Stahlaktenschrank: Die Bedeutung zusammengesetzter Wörter

Frage

Seit Jahren lässt mich eine Sache nicht ruhen. Ich habe eigentlich per Zufall auf einen Chargenaufkleber eines Stahlschrankes geschaut und folgendes gelesen:

Stahlaktenschrank
Baujahr: 1974
Nummer: xxxxxxx??

Was mich verwunderte, war die Bezeichnung Stahlaktenschrank. Nun meine Frage: Ist ein Stahlaktenschrank ein Schrank für Stahlakten oder ein Stahlschrank für Akten?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die Wortbildungsregeln des Deutschen können Ihnen bei dieser Frage nicht behilflich sein. Wenn zwei Wörter miteinander zu einem neuen Wort kombiniert werden, bedeutet das im Prinzip nur, dass die beiden Wörter in irgendeiner Weise etwas miteinander zu tun haben.

So sind die Tischplatte und das Tischbein Teile eines Tisches. Die Tischdecke und der Tischgrill sind Dinge, die man in der Regel auf einen Tisch legt oder stellt. Eine Tischdame oder ein Tischherr ist eine Person, in deren Gesellschaft man bei einem formellen Diner am Tisch sitzt. Ein Tischgespräch ist normalerweise keine Konversation unter Möbelstücken, sondern ein bei Tisch geführtes Gespräch, und die Tischmanieren sagen in der Regel nichts über das Betragen des Tisches aus, sondern darüber, wie man sich bei Tische zu benehmen hat.

All diese zusammengesetzten Wörter sind in gleicher Weise gebildet worden und haben etwas mit Tisch zu tun. Die jeweiligen Bedeutungsbeziehungen zwischen den einzelnen Wortbestandteilen sind aber ganz unterschiedlicher Art. Die Form der Verbindung lässt also keine Rückschlüsse auf die genaue Art der Bedeutungsbeziehung zu. Vereinfacht gesagt: Nicht die Form, sondern der Satzzusammenhang und unsere Kenntnis der Welt helfen uns bei der Interpretation der genauen Bedeutung eines zusammengesetzten Wortes.

Ein Stahlaktenschrank kann also sowohl ein Aktenschrank aus Stahl als auch ein Schrank für Stahlakten sein. Die Form des Wortes gibt uns keinen Aufschluss darüber, welche Bedeutungsbeziehungen zwischen den einzelnen Teilwörtern bestehen. Nur die Kenntnis der Welt sagt uns, dass es wahrscheinlicher ist, dass es sich um einen Aktenschrank aus Stahl handelt. Es gibt viele Aktenschränke aus Stahl, während nicht anzunehmen ist, dass es speziell für Stahlakten (was immer das sein mag) gemachte Schränke gibt. Die zweite Bedeutung ist aber im Prinzip nicht ausgeschlossen. Es ließe sich relativ leicht ein Zusammenhang konstruieren, in dem ein Schrank für Stahlakten vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen fürs neue Jahr

Dr. Bopp

Umlaut bei -in

Frage

Meine Frau lernt gerade Deutsch und hat mich nun etwas gefragt, worauf ich selber keine Antwort habe. Die Bildung der weiblichen Berufsbezeichnungen ist normalerweise durch den Anhang von in vollständig abgehandelt. So zum Beispiel Polizist – Polizistin, Fahrer – Fahrerin. Nun aber wurde ich gefragt, warum es Arzt – Ärztin heißt, speziell der Anfangsbuchstabe Ä. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es gibt leider keine festen Regeln, wann bei der Bildung von weiblichen Bezeichnungen mit -in auch ein Umlaut verwendet wird. Den armen Deutschlernenden bleibt somit nichts anderes übrig, als die wichtigsten Fälle auswendig zu lernen. Der Umlaut steht vor allem bei älteren Bildungen. Nach den Angaben im Canoonet-Wörterbuch sind dies die folgenden Ableitungen:

Berufs- und andere Personenbezeichnungen

Amtsrätin (Bundesrätin, Kreisrätin usw.), Anwältin, Ärztin, Bäuerin, Bischöfin, Bübin (Spitzbübin), Gräfin, Göttin, Jüdin, Kräuterin, Köchin, Männin, Muselmännin (veraltet für Muselmanin), Närrin, Obmännin, Päpstin, Pröpstin, Schwägerin, Spitzbübin, Törin, Vögtin

Einwohnernamen:

Flämin, Fränkin, Französin, Sächsin, Schwäbin, Westfälin

Und dann gibt es auch noch Tierbezeichnungen:

Äffin, Bräckin (Art Jagdhündin), Dächsin, Füchsin, Häsin, Hündin, Kätzin, Spätzin, Störchin, Täubin, Wölfin

Weiter gibt es auch die entsprechenden zusammengesetzten Personen- und Tierbezeichnungen wie Amtsärztin, Chefärztin, Großbäuerin, Burggräfin, Südfranzösin, Jagdhündin usw. Der weitaus größte Teil der mit -in gebildeten weiblichen Bezeichnungen wird übrigens nicht umgelautet: Von den ca. 8450 mit diesem Suffix abgeleiteten Wörtern in unserem Wörterbuch wurden nur 230 mit Umlaut gebildet.

Weitere Informationen zur weiblichen Endung -in finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie heißen die Einwohner von Nizza?

Bei frühlingshaft warmem Wetter fragte ich mich vorgestern in Nizza plötzlich, wie denn die Einwohner der Stadt auf Deutsch heißen. Das Resultat meiner Überlegungen, die dank der viel zu schönen Umgebung nicht allzu tiefschürfend waren, lautete, dass man wohl im Deutschen jemand aus Nizza oder das französische Niçois verwendet. Das aus der örtlichen Sprache mit dem gleichen Namen stammende Nissart kann man ja im deutschen Sprachraum kaum als bekannt voraussetzen.

Diese Überlegungen stimmen nicht ganz. Zu meinem Erstaunen fand ich zu Hause auch viele Belege für das Adjektiv und den Einwohnernamen Nizzaer. Das Wort klingt für mich irgendwie gar nicht nach Côte d’Azur und Riviera, aber es hat es sogar in den Duden und ins Canoonet-Wörterbuch geschafft. Die Nizzaerin ist dann die grammatisch korrekte weibliche Form, aber sie findet sich außer im Duden und auf Canoonet kaum irgendwo. Und bei Niçoise stößt man natürlich vor allem auf Salatrezepte. Ich würde es deshalb am ehesten auf Einwohnerin von Nizza halten.

Diese Lösung klingt relativ unbefriedigend, aber sie muss öfter angewendet werden, als man auf Anhieb denken würde. Oder wüssten Sie auch nach längerem Nachdenken, wie die Einwohner von Antibes, einem Ort in der Nähe Nizzas, mit einem Wort genannt werden müssten? Viel weiter als Antibier und Antibioten komme ich nicht, und das ist natürlich reinster Unsinn.

Cola Rum oder Rum Cola?

Frage

In der Umgangssprache heißt ein klassischer Longdrink oft Cola-Rum, was ja laut Wortbildungsregeln eigentlich Rum mit Cola wäre. Da es sich aber bei diesem Getränk um Cola gemixt mit einem Schuss Rum handelt, wäre da nicht eher die Bezeichnung Rum-Cola richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

zu dieser Frage lässt sich einiges sagen. Ich möchte aber vorausschicken, dass in einem Bereich wie den Bezeichnungen für Cocktails und Drinks, in dem es nur so von Phantasienamen und Fremdwörtern wimmelt, die Grammatikregeln oft an ihre Grenzen stoßen. Hier dann aber trotzdem ein Erklärungsversuch:

Die Bezeichnung Cola-Rum ist gemäß den Wortbildungsregeln nur dann eine Art Rum, wenn bei neutraler Aussprache die Betonung auf dem ersten Teil, d.h. Cola liegt (vgl. Weizenbier, Colaflasche, Strohrum). Der besagte Longdrink wir aber auf dem zweiten Wort betont: Cola-Rum, ähnlich wie Whisky pur, Forelle blau und Herr Bush senior. Ich würde auch für eine Schreibung ohne Bindestrich plädieren: Cola Rum wie zum Beispiel Gin Tonic und Campari Orange. Hier handelt es sich ja um einen Gin mit Tonic beziehungsweise einen Campari mit Orangensaft. Dann braucht eine Cola mit Rum eigentlich auch keinen Bindestrich.

Im Gegensatz zum Gin Tonic und zum Campari Orange, die wie die Grundwörter Gin und Campari männlich sind, scheint das Geschlecht von Cola Rum nicht ganz festzustehen: Man kann einerseits eine Cola Rum (wie die Cola) oder ein Cola Rum (wie das Cola) und andererseits einen Cola Rum (wie der Rum oder wie der Longdrink?) bestellen. Um die Sache weiter zu komplizieren: Man verwendet auch die Bezeichnung Rum Cola, mit der meines Wissens der gleiche Longdrink gemeint ist.

Ich komme deshalb zu folgendem Schluss:

das/die Cola Rum = Cola mit Rum
der Rum Cola = Rum mit Cola

Bei allen anderen, ebenfalls gebräuchlichen Bezeichnungen „versagen“ die Wortbildungsregeln: Der Cola-Rum, das Rum-Cola und die Rum-Cola sind entweder als falsch anzusehen (aber es liegt mir fern, so etwas zu behaupten) oder sie bezeichnen einfach einen Longdrink mit Cola und Rum. Wirklich wichtig ist dies ohnehin nicht. Hauptsache ist, dass es schmeckt, dass man (sorry, Mädchen und Jungs) die Pubertät schon hinter sich hat und dass man zur Vorbeugung von nachträglich bereuten Worten und Taten sowie im Hinblick auf ein katerloses Erwachen nicht allzu viel davon trinkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Organspendeausweis oder Organspenderausweis?

Frage

Ich lese einen Artikel übers Organspenden und dabei ist mir Folgendes aufgefallen: Einerseits heißt es Spenderausweis, andererseits aber Organspendeausweis. Ist das korrekt, oder müsste es Organspenderausweis heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

sowohl Organspendeausweis als auch Organspenderausweis sind korrekt nach den Wortbildungsregeln des Deutschen gebildete Wörter. Das erste bezeichnet einen Ausweis, der etwas mit der Organspende zu tun hat (Organspende+Ausweis), das zweite bezeichnet einen Ausweis, der etwas mit einem Organspender zu tun hat (Organspender+Ausweis). Wenn es also um einen persönlichen Ausweis geht, mit dem das Spenden von Organen geregelt wird, sind beide Wörter zutreffend.

Es liegt also am Gebrauch, welches der beiden Wörter „richtig“ ist. Ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass beide Wörter verwendet werden. In Deutschland ist die offizielle Bezeichnung Organspendeausweis (siehe Informationsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung), aber auch das Wort Organspenderausweis wird häufig für den gleichen Ausweis verwendet. Auch in der Schweiz, wo die Swisstransplant Spendekarten ausstellt, wird daneben häufig sowohl Organspendeausweis als auch Organspenderausweis verwendet. In Österreich gilt die sogenannte Widerspruchslösung, sodass es offiziell nur das Gegenteil von Organspende(r)ausweisen gibt: das Widerspruchregister gegen Organspende. Dennoch werden zum Beispiel beim Blick über die Grenze sowohl Organspendeausweis als auch Organspenderausweis verwendet.

Ganz Ähnliches gilt für die Wörter Spendeausweis und Spendekarte respektive Spenderausweis oder Spenderkarte: Sie sind alle korrekt gebildet, sie bezeichnen alle das Gleiche und werden alle häufig verwendet.

Auch der Gebrauch gibt somit nicht eindeutig an, welche Variante im Deutschen korrekt ist. Sie können also beide verwendent. Stilistisch ist es vielleicht besser, im gleichen Text entweder nur Spendeausweis und Organspendeausweis oder nur Spenderausweis und Organspenderausweis zu verwenden. Aber auch dies ist eher eine schüchterne Empfehlung als eine eiserne Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einwohner der Azoren

Frage:

Eine Frage zur Rechtschreibung: Wie muss es richtig heißen: Azoreaner oder Azorianer? Auf den Azoren kommt im Portugiesischen sowohl açoriano wie auch açoreano vor, meistens allerdings die letzte Form.

Antwort:

Sehr geehrter Herr H.,

zuerst eine etwas haarspalterische Bemerkung: Ob man die Einwohner der Azoren Azoreaner oder Azorianer nennt, ist eigentlich nicht eine Frage der Rechtschreibung, sondern eine Frage der Wortbildung oder des Wortschatzes. In diesen Bereichen gibt es keine amtliche Regelungen, so dass nicht eine Regelung, sondern der allgemeine Gebrauch ausschlaggebend ist.

Und gerade bei einem Gebiet wie den Azoren, die im deutschen Sprachraum außer in der Reisebranche und im Zusammenhang mit dem Azorenhoch nicht so oft erwähnt werden, ist es schwierig, einen allgemeinen Gebrauch festzustellen. Spontan werden wohl die meisten Deutschsprachigen von den Einwohnern der Azoren sprechen.

Ein kontrollierter Blick ins Internet zeigt, dass sowohl Azorianer als auch Azoreaner relativ häufig benutzt werden. Wie Sie selber bereits angeben, geht dies darauf zurück, dass es auch im Portugiesischen zwei Varianten für diesen Einwohnernamen gibt. Solange sich im deutschen Sprachraum keiner der beiden Begriffe eindeutig durchsetzt, sind sie beide korrekt.

Es gibt aber noch eine weitere Variante! Ich habe auch meine Intuition kontrolliert, die mir sagte, dass die Einwohner der Azoren Azorer heißen. Auch diese Variante kommt recht häufig vor. Sie steht z.B. auch im Staatenverzeichnis des deutschen Bundesministeriums vor Justiz (BMJ) und dem Länderverzeichnis des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland. Diese Verzeichnisse sind aber – wenn überhaupt – nur für die betreffenden Ämter und Ministerien bindend.

Sie können also zwischen drei im Prinzip korrekten Varianten wählen. Die letzte (Azorer, Azorerin, azorisch) hat wegen der genannten Verzeichnisse am ehesten den Status einer “offiziellen” Variante, die beiden anderen sind aber deswegen nicht falsch. Es empfiehlt sich allerdings, innerhalb eines Textes, Buches etc. immer die gleiche Variante zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verlospreis oder Verlosepreis?

Sehr geehrte Frau L.,

Sie stellten die Frage, welche der beiden Formen ‘Verlospreis’ / ‘Verlosepreis’ richtig sei. Da dieses Wort in keinem Wörterbuch und keiner “offiziellen” Wörterliste zu finden ist, können wir Ihnen leider keine eindeutige Antwort geben.

Als allgemeine Faustregel für solche Fälle gilt, dass man neue Wörter dieser Art gleich bildet, wie bestehende Wörter, die das gleiche Erstelement haben. Das Erstelement ist in diesem Fall “verlosen”. Leider sind in den Wörterbüchern auch keine anderen zusammengesetzten Wörter zu finden, die mit “verlosen” gebildet wurden.

Die Grammatiken sagen, dass nach einem stimmhaften s ein e stehen kann. Siehe z.B. bei Canoonet. Die Grammatik hilft uns hier also auch nicht weiter.

Wir haben es somit mit einem Wort zu tun, das weder in Wörterbüchern noch in der Grammatik festgelegt ist. Somit dürfen Sie als Benutzerin des Wortes wählen, welche Variante sie benutzen wollen.

Ganz neu scheint das Wort allerdings nicht zu sein. Mit der Suchmaschine Google habe ich ein paar wenige Web-Seiten gefunden, in denen das Wort ‘Verlosepreis’ resp. ‘Verlospreis’ vorkommt. Sie können also in diesem Fall tatsächlich diejenige der beiden Formen wählen, die Ihnen besser gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit be- gebildete Verben

Herr G. fragt:

Sehr geehrte Damen und Herren Sprachwissenschaftler,

als sprachwissenenschaftlicher Laie (oder vielleicht besser sprachdilettantischer Freak, um mir die Wissenschaftlichkeit auch nicht im laienhaften Sinn anzudichten) habe ich mich seit einiger Zeit mit Verben auf be- oder mit -be- zwischen Präfix und Wortstamm beschäftigt, u.a. im Hinblick auf die Systematik trennbarer und nichttrennbarer Verben. Nun bin ich auf Ihre Wortableitungen gestoßen und würde gerne wissen, wieso “beurteilen” von “be-” und “urteilen” (und letzteres vom Substantiv “Urteil”) abgeleitet wird (ähnlich “beantworten” und “bewerten”), während “begutachten” vom Substantiv “Gutachten” (und letzteres von Verb “urteilen”) abgeleitet wird (ähnlich “beauftragen”, “beschwingen”). Hat dies semantische, sprachhistorische oder sprachsystematische Gründe? Mir fällt als möglicher unterschiedsbildender Faktor im sprachsystematischen Sinn nur erstens ein, dass “gutachten” ein trennbares Verb ist, während “urteilen” nicht trennbar ist, und zweitens, dass wohl “Gutachten” von “gutachten”, “urteilen” hingegen von “Urteil” abgeleitet ist. Dennoch kommt mir es so vor, als sei “beurteilen” wie viele andere Verben auf “be-” eher von dem Substantiv “Urteil” abgeleitet, von dem dann unabhängig davon auch das Verb “urteilen” abgeleitet wird.

Auch “bearbeiten” scheint mir eher von “Arbeit” als von “arbeiten” abgeleitet. Ebenso frage ich mich, ob nicht das von Ihnen als elementar betrachtete Wort “bewegen” in derselben Weise von “Weg” abzuleiten ist.

Für eine Antwort wäre ich dankbar.

Antwort:

Sehr geehrter Herr G.,

Wir danken Ihnen für Ihren Beitrag und bitten Sie die ferienbedingte Verspätung unserer Antwort zu entschuldigen.

Mit dem Präfix “be” gebildete Verben können u.a. von Verben (fahren -> befahren) oder von Substantiven abgeleitet werden (Anspruch -> beanspruchen). Die von Ihnen erwähnte Schwierigkeit entsteht dann, wenn sowohl ein Verb als auch ein Substantiv als Basis dienen können (urteilen -> beurteilen oder Urteil -> beurteilen). Es ist in den meisten Fällen kaum möglich zu entscheiden, ob ein solches Verb vom Verb oder vom Substantiv abgeleitet ist. Die beste Antwort lautet meistens wie die folgende: “beurteilen” kann sowohl auf “urteilen” als auch auf “Urteil” zurückgeführt werden.

Wir können in unserem System aber nur eindeutige, in eine Richtung zeigende Wortbildungsabhängikeiten darstellen. Aus diesem Grund haben wir versucht, eine pragmatische, möglichst eindeutige Lösung anzuwenden: Im Prinzip leiten wir vom Verb ab, wenn es ein untrennbares Basisverb gibt (also urteilen -> beurteilen). Nur wenn es kein untrennbares Basisverb gibt, leiten wir von einem Substantiv ab (Anspruch -> Beanspruchen).

Das Verb “bewegen” ist bei uns nicht von “Weg” abgeleitet, weil im heutigen Sprachgebrauch im Allgemeinen kein Zusammenhang zwischen “Weg” und “bewegen” mehr wahrgenommen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp