Solch, solches, ein solch, ein solches, solch ein garstiges Wetter!

Das Wörtchen solch… lässt sich nicht mit einem Satz erklären. Es hat die Eigenschaften eines Pronomens, eines Artikelwortes und eines Adjektivs und kann im Satz ganz unterschiedlich verwendet werden. Ich muss Sie deshalb dafür um Nachsicht bitten, dass dieser Beitrag zu Herrn L.s einfacher und kurzer Frage recht lang ausgefallen ist und trotzdem bei Weitem nicht alle Facetten behandelt. Er soll vor allem aufzeigen, wie vielfältig die Formulierungsmöglichkeiten mit solch sind.

Frage

Heißt es „solch“ oder „solche“ oder ist hier beides möglich?

Eine Blume am Armaturenbrett: Solch(e) liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

die meisten Muttersprachigen werden wie Sie vermuten oder einfach wissen, dass hier beide Formulierungen möglich sind:

Solche liebevolle(n) Details finden sich nur in Oldtimern.
Solch liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Es gibt dabei allerdings einen kleinen Unterschied: Die gebeugte Form solche bezieht sich auf Details oder eigentlich auf die ganze Nomengruppe liebevolle Details. Seine Bedeutung ist so beschaffen, so geartet:

solche liebevollen Details = so beschaffene liebevolle Details
bei solchem garstigen Wetter = bei garstigem Wetter dieser Art

Die endungslose Form solch bestimmt adverbial das Adjektiv liebevoll näher. Es hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie so:

solch liebevolle Details = so liebevolle Details
bei solch garstigem Wetter = bei so garstigem Wetter

Das Wörtchen solch hat noch mehr auf Lager: Im Singular kann man es auch mit dem unbestimmten Artikel ein kombinieren, und zwar auf mehr als eine Art:

ein solches liebevolles Detail
ein solch liebevolles Detail
solch ein liebevolles Detail

bei einem solchen garstigen Wetter
bei einem solch garstigen Wetter
bei solch einem garstigen Wetter

So viele verschiedene Möglichkeiten! Zur Problematik der Beugung des Adjektivs nach solch und solche schweige ich deshalb hier. Für eine solche komplexe, eine solch komplexe oder solch eine komplexe Frage verweise ich Sie auf diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf oder unter www.canoonet.eu?

Frage

Was ist korrekt: „Interessierte finden auf ODER unter www.canoonet.eu weiterführende Informationen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

beide Formulierungen kommen häufig vor und beide sind richtig. Aber warum? Schließlich ist auf dem Tisch auch nicht dasselbe wie unter dem Tisch.

Zuerst sollte man hier auf und unter nicht allzu wörtlich nehmen. Weiter kann man eine Angabe wie www.canoonet.eu oder http://www.canoonet.eu als eine Internetadresse, aber auch als eine Website ansehen und entsprechend behandeln:

Interessierte finden auf der Website www.canoonet.eu weiterführende Informationen.
Interessierte finden unter der Adresse www.canoonet.eu weiterführende Informationen.

Oder ein bisschen kürzer:

Interessierte finden auf www.canoonet.eu weiterführende Informationen.
Interessierte finden unter www.canoonet.eu weiterführende Informationen.

Die unterschiedlichen Präpositionen können also auf unterschiedliche Betrachtungsweisen zurückgeführt werden. Diese Information lässt sich übrigens nicht so auf oder unter www.canoonet.eu finden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wort Gottes und der Sohn Gottes im Genitiv

Frage

Ich war im Gottesdienst, um dem Wort Gottes zu lauschen. Aber lieferte der Herr Pastor eine Auslegung des Wort Gottes oder des Wortes Gottes? Ich finde, Wort Gottes ist ein geschlossener Begriff und nur das zweite Nomen muss gebeugt werden. Mein Sohn hält dagegen, die Auslegung bezöge sich auf das Wort, das daher zu beugen sei.

Und wie lautete der korrekte Genitiv von „der Sohn Gottes“: „des Sohn Gottes“ oder „des Sohnes Gottes“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

üblicher und grammatisch richtig ist die Genitivform des Wortes Gottes. In einer Wortgruppe beugt man den Kern der Gruppe. Der Kern ist hier Wort, wie unter anderem der Artikel das anzeigt, der im Genitiv zu des wird: das Wort – des Wortes.

