Wer war zuerst, die Azubine oder die Azubiene?

Frage

Laut Duden kommen „Azubine“ und „Azubiene“ von „Biene“ (das ist für beide Schreibweisen angegeben, was freilich einer Unachtsamkeit geschuldet sein kann), laut dem Neologismenwörterbuch (OWID) ist „Azubine“ in der Variante „Azubiene“ hingegen umgedeutet.

Tatsächlich kommt „Azubine“ (mit „-ine“ wie in „Blondine“) ja häufiger vor, andererseits habe ich mit Google Books die älteste Belegstelle für „Azubiene“ gefunden (1978): „Wer will, mag daraus ja auch ,die Azubiene’ machen. Sie merken, an solchen Stellen wird der Wert von Abkürzungen wieder fraglich.“

Was meinen Sie dazu? […]

Antwort

Guten Tag Herr P.,

das eine schließt das andere nicht aus. Bei der Bildung von Azubi(e)ne können sowohl die Zusammenziehung von Azubi und Biene als auch die Ableitung mit -ine eine Rolle gespielt haben. Azubi(e)ne klingt wie Biene, gleichzeitig aber auch wie eine weibliche Ableitung mit -ine (Karoline, Pauline, Blondine, Cousine usw.). Diese beiden Interpretationen können einander verstärken, ganz gleich welche Ableitungsart als erste erfolgt. Dass beide Schreibweisen vorkommen, zeigt, dass beides eine Rolle spielt.

Es ist kaum möglich, festzustellen, welche Ableitungsart diesem umgangssprachlichen Wort zugrunde liegt oder ob beide gleichzeitig wirkten. Ich finde, dass die Angabe in Duden viel zu wenig berücksichtigt, dass auch das Suffix -ine eine wichtige Rolle spielt.

Es ist gar nicht notwendig, eine weibliche Form zur Abkürzung Azubi zu bilden, weil Azubi ja wie der/die Auszubildende sowohl männlich als auch weiblich sein kann: der Azubi, die Azubi. Wenn man dennoch eine weibliche Form bilden will, liegt vor allem die Ableitung mit -in nahe: die Azubin/die Azubinnen. Diese Formen kommen auch vor, haben sich aber kaum durchgesetzt. Scherzhaft kann man auch in Anlehnung an Fremdwörter zum Beispiel Azubesse, Azubette, Azubeuse und eben Azubine bilden. Dass von diesen (möglichen) scherzhaften Bildungen Azubine „gewonnen“ hat, liegt vielleicht am i, das erhalten bleibt, und an der klanglichen Übereinstimmung mit einer Kontraktion mit Biene.

Wie dem auch sei, wer Azubi(e)ne überhaupt verwenden will, sollte sicher sein, dass es scherzhaft gemeint ist und vor allem auch so verstanden wird. Es entsteht sonst schnell der Eindruck, dass man weibliche Auszubildende weniger ernst nimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Gedanken zu „Wer war zuerst, die Azubine oder die Azubiene?“

  1. Azubiene hat eine eindeutig sexistische Note, weshalb diese Schreibweise vermieden werden muss. Ich möchte das in aller Deutlichkeit betonen, da nicht jeder „Scherz“ bei Sender und Empfängerin gleichermaßen ankommt. Oder: Was „Mann“ scherzhaft meint, muss Frau nicht lustig finden. Zum Glück kann dieser Ausdruck nur in der Schriftsprache auftauchen. Dort ist er nachweisbar.

  2. Die Gefahr, sexistisch zu wirken oder sich schlichtweg sexistisch zu äußern, läuft man auch bei Azubine, nicht nur wegen der klanglichen Assoziation zu Biene, sondern auch deshalb, weil ein fremdsprachliches weibliches Suffix an einer deutschen Personenbezeichnung eigentlich nur scherzhaft, ironisch oder negativ gemeint sein kann (vgl. zum Beispiel Schauspielerette). Für neutrale Ableitungen gibt es -in/-innen. Deshalb steht oben am Schluss des Artikels:

    Wie dem auch sei, wer Azubi(e)ne überhaupt verwenden will, sollte sicher sein, dass es scherzhaft gemeint ist und vor allem auch so verstanden wird.

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