Reflexivpronomen oder Personalpronomen: Fragte er die Frau vor sich oder vor ihm in der Reihe?

Frage

Beim Lektorieren eines Werkes stieß ich einerseits auf Sätze wie:

Er sah die Lampe über sich
Er hörte die Frau hinter sich.

und andererseits:

Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Oder könnte auch „Er sah die Glocke über ihm“, „Er hörte die Frau hinter ihm“ oder „Er fragte die Frau vor sich in der Schlange“ richtig sein? Seit Tagen zermartere ich mein Hirn, weil ich dieses Phänomen einfach nicht logisch für mich klären kann und weil ich einfach nicht weiß, was richtig ist. […]

Antwort

Guten Tag Frau W.,

im Prinzip verwendet man das Reflexivpronomen sich dann anstelle des Personalpronomens, wenn das Pronomen sich auf das Subjekt bezieht. Dazu gibt es einige Ausnahmen (siehe hier), aber der Fall, um den es hier geht, gehört nicht dazu. Dennoch sind Ihre Zweifel gut verständlich.

Sicher richtig ist:

Er sah die Lampe über sich.
Er hörte die Frau hinter sich.
Er fragte die Frau vor sich in der Schlange.

Bezugswort des Pronomens ist jeweils das Subjekt des Satzes (Er). Die Verwendung des Reflexivpronomens sich ist also gerechtfertigt.

Warum zweifeln Sie trotzdem? Es ist bei diesen Sätzen in mehr oder weniger starkem Maße möglich, die Präpositionalgruppe zu einem Nebensatz zu erweitern. Das Pronomen bezieht sich dann nicht mehr auf das Subjekt dieses Nebensatzes, sondern auf das Subjekt des nun übergeordneten Satzes. Dann steht das Personalpronomen:

Er sah die Lampe [die] über ihm [hing]
Er hörte die Frau [die] hinter ihm [stand]
Er fragte die Frau [die] vor ihm in der Schlange [stand]

Vgl.

Er sah die über ihm hängende Lampe.
Er hörte die hinter ihm stehende Frau.
Er frage die vor ihm in der Schlange stehende Frau.

Möglich sollten also auch diese verkürzten Varianten sein:

Er sah die Lampe über ihm.
Er hörte die Frau hinter ihm.
Er fragte die Frau vor ihm in der Schlange.

Ich zweifle allerdings, ob die Varianten mit ihm von allen akzeptiert werden, zumal ohne Kontext nicht klar ist, ob dieses ihm sich nicht auch auf ein anderes männliches Substantiv beziehen könnte. Obwohl ich die Formulierung mit dem Personalpronomen ihm (insbesondere beim dritten Beispielsatz) nicht für falsch halte, würde ich empfehlen, in Fällen wie diesen das Reflexivpronomen sich zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die vielen Male, die oder dass?

Frage

Was ist korrekt: „die vielen Male, wo …“, „die vielen Male, dass …“ oder „die vielen Male, die …“ – oder sonst etwas? Ich bin ratlos und finde nirgends etwas, das mir weiterhilft.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

am besten wählen Sie hier dass:

Die vielen Male, dass ich das getan habe.

Ebenso wie:

Das erste/zweite/einzige/letzte/sovielte Mal, dass ich das getan habe.

Die Verwendung von wo gilt hier als umgangssprachlich und das Relativpronomen die bzw. im Singular das passt hier nicht.

Warum steht hier nicht das Relativpronomen das oder die, sondern die Konjunktion dass? Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste lautet, dass man das Relativpronomen das immer durch welches und die durch welche ersetzen kann. Die zweite geht mehr auf die Funktion des Wörtchens ein:

Wenn man das Relativpronomen wählt, muss es im Relativsatz eine Funktion haben. Das ist zum Beispiel in seltenen Fällen wie diesen so:

Das ist das eine Mal, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.
das = Subjekt; durch „welches“ ersetzbar

Das ist das einzige Mal, das ich hier erwähnen will.
das = Akkusativobjekt; durch „welches“ ersetzbar

Ebenso (die ist durch welche ersetzbar):

die vielen Male, die mir in Erinnerung geblieben sind
die wenigen Male, die ich hier erwähnen will

Die Sätze klingen zum Teil etwas ungewöhnlich.

In den meisten Fällen folgt aber auf Mal kein Relativsatz, sondern ein dass-Satz. Die Konjunktion dass hat keine andere Funktion, als den Nebensatz einzuleiten. Sie hat im Nebensatz selbst keine Funktion:

Das ist das einzige Mal, dass ich das getan habe.
dass = Konjunktion; nicht durch „welches“ ersetzbar
(nicht: Das ist das einzige Mal, *das ich das getan habe.)

die vielen Male, dass ich das getan habe
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die vielen Male, *die ich das getan habe)

die wenigen Male, dass sie ihre Eltern besucht haben
dass = Konjunktion; nicht  durch „welche“ ersetzbar
(nicht: die wenigen Male, *die sie ihre Eltern besucht haben)

Sie kommen nicht häufig vor, aber es gibt auch andere Konstruktionen, in denen ein dass-Satz von einem (nicht von einem Verb abgeleiteten) Substantiv abhängig ist:

Es ist (höchste) Zeit, dass ihr geht.
Das Problem, dass die beiden Wörter gleich klingen, macht das Schreiben nicht einfacher.

Im letzten Beispielsatz steht der Grund, weshalb das und dass manchmal zu Unsicherheiten und Zweifeln führen – und häufig auch einfach zu Flüchtigkeitsfehlern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Desertion, Desertation, Desertifikation

Heute ein Beispiel dafür, dass auch bei Fachwörtern nicht immer alles ganz so eindeutig ist:

Frage

Was ist der korrekte Begriff für Fahnenflucht – „Desertion“ oder „Desertation“? Im Duden findet man nur „Desertion“, aber eigentlich scheint mir „Desertation“ geläufiger zu sein.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

wenn Fahnenflucht gemeint ist, ist Desertion sicher richtig. Das Wort kommt über das französische désertion vom lateinischen Substantiv desertio, das zum Verb deserere (verlassen, aufgeben, desertieren) gehört. Wir haben also indirekt ein Substantiv übernommen, dass bereits im Lateinischen abgeleitet wurde:

lat. deserere → desertio
→ frz. désertion → dt. Desertion

Die Form Desertation kommt gelegentlich auch vor. Diese Form ist eine Ableitung, die im Deutschen stattgefunden hat. In Analogie mit zum Beispiel dekorieren → Dekoration, imitieren → Imitation, stabilisieren → Stabilisation wird sozusagen „regelmäßig“ (-ieren → -ation) vom Verb desertieren das Substantiv Desertation abgeleitet:

dt. desertieren → Desertation

Was ist nun richtig, die alte lateinische oder die neue heimische Ableitung? – Beides ist vertretbar. Ein kurzer Blick ins Internet und in einige Textkorpora zeigt allerdings, dass Desertation viel weniger häufig vorkommt als Desertion. Auch im schweizerischen und im österreichischen Militärstrafgesetz ist von Desertion die Rede. (Das deutsche Wehrgesetz hilft uns hier nicht viel weiter, denn es kennt nur den Tatbestand der Fahnenflucht.) Ich würde deshalb empfehlen, die gebräuchlichere Variante Desertion zu verwenden.

Dem Begriff Desertation begegnet man gelegentlich auch in der Erdkunde. Dort wird er mit der Bedeutung Wüstenbildung verwendet. Gebräuchlicher ist allerdings auch dort ein anderes Wort, nämlich Desertifikation, womit in der Regel durch menschliches Handeln verursachte Wüstenbildung gemeint ist. Daneben gibt es auch die natürliche Wüstenbildung, die – um es so richtig schön komplex zu machen – manchmal Desertation oder Desertion genannt wird.

Als Nicht-Erdkundler ist es mir leider nicht gelungen, genau herauszufinden, wer welchen Begriff für welche Art der Wüstenbildung verwendet. Das ist hier auch nicht so wichtig, denn bei Ihrer Frage ging es ja um die Fahnenflucht, also die Desertion (o. Desertation), die man wohl in keinem Zusammenhang mit der Wüstenbildung verwechseln kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es immer das gleiche oder immer dasselbe Lied?

Frage

Heißt es a): „Jeden Tag singt sie dasselbe Lied“, oder b): „Jeden Tag singt sie das gleiche Lied“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

unter anderem im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht wird die Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das gleiche“ manchmal als eine Art eiserne Regel vorgestellt, die es so eisern gar nicht gibt. Nach dieser Regel bezeichnet „das gleiche“ Identität der Art und „dasselbe“ Identität des Einzelnen:

Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft. (Identität der Art)
Heute trägt er dasselbe T-Shirt wie gestern. (Identität des Einzelnen)

Lea und Lisa fahren das gleiche Auto (Identität der Art, also je ein eigenes Auto)
Lea uns Lisa fahren dasselbe Auto (Identität des Einzelnen, also ein gemeinsames Auto)

Diese einleuchtende Regel funktioniert bei T-Shirts und Autos problemlos. Sie ist aber häufig gar nicht notwendig, denn normalerweise ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang eindeutig, welche Art der Identität gemeint ist. Viele andere Sprachen kommen mit nur einem Wort für beides aus (z. B. „the same“, „le même“, „lo mismo“, „lo stesso“, „hetzelfde“). Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die vorgeschlagene Unterscheidung auch im Deutschen häufig nicht eingehalten wird (und meist auch gar nicht eingehalten werden muss).

Ihr Beispiel zeigt ein anderes Problem bei der Unterscheidung, um die es hier geht: Gerade bei abstrakteren Begriffen ist es oft schwierig bis unmöglich, zwischen der Identität der Art und der Identität des Einzelnen zu unterscheiden. Ist das Lied, das jeden Tag gesungen wird, am Dienstag dasselbe oder das gleiche wie am Montag? Es ist insofern nicht identisch, als es zu verschiedenen Zeitpunkten gesungen wird → das gleiche Lied. Komposition und Text hingegen sind identisch → dasselbe Lied. Eine Unterscheidung zwischen „dasselbe Lied“ und „das gleiche Lied“ ist vielleicht nicht unmöglich, die dafür notwendigen Entscheidungskriterien wären aber für den normalen Sprachgebrauch viel zu umständlich.

Kurzum, beide Formulierungen sind richtig:

Sie singt jeden Tag dasselbe Lied.
Sie singt jeden Tag das gleiche Lied.

Es gibt hier auch keinen Bedeutungsunterschied. Mehr zum gleichen oder zu demselben Thema finden Sie in diesem einige Jährchen alten Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Test, Testen, Testung

Frage

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist häufig und zunehmend(?) von „Testungen“ die Rede. Besteht ein Bedeutungs-/Verwendungsunterschied zwischen „Test“ und „Testung“? Welche Form empfehlen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

ich gehe davon aus, dass „Testung“ ursprünglich ein fachsprachliches Wort ist und dort eventuell eine besondere Bedeutung hat. Ob das so ist und aus welcher „Fachecke“ es genau stammt, weiß ich leider nicht. In der Allgemeinsprache bedeutet es „das Testen“ oder „das Getestetwerden“. Wer das Wort mag, kann es verwenden, denn es ist ein regelmäßig vom Verb „testen“ abgeleitetes Substantiv. Ich persönlich halte es aber in Texten, die an die Allgemeinheit gerichtet sind, für eher unschön und zu gewichtig und würde „der Test“, „die Tests“ oder „das Testen“ statt „die Testung“ verwenden:

Die Testung darf nicht mehr als 72 Stunden zurückliegen.
Der Test darf nicht mehr als 72 Stunden zurückliegen.

der Raum, in dem die Testung durchgeführt wird
der Raum, in dem die Tests durchgeführt werden

Am Montag wird mit der Testung der Schüler begonnen
Am Montag wird mit dem Testen der Schüler begonnen

Vielleicht dient die Verwendung von „Testung“ manchmal auch dazu, etwas lexikalische Abwechslung in die zurzeit leider viel zu zahlreichen Berichte über Corona-Tests zu bringen. Nach siebenmal „Test“ kann „Testung“ tatsächlich etwas Abwechslung bringen. Sonst würde ich aber „Test“ und „Testen“ dem schwerfälligen „Testung“ vorziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Beide oder beides? – Plural oder Singular?

Frage

[…] Sie haben am Ende einer Erklärung mit zwei Beispielen das Folgende geschrieben: „Beides ist hier möglich“:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Wäre nicht logischer und damit (stilistisch) besser „Beide sind hier möglich“?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „beide“ kommt tatsächlich sehr häufig im Plural vor. Das ist dann der Fall, wenn es sich auf zwei Personen oder auf zwei gleichartige Dinge bezieht:

Meine Mutter und mein Vater, beide kommen aus dem Schwarzwald.
Zwei Stühle zu verkaufen, beide in gutem Zustand
Ich kenne die erste und die zweite Strophe. Ich finde beide schön.
Du hattest zwei Versuche. Beide sind missglückt.

Nur allein stehend kommen die Singularformen „beides“ (Nominativ und Akkusativ) und „beidem“ (Dativ) vor. Sie beziehen sich auf zwei verschiedenartige Dinge, Eigenschaften oder Vorgänge:

Kuckucksuhr und Kirschtorte, beides gehört zu den Schwarzwälder Klischees.
Tisch und vier Stühle zu verkaufen, beides in gutem Zustand
Rot oder Grün? – Mir gefällt beides.
Hierbleiben oder mitkommen, ich bin mit beidem einverstanden.

In der zitierten Antwort halte ich nur den Singular für richtig:

Mit „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.

Erst wenn man „sein würde“ und „werden würde“ durch das Hinzufügen von z. B. „Form“ zu gleichartigen Elementen macht, ist auch der Plural möglich:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beide sind hier möglich.
(beide Formen)

Der Singular ist dann aber nicht ausgeschlossen:

Mit der Form „sein würde“ wird ein Zustand angegeben. Mit der Form „werden würde“ wird ein Vorgang angegeben. Beides ist hier möglich.
(Zustand angeben mit „sein würde“ + Vorgang angeben mit „werden würde“)

Dieses Beispiel zeigt, dass die Grenzen manchmal fließend sind. Das liegt daran, dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen gleichartigen und verschiedenartigen Dingen nicht immer möglich ist.

Ich habe einen Tisch und einen Stuhl neu gestrichen, beides hellblau.
(Tisch und Stuhl = zwei verschiedene Dinge)
Ich habe einen Tisch und einen Stuhl gekauft, beide in der Höhe verstellbar.
(Tisch und Stuhl = zwei Möbelstücke)

Kurz zusammengefasst: Bei Personen und gleichartigen Dingen heißt es „beide“, bei verschiedenartigen Dingen heißt es „beides“ – und manchmal ist beides möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lotos, Lotus und die Fachsprache

Nicht ganz passend zur Adventszeit eine „blumige“ Frage zu Lotus, Lotos und Hornklee:

Frage

Heißt die Seerosenart „Lotus“ oder „Lotos“ oder ist beides richtig? Der Duden deklariert „Lotus“ unter anderem als “so viel wie Lotos”, aber auf der Seite […].de steht, nur „Lotos“ sei richtig und „Lotus“ sei der botanische Name für „Hornklee“. Ist „Lotus“ für die Seerose kein korrektes Deutsch oder ein Anglizismus?

Nelumbo nucifera
Indische Lotosblume o. Lotusblume
Bild von Shin-改
Lotus corniculatus
Gewöhnlicher Hornklee
Bild von Hans Braxmeier

Antwort

Guten Tag Frau W.,

es geht hier nicht darum, ob die Wortwahl richtig oder falsch ist. Es geht darum, welche Sprachart oder welches Sprachregister man benutzt. In diesem Fall kann man zwischen der Allgemeinsprache und der botanischen Fachsprache unterscheiden.

In der Allgemeinsprache gibt es:

a) Hornklee
b) Lotos(blume) oder Lotus(blume)

In der botanischen Fachsprache unterscheidet man:

a) Lotus (o. Hornklee)
b) Nelumbo (o. Lotos)

Es ist also nicht grundsätzlich falsch, die Lotosblume auch Lotusblume zu nennen, denn das ist außerhalb der Fachsprache, das heißt in der Allgemeinsprache, so üblich.**

Ähnliche Fälle sind:

Allgemeinsprachlich:
a) Geranien
b) Storchschnäbel
Fachsprachlich:
a) Pelargonien
b) Geranien

Allgemeinsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Gemüse
Fachsprachlich:
Tomaten, Zucchini, Auberginen = Früchte

Meiner Meinung nach behaupten vor allem „Besserwissende“, es sei falsch, Tomaten, Zucchini und Auberginen als Gemüse zu bezeichnen, weil sie botanisch gesehen Früchte sind. Ähnliches gilt für die Behauptungen, dass der traditionelle Balkonflor nicht aus Geranien, sondern Pelargonien bestehe und dass man die Lotosblume nur so und nicht auch Lotusblume nennen dürfe. Die Allgemeinsprache muss sich nicht an die Regeln der Fachsprachen halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Auch schon im 19. Jahrhundert benutzt man die Wörter „Lotosblume“ und „Lotusblume“ nebeneinander (vgl. hier). Ein Einfluss der Sportwagenmarke Lotus ist in der damaligen Zeit auszuschließen. Das britische Unternehmen wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet. Und selbst wenn „Lotus“ für „Lotos“ im 19. Jahrhundert ein Anglizismus gewesen sein sollte, dürfte er bis heute als eingebürgert bezeichnet werden.

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen – Was ist dann mit den 14-Jährigen?

Um allzu großer Enttäuschung vorzubeugen, sei gleich gesagt: Eine eindeutige Antwort kann der folgende Artikel nicht geben.

Frage

Wenn es heißt „Kinder bis 6 Jahre“ oder jetzt bei den Coronamaßnahmen „Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt“, wie alt exakt darf die Person dann sein? Meiner Meinung nach 6 bzw. 14 Jahre und 364 Tage. Liege ich da richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei Angaben der Art „bis x Jahre“ ist häufig gemeint: „bis einschließlich x Jahre“. Mit „Kinder bis 6 Jahre“ sind somit Kinder bis zum letzten Tag vor ihrem 7. Geburtstag, also auch alle Sechsjährigen gemeint. Ebenso schließt „Kinder bis 14 Jahre“ häufig auch die 14-Jährigen mit ein.

ABER: Es ist zwar häufig so gemeint, aber nicht alle sind damit einverstanden. Neben den Leuten, die „bis x Jahre“ so verstehen, gibt es andere, die sagen, „bis x Jahre“ bedeute „bis zum x-ten Geburtstag“. Kinder bis 14 Jahre sind also alle Kinder bis zu ihrem 14. Geburtstag. Die 14-Jährigen gehören bei dieser Interpretation nicht mehr dazu, denn sie sind ja erst von ihrem 14. Geburtstag an 14-jährig.

Wer hier recht hat, darüber könnte man endlos diskutieren. Eine offizielle, allgemein anerkannte Interpretation gibt es nicht. Bei zum Beispiel der Deutschen Bahn kann man Fahrkarten für Kinder von 6 bis 14 Jahren kaufen, und damit sind Kinder von 6 bis einschließlich 14 Jahren gemeint (also auch die 14-Jährigen), wie man auf derselben Webseite lesen kann.

Ein weniger „eindeutiges“ Beispiel sind die Coronaregeln, die am vergangenen 13. Dezember beschlossen worden sind. Im Beschluss der Bundeskanzlerin und der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder steht im Zusammenhang mit der Gruppengröße bei privaten Zusammenkünften:

Kinder bis 14 Jahre sind hiervon ausgenommen.

Sind die 14-Jährigen nach dieser Formulierung ausgenommen oder müssen sie mitgezählt werden? Wie unterschiedlich man das sehen kann, zeigt ein (kurzer und nicht sehr systematischer) Blick auf die Webseiten der verschiedenen Bundesländer. Man könnte annehmen, dass alle Bundesländer diese Altersgrenze gleich interpretieren, dem ist aber nicht so:

In Bayern und Niedersachsen sind „Kinder unter 14 Jahren“ ausgenommen, das heißt, die 14-Jährigen sind nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt.

In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und Thüringen sind „Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres“ ausgenommen, das heißt, auch hier sind die 14-Jährigen nicht mehr ausgenommen und werden mitgezählt. (Das 14. Lebensjahr wird mit dem 14. Geburtstag vollendet, so wie das 1. Lebensjahr mit dem 1. Geburtstag vollendet wird, das 2. Lebensjahr mit dem 2. Geburtstag usw.)

Anders sieht es in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen aus. Dort sind „Kinder bis einschließlich 14 Jahre“ ausgenommen, das heißt, auch die 14-Jährigen sind hier ausgenommen und werden nicht mitgezählt.

Meiner Meinung nach unklar, ob die 14-Jährigen ausgenommen sind oder nicht, ist es in Bremen („ausgenommen sind Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren“), Mecklenburg-Vorpommern („Kinder, die das Alter von 14 Jahren noch nicht überschritten haben“), Sachsen-Anhalt („bis 14-jährige Kinder“) sowie im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein („Kinder bis 14 Jahre“).

Ziel dieser kleinen und wahrscheinlich stellenweise ungenauen Übersicht ist es nicht, den Behörden irgendwelche Unzulänglichkeiten nachzuweisen. Ob die 14-Jährigen bei der Größe von Privatgruppen mitzählen oder nicht, ist eines der kleineren Probleme, die wir zur Zeit haben (außer vielleicht in Familien mit 14-jährigen Zwillingen und Drillingen). Ich möchte hier nur aufzeigen, dass keine Einigkeit darüber herrscht, wie Angaben der Art „Kinder bis x Jahre“ genau zu verstehen ist. Nicht alle verstehen darunter dasselbe und eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Es ist deshalb besser, anders zu formulieren, wenn die Altersgrenze wichtig ist und Konflikte vermieden werden sollen. Wenn die 14-Jährigen mitgemeint sind, sagt man statt „Kinder bis 14 Jahre“ (oder „Kinder bis 15 Jahre“) besser zum Beispiel:

Kinder bis einschließlich 14 Jahre
Kinder unter 15 Jahren
Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr

Wie immer es formuliert ist und gemeint sein möge, ich wünsche allen, auch den 14-Jährigen, ganz gleich ob sie für die Gruppengröße mitgezählt werden müssen oder nicht, eine gute und gesunde Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie lange oder für wie lange?

Frage

Wie kann man am besten den Unterschied zwischen „wie lange“ und „für wie lange“ erklären und was genau ist der Unterschied? […] In den folgenden Sätzen ist mir der Bedeutungsunterschied nicht ganz klar:

Für wie lange / Wie lange gehst du nach Amerika?
Ich gehe für 3 Monate / 3 Monate nach Amerika.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Ich bleibe nur für drei Tage / drei Tage in Kiel.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

es ist schwierig, einen Unterschied zwischen Angaben der Art „wie lange“ und „für wie lange“ anzugeben. Einen eindeutigen Bedeutungsunterschied gibt es nicht und häufig ist – wie in Ihren Beispielen – beides möglich. Einen tendenziellen Unterschied sehe ich hierin:

Bei den Angaben mit „für“ geht es in der Regel um eine Zeitdauer, die so vorgesehen ist oder so vorgesehen war. Am Anfang der Zeitdauer ist oder war klar, wie lange es (ungefähr) dauert.

Ich hatte für sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Die Zeitdauer von sechs Wochen lag schon am Anfang der Anstellung mehr oder weniger fest.

Bei Angaben ohne „für“ ist/war die Zeitdauer nicht bestimmt, sie kann es aber sein/gewesen sein.

Ich hatte sechs Wochen einen Job in einem Hotel.

Hier ist ohne Kontext nicht klar, ob die Zeitdauer von sechs Wochen am Anfang der Anstellung festlag oder nicht. Es kann ein von Anfang an auf sechs Wochen befristetes Arbeitsverhältnis gewesen sein (wie oben mit „für“). Es ist aber auch möglich, dass die Stelle nach sechs Wochen unerwartet gekündigt wurde. Nur der weitere Zusammenhang kann hier mehr Klarheit schaffen.

Man formuliert also eher ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang nicht festliegt:

Ich musste zwei Stunden warten.
Das Küken hat nur zwei Tage gelebt.
Wie lange kannst du unter Wasser bleiben?
Ich hatte erst sechs Wochen in dem Hotel gearbeitet, als mir plötzlich gekündigt wurde.

Mit oder ohne „für“, wenn die Zeitdauer am Anfang schon festliegt:

Man hat die Sängerin [für] zwei Monate engagiert.
Ich werde euch [für] zehn Minuten allein lassen.
Für wie lange / Wie lange bleiben Sie in Kiel?
Bis zum Semesterbeginn arbeite ich [für] sechs Wochen in dem Hotel.

Diese Unterscheidung ist nicht absolut, das heißt, es wird auch davon abgewichen. Außerdem steht ausgerechnet „dauern“, das „zeiträumliche“ Verb schlechthin, immer ohne „für“, auch wenn von Anfang an klar ist, wie lange etwas dauern wird:

Es wird genau zwei Stunden dauern.

Eine eindeutige, immer von allen befolgte Regel gibt es also nicht. Als grobe Richtschnur kann aber dienen: Zeitangaben mit „für“ geben einen Zeitraum an, der von Anfang an festliegt. Angaben dieser Art ohne „für“ werden ebenfalls so verwendet, aber auch dann, wenn die Zeitdauer nicht festliegt. Häufig kann deshalb beides stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend” aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp