Frage
Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“
Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?
ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.
Antwort
Guten Tag Herr R.,
bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.
Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.
Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.
Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?
Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:
Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?
Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.
Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?
Diese Funktion kann hier auch wollen haben:
Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.
Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.
Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:
Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)
Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:
Soll ich dich morgen bei dir treffen?
Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.
Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?
So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp
Hallo, Herr R.,
nur ein kurzer Kommentar zu Herrn Dr. Bopp.
1. „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“
Scheint mir adhortativer (auffordernd) Sinn zu sein, i.S. von Lass uns morgen …, Treffen wir uns
morgen (doch) bei dir. Wunsch des Sprechers ist vorhanden.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen? I.S. von „sollen wir“ , ergänzen könnte man „oder nicht“?
„Oder lieber übermorgen“? Eher Vorschlagscharakter, ohne Wunsch.
2. „Soll ich dich begleiten“? Und „Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?“
Kommentar: Das ist m.E. kein „fragt um einen Ratschlag“, sonder wie oben: Vorschlag.
Englisch ziemlich exakt ausgedrückt durch „Shall I/Shall we …“
3. „Willst du Kaffee oder Tee?“, höflicher „Möchtest du Kaffee oder Tee?“ Ist etwas anderes, da
syntaktisch die Ergänzung keine Infinitivkonstruktion ist, sondern ein direktes Objekt
(Akkusativobjekt).
4. Im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich.
„Möchten wir uns morgen bei dir treffen?“
Mein Kommentar: Nein, geht nicht, ist unsprachlich im Deutschen.
5. „Wollen“ und „möchten“ sind austauschbar, syntaktisch, bei folgenden Konstruktionen:
Willst du/Möchtest du + Akk.objekt, nominales Objekt (Nomen).
Willst du/Möchtest du, dass … also mit Objektsatz.
Aber mit Unterscheidung „wollen“ = klarer Wunsch, „möchten“ = höflich.
Freundlicher Gruß von Corali
Es ist bei Modalverben oft eine Frage der Betonung, der Situation und der Einstellung, wie sie genau verstanden werden können oder müssen. Eine genaue, eindeutige Beschreibung ist oft schwierig.
1. Wollen wir uns treffen? = Möchtest/Willst du/Bist du damit einverstanden, dass wir uns morgen treffen. Wunsch der sprechenden Person ist vorhanden. Die Entscheidung liegt bei der angesprochenen Person.
2. Soll ich dich begleiten = Ich schlage vor, dass ich dich begleite, wenn du das möchtest. Die Entscheidung liegt bei dir. Es geht tatsächlich vor allem um eine Entscheidung. (Ratschlag eher bei z.B. Soll ich das Fahrrad abschließen?)
3. Ersatz wollen/möchten ist auch mit Infinitivsätzen möglich: Willst/Möchtest du einen Kaffee trinken oder lieber einen Tee? Wollt/Möchtet ihr mitkommen?; siehe auch 5.
4. Hängt vom Kontext ab. Wenn es – wie im Artikel oben gesagt – eher rhetorisch gemeint ist (Wollen wir das wirklich?), ist die Formulierung nicht ausgeschlossen. [Sie hat behauptet, dass wir das möchten, aber:] Möchten wir uns [wirklich] bei dir treffen? Das ist eine eher seltene oder seltsame Formulierung. Deshalb steht oben auch, dass es sehr wahrscheinlich nicht so gemeint ist.
5. Nein, auch mit Infinitivkontruktionen sind wollen und möchten mit der gleichen Bedeutungsnuance austauschbar; siehe 3. Weitere Beispiele: - Wollen/Möchten Sie uns begleiten? - Wollt/Möchtet ihr draußen spielen? - Wann willst/möchtest du aufbrechen?