Ich dachte, Luchse seien/wären/sind kleiner

Frage

Wir diskutieren gerade die Frage, wie es heißt: „Ich dachte, Luchse seien/wären/sind  kleiner.“ Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

zuerst muss gesagt werden, dass es im Deutschen bei der Tempus- und Moduswahl nur wenige feste Regeln gibt. Vieles kommt vor und vieles ist möglich. Eine einfache und eindeutige Antwort  kann ich Ihnen auch hier nicht geben.

Richtig ist hier sicher der Konjunktiv I, der zur indirekten Rede gehört:

Ich dachte, Luchse seien kleiner.

Der Indikativ kommt auch vor. In einem uneingeleiteten Nebensatz gilt er hier aber als umgangssprachlich:

Ich dachte, Luchse sind kleiner.

So formuliert mal also besser nicht (siehe aber unten beim dass-Satz).

Auch der Konjunktiv II kommt hier vor, er ist aber sozusagen überflüssig. Man wählt in der Standardsprache den Konjunktiv II dann, wenn der Konjunktiv I sich nicht vom Indikativ unterscheidet. Das ist hier nicht der Fall (seien bzw. sind). 

Ich dachte, Luchse wären kleiner.

Auch so formuliert man besser nicht, denn es ist zumindest stilistisch weniger gut.

Anders sieht es aus, wenn man statt des uneingeleiteten Nebensatzes einen dass-Satz verwendet. Dann ist der Indikativ auch möglich:

Ich dachte, dass Luchse kleiner seien.
Ich dachte, dass Luchse kleiner sind.

Und wenn es um Luchse geht, die es zum Sprechzeitpunkt nicht mehr „aktuell“ sind:

Ich dachte, dass Luchse früher kleiner waren.

Noch einmal anders sieht es aus, wenn man ich denke statt ich dachte verwendet. Dann ist der Indirektheitskonjunktiv nicht mehr möglich. Mehr dazu lesen Sie in diesem Artikel.

Sie dachten vielleicht, es gebe eine eindeutige Antwort / dass es eine eindeutige Antwort gebe / dass es eine eindeutige Antwort gibt. Es gibt sie aber – je nachdem, ob man strenge Regeln oder mehr sprachliche Freiheit vorzieht – leider oder zum Glück nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Konjunktiv oder Indikativ: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge/untergeht …

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des Konjunktivgebrauchs in folgendem Satz (angeblich ein Zitat Luthers):

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterGINGE, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Das kam mir sprachlich nicht richtig vor. Ich hätte hier eher den Indikativ „untergeht“ im Nebensatz benutzt. Also begann ich im Netz zu recherchieren, wo man aber leider nur ein großes Durcheinander vorfindet, auch auf Seiten, die sich mit Sprache befassen. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie finden keine eindeutige Erklärung, weil es im Deutschen beim Konjunktivgebrauch fast keine festen Regeln gibt. Vieles ist möglich und wenig ist wirklich falsch.

In diesem konkreten Beispiel würde auch ich spontan den Indikativ wählen:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Es geht um einen sogenannten irrealen Bedingungssatz. In einer solchen Konstruktion steht normalerweise in Haupt- und Nebensatz der Konjunktiv II:

Wenn ich das wüsste, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Die Frage ist nun, ob der von wüsste abhängige Nebensatz auch im Konjunktiv II stehen muss. Das ist nicht der Fall. Häufig steht „einfach“ der Modus, der auch bei einem realen Satz steht:

Wenn ich wüsste, was du willst, könnte ich dir helfen.
vgl. Wenn ich weiß, was du willst, kann ich dir helfen.

Wenn ich sicher wäre, dass er recht hat, ginge ich …
vgl. Wenn ich sicher bin, dass er recht hat, gehe ich …

Wenn ich wüsste, dass es nicht regnen wird, wäre ich beruhigter.
vgl. Wenn ich weiß, dass es nicht regnen wird, bin ich beruhigter.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich … pflanzen
vgl. Wenn ich weiß, dass morgen die Welt untergeht, pflanze ich …

Der Indikativ ist auch im letzten Satz in Ordnung, obwohl ich nicht wissen kann, ob die Welt morgen untergeht, und obwohl ich wahrscheinlich davon ausgehe, dass sie nicht untergehen wird. In diesem Fall kann formal nicht zwischen Realität und Irrealität im Nebensatz unterschieden werden (Irrealität wird im Deutschen bei Weitem nicht immer mit dem Konjunktiv II ausgedrückt). Dass auch der dass-Satz irreal zu verstehen ist, ergibt sich aus dem Kontext und/oder dem Gesamtsinn.

Manchen genügt das offenbar aber nicht immer. Sie drücken die Irrealität auch im Nebensatz durch den Konjunktiv II aus:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich …
Vgl. Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich …

Der Konjunktiv II unterginge ist hier nicht notwendig, aber verständlich und kommt zum Beispiel bei diesem Zitat sehr häufig vor – von wem immer es auch stammen mag. Ich würde ihn nicht wählen, da es aber in diesem Bereich keine festen Regeln gibt, ist richtig, was üblich ist. Und üblich ist beides, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Dies würde zum selben Ergebnis […] führen, wenn man davon ausginge, dass für die Berichtigung der Umsatzsteuer und der Vorsteuer die gleichen Grundsätze gelten.

Wenn Sie wüssten, dass diese Schachtel den kostbarsten Diamanten der Welt enthält, wäre es plötzlich eine ganz besondere Schachtel.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, dass Sie nur mehr ein Jahr zu leben hätten?

Wenn wir davon ausgingen, dass es wirklich nur einen einzigen Soulmate gäbe, stünden die Chancen, diese Person zu finden, in der Tat ziemlich schlecht.

Diese Sätze wären auch mit dem Konjunktiv bzw. dem Indikativ richtig:

Dies würde zum selben Ergebnis […] führen, wenn man davon ausginge, dass für die Berichtigung der Umsatzsteuer und der Vorsteuer die gleichen Grundsätze gelten würden.

Wenn Sie wüssten, dass diese Schachtel den kostbarsten Diamanten der Welt enthielte, wäre es plötzlich eine ganz besondere Schachtel.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, dass Sie nur mehr ein Jahr zu leben haben?

Wenn wir davon ausgingen, dass es wirklich nur einen einzigen Soulmate gibt, stünden die Chancen, diese Person zu finden, in der Tat ziemlich schlecht.

Wenn ich davon ausgehen könnte, dass es im Deutschen eindeutige Regeln für den Konjunktivgebrauch gibt/gäbe, hätte ich beim Beantworten solcher Fragen weniger zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es ist nicht so, dass hier der Konjunktiv stehen müsste oder muss

Frage

Welche der beiden Varianten ist die richtige bzw. die bessere?

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hätte zu helfen – er weiß einfach nur nicht, wie.

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hat zu helfen – er weiß einfach nur nicht, wie.

Danke für Ihre Hilfe.

Antwort

Guten Tag Herr N.,

beide Varianten sind hier möglich, richtig und auch üblich. Der Konjunktiv II dient, grob gesagt, dazu, „Irrealität“ auszudrücken:

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hätte zu helfen.

Die Irrealität des Gesagten wird hier aber auch ohne den Konjunktiv bereits explizit durch die einleitenden Aussage, dass es nicht so ist, angegeben:

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hat zu helfen.

Ebenso zum Beispiel:

Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, wer dafür verantwortlich ist. Ich will es nur nicht sagen.
Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, wer dafür verantwortlich ist. Ich will es nur nicht sagen.

Es ist nicht so, dass sie Bedenken hätten, aber …
Es ist nicht so, dass sie Bedenken haben, aber …

Es ist nicht so, dass wir uns davor fürchteten / fürchten würden.
Es ist nicht so, dass wir uns davor fürchten.

Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt worden wäre.
Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt worden ist.

Für „Feinschmecker“ gibt es Bedeutungsnuancen, die sich nur schwierig in Worte fassen lassen. So wird als Entgegnung auf eine Aussage (es ist nicht so ≈ es stimmt nicht) der Indikativ bevorzugt:

– Man kann nicht einmal das Fahrrad mitnehmen.
– Es ist nicht so, dass man das Fahrrad nicht mitnehmen kann.

Im Allgemeinen können aber beide Varianten gegeneinander ausgetauscht werden, auch wenn der Indikativ häufiger vorkommt. Der Konjunktiv klingt vielleicht etwas gehobener oder sprachgewandter als der alltäglichere Indikativ – aber es ist nicht so, dass man ihn nach es ist nicht so unbedingt wählen müsste oder wählen muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp