Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend“ aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das fehlende Wort zwischen „links“ und „rechts“

Frage

Die Bildzeile unter einem Bild in einem Text enthält oft die Namen der Abgebildeten und den Zusatz (links), (rechts), (Mitte). […] Und da wundere ich mich, dass man zwar „rechts“ und „links“ kleinschreibt, aber „Mitte“ groß. Oder ist das ein Irrtum? Mir erscheint „Max (links), Tina (mitte), Svenja (rechts)“ logischer. Darf ich „mitte“ kleinschreiben?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Großschreibung von „Mitte“ ist korrekt. Das sieht man etwas besser, wenn man die Zusätze ausformuliert:

Max (links) = Max, links stehend
Tina (Mitte) = Tina, in der Mitte stehend
Svenja (rechts) = Svenja, rechts stehend

Sie können deshalb „mitte“ nicht kleinschreiben. Was hier fehlt, ist ein griffiges und vor allem gebräuchliches Adverb, das die Position zwischen „links“ und „rechts“ angibt. Wir verwenden dafür meist „in der Mitte“, das vom Wortaufwand her eigentlich besser zwischen „auf der rechten Seite“ und „auf der linken Seite“ passt. Für eine konsequente Kleinschreibung könnten Sie zum Beispiel auf „mittig“ oder „dazwischen“ ausweichen, aber das erste Worte trifft nicht ganz die Bedeutung und das zweite ist bei Bildunterschriften u. Ä. einfach nicht üblich.

Das Fehlen eines gängigen Adverbs führt zu der für das Auge inkonsequenten Klein- und Großschreibung „links – Mitte – rechts“, die Sie ein wenig irritiert. Das gilt auch in der Politik, wo man ebenfalls von „links“ und „rechts“ (vgl. hier) und von „die Mitte“ spricht und wo ein Ausweichen auf „dazwischen“ gar nicht in Frage kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Hat das neue Jahrzehnt schon angefangen?

Alle zehn, hundert und tausend Jahre wieder:

Frage

Aktuell hört und liest man, dass mit dem Jahr 2020 eine neue Dekade angefangen hat. Dekade bedeutet 10 Tage, 10 Jahre etc. Kann dann die alte Dekade vom Jahr 2010 bis zum Jahr 2019 gerechnet werden oder müsste vielmehr diese Dekade ab dem Jahr 2011 bis zum Jahr 2020 gehen. Es wäre so ähnlich wie der Jahrtausendwechsel, der irrtümlich bereits 1999/2000 gefeiert wurde.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

eine Dekade, ein Dezennium oder ein Jahrzehnt dauert zehn Jahre. Wann genau diese Periode anfängt und endet, ist dabei nicht relevant. Jeder zehn Jahre dauernde Zeitabschnitt kann im Prinzip Dekade, Dezennium oder Jahrzehnt sein.

Bei der Zeitrechnung kann man die „historisch-mathematische“ Zählung verwenden, die davon ausgeht, dass es das Jahr null nach der traditionellen christlichen Zeitrechnung nicht gibt und entsprechend vom 1. Januar des Jahres 1 an rechnet. Das erste Jahrzent ist dann am Ende des Jahres 10 vorbei und das zweite beginnt am 1. Januar des Jahres 11. Nach dieser Methode fängt ein Jahrzehnt also am Anfang eines auf 1 endenden Jahres an und dauert bis zum Ende des darauffolgenden auf 0 endenden Jahres. Demzufolge sind wir noch im Dezennium, das am 1. Januar 2011 angefangen hat und bis zum 31. Dezember 2020 dauert.

Viel üblicher ist hier aber die „dezimale“ Zählung, bei der alle mit derselben Zehnerzahl beginnenden Jahre zu einem Jahrzehnt zusammengefasst werden. Dann fängt ein Jahrzehnt am Anfang eines auf 0 endenden Jahres an und dauert bis zum Ende des darauffolgenden auf 9 endenden Jahres. Nach dieser Methode war am vergangenen 31. Dezember das Dezennium 2010–2019 zu Ende und hat am vergangenen 1. Januar 2020 ein neues Jahrzehnt angefangen, das bis zum Ende des Jahres 2029 dauert.

Eine entsprechende Begründung gilt auch für Jahrhunderte und Jahrtausende. Nach der „historisch-mathematischen“ Zählung hat dieses Millennium am 1. Januar 2001 angefangen, nach der viel gebräuchlicheren „dezimalen“ Zählung aber schon am 1. Januar 2000.

Beide Zählarten haben ihre eigene Begründung und keine von beiden ist grundsätzlich falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Von „seit“ und „ab“

Frage

Wir lektorieren Texte [..] und es gibt eine Frage, die uns (und andere Lektoren, wie wir festgestellt haben) beschäftigt: der Gebrauch von „ab“ und „seit“ bei Angaben von Zeitspannen. Ich war stets der Meinung, dass „seit“ das Präsens verlangt, weil es sich immer um Umstände handelt, die noch andauern:

Seit 1992 ist er Geschäftsführer …,

Mit „ab“, und das ist bei historischen Texten ja meistens der Fall, wird eine Zeitspanne in der Vergangenheit ankündigt:

Ab 1938 war er Geschäftsführer

Auch wenn es evtl. nicht erwähnt wird, ist sehr wahrscheinlich, dass er es nicht mehr ist, daher Imperfekt.

Nicht möglich ist meiner Meinung nach:

Seit 1938 war er Geschäftsführer“

[…]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Verwendung von ab und seit ist etwas komplexer, als sie oft dargestellt wird. Fangen wir mit seit an:

Die Präposition seit dient a) der Angabe eines Zeitpunktes, an dem etwas angefangen hat, das noch andauert, oder b) der Angabe eines Zeitraumes, an dessen Beginn etwas angefangen hat, das noch andauert:

a) Seit 2009 ist er Geschäftsführer
b) Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer

Der Zeitpunkt, an dem etwas noch andauert, ist häufig der Sprechzeitpunkt, was die häufige Verwendung des Verbs im Präsens erklärt:

Seit 2009 ist er Geschäftsführer
Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer
(In beiden Fällen ist er jetzt immer noch Geschäftsführer)

Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit.
(Ich kenne sie jetzt immer noch)

Sie wohnen schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus
(Sie wohnen jetzt immer noch in diesem Haus)

Er raucht schon seit über zwanzig Jahren
(Er raucht jetzt immer noch)

Der Zeitpunkt, an dem etwas immer noch fortdauert, kann aber auch in der Vergangenheit liegen:

Er war seit 1930 Geschäftsführer, als der Krieg ausbrach
(Er war bei Kriegsausbruch immer noch Geschäftsführer)

Sie traf dort einen Mann, der seit 10 Jahren Geschäftsführer war
(Er war immer noch Geschäftsführer, als sie ihn traf)

Die Nachbarin, die ich schon seit meiner Kindheit kannte, zog plötzlich aus
(Zum Zeitpunkt des Auszugs kannte ich die Nachbarin noch)

Sie wohnten schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus, aber niemand grüßte sie
(Zum Zeitpunkt, an dem niemand sie grüßte, wohnten sie immer noch in diesem Haus)

Er rauchte schon seit über zwanzig Jahren, als er beschloss, damit aufzuhören
(Zum Zeitpunkt seines Beschlusses rauchte er noch)

Ob die Formulierung

Seit 1938 war er Geschäftsführer

möglich ist oder nicht, hängt somit vom weiteren Kontext ab. Die Wortstellung legt nahe, dass die Formulierung nicht richtig ist, aber unmöglich ist sie nicht:

Seit 1938 war er Geschäftsführer, als er 1945 endlich auch Mitinhaber wurde.
[üblicher: Er war seit 1938 Geschäftsführer, als er 1945 …]

Nicht richtig ist die Verwendung von seit, wenn die Zeitangabe nicht im Zusammenhang mit etwas noch Andauerndem gemacht wird. In den folgenden Sätzen sollte deshalb nicht seit verwendet werden:

*Seit 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. *Seit 1948 war er dann …

Sie wohnten *seit der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Hier sollte mit ab oder von … an formuliert werden:

Ab 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. Von 1948 an war er dann …

Sie wohnten ab der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Die Präposition seit verlangt also nicht unbedingt das Präsens. Sie sollte aber im Zusammenhang mit etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt noch Andauerndem verwendet werden.

Ist dies nicht der Fall und soll dennoch angegeben werden, wann etwas angefangen hat oder anfängt, dann kommen – wie die Beispiele oben zeigen – ab oder von … an ins Spiel. Das ist auch der Grund, weshalb Lehrbücher manchmal angeben, ab stehe bei Angaben in der Zukunft. Das ist tatsächlich häufig der Fall. Etwas, das noch nicht angefangen hat, kann in der Regel nicht noch andauern, so dass seit nicht in Frage kommt:

Ab nächster Woche gehen alle wieder zur Schule
Wir werden vom nächsten Monat an mehr für das Abonnement bezahlen
Wer weiß, ob es Canoonet ab Januar 2020 noch geben wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Erzählen von und erzählen über

Frage

Mich würde interessieren, was der Unterschied zwischen „erzählen von“ und „erzählen über“ ist bzw. ob es einen gibt? Ich kann ihn nicht greifen, empfinde aber in manchen Situationen „von“ als „richtiger“.

Antwort

Guten Tag Frau U.,

es gibt keinen klaren Unterschied zwischen erzählen von und erzählen über, die beiden Formulierungen bedeuten dennoch nicht ganz dasselbe. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb diese Frage immer wieder gestellt wird. Es ist auch nicht gerade einfach, den Unterschied in Worte zu fassen. Ich versuche es trotzdem einmal:

Mit erzählen von wird allgemein angegeben, was das Thema der Erzählung ist. Mit erzählen über wird angegeben, welches Thema genauer behandelt wird.

Wir erzählen von den Ferien = Die Ferien sind das Thema.
Wir erzählen über die Ferien = Wir erläutern genauer, wie die Ferien waren.

Flüchtlinge erzählen von ihrer Flucht = Das Thema der Erzählung der Flüchtlinge ist ihre Flucht.
Flüchtlinge erzählen über ihre Flucht = Die Flüchtlinge beschreiben ihre Flucht.

Der Unterschied ist sehr subtil. Es ist kaum möglich, hier eine genaue Grenze zu ziehen. Deshalb können die beiden Formulierungen häufig ohne größeren Bedeutungsunterschied gegeneinander ausgetauscht werden.

In ähnlicher Weise gilt dies auch für andere Verben der Mitteilung wie zum Beispiel reden von/über und sprechen von/über:

Er redet oft von seinen Enkelkindern = Sein Thema sind oft die Enkelkinder
Er redet oft über seine Enkelkinder = Er beschreibt oft, was seine Enkelkinder tun

Die Regierung spricht von einer besorgniserregenden Situation = Die Regierung sagt, dass eine Situation besorgnisserregend ist
Die Regierung spricht über eine besorgniserregende Situattion = Die Regierung erläutert eine besorgniserregende Situation

Beim letzten Beispiel überlasse es Ihnen, den feinen Unterschied zu ergründen. Romantisch (oder je nach den gesanglichen und dichterischen Qualitäten des Barden auch kitschig) ist es auf jeden Fall!

Der Barde singt von der Liebe
Der Barde singt über die Liebe

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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»Scheinbar« wird anscheinend/scheinbar häufig falsch verwendet

Da vielerorts noch Sommerflaute herrscht, kommt hier eine alte Bekannte zum Zug, die immer wieder zu Fragen und Klagen Anlass gibt: die Unterscheidung zwischen den Adverbien anscheinend und scheinbar.

Frage

[…] Ich nutze häufig den Begriff „scheinbar“. Einer meine Kollegen korrigieren mich, dass „anscheinend“ richtig wäre. Ich verstehe seine Begründung dazu nicht und auch die Angaben im Wörterbuch nicht.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

in der Standardsprache sollte – zumindest gemäß den strengeren Grammatiken – ein Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend gemacht werden.

Man verwendet scheinbar, um anzugeben, dass etwas so aussieht, aber nicht wirklich ist:

Er ist scheinbar zufrieden
= Er sieht zufrieden aus, aber er ist es in Wirklichkeit nicht. Es scheint nur so.

Man verwendet anscheinend, um eine starke Vermutung auszudrücken:

Er ist anscheinend zufrieden
= Ich vermute stark, dass er zufrieden ist. So wie es aussieht, ist er zufrieden.

Ein weiteres Beispiel:

Sie sind (nur) scheinbar angekommen
= Es scheint, dass sie angekommen sind, das ist aber nicht so.

Sie sind anscheinend angekommen
= Ich vermute stark, dass sie angekommen sind. So wie es aussieht, sind sie angekommen.

Wenn man Ihnen die falsche Verwendung von scheinbar vorwirft, ist höchstwahrscheinlich gemeint, dass Sie scheinbar nicht wie anscheinend im Sinne von vermutlich/offenbar verwenden sollten.

Soweit die „offizielle“ Regel, nun zur Sprachrealität: Viele verwenden das Wort scheinbar wie Sie auch im Sinne von anscheinend. Der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wörtern wurde erst durch die Grammatiker des 18. Jahrhunderts eingeführt und hat offensichtlich im Deutschen nie so richtig Fuß fassen können. Auch ich mache diesen „Fehler“ hin und wieder. Im Schriftlichen unterläuft er mir wahrscheinlich eher selten, denn dort passe ich vor allem in formelleren Kontexten besser auf, aber im spontanen mündlichen Sprachgebrauch rutscht mir regelmäßig scheinbar heraus, wenn ich nach der „Regel“ eigentlich anscheinend sagen müsste.

Das gelegentlich angeführte Argument, dass es durch die „falsche“ Verwendung von scheinbar zu zweideutigen Formulierungen komme, finde ich nicht allzu stichhaltig. In allen Bereichen der Sprache gibt es eine große Palette von Zwei- und Mehrdeutigkeiten, ohne dass dies zu allzu großen Verständigungsproblemen führt. In den meisten Fällen geben Situation und Satzzusammenhang an, was gemeint ist. So auch im Fall von scheinbar. Wenn jemand sagt:

Er ist scheinbar zufrieden, denn er hat sich nicht beschwert.
Er ist scheinbar zufrieden, aber frag doch noch einmal nach.

ist klar, was scheinbar ausdrückt: eine starke Vermutung.

Sagt jemand:

Er ist [nur] scheinbar zufrieden. Er wagt es einfach nicht, sich zu beschweren.
Er ist scheinbar zufrieden, aber innerlich kocht er vor Wut.

ist eindeutig gemeint, dass die Zufriedenheit nicht der Wirklichkeit entspricht.

Natürlich kann man Beispiele anführen, die wirklich zweideutig sind. Im Allgemeinen gilt aber, dass erst die Einführung und strenge Handhabung der Unterscheidung zwischen anscheinend und scheinbar zu Interpretationsschwierigkeiten führt.

Aus diesen Gründen bin ich der Meinung, dass man es nicht als falsch bezeichnen sollte, wenn scheinbar gleich wie anscheinend verwendet wird. Selbst die Angabe „umgangssprachlich“, die Duden, DWDS und andere aus begreiflichen Gründen hierfür benutzen, finde ich nicht gerechtfertigt.

Diese Meinung teilen aber nicht alle. Ich würde deshalb aus pragmatischen Gründen Deutsch Unterrichtenden empfehlen, diese Unterscheidung weiterhin zu erklären, und Schülern und Schülerinnen rate ich an, in Aufsätzen und Arbeiten das Wort scheinbar nicht zu verwenden, wenn eine starke Vermutung ausgedrückt werden soll. Damit vermeiden sie Diskussionen und (ungerechtfertigte) Notenabzüge. Alle anderen können je nach Sprachempfinden entweder scheinbar und anscheinend streng auseinanderhalten oder diesem (scheinbaren) Unterschied keine große Beachtung schenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Institut für angewendete Kommunikationsforschung?

Frage

[…] Ich würde ich gerne wissen, warum das Partizip II von „anwenden“ bei fachsprachlichen Wendungen wie „angewandte Psychologie“ immer „angewandt“ lautet. Hätte das „Bochumer Institut für angewandte Kommunikationsforschung“ nicht auch „Bochumer Institut für angewendete Kommunikationsforschung“ heißen können? Abgesehen davon, dass das ziemlich blöd klingen würde, wäre es doch nicht falsch, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach den Angaben in Wörterbüchern und Grammatiken sind bei anwenden im Präteritum und im Perfekt sowohl die abgelauteten Formen (wandte an, angewandt) als auch die regelmäßig gebildeten Formen (wendete an, angewendet) korrekt. So spricht man zum Beispiel von der angewandten/angewendeten Methode, angewandten/angewendeten Arzneimitteln oder der für einen bestimmten Zweck angewandten/angewendeten Technik. Häufiger sind die abgelauteten Formen, insbesondere in formelleren Kontexten.

Es wäre also theoretisch nicht falsch, bestimmte Fachbereiche angewendete Psychologie, angewendete Linguistik oder angewendete Kommunikationsforschung statt angewandte Psychologie, angewandte Linguistik oder angewandte Kommunikationsforschung zu nennen. Das ist aber, wie Sie in Ihrer Frage bereits erwähnen, bei Bezeichnungen dieser Art keineswegs gebräuchlich.

Ist nun das regelmäßige Partizip angewendete hier richtig oder falsch? Im Zweifelsfall gilt: Richtig ist, was üblich ist. Man kann deshalb sagen, dass angewendete Kommunikationsforschung zwar nach den Angaben der Wörterbücher theoretisch möglich, in der Sprachpraxis aber doch nicht richtig ist, ganz einfach, weil es nicht so verwendet (oder verwandt) wird. Richtig ist nur angewandte Kommunikationsforschung (als nachsichtige Korrektorin oder wohlwollender Lehrer geben Sie dennoch höchstens einen halben Punkt Abzug).

Hier zeigt sich wieder einmal, dass man der Sprachrealität mit Regeln und Flexionstabellen nicht immer gerecht werden kann, denn „letztinstanzlich“ gilt diese bereits erwähnte Regel der „angewandten Grammatik“: Richtig ist, was üblich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Jemand, der“ und „jemand, die“

Heute einmal etwas Einfaches zur geschlechtergerechten Sprache:

Frage

Seit gestern Nachmittag beschäftige ich mich mit der Frage, ob das Indefinitpronomen „jemand“ in Kombination mit „er“ oder „sie“ in einen Satz gehört.

[…] Zum Beispiel: „jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist“ oder „jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist“?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

wenn jemand allgemein eine unbestimmte Person bezeichnet, ist es üblich, mit männlichen Pronomen zu verweisen:

Jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist, kann ärgerlich sein.
Kennst du jemanden, der mich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn Sie lieber geschlechtergerechter formulieren, können Sie dieses allgemeine jemand besser vermeiden. Mögliche „Ausweichrouten“ sind je nach Kontext und Formulierungslaune:

Menschen/Leute, die zu oft denken, dass sie lustig sind, können ärgerlich sein.
Kennst du eine Person, die mich mit ihrem Auto wegbringen könnte?
Wer aus deinem Bekanntenkreis könnte mich mit dem eigenen Wagen wegbringen?

Wenn eine männliche Person gemeint ist, formuliert man so:

Er ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christian ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn eine weibliche Person gemeint ist, können ebenfalls männliche Verweiswörter verwendet werden:

Sie ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christine ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Immer üblicher und meiner Meinung nach empfehlenswert ist aber die Verwendung von weiblichen Pronomen:

Sie ist jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist.
Christine ist jemand, die dich mit ihrem Auto wegbringen könnte.

In dieser Weise können Sie je nach Satzzusammenhang einfach und korrekt formulieren, ohne jemand auf die Zehen zu treten.

Bitte beachten Sie, dass Canoonet bald nur noch unter www.canoonet.eu zu erreichen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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