas erinnern). Ob man sich in der österreichischen Umgangssprache wirklich auch auf den Sommer erinnert, kann ich leider nicht mit Sicherheit sagen  (öster. Umgs.: sich auf etwas erinnern). Eine erstaunliche Variantenvielfalt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Genitivkonstruktion besonderer Art

Frage

Könnten Sie mir erklären, warum es „Ihr Anliegen war rein beruflicher Natur“ und nicht „berufliche Natur“ heißt?

Antwort

Guten Tag F.,

es gibt im Deutschen eine Reihe von mehr oder weniger festen Wendungen, in denen das Verb sein mit einem Genitiv steht. Je nach Grammatik und Beschreibung werden sie „adverbialer Genitiv“,„prädikativer Genitiv“ oder noch anders genannt. Ich beschränke mich hier darauf, die Konstruktion „sein mit einer Genitivergänzung“ zu nennen. Die Diskussion über die genaue Einteilung und Benennung überlasse ich den Grammatiktreibenden.

Ein paar Beispiele:

der Meinung sein, dass …
Ich bin nicht deiner Meinung.
anderer Ansicht sein
der gleichen Überzeugung sein
natürlichen/ausländischen/römischen Ursprungs sein
männlichen/weiblichen Geschlechts sein
christlichen/islamischen/jüdischen Glaubens sein
guten/frohen/erwartungsvollen Mutes sein
guter/bester/schlechter Laune sein

Es ist nicht möglich, eine vollständige Liste aller Formulierungen dieser Art aufzustellen. Es geht nicht nur um ein paar wenige feste Wendungen, sondern um relativ viele „mehr oder weniger feste“ Ausdrücke. Die folgenden Substantive stehen häufiger in einer solchen Genitivkonstruktion:

Abkunft, Abstammung, Alter, Ansicht, Art, Auffassung, Blut, Charakter, Datum, Geschlecht, Format, Glauben, Herkunft, Herzen, Hoffnung, Jahrgang, Laune, Meinung, Mut, Natur, Sinn, Stand, Überzeugung, Ursprung, Willen, Zuschnitt

Wie die Beispiele oben zeigen, werden die Substantive in dieser Konstruktion meistens mit einem Adjektiv oder Artikelwort kombiniert. Während zum Beispiel Hoffnung praktisch nur mit gut erscheint (guter Hoffnung sein), können andere wie Abstammung und Herkunft mit Adjektiven aller Art stehen, die eine Herkunft angeben (italienischer, bayerischer, asiatischer, lokaler, jüdischer, einfacher, gutbürgerlicher, adliger, unbekannter u.v.a.m. Herkunft sein). Noch breiter ist die Palette der möglichen Ergänzungen bei Substantiven wie Art und Natur.

In Ihrem Beispiel handelt es sich ebenfalls um eine solche Konstruktion:

beruflicher Natur sein
Ihr Anliegen war rein beruflicher Natur.

Es ist nicht möglich, hier den Nominativ berufliche Natur zu verwenden. Es wird nicht angegeben, was das Anliegen ist, sondern wie das Anliegen ist:

– Was ist ihr Anliegen?
– Ihr Anliegen ist eine gesunde Natur.
= Sie wollen eine gesunde Natur.

– Wie ist ihr Anliegen?
– Ihr Anliegen ist beruflicher Natur
= Ihr Anliegen hat mit dem Beruf zu tun.

Mit Genitivkonstruktionen wie rein beruflicher Natur sein wird angegeben, wie jemand oder etwas ist. Sie sind nur mit gewissen Substantiven in Kombination mit gewissen Artikelwörtern, Adjektiven oder Gruppen von Adjektiven möglich. Dennoch kann man nicht genau angeben, welche oder wie viele Konstruktionen dieser Art verwendet werden. Diese Frage ist nicht nur grammatischer, sondern auch stilistischer Natur.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf dem oder auf den Markt einkaufen gehen?

Frage

Der Satz: „Anna geht häufig auf dem Markt einkaufen“ klingt für mich besser als „Anna geht häufig auf den Markt einkaufen“. Würden Sie hier nach der Wechselpräposition „auf“ auch den Dativ wählen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Frage lautet, in welchem Kasus Ortsbezeichnungen bei einkaufen gehen stehen. Gibt man an, wo man einkaufen geht (mit Dativ) oder wohin man einkaufen geht (mit Akkusativ)? Beides ist vertretbar:

a) gehen, um irgendwo einzukaufen:
Wo kaufe ich ein? – Ich kaufe auf dem Markt ein.

b) irgendwohin gehen, um einzukaufen
Wohin gehe ich? – Ich gehe auf den Markt.

Im ersten Fall ist die Ortsangabe von einkaufen abhängig, im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Grammatisch ist beides vertretbar, aber kommt auch beides vor? Die Antwort auf diese Frage ist ein „klares Jein“. Im Internet und im DWDS-Korpus kommt einkaufen gehen sehr viel häufiger mit dem Dativ vor. Hier ein paar Beispiele:

Im Supermarkt können Sie aber noch in Ruhe einkaufen gehen.
… in einem normalen Kaufhaus Strumpfhosen einkaufen geht
in dem Supermarkt, in dem meine Freundin immer einkaufen geht
Rodeo Drive, die Straße, in der die Stars einkaufen gehen
Wenn [er] in der Markthalle am Hafen einkaufen geht
Vom Franzosen […], der meist nur einmal pro Woche in einem Hypermarché einkaufen geht
bei der Entscheidung, wo man einkaufen geht
Was tun, wenn mein Kind im Internet einkaufen geht?
in Hamburg/Leipzig/Innsbruck/Zürich einkaufen gehen

Selten sind Fundstellen, in denen einkaufen gehen mit dem Akkusativ steht. Hier ein paar Beispiele:

wenn Sie in den Supermarkt einkaufen gehen
wenn ich mit meiner Geldbörse auf den Markt einkaufen gehe
Du gehst in die Stadt einkaufen, wie immer.
dürfen […] einmal im Monat Gewisses in die Schweiz einkaufen gehen
Er muß nur, bevor er in den Intershop einkaufen geht, einen Weg zur Bank machen
da die Liechtensteiner ins benachbarte Ausland einkaufen gingen
ehemalige Kunden, die […] heimlich nach Dubraucke einkaufen gehen

Der langen Rede kurzer Sinn: Richtig ist bei einkaufen gehen sowohl der Dativ als auch der Akkusativ. Sehr viel üblicher sind aber Formulierungen mit dem Dativ. Ich würde also eher auf dem Markt einkaufen gehen wählen als auf den Markt einkaufen gehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn (es) jemanden nach etwas verlangt

Frage

Ich habe nirgends im Internet die reflexive Form des Verbs „verlangen“ gefunden. Beispiel: „Es verlangt mich nach Liebe“. […]

Ich las jetzt den Satz: „Sie nahmen sich, wonach ihnen verlangte.“ Richtig müsste es doch heißen: „… wonach es sie verlangte.“ Aber warum? Mit welcher Begründung?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

im Satz Es verlangt mich nach Liebe steht nicht eine reflexive Verwendung von verlangen (nicht *sich verlangen), sondern eine unpersönliche Verwendung des Verbs mit einem Akkusativ:

jemanden verlangt (es) nach jemandem/etwas

Die Bedeutung dieser Wendung ist: jemand sehnt sich nach jemandem/etwas, jemand hat ein Bedürfnis nach etwas.

Beispiele:

Es verlangt mich nach Liebe.
Mich verlangt (es) nach Liebe.

Es verlangt mich nach dir.
Mich verlangt (es) nach dir.

Es verlangte ihn nach Ruhe.
Ihn verlangte (es) nach Ruhe.

Es verlangt sie nicht danach, dieses Risiko einzugehen.
Sie verlangt es nicht danach, dieses Risiko einzugehen.

Siehe auch die Angaben im DWDS (Bedeutung 5).

Wie die Beispiele zeigen, gehört diese Verwendung von verlangen eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Ich verwende diese Konstruktion jedenfalls in meinem „normalen“ Leben nie.

Der Satz, den Sie zitieren, müsste also tatsächlich mit dem Akkusativ und nicht mit dem Dativ stehen:

Sie nahmen sich, wonach es sie verlangte.

Dieser Satz steht übrigens besser mit es, weil ohne es undeutlich wird, ob es sich bei sie um einen Akkusativ Plural oder um einen Nominativ Singular handelt (das könnte sich nur aus dem weiteren Kontext ergeben).

Wenn man sich weniger gehoben ausdrücken möchte, gibt es andere Möglichkeiten wie zum Beispiel

Ich sehne mich nach dir.
Er verlangte nach Ruhe.
Sie nahmen sich, wonach sie sich sehnten.1

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Bei dieser Umformung kommt die Vermutung auf, dass mit „Sie nahmen sich, wonach ihnen verlangte“ etwas anderes gemeint war: „Sie nahmen sich (alles), was sie wollten/begehrten.“ Wenn dies tatsächlich zutrifft, ist nicht nur ihnen, sondern die ganze Wendung jemanden sehnt es nach etwas nicht richtig gewählt.

An etwas leiden und unter etwas leiden

Frage

Zurzeit beschäftige ich mit dem Verb „leiden“. Unter dem Duden-Eintrag „leiden“ finden wir folgende Beispiele:

• an Rheuma, an Bronchitis leiden
• sie leidet an einem hartnäckigen Ekzem, unter ständigen Kopfschmerzen
• sie leidet sehr unter seiner Unzuverlässigkeit, unter ihrer Einsamkeit, unter ihrem Chef
•  er litt an, unter dem Gefühl der Unsicherheit

Wie man den Beispielen entnehmen kann, steht das Verb „leiden“ mal in Verbindung mit der Präposition „an“, mal mit der Präposition „unter“. Wann verwende ich welche Präposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es gibt keine strenge Abgrenzung zwischen leiden an und leiden unter. Den Bedeutungsunterschied könnte man wie folgt zu beschreiben versuchen:

an X leiden = man hat das Leiden X
unter X leiden = X verursacht, dass man leidet

Wenn man ein Leiden hat (leiden an), kann dieses Leiden Beschwerden verursachen (leiden unter). Der Übergang ist häufig fließend, denn wenn man ein Leiden hat, leidet man häufig auch darunter. Zum Beispiel:

Ich leide an Kopfschmerzen
= Ich habe häufig/regelmäßig Kopfschmerzen
Ich leide unter Kopfschmerzen
= Kopfschmerzen verursachen mir Beschwerden

Ich leide an Schlafstörungen
= Schlafstörungen sind meine Krankheit
Ich leide unter Schlafstörungen
= Schlafstörungen bewirken, dass ich leide

Aber nicht immer ist beides möglich. Es gibt Formulierungen, in denen nur die eine oder nur die andere Variante in Frage kommt:

Sie leiden an Selbstüberschätzung.

Wer das „Leiden“ hat, das man Selbstüberschätzung nennt, empfindet deswegen keine Beschwerden (im Gegenteil).

Die Natur leidet unter dem Massentourismus.

Der Massentourismus ist nicht ein Leiden oder eine Krankheit der Natur. Er verursacht aber Leiden/Schaden für die Natur.

Ob man an oder unter etwas leidet, hängt davon ab, ob angegeben wird, welches Leiden jemand/etwas hat (leiden an), oder ob etwas als als Ursache von Leiden genannt wird (leiden unter). In vielen, aber nicht allen Fällen sind beide Sehensweisen möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verlangt es sie oder ihnen nach etwas?

Frage

Ich habe nirgends im Internet die reflexive Form des Verbs „verlangen“ gefunden. Beispiel: „Es verlangt mich nach Liebe.“ Oder ist das eine transitive Form des Verbs mit Akkusativobjekt (mich)?

Ich las jetzt den Satz: „Sie konnten nicht finden, wonach Ihnen verlangte.“ Richtig müsste es doch heißen „… wonach es sie verlangte“. Aber warum?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

im Satz „Es verlangt mich nach Liebe“ handelt es sich nicht um eine reflexive Verwendung von verlangen, sondern um eine unpersönliche Verwendung dieses Verbs mit einem Akkusativ (vgl. die Angaben verlangen im DWDS [Bedeutung 5]):

jemanden verlangt (es) nach jemandem/etwas

Es verlangt mich nach Liebe.
Mich verlangt (es) nach Liebe.
Nach Liebe verlangt (es) mich.

Das unpersönliche es, das hier die Funktion eines formalen Subjekts hat, kann wegfallen, außer wenn es am Satzanfang steht (siehe Beispiele oben). Die Konstruktion gilt als gehoben. Man begegnet ihr also im Alltag nicht allzu häufig. Gemeint ist mir ihr übrigens nicht, dass man etwas fordert, sondern dass man sich nach etwas sehnt, etwas begehrt.

Der Satz, den Sie zitieren, müsste also tatsächlich mit dem Akkusativ und nicht mit dem Dativ stehen:

Sie konnten nicht finden, wonach es sie verlangte.

In diesem Satz lässt man das es besser nicht weg, weil sonst undeutlich sein könnte, ob es sich bei sie um einen Akkusativ Plural oder um einen Nominativ Singular handelt. Ohne es möglich ist zum Beispiel:

Ich kann nicht finden, wonach (es) mich verlangt.
Er konnte nicht finden, wonach (es) ihn verlangte.
Ihr konnten nicht finden, wonach (es) euch verlangte.

Ein Blick ins Internet zeigt, dass Formulierungen mit dem Dativ relativ häufig vorkommen:

*Es verlangte ihm nach Abwechslung.
*Mir verlangte es nach etwas Trinkbarem.
*… wonach ihnen verlangte.

Wenn man sich einer gehobenen (und vielleicht ein bisschen veralteten) Wendung bedient, kann man das aber besser so tun, wie es in den Wörterbüchern steht, auch in älteren1:

Es verlangte ihn nach Abwechslung.
Mich verlangte es nach etwas Trinkbarem.
… wonach es sie verlangte.

Und im Zweifelsfall kann man natürlich auch auf sich (Akk.) nach etwas sehnen ausweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag verlangen, Abschnitt 5)

Der Dativ „wem“ in „Ich helfe, wem ich will“

Frage

Ich habe neulich den Satz gelesen: „Ich helfe, wem ich will.“ Dieser kam mir falsch vor, da „helfen“ den Dativ verlangt und „wollen“ den Akkusativ. Umgangssprachlich hört man aber oft solche Sätze. Gelten sie als richtig?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

Sätze wie diese hört man nicht nur umgangssprachlich:

Ich helfe, wem ich will.
Wir helfen, wem wir können.
Sie sprachen, wo sie wollten und mit wem sie wollten.

Man findet sie auch zum Beispiel in der Bibel und bei Schiller:

Und er [der Teufel] sagte zu ihm [Jesus]: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.1

Gefalle dieser Gedanke, wem er will.2

Die mit wem eingeleiteten Nebensätze sind Objektsätze. Sie sind das Dativobjekt (bzw Präpositionalobjekt) des Verbs im übergeordneten Satz:

Wem helfen wir? – Wem wir wollen.

Dabei ist der Dativ wem im Nebensatz nicht von wollen oder können abhängig (diese Verben stehen ja nicht mit dem Dativ), sondern vom Verb des übergeordneten Satzes. Dieses Verb wird im Nebensatz einfach nicht wiederholt:

Ich helfe, wem ich (helfen) will.
Wir helfen, wem wir (helfen) können.
Gefalle dieser Gedanke, wem er (gefallen) will.

Es ist recht schwierig, diese Satzkonstruktionen zu analysieren, wenn man die „klassische“ Rollenverteilung im Satz vor Augen hat. Dann müsste nämlich etwas wie das Folgende herauskommen:

Ich helfe denen, denen ich helfen will.
Wir helfen (all) denen, denen wir helfen können
Gefalle dieser Gedanken denjenigen, denen er gefallen will.

Sie sind aber zum Glück gar nicht so schwer zu verstehen, wenn man nicht alles bis ins Detail analysieren will oder muss. Die meisten wissen – bewusst oder unbewusst – die „Kurzversion“ mit wem als elegantere Formulierung zu schätzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Lukasevangelium 4,6; Einheitsübersetzung 2016
2 Friedrich Schiller: Über Egmont, Trauerspiel von Goethe. Anonym erschienen in der „Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung“, September 1788, zit. n. Friedrich Schillers Werke. Nationalausgabe, 22. Band. Hrsg. v. Herbert Meyer, Weimar: Hermann Böhlmanns Nachfolger 1958, S. 104, Auszüge

Obligatorische Verbergänzung: Kann man etwas aufzwingen, ohne anzugeben, wem man es aufzwingt?

Frage

Meistens wird das Verb „aufzwingen“ mit einem Dativobjekt verwendet. Ist es grammatisch korrekt, dieses auch ohne ein solches Dativobjekt zu verwenden? Ein entsprechender Beispielsatz wäre: „Das Gesetz ist aufgezwungen“, oder: „Ich zwinge das Gesetz auf.“

Können Sie mir noch sagen, wie oder wo ich das selbst herausfinden kann, ohne Sie zu fragen?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

das auf in aufzwingen gibt an, dass auf jemanden eingewirkt wird, um etwas zu erreichen (wie zum Beispiel auch in auferlegen oder aufschwatzen). Die Person oder die Personen, auf die eingewirkt wird, setzt man in den Dativ. Es ist deshalb nicht gut möglich, aufzwingen ohne Dativobjekt zu verwenden. Das Verb aufzwingen zwingt uns sozusagen ein Dativobjekt auf:

Ich zwinge dem Volk / dem Parlament/ ihnen das Gesetz auf.

Wenn nicht genannt wird, wem etwas auferlegt wird, ist es besser zum Beispiel erzwingen, durchsetzen oder etwas Ähnliches zu verwenden:

Ich erzwinge das Gesetz.
Ich führe das Gesetz mit Zwang ein.

Nur beim Partizip II wird das Dativobjekt häufiger weggelassen, wenn es als Adjektiv verwendet wird. In der Regel geht dann aus dem Kontext hervor, wem etwas aufgezwungen wird:

In seinem aufgezwungenen Exil schreibt der Autor …
(= dem Autor aufgezwungen)
mit freiwilligen oder aufgezwungenen Veränderungen fertig werden
(= jemandem / einem aufgezwungen)
Die Bevölkerung wehrt sich gegen das von der Regierung aufgezwungene Gesetz
(= der Bevölkerung aufgezwungen)

Ausführliche Angaben dazu, mit welchen Objekten und anderen Ergänzungen ein Verb stehen muss oder kann, sind schwierig zu finden. Ich behelfe mich normalerweise mit Quellen wie um Beispiel DWDS, Pons, Duden, LEO und anderen. Keines der Wörterbücher listet alle Möglichkeiten auf, aber zusammen ergeben sie ein besseres Bild. Eine umfassende Darstellung aller Möglichkeiten erhält man aber auch so kaum.

Es gibt auch sogenannte Valenzwörterbücher. Sie beschreiben, grob gesagt, mit welchen Ergänzungen Verben im Satz stehen können bzw. müssen. So ist zum Beispiel online das E-Valbu (Elektronisches Valenzwörterbuch deutscher Verben1) des IDS Mannheim verfügbar. Es ist wissenschaftlich gut fundiert, hat aber für durchschnittliche Sprachinteressierte zwei Nachteile: Viele Verben wie zum Beispiel aufzwingen sind nicht darin zu finden. Bei den Verben, die beschrieben sind, ist es schwierig, sich in den umfangreichen Informationen und zahlreichen Abkürzungen zurechtzufinden (siehe zum Beispiel den Eintrag zwingen). Das kann man allerdings weniger den Wörterbuchmacherinnen und -machern ankreiden als vielmehr der Komplexität der deutschen Verbstrukturen: So vieles ist möglich, dass es äußerst schwierig ist, alles ausführlich und übersichtlich zu beschreiben. Für stark linguistisch Interessierte ist es aber ein gutes Nachschlagwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 E-Valbu basiert auf: Helmut Schumacher, Jacqueline Kubczak, Renate Schmidt, Vera Ruiter: VALBU – Valenzwörterbuch deutscher Verben, Gunter Narr Verlag, Tübingen, 2004