Dilettantinnen und Amateure

Heute morgen las ich wieder einmal eine Wortkombination, die gerne dann aus der Schublade der abwertenden Bemerkungen gezogen wird, wenn jemandes Fachkompetenz niedergesäbelt werden soll:

Das sind alles Amateure und Dilettanten!

In dieser Kombination können die Wörter „Amateur“ und „Dilettant“ sowie die weiblichen Entsprechungen „Amateurin“ und „Dilettantin“ nur als negative Beurteilung der Fachkompetenz der so bezeichneten Personen verstanden werden. Dabei waren diese Wörter ursprünglich gar nicht negativ beladen.

Amateure und Amateurinnen sind im heutigen Deutsch Nichtfachpersonen, also Personen, die eine Tätigkeit nicht als Beruf, sondern aus Liebhaberei ausüben. Wir haben das Wort – die Endung -eur verrät es schon – aus dem Französischen übernommen. Dort hat es mehr oder weniger die gleiche Bedeutung. Es geht auf lateinisches „amator“ (Liebhaber) zu „amare“ (lieben, Gefallen an etwas finden) zurück. So gibt es zum Beispiel Amateurfunker, Amateurfilmer, Amateurbiologinnen und Amateursportlerinnen aller Art, die die jeweilige Tätigkeit nicht als Beruf ausüben. Diese Bezeichnungen haben im Prinzip keine negativen Nebenbedeutung. Dennoch erhält „Amateur“ wie auch „nicht professionell“ eine negative Ladung, wenn die Kompetenz der Ausführenden in Zweifel gezogen wird. Wenn jemand „wie ein Amateur“ arbeitet, ist damit selten gemeint, dass die Tätigkeit gut ausgeführt wird. Wenn man es richtig gemacht haben will, braucht es Fachpersonen, keine nicht professionell arbeitenden Liebhaber bzw. Amateure. Das ist die dahinterliegende „Verurteilung“.

Noch weiter gesunken ist das Wort „Dilettant“. Es ist im 18. Jahrhundert aus dem Italienischen übernommen worden. Es gehört zum Verb „dilettare“ (erfreuen, ergötzen). Es hatte und hat im Italienischen die Bedeutung „Laie“, „Amateur“ und kann wie unser „Amateur“ neutral oder negativ gemeint sein. Im Deutschen ist vor allem die negative Bedeutung gebräuchlich: Noch stärker als ein negativ gemeinter Amateur ist ein Dilettant ein Stümper. „Dilettant“ und „Dilettantin“ können zwar nach Angaben der Wörterbücher neutral gemeint sein, aber wer in der alltäglichen Sprachrealität als Dilettantin bezeichnet wird, kann ziemlich sicher sein, dass der Begriff nicht neutral, sondern im wenig schmeichelnden Sinne von „Stümperin“ gemeint ist.

Amateure und Dilettanten sind also ursprünglich Liebhaber einer gewissen Tätigkeit. Amateure und Amateurinnen sind dies auch im heutigen Deutschen häufig noch, nicht aber Dilettanten und Dilettantinnen. Und die Kombination „Amateure und Dilettanten“ kann trotz der ursprünglich positiven Bedeutung der beiden Wörter wirklich nur noch negativ verstanden werden.

Woher „ein itzchen“ kommt

Frage

Ich bin auf der Suche nach der Herkunft des schönen Wortes „Itzchen“ („ein Itzchen“ bedeutet „etwas, ein wenig, ein kleines bisschen“). Zum Beispiel: „Könnte ich noch ein Itzchen Sahne haben?“, „Da fehlt noch ein Itzchen Pfeffer“. Leider konnte ich bis dato nur feststellen, dass ich nicht der Einzige bin, der dieses Wort verwendet. Aber woher kommt es?

Antwort

Guten Tag Herr G.,

zwei Dinge muss ich gleich „gestehen”: Erstens kannte ich den Ausdruck „ein itzchen“ nicht (ich schreibe ihn wie „ein wenig“ und „ein bisschen“ klein) und zweitens ist die amüsantere Erklärung leider nicht die zutreffende.

Die schönste, aber leider nur spekulative Erklärung könnte sein, dass „itzchen“ mit einem Hit aus den frühen Sechzigerjahren zu tun hat: „Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini” von Brian Hyland oder in der deutschen Version „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ von Caterina Valente und Silvio Francesco. In dieser Weise könnte der englische Ausdruck „itsy-bitsy” („ein klitzekleines bisschen” – von „little“ und „bit“ im Munde des englischen Kleinkindes) ins Deutsche übernommen und zu „itzchen” abgewandelt worden sein. Doch wie bereits gesagt ist diese Erklärung leider reine Spekulation.

Mit der Itz, einem Nebenfluss des Mains, hat „itzchen“ wohl auch nichts zu tun.

Eine weniger spektakuläre, aber viel einleuchtendere Erklärung findet sich im Rheinischen Wörterbuch, das den Dialektwörtern des Westmitteldeutschen gewidmet ist. Dort findet man das Wort „itzchen“ mit einem Verweis auf „itz“ und „iet“ mit der Bedeutung „etwas“. Mit „ein itzchen“ ist also ein kleines Etwas gemeint. Auch beim Sprachnachbarn Niederländisch gibt es „iets“ mit der Bedeutung „etwas“. Die Antwort auf die Frage nach der weiteren wortgeschichtlichen Herkunft und inwiefern „iet(s)“ und „etwas“ miteinander verwandt sind, möchte ich Ihnen und mir an dieser Stelle ersparen.

Die Wendung „ein itzchen“ kommt also nicht von einem Hit aus den Sechzigerjahren, sondern aus den Dialekten des Rheinlandes, wo es wahrscheinlich auch am häufigsten in der Umgangssprache verwendet wird. Es ist mit dem niederländischen „iet(s)“ verwandt und über ein paar Ecken auch mit „etwas“. Gerne hätte ich es interessanter gemacht, aber das wäre mehr als nur ein itzchen zu spekulativ gewesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der düpierte Wiedehopf: was „düpieren“ alles bedeuten kann

Heute fiel mein Auge auf die Überschrift „Lakers düpieren die Warriors“. Das Verb „düpieren“ ließ mich stutzen, denn das für mich eher etwas antiquierte Wort war mir in diesem Zusammenhang nicht geläufig. Mit „in diesem Zusammenhang“ ist gemeint, dass es sich um einen Artikel über ein Basketballspiel handelt, das die Los Angeles Lakers offensichtlich in überzeugender Weise von den Golden State Warriors gewonnen haben. Das erklärt eigentlich schon, warum mir das Wort so nicht bekannt war: Mein Interesse für Sport ist, gelinde gesagt, sehr unterentwickelt, so dass ich Sportbeilagen, Sportseiten und Sportgramme so schnell überblättere, wegklicke oder wegzappe, dass mir typische Begriffe der Sportsprache gar nicht geläufig sein können.

Was ließ mich genau stutzen? Für mich hatte „düpieren“ nur die Bedeutung „täuschen, hereinlegen, überlisten“, die auch zum Beispiel in Duden und DWDS zu finden ist.

Cyberkriminelle düpieren ihre Opfer mit Tierbabys.

Eine weitere Bedeutung von „düpieren“, die in einige Wörterbücher Eingang gefunden hat, ist „vor den Kopf stoßen, brüskieren“.

Der Präsident hat die Frau seines Amtskollegen mit sexistischen Bemerkungen düpiert.

Manchmal ist dabei gar nicht mehr deutlich, welche der beiden Bedeutungen gemeint ist:

Handel düpiert die Milchbauern

Hier ist ohne weitere Informationen nicht zu entscheiden, ob der Handel die Milchbauern übers Ohr haut oder vor den Kopf stößt (oder beides).

Bei der Verwendung von „düpieren“ im Sport muss ich raten, was genau gemeint ist. In vielen Fällen gewinnt anscheinend ein Team oder eine Person überzeugend und/oder unerwartet gegen andere, so dass die Verlierer eher schlecht aussehen.

Würzburger Kickers düpieren Hamburger SV

Ich vermute allerdings, dass „düpieren“ in Sportberichten manchmal auch einfach als Alternative zu „schlagen“ oder „besiegen“ verwendet wird, um ein bisschen Abwechslung in den Text zu bringen. Da ich aber, wie gesagt, ein Sportberichte meidender Sportmuffel bin, ist dies nicht mehr als eine unfundierte Annahme.

Das Wort „düpieren“ kommt übrigens vom französischen Verb „duper“ („betrügen, überlisten“), das von „dup(p)e“ abgeleitet ist, einem Wort aus der französischen Gauner- und Bettlersprache (Bedeutung: „wer [im Spiel] getäuscht oder betrogen wird, Narr“). Dieses „duppe“ geht über ein, zwei Ecken auf das lateinische Wort „upupa“ für Wiedehopf zurück – angeblich weil dieser Vogel so dumm aussieht.

Das Verb „düpieren“ wird heute also mit drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Gemeinsam ist diesen Bedeutung vielleicht, dass Düpierte dumm aussehen, ob sie nun betrogen, brüskiert oder besiegt worden sind.

Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht?

Frage

Warum sagt man „zu etwas aufbrechen“ („ich breche zu einer Expedition auf’“)?

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage gehört zu den Fragen, bei denen ich mich frage, warum ich sie mir nie selbst gestellt habe. Wieso „aufbrechen“, wenn man sich auf den Weg macht? Was wird hier gebrochen oder aufgebrochen?

Die Antwort findet sich in einer Formulierung, die man heute nicht mehr verwendet. Früher konnte man das Lager oder die Zelte aufbrechen, wenn man sein Lager abbrach, um weg- oder weiterzuziehen. Im heutigen Sprachgebrauch werden Lager und Zelte nur noch abgebrochen, nicht mehr aufgebrochen (wenn sie aufgebrochen werden hat das nichts mehr mit Weggehen, sondern mit Einbruch zu tun – erstaunlich vielfältig, das Verb „brechen“!). Heute verwendet man dieses „aufbrechen“ noch in übertragenem Sinne für „fortgehen“, „sich auf den Weg machen“. Man kann also zu einer Expedition, in den Urlaub, nach Stuttgart oder zum Besuch bei den Großeltern aufbrechen, ohne dass dabei ein Lager oder auch nur ein Zelt abgebrochen werden muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend“ aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind der Kanon und die Kanone miteinander verwandt?

Manchmal überfällt mich mehr oder weniger aus dem Nichts der Wunsch, zu wissen, woher ein bestimmtes Wort kommt. Letzthin war es das Wort „Kanon“, das eine ganz besondere Art mehrstimmigen Gesang bezeichnet (z. B. „Bruder Jakob“ bzw. „Frère Jacques“). Es gleicht seltsamerweise stark dem Wort „Kanone“, mit dem es von der Bedeutung gar nichts zu tun hat. Ich habe also zu den einschlägigen Wörterbüchern gegriffen und herausgefunden, dass „Kanon“ tatsächlich mit „Kanone“ verwandt ist – allerdings um mehrere Ecken.

Das Wort „Kanon“ stammt vom griechischen „kanṓn“ (κανών = gerade Stange, Lineal), das eine Ableitung von „kánna“ (κάννα = Rohr) ist. Schon im Griechischen wurde „kanṓn“ im übertragenen Sinne für u. a. Regel, Vorschrift verwendet. Später gelangte es in die lateinische Kirchensprache. Dort erhielt es neben verschiedene Bedeutungen, die hier nicht so interessant sind, die Bedeutung Lied oder Musikstück, bei dem die Stimmen nach strenger Regel nacheinander einsetzen. Der Weg von Rohr über Lineal und Regel bis hin zu mehrstimmiges Lied war also ziemlich weit und mit einigen Bedeutungsverschiebungen verbunden.

Der Weg, den „Kanone“ zurückgelegt hat, ist ein bisschen kürzer: Er fängt auch beim griechischen „kánna“ (κάννα = Rohr) an. Weiter geht es über lateinisches und italienisches „canna“ (Schilfrohr, Röhre) und die Ableitung „cannone“ (großes Rohr). Dieses Wort wird im 16. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Die Bedeutung änderte von großes Rohr zu schweres Geschütz, die Form wurde eingedeutscht und das Geschlecht wurde der als weiblich empfundenen Form angepasst. So wurde „canna“ über „il cannone“ zu „die Kanone“.

„Kanon“ und „Kanone“ gehen also beide auf dasselbe Wort zurück, das Rohr bedeutete. Beim Geschütz kann man sich mit etwas Mühe noch recht gut vorstellen, wie aus dem (großen) Rohr eine Kanone wurde. Beim Gesang hingegen ist der Zusammenhang mit der Grundbedeutung wegen der vielen Bedeutungsänderungen nicht mehr ersichtlich. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie flexibel Verwendung und Bedeutung eines Wortes sich im Laufe der Wortgeschichte verändern können, so dass, etwas vereinfacht ausgedrückt, aus einem Rohr sowohl ein schweres Geschütz als auch ein mehrstimmiges Musikstück werden kann – und übrigens auch ein künstlicher Wasserlauf: „Kanal“.

Wenn der Vorteil eigentlich ein Nachteil ist: übervorteilen

Frage

Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage nach der Bedeutungsherkunft des Verbes „übervorteilen“. Zunächst scheint seine Bedeutung kontraintuitiv: Übervorteilen klingt danach, als bekomme man zu viel des Vorteils. Nach einer Benachteiligung klingt es gerade nicht. […] Ich hoffe, Sie können etwas Licht in mein Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

die Bedeutung „jemanden benachteiligen, betrügen“ des Verbs „übervorteilen“ ergibt sich tatsächlich nicht gleich aus seiner Form. Ich hatte mir bis vor Kurzem vorgestellt, dass „über“ in „übervorteilen“ irgendwie eine negative Bedeutung hat (wie in „überfragen“ oder „sich überessen“) oder dass die übervorteilende Partei es so einrichtet, dass sie den ganzen Vorteil übernimmt. Richtig geraten? – Nein. Auch des Sprachlers Intuition liegt bei solchen Fragen häufig daneben. Um Ihnen eine fundierte Antwort geben zu können, habe ich in die Wörterbücher geschaut. Dort habe ich eine überraschende Erklärung gefunden:

Das Verb „übervorteilen“ hat seine Bedeutung in einer Zeit erhalten, in der „Vorteil“ auch etwas Negatives sein konnte. Eine der vielen Bedeutungen, die „Vorteil“ hatte, war gemäß dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm „unredlicher Gewinn, Lug und Trug …“:

[…] im engeren sinne bezeichnet es unredlichen gewinn, lug und trug im erwerbsleben: irs geytz, wuchers und allen vorteyl und finantzerey (Luther); beschisz, vorteil, betrug (Zwingli); so von zinsen und wucher leben in allerley vorteil und buberey (Eberlin v. Günzburg) […]
(Siehe Grimm, Vorteil, Bedeutung 7)

Auch die Ableitung „vorteilisch“ war alles andere als positiv:

wer vortailisch ist, prauchet vil tüeck und hinderlist
(Wer „vorteilisch“ ist, braucht viel Tücke und Hinterlist)
Siehe Grimm, vorteilisch)

Das hatte ich nicht erwartet. Die größte Überraschung war für mich aber das Verb „bevorteilen“: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte es nämlich nicht die heutige positive Bedeutung. Nach dem Grimmschen Wörterbuch bedeutete es noch Ende des 19. Jahrhunderts „beeinträchtigen, betrügen“:

dies wort ist kein gegensatz von benachtheiligen und drückt nicht aus einen in vortheil bringen, sondern das umgedrehte.
(Siehe Grimm, bevortheilen)

Das Verb „bevorteilen“ wurde demnach nicht vom positiven „Vorteil“, sondern von „Vorteil“ mit der Bedeutung „unredlicher Gewinn, Lug und Trug“ abgeleitet. Es wurde also in gleicher o. ähnlicher Weise wie „betrügen“ und „benachteiligen“ gebildet. Später wurde „bevorteilen“ umgedeutet, sehr wahrscheinlich weil wir heute „Vorteil“ nur noch im positiven Sinne kennen. Wenn man heute bevorteilt wird, wird man begünstigt.

Und hiermit sind wir endlich wieder bei „übervorteilen“. Auch dieses Verb wurde wie „bevorteilen“ vom negativ beladenen „Vorteil“ abgeleitet. Es bedeutete ungefähr „jemanden mit Lug und Trug überwinden, überlisten“. Das Verb „über-vorteil-en“ wurde somit wie sein Bedeutungsnachbar „über-list-en“ gebildet.

Leicht dramatisierend könnte man also sagen, dass das Wort „Vorteil“ im Laufe seiner Geschichte auch eine sehr negative Bedeutung erhalten hatte, die später wieder verlorenging. Nur im Verb „übervorteilen“ hat die Bedeutung „Lug und Trug, unredlicher Gewinn“ noch ihre Spuren hinterlassen. Auch wortgeschichtlich ist ein Vorteil also manchmal ein Nachteil (gewesen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kakophonie – Pubertäres Grinsen liegt doch nicht ganz daneben

Heute bin ich wieder einmal dem Wort Kakophonie (o. Kakofonie) begegnet. Das schöne bildungssprachliche Wort, das Kindern bis hin zu Spätpubertierenden jeden Alters ein Lachen bzw. Grinsen entlockt, bedeutet Missklang, hässlicher Klang, Dissonanz. Es kommt von griechisch kakos (schlecht, schlimm, böse) und ebenfalls griechisch phon (Ton, Klang). Es gibt eigentlich nichts, worüber man lächeln, lachen oder grinsen könnte, denn mit dem gleich klingenden derben deutschen Wort hat es nichts zu tun. Wirklich?

Der erste Teil kak(o)- kommt auch in anderen schönen Fachwörtern wie Kakogeusie (alle Geschmacksreize als unangenehm empfinden), Kakosmie (Gerüche fälschlich als unangenehm empfinden) und Kakostomie (übler Mundgeruch) vor. Es geht, wie bereits gesagt, auf das griechische Adjektiv kakos (κακός = schlecht, übel, böse) zurück. Die Wortherkunft dieses Adjektivs ist ungeklärt, aber es wird allgemein davon ausgegangen, dass es auf einen Wortstamm kak(k)a mit der Bedeutung den Darm entleeren zurückgeht.

Das kako- in Kakophonie hat also indirekt doch etwas mit Kacke (ich muss das Wort hier doch einmal erwähnen) zu tun. Die Wörter sind „weit hinten“ miteinander verwandt. Die beiden Verwandten gehören aber unterschiedlichen Sprachebenen an. Während im Griechischen κακός zum normalen Sprachgebrauch gehört und man ungeniert von zum Beispiel einer κακή ιδέα (kaki idea) reden kann, ist Kackidee im Deutschen ein derbes Wort, bei dem man sich zweimal überlegen sollte, ob man es wirklich verwenden möchte. Das eingangs erwähnte (spät)pubertäre Grinsen beim Wort Kakophonie ist aber nicht nur klanglich, sondern auch wortgeschichtlich nicht ganz unbegründet.

Die Walnuss und der Walfisch

Auch diesen Herbst sind zwei Eichhörnchen fleißig damit beschäftigt, auf einer erstaunlich geraden Linie über eine Hecke, einen Felsenbirnenbaum, einen japanischen Ahorn und das Garagendach des einen Nachbarn, Walnüsse vom Walnussbaum des anderen Nachbarn in den Wald zu befördern, wo sie ihre Beute wahrscheinlich irgendwo als Wintervorrat vergraben. Das hat dieses Jahr bei mir nicht nur zu amüsiert-bewunderndem Zuschauen, sondern auch zur folgenden Frage geführt: Woher kommt das Wal- in Walnuss?

Der Name hat mir der Herkunft der Nuss zu tun: Sie ist aus Italien und/oder Frankreich zu uns gelangt und wurde im Unterschied zur einheimischen Haselnuss *walhnut genannt. Ins heutige Deutsch übertragen bedeutet dies welsche Nuss oder Welschnuss. Das Adjektiv welsch wird heute in der Schweizer Alltagssprache noch für aus dem Welschland, das heißt aus der französischen Schweiz Stammende und Stammendes verwendet. Allgemeindeutsch bedeutete es aus dem romanischen Bereich (insbesondere Italien, Frankreich und Spanien) stammend. Ursprünglich ist das Adjektiv eine Ableitung vom Namen eines keltischen Stammes (Volcae/*Walhos). Zuerst wurden damit die Kelten bezeichnet und nach der Eroberung durch die Römer die romanische Bevölkerung Galliens, aber auch die Bewohner Italiens. Der langen Erklärung Höhepunkt: Sprachgeschichtlich ist die Walnuss mit Namen wie Wales, Cornwall, Wallonien und Welschland verwandt.

Hat die Walnuss auch etwas mit dem Wal oder umgangssprachlich auch Walfisch genannten Meeressäugetier zu tun? Höchstwahrscheinlich nicht. Der genaue Ursprung des Wortes Wal ist zwar ungewiss, aber die Erklärungen haben alle etwas mit Fischnamen und nichts mit welsch zu tun. Und auch der Name des Schweizer Kantons Wallis hat eine andere Herkunft. Er liegt zwischen den Bergen und leitet seinen Namen von vallis, dem lateinischen Wort für Tal, ab.

Wenn die Walnuss auch nichts mit dem Walfisch zu tun hat, war ich doch überrascht, dass ihre historische Wortverwandtschaft von Wales über Wallonien bis ins Welschland anzutreffen ist. Den Eichhörnchen wird das allerdings eher egal sein.

Oheim, Muhme, Vetter und Base

Letzthin bin ich wieder einmal dem alten Wort Oheim begegnet. Ich wusste, dass es ein altes Wort für Onkel ist. Ich vermutete weiter, dass es durch das aus dem Französischen übernommene Onkel verdrängt worden ist. Das stimmt zwar alles, aber es gibt noch mehr Interessantes für Wortliebhaber. Wie wurden zum Beispiel Tanten genannt, bevor sie wie die Onkel eine französische Bezeichnung erhielten?

Der Oheim war ursprünglich nicht einfach jede Art von Onkel, sondern der Mutterbruder, also der Bruder der Mutter. Die weibliche Entsprechung, die Mutterschwester, war die Muhme. Väterlicherseits wurde die Vatersschwester Base und der Vatersbruder Vetter genannt.

Oheim = Mutterbruder
Muhme = Mutterschwester
Vetter = Vatersbruder
Base = Vatersschwester

Sie wundern sich vielleicht, weil Vettern und Basen im heutige Sprachgebrauch nicht mehr Vatersbrüder und Vatersschwestern sind, sondern u. a. deren Kinder. So einfach, wie ich es hier darstelle, war die Lage sowieso nicht. Je nach Zeit und Region konnten Oheim und Vetter fast jeden männlichen Verwandten und Muhme und Base fast jede weibliche Verwandte bezeichnen.

Um 1700 kamen dann die französischen Bezeichnungen Oncle, später Onkel, und Tante auf, und zwar für Brüder und Schwestern sowohl des Vaters als auch der Mutter – ja sogar deren Gattinnen und Gatten werden nun (angeheiratete) Onkel und Tanten genannt. Die in dieser Weise „frei“ gewordenen Bezeichnungen Oheim und Muhme wurden zu veralteten, scherzhaften Bezeichnungen. Vetter und Base erhielten neu oder verstärkt eine andere Rolle: Sohn bzw. Tochter von Onkel oder Tante. Aber auch Vetter und noch stärker Base sind später fast ganz französischer Konkurrenz erlegen: Cousin und Cousine.

Während wir früher Oheime, Muhmen, Vettern und Basen hatten, die je nach Zeit und Ort auch noch ganz unterschiedlich mit uns verwandt sein konnten, hat der Wortimport aus dem Französischen mit Onkel, Tante, Cousin und Cousine klarere Verhältnisse geschaffen.

Obwohl – ganz so klar ist es nun auch wieder nicht. Wenn man es sich genau überlegt, kann Tante vier verschiedene Verwandtschaftsverhältnisse bezeichnen: Schwester der Mutter, Schwester des Vaters, Schwägerin der Mutter oder Schwägerin des Vaters. Auch bei der Cousine ist nicht klar, ob sie nun die Tochter des Vatersbruders, der Vatersschwester, des Mutterbruders oder der Mutterschwester ist. Ganz so eindeutig sind die Bezeichnungen also nicht, aber es ist wahrscheinlich gut so. Wer will sich schon bei der Angabe seiner Verwandten immer mit Bezeichnungen wie Vatersbruder, Mann der Mutterschwester, Mutterschwestertochter oder Vatersbrudersohn herumschlagen? Verwandtschaftsverhältnisse können auch ohne solche komplizierten Bezeichnungen kompliziert genug sein.