Passiv und passivisch

Frage

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den Unterschied zwischen „passiv“ und „passivisch“ erhellen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

außerhalb der Linguistik oder ohne Bezug auf die Sprache kommt passivisch kaum vor. Ich beschränke die Antwort deshalb auf die Verwendung der beiden Adjektive in der Sprachwissenschaft. Um es gleich vorwegzunehmen: Einen eindeutigen Unterschied gibt es nicht.

Das Adjektiv passivisch ist eine Ableitung des Substantivs Passiv:

passiv →  Passiv → passivisch

Im Allgemeinen wird in der Sprachwissenschaft passivisch verwendet, wenn im Passiv stehend, das Passiv betreffend gemeint ist:

die passivischen Formen des Verbs
eine Satz im Aktiv mit passivischer Bedeutung
die passivische Adjektivendung „-bar“

Die sprachwissenschaftliche Terminologie wäre aber nicht die sprachwissenschaftliche Terminologie, wenn man nicht an jeder zweiten Ecke einer Ausnahme begegnete. So wird des Öfteren passiv verwendet, wo man nach dem oben Gesagten passivisch erwarten würde:

die passiven Formen des Verbs
eine Konstruktion mit passiver Bedeutung

Wenn ein Bezug zum grammatischen Passiv gemeint ist, kommen daneben oft Zusammensetzungen mit Passiv- vor:

die Passivformen des Verbs
eine Passivkonstruktion

Das Adjektiv passiv wird in der Sprachwissenschaft häufig in Verbindungen wie der passive Wortschatz verwendet. Der passive Wortschatz ist der Teil des Wortschatzes, den ein Mensch versteht, selbst aber nicht aktiv gebraucht (ebenso zum Beispiel: passive Sprachkompetenz, passive Sprachkenntnisse, passive Sprachbeherrschung usw.).

Eine eindeutige Unterscheidung gibt es wie gesagt nicht. Wenn Sie passivisch verwenden, wenn es um das Passiv geht, und passiv, wenn von Sprachkenntnissen und Sprachbeherrschung die Rede ist, dann liegen Sie in der Regel richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verlangt es sie oder ihnen nach etwas?

Frage

Ich habe nirgends im Internet die reflexive Form des Verbs „verlangen“ gefunden. Beispiel: „Es verlangt mich nach Liebe.“ Oder ist das eine transitive Form des Verbs mit Akkusativobjekt (mich)?

Ich las jetzt den Satz: „Sie konnten nicht finden, wonach Ihnen verlangte.“ Richtig müsste es doch heißen „… wonach es sie verlangte“. Aber warum?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

im Satz „Es verlangt mich nach Liebe“ handelt es sich nicht um eine reflexive Verwendung von verlangen, sondern um eine unpersönliche Verwendung dieses Verbs mit einem Akkusativ (vgl. die Angaben verlangen im DWDS [Bedeutung 5]):

jemanden verlangt (es) nach jemandem/etwas

Es verlangt mich nach Liebe.
Mich verlangt (es) nach Liebe.
Nach Liebe verlangt (es) mich.

Das unpersönliche es, das hier die Funktion eines formalen Subjekts hat, kann wegfallen, außer wenn es am Satzanfang steht (siehe Beispiele oben). Die Konstruktion gilt als gehoben. Man begegnet ihr also im Alltag nicht allzu häufig. Gemeint ist mir ihr übrigens nicht, dass man etwas fordert, sondern dass man sich nach etwas sehnt, etwas begehrt.

Der Satz, den Sie zitieren, müsste also tatsächlich mit dem Akkusativ und nicht mit dem Dativ stehen:

Sie konnten nicht finden, wonach es sie verlangte.

In diesem Satz lässt man das es besser nicht weg, weil sonst undeutlich sein könnte, ob es sich bei sie um einen Akkusativ Plural oder um einen Nominativ Singular handelt. Ohne es möglich ist zum Beispiel:

Ich kann nicht finden, wonach (es) mich verlangt.
Er konnte nicht finden, wonach (es) ihn verlangte.
Ihr konnten nicht finden, wonach (es) euch verlangte.

Ein Blick ins Internet zeigt, dass Formulierungen mit dem Dativ relativ häufig vorkommen:

*Es verlangte ihm nach Abwechslung.
*Mir verlangte es nach etwas Trinkbarem.
*… wonach ihnen verlangte.

Wenn man sich einer gehobenen (und vielleicht ein bisschen veralteten) Wendung bedient, kann man das aber besser so tun, wie es in den Wörterbüchern steht, auch in älteren1:

Es verlangte ihn nach Abwechslung.
Mich verlangte es nach etwas Trinkbarem.
… wonach es sie verlangte.

Und im Zweifelsfall kann man natürlich auch auf sich (Akk.) nach etwas sehnen ausweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag verlangen, Abschnitt 5)

Der reflektierte Mensch oder der reflektierende Mensch

Frage

Neulich habe ich den Spruch gehört: „Lieber ein reflektierter Atheist als ein unreflektierter christlicher Fundamentalist.“ Meine Frage dazu: Müsste es nicht heißen „ein reflektierender Atheist“ und ein „nicht reflektierender christlicher Fundamentalist“ ?

Antwort

Guten Tag Herr Z,

zuerst habe ich mich vor allem gewundert, denn mir war diese Verwendung von reflektiert bis zu Ihrer Frage nie aufgefallen. Schon nach einem kurzen Blick ins Internet musste ich aber feststellen, dass Formulierungen wie ein reflektierter Mensch, eine reflektierte Führungskraft und die reflektierte Theologin offenbar keine Seltenheit sind. Sind sie korrekt?

Das Partizip reflektiert kann eigentlich nicht so verwendet werden. Das Verb reflektieren bedeutet unter anderem1:

über etwas reflektieren = über etwas nachdenken
etwas reflektieren = etwas erwägen, überdenken

Wenn (über) etwas reflektiert worden ist, ist darüber nachgedacht worden, hat jemand es gründlich überdacht:

ein reflektiertes Urteil = ein (gut) durchdachtes Urteil
die reflektierte Nutzung digitaler Medien = die (gut) durchdachte Nutzung …

Das adjektivisch verwendete Partizip reflektiert steht also vor dem, worüber nachgedacht oder reflektiert wird. Es bezieht sich auf das Akkusativobjekt bzw. das Präpositionalobjekt. Es bezieht sich nicht auf das zum Verb reflektieren gehörende Subjekt: Die Person, die reflektiert, ist nicht die reflektierte Person, sondern die reflektierende Person. Man kann es mit der Person vergleichen, die nachdenkt oder überdenkt. Das ist nicht die nachgedachte oder überdachte Person, sondern die nachdenkende oder überdenkende Person.

Das gilt auch dann, wenn reflektierend nicht einen einmaligen Vorgang beschreibt, sondern als Charaktereigenschaft gemeint ist. Ein reflektierender Mensch kann eine Person sein, die gerade nachdenkt, aber auch eine Person, die dies regelmäßig oder immer tut.

Ähnliches gilt für die mit un- verneinte Form unreflektiert. Wenn man etwas unreflektiert tut, tut man es ohne nachzudenken, spontan. Unreflektiert ist das, worüber nicht nachgedacht wird oder nicht nachgedacht worden ist (zum Beispiel: unreflektiertes Handeln, unreflektierte Meinungen, unreflektierte Verehrung).  Eine Person, die nicht oder gar nie nachdenkt, ist nicht eine unreflektierte Person, sondern eine nicht reflektierende Person.

Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass Sie recht haben. Der Spruch sollte besser so lauten:

Lieber ein reflektierender Atheist als ein nicht reflektierender christlicher Fundamentalist.

ABER (ohne ein Aber geht es kaum je): Wenn man einmal darauf achtet, begegnet man viel häufiger, als ich es erwartet hätte, Formulierungen, in denen von reflektierten oder unreflektierten Personen die Rede ist. Es könnte also sein, dass das Partizip reflektiert auf dem Wege ist, sich zu einem selbständigen Adjektiv mit eigener Bedeutung zu entwickeln: reflektiert = immer/häufig über vieles reflektierend/nachdenkend. Es wäre nicht das erste und sicher nicht das letzte Partizip, dass sich „verselbständigt“ (man denke hier zum Beispiel an schreiende Farben und ausgekochte Kriminelle). Vorläufig ist es aber noch nicht ganz so weit, so dass ich empfehlen würde, von reflektierenden und nicht reflektierenden Menschen statt von reflektierten und unreflektierten Menschen zu sprechen. Auf die hier unweigerlich aufkommende Bemerkung über Menschen vor dem Spiegel gehe ich nicht weiter ein1.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Die anderen Bedeutungen von „reflektieren“ sind hier – außer für humoristisch gemeinte Einlagen – nicht relevant.

Werden meine Haare grau oder wird mein Haar grau?

Frage

Ich wüsste gerne wie es richtig ist:

Claras lange braune Haare sind sehr schön.
Claras langes braunes Haar ist sehr schön.

Oder ist beides richtig?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

beides ist hier möglich, gebräuchlich und korrekt. Das Wort Haar hat im Singular zwei Bedeutungen:

  1. einzelnes Haar
  2. Gesamtheit der Haare (Sammelbezeichnung)

Wenn es sich um eine Gesamtheit von Haaren handelt, kann man unterschiedslos die Mehrzahl Haare oder die Sammelbezeichnung Haar verwenden:

Claras lange braune Haare sind sehr schön.
Claras langes braunes Haar ist sehr schön.

Mit der Mehrzahl sind alle einzelnen Haare gemeint, mit der Einzahl die Gesamtheit der Haare. In den meisten Fällen gibt es dabei keinen Unterschied:

die Haare kämmen
das Haar kämmen

die Haare wachsen lassen
das Haar wachsen lassen

Männer mit vielen Brusthaaren
Männer mit viel Brusthaar

Das Haar des Pudels ist lockig
Die Haare des Pudels sind lockig

blonde / gewellte / frisch gewaschene / kurzgeschnittene / echte Haare
blondes / gewelltes / frisch gewaschenes / kurzgeschnittenes / echtes Haar

Nicht immer kommt beides gleich häufig vor: In der Regel rauft man sich die Haare und nur sehr selten rauft sich jemand das Haar.

Ich konnte nirgendwo Informationen dazu finden, ob es bei der Verwendung von die Haare und das Haar regionale Unterschiede gibt. Bei einzelnen Sprechenden scheint es aber deutliche Vorlieben zu geben. So verwende ich eigentlich nie das Haar für die Gesamtheit der Haare. Ich sage immer, dass meine Haare grau werden, und nie, dass mein Haar grau wird, auch wenn Letzteres ebenfalls korrekt und gebräuchlich ist. Älter werde ich so oder so.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „demzufolge“, aber nicht „derzufolge“?

Frage

Wenn ich das Wort derzufolge/der zufolge google, finde ich keine oder unterschiedliche Antworten zur Zusammen- oder Getrenntschreibung.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

die zusammengeschriebene Form demzufolge findet man in allen Wörterbüchern. Warum steht aber in keinem von ihnen die weibliche Form derzufolge? Eine erste, vorerst vielleicht eher rätselhafte Antwort könnte sein: Nach der Rechtschreibregelung gibt es die männliche Form demzufolge auch nicht.

Zusammen schreibt man nur das Adverb (Konjunktionaladverb) demzufolge, das die Bedeutung folglich, demnach, deshalb hat:

Wir betreuen eine namhafte Kundschaft und haben demzufolge aussagekräftige Referenzen vorzuweisen.

Diese Gebühren sind nicht einklagbar. Demzufolge müssen sie nicht bezahlt werden.

Dieses demzufolge ist (oder war ursprünglich) eine Verbindung mit dem unpersönlichen sächlichen dem, die zu einem Adverb geworden ist (dem Gesagten zufolge, dieser Sache zufolge).

Getrennt schreibt man den Relativanschluss mit zufolge, und zwar nach männlichen und sächlichen Bezugswörtern (Bedeutung: gemäß dem):

der Vertrag, dem zufolge Klagen keine aufschiebende Wirkung haben

Es wird ein Gesetz eingeführt, dem zufolge jeder Bürger und jede Bürgerin verpflichtet ist …

Die weibliche Form kann nur als solcher Relativanschluss verwendet werden (Bedeutung: gemäß der). Man schreibt sie entsprechend immer getrennt:

die Einigung, der zufolge Klagen keine aufschiebende Wirkung haben

Es wird eine Bestimmung eingeführt, der zufolge jeder Bürger und jede Bürgerin verpflichtet ist …

Das erklärt, warum man derzufolge nicht in den Wörterbüchern findet. Richtig geschrieben ist nur der zufolge. Dass in „freier Sprachwildbahn“ trotzdem hin und wieder fälschlich zusammengeschriebenes demzufolge oder derzufolge vorkommt, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Unterscheidung zwischen dem Adverb und dem Relativanschluss nicht allen bekannt oder immer bewusst ist. Es ist ja wirklich nicht immer einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der (nicht immer so große) Unterschied zwischen „hin“ und „her“

Heute wieder einmal eine Regel, die viele kennen und die häufig zu stark verallgemeinert wird. Deutschlernende und Deutschunterrichtende mögen mir diese „Sabotage“ an einer bekannten Regel verzeihen.

Frage

Zwei Kolleginnen und ich haben ein grundlegendes Problem mit der Hin-und-Her-Regel. Die Regel an sich kennen wir natürlich: zum Sprecher = her; vom Sprecher weg = hin. […] Zum Beispiel in Romanen in der Ich-Perspektive: „Er beugte sich zu mir her-/hinab und ich sah zu ihm her-/hinauf.“ Bisher haben wir solche Konstruktionen so korrigiert, dass das Ich unser Sprecher ist, also: „Er beugte sich zu mir herab“ und „Ich sah zu ihm hinauf“. Probleme gibt es aber bei folgenden Konstruktionen: „Seine Worte rissen mir das Herz aus der Brust her-/hinaus.“ Vom Bauchgefühl würden wir hier zu „heraus“ tendieren, aber nach der Regel müsste es ja „hinaus“ heißen, wenn wir davon ausgehen, dass das Ich auch hier der Sprecher ist.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

die Regel für die Verwendung von hin und her ist nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Die sprechende Person ist im Prinzip die Ich-Person. Das kann auch die erzählende Person sein, aber das ist nicht immer so. Weiter ist diese Regel vor allem bei einfachem hin und her im wörtlichen Sinne wirksam:

Ich weiß nicht, wo sie hingehen.
Ich weiß nicht, wo sie herkommen.

In Ihren ersten Beispielen formuliert man vorzugsweise auch so, wie Sie wählen würden:

Er beugte sich zu mir herab.
Ich schaute zu ihm hinauf.

Ich beugte mich zu ihm hinab.
Er schaute zu mir herauf.

Bei den zusammengesetzten Adverbien mit -ab, -auf, -aus, -über, -unter usw. wird diese Unterscheidung allerdings auch in der Standardsprache oft nicht eingehalten. Häufig ist die Bedeutung der Präposition wichtiger als die Angabe der Bewegungsrichtung:

Ich stieß sie die Treppe herunter/hinunter.
Wir versuchten noch, ihn zur Tür herauszudrängen/hinauszudrängen.
Ich wusste nicht, wie ich den Bissen herunterwürgen/hinunterwürgen sollte.
Seine Worte rissen mir das Herz zur Brust heraus/hinaus.

Beim letzten Beispiel sehen Sie den wahrscheinlichen Grund für Ihren Zweifel: Beides ist möglich.

Weiter ist es so, dass die Bewegungsrichtung auch ohne Ich-Person mit hin und her angegeben werden kann:

Er saß im Zimmer und schaute zu ihr hinaus.
Sie stand im Garten und bemerkte, dass er zu ihr herausschaute.

Die Bewegungsrichtung ist aber nicht immer deutlich. Dann sind sowieso beide Formen möglich:

Der Graf im Zimmer schaute zur Gräfin im Garten hinaus/heraus.
Schneewittchen stieg die Treppe hinunter/herunter.

Im Prinzip gilt: hin = vom Ort der sprechenden Person weg; her = auf den Ort der sprechenden Person zu (vgl. hier). Es ist aber auch standardsprachlich häufig so, dass diese Unterscheidung nicht eingehalten werden kann oder einfach nicht eingehalten wird. Für Deutschlernende kann dies schwierig sein, als Deutschsprachige können Sie sich aber in der Regel auf Ihr Gefühl verlassen. Die Regel ist nicht so eindeutig und nicht so streng, wie manche annehmen. Häufig kommt es auf das Gleiche heraus oder läuft es auf dasselbe hinaus, egal ob man hinab, hinauf, hinaus usw. oder herab, herauf, heraus usw. wählt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes“

Frage

In diesem Gedicht von Morgenstern ist mir nicht ganz klar, worauf „des“ sich bezieht. Könnten Sie mir dabei helfen?

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möchte ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur
Wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

Christian Morgenstern

Ist das vielleicht ein Genitiv oder ein „dies“?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Form des ist hier eine alte Variante von dessen. Man findet sie vor allem noch in Zusammensetzungen und Wendungen wie deswegen, deshalb und des ungeachtet. Es ist der Genitiv des Pronomens der oder das:

Möchte ich immer mehr des inne werden, wieviel Schönheit …
= Möchte ich immer mehr dessen innewerden, wie viel Schönheit …
= Möchte ich mir immer mehr dessen bewusst werden, wie viel Schönheit …

Auch in älteren Redewendungen und Sprichwörtern kann man der Form des noch begegnen:

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Hier kommt auch gleich das nahe verwandte Wort wessen mit seiner alten Varianten wes vor. Es ist das wes, das auch in zum Beispiel weshalb und weswegen oder in Wesfall, der deutschen Bezeichnung für Genitiv, zu finden ist.

In modernerem Deutsch werden diese Sprichwörter mit wovon und davon bzw. wessen und dessen formuliert:

Wovon das Herz voll ist, (davon) strömt der Mund über.
Wessen Brot ich esse, dessen Lied singe ich.

„Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes. Weniger positiv zu verstehen ist in der heutigen Zeit das zweite Sprichwort, das eine ziemlich opportunistische Lebenshaltung oder Berufseinstellung beschreibt: „Wer mich bezahlt, dessen Interessen vertrete ich auch.“

Und seien Sie sich des oder – im heutigen Deutschen – dessen bewusst, dass es genügt, wenn Sie die Formen des und wes erkennen können. Verwendet werden sie nicht oder kaum mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ auch „Ihr Einverständnis voraussetzend“?

Frage

Es gibt die Ausdrücke „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ und „Ihr Einverständnis voraussetzend“. In meinen Augen bedeuten sie nicht dasselbe. Bei Ersterem muss ich noch auf das Einverständnis warten, bei Letzterem setze ich es einfach voraus.

Allerdings sind nicht alle derselben Meinung wie ich. Was meinen Sie dazu?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

im Prinzip haben Sie recht: Mit Ihr Einverständnis vorausgesetzt ist in der Regel gemeint, dass das Einverständnis noch gegeben werden muss. Ihr Einverständnis voraussetzend bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass man einverstanden ist. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt werde ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weiterleitet.
= Unter der Voraussetzung/Bedingung, dass Sie einverstanden sind …

Ihr Einverständnis voraussetzend habe ich Ihre Anfrage an die zuständige Stelle weitergeleitet.
= In der Annahme / Davon ausgehend, dass Sie einverstanden sind …

ABER: Wie Sie selbst festgestellt haben, sind bei diesen sehr ähnlich aussehenden Formulierungen nicht alle derselben Meinung, wenn es darum geht, was sie genau bedeuten. Ich vermute, dass dies daran liegt, dass vorausgesetzt unterschiedlich verstanden werden kann:

Einerseits kann vorausgesetzt mit der Bedeutung verstanden werden, das es als Einleitung eines Bedingungssatzes hat (vorausgesetzt [dass] = unter der Bedingung, dass):

Vorausgesetzt, dass Sie Ihr Einverständnis geben …
= Falls Sie Ihr Einverständnis geben …

Andererseits kann vorausgesetzt wörtlich als das Partizip des Verbs voraussetzen verstanden werden (voraussetzen = als gegeben annehmen):

Ich habe Ihr Einverständnis vorausgesetzt …
= Ich bin davon ausgegangen, dass Sie einverstanden sind …

Obwohl „Ihr Einverständnis vorausgesetzt“ üblicherweise die erste Bedeutung hat, ist es nicht auszuschließen, dass manchmal auch die zweite gemeint ist.

Diese Zweideutigkeit könnte auch einen Einfluss auf die sehr ähnlich klingende Wendung „Ihr Einverständnis voraussetzend“ haben. Bei den Beispielen, die ich an verschiedenen Orten finden konnte ist nicht immer klar, ob das Einverständnis als gegeben angenommen oder noch erwartet wird.

Man kann hier allerlei Begründungen anführen, weshalb welche Wendung welche Bedeutung haben „muss“, aber in der Sprachrealität halten sich nicht alle daran. Ich würde deshalb empfehlen, in wichtigen Fällen auf eine Formulierung auszuweichen, die von allen gleich verstanden wird. Zum Beispiel:

Ihr Einverständnis vorausgesetzt
→ falls Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihr Einverständnis voraussetzend
→ davon ausgehend, dass Sie zustimmen / einverstanden sind

Ihre Zustimmung voraussetzend melde ich mich jetzt ins Wochenende ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hasauf spielen: Was tut man, wenn man Hasauf spielt?

Frage

Ich bin ein großer Bewunderer des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann und lese gerade sein Buch „Der goldene Spiegel – Erzählungen in einem Rahmen“. Ich bin auf einen Ausdruck gestoßen, den ich nicht wirklich verstehe: „Sie wollen Hasauf spielen.“ Leider kann ich die Übersetzung von „Hasauf“ nicht finden. Könnten Sie mir bitte bei dieser Übersetzung helfen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

den Ausdruck „Hasauf spielen“ kenne auch ich nicht. Ich kann ihn auch in keinem historischen oder Dialektwörterbuch finden (außer im DWB in einem Beispielsatz bei „spielen“, und dies ohne weitere Erklärung1). Wenn die Wörterbücher nichts hergeben, muss man sich die Texte genauer anschauen.

Die wenigen Stellen in älteren Texten, in denen „Hasauf“ vorkommt, lassen keine eindeutige Interpretation zu, außer dass diese Wendung nicht positiv gemeint sein kann:

Jedoch werden die Deutschen allwege von diesen Nationen gering geschätzt, und nicht anders genannt als die Vollsäufer, stolze Federhansen, hohe Pocher, Gotteslästerer, Hans Muffmaff mit dem Bettelsack, die gern Hasauf spielen.2

»Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. — »Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« — »Die wollen Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. […] »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.3

Das „Has(e)“ in „Hasauf“ legt die folgende Interpretation nahe:

Hasauf spielen = die Flucht ergreifen, flüchten

Das passt zum Bild des Hasen als Feigling, wie es heute noch in „das Hasenpanier ergreifen“, „Hasenfuß“ und „Angsthase“ vorkommt.

Ein weiteres, stärkeres Indiz, das in dieselbe Richtung zeigt, kommt aus dem Niederländischen. Es gibt oder besser gab dort die heute nicht mehr gebräuchliche Redewendung „haas-op spelen“ mit der Bedeutung „flüchten“ (vgl. hier und hier).

Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass „Hasauf spielen“ wirklich „flüchten, wegrennen“ bedeutete. Ich bin aber der Meinung, dass diese Deutung durch das Bild des Hasen und die wörtliche Entsprechung in einer nahe verwandten Sprache stark unterstützt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls jemand  die Wendung „Hasauf spielen“ kennt, wären Herr M. und  ich froh, mehr darüber zu erfahren.


Siehe DWB, Bedeutung II/7/d/ε
Gustav Freitag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1859-67, Bd. 3, Der Dreißigjährige Krieg
3 Jakob Wassermann, Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen, 1911

Omikron und Omega

Aus wenig erfreulichem aktuellem Anlass hört und liest man zurzeit sehr häufig das Wort Omikron. An dieser Stelle soll es nicht um den Anlass gehen und auch nicht darum, wie wenig erfreulich er ist. Es geht vielmehr um eine kleine Einsicht, die ich zu meinem Erstaunen erst jetzt gehabt habe.

Mir ist nämlich klargeworden, dass Omikron von griechisch ò mikrón kommt und kleines O bedeutet. Den Wortbestandteil mikro(n) = klein kennen wir ja von zum Beispiel dem Mikroskop, mit dem man sehr Kleines sehen kann, der Mikrofaser, einer aus kleinsten Strukturen bestehenden Faser, oder den Mikroorganismen, den Klein- und Kleinstlebewesen.

Das wussten viele von Ihnen sicher schon, aber diesen ersten Schritt meiner neuen „Erkenntnis“ finde ich noch nicht sehr erstaunlich. So oft bin ich dem Wort Omikron bis vor Kurzem auch wieder nicht begegnet. Das gilt nicht für sein Gegenstück, das Omega. Ihm begegnet man in gelehrteren oder religiösen Kontexten in der Form von Alpha bis Omega (ΑΩ), aber vor allem auf dem Fernseh- oder einem anderen Bildschirm, wenn bei Sportveranstaltungen neben der Zeitmessung die Marke des Zeitmessers steht. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) man es so oft sieht, ist mir bis jetzt nie klargeworden, dass Omega einfach großes O bedeutet. Wie mikro ist ja auch mega = groß nicht unbekannt: vom Megabyte über den Megastar bis hin zu megaerstaunlich.

Ich habe mich gleich auf die Suche gemacht, ob das griechische Alphabet noch andere Buchstaben mit einer solchen Bedeutung hat, bin aber kaum fündig geworden. Neben Epsilon (einfaches E) und Ypsilon (einfaches I) sind nur noch Alpha und Gamma nennenswert: Alpha kommt vom hebräischen Wort ạlęf = Ochse (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Ochsenkopf) und Gamma kommt von hebräisch gạmạl = Kamel (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Kamelhals).

Das Omikron wird klein genannt, weil es kurz ist. Das Omega ist groß, weil es lang ist. Warum genau das Epsilon und das Ypsilon einfach sind, ist mir vorläufig noch ein Rätsel. Für die Schreibung der Laute /e/ und /i/ hat das Griechische so viele Möglichkeiten, dass der Grund wohl dort zu suchen ist.

Und um doch noch kurz auf den unerfreulichen Anlass für die derzeit häufige Verwendung des Wortes Omikron einzugehen: Hoffen wir, dass Omikron wirklich klein bleibt und Omega uns in diesem Zusammenhang erspart bleibt.