Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht?

Frage

Warum sagt man „zu etwas aufbrechen“ („ich breche zu einer Expedition auf’“)?

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage gehört zu den Fragen, bei denen ich mich frage, warum ich sie mir nie selbst gestellt habe. Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht? Was wird hier gebrochen oder aufgebrochen?

Die Antwort findet sich in einer Formulierung, die man heute nicht mehr verwendet. Früher konnte man das Lager oder die Zelte aufbrechen, wenn man sein Lager abbrach um weg- oder weiterzuziehen. Im heutigen Sprachgebrauch werden Lager und Zelte nur noch abgebrochen, nicht mehr aufgebrochen (wenn sie aufgebrochen werden hat das nichts mehr mit Weggehen, sondern mit Einbruch zu tun – erstaunlich vielfältig, das Verb „brechen“!). Heute verwendet man dieses „aufbrechen“ noch in übertragenem Sinne für „fortgehen“, „sich auf den Weg machen“. Man kann also zu einer Expedition, in den Urlaub, nach Stuttgart oder zum Besuch bei den Großeltern aufbrechen, ohne dass dabei ein Lager oder auch nur ein Zelt abgebrochen werden muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dursten und dürsten

Frage

Was ist der Unterschied zwischen den Verben „dursten“ und „dürsten“? Kann man statt „Dürstende“ auch „Durstende“ sagen, z. B. in der Wendung „Hungernde und Durstende“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

im wörtlichen Sinne ist insbesondere in Verbindung mit „hungern“ die Variante „dursten“ üblich:

die Hungernden und die Durstenden
Sie mussten lange hungern und dursten**

Sonst ist auch „dürsten“ möglich – vor allem bei der gehobenen unpersönlichen Wendung:

Es durstet/dürstet mich
Das Vieh musste dursten/(dürsten)

Im übertragenen Sinne ist es ohne Bedeutungsunterschied „dürsten“ oder „dursten“:

nach Informationen dürsten/(dursten)
nach Anerkennung dürsten/(dursten)

Im heutige Sprachgebrauch ist hier allerdings vor allem „dürsten“ gebräuchlich.

Eine exakte Grenze gibt es also nicht, aber für die nach „Eindeutigkeit“ Dürstenden sei zusammenfassend gesagt: Im wörtlichen Sinne „Durst haben“ ist „dursten“ üblicher. Im übertragenen Sinne „ersehnen; heftiges Verlangen haben“ ist vor allem „dürsten“ gebräuchlich. Wenn Sie „dursten“ und „dürsten“ so verwenden, werden Sie niemanden irritieren. Umgekehrt sollten Sie sich aber auch nicht irritieren lassen, wenn jemand diese Unterscheidung nicht einhält.

Und wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zu „durstig“: Wer Durst hat, ist im heutigen Sprachgebrauch nur noch umlautlos „durstig“. Auch im übertragenen Sinne heißt es zum Beispiel „durstig auf Abenteuer“, „durstig nach Wissen“ und „abenteuerdurstig“, „freiheitsdurstig“, „rachedurstig“, „tatendurstig“ oder „wissensdurstig“. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahme: Bei „blutdürstig“ verwenden wir doch noch die umgelautete Form.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Aber im übertragenen Sinne:

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden
(Matthäus, 5.6)

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Kann man Gebäude und Personen evakuieren?

Frage

Im Katastrophenfall werden häufig Gebäude evakuiert. Hin und wieder hört man aber auch davon, dass Personen evakuiert wurden, was hinsichtlich der Letalität des Vorgangs selten wirklich hilfreich sein dürfte. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

Wörter haben häufig mehr als eine Bedeutung. Das gilt auch für „evakuieren“, das u. a. diese Bedeutungen hat:

  1. einen Ort evakuieren: alle Bewohner des genannten Ortes an einen sicheren Ort bringen
    ein Gebäude evakuieren; ein Gebiet evakuieren
  2. jemanden evakuieren: jemanden wegen einer drohenden Gefahr an einen sicheren Ort bringen
    die Bewohner evakuieren; die Zivilbevölkerung evakuieren

Ihr Einwand gegen die Verwendung von „evakuieren“ mit der Bedeutung b) gilt nur dann, wenn man die wörtliche Bedeutung des lateinischen Stammwortes „evacuare = leer machen“ hinzuzieht. Dieses Verb hatte aber schon im Lateinischen und später im Französischen, über das es zu uns gekommen ist, weitere Verwendungen. Das Verb hat im Laufe der Zeit eine Entwicklung durchgemacht, die im Deutschen und anderen Sprachen u. a. zur allgemein üblichen und akzeptierten Bedeutung b) geführt hat. Menschen, die evakuiert werden, werden also nicht leer gemacht, sondern an einen sicheren Ort gebracht. Solche Bedeutungsverschiebungen und -erweiterungen kommen sehr häufig vor.

Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht seltsam, dass dasselbe Verb sowohl den Ort, aus dem jemand weggebracht wird, als auch die Personen, die von diesem Ort weggebracht werden, als Objekt haben kann:

das Gebäude evakuieren
die Bewohner evakuieren

Führt das nicht zu Missverständnissen? – Nein. Wenn das Akkusativobjekt bei „evakuieren“ ein Ort ist, hat es die Bedeutung a). Wenn das Akkusativobjekt ein lebendes Wesen ist, muss es sich um die Bedeutung b) handeln. Hier zeigt sich, dass Wörter ihre genaue Bedeutung häufig erst im Satzzusammenhang erhalten. Der unmittelbare Zusammenhang gibt schnell und eindeutig an, welche Bedeutung von „evakuieren“ gemeint ist.

Das ist übrigens gar nichts Außergewöhnliches. Nehmen wir das deutsche Wort „ausleeren“ (aus-leeren – e[x]-vacuare): Man kann sowohl den Eimer ausleeren als auch das Wasser ausleeren. Das sind zwei unterschiedliche Bedeutungen, die den unterschiedlichen Bedeutungen von „evakuieren“ sehr ähnlich sind.

Dank der Flexibilität der Sprache kann man also nicht nur Gebäude und Gebiete evakuieren, sondern auch Personen, ohne dass dies allzu schädlich für deren Gesundheit ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend“ aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das zweideutige „weniger Offensichtliches“

Frage

Wie wird eine Kombination aus Adjektiv/Adverb + substantiviertes Adjektiv richtig geschrieben? Bsp.: „das weniger Offensichtliche“

Die Substantivierung bezieht sich dabei auf die gesamte Konstruktion, also nicht „weniger vom Offensichtlichen“, sondern vielmehr „das, was weniger offensichtlich ist“. Die einzige alternative Schreibweise, die mir einfällt, um diesen Bedeutungsunterschied darzustellen, wäre „das Wenigeroffensichtliche“. Welche ist nun richtig?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

richtig ist hier nur die Getrenntschreibung

das weniger Offensichtliche

wie zum Beispiel

das sehr Exotische
das heute Erreichbare
das auf den ersten Blick nicht so Interessante

Die Formulierung „weniger Offensichtliches“ ist für sich allein stehend tatsächlich zweideutig: „in geringerem Maße Offensichtliches“ oder „eine geringere Menge Offensichtliches“. Das liegt daran, dass „weniger“ hier zwei Bedeutungen haben kann:

  1. in geringerem Maße, nicht sehr, nicht so
  2. eine geringere Menge/Zahl, nicht so viel

Dieser Unterschied lässt sich nicht in der Schreibung ausdrücken, das heißt, man schreibt in beiden Fällen gleich.

Hier ist weniger Offensichtliches zu sehen =
a) Hier ist in geringerem Maße / nicht so Offensichtliches zu sehen
b) Hier ist eine geringere Menge / nicht so viel Offensichtliches zu sehen

Wir müssen mit weniger Begabten arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße Begabten arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl Begabten arbeiten

Oft ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist. So kann „das weniger Offensichtliche“ nur „das in geringerem Maße Offensichtliche“ bedeuten. Wenn dies wie in den zwei Beispielen oben nicht unmittelbar der Fall ist und auch der weitere Zusammenhang keinen Aufschluss gibt, sollte anders formuliert werden. Je nachdem, was gemeint ist, können „in geringerem Maße“, „nicht so“ bzw. „eine kleinere Menge/Anzahl“, „nicht so viel“ oder eine andere Wortwahl dabei helfen.

Die Zweideutigkeit ergibt sich übrigens nicht aus der Substantivierung. Sie besteht auch, wenn „weniger“ mit einem nicht substantivierten Adjektiv verbunden wird:

Wir müssen mit weniger begabten Menschen arbeiten =
a) Wir müssen mit in geringerem Maße begabten Menschen arbeiten
b) Wir müssen mit einer kleineren Anzahl begabten Menschen arbeiten

weniger offensichtliche Effekte =
a) nicht so offensichtliche Effekte
b) nicht so viele offensichtliche Effekte

Manchmal wäre ich froh, wenn bei den Fragen weniger Kompliziertes vorbeikäme, aber das gilt in keinem Sinn für diese Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist dreimonatlich dreimal monatlich?

Es ist keine Frage der höheren Mathematik, aber ein bisschen aufpassen muss man bei der Formulierung schon.

Frage

Ist der Satz „Die Radiosendung wird dreimonatlich ausgestrahlt“ synonym mit „Die Radiosendung wird dreimal monatlich ausgestrahlt“?

Antwort

Guten Tag Frau Z.,

die Antwort lautet nein: „dreimonatlich“ und „dreimal monatlich“ haben nicht die gleiche Bedeutung:

Die Radiosendung wird dreimonatlich ausgestrahlt
dreimonatlich = alle drei Monate, einmal in drei Monaten

Die Radiosendung dreimal monatlich ausgestrahlt
dreimal monatlich = jeden Monat dreimal, dreimal pro Monat

Eine Radiosendung, die dreimal monatlich ausgestrahlt wird, ist also neunmal häufiger zu hören, als eine Radiosendung, die dreimonatlich ausgestrahlt wird.

Auch bei anderen Zahlenangaben gibt es diese Unterscheidung:

zweimonatlich = alle zwei Monate, einmal in zwei Monaten
zweimal monatlich = jeden Monat zweimal, zweimal pro Monat

fünfmonatlich = alle fünf Monate, einmal in fünf Monaten
fünfmal monatlich = jeden Monat fünfmal, fünfmal pro Monat

Etwas, das zweimal monatlich geschieht, kommt viermal häufiger vor als etwas, das zweimonatlich geschieht. Fünfmal monatlich ist schon fünfundzwanzigmal häufiger also fünfmonatlich!

Nur bei „(ein)monatlich“ und „einmal monatlich“ muss man nicht aufpassen, denn einmal in einem Monat und jeden Monat einmal läuft aus das Gleiche hinaus.

Und wer nun ein bisschen verwirrt ist, weicht einfach auf vielleicht nicht ganz ohne Grund häufiger vorkommenden Wendungen wie „alle drei Monate“ („dreimonatlich“) und „dreimal pro Monat“ („dreimal monatlich“) aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unfallhilfswagen oder Unfallhilfewagen?

Es wurde hier schon öfter erwähnt: Die Fugenelemente in Zusammensetzungen gehören zu den kniffligen Phänomenen für Deutschlernende, und auch von Geburt an Deutschsprachige können immer wieder verunsichert werden. Das liegt daran, dass es nur wenige feste Regeln und dennoch keine allzu große Freiheit gibt.

Frage

In München sind Autos der städtischen Verkehrsgesellschaft MVG mit der Aufschrift „Unfallhilfswagen“ unterwegs. Für mich klingt das, als ob der Wagen den Unfall unterstützt (wie „Hilfsorganisation“ oder „Hilfsverb“). Wäre nicht „Unfallhilfewagen“ (mit Fugen-e statt Fugen-s) besser, analog zur „Hilfeleistung“, die ja auch etwas anderes ist als eine „Hilfsleistung“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Art des Fugenelementes in einer Zusammensetzung sagt in der Regel nichts oder nur wenig über die Gesamtbedeutung der Zusammensetzung aus. So bin ich zum Beispiel nicht sicher, inwieweit „Hilfsleistung“ wirklich eine andere Bedeutung hat als „Hilfeleistung“. Ich kann Bedeutungsunterschiede konstruieren (z. B. „Hilfsleistungen“ sind finanzieller Art), ich vermute aber, dass „Hilfsleistung“ oft einfach eine weniger gebräuchliche Variante von „Hilfeleistung“ ist und ohne Bedeutungsunterschied gegen dieses ausgetauscht werden kann (siehe auch unten zum „e“ in „Hilfeleistung“).

Die meisten Zusammensetzungen mit „Hilfe“ an erster Stelle werden mit einem Fugen-s gebildet, und dies unabhängig von der Bedeutung, die „Hilfe“ in der Zusammensetzung hat (vgl. Hilfsarbeiter = ungelernter Arbeiter, Hilfsbrücke = vorübergehend angelegte Ersatzbrücke vs. Hilfsaktion = Aktion für Hilfe an Notleidende, Hilfsdienst = Organisation für Hilfe in Notfällen).

Eine Gruppe von Ausnahmen sind Zusammensetzungen mit Verbalabstrakta, bei denen der Einfluss des zugrundeliegenden Verbs noch fühlbar ist: „Hilfeleistung“, „Hilfestellung“, „Hilfeersuchen“. Auch dort, wo das Wort „Hilfe“ gemeint ist, wird nicht mit s verbunden: „Hilferuf“, „Hilfeschrei“, „Hilfefunktion“ (häufig über die Schaltfläche „Hilfe“ aufrufbar[?]).

Dies alles gilt für einfaches „Hilfe“. Es geht mir hier vor allem darum, aufzuzeigen, dass die Wahl zwischen Fugen-s und Fugen-e wenig mit der Bedeutung oder mit Bedeutungsunterschieden zu tun hat.

Bei Zusammensetzungen mit Wörtern wie „Berghilfe“, „Nothilfe“, „Opferhilfe“, „Pflegehilfe“, „Staatshilfe“, „Unfallhilfe“ usw. an erster Stelle ist die Lage noch unklarer. Hier scheinen Verbindungen mit Fugen-e üblicher zu sein: „Berghilfegelder“, „Nothilfepass“, aber auch „Opferhilfswerk“ (unter dem Einfluss von „Hilfswerk“, „Hilfswerk für Opfer“?). Die geringe Anzahl Beispiele lässt hier keinen klaren Schluss zu.

Dann gilt der Grundsatz, dass richtig ist, was üblich ist. Zum Beispiel in München und bei der Bahn ist offensichtlich „Unfallhilfswagen“ (wie „Unfallhilfsdienst“?) üblich. Das Wort hat es übrigens in dieser Form auch in Wikipedia geschafft.

Spontan hätte übrigens auch ich „Unfallhilfewagen“ gesagt, aber als falsch kann ich, wie erläutert, „Unfallhilfswagen“ nicht bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Am Berg dem Himmel näher kommen oder näherkommen?

Frage

Heißt es „Am Berg dem Himmel näherkommen“ oder „Am Berg dem Himmel näher kommen“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

man schreibt Verbindungen von näher und einem Verb getrennt, wenn mit näher eine geringere örtliche oder zeitliche Distanz ausgedrückt wird:

Du kannst ruhig näher treten.
Sie kamen dem Abgrund immer näher.
Wir sind dem Ziel unserer Reise schon näher gekommen.
Als der Termin näher rückte, wurden sie nervös.

Zusammengeschrieben wird dann, wenn näher und das Verb zusammen in einem übertragenen Sinne verwendet werden, der sich nicht direkt aus den Bedeutungen der einzelnen Teile ergibt:

Die beiden sind sich wieder nähergekommen.
(näherkommen = vertrauter werden)
Ich habe ihm früher nähergestanden.
(näherstehen = in engerer Beziehung stehen)
Sie wollte den Schülern das Theater näherbringen.
(näherbringen = vertraut machen)
Bevor ich Ihrem Anliegen nähertrete, möchte ich …
(nähertreten = seine Aufmerksamkeit einer Sache zuwenden)
Ich glaube, dass es näherliegt, es selbst zu tun, als jemanden zu beauftragen.
(näherliegen = sich eher anbieten)

Sie haben hier also die Wahl, je nachdem, ob man am Berg dem Himmel näher kommt, weil man sich auf größerer Höhe befindet, oder ob man am Berg dem Himmel näherkommt, weil man durch diese Erfahrung mit dem Himmlischen oder etwas Himmlischem vertrauter wird. Beides ist möglich.

Wie geschrieben wird, hängt hier also von der Bedeutung ab. Rein rechtschreiblich wird es dann schwierig oder eigentlich unlösbar, wenn als Wortspiel beides gemeint ist. Da die Feinheiten der Schreibung von Verbindungen wie näher+Verb nicht allen gleich gut bekannt sind, sollte es sich ohnehin unabhängig von Getrennt- oder Zusammenschreibung aus dem weiteren Zusammenhang ergeben, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Von Hannoveranern, Frankfurtern, Persern und Weimar(an)ern

Frage

[…] Ich möchte meine Frage an Sie auf die von Ortsbezeichnungen abgeleiteten Namen der Bewohner zuspitzen. Oft genügt das Suffix „er“ zur Ableitung des Einwohnernamens. Es gibt aber auch Namensbildungen, bei denen die Ableitung mit „er“ zungenbrecherisch wirkt und keine geschmeidige Aussprache zulässt. Der Münsterer, der Jeverer, der Hanoverer, der Kasseler und auch der Weimarer – und selbstverständlich auch die Weimarerin – klingen nun wirklich nicht besonders gut. So hat man schon in alten Zeiten Münsteraner, Jeveraner, Kasselaner und selbstverständlich auch Weimaraner als Bezeichnung für die Einwohner verwendet.

Dass „Hannoveraner“ auch eine Pferderasse ist, stört offenbar niemanden; aber in Weimar will man seit geraumer Zeit den traditionellen Einwohnernamen Weimaraner nicht mehr gelten lassen, weil hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Hunderasse – ein Vorstehhund – gezüchtet worden ist, der man den Namen „Weimaraner“ gegeben hat. Deswegen verkünden seit einiger Zeit übereifrige „Sprachhüter“ die Auffassung, man müsse Weimarer sagen, um nicht mit dem Hund verwechselt zu werden. In der Presse findet man lediglich noch die Schreibweise Weimarer für die Einwohner von Weimar. Und die Stadtführer getrauen es sich auch nicht mehr, Weimaraner zu sagen, weil sie angeblich von den Touristen nicht verstanden werden. Was sagt der Linguist zu dieser […] Meinung? […]

Antwort

Guten Tag Herr W.,

es gibt bei der Bildung von Einwohnernamen keine festen Regeln. Deshalb gilt: Richtig ist, was üblich ist.

Üblich scheint heutzutage vor allem (oder fast nur noch?) Weimarer zu sein. Da ich aus einer ganz anderen Gegend komme und leider noch nie auch nur in der Nähe von Weimar gewesen bin, kenne ich das Wort vor allem als Adjektiv in Weimarer Republik. Das heißt aber nicht, dass Weimaraner falsch ist. Es ist nur nicht mehr so gebräuchlich.

Das Argument, Weimaraner sei falsch, weil dieses Wort eine Hunderasse bezeichne und deshalb nicht auch Einwohnername sein könne, ist nicht sehr schlagkräftig. Schließlich sind nicht alle Rottweiler Hunde, nicht alle Hannoveraner Pferde, nicht alle Berliner Pfannkuchen, nicht alle Frankfurter Würstchen und nicht alle Perser Teppiche. Dass eine Einwohnerbezeichnung auch für etwas anderes verwendet wird, schließt also keineswegs aus, dass sie weiterhin auch als Einwohnerbezeichnung dienen kann.

Das gilt auch dann, wenn es für einen Ort mehr als nur eine Einwohnerbezeichnung gibt. So gibt es den Steinhäger, einen Wachholderschnaps, der aus Steinhagen kommt, einem Ort, in dem Steinhagener und Steinhagenerinnen oder eben Steinhäger und Steinhägerinnen wohnen.

Kurzum, in Weimar wohnen Weimaraner und Weimaranerinnen, die heutzutage allerdings meistens Weimarer und Weimarerinnen genannt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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