Neben dem Artikel das und dem Kern Wort enthält die Wortgruppe noch das Genitivattribut Gottes. Das Genitivattribut ist direkt vom Wortgruppenkern Wort abhängig und in allen Stellungen gleich. Man beugt also wie folgt:

das Wort Gottes
dem Wort[e] Gottes
des Wortes Gottes

Auch bei der Sohn Gottes ist Sohn der Kern der Wortgruppe, der gebeugt wird. Es heißt also im Genitiv des Sohnes Gottes:

der/den Sohn Gottes
dem Sohn[e] Gottes
des Sohnes Gottes

Man könnte Wort Gottes als Ganzes als einen Titel sehen, der unveränderlich ist. Der Genitiv wäre dann des Wort Gottes. Es ist im Deutschen aber üblich, auch innerhalb eines Titels o. Ä. zu beugen. Es ist deshab vorzuziehen, die Gentivform des Wortes Gottes zu verwenden, das heißt, wie in des Sohnes Gottes oder zum Beispiel des Zorns Gottes und des Willens Gottes den Kern der Wortgruppe zu beugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Gastlichkeit, gute Küche, bekannte Weine und das Verb

Frage

Auf einer deutschen Seite zu Rechtschreibung und Grammatik wurde folgender Satz angeführt:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen laden nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Der Fragesteller wollte wissen, ob es hier korrekterweise nicht „lädt“ heißen müsste. Sind Sie auch der Meinung, dass im obigen Satz das Verb im Singular stehen sollte?

Antwort

Guten Tag H.,

rein dem Sinn nach ist die Wahl des Plurals hier gut verständlich. Schließlich kann man sich während der Wanderung auf drei Dinge freuen: Gastlichkeit, eine gute Küche und bekannte Weine. Grammatisch ist es aber trotzdem nicht korrekt, hier die Mehrzahl für das Verb zu wählen.

Das Subjekt des Satzes ist der Singular die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit. Diese Nomengruppe steht im Singular und hat eine Wortgruppe bei sich, die mit der Präposition mit eingeleitet wird. Es handelt sich also nicht um ein mehrteiliges Subjekt, sondern um ein einteiliges Subjekt in der Einzahl, das eine Präpositionalgruppe als nähere Bestimmung bei sich hat. Diese Präpositionalgruppe hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Das Verb des Satzes steht deshalb im Singular:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen lädt nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Bei einem kürzeren und einfacheren Satz sieht man vielleicht ein bisschen besser, worum es geht:

Frau Rothenberger und Begleiter kamen zuletzt an.
aber:
Frau Rothenberger mit Begleiter kam zuletzt an. (nicht: *kamen)

Der Wirt mit seinen Freunden ging zum Saal zurück. (nicht: *gingen)
Der Kuchen mit Schlagsahne und einem Gläschen Likör schmeckte ausgezeichnet. (nicht: *schmeckten)

Grammatisch gesehen ist also A und B nicht dasselbe wie A mit B, obwohl dies bedeutungsmäßig oft der Fall ist. Bei solchen Konstruktionen laufen Bedeutung und Grammatik sozusagen nicht immer parallel. In dem hier behandelten Fall „gewinnt“ dann die Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Idee des Individuums als Fall[s]?

Neben dem Komma und den Inseln gibt auch der Fall nach als immer wieder Anlass zu Fragen. Heute geht es um die als-Gruppe bei einem Genitiv. 

Frage

Wir schlagen uns mit einem Satz herum, bei dem unser Sprachgefühl dem widerspricht, was wir für grammatikalisch korrekt halten. Der Satz lautet:

Die Idee des Individuums als Falls und somit als Protagonisten einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Wir hadern gefühlsmäßig mit den Genitivformen „Falls“ und „Protagonisten“, finden aber keinen Beleg dafür, dass diese im Nominativ stehen dürfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Gefüllte Kirschtomaten wurden als kleiner Gruß aus der Küche serviert.
Als erfahrenen Programmier hätte dich das nicht erstaunen müssen.
Die Wissenschaft wurde mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium konfrontiert.
Die Herrscher bedienten sich der Religion als eines Mittels der Unterdrückung.

ABER: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Eine davon betrifft Fälle, in denen das Bezugswort wie in Ihrem Beispiel ein Wort im Genitiv oder im Speziellen ein Genitivattribut ist. In solchen Fällen steht die als-Gruppe nur dann im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Ohne Artikelwort steht sie meist bzw. immer im Nominativ. Ihr Gefühl täuscht Sie also nicht. In Ihrem Beispiel steht die als-Gruppe ohne Artikelwort und ohne gebeugtes Adjektiv. Sie sollte deshalb im Nominativ stehen:

Die Idee des Individuums als Fall und somit als Protagonist einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Ebenso zum Beispiel:

Die Herrscher bedienten sich der Religion als Mittel der Unterdrückung.
die Rolle des Staates als Handelspartner
die Förderung des Kindes als Individuum und als Teil der Gruppe

Mehr dazu finden Sie hier und hier, denn das Ganze ist leider noch ein bisschen komplexer. Die Häufigkeit der als-Gruppe als Problemfall wird Sie nach dem Lesen dieser Abschnitte kaum mehr erstaunen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Allerlei zu entgegen

Frage

Im Lied „Über den Wolken“ von Reinhard Mey steht der Satz:

Wie ein Schleier staubt der Regen, / bis sie abhebt und sie schwebt / der Sonne entgegen.

Ich wurde nun gefragt in welchem Fall „der Sonne entgegen“ steht. Meiner Meinung nach ist es der Dativ und „entgegen“ ist ein Adverb. Ist das richtig oder ist es der Genitiv?

Antwort

Guten Tag K.,

Sie haben recht: In sie schwebt der Sonne entgegen ist der Sonne ein Dativ. Bei entgegen steht immer der Dativ.

Als Präposition (Bedeutung: im Gegensatz zu, im Widerspruch zu) verlangt entgegen den Dativ:

Entgegen allen Erwartungen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren entgegen eurem Rat heute noch weg.

Auch nachgestellt:

Allen Erwartungen entgegen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren eurem Rat entgegen heute noch weg.

Auch wenn es adverbiell verwendet wird (Bedeutung: in Richtung auf etwas zu), steht bei entgegen der Dativ:

Dem Wind entgegen!
Neuen Abenteuern entgegen!

In Verbindung mit einem einfachen Verb gilt dieses entgegen als Verbzusatz, das heißt, es wird ggf. mit dem Verb zusammengeschrieben:

der Sonne entgegenschweben
dem Himmel entgegenfliegen
Ich will euch gerne entgegenkommen.
das wichtige Fußballspiel, dem du seit Tagen entgegenfieberst

Mehr zu entgegen finden Sie zum Beispiel hier und hier. Und zu guter Letzt sei noch dies erwähnt: Im Standarddeutschen steht entgegen nicht mit dem Genitiv. Es heißt also nicht:

*entgegen des Uhrzeigersinns
*entgegen ihres Willens

sondern:

entgegen dem Uhrzeigersinn
entgegen ihrem Willen
oder
dem Uhrzeigersinn entgegen
ihrem Willen entgegen

Ich konnte es einfach nicht lassen, hier kurz den Auffassungen gewisser übereifriger Genitivanhänger und –anhängerinnen entgegenzutreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum in und nicht auf Polynesien?

Immer wieder gibt es Fragen dazu, welche Präpositionen bei Inseln zu verwenden sind (siehe zum Beispiel hier und hier). Immer wieder erstaunt mich das, denn das deutsche Sprachgebiet ist ja nicht besonders inselreich. Vielleicht erklärt gerade die relative Inselarmut die Popularität dieser Frage. Die Regel, die die meisten irgendwann einmal lernen, ist ganz einfach: bei Namen von Orten, Regionen und Ländern verwendet man in (in Dresden, in Osaka, in Sachsen, im Burgund, in Deutschland, in den Niederlanden), bei Inseln aber auf (auf Sylt, auf Curaçao, auf der Mainau). Dass es aber nicht immer ganz so eindeutig ist, sehen Sie  hier und hier. Und heute ein weiteres Beispiel, weshalb es trotz der Einfachheit der Regel zu Fragen kommen kann.

Bora Bora

Inselfrage

Polynesien scheint unter den Sonderfällen ein Sonderfall zu sein. Man ist „in“ Polynesien, obwohl man „auf“ den Inseln weilt. Man kann auf den Kanaren geboren sein, aber nicht auf Polynesien. Die geopolitischen Ansätze funktionieren hier nicht mehr. (Quantengrammatik ?)

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

um die Verwendung von in bei Polynesien zu erklären, braucht man keine „Quantengrammatik“. Der Name Polynesien bezeichnet anders als zum Beispiel Kanaren, Azoren und Bahamas nicht eine Inselgruppe, sondern eine ganze Region, die aus verschiedenen eigenständigen Inseln und Inselgruppen besteht. Das sieht man auch daran, dass Polynesien zwar viele Inseln umfasst, als Name aber in der Einzahl steht (Polynesien hat/ist…). Man lebt nicht auf einer Region, sonder in einer Region. So lebt man zum Beispiel auf Hawaii, auf Samoa oder auf den Cook-Inseln, die alle in Polynesien liegen. Dasselbe gilt für Melanesien und Mikronesien – und auch für Inselstaaten wie Indonesien und Japan.

Auch bei Japan und Indonesien heißt es nicht auf Japan, sondern in Japan und nicht auf Indonesien, sondern in Indonesien, obwohl es sich, wie ein Blick auf die Karte zeigt, um Inselgruppen handelt. Die Namen Japan und Indonesien werden also als Name eines Landes oder einer Region aufgefasst und entsprechend behandelt.

Als Faustregel kann gelten: Namen von aus Inselgruppen bestehenden Ländern und Regionen werden nur dann mit auf verwendet, wenn der Name ein Plural ist:

auf den Kanaren, auf den Azoren, auf den Philippinen
in Polynesien, in Indonesien, in Japan

Es ist nicht die brisanteste aller deutschen Grammatikfragen, sie zeigt aber gut, dass es auch bei so etwas Übersichtlichem wie Inselgruppen mehr als eine Betrachtungsweise und entsprechend mehr als eine sprachliche Ausdrucksweise geben kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn es unmöglich wird, wird es unmöglich sein

Frage

Trotz langen Suchens habe ich keine eindeutige Erklärung für folgendes Problem finden können. Ist bei dem Ausdruck „es wird (un)möglich (sein)“ die Verwendung von „sein“ erforderlich? Beispiel:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …
Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

beide Formulierungen sind richtig, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Wir haben es hier mit dem Futur des Verbs sein zu tun, das heißt, werden ist hier das Hilfsverb des Futurs. Ein zukünftiger Zustand wird beschrieben.

Ohne sein sieht der Satz so aus:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …

Hier haben wir es mit dem Präsens des Verbs werden zu tun, das für die Angabe einer Zustandsveränderung verwendet wird. In diesem Satz wird somit nicht wie im ersten Satz ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Zustandsveränderung beschrieben.

Rein formal sind also beide Formulierungen möglich. Wie sieht es nun mit der Bedeutung aus? Eine Zustandsveränderung hat einen zukünftigen anderen Zustand zur Folge. Der Vorgang des Unmöglichwerdens resultiert in zukünftigem Unmöglichsein. Da also – in Normalsprache ausgedrückt – etwas, das unmöglich wird, danach unmöglich ist, können in gewissen Situationen beide Formulierungen zutreffend sein.

Bei zu später Bestellung wird es unmöglich, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.
Bei zu später Bestellung wird es unmöglich sein, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.

Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund.
Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund sein.

Das gilt aber nur dann, wenn es keine Rolle spielt, ob ein gegenwärtiger Vorgang oder ein zukünftiger Zustand gemeint ist.

Weil diese Erklärung langsam zu lang wird, höre ich jetzt auf und hoffe, dass sie trotz ihrer Länge einigermaßen verständlich für Sie sein wird (oder einfach ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp