Der (nicht immer so große) Unterschied zwischen „hin“ und „her“

Heute wieder einmal eine Regel, die viele kennen und die häufig zu stark verallgemeinert wird. Deutschlernende und Deutschunterrichtende mögen mir diese „Sabotage“ an einer bekannten Regel verzeihen.

Frage

Zwei Kolleginnen und ich haben ein grundlegendes Problem mit der Hin-und-Her-Regel. Die Regel an sich kennen wir natürlich: zum Sprecher = her; vom Sprecher weg = hin. […] Zum Beispiel in Romanen in der Ich-Perspektive: „Er beugte sich zu mir her-/hinab und ich sah zu ihm her-/hinauf.“ Bisher haben wir solche Konstruktionen so korrigiert, dass das Ich unser Sprecher ist, also: „Er beugte sich zu mir herab“ und „Ich sah zu ihm hinauf“. Probleme gibt es aber bei folgenden Konstruktionen: „Seine Worte rissen mir das Herz aus der Brust her-/hinaus.“ Vom Bauchgefühl würden wir hier zu „heraus“ tendieren, aber nach der Regel müsste es ja „hinaus“ heißen, wenn wir davon ausgehen, dass das Ich auch hier der Sprecher ist.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

die Regel für die Verwendung von hin und her ist nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Die sprechende Person ist im Prinzip die Ich-Person. Das kann auch die erzählende Person sein, aber das ist nicht immer so. Weiter ist diese Regel vor allem bei einfachem hin und her im wörtlichen Sinne wirksam:

Ich weiß nicht, wo sie hingehen.
Ich weiß nicht, wo sie herkommen.

In Ihren ersten Beispielen formuliert man vorzugsweise auch so, wie Sie wählen würden:

Er beugte sich zu mir herab.
Ich schaute zu ihm hinauf.

Ich beugte mich zu ihm hinab.
Er schaute zu mir herauf.

Bei den zusammengesetzten Adverbien mit -ab, -auf, -aus, -über, -unter usw. wird diese Unterscheidung allerdings auch in der Standardsprache oft nicht eingehalten. Häufig ist die Bedeutung der Präposition wichtiger als die Angabe der Bewegungsrichtung:

Ich stieß sie die Treppe herunter/hinunter.
Wir versuchten noch, ihn zur Tür herauszudrängen/hinauszudrängen.
Ich wusste nicht, wie ich den Bissen herunterwürgen/hinunterwürgen sollte.
Seine Worte rissen mir das Herz zur Brust heraus/hinaus.

Beim letzten Beispiel sehen Sie den wahrscheinlichen Grund für Ihren Zweifel: Beides ist möglich.

Weiter ist es so, dass die Bewegungsrichtung auch ohne Ich-Person mit hin und her angegeben werden kann:

Er saß im Zimmer und schaute zu ihr hinaus.
Sie stand im Garten und bemerkte, dass er zu ihr herausschaute.

Die Bewegungsrichtung ist aber nicht immer deutlich. Dann sind sowieso beide Formen möglich:

Der Graf im Zimmer schaute zur Gräfin im Garten hinaus/heraus.
Schneewittchen stieg die Treppe hinunter/herunter.

Im Prinzip gilt: hin = vom Ort der sprechenden Person weg; her = auf den Ort der sprechenden Person zu (vgl. hier). Es ist aber auch standardsprachlich häufig so, dass diese Unterscheidung nicht eingehalten werden kann oder einfach nicht eingehalten wird. Für Deutschlernende kann dies schwierig sein, als Deutschsprachige können Sie sich aber in der Regel auf Ihr Gefühl verlassen. Die Regel ist nicht so eindeutig und nicht so streng, wie manche annehmen. Häufig kommt es auf das Gleiche heraus oder läuft es auf dasselbe hinaus, egal ob man hinab, hinauf, hinaus usw. oder herab, herauf, heraus usw. wählt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes“

Frage

In diesem Gedicht von Morgenstern ist mir nicht ganz klar, worauf „des“ sich bezieht. Könnten Sie mir dabei helfen?

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möchte ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur
Wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

Christian Morgenstern

Ist das vielleicht ein Genitiv oder ein „dies“?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Form des ist hier eine alte Variante von dessen. Man findet sie vor allem noch in Zusammensetzungen und Wendungen wie deswegen, deshalb und des ungeachtet. Es ist der Genitiv des Pronomens der oder das:

Möchte ich immer mehr des inne werden, wieviel Schönheit …
= Möchte ich immer mehr dessen innewerden, wie viel Schönheit …
= Möchte ich mir immer mehr dessen bewusst werden, wie viel Schönheit …

Auch in älteren Redewendungen und Sprichwörtern kann man der Form des noch begegnen:

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Hier kommt auch gleich das nahe verwandte Wort wessen mit seiner alten Varianten wes vor. Es ist das wes, das auch in zum Beispiel weshalb und weswegen oder in Wesfall, der deutschen Bezeichnung für Genitiv, zu finden ist.

In modernerem Deutsch werden diese Sprichwörter mit wovon und davon bzw. wessen und dessen formuliert:

Wovon das Herz voll ist, (davon) strömt der Mund über.
Wessen Brot ich esse, dessen Lied singe ich.

„Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes. Weniger positiv zu verstehen ist in der heutigen Zeit das zweite Sprichwort, das eine ziemlich opportunistische Lebenshaltung oder Berufseinstellung beschreibt: „Wer mich bezahlt, dessen Interessen vertrete ich auch.“

Und seien Sie sich des oder – im heutigen Deutschen – dessen bewusst, dass es genügt, wenn Sie die Formen des und wes erkennen können. Verwendet werden sie nicht oder kaum mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ auch „Ihr Einverständnis voraussetzend“?

Frage

Es gibt die Ausdrücke „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ und „Ihr Einverständnis voraussetzend“. In meinen Augen bedeuten sie nicht dasselbe. Bei Ersterem muss ich noch auf das Einverständnis warten, bei Letzterem setze ich es einfach voraus.

Allerdings sind nicht alle derselben Meinung wie ich. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

im Prinzip haben Sie recht: Mit Ihr Einverständnis vorausgesetzt ist in der Regel gemeint, dass das Einverständnis noch gegeben werden muss. Ihr Einverständnis voraussetzend bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass man einverstanden ist. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt werde ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weiterleitet.
= Unter der Voraussetzung/Bedingung, dass Sie einverstanden sind …

Ihr Einverständnis voraussetzend habe ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weitergeleitet.
= In der Annahme / Davon ausgehend, dass Sie einverstanden sind …

ABER: Wie Sie selbst festgestellt haben, sind bei diesen sehr ähnlich aussehenden Formulierungen nicht alle derselben Meinung, wenn es darum geht, was sie genau bedeuten. Ich vermute, dass dies daran liegt, dass vorausgesetzt unterschiedlich verstanden werden kann:

Einerseits kann vorausgesetzt mit der Bedeutung verstanden werden, das es als Einleitung eines Bedingungssatzes hat (vorausgesetzt [dass] = unter der Bedingung, dass):

Vorausgesetzt, dass Sie Ihr Einverständnis geben …
= Falls Sie Ihr Einverständnis geben …

Andererseits kann vorausgesetzt wörtlich als das Partizip des Verbs voraussetzen verstanden werden (voraussetzen = als gegeben annehmen):

Ich habe Ihr Einverständnis vorausgesetzt …
= Ich bin davon ausgegangen, dass Sie einverstanden sind …

Obwohl „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ üblicherweise die erste Bedeutung hat, ist es nicht auszuschließen, dass manchmal auch die zweite gemeint ist.

Diese Zweideutigkeit könnte auch einen Einfluss auf die sehr ähnlich klingende Wendung „Ihr Einverständnis voraussetzend“ haben. Bei den Beispielen, die ich an verschiedenen Orten finden konnte ist nicht immer klar, ob das Einverständnis als gegeben angenommen oder noch erwartet wird.

Man kann hier allerlei Begründungen anführen, weshalb welche Wendung welche Bedeutung haben „muss“, aber in der Sprachrealität halten sich nicht alle daran. Ich würde deshalb empfehlen, in wichtigen Fällen auf eine Formulierung auszuweichen, die von allen gleich verstanden wird. Zum Beispiel:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt
→ falls Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihr Einverständnis voraussetzend
→ davon ausgehend, dass Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihre Zustimmung voraussetzend melde ich mich jetzt ins Wochenende ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hasauf spielen: Was tut man, wenn man Hasauf spielt?

Frage

Ich bin ein großer Bewunderer des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann und lese gerade sein Buch „Der goldene Spiegel – Erzählungen in einem Rahmen“. Ich bin auf einen Ausdruck gestoßen, den ich nicht wirklich verstehe: „Sie wollen Hasauf spielen.“ Leider kann ich die Übersetzung von “Hasauf” nicht finden. Könnten Sie mir bitte bei dieser Übersetzung helfen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

den Ausdruck „Hasauf spielen“ kenne auch ich nicht. Ich kann ihn auch in keinem historischen oder Dialektwörterbuch finden (außer im DWB in einem Beispielsatz bei „spielen“, und dies ohne weitere Erklärung1). Wenn die Wörterbücher nichts hergeben, muss man sich die Texte genauer anschauen.

Die wenigen Stellen in älteren Texten, in denen „Hasauf“ vorkommt, lassen keine eindeutige Interpretation zu, außer dass diese Wendung nicht positiv gemeint sein kann:

Jedoch werden die Deutschen allwege von diesen Nationen gering geschätzt, und nicht anders genannt als die Vollsäufer, stolze Federhansen, hohe Pocher, Gotteslästerer, Hans Muffmaff mit dem Bettelsack, die gern Hasauf spielen.2

»Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. — »Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« — »Die wollen Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. […] »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.3

Das „Has(e)“ in „Hasauf“ legt die folgende Interpretation nahe:

Hasauf spielen = die Flucht ergreifen, flüchten

Das passt zum Bild des Hasen als Feigling, wie es heute noch in „das Hasenpanier ergreifen“, „Hasenfuß“ und „Angsthase“ vorkommt.

Ein weiteres, stärkeres Indiz, das in dieselbe Richtung zeigt, kommt aus dem Niederländischen. Es gibt oder besser gab dort die heute nicht mehr gebräuchliche Redewendung „haas-op spelen“ mit der Bedeutung „flüchten“ (vgl. hier und hier).

Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass „Hasauf spielen“ wirklich „flüchten, wegrennen“ bedeutete. Ich bin aber der Meinung, dass diese Deutung durch das Bild des Hasen und die wörtliche Entsprechung in einer nahe verwandten Sprache stark unterstützt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls jemand  die Wendung „Hasauf spielen“ kennt, wären Herr M. und  ich froh, mehr darüber zu erfahren.


Siehe DWB, Bedeutung II/7/d/ε
Gustav Freitag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1859-67, Bd. 3, Der Dreißigjährige Krieg
3 Jakob Wassermann, Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen, 1911

Omikron und Omega

Aus wenig erfreulichem aktuellem Anlass hört und liest man zurzeit sehr häufig das Wort Omikron. An dieser Stelle soll es nicht um den Anlass gehen und auch nicht darum, wie wenig erfreulich er ist. Es geht vielmehr um eine kleine Einsicht, die ich zu meinem Erstaunen erst jetzt gehabt habe.

Mir ist nämlich klargeworden, dass Omikron von griechisch ò mikrón kommt und kleines O bedeutet. Den Wortbestandteil mikro(n) = klein kennen wir ja von zum Beispiel dem Mikroskop, mit dem man sehr Kleines sehen kann, der Mikrofaser, einer aus kleinsten Strukturen bestehenden Faser, oder den Mikroorganismen, den Klein- und Kleinstlebewesen.

Das wussten viele von Ihnen sicher schon, aber diesen ersten Schritt meiner neuen „Erkenntnis“ finde ich noch nicht sehr erstaunlich. So oft bin ich dem Wort Omikron bis vor Kurzem auch wieder nicht begegnet. Das gilt nicht für sein Gegenstück, das Omega. Ihm begegnet man in gelehrteren oder religiösen Kontexten in der Form von Alpha bis Omega (ΑΩ), aber vor allem auf dem Fernseh- oder einem anderen Bildschirm, wenn bei Sportveranstaltungen neben der Zeitmessung die Marke des Zeitmessers steht. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) man es so oft sieht, ist mir bis jetzt nie klargeworden, dass Omega einfach großes O bedeutet. Wie mikro ist ja auch mega = groß nicht unbekannt: vom Megabyte über den Megastar bis hin zu megaerstaunlich.

Ich habe mich gleich auf die Suche gemacht, ob das griechische Alphabet noch andere Buchstaben mit einer solchen Bedeutung hat, bin aber kaum fündig geworden. Neben Epsilon (einfaches E) und Ypsilon (einfaches I) sind nur noch Alpha und Gamma nennenswert: Alpha kommt vom hebräischen Wort ạlęf = Ochse (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Ochsenkopf) und Gamma kommt von hebräisch gạmạl = Kamel (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Kamelhals).

Das Omikron wird klein genannt, weil es kurz ist. Das Omega ist groß, weil es lang ist. Warum genau das Epsilon und das Ypsilon einfach sind, ist mir vorläufig noch ein Rätsel. Für die Schreibung der Laute /e/ und /i/ hat das Griechische so viele Möglichkeiten, dass der Grund wohl dort zu suchen ist.

Und um doch noch kurz auf den unerfreulichen Anlass für die derzeit häufige Verwendung des Wortes Omikron einzugehen: Hoffen wir, dass Omikron wirklich klein bleibt und Omega uns in diesem Zusammenhang erspart bleibt.

Dilettantinnen und Amateure

Heute morgen las ich wieder einmal eine Wortkombination, die gerne dann aus der Schublade der abwertenden Bemerkungen gezogen wird, wenn jemandes Fachkompetenz niedergesäbelt werden soll:

Das sind alles Amateure und Dilettanten!

In dieser Kombination können die Wörter „Amateur“ und „Dilettant“ sowie die weiblichen Entsprechungen „Amateurin“ und „Dilettantin“ nur als negative Beurteilung der Fachkompetenz der so bezeichneten Personen verstanden werden. Dabei waren diese Wörter ursprünglich gar nicht negativ beladen.

Amateure und Amateurinnen sind im heutigen Deutsch Nichtfachpersonen, also Personen, die eine Tätigkeit nicht als Beruf, sondern aus Liebhaberei ausüben. Wir haben das Wort – die Endung -eur verrät es schon – aus dem Französischen übernommen. Dort hat es mehr oder weniger die gleiche Bedeutung. Es geht auf lateinisches „amator“ (Liebhaber) zu „amare“ (lieben, Gefallen an etwas finden) zurück. So gibt es zum Beispiel Amateurfunker, Amateurfilmer, Amateurbiologinnen und Amateursportlerinnen aller Art, die die jeweilige Tätigkeit nicht als Beruf ausüben. Diese Bezeichnungen haben im Prinzip keine negativen Nebenbedeutung. Dennoch erhält „Amateur“ wie auch „nicht professionell“ eine negative Ladung, wenn die Kompetenz der Ausführenden in Zweifel gezogen wird. Wenn jemand „wie ein Amateur“ arbeitet, ist damit selten gemeint, dass die Tätigkeit gut ausgeführt wird. Wenn man es richtig gemacht haben will, braucht es Fachpersonen, keine nicht professionell arbeitenden Liebhaber bzw. Amateure. Das ist die dahinterliegende „Verurteilung“.

Noch weiter gesunken ist das Wort „Dilettant“. Es ist im 18. Jahrhundert aus dem Italienischen übernommen worden. Es gehört zum Verb „dilettare“ (erfreuen, ergötzen). Es hatte und hat im Italienischen die Bedeutung „Laie“, „Amateur“ und kann wie unser „Amateur“ neutral oder negativ gemeint sein. Im Deutschen ist vor allem die negative Bedeutung gebräuchlich: Noch stärker als ein negativ gemeinter Amateur ist ein Dilettant ein Stümper. „Dilettant“ und „Dilettantin“ können zwar nach Angaben der Wörterbücher neutral gemeint sein, aber wer in der alltäglichen Sprachrealität als Dilettantin bezeichnet wird, kann ziemlich sicher sein, dass der Begriff nicht neutral, sondern im wenig schmeichelnden Sinne von „Stümperin“ gemeint ist.

Amateure und Dilettanten sind also ursprünglich Liebhaber einer gewissen Tätigkeit. Amateure und Amateurinnen sind dies auch im heutigen Deutschen häufig noch, nicht aber Dilettanten und Dilettantinnen. Und die Kombination „Amateure und Dilettanten“ kann trotz der ursprünglich positiven Bedeutung der beiden Wörter wirklich nur noch negativ verstanden werden.

Welche Formen hat das Verb „leiben“?

Frage

Das Verb „leiben“ ist ein altes Verb. Laut Duden und Wiktionary solle die Konjugation mit dem Hilfsverb „haben“ erfolgen. Welches ist dann die Partizip-Perfekt-Form? Welche Konjugationsformen gibt es noch bzw. nicht mehr?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Verb „leiben“ wird regelmäßig (schwach) gebeugt:

leiben, leibte, hat geleibt

Nach den Angaben der Wörterbücher kommt „leiben“ heute nur in der festen Wendung „wie jemand/etwas leibt und lebt“ vor (Bedeutung: „lebensecht; wie jemand/etwas typischerweise auftritt“). Bei dieser Formulierung gibt es keine Einschränkung bezüglich Modus, Tempus und Person, in der sie stehen kann. Zumindest theoretisch sind also außer dem Imperativ (ein Nebensatz kann nicht im Imperativ stehen) alle Formen möglich. Zum Beispiel:

wie ihr leibt und lebt
wie du leibtest und lebtest
wie sie leibe und lebe
wie sie geleibt und gelebt haben
wie wir leiben und leben werden

Manche dieser Formen kommen wahrscheinlich nur selten oder gar nicht vor, möglich sind sie aber alle.

Hier zeigt sich wieder einmal eine Schwierigkeit, die entsteht, wenn für selten vorkommende Wörter angegeben werden soll, welche Formen „es gibt“. Gehören Formen dazu, die es theoretisch geben kann, deren Vorkommen aber kaum oder nicht nachzuweisen ist? Meine Meinung ist, dass man hier großzügig sein sollte. Von „kommt nicht vor“ oder „gibt es nicht“ zu „ist falsch“ ist es nämlich nur ein kleiner Schritt, den manche für meinen Geschmack viel zu schnell machen.

Kurzum: Beim Verb „leiben“ sind heute außer dem Imperativ alle Flexionsformen möglich, gebräuchlich sind aber vor allem die Formen der dritten Person.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der düpierte Wiedehopf: was „düpieren“ alles bedeuten kann

Heute fiel mein Auge auf die Überschrift „Lakers düpieren die Warriors“. Das Verb „düpieren“ ließ mich stutzen, denn das für mich eher etwas antiquierte Wort war mir in diesem Zusammenhang nicht geläufig. Mit „in diesem Zusammenhang“ ist gemeint, dass es sich um einen Artikel über ein Basketballspiel handelt, das die Los Angeles Lakers offensichtlich in überzeugender Weise von den Golden State Warriors gewonnen haben. Das erklärt eigentlich schon, warum mir das Wort so nicht bekannt war: Mein Interesse für Sport ist, gelinde gesagt, sehr unterentwickelt, so dass ich Sportbeilagen, Sportseiten und Sportgramme so schnell überblättere, wegklicke oder wegzappe, dass mir typische Begriffe der Sportsprache gar nicht geläufig sein können.

Was ließ mich genau stutzen? Für mich hatte „düpieren“ nur die Bedeutung „täuschen, hereinlegen, überlisten“, die auch zum Beispiel in Duden und DWDS zu finden ist.

Cyberkriminelle düpieren ihre Opfer mit Tierbabys.

Eine weitere Bedeutung von „düpieren“, die in einige Wörterbücher Eingang gefunden hat, ist „vor den Kopf stoßen, brüskieren“.

Der Präsident hat die Frau seines Amtskollegen mit sexistischen Bemerkungen düpiert.

Manchmal ist dabei gar nicht mehr deutlich, welche der beiden Bedeutungen gemeint ist:

Handel düpiert die Milchbauern

Hier ist ohne weitere Informationen nicht zu entscheiden, ob der Handel die Milchbauern übers Ohr haut oder vor den Kopf stößt (oder beides).

Bei der Verwendung von „düpieren“ im Sport muss ich raten, was genau gemeint ist. In vielen Fällen gewinnt anscheinend ein Team oder eine Person überzeugend und/oder unerwartet gegen andere, so dass die Verlierer eher schlecht aussehen.

Würzburger Kickers düpieren Hamburger SV

Ich vermute allerdings, dass „düpieren“ in Sportberichten manchmal auch einfach als Alternative zu „schlagen“ oder „besiegen“ verwendet wird, um ein bisschen Abwechslung in den Text zu bringen. Da ich aber, wie gesagt, ein Sportberichte meidender Sportmuffel bin, ist dies nicht mehr als eine unfundierte Annahme.

Das Wort „düpieren“ kommt übrigens vom französischen Verb „duper“ („betrügen, überlisten“), das von „dup(p)e“ abgeleitet ist, einem Wort aus der französischen Gauner- und Bettlersprache (Bedeutung: „wer [im Spiel] getäuscht oder betrogen wird, Narr“). Dieses „duppe“ geht über ein, zwei Ecken auf das lateinische Wort „upupa“ für Wiedehopf zurück – angeblich weil dieser Vogel so dumm aussieht.

Das Verb „düpieren“ wird heute also mit drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Gemeinsam ist diesen Bedeutung vielleicht, dass Düpierte dumm aussehen, ob sie nun betrogen, brüskiert oder besiegt worden sind.

Wenn Viren mutieren: Mutationen und Mutanten

Ich darf zwar ein „Dr.“ vor meinem Namen führen, aber außer wie man mit Kamillentee, Paracetamol, Jod oder Alkohol und Pflastern umgeht, sind Krankheiten eindeutig nicht mein Fachgebiet. Ein solcher Doktor bin ich nicht. Mein Beitrag zum Thema Virus ist deshalb rein sprachlicher Natur, wie es sich für einen „Sprachdoktor“ gehört:

Frage

Vermehrt hört man jetzt nicht nur von Mutationen (des Virus) sondern auch von Mutanten. Letzteres hört sich in diesem Kontext falsch an. Was sagen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das zum Themenkreis „Pandemie“, „Lockdown“, „Schutzmaske“ und „Impfstoff“ gehörende Wort „Mutation“ bedeutet wörtlich „Veränderung“ und kommt in diesem Zusammenhang aus der Fachsprache der Biologie. Dort hat es eine viel engere Bedeutung: „Veränderung in den Erbanlagen eines Organismus“. Mit den englischen, brasilianischen oder südafrikanischen Mutationen sind genau genommen Mutationen oder eben Veränderungen am Erbgut des Covid-19-Virus gemeint, die in England, Brasilien bzw. Südafrika zum ersten Mal festgestellt wurden.

In den Medien, in Diskussionsprogrammen und an anderer Stelle sind manchmal nicht die Veränderungen an den Erbanlagen, sondern die veränderten Viren oder Virenstämme gemeint, wenn von zum Beispiel „den englischen Mutationen“ die Rede ist. Das ist – zumindest fachsprachlich – nicht ganz zutreffend, denn die mutierten, das heißt veränderten Organismen werden nicht „Mutationen“, sondern „Mutanten“ genannt. Bei der Einzahl hat man die Wahl zwischen „der Mutant” (Genitiv: „des Mutanten“) oder „die Mutante“.

Kurz zusammengefasst: Mutanten sind durch Mutation entstanden. Es ist also auch in diesem Kontext korrekt, von Mutanten zu sprechen – vorausgesetzt, man meint damit nicht die Veränderungen, sondern die veränderten Viren. Und wenn es nicht vorrangig um die Veränderungen an den Erbanlagen des Coronavirus geht, kann man auch einfach von den verschiedenen Varianten des Virus sprechen.

Ganz gleich ob Mutation, Mutant(e), Variation oder „Original“, passen Sie gut auf, dass das Virus Sie möglichst nicht erwischt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lotos, Lotus und die Fachsprache

Nicht ganz passend zur Adventszeit eine „blumige“ Frage zu Lotus, Lotos und Hornklee:

Frage

Heißt die Seerosenart „Lotus“ oder „Lotos“ oder ist beides richtig? Der Duden deklariert „Lotus“ unter anderem als “so viel wie Lotos”, aber auf der Seite […].de steht, nur „Lotos“ sei richtig und „Lotus“ sei der botanische Name für „Hornklee“. Ist „Lotus“ für die Seerose kein korrektes Deutsch oder ein Anglizismus?

Nelumbo nucifera
Indische Lotosblume o. Lotusblume
Bild von Shin-改
Lotus corniculatus
Gewöhnlicher Hornklee
Bild von Hans Braxmeier

Antwort

Guten Tag Frau W.,

es geht hier nicht darum, ob die Wortwahl richtig oder falsch ist. Es geht darum, welche Sprachart oder welches Sprachregister man benutzt. In diesem Fall kann man zwischen der Allgemeinsprache und der botanischen Fachsprache unterscheiden.

In der Allgemeinsprache gibt es:

a) Hornklee
b) Lotos(blume) oder Lotus(blume)

In der botanischen Fachsprache unterscheidet man:

a) Lotus (o. Hornklee)
b) Nelumbo (o. Lotos)

Es ist also nicht grundsätzlich falsch, die Lotosblume auch Lotusblume zu nennen, denn das ist außerhalb der Fachsprache, das heißt in der Allgemeinsprache, so üblich.**

Ähnliche Fälle sind:

Allgemeinsprachlich:
a) Geranien
b) Storchschnäbel
Fachsprachlich:
a) Pelargonien
b) Geranien

Allgemeinsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Gemüse
Fachsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Früchte

Meiner Meinung nach behaupten vor allem „Besserwissende“, es sei falsch, Tomaten, Zucchini und Auberginen als Gemüse zu bezeichnen, weil sie botanisch gesehen Früchte sind. Ähnliches gilt für die Behauptungen, dass der traditionelle Balkonflor nicht aus Geranien, sondern Pelargonien bestehe und dass man die Lotosblume nur so und nicht auch Lotusblume nennen dürfe. Die Allgemeinsprache muss sich nicht an die Regeln der Fachsprachen halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Auch schon im 19. Jahrhundert benutzt man die Wörter „Lotosblume“ und „Lotusblume“ nebeneinander (vgl. hier). Ein Einfluss der Sportwagenmarke Lotus ist in der damaligen Zeit auszuschließen. Das britische Unternehmen wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet. Und selbst wenn „Lotus“ für „Lotos“ im 19. Jahrhundert ein Anglizismus gewesen sein sollte, dürfte er bis heute als eingebürgert bezeichnet werden